World New Year's Eve and New Year's Reflections
GA 195
25 December 1919, Stuttgart
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World New Year's Eve and New Year's Reflections, tr. SOL
Zweiter Vortrag
Second Lecture
[ 1 ] Wo ich in den letzten Jahren zu sprechen hatte an einer der Jahresfeiern, Weihnachtsfeier oder Osterfeier oder Pfingstfeier, da mußte ich darauf aufmerksam machen, daß insbesondere bei solchen Gelegenheiten wir gegenwärtig kein Recht dazu haben, in der altgewohnten Weise solche Feiern zu begehen, gewissermaßen den ganzen Schmerz, das ganze Leid der Zeit zu vergessen und in solchen Tagen uns nur zu erinnern an das Größte, das hereingespielt hat in die Erdenentwickelung. Insbesondere auf dem Boden jener geistigen Weltanschauung, auf dem wir stehen, haben wir die Verpflichtung, hereinströmen zu lassen bis an den Weihnachtsbaum heran alles dasjenige, was in der gegenwärtigen Kulturwelt die Menschheit ergreift an Niedergangserscheinungen. Wir haben heute geradezu die Verpflichtung, auch die Geburt des Christus Jesus so in unsere Herzen, in unsere Seelen aufzunehmen, daß wir nicht außer acht lassen den furchtbaren Niedergang, von dem die sogenannte Kulturmenschheit ergriffen worden ist.
[ 1 ] Whenever I have spoken at one of the annual celebrations in recent years—whether a Christmas, Easter, or Pentecost celebration— I have had to point out that, especially on such occasions, we currently have no right to celebrate in the traditional way—to, so to speak, forget all the pain and suffering of our time and, on such days, to remember only the greatest event that has taken place in the development of the Earth. Especially on the foundation of that spiritual worldview on which we stand, we have an obligation to allow everything—all the signs of decline that are gripping humanity in today’s cultural world—to flow in right up to the Christmas tree. Today we have a veritable obligation to take the birth of Christ Jesus into our hearts and souls in such a way that we do not overlook the terrible decline that has gripped so-called civilized humanity.
[ 2 ] Denn gerade an diesem Tage ist es an uns, die Frage aufzuwerfen: Hat denn nicht eigentlich auch der Gedanke der Weihnacht schon das Schicksal gehabt, ergriffen zu werden von den allgemeinen Niedergangskräften? Verspüren wir noch, wenn heute von Weihnacht die Rede ist, dasjenige, was der Mensch verspüren soll, wenn er seine Gedanken und Empfindungen hinauferhebt zu dieser Christfeier? Verspürt die Menschheit im allgemeinen den rechten Sinn des Hereinspielens des ganzen Mysteriums von Golgatha in die Menschheits- entwickelung? Wir zünden heute unsere Weihnachtsbäume an, wir sprechen in altgewohnten Sätzen und Worten über das, was mit dem Weihnachtsfest zusammenhängt, allein wir vermeiden es nur allzuoft, die Augen voll aufzumachen, das Bewußtsein voll erwachen zu machen gegenüber der Notwendigkeit, sich zu sagen: Es ist ein Niedergang vorhanden; wo bist du, Christus-Kraft, daß du uns wirklich hilfst, damit wir einen neuen Aufgang bewirken können? Denn soviel dürfte Ihnen aus den Betrachtungen, die durch die Jahrzehnte schon angestellt worden sind über geistige Weltanschauung in unseren Kreisen, klar geworden sein, daß nur mit Hilfe der Christus-Kraft es möglich sein wird, die verfallene Kultur wiederum mit demjenigen Impuls zu durchdringen, der sie zu einem neuen Aufstieg bringen kann.
[ 2 ] For on this very day, it is up to us to raise the question: Has not the very idea of Christmas already been subject to the forces of general decline? When we speak of Christmas today, do we still feel what a person is meant to feel when they lift their thoughts and feelings up to this Christian celebration? Does humanity in general sense the true meaning of the entire mystery of Golgotha playing out within human evolution? Today we light our Christmas trees; we speak in familiar phrases and words about what is connected with the Christmas festival, yet all too often we avoid opening our eyes fully and fully awakening our consciousness to the necessity of saying to ourselves: There is a decline; where are you, Christ-force, that you may truly help us so that we can bring about a new dawn? For it should have become clear to you from the reflections on spiritual worldview that have been made in our circles over the decades that only with the help of the Christ-force will it be possible to once again imbue our decaying culture with the impulse that can lead it to a new ascent.
[ 3 ] Man muß in diesen Tagen oftmals denken an Menschen, die etwa in der Mitte des 19. Jahrhunderts oder gegen das letzte Drittel desselben aus einer gewissen materialistischen Gesinnung heraus anders gesprochen haben, als viele Menschen allerdings in der Gegenwart sprechen, die aber doch ehrlicher gesprochen haben als die Mehrzahl der Menschen in der Gegenwart spricht. Ich möchte Sie heute erinnern an eine recht materialistisch gesinnte Persönlichkeit, an den Schwaben David Friedrich Strauß. Sie wissen ja, «Der alte und der neue Glaube» von David Friedrich Strauß ist gewissermaßen eine Art Bibel des Materialismus. Unter den Fragen, die David Friedrich Strauß in diesem Buche stellt, ist auch diese: Können wir noch Christen sein? — David Friedrich Strauß gibt eine Antwort. Diese Antwort hat die Eigentümlichkeit, daß sie ganz aus urmaterialistischer Gesinnung heraus geboren ist, aber sie hat zu gleicher Zeit die Eigentümlichkeit, daß sie ehrlich ist. David Friedrich Strauß bildet sich den Gedanken, die Idee eines Weltgebäudes, das nur aus materialistischen physikalischen Gesetzen aufgebaut ist, und er stellt den Menschen hinein in eine Weltenordnung so, daß des Menschen Wesen auch nichts anderes enthält als physikalische Gesetze. Und von dieser seiner Überzeugung aus beantwortet er die Frage: Können wir noch Christen sein? — mit einem ehrlichen «Nein». Denn diejenigen Menschen, welche diese Art naturwissenschaftlicher Weltanschauung, wie sie David Friedrich Strauß aus dem Zeitbewußtsein heraus vertritt, mitvertreten, können keine Christen sein. So spricht uns aus dem Nein des David Friedrich Strauß eine fatale, aber durchaus ehrliche Gesinnung, und man hat heute manchmal die Empfindung: Könnten doch die sogenannten offiziellen Vertreter des einen oder des anderen Religionsbekenntnisses so ehrlich sein wie David Friedrich Strauß! Könnten Sie einsehen, wie sie den Christus-Namen zwar gebrauchen, aber im Grunde genommen gegen das Christentum wirken!
[ 3 ] These days, one often finds oneself thinking of people who, around the middle of the 19th century or toward the last third of that century, spoke differently—out of a certain materialistic mindset—than many people do today, yet who spoke more honestly than the majority of people do today. Today I would like to remind you of a rather materialistically minded figure, the Swabian David Friedrich Strauss. As you know, David Friedrich Strauss’s The Old and the New Faith is, in a sense, a kind of Bible of materialism. Among the questions David Friedrich Strauss poses in this book is this one: Can we still be Christians? — David Friedrich Strauss provides an answer. This answer has the peculiarity of being born entirely out of a purely materialistic mindset, yet at the same time it has the peculiarity of being honest. David Friedrich Strauss conceives the idea of a world structure built solely on materialistic physical laws, and he places human beings within this world order in such a way that the human essence, too, contains nothing other than physical laws. And based on this conviction of his, he answers the question: “Can we still be Christians?”—with an honest “No.” For those who share this kind of scientific worldview—as represented by David Friedrich Strauss out of a sense of the times—cannot be Christians. Thus, David Friedrich Strauss’s “no” conveys a fateful yet thoroughly honest attitude, and one sometimes has the feeling today: If only the so-called official representatives of one religious denomination or another could be as honest as David Friedrich Strauss! If only they could realize that, while they use the name of Christ, they are in fact working against Christianity!
[ 4 ] Man darf nicht heute sich der Bequemlichkeit hingeben, die Augen zuzudrücken gegenüber den wesentlichsten, wichtigsten Erscheinungen in der Gegenwart. Mag es manchem nicht weihnachtlich dünken, mich dünkt es recht weihnachtlich, wenn ich eine gewisse Erfahrung erwähne, die mir geworden ist durch eine Art geistiger Untersuchung über ein Unmittelbares, Tatsächliches in der Gegenwart.
[ 4 ] We must not, today, succumb to the temptation to turn a blind eye to the most essential and important phenomena of the present. It may not seem very Christmassy to some, but to me it seems quite Christmassy when I mention a certain experience I had through a kind of spiritual inquiry into something immediate and real in the present.
[ 5 ] Sie wissen, diejenigen Menschen, die zum großen Teil, besonders in Mitteleuropa, schuldig sind — soweit Menschen an diesen Dingen schuldig genannt werden dürfen — an den furchtbaren Zuständen, in die wir hineingesegelt sind, diese Menschen, was tun sie, nachdem das Unglück über Europa hereingebrochen ist? Sie schreiben Bücher! Und so haben wir denn von den verschiedensten Menschen Bücher. Wir haben ein Tirpitz-Buch, wir haben ein Zudendorff-Buch und ich könnte noch manche anderen nennen; ich beschränke mich auf diese beiden. Sehen Sie, man kann das folgende Experiment mit Hilfe der Geisteswissenschaft machen; man kann sich — aber durchaus im Sinne geisteswissenschaftlicher Gesinnung — die Frage vorlegen; Welche Formung der Gedanken spricht sich aus in den Büchern von Tirpitz, Ludendorff und ihresgleichen? Ich habe versucht, von allen Seiten diese Frage gewissenhaft zu prüfen, habe mich gefragt: Welcher Art sind die Gedankenformen dieser Männer, von denen so viel von dem Schicksal Mitteleuropas abhängt? Wenn man nicht abstrakt vorgeht, sondern in solchen Dingen in das Konkrete hineindringt, dann muß man vergleichen, und so hat sich mir ein Vergleich ergeben, indem ich mich gefragt habe: Wann etwa hat man solche Gedankenformen nach dem normalen Entwickelungsgange in Europa ausgebildet, wie sie jetzt etwa Tirpitz und Ludendorff ausbilden? Und da ergibt sich nach gewissenhafter Prüfung der Tatsachen, daß etwa zur Zeit des römischen Cäsar man so gedacht hat. Es ist im Grunde genommen kein Unterschied zwischen der Art des Julius Cäsar, seelisch zu denken und zu leben — sagen wir, in seinem Gallischen Krieg — und zwischen der Art und Weise, wie Tirpitz und Ludendorff ihre Gedanken formen. Das heißt aber, daß diese Menschen in einem Gedankenleben drinnenstehen, das völlig unberührt ist von dem Christentum, denn Julius Cäsar hat vor dem Hereinbrechen des Mysteriums von Golgatha gelebt. Und alles das, was diese Menschen auch zuweilen aussprechen, wenn sie den Namen des Christus Jesus auf die Lippen bringen, ist nichts anderes als eitel Lüge, denn ihr Seelenleben hat sich so entwickelt, daß sie mit dem konkreten Christentum nichts zu tun haben.
[ 5 ] You know, those people who—for the most part, especially in Central Europe—are to blame—insofar as people can be called to blame for these things—for the terrible circumstances into which we have sailed; these people—what are they doing now that disaster has befallen Europe? They’re writing books! And so we have books by a wide variety of people. We have a book by Tirpitz, we have a book by Ludendorff, and I could name many others; I’ll limit myself to these two. You see, one can conduct the following experiment with the help of spiritual science; one can—but entirely in the spirit of spiritual science—ask oneself the question: What kind of thought patterns are expressed in the books by Tirpitz, Ludendorff, and their ilk? I have tried to examine this question conscientiously from all angles, asking myself: What are the thought patterns of these men, upon whom so much of Central Europe’s fate depends? If one does not proceed abstractly but delves into the concrete aspects of such matters, then one must make comparisons; and so a comparison presented itself to me when I asked: When, roughly speaking, were such thought forms—as they are now embodied by Tirpitz and Ludendorff—developed in Europe according to the normal course of development? And upon careful examination of the facts, it becomes clear that people thought in this way around the time of the Roman Caesar. Fundamentally, there is no difference between Julius Caesar’s way of thinking and living—let us say, in his Gallic War—and the way Tirpitz and Ludendorff shape their thoughts. But this means that these people are immersed in a life of thought that is completely untouched by Christianity, for Julius Caesar lived before the dawn of the Mystery of Golgotha. And everything these people may occasionally utter when they mention the name of Jesus Christ is nothing but a hollow lie, for their inner life has developed in such a way that they have nothing to do with concrete Christianity.
[ 6 ] Wir wissen ja aus mannigfaltigen Betrachtungen: Wenn irgend etwas zu seiner Zeit sich entwickelt, dann ist es im Grunde genommen gut für die Menschheit. Etwas anderes ist es, wenn es stehen bleibt und später herauskommt; wenn dies der Fall ist, das heißt, wenn das Cäsarmäßige noch im 20. Jahrhundert eine Rolle spielt, dann ist das Cäsarmäßige ins Luziferische umgesetzt. Denn das, was eigentlich in anderer Zeit gewirkt haben sollte, wird, wenn es stehen bleibt, zum Luziferischen; das ist ja das Wesentliche des Luziferischen.
[ 6 ] We know from a wide range of observations that when something develops in its own time, it is, in essence, good for humanity. It is a different matter when it remains stagnant and emerges later; if this is the case—that is, if the Caesar-like principle still plays a role in the 20th century—then the Caesar-like principle has been transformed into the Luciferic. For what was actually meant to have taken effect in another era becomes, when it remains stagnant, Luciferic; that is, after all, the very essence of the Luciferic.
[ 7 ] Und nun wiederum fragen wir: Wie kann es denn kommen, daß diejenigen Persönlichkeiten, die ein Schicksal heraufgetragen hat, um führende Stellungen einzunehmen, wie kann es denn sein, daß diese Persönlichkeiten in einer solchen Weise mit ihrem Leben zurückgeblieben sind? Da müssen wir, wenn wir uns diese Frage beantworten wollen, unseren Blick hinwenden auf diejenigen, die das Geistesleben mit dem Christus-Impuls angeblich durchdringen, die aber eigentlich im antichristlichen Sinne wirken. Da müssen wir den Blick auf viele offizielle Vertreter der religiösen Bekenntnisse richten, die angeblich aus den Evangelien heraus sprechen, die aber alles das bekämpfen, was wirklich von dem lebendigen Christus in unserer Zeit künden will. Die antichristlichsten Menschen sind heute oftmals unter den Pfarrern, unter den Predigern der sogenannten christlichen Bekenntnisse zu finden. Wer unter all den Schriften so etwas prüft, wie das von vielen als tonangebend gehaltene Buch Adolf Harnacks «Das Wesen des Christentums», der bekommt Antwort auf eine solche Frage. Adolf Harnack hat «Das Wesen des Christentums» geschrieben. Wenn man in diesem Buche den Christus-Namen ausstreicht und ersetzt durch den Namen eines allgemeinen unbekannten Gottes, der die Natur ebenso durchwaltet und durchwebt wie das Menschenleben, wenn man den Christus-Namen ausstreicht und den alttestamentlichen Jahve-Namen an seine Stelle setzt, so wird das Buch wahrer als es ist, denn dann erst hat es einen Sinn. Die Tatsache liegt vor, daß Adolf Harnack nichts weiß von der wirklichen Wesenheit des Christus, daß er gar keine Ahnung hat von der wirklichen Wesenheit des Christus, daß er einen allgemeinen unbestimmten Gott verehrt und dann dem allgemeinen unbestimmten Gotte den Christus-Namen anheftet. Und wer ist dieser Adolf Harnack? Dieser Adolf Harnack ist der tonangebende Theologe gewesen für all die Kreise, welche den Boden abgegeben haben für die geistige Richtung, aus der auch aufgequollen sind Tirpitz und Ludendorff und so weiter! Weil von den Vertretern der Bekenntnisse keine wirkliche Christus-Offenbarung mehr gekommen ist, liegt in den Ereignissen der Gegenwart durch die Menschen, die mit diesen Ereignissen verknüpft sind, keine solche Empfindung für die wirkliche Christus-Offenbarung. Gar keinen Sinn hat es für Tausende und Millionen Menschen der Gegenwart, wenn sie von dem Weihnachtsfeste sprechen; denn sie kennen nicht in dem Sinne, wie das für unsere Zeit notwendig ist, die Wesenheit des Christus-Jesus. Auf solche Dinge müssen wir blicken, wenn wir in einem tieferen Sinne uns klar werden wollen, welches die Ursachen für den Niedergang unserer Zeitereignisse, des Menschenlebens in diesen Zeitereignissen sind.
[ 7 ] And now we ask again: How is it possible that those individuals whom fate has destined to assume leadership positions—how is it possible that these individuals have remained so far behind in their spiritual development? If we are to answer this question, we must turn our gaze to those who purport to permeate spiritual life with the Christ impulse, but who in fact work in an antichristian sense. We must turn our gaze to many official representatives of religious denominations who purport to speak from the Gospels, but who oppose everything that truly seeks to proclaim the living Christ in our time. Today, the most anti-Christian people are often found among pastors and preachers of the so-called Christian denominations. Anyone who examines works such as Adolf Harnack’s The Essence of Christianity—a book considered by many to be authoritative—will find the answer to such a question. Adolf Harnack wrote The Essence of Christianity. If one were to strike out the name “Christ” in this book and replace it with the name of a general, unknown God who governs and permeates nature just as He does human life—if one were to strike out the name “Christ” and substitute the Old Testament name “Yahweh” in its place—then the book would become truer than it is, for only then would it make sense. The fact is that Adolf Harnack knows nothing of the true nature of Christ, that he has absolutely no idea of the true nature of Christ, that he worships a general, undefined god and then attaches the name of Christ to that general, undefined god. And who is this Adolf Harnack? This Adolf Harnack was the leading theologian for all those circles that paved the way for the spiritual movement from which Tirpitz, Ludendorff, and others also emerged! Because no true revelation of Christ has come from the representatives of the confessions, there is no such sense of the true revelation of Christ in the events of the present day, nor in the people connected with these events. For thousands and millions of people today, it makes no sense at all when they speak of the Christmas festival; for they do not know the essence of Christ Jesus in the sense that is necessary for our time. We must look at such things if we wish to gain a deeper understanding of the causes behind the decline of the events of our time and of human life within these events.
[ 8 ] Ich habe Ihnen von dieser Stätte aus oftmals gesprochen von jenem wichtigen Ereignis, das sich zugetragen hat im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, von jenem Ereignis, durch das ein besonderes Verhältnis gebildet worden ist zwischen jener Erzengelmacht, die wir als die Erzengelmacht Michael bezeichnen, und den Geschicken der Menschheit. Ich habe Sie darauf aufmerksam gemacht, daß seit dem November 1879 Michael gewissermaßen der Regent sein muß für alle diejenigen, welche der Menschheit zu ihrem gedeihlichen Fortschritt die rechten Kräfte zuführen wollen.
[ 8 ] From this place, I have often spoken to you about that important event that took place in the last third of the 19th century—the event through which a special relationship was formed between the Archangelic Power, which we refer to as the Archangelic Power of Michael, and the destiny of humanity. I have drawn your attention to the fact that, since November 1879, Michael has, so to speak, had to serve as the regent for all those who wish to channel the right forces to humanity for its prosperous progress.
[ 9 ] In unserer Zeit weist man, indem man so etwas andeutet, auf zweierlei hin: erstens auf eine objektive Tatsache, zweitens aber auch auf das, wie sich diese objektive Tatsache zu all dem verhält, was die Menschen in ihren Willen, in ihr Bewußtsein aufnehmen wollen. Die objektive Tatsache ist einfach die, daß sich im November 1879 jenseits der Sphäre der sinnlichen Welt, im Übersinnlichen, dasjenige abgespielt hat, was man so ausdrücken kann: Michael hat sich die Kraft erobert, wenn die Menschen ihm entgegenkommen mit all dem, was in ihren Seelen lebt, diese so zu durchdringen mit seiner Kraft, daß sie die alte materialistische Verstandeskraft, die bis dahin in der Menschheit groß geworden ist, umwandeln können in spirituelle Verstandeskraft, in geistige Verstandeskraft. Das ist die objektive Tatsache; sie hat sich vollzogen. Wir können davon sprechen: Michael ist in ein anderes Verhältnis zur Menschheit getreten, als dasjenige war, in dem er früher gestanden hat, seit dem November 1879. Aber es ist erforderlich, daß man dem Michael dient. Was ich damit meine, es wird am klarsten werden, wenn ich Ihnen das Folgende auseinandersetze.
[ 9 ] In our time, when one alludes to something like this, one is pointing to two things: first, an objective fact; and second, how this objective fact relates to everything that people wish to take into their will and consciousness. The objective fact is simply that in November 1879, beyond the sphere of the sensory world—in the supersensible realm—something took place that can be expressed as follows: Michael has gained the power, when people come to meet him with all that lives in their souls, to permeate them so deeply with his power that they can transform the old materialistic power of the intellect—which had grown so strong in humanity up to that point—into spiritual power of the intellect, into a spiritual faculty of understanding. That is the objective fact; it has taken place. We can say that Michael has entered into a different relationship with humanity than the one he had previously, since November 1879. But it is necessary to serve Michael. What I mean by this will become clearest when I explain the following to you.
[ 10 ] Sie wissen, bevor das Mysterium von Golgatha sich auf der Erde vollzogen hat, schauten die alttestamentlichen Juden hinauf zu ihrem Jahve oder Jehova. Diejenigen, die aus der jüdischen Priesterschaft mit vollem Bewußtsein zu Jahve schauten, waren sich bewußt, daß sie nicht unmittelbar mit ihrem Menschenerkennen herandringen konnten zu Jahve. Sogar der Name galt als unaussprechlich, und wenn der Name ausgesprochen werden sollte, wurde nur ein Zeichen gemacht, das ähnlich ist gewissen Zeichenzusammenhängen, die wir durch unsere Eurythmie aufsuchen. Aber diese Priesterschaft war sich auch klar darüber, daß sich der Mensch dem Jahve durch Michael nähern könne. Diese Priesterschaft nannte Michael das Antlitz des Jahve oder des Jehova. So wie wir einen Menschen kennenlernen, wenn wir in sein Antlitz blicken, wie wir aus der Milde seines Antlitzes einen Schluß auf die Milde der Seele, aus der Art, wie er uns anschaut, auf seinen Charakter ziehen, so wollte die alttestamentliche Priesterschaft aus dem, was sich in die Seele hereinschlich an atavistischen Hellschauungen in Träumen, von dem Antlitz des Jahve, von dem Michael schließen auf Jahve, den zu erreichen der Menschheit doch nicht möglich war. Diese Priesterschaft stand richtig zu Michael und Jahve oder Jehova; sie stand richtig zu Michael, weil sie sich bewußt war, daß, wenn sich der Mensch der damaligen Zeit zu Michael wendete, er durch Michael diejenige Kraft, die Jahve-Kraft oder Jehova-Kraft finden würde, welche zu suchen dem Menschen der damaligen Zeit ziemte.
[ 10 ] You know, before the Mystery of Golgotha was fulfilled on Earth, the Old Testament Jews looked up to their Yahweh or Jehovah. Those among the Jewish priesthood who looked to Yahweh with full awareness knew that they could not approach Yahweh directly through their human understanding. Even the name was considered unpronounceable, and when the name was to be spoken, only a sign was made—one similar to certain sequences of signs that we explore through our eurythmy. But this priesthood was also clearly aware that human beings could approach Yahweh through Michael. This priesthood called Michael the face of Yahweh or Jehovah. Just as we come to know a person when we look into their face—just as we infer the gentleness of their soul from the gentleness of their face, and their character from the way they look at us— so too did the Old Testament priesthood wish to infer, from what crept into the soul in the form of atavistic visions in dreams—from the face of Yahweh, from Michael—the nature of Yahweh, whom humanity was, after all, unable to reach. This priesthood held the correct view of Michael and Yahweh or Jehovah; it held the correct view of Michael because it was aware that when the people of that time turned to Michael, they would find through Michael the very power—the power of Yahweh or Jehovah—that it was fitting for the people of that time to seek.
[ 11 ] Andere seelische Menschheitsregenten traten seither an die Stelle des Michael; aber seit dem November 1879 ist Michael wiederum aufgetreten, und er kann rege gemacht werden im menschlichen Seelenleben, wenn man die Wege zu ihm sucht. Und diese Wege sind heute die Wege geisteswissenschaftlicher Erkenntnis. Man könnte ebensogut sagen die «Michaelswege», wie man sagen kann «die Wege geisteswissenschaftlicher Erkenntnis». Aber gerade seit jener Zeit, da Michael auf diese Weise in ein Verhältnis zu den menschlichen Seelen eingetreten ist, um wiederum ihr unmittelbarer Inspirator durch drei Jahrhunderte zu werden, hat am allerstärksten auch die dämonische Gegenkraft eingesetzt, nachdem sie sich vorher vorbereitet hatte. So ging ein Ruf durch die Welt, der während unserer sogenannten Kriegs-, aber in Wirklichkeit Schreckensjahre zu einem großen Welt-Unverstand geworden ist, der jetzt die Herzen und Seelen der Menschen durchzieht.
[ 11 ] Other spiritual rulers of humanity have since taken Michael’s place; but since November 1879, Michael has reappeared, and he can be activated in the life of the human soul if one seeks the paths to him. And these paths today are the paths of spiritual-scientific knowledge. One might just as well speak of the “paths of Michael” as one might speak of “the paths of spiritual scientific knowledge.” But precisely since that time, when Michael entered into a relationship with human souls in this way—to once again become their immediate source of inspiration for three centuries—the demonic counterforce has also taken hold with the greatest intensity, having prepared itself beforehand. Thus a call went out through the world, which during our so-called war years—but in reality, years of horror—has become a great global delusion that now pervades the hearts and souls of human beings.
[ 12 ] Was wäre denn aus dem alttestamentlichen Judenvolk geworden, wenn es, statt sich dem Jahve durch Michael zu nähern, hätte unmittelbar an Jahve herandringen wollen? Es wäre aus ihm geworden ein intolerantes, volksegoistisches Volk, ein Volk, das nur an sich hätte denken können. Denn Jahve ist der Gott, der mit allem Natürlichen zusammenhängt und im äußeren geschichtlichen Menschenwerden prägt er sein Wesen aus in dem Generationenzusammenhang der Menschen, wie er sich im Volkswesen ausspricht. Nur dadurch, daß dazumal das althebräische Volk durch Michael dem Jahve sich nähern wollte, hat es sich davor bewahrt, so volksegoistisch zu werden, daß dann nicht einmal der Christus Jesus aus der Mitte dieses Volkes hätte hervorgehen können. Denn dadurch, daß es sich mit der Michael-Kraft, wie diese Kraft damals war, durchdrang, dadurch imprägnierte sich das jüdische Volk nicht mit Kräften, die einen so starken Volksegoismus abgegeben hätten, als wenn man sich unmittelbar an Jahve oder Jehova gewendet hätte.
[ 12 ] What would have become of the Old Testament Jewish people if, instead of drawing near to Yahweh through Michael, they had sought to approach Yahweh directly? They would have become an intolerant, ethnocentric people, a people capable of thinking only of themselves. For Yahweh is the God who is connected to all of nature, and in the external, historical process of human becoming, He shapes His essence through the intergenerational continuity of humanity, as expressed in the life of the people. It was only because the ancient Hebrew people sought to draw near to Yahweh through Michael at that time that they were spared from becoming so nationalistically self-centered that not even the Christ Jesus could have emerged from the midst of that people. For by imbuing itself with the Michael force—as that force existed at that time—the Jewish people did not become imbued with forces that would have given rise to such strong national egoism as would have been the case had they turned directly to Yahweh or Jehovah.
[ 13 ] Heute nun ist Michael wieder der Weltregent, aber die Menschheit ist genötigt, sich zu ihm in einer neuen Weise zu verhalten. Denn jetzt soll Michael nicht das Antlitz Jahves sein, sondern das Antlitz des Christus Jesus. Jetzt sollen wir uns durch Michael dem Christus-Impuls nähern. Aber die Menschheit hat vielfach sich dazu noch nicht hindurchgerungen; die Menschheit hat atavistisch bewahrt die alten Empfindungsqualitäten, durch die man sich dem Michael so genähert hat wie damals, als er noch der Vermittler zu Jahve war. Und so hat heute die Menschheit noch ein falsches Verhältnis zu Michael, und in einer charakteristischen Erscheinung kommt dieses falsche Verhältnis zu Michael zum Vorschein.
[ 13 ] Today, Michael is once again the Ruler of the World, but humanity is compelled to relate to him in a new way. For now Michael is not to be the face of Yahweh, but the face of Christ Jesus. Now we are to draw closer to the Christ impulse through Michael. But in many cases, humanity has not yet brought itself to do this; humanity has atavistically preserved the old emotional qualities through which people used to approach Michael just as they did back when he was still the mediator to Yahweh. And so today, humanity still has a false relationship with Michael, and this false relationship with Michael is revealed in a characteristic manifestation.
[ 14 ] Wir haben während der kriegerischen Jahre immer wiederum die Weltlüge vernommen: Freiheit den einzelnen, selbst den kleinsten Nationen. Diese Gesinnung, die eine lügenhafte ist, weil heute in dieser Michaelzeit nicht Menschen-Gruppen, sondern MerischenIndividualitäten es sind, worauf es ankommt, diese Lüge ist nichts anderes als die Bestrebung, jedes einzelne Volk nicht mit der neuen Michael-Kraft zu durchdringen, sondern mit der alten der vorchristlichen Zeit, mit der Michael-Kraft des Alten Testamentes zu durchdringen. So paradox es klingt, es besteht heute unter den Völkern der sogenannten zivilisierten Menschheit die Tendenz, dasjenige, was im alttestamentlichen Judenvolk berechtigt war, luziferisch umzubilden und zum innersten Wirkungsimpuls jedes einzelnen Volkes zu machen. Mit alttestamentlicher Gesinnung möchte man heute aufbauen Polenreiche, Amerikareiche, Franzosenreiche und so weiter. Dem Michael zu folgen bestrebt man sich so, wie es richtig war ihm zu folgen vor dem Mysterium von Golgatha, wo man finden sollte durch ihn den Jahve, einen Volksgott. Heute sollen wir durch ihn den Christus Jesus finden, den göttlichen Führer der ganzen Menschheit. Dann aber müssen wir Empfindungen und Vorstellungen suchen, die nichts zu tun haben mit irgendwelchen menschlichen Unterschieden auf der Erde; aber die können wir nicht an der Oberfläche suchen, die müssen wir suchen da, wo das MenschlichGeistige und Seelenhafte pulsiert, das heißt, wir müssen sie auf geisteswissenschaftlichem Wege suchen. Und so liegen die Dinge, daß man sich entschließen muß, auf geisteswissenschaftlichem Wege, das heißt auf michaelischem Wege den wirklichen Christus zu suchen, der nur gesucht und gefunden werden kann auf dem Boden geistigen Wahrheitsstrebens. Sonst sollte man lieber alle Weihnachtslichter auslöschen, alle Weihnachtsbäume ertöten und sich wenigstens wahrhaftig gestehen, daß man nicht irgendeine Erinnerung an dasjenige will, was der Christus Jesus in die Menschheitsentwickelung hineingebracht hat.
[ 14 ] During the war years, we heard the same global lie time and again: freedom for the individual, even for the smallest nations. This attitude—which is a lie, because in this Michael era it is not groups of people but Merian individualities that matter—is nothing other than the effort to imbue every single people not with the new Michael force, but with the old force of pre-Christian times, with the Michael force of the Old Testament. As paradoxical as it sounds, there is a tendency today among the peoples of so-called civilized humanity to transform, in a Luciferic manner, that which was justified in the Old Testament Jewish people and to make it the innermost driving force of every single nation. With an Old Testament mindset, people today seek to build Polish empires, American empires, French empires, and so on. They strive to follow Michael in the same way it was right to follow him before the Mystery of Golgotha, when one was to find through him Yahweh, a national god. Today, through him, we are to find Christ Jesus, the divine guide of all humanity. But then we must seek feelings and ideas that have nothing to do with any human differences on earth; yet we cannot seek them on the surface—we must seek them where the human-spiritual and soul-life pulsates; that is, we must seek them through the path of spiritual science. And this is how things stand: one must resolve to seek the true Christ through spiritual science—that is, through the Michaelic path—for He can only be sought and found on the foundation of a spiritual quest for truth. Otherwise, one would be better off extinguishing all the Christmas lights, cutting down all the Christmas trees, and at least honestly admitting that one does not want any remembrance of what Christ Jesus brought into human evolution.
[ 15 ] Und so tönt uns durch die Memoiren der Gegenwartsmenschen vorchristliche, das heißt in unserer Zeit antichristliche Gesinnung, und wenn Menschen, die man für repräsentative hält, wie der Wilson in der Gegenwart sich kundgeben, so tönt durch solche vierzehn Punkte, wie er sie gegeben hat, rein alttestamentliche Gesinnung, die zur luziferischen Gesinnung in unserer Zeit wird. Woher kommt dieses? Was liegt da eigentlich vor?
[ 15 ] And so, through the memoirs of people living today, a pre-Christian—that is, in our time, anti-Christian—mindset resounds; and when people considered representative, such as Wilson in the present day, make their views known, such fourteen points as he has set forth resonate with a purely Old Testament mindset, which becomes a Luciferic mindset in our time. Where does this come from? What is actually going on here?
[ 16 ] Wenn wir in der Zeitentwickelung der Menschheit zurückgehen vor das Mysterium von Golgatha, dann kommen wir dazu, in alten Zeiten der orientalischen Kulturentwickelung eine menschliche Persönlichkeit auf Erden zu finden innerhalb derjenigen Kultur, aus der die heutige chinesische Kultur geworden ist, eine menschliche Persönlichkeit, die die äußere menschliche Verkörperung Luzifers war, der dazumal wirklich als menschliche Verkörperung über den Erdboden gegangen ist, und der der Träger des menschlichen Lichtes war, das wir auf dem Boden der alten vorchristlichen Weisheit finden, mit Ausnahme des Judentums. Noch im Griechentum strömt durch das, was an Kunst, an Weltanschauung, an Staatsmannschaft im Griechentum wirkte, dasjenige durch, was ausgegangen ist von der Luzifer-Inkarnation Jahrtausende vor dem Mysterium von Golgatha.
[ 16 ] If we look back in the course of human history to a time before the Mystery of Golgotha, we find, in the ancient days of Eastern cultural development, a human personality on Earth within the culture that gave rise to today’s Chinese culture, a human personality who was the outer human embodiment of Lucifer, who at that time truly walked the earth as a human embodiment, and who was the bearer of the human light that we find in the realm of ancient pre-Christian wisdom, with the exception of Judaism. Even in Greek civilization, what flowed through the art, worldview, and statesmanship of that era was that which had originated from the Lucifer incarnation millennia before the Mystery of Golgotha.
[ 17 ] Wir müssen uns nur klar sein darüber, daß alles das, was wir heute menschlichen Verstand nennen, noch immer, solange wir ihn nicht spiritualisiert haben, ein Geschenk jenes Luzifer ist. Wir müssen nur nicht philiströs, bourgeoismäßig die Sektierergesinnung entwickeln: Luziferisches, das ist etwas Furchtbares, das muß man abstreifen. Will man es abstreifen, so fällt man ihm erst recht anheim; denn es ist eben einmal durch Jahrtausende der Menschheitsentwickelung notwendig geworden, das Erbe des verkörperten Luzifer anzutreten. Dann kam das Mysterium von Golgatha. Dann aber wird eine Zeit kommen, wo ebenso wie im Orient in einer irdischen Persönlichkeit sich Luzifer einstmals verkörpert hat, um gerade das Christentum vorzubereiten bei den Heiden, wo ebenso im Westen die irdische Verkörperung des wirklichen Ahriman auftreten wird. Dieser Zeit gehen wir entgegen. Objektiv wird Ahriman auf der Erde wandeln. So wahr als Luzifer gewandelt hat und Christus gewandelt hat objektiv in einem Menschen, wird Ahriman mit ungeheurer Macht zu irdischer Verstandeskraft auf der Erde wandeln. Wir Menschen haben nicht die Aufgabe, die Inkarnation des Ahriman etwa zu verhindern, aber wir haben die Aufgabe, die Menschheit so vorzubereiten, daß Ahriman in der richtigen Weise eingeschätzt wird. Denn Ahriman wird Aufgaben haben, er wird das eine und das andere tun müssen, aber die Menschen werden in der richtigen Weise dasjenige einschätzen und verwenden müssen, was durch Ahriman in die Welt kommt. Das werden sie nur können, wenn sie in der richtigen Weise sich einstellen können heute schon zu demjenigen, was jetzt schon Ahriman so von jenseitigen Welten aus auf die Erde sendet, daß er einmal wirtschaften kann auf der Erde, ohne daß er bemerkt wird. Das darf nicht sein. Ahriman darf nicht auf der Erde so wirtschaften, daß er nicht bemerkt wird; man muß ihn in seiner Eigentümlichkeit voll erkennen, man muß ihm mit vollem Bewußtsein sich entgegenstellen können.
[ 17 ] We must simply be clear about the fact that everything we today call human intellect is still, as long as we have not spiritualized it, a gift from that Lucifer. We must simply not develop a philistine, bourgeois sectarian mindset: “Luciferic” is something terrible that must be cast off. If one tries to cast it off, one falls prey to it all the more; for it has simply become necessary, through millennia of human development, to inherit the legacy of the incarnated Lucifer. Then came the Mystery of Golgotha. But a time will come when, just as in the East Lucifer once incarnated in an earthly personality to prepare the way for Christianity among the pagans, so too in the West the earthly incarnation of the real Ahriman will appear. We are moving toward that time. Objectively, Ahriman will walk the earth. Just as truly as Lucifer walked the earth and Christ walked the earth objectively in a human being, Ahriman will walk the earth with immense power as an earthly force of intellect. We humans do not have the task of preventing the incarnation of Ahriman, but we do have the task of preparing humanity so that Ahriman is assessed in the right way. For Ahriman will have tasks; he will have to do one thing and another, but people will have to assess and make use of what comes into the world through Ahriman in the right way. They will only be able to do this if they can already today attune themselves in the right way to what Ahriman is already sending to Earth from the worlds beyond—so that he may one day act on Earth without being noticed. That must not be allowed to happen. Ahriman must not be allowed to operate on Earth unnoticed; we must fully recognize him in his true nature, and we must be able to oppose him with full consciousness.
[ 18 ] Nun werde ich Ihnen in den Tagen, in denen ich hier in Stuttgart vortragen werde, mancherlei von dem zeigen, was wohl zu beachten ist in der Entwickelung der Menschheit bis zur Ahriman-Inkarnation hin, damit diese, wenn sie kommt, richtig eingeschätzt wird. Heute will ich Sie nur auf eines aufmerksam machen: Ebenso schlimm wie die schlimmste materialistische Weltanschauung ist in dieser Beziehung manche Evangelien-Interpretation in der Gegenwart. Wenn heute einfach von den Vertretern. der sogenannten Religionsgesellschaften die Evangelien genommen werden wie sie sind, und wenn jede neue Offenbarung abgewiesen wird, so bedeutet eine solche Hingabe an die Evangelien, eine solche Art, das Christentum zu pflegen, die beste Art, sich im ahrimanischen Sinne auf die irdische Erscheinung des Ahriman vorzubereiten. Am intensivsten arbeiten Ahriman vor eine große Anzahl von Vertretern der heutigen sogenannten Bekenntnisse, indem sie unbeachtet lassen die Wahrheit: «Ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Erdenzeiten», indem sie alles dasjenige als ketzerisch erklären, was aus der unmittelbaren Anschauung des gegenwärtigen Christus hervorgeht, und indem sie in bequemer Weise wortwörtlich, nur aber in ihrer Art wortwörtlich, an die Evangelien sich halten. Die Menschheit sollte durch eine Weisheit davor beschützt werden, in dieser Art sich an die Evangelien zu halten, indem die vier Evangelien rein äußerlich für die physische Verstandeskraft einander widersprechen. Und wer heute nicht vordringt zur geistigen Interpretation der Evangelien, der verbreitet eine lügenhafte Interpretation der Evangelien, denn er täuscht die Menschen hinweg über die äußeren Widersprüche, die in den vier Evangelien bestehen. Und die Menschen über ihre wichtigsten Angelegenheiten zu täuschen, das ist gerade dasjenige, was die Wege des Ahriman am allerbesten befördert.
[ 18 ] Now, during the days I will be lecturing here in Stuttgart, I will show you various aspects of what should be taken into account in the development of humanity up to the incarnation of Ahriman, so that when it comes, it may be properly assessed. Today I want to draw your attention to just one thing: In this regard, some contemporary interpretations of the Gospels are just as bad as the worst materialistic worldview. If today the representatives of the so-called religious societies simply take the Gospels at face value and reject every new revelation, then such devotion to the Gospels—such a way of practicing Christianity—is the best way to prepare oneself, in the Ahrimanic sense, for the earthly manifestation of Ahriman. Ahriman works most intensely through a large number of representatives of today’s so-called denominations, who disregard the truth: “I am with you always, even to the end of the age,” by declaring heretical everything that arises from the direct perception of the present Christ, and by clinging to the Gospels in a convenient manner—literally, but only in their own way. Humanity should be protected by wisdom from adhering to the Gospels in this way, since the four Gospels appear to contradict one another purely on the surface, as perceived by the physical intellect. And anyone today who does not advance toward a spiritual interpretation of the Gospels is spreading a false interpretation of the Gospels, for they are deceiving people about the outward contradictions that exist in the four Gospels. And deceiving people about their most important matters is precisely what best promotes the ways of Ahriman.
[ 19 ] Die Menschen der Gegenwart haben es sehr notwendig, Christus mitten hineinzustellen zwischen Ahriman und Luzifer. ChristusKraft muß uns durchdringen. Aber wir müssen immer als Menschen das Gleichgewicht suchen zwischen demjenigen, was gewissermaßen schwärmerisch-mystisch über uns hinaus will, und dem, was uns materialistisch-verstandesmäßig, philiströs-schwer zur Erde herunterziehen will. In jedem Augenblick müssen wir das Gleichgewicht suchen zwischen demjenigen, wodurch wir luziferisch hinauferhoben werden und demjenigen, wodurch wir ahrimanisch hinunterstreben wollen, aber in dem Suchen dieses Gleichgewichtes liegt der Christus. Und wenn wir uns bestreben, dieses Gleichgewicht zu suchen, dann allein können wir den Christus finden.
[ 19 ] People today have a great need to place Christ right in the middle between Ahriman and Lucifer. The power of Christ must permeate us. But as human beings, we must always seek a balance between that which, in a sense, seeks to lift us up in an enthusiastic, mystical way, and that which seeks to pull us down to earth in a materialistic, intellectual, philistine, and heavy-handed manner. At every moment we must seek a balance between that which lifts us upward in a Luciferic way and that which draws us downward in an Ahrimanic way; but it is in the very act of seeking this balance that Christ is found. And only when we strive to seek this balance can we find Christ.
[ 20 ] Durch eine sonderbare Fügung ist etwas sehr Merkwürdiges geschehen in der neueren Menschheitsentwickelung in jener Zeit, in der der Materialismus eingedrungen ist. Ich will nur hinweisen auf zwei Dokumente, auf Miltons «Verlorenes Paradies» und Klopstocks «Messias». Da werden die geistigen Welten so geschildert, als ob ein Paradies verlorengegangen und der Mensch daraus hinausgestoßen worden wäre. Sowohl Miltons «Verlorenes Paradies» wie Klopstocks «Messias» arbeiten mit einer Zweiheit in der Welt, mit dem Gegensatz des Guten und des Bösen, des Göttlichen und des Teuflischen. Sehen Sie, das ist aber der große Irrtum der neueren Zeit, daß man sich die Weltkultur vorstellt nach einer Zweiheit, während sie vorgestellt werden muß im Sinne einer Dreiheit. Das eine sind die hinaufstrebenden luziferischen Kräfte, die im Mystischen, Schwärmerischen, Phantasievollen, in der Ausartung aber auch im Phantastischen, an den Menschen herantreten, die im menschlichen Blut leben; das andere sind die ahrimanischen Kräfte, die in allem Trockenen, Schweren leben, im Knochensystem, physiologisch gesprochen; das Christliche steht in der Mitte zwischen beiden drinnen, das ist das dritte. Luziferisch ist das erste, ahrimanisch das zweite und in der Mitte zwischen beiden ist das Christliche.
[ 20 ] By a strange twist of fate, something very peculiar occurred in the recent development of humanity during the period when materialism took hold. I will refer only to two works: Milton’s Paradise Lost and Klopstock’s Messiah. In these works, the spiritual worlds are depicted as if a paradise had been lost and humanity had been cast out of it. Both Milton’s Paradise Lost and Klopstock’s Messiah operate on the basis of a duality in the world—the contrast between good and evil, the divine and the diabolical. You see, however, this is the great error of modern times: that world culture is conceived in terms of a duality, whereas it must be conceived in terms of a trinity. On the one hand are the upward-striving Luciferic forces, which approach human beings through the mystical, the dreamy, the imaginative—and, in their degeneration, also through the fantastical—and which live in human blood; the other are the Ahrimanic forces, which live in all that is dry and heavy—in the skeletal system, physiologically speaking; the Christian stands in the middle between the two; that is the third. The first is Luciferic, the second is Ahrimanic, and in the middle between the two is the Christian.
[ 21 ] Was ist geschehen in der neueren Zeit? Etwas ist geschehen, auf das die Menschheit hinschauen sollte mit wahrhaftig spirituell-intellektueller Inbrunst, denn ehe sie dieses nicht versteht, wird sie nicht in richtiger Weise die Weihnachtswege finden. Wir lesen heute Milton, Klopstock, ihre Schilderungen von der übersinnlichen Welt; wie lesen wir sie? So lesen wir sie, daß überall luziferische Eigenschaften übertragen sind auf dasjenige, was man göttlich nennen will. Schildern wollen solche Menschen wie Klopstock und Milton den Kampf zwischen einem Luziferischen, das ihnen als das Göttliche erscheint, und dem Ahrimanischen. Und ein großer Teil desjenigen, was die neuere Menschheit als ihr Göttliches schildert, ist nur ein Luziferisches. Man erkennt es aber nicht in der richtigen Weise, ebensowenig wie das Ahrimanische. Das spielt noch herein in Goethes «Faust», wenn wir dem «Herrn» gegenübergestellt finden Mephistopheles; aber auch Goethe hat noch nicht trennen können das Ahrimanische vom Luziferischen. So ist sein Mephistopheles ein Durcheinandermischen geworden des Luzifer und des Ahriman. Ich habe schon darauf hingewiesen in meinem Büchlein «Goethes Geistesart». Man ist heute im rechten Sinne ein Goetheanist, wenn man nicht, wie etwa manche Akademiker und sonstige Leute der Gegenwart es tun, einfach das nachspricht, was aus Goethe wortwörtlich kommt, sondern wenn man sich den Weg bahnt so zu Goethe hin, daß man auch dasjenige einsehen kann, was bei ihm anders werden mußte, gerade wenn man seiner Weltanschauung folgt über das Jahr 1832 hinaus; wenn wir heute nicht von einem Goethe des Jahres 1832 sprechen, sondern von einem Goethe des Jahres 1919, nun schon bald 1920. Aber gefunden werden muß der Weg, sich ruhig einzugestehen, daß in demjenigen, was die materialistischen Jahrhunderte ihr Göttliches genannt haben, viel Luziferisches steckt, daß man vieles nehmen kann, wodurch heute die Menschen Religion verbreiten wollen, was nur als Worte auf den Flügeln des Luziferischen in die Menschheit hineinzieht. Erst dann, wenn die Menschen den Dualismus wieder erkennen werden von dem Luziferischen, das sie hinaufführen will, und dem Ahriimanischen, das sie unter sie hinunterführen will, zu dem wirklichen Christlichen, dann werden die Menschen im wahren Sinne wiederum stehen vor dem Weihnachts-Ereignis, vor jenem Ereignis, durch das erinnert werden soll, wie hereingezogen ist in die Menschheitsentwickelung dasjenige, was der Erde eigentlich Sinn gibt, einen wirklichen Sinn gibt.
[ 21 ] What has happened in recent times? Something has happened that humanity should examine with true spiritual and intellectual fervor, for until it understands this, it will not find the true path to Christmas. Today we read Milton and Klopstock, their descriptions of the supersensible world; how do we read them? We read them in such a way that Luciferic qualities are projected everywhere onto that which one wishes to call divine. People like Klopstock and Milton seek to depict the struggle between a Luciferic force—which appears to them as the divine—and the Ahrimanic. And a large part of what modern humanity describes as its divine is merely Luciferic. But people do not recognize it in the right way, any more than they do the Ahrimanic. This still comes into play in Goethe’s Faust, where we find Mephistopheles set in opposition to the “Lord”; but even Goethe was not yet able to separate the Ahrimanic from the Luciferic. Thus, his Mephistopheles has become a jumble of the Luciferic and the Ahrimanic. I have already pointed this out in my little book Goethe’s Spirit. Today, one is a Goetheanist in the true sense not if, as some academics and other people of the present day do, one simply parrots what comes verbatim from Goethe, but if one forges a path toward Goethe in such a way that one can also understand what had to change in him, especially when following his worldview beyond the year 1832; if we speak today not of a Goethe of the year 1832, but of a Goethe of the year 1919—and soon to be 1920. But we must find the way to calmly admit to ourselves that there is much that is Luciferic in what the materialistic centuries have called their “divine,” that much of what people today use to spread religion consists only of words carried into humanity on the wings of the Luciferic. Only when people once again recognize the dualism between the Luciferic—which seeks to lift them up— and the Ahrimanic, which seeks to lead them downward, to the true Christian, only then will people once again stand, in the true sense, before the Christmas event—that event meant to remind us how that which actually gives the Earth meaning, a true meaning, has been drawn into the development of humanity.
[ 22 ] Heute muß man manchmal an Leonardo da Vinci denken. Leonardo da Vinci hat einstens ja in Mailand sein großes Bild gemalt, das Sie kennen, das heilige Abendmahl, den Christus mit seinen Aposteln rings herum. Er hat lange an diesem Bild gemalt, zwei Jahrzehnte. Er wollte vieles in dieses Bild hineinmalen. Er konnte nicht fertig werden, weil er immer wiederum den Ansatz machte, die Judas-Figur in der richtigen Weise zu malen. Nun war im Sinne der Stadtorganisation von Mailand der Abt jenes Klosters, für das das Bild gemalt wurde, sein unmittelbarer Vorgesetzter, und als ein neuer Abt kam, der nun nicht so mild war wie der alte, sondern schneidig, da ging er den Leonardo hart an und verlangte von ihm, daß das Bild nun endlich fertig werden solle. Nun sagte Leonardo, jetzt könne er es auch fertig machen, denn seit der neue Abt da sei, habe er ein Vorbild für den Judas. Dann hat er in kurzer Zeit jenes Judasgesicht hingemalt, das wir im Bilde sehen. Wie dem Leonardo am Ausgangspunkt der neueren Zeit das Judasgesicht gerade auf dem Boden des positiven Bekenntnisses erschienen ist, so haben wir schon heute vielfach Veranlassung, uns recht sehr in das Herz hinein und in die Seele zu schreiben, wie derjenige, an dessen Geburt wir uns erinnern an diesem heiligen Weihnachtsfeste, verraten wird am allermeisten von vielen derer, die angeben, ihm aus ihrem Bekenntnisse heraus die Feste zu bereiten. Wir wissen, auch dieses Weihnachtsfest, es gehört zu demjenigen, was die christliche Entwickelung aufgenommen hat. Erst im 3. und 4. Jahrhundert hat man begonnen, in diesen Dezembertagen die Geburt Christi zu feiern. Das Ereignis von Golgatha war schon Jahrhunderte dahin, da nahm die Anschauung, die sich hinwendete zu dem Ereignis von Golgatha, Neues auf, sogar so einschneidend Neues wie die Institution des Weihnachtsfestes dazumal. Und viel, viel später war es noch möglich, dem Christentum Neues einzupflanzen. Gekämpft werden mußte auch dazumal gegen viele derer, die sich damals echte Christen nannten. Aber heute sind zahlreiche solche an der Arbeit, die nicht verfahren wollen, wie ihr eigenes Bekenntnis verfahren ist, als es im 3., 4. Jahrhundert aufgenommen hat die Institution des Weihnachtsfestes, die starr nur bei demjenigen bleiben, von dem sie sagen, daß es geschrieben steht, die ablehnen jede lebendige Offenbarung. Schrecklich ist es in unserer Zeit mit den Schläfrigen, mit denjenigen, die oftmals mit ihrer unmoralischen Gesinnung dasjenige besudeln, was sich in das geistige Leben hereinfinden will, aber am schrecklichsten ist es mit denjenigen, die aus den Bekenntnissen heraus selbst den eigentlichen Geist der christlichen Entwickelung verraten.
[ 22 ] These days, one sometimes can’t help but think of Leonardo da Vinci. Leonardo da Vinci once painted his great masterpiece in Milan—the one you know, The Last Supper, with Christ surrounded by his apostles. He worked on this painting for a long time—two decades. He wanted to include so much in it. He couldn’t finish it because he kept trying to paint the figure of Judas just right. Now, under the municipal administration of Milan, the abbot of the monastery for which the painting was being created was his immediate superior; and when a new abbot arrived—one who was not as lenient as the old one, but rather stern—he pressed Leonardo hard and demanded that the painting finally be completed. Leonardo then said that he could now finish it, for since the new abbot had arrived, he had a model for Judas. He then quickly painted the face of Judas that we see in the painting. Just as the face of Judas appeared to Leonardo at the dawn of the modern era precisely against the backdrop of a positive confession of faith, so too do we have ample reason today to take deeply to heart and engrave upon our souls the fact that the one whose birth we commemorate on this holy Christmas feast is betrayed most of all by many of those who claim to be preparing the festivities for him out of their own faith. We know that this Christmas celebration, too, is part of what Christian development has embraced. It was not until the 3rd and 4th centuries that people began to celebrate the birth of Christ during these December days. The event at Golgotha had already taken place centuries earlier, yet the perspective that turned toward that event at Golgotha embraced something new—something as profoundly new as the institution of the Christmas festival at that time. And much, much later, it was still possible to introduce new elements into Christianity. Even then, a struggle had to be waged against many of those who called themselves true Christians at the time. But today there are many at work who do not wish to proceed as their own creed did when it adopted the institution of Christmas in the 3rd and 4th centuries—those who rigidly cling only to what they say is written, rejecting any living revelation. It is terrible in our time to see those who are slumbering, those who often, with their immoral attitudes, defile that which seeks to enter into spiritual life; but most terrible of all are those who, from within the creeds themselves, betray the very spirit of Christian development.
[ 23 ] Das ist die ernste Stimmung, in die uns heute versetzen wollen die Lichter des Weihnachtsbaumes. Ich wollte auf diese Dinge heute hindeuten. Aus einem anderen Zusammenhang heraus will ich Ihnen das nächste Mal sprechen.
[ 23 ] This is the solemn mood that the lights of the Christmas tree seek to evoke in us today. I wanted to touch on these things today. Next time, I will speak to you from a different perspective.
