Weltsilvester und Neujahrsgedanken
GA 195
31 Dezember 1919, Stuttgart
Vierter Vortrag
[ 1 ] An diesem Abende geziemt es uns immer, zu gedenken, wie im Leben und im Weltendasein sich verketten Vergangenheit und Zukunft, wie sich verketten Vergangenheit mit Zukunft im ganzen kosmischen Leben, in das der Mensch einverwoben ist, wie sich verketten Vergangenheit und Zukunft in jedem Stück des Lebens, in das zunächst unser eigenes individuelles Dasein eingesponnen ist, durch alles das, was es hat tun dürfen, denken dürfen in dem verflossenen Jahreslauf, und was es sich vornehmen darf für den kommenden Jahreslauf. Im Sinne unserer anthroposophischen Geisteswissenschaft sollen sich diejenigen Gedanken, durch die wir uns gewissermaßen bedürfnismäßig vor die Seele führen, wie wir es getrieben haben im vergangenen Jahreslauf und wie wir es zu treiben gedenken im kommenden, mit dem entsprechenden Ernst, mit der entsprechenden Würde dadurch’ durchdringen, daß wir sie mit einem höheren Lichte beleuchten durch das, was wir gerade geisteswissenschaftlich in uns aufnehmen können durch die Betrachtung der großen kosmischen Ereignisse. Wie stellt sich denn eigentlich dieses unser Menschenleben im Verhältnis zu Vergangenheit und Zukunft hin? Es ist wie ein Spiegel. Ja, dieser Vergleich mit einem Spiegel entspricht viel mehr der Wirklichkeit, als man sich zunächst vorstellen möchte. Wir stehen in der Tat gerade dann, wenn wir ein wenig Selbsterkenntnis anstreben, wie vor einem Spiegel. Vor dem Spiegel, wo wir uns selbst befinden und in ihn hineinschauen, da liegt dasjenige der Vergangenheit, wovon wir wissen: das spiegelt sich in dem Spiegel. Und hinter dem Spiegel liegt dasjenige, in das zunächst nicht hineingeschaut werden kann; in das so wenig hineingeschaut werden kann, als man räumlich sehen kann, was hinter einem Spiegel liegt. Die Frage muß man sich da vielleicht besonders aufwerfen: Was ist eigentlich in diesem unserem Weltenspiegel der Spiegelbelag, durch den das Durchsichtige eben zum Spiegel wird? Beim räumlichen Spiegel ist das Glas hinten belegt, so daß unser Blick nicht durch dieses Glas dringt. Mit was ist denn jener Weltenspiegel belegt, der uns spiegelnd das Vergangene zeigt, der uns zunächst das Zukünftige hinter sich verbirgt? Der ist, meine lieben Freunde, mit unserem eigenen Wesen belegt, mit unserem menschlichen Wesen belegt.
[ 2 ] Wir brauchen ja nur dessen zu gedenken, daß es uns in der Tat nicht gelingt, vor der gewöhnlichen Erkenntnis uns anschaulich zu machen, was wir selber sind. Wir durchschauen uns nicht; wir durchschauen uns so wenig, wie wir einen Spiegel durchschauen. Vieles strahlt uns zurück, wenn wir in uns selbst hineinschauen. Dasjenige, was wir erlebt haben, was wir gelernt haben, das strahlt zurück; aber unser eigenes Wesen, es verbirgt sich, weil wir in unserem Selbst zunächst so wenig uns durchschauen können, wie wir den Spiegel im Raum durchschauen können. Im Großen betrachtet, und ich möchte sagen, im Abstrakten betrachtet, können wir diesen Spiegel-Vergleich so ansehen, wie ich ihn Ihnen jetzt dargestellt habe; aber im Einzelnen modifiziert er sich etwas. Blicken wir einmal zunächst in unser Leben und versuchen wir durch das Spiegeln — denn das Zurückblicken in unser Leben ist ja im Hinblick auf das, was gespiegelt wird durch unser Seelen-Inneres, ein Spiegel — zurückzublicken in unser Leben, so müssen wir uns gestehen: es ist ja doch nur ein Teil dessen, was wir erlebt haben, was uns da erscheint, was sich da spiegelt. Wenn Sie versuchen zurückzuschauen auf Ihre Erlebnisse, so sind ja diese Erlebnisse fortwährend unterbrochen. Sie blicken zurück auf das, was Ihnen der heutige Tag gebracht hat, aber Sie blikken nicht zurück auf das, was Ihnen die vorige Nacht gebracht hat. Die Erlebnisse der Nacht sind eine Unterbrechung. Und wiederum blicken Sie zurück auf den gestrigen Tag und wiederum blicken Sie nicht zurück auf die vorgestrige Nacht und so weiter. Fortwährend schalten sich ein die von den Gedanken an die Erlebnisse unausgefüllten nächtlichen Zeitspannen. Es ist eine Täuschung, wenn wir zurückblicken und glauben, wir überschauen unser ganzes Leben: wir stückeln gewissermaßen nur das aneinander, was die Tage enthalten; aber in Wirklichkeit müßten wir unsere Lebensfahrt mit fortwährenden Unterbrechungen uns vor die Seele führen.
[ 3 ] Wir können uns nun fragen: Sind diese Unterbrechungen in unserem Lebensverlauf notwendig? Ja, sie sind notwendig. Wenn wir diese Unterbrechungen nicht hätten in unserem Lebenslauf, besser gesagt, in der Rückschau auf unseren Lebenslauf, dann würden wir als Menschen unser Ich gar nicht gewahr werden. Wir würden unseren Lebenslauf wie von der bloßen Außenwelt erfüllt sehen und es würde sich in unserem Lebenslaufe das Ich-Bewußtsein gar nicht einstellen. Daß wir unser Ich empfinden, fühlen, das rührt davon her, daß dieser Lebenslauf stückweise immer unterbrochen ist. Gerade mit Bezug auf diese durch die Unterbrechungen des Lebenslaufes herbeigeführte Ich-Wahrnehmung steht die Menschheit der Gegenwart in einer kritischen Zeit. Wenn der Mensch der Gegenwart zurückblickt und durch den Rückblick sein Ich auf die eben angeführte Weise hat, dann ist dieses Ich des Menschen der Gegenwart in einer gewissen Beziehung leer; wir wissen nur von unserem Ich. Die Menschen früherer Epochen der Erdenentwickelung wußten mehr. Wie im gewöhnlichen Tageslauf herausschimmern für den einzelnen Menschen die Träume aus seinem nächtlichen Erleben, so kamen herüber aus dem Ich die hellseherisch-atavistischen Wahrnehmungen, die die Menschen in früheren Epochen hatten. Es waren diese hellseherisch-atavistischen Wahrnehmungen nur der Form nach Träume; was sie in sich enthielten, waren Wirklichkeiten. Man kann sagen: Das Ich ist entleert worden für den Menschen der Gegenwart seines hellseherisch-atavistischen Inhaltes, der die Menschen abgelaufener Epochen getragen hat, der sie durchdrungen hat mit der Überzeugung, daß sie ein Gemeinsames haben mit einem Göttlichen, daß sie zusammenhängen mit einem Göttlichen. Aus den atavistisch-hellseherischen Schauungen ist dem Menschen dasjenige aufgegangen, was sich für das Gefühlsleben als religiöse Empfindung und als religiöse Verehrung gegenüber denen verdichtet hat, denen der religiöse Kultus, der religiöse Opferdienst gewidmet wurde.
[ 4 ] Wie steht die Sache heute? Heute ist das Ich entleert von diesen atavistisch-hellseherischen Schauungen, und wenn wir zurückblikken auf das Ich, ist es gewissermaßen mehr oder weniger nur ein Punkt in unserem Seelenleben. Es ist für jeden der Inhalt dieses Ichs ein fester Stützpunkt, aber eben nur ein Punkt. Zugleich aber leben wir in der Zeit, in der der Punkt wiederum zum Kreise werden soll, in der das Ich wiederum Inhalt bekommen soll. Damit das Ich wiederum Inhalt bekomme, ragt seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts die Geisteswelt so mächtig in unsere sinnliche Welt herein; deshalb ist es, daß seit den letzten siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts die geistige Welt in ihren Offenbarungen in einer neuen Art wiederum herein will in unser physisches Dasein. Und was wir auf dem Boden der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft wollen, das ist: alles das willig aufzunehmen und in Formen zu kleiden, die es menschlich mitteilbar machen, was herein will durch spirituelle Offenbarungen aus einer anderen, aber doch diese Welt tragenden Welt. Was ist das, was da herein will? Oh, es ist nichts Geringeres als das, was uns in einer gewissen Beziehung die Menschenzukunft garantiert. Es ist, wir können sagen, zwar nicht unmittelbar ein Blick hinter den Spiegel, aber es ist eine Garantie dafür, daß, wenn wir der Zukunft entgegeneilen als Menschheit, das heißt, den Weg hinter den Spiegel antreten — und das ist ja der Zukunft entgegenleben —, daß dann kraftvoll wird geschehen können, was wir in der Zukunft zu tun haben, wir und alle Menschen zu vollbringen haben, wenn wir die Kräfte erst gestählt haben, erst erstarkt haben durch das, was sich uns aus der geistigen Welt heraus geisteswissenschaftlich offenbart. So wie das Ich sich erfüllt hat für den Menschen der Vergangenheit mit atavistisch-hellseherischem Inhalt, der ihm garantiert hat seinen Zusammenhang mit dem Göttlichen, so soll sich in unserer Zeit erfüllen unser Ich mit einem neuen, vollbewußt aufgenommenen geistigen Inhalt, der uns wiederum das Band abgibt, das unsere Seele mit der göttlichen Seelenwesenheit verbindet. Die Menschen der Vorzeit haben das atavistische Hellsehen gehabt, und was als die letzte Erbschaft des atavistischen Hellsehens geblieben ist, das ist das abstrakte Nachdenken, das abstrakte Wissen der Menschen der Gegenwart. Verdünnt aus dem früheren atavistischen Hellsehen ist dies geblieben. Der Mensch der Gegenwart kann das Gefühl haben, daß diese Verdünnung, diese logisch-dialektische Verdünnung des alten atavistischen hellseherischen Wesens, sein Seelenhaftes nicht mehr zu tragen vermag. Dann wird er die Sehnsucht empfangen, etwas Neues in das Ich hereinzubekommen. Aber mit dem, was das Ende gebildet hat bei der Entwickelung der Menschheit von Urzeiten bis in die Gegenwart herein, mit dem muß jetzt der Anfang gemacht werden.
[ 5 ] In alten Zeiten haben die Menschen hellseherische Offenbarungen gehabt und sie haben sie nicht verstanden; sie haben sie erst später verstehen gelernt. Heute muß der Mensch zuerst verstehen, muß anstrengen seine Intellektualität, muß anstrengen seinen Verstand, und wenn er ihn anstrengt durch das, was in der Geisteswissenschaft vorliegt, dann wird die Menschheit sich hinentwickeln wiederum zum hellseherischen Aufnehmen des Geistigen. Das ist allerdings etwas, was die meisten Menschen heute noch vermeiden möchten: ihren gesunden Menschenverstand anzuwenden, um die Geisteswissenschaft zu verstehen. Würde man es vermeiden wollen, so würde man auch vermeiden wollen, überhaupt die geistigen Offenbarungen in unsere irdische Welt hereinzulassen.
[ 6 ] So verketten sich Vergangenheit und Zukunft an diesem in der Gegenwart liegenden Silvester-, Weltsilvestertag. Es ist schon einmal eine Art Weltsilvester, was heute vorhanden ist. Die Zukunft steht wie eine gewaltige Frage vor uns, aber nicht wie eine unbestimmte, abstrakte Frage, sondern wie eine konkrete Frage. Wie nähern wir uns demjenigen, was als eine Frage an die Menschheit eben als geistige Offenbarung, seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts immer mehr und mehr herein will in unsere irdische Welt? Und wie haben wir das ins Verhältnis zu dem zu stellen, was in der Vergangenheit sich geoffenbart hat? Das müßte lebendig empfunden werden, dann würde man fühlen, welche Bedeutung es doch hat, hinzuneigen mit seinen Sehnsuchten zu dem, was hier als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft gemeint ist. Dann würde man den Ernst und die Würde des geisteswissenschaftlichen Strebens empfinden. Gerade in der Gegenwart wäre es nötig, diese Empfindung zu haben; denn wir appellieren ja eigentlich nicht an irgendeine menschliche Willkür, wir appellieren an dasjenige, was uns als Welterkenntnis aus der Weltentwickelung heraus selber sich offenbaren will, wir appellieren gewissermaßen an das, was die Götter mit den Menschen wollen. Aber da liegt die Tatsache vor, daß, wenn man auf der Seite an den Geist sich wendet, dann werden auf der anderen Seite die Menschen, die das Vergangene allein anbeten möchten, zu dem Geist des Widerspruchs, zu dem Geist des Widerstandes hingezogen. Und je mehr wir versuchen, mit aller Kraft zu ergreifen den Geist des Zukunft-Menschenseins, desto mehr werden gewissermaßen die Vergangenheitsmenschen besessen sein von dem Geist des Widerstandes.
[ 7 ] In der Menschheit ist es heute bemerkbar, wie das religiöse Empfinden versucht, ein neues Leben in sich hereinzubekommen. Es sind tastende Versuche vielfach. Geisteswissenschaftliche Versuche sollen keine tastenden sein; durch sie soll die wirkliche, konkrete Geisteswelt ergriffen werden. Aber, ich möchte sagen, wie eine Ahnung davon, daß es so sein soll, stehen die Menschen vor uns, die da sagen: Die bloß religiöse Tradition genügt uns nicht, wir wollen ein inneres religiöses Erleben haben; wir wollen nicht bloß die Kunde vernehmen davon, daß der Christus nach den Traditionen, Überlieferungen, vor so und soviel Jahren in Palästina gelebt hat und gestorben ist, wir wollen das Christus-Erlebnis in der eigenen Seele erleben. — Auf vielen Gebieten sehen wir solches auftreten bei Menschen, die da glauben, daß ihnen in der innersten Seele etwas aufgegangen ist von dem Christus-Erlebnis. Es sind tastende Versuche, die oftmals sogar bedenklich sind, weil dann die Menschen gleich in ihrer seelischen Selbstsucht zufrieden sind und alle Hinneigung zum Geiste ablehnen. Aber sie sind da, diese Sehnsuchten nach innerem geistigem Erleben, und beachtet werden sollten auch die durchaus tastenden Versuche nach solchem inneren Geist-Erleben, nach einem neuen Interesse an der geistigen Welt. Dann aber regen sich die Geister des Widerspruchs.
[ 8 ] Und nach dem, was davon gedruckt worden ist, was er selbst hat drucken lassen, soll ja neulich hier in Stuttgart ein solcher Vertreter des Vergangenheitsgeistes ganz merkwürdige Worte gesprochen haben über diese Versuche, die auf der einen Seite tastende Versuche sind, ein neues religiöses Interesse, ein neues religiöses Erleben heraufzubekommen, die auf der anderen Seite die Versuche sind, zu wirklich neuen konkreten Erkenntnissen der geistigen Welt zu kommen, wie sie sich durch die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft geltend machen wollen. Ich weiß nicht, wie viele von Ihnen das Hirtenspiel gesehen haben, das jetzt in der Waldorfschule aufgeführt worden ist, wo der eine Hirte, da er eine geistige Erscheinung hat, sagt, er hätte bald die Sprache verloren. Nun, als ich die letzte Seite von Gogartens «Geisteswissenschaft und das Christentum» las, mußte ich sagen, ich hätte auch bald die Sprache verloren; denn man steht tatsächlich staunend davor, daß es möglich ist, daß dergleichen Dinge in der Gegenwart gesprochen werden können. Gerade solche Dinge sollten anregen zur Weltsilvesterbetrachtung, zur Vergleichung des Vergangenen mit dem notwendigen Zukünftigen. Denn was hat der betreffende Religionsmann eigentlich gesagt? Ich weiß nicht, ob es in seinem ganzen Gewicht empfunden worden ist. Er hat gesagt: «Es ist heute — was sage ich heute, es ist immer die wichtigste Aufgabe der Frömmigkeit dies Elementare, von dem ich sprach, zu bewahren. Es fehlt uns heute so gut wie ganz. Wir stecken im religiösen «Interesse» und im religiösen «Erleben». Und weil die Anthroposophie für das « Interesse» ein so guter Stoff und für das «Erleben > ein so gutes Mittel ist, darum ist man ihr gegenüber so gut wie ohne Hilfe und Widerstand. Man weiß eben wenig mehr von jener letzten elementaren Spannung, die von der Frömmigkeit ins Leben getragen wird und die jedes religiöse « Interesse» verjagt und jedes religiöses «Erleben» sprengt, jene Spannung zwischen Gott und Geschöpf. Und weil man von dieser Spannung wenig weiß, darum weiß man gerade so wenig von dem anderen, dem bedingungslosen, unmittelbaren Einssein von Gott und Mensch.» Hier sehen wir im Namen der Religion verpönt jedes religiöse Interesse, gesprengt jedes religiöse Erleben; und eine ganz unbestimmte Spannung, die ja selbstverständlich nicht weiter differenziert werden kann, die er auch nicht weiter differenzieren will, die soll treten an die Stelle des religiösen Interesses, des religiösen Erlebens. Man könnte die Sprache verlieren, wenn ein Religionsmann so spricht, daß er sagt, die wahre Frömmigkeit müsse jedes religiöse Interesse verjagen und jedes religiöse Erleben sprengen! So weit haben wir es gebracht! Und so weit haben wir es gebracht, daß gar nicht empfunden wird, was eigentlich darinnen liegt, wenn von einem offiziellen Religionsvertreter gesagt wird: Weg mit dem religiösen Interesse, weg mit dem religiösen Erleben!
[ 9 ] Sehen Sie, abgesehen davon, daß der Mann nicht weiß, daß er selber niemals überhaupt von einer Religion sprechen könnte, wenn es nicht früher atavistisches religiöses Interesse und religiöses Erleben gegeben hätte; abgesehen davon, daß der Herr als offizieller Religionsvertreter niemals vor Zuhörern stehen würde, wenn nicht auf dem Weg des religiösen Interesses und religiösen Erlebens die Religion eingezogen wäre in die menschliche Entwickelung, abgesehen davon, weist ja dasjenige, was ich Ihnen eben vorgeführt habe, darauf hin, daß heute gerade die Menschen, die sich die rechten Vertreter des Religionswesens zu sein dünken, für die Ausrottung jeglichen religiösen Wesens wirken. Haben denn diese Menschen alle Möglichkeit verloren, das Menschlich-Seelische noch zu verstehen? Können denn diese Menschen gar nicht mehr verstehen, daß alles das, wonach sich der Mensch wendet mit seiner Aufmerksamkeit, geleitet sein muß von seinem Interesse, daß alles das, was überhaupt in das menschliche Bewußtsein hereinkommen soll, getragen sein muß vom Erleben? Es ist ja, als ob überhaupt nicht mehr das Menschenwesen aus solchem Bewußtsein heraus spräche, sondern nur noch der Geist des Widerstandes. Das ist es, was in allem Ernste vor unsere Seele treten sollte, wenn wir in den Spiegel schauen, der so geheimnisvoll das Vergangene enthüllt und das Zukünftige verhüllt, aber es doch in einer gewisser Weise offenbart, nämlich in derjenigen Weise, wie ich es eben auseinandergesetzt habe.
[ 10 ] Ja, aber da will nun anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft dem religiösen Interesse dienen, da will anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft dem religiösen Erleben Inhalt zuführen. Und was geschieht? Sehen Sie, der römischen Kongregation wurde die Frage vorgelegt im Laufe dieses Jahres, ob die Lehren, die man heute theosophische nennt, sich mit den katholischen Lehren vereinigen lassen, und ob es denn erlaubt sei, sich theosophischen Gesellschaften anzuschließen, theosophischen Versammlungen beizuwohnen und theosophische Zeitschriften und Zeitungen zu lesen. Die Antwort hieß: Nein in allen Punkten, «negative in omnibus». Dies ist der Geist des Widerstandes, und der Jesuit Zimmermann interpretiert das insbesondere dahin, daß er diese Verfügung der römischen heiligen Kongregation auf die Anthroposophie anwendet. Nun, was jener Zimmermann schreibt, wird Ihnen ja bekannt sein, und ich brauche es Ihnen nicht besonders auseinanderzusetzen; aber wissen müssen Sie doch alle, welcher Wind von einer gewissen Seite her, durchsetzt von dem Geiste des Widerstandes, heute gegen anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft weht.
[ 11 ] Welcher Geist in diesem Winde durch die Welt geht, man kann es ja auch spüren, wenn man weiß, daß aus der Feder jenes selben Zimmermann, der jahrelang die Lüge kolportiert hat, daß ich ein entsprungener Priester sei, die folgenden Worte stammen: «Durch den Abfall ihres Generalsekretärs Dr. Rudolf Steiner, der die meisten Mitglieder mit sich riß, anfänglich sehr geschwächt, hat sie sich» die Theosophische Gesellschaft — «mit den Jahren wieder einigermaRen erholt, zählt gegenwärtig etwa 25 Logen, darunter freilich etwa ein Fünftel «schlafende», und gibt in Düsseldorf als ihr Organ für Deutschland und Österreich das «Theosophische Streben » heraus. Über Steiner, der seine Theosophie nach dem Abfall «Anthroposophie» genannt hatte, klagte man in der letzten Zeit unter seiner Umgebung, daß er steril werde, keine neuen «Schauungen» mehr habe und immer nur dasselbe vortrage; er werde vermutlich sich bald auf etwas Neues werfen» und so weiter. Damit bereitet man einen folgenden Artikel vor, der dann in eben so gescheiter Weise über die Dreigliederung handelt. Sie sehen, von welchem Geiste der Wahrheit dieser Jesuit getragen ist. Ein Jesuit vertritt nicht bloß seine persönliche Meinung, sondern die Meinung der katholischen Kirche; denn er spricht nur als ein Glied der katholischen Kirche. Daher ist dasjenige, was er sagt, zu beziehen auf die katholische Kirche. Diese Dinge müssen heute auch vom moralischen Gesichtspunkt aus beurteilt werden. Vom moralischen Gesichtspunkt aus muß gefragt werden, ob jemand, der es so mit der Wahrheit hält wie dieser Mensch, der ja allerdings durch die gegenwärtigen Verhältnisse gar sehr in Betracht kommt für eine gewisse Religionsgesellschaft hier auf Erden, ob er vor dem echten Geist der Menschheit überhaupt in Betracht kommen kann. Solange nicht die Fragen solcher Art mit dem nötiigen Ernst betrachtet werden, solange sind wir nicht bei der richtigen Weltsilvesterbetrachtung angelangt. Aber heute ist es notwendig, daß wir bei dieser richtigen Weltsilvesterbetrachtung anlangen. Es ist notwendig, daß wir das oftmals leider egoistischen Ursprüngen entstammende sogenannte Mitleid ausdehnen auf die großen Menschheitsverhältnisse und jenes Menschheitsmitleid empfinden, das uns antreibt, eine geistige Bewegung wie diese wirklich für die Entwickelung der Menschheit fruchtbar zu machen. Möchten Sie, meine lieben Freunde, gerade am heutigen Tage empfinden, daß es ja der Geist der Welt selber ist, der herein will seit Jahrzehnten; möchten Sie empfinden am heutigen Abend, daß hier gedient werden will diesem in die Menschheit hereinwollenden Geiste; möchten Sie empfinden, daß hier diesem Geist so gedient werden will, daß die Seelen derer, die da mitempfinden und mitdenken wollen mit dieser anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, ihre Vereinigung fühlen mit dem in die Welt hereinwollenden neuen Geist, der allein der sich zerstörenden irdischen Welt den aus dem Himmel wirkenden neuen Aufbauimpuls bringen kann! Möchten Sie in dieser Stunde, die immer in jedem Jahre symbolisch ist, weil gewissermaßen sie uns auffordert, sie als Scheidestunde zu empfinden zwischen der Vergangenheit und der Zukunft, möchten Sie in dieser Stunde Ihre Seelen vereinigen mit dem neuen Geist; möchten Sie das Berühren des vergangenen Jahres mit dem zukünftigen Jahre in Ihrer Seele so empfinden, daß sich da berührt das abgelaufene Weltenjahr mit dem anbrechenden Weltenjahr!
[ 12 ] Das ablaufende Weltenjahr wird aber noch manche Nachwirkungen hineinsenden in die Zukunft; es werden geistige und rechtliche und wirtschaftliche zerstörende Kräfte sein. Um so notwendiger wird es sein, daß möglichst viele Menschen ergriffen werden in ihrer tiefsten Seele von dem Neujahr der Geisteszukunft und ein Wollen entwickeln, welches die Grundlage sein kann für ein Hineinbauen einer neuen geistigen Welt in die Zukunft der Menschheitsentwickelung. Nicht diejenigen werden für die Zukunft der Menschheit sorgen, die ertöten wollen religiöses Interesse, die wegschaffen wollen religiöses Erleben, sondern einzig und allein diejenigen, die durchschauen, wie durch unsere intellektualistische Zeit das alte religiöse Interesse verglommen ist, das alte religiöse Leben gelähmt ist, wie ein neues religiöses Interesse die Menschheit ergreifen muß, wie ein neues religiöses Erleben ersprießen muß in der Menschheit, damit die Menschen in den Kosmos neue Keime eines künftigen Daseins hineintragen können.
