Spiritual and Social Transformations
in Human Evolution
GA 196
9 January 1920, Dornach
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Spiritual and Social Transformations in Human Evolution, tr. SOL
Erster Vortrag
First Lecture
[ 1 ] Aus den Betrachtungen, die hier angestellt worden sind vor meiner Abreise, und sogar aus dem, ich möchte sagen, Grundtext der öffentlichen Vorträge ist zu entnehmen, daß es gewissermaßen «abgelesen» ist von dem Sinn der menschlichen Entwickelungsgeschichte, wie einzugreifen hat, unbedingt einzugreifen hat in das äußere Leben, in all dasjenige, was im äußeren Leben gewußt und unternommen werden soll, die Wissenschaft von der Initiation. Wenn man nicht imstande ist, heute in vollem Ernste sich zu durchdringen mit dieser Wahrheit, dann schläft man gegenüber den eigentlichen Zeitforderungen. Dieses Schlafen gegenüber den eigentlichen Zeitforderungen ist ja bei den meisten Menschen der Gegenwart eben durchaus der Fall. Man muß sıch nämlich darüber klar sein, daß die Gegenwart an dıe Menschheit Fragen stellt, die anders nicht zu beantworten sind als aus der Wissenschaft der Initiation heraus. Dabei handelt es sich nicht nur darum, daß ja eine Wissenschaft der Initiation zu allen Zeiten innerhalb der Menschheitsentwickelung da war, daß es zu allen Zeiten gewissermaßen Eingeweihte in die Ereignisse, in die Kräfte des Daseins gegeben hat, sondern es handelt sich darum, daß es auch heute solche Eingeweihte in die Ereignisgründe und in die Kräfte des Daseins gibt; allein wie es sich im Genaueren mit dieser Sache verhält, davon machen sich die wenigsten Menschen eine ordentliche Vorstellung. Und eigentlich möchten das die Menschen der Gegenwart gar nicht. Sie scheuen eigentlich doch zurück vor dem, was man nennen kann die Notwendigkeit des Eingreifens initüerter Wissenschaft in das Bewußtsein der Zeit. Man bekommt von dem Ernste der Zeitlage nur dann eine Vorstellung, wenn man die Differenzierung dieser Angelegenheit über die zivilisierte Welt hin beobachtet. Denn die Dinge liegen ganz anders mit Bezug auf den Osten, sie liegen ganz anders mit Bezug auf den Westen. Und wer heute glaubt, mit absoluten Urteilen, die für alles gelten sollen, auskommen zu können, der lebt nicht in der Wirklichkeit, sondern der lebt eigentlich in einer abstrakten Welt. Aber notwendig ist es, daß die Dinge immer wieder und wiederum von verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachtet werden, damit wenigstens in einigen Leuten der Ernst der Zeitlage zum Bewußtsein getrieben werde.
[ 1 ] From the reflections made here before my departure, and even from what I would say, the basic text of the public lectures, it can be inferred that the science of initiation is, so to speak, “derived” from the meaning of human evolutionary history—namely, how it must intervene, indeed absolutely must intervene, in external life, in all that is to be known and undertaken in external life. If one is unable today to fully and earnestly take this truth to heart, then one remains oblivious to the true demands of the times. This obliviousness to the true demands of the times is, in fact, very much the case for most people today. For one must be clear about the fact that the present poses questions to humanity that can be answered in no other way than through the science of initiation. This is not merely a matter of the fact that a science of initiation has existed at all times throughout human development—that there have always been, so to speak, initiates into the events and the forces of existence—but rather that such initiates into the causes of events and the forces of existence exist even today; yet very few people have a clear understanding of exactly how this matter stands. And, in truth, people today do not really want to understand it. They actually shy away from what might be called the necessity of the intervention of the science of initiation into the consciousness of our time. One can only gain a sense of the gravity of the current situation by observing how this matter differs across the civilized world. For things are quite different in the East, and they are quite different in the West. And anyone who believes today that they can get by with absolute judgments intended to apply to everything is not living in reality, but is actually living in an abstract world. But it is necessary that matters be viewed again and again from different perspectives, so that at least some people may become aware of the gravity of the situation.
[ 2 ] Wenn man zunächst auf den Westen blickt, vorzugsweise auf die Welt der englischsprechenden Erdenbevölkerung, so ist heute das öffentliche Urteil und dasjenige, was herausfließt aus dem öffentlichen Urteil für die äußeren Geschehnisse, für die äußeren Ereignisse, innerhalb dieser englischsprechenden Bevölkerung nicht etwa bloß abhängig von dem, was — ich will mich heute einmal, ich möchte sagen, ganz dezidiert ausdrücken — die Uneingeweihten träumen und als Lebensideale hinstellen. Gerade im Gebiete der englischsprechenden Bevölkerung ist auf der einen Seite ein gewaltiger Gegensatz vorhanden zwischen dem, was so im öffentlichen äußeren Bewußtsein als Ideen vorkommt, und dem, was hinter den Kulissen der Weltgeschichte diejenigen meinen, die in die Ereignisse des Weltenganges wirklich eingeweiht waren oder sind.
[ 2 ] If we first look to the West—specifically at the English-speaking population of the world—we see that public opinion today, and the conclusions drawn from that public opinion regarding external events, are not merely dependent on what—I want to say today, I’d like to say, quite explicitly—the uninitiated dream of and present as ideals of life. Precisely among the English-speaking population, there exists, on the one hand, a tremendous contrast between what appears as ideas in the public, external consciousness and what, behind the scenes of world history, is meant by those who were or are truly initiated into the events of world history.
[ 3 ] Denn wenn man so das allgemeine Bewußtsein nimmt, wie es sich in diesen Gegenden der zivilisierten Erde ausdrückt, zunächst in den besten Bestrebungen, in den besten öffentlichen Publikationen, so können wir sagen: Es ist da vorhanden eine Art Ideal von einer gewissen Humanität, von einem Hinarbeiten der Menschheit nach einer gewissen Humanität, nach einem Zusammenfassen der menschlichen Wirksamkeiten unter dem Gesichtspunkte der Humanität, von dem Installieren von Institutionen, welche sich in den Dienst der Humanität stellen. Wir wollen absehen von alledem, was reichlich vorhandene trübe, lügnerische Wasser sind; wir wollen sehen auf dasjenige, was im öffentlichen Leben das Beste ist, das von den Uneingeweihten kommt. Das ist ein gewisses Streben, die Menschen unter dem Gesichtspunkte der Humanität zusammenzufassen. — Hinter diesem äußeren Streben steht das Wissen der Eingeweihten, das Wissen der tonangebenden Eingeweihten. Und ohne daß die Öffentlichkeit das weiß, ohne daß die Öffentlichkeit Gelegenheit dazu hat, sich ein genügendes Wissen von den Dingen überhaupt zu verschaffen, fließen die Urteile, die richtunggebenden Kräfte von seiten gewisser eingeweihter Kreise in die öffentliche Meinung und in den davon abhängenden Gang der Ereignisse, der äußeren Taten ein.
[ 3 ] For if we consider the general consciousness as it is expressed in these regions of the civilized world—first and foremost in the noblest aspirations and in the finest public publications—we can say: There exists a kind of ideal of a certain humanity—of humanity striving toward a certain humanity, of bringing together human endeavors from the perspective of humanity, and of establishing institutions that place themselves in the service of humanity. Let us set aside all that which is an abundance of murky, deceitful waters; let us look to what is best in public life, that which comes from the uninitiated. This is a certain striving to unite people under the banner of humanity. — Behind this outward striving lies the knowledge of the initiated, the knowledge of the leading initiated. And without the public knowing it, without the public having the opportunity to acquire sufficient knowledge of these matters at all, the judgments and the guiding forces from certain initiated circles flow into public opinion and into the course of events and external actions that depend on it.
[ 4 ] Es kann sich da oder dort irgendeine Gesellschaft auftun mit schönen Programmen, schönen Idealen. Die Leute können von Idealismus nur so triefen. Aber es lebt bei ihnen, ohne daß sie es wissen, nicht nur dasjenige, wovon sie reden, sondern es gibt Mittel und Wege, um in alle diese Dinge eindringen zu lassen dasjenige, was man von einer gewissen Seite, von seiten der Eingeweihten, eindringen lassen will. Und so ist es denn gekommen, daß im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, im Beginne des 20. Jahrhunderts — wir wollen zunächst bei diesen Dingen stehenbleiben und nicht weiter zurückgehen —, die gutmeinenden Menschen, die aber uneingeweiht waren, die von allen möglichen schönen Idealen träumten, sich zusammentaten, um diese schönen Ideale durch Vereinigung in Gesellschaften zu verwirklichen, daß aber hinter diesem Treiben Eingeweihte stehen, jene Eingeweihten, welche in den achtziger Jahren — wie gesagt, wir wollen nicht weiter zurückgehen — des 19. Jahrhunderts davon sprachen, daß ein Weltkrieg kommen müsse, der vor allen Dingen den europäischen Südstaaten und dem europäischen Osten ein ganz anderes Antlitz geben müsse.
[ 4 ] Here and there, some group may emerge with lofty programs and noble ideals. People may be brimming with idealism. But without their knowing it, what lives within them is not only what they speak of; rather, there are ways and means to allow into all these things precisely what certain parties—the initiates—wish to introduce. And so it came to pass that in the last third of the 19th century, at the beginning of the 20th century — let us pause for now at these events and not go further back — well-meaning people, who were, however, uninitiated and who dreamed of all manner of beautiful ideals, joined forces to realize these beautiful ideals by forming societies; yet behind this activity stood the initiates, those initiates who, in the 1880s—as I said, let us not go any further back—spoke of the inevitability of a world war that would, above all, give the southern European states and Eastern Europe a completely different face.
[ 5 ] Wenn man in der Lage ist, zu verfolgen, was innerhalb der Kreise der Eingeweihten auf diesem Felde gelehrt und gesprochen worden ist, dann weiß man, daß da mit einer großen Sicherheit vorausgesagt worden sind die Dinge, die als die schrecklichen, furchtbaren Dinge in den letzten fünf Jahren sich über die zivilisierte Welt ergossen haben. Alle diese Dinge waren den Eingeweihten der englischsprechenden Bevölkerung durchaus nicht etwa ein Geheimnis, und durch alle Erörterungen hindurch geht die folgende Diskrepanz: Auf der einen Seite schöne exoterische Ideale, das Ideal der Humanität mit dem wirklichen Glauben an dieses Ideal der Humanität in den verschiedensten Formen von seiten der Uneingeweihten; auf der andern Seite die Lehre, die bewußte, streng vertretene Lehre, daß alles dasjenige verschwinden müsse aus der modernen Zivilisation, was romanische, was mitteleuropäische Kultur ist, daß prädominieren müsse, zur Weltherrschaft gelangen müsse, was die Kultur der englischsprechenden Bevölkerung ist.
[ 5 ] If one is able to trace what has been taught and discussed within the circles of initiates in this field, then one knows that the events—which have poured down upon the civilized world over the past five years as terrible, dreadful things—were predicted there with a high degree of certainty. None of these things were by any means a secret to the initiates among the English-speaking population, and the following discrepancy runs through all the discussions: on the one hand, beautiful exoteric ideals—the ideal of humanity, with a genuine belief in this ideal of humanity in its various forms on the part of the uninitiated; on the other hand, the doctrine—the conscious, rigorously upheld doctrine—that everything that constitutes Romance and Central European culture must disappear from modern civilization, and that the culture of the English-speaking population must predominate and achieve world domination.
[ 6 ] Wenn diese Dinge jetzt ausgesprochen werden, so haben sie viel mehr Gewicht, als wenn sie vielleicht vor zwanzig Jahren ausgesprochen worden sind, aus dem einfachen Grunde, weil man vor zwanzig Jahren den Leuten, die die Sache aussprachen, sagen konnte: Nun ja, Ihr hört das Gras wachsen. — Heute kann man darauf hinweisen, daß ja ein großer Teil von all dem, was da ausgesprochen worden ist innerhalb der Eingeweihtenkreise, wirklich zur Realisierung gekommen ist.
[ 6 ] When these things are spoken of now, they carry much more weight than if they had been spoken of, say, twenty years ago, for the simple reason that twenty years ago one could have said to the people who spoke of these matters: “Well, you’re just imagining things.” — Today, one can point out that a large part of everything that was said within the circles of the initiated has indeed come to pass.
[ 7 ] Ich spreche so vorsichtig, als es möglich ist, um ja nicht irgendwie abzuweichen von der Darstellung des rein Tatsächlichen. Aber diese Darstellung des rein Tatsächlichen, das ist ja der Mehrzahl der Gegenwartsmenschen etwas außerordentlich Unbequemes. Sie möchte es so abstreifen, sie möchte es nicht an sich herankommen lassen. Es ist ja in der Gegenwart etwas so sehr die Seelenwollust Anfeuerndes, wenn man den Nationalismus in dieser oder jener Weise pflegt, wenn man vom Völkerbund spricht, von der Wiederaufrichtung altheiliger nationaler Institutionen und so weiter. Daß wir in der Gegenwart in einer furchtbaren Menschheitskrisis drinnen sind, das möchten die Menschen heute eben durchaus noch nicht wissen.
[ 7 ] I am speaking as cautiously as possible so as not to deviate in any way from the presentation of the purely factual. But this presentation of the purely factual is, after all, something extraordinarily uncomfortable for the majority of people today. They want to shake it off; they do not want to let it get to them. After all, there is something in the present that so greatly stirs the soul’s lust—when one cultivates nationalism in this or that way, when one speaks of the League of Nations, of the restoration of time-honored national institutions, and so on. The fact that we are currently in the midst of a terrible crisis of humanity—that is precisely what people today still do not want to know.
[ 8 ] Nun haben wir damit mit einigen Worten auf die Diskrepanz hingewiesen zwischen dem, was die Uneingewethten im Westen wissen, und dem, was, ohne daß sie es wissen, pulst in ihren Entschlüssen. Man kann ja wirklich erst dadurch wissen, wie man als Mensch eingegliedert ist in das, was geschieht, wenn man sich bemüht, das kennenzulernen, was da ist in der Welt, wenn man sich nicht treiben und stoßen läßt, sondern wenn man versucht, Mittel und Wege zu finden, die wirklich Freiheit des Willens möglich machen.
[ 8 ] We have now briefly pointed out the discrepancy between what the uninitiated in the West know and what, unbeknownst to them, drives their decisions. After all, one can truly know how one, as a human being, is integrated into what is happening only by striving to understand what exists in the world—not by allowing oneself to be pushed and shoved, but by trying to find ways and means that make true freedom of will possible.
[ 9 ] Und wenn man nach dem Osten sieht: über den ganzen Osten hin gibt es auch diesen Zwiespalt zwischen Eingeweihten und Uneingeweihten. Wie reden da die Uneingeweihten ? — Diese Uneingeweihten reden da im Osten etwa so wie Rabindranath Tagore. Rabindranath Tagore istein wunderbarer Idealist des Ostens, ein Mensch, der außerordentlich einschneidende Ideale zu vertreten hat. Alles ist schön an dem, was er äußerlich zum Ausdruck bringt. Aber alles, was da von Tagore ausgeht, ist eben die Rede eines uneingeweihten Menschen. Diejenigen, die im Orient eingeweiht sind, die reden anders, beziehungsweise nach der alten Gepflogenheit des Orients: Sie reden gar nicht. Sie haben andere Wege, um dasjenige in Wirksamkeit, in soziale Wirksamkeit zu bringen, was sie eigentlich wollen. Sie wollen erreichen, daß nun nicht von irgendeiner Seite Weltherrschaft angestrebt werde, denn sie sind sich klar darüber — sie glauben, sich klar darüber zu sein — daß, wenn es noch irgendein Herrschaftsverhältnis auf der Erde gibt, dieses nur sein kann das der englisch-amerikanischen Menschheit. Das wollen sie aber nicht. Deshalb wollen sie eigentlich die Zivilisation der Erde verschwinden lassen. Sie sind ja im intensivsten Grade bekannt mit der spirituellen Welt, und sie sind der Überzeugung, daß die Menschheit besser fortkommt, wenn sie sich den folgenden irdischen Inkarnationen entzieht. Sie wollen daher daran arbeiten, daß die Menschen sich den folgenden Inkarnationen entziehen. Für diese Eingeweihten des Orients werden die Ergebnisse des Leninismus nichts Schreckhaftes haben, denn diese Eingeweihten des Orients sagen sich: Wenn diese Institutionen des Leninismus sich immer mehr und mehr über die Erde verbreiten, so ist das der sicherste Weg, die Erdenzivilisation zugrunde zu richten. Das aber wird gerade für die Menschen das Günstige sein, die durch ihre bisherige Inkarnation sich die Möglichkeit verschafft haben, weiter fortzuleben ohne die Erde.
[ 9 ] And if one looks to the East: throughout the entire East, there is also this dichotomy between the initiated and the uninitiated. How do the uninitiated speak there? — These uninitiated people in the East speak much like Rabindranath Tagore. Rabindranath Tagore is a wonderful idealist of the East, a man who upholds extraordinarily profound ideals. Everything he expresses outwardly is beautiful. But everything that emanates from Tagore is precisely the speech of an uninitiated person. Those who are initiated in the East speak differently—or rather, in accordance with the ancient custom of the East: they do not speak at all. They have other ways of bringing into effect—into social effect—what they actually want. They want to ensure that no one, from any side, strives for world domination, for they are clear—or believe themselves to be clear—that if any relationship of domination still exists on Earth, it can only be that of Anglo-American humanity. But they do not want that. That is why they actually want to make Earth’s civilization disappear. They are, after all, intimately familiar with the spiritual world, and they are convinced that humanity will fare better if it withdraws from future earthly incarnations. They therefore wish to work toward ensuring that people withdraw from future incarnations. For these initiates of the East, the results of Leninism will hold nothing terrifying, for these initiates of the East tell themselves: If these institutions of Leninism continue to spread more and more across the Earth, that is the surest way to bring about the downfall of Earth’s civilization. But this will be particularly beneficial for those people who, through their previous incarnation, have secured the opportunity to continue living beyond the Earth.
[ 10 ] Wenn man den Europäern von solchen Dingen spricht, so halten sie das für Paradoxie. Innerhalb der Kreise der orientalischen Eingeweihten redet man von diesen Dingen so, wie der Europäer in seinem Unverstand davon redet, daß Erbsensuppe anders schmecke als Reissuppe; denn für sie sind das Realitäten, die durchaus nicht außerhalb des Bereiches dieser alltäglichen Erörterungen zu liegen brauchen. Wenn man die Verfassung der heutigen zivilisierten Welt betrachtet und sie wirklich verstehen will, dann darf man nicht außer acht lassen, daß vom Osten und Westen diese Dinge in unsere gegenwärtige Zivilisation hineinwirken. Und arbeiten im Sinne des menschlichen Fortschrittes kann man in der Gegenwart gar nicht anders als mit einem vollständigen Empfinden für diese Einflüsse auf den Gang der Menschheitsentwickelung. Das äußere Leben, wie es sich darstellt, ist es denn ein Abdruck desjenigen, was die Menschen exoterisch glauben, was die Menschen, die sich nur beherrschen lassen von der Wissenschaft der Uneingeweihten, meinen?
[ 10 ] When one speaks to Europeans about such things, they consider it a paradox. Within the circles of Eastern initiates, people speak of these things in the same way that a European, in his ignorance, speaks of how pea soup tastes different from rice soup; for them, these are realities that need not lie outside the realm of such everyday discussions. If one considers the state of today’s civilized world and truly wishes to understand it, one must not overlook the fact that these influences from both the East and the West are at work within our present civilization. And in the present day, one cannot work toward human progress without a full awareness of these influences on the course of human development. Is external life, as it presents itself, merely a reflection of what people believe on an exoteric level—of what people think, guided solely by the science of the uninitiated?
[ 11 ] Wer diese Frage ernstlich studieren möchte, dem empfehle ich, bloß einmal sich acht Tage auszusuchen im Mai oder Juni des Jahres 1914 und Zeitungsartikel, Bücher vom Mai oder Juni 1914 zu lesen und sich zu fragen, wieviel Wirklichkeitsgeist er darin findet, das heißt, wieviel er darin findet von einem Wissen, daß innerhalb der zivilisierten Menschheit dasjenige gekeimt hat, was dann vom August ab in dieser zivilisierten Menschheit ausgebrochen ist. Nichts haben sich die Uneingeweihten von diesen Dingen träumen lassen! Ebensowenig lassen sich die Uneingeweihten auch heute noch träumen von dem, was eigentlich vorgeht. Aber die Ereignisse des äußeren Lebens sind keine Abbildungen des Wissens der Uneingeweihten. Es herrscht eine starke Diskrepanz zwischen dem, was die Leute meinen, und dem, was sich im Leben wirklich abspielt. Diese Diskrepanz sollte man sich zum Bewußtsein bringen und sich die Frage sachgemäß beantworten: Wieviel wissen denn eigentlich die Uneingeweihten heute vom Leben, von dem, was das Leben beherrscht?
[ 11 ] To anyone who wishes to seriously study this question, I recommend simply choosing any eight-day period in May or June of 1914 and reading newspaper articles, books from May or June 1914, and ask themselves how much sense of reality they find in them—that is, how much evidence they find of the knowledge that had already taken root within civilized humanity of what would then erupt within that same civilized humanity starting in August. The uninitiated could not have imagined any of these things! Nor can the uninitiated even today imagine what is actually taking place. But the events of outer life are not reflections of the uninitiated’s knowledge. There is a stark discrepancy between what people think and what is actually happening in life. One should become aware of this discrepancy and answer the question appropriately: How much do the uninitiated actually know today about life, about what governs life?
[ 12 ] Die Leute reden über das Leben. Die Leute machen Theorien und Ideale und Programme, aber ohne das Leben zu kennen. Und wenn einmal etwas auftritt, was aus dem Leben heraus gestaltet ist, dann erkennen das die Menschen nicht an, dann halten sie gerade das für Theorien oder für Absurditäten oder dergleichen. Für das Leben haben nun die Einflüsse des Westens und des Ostens eine ganz verschiedene Bedeutung. Diese verschiedene Bedeutung spielt in unserem Leben im eklatantesten Sinne mit für den, der solche Dinge beobachten kann. Wenn das, was man im Westen als Theorien, als Programme, als soziale Anschauungen hat, das Leben beherrschen sollte, da käme nichts heraus, gar nichts, wirklich gar nichts. Daß es eine westliche Zivilisation gibt, daß das westliche Leben überhaupt Institutionen entwickeln kann, das rührt nicht davon her, daß dieses westliche Leben solche Ideen hat, wie etwa Spencer oder Darwin oder andere, mehr sozial denkende Menschen haben; denn mit all diesen exoterischen Theorien und Anschauungen ist in Wirklichkeit nichts anzufangen. Daß das Leben doch fortgeht, daß das Leben nicht stillsteht, das rührt lediglich davon her, daß alte traditionelle Instinkte in der englischsprechenden Bevölkerung leben und daß man nach diesen Instinkten das Leben richtet, nicht nach den Theorien. Die Theorien sind ja nur eine Dekoration, durch die man schöne Worte über das Leben spricht. Dasjenige, was das Leben regiert, sind die Instinkte, die aus dem Unbewußten der Seele an die Oberfläche heraufgetrieben werden. Das ist etwas, was in allerernstestem Sinne beobachtet und erkannt werden muß.
[ 12 ] People talk about life. People come up with theories, ideals, and programs, but without really knowing life. And when something does arise that is shaped by life itself, people fail to recognize it; instead, they dismiss it as mere theory, absurdity, or something of the sort. For life, the influences of the West and the East have entirely different meanings. This difference in meaning plays out in our lives in the most striking way for those who can observe such things. If what the West regards as theories, programs, or social views were to dominate life, nothing would come of it—nothing at all, truly nothing. The fact that there is a Western civilization, that Western life can develop institutions at all, does not stem from the fact that this Western life holds ideas such as those of Spencer, Darwin, or other, more socially minded people; for in reality, all these exoteric theories and views are of no practical use. The fact that life goes on nonetheless, that life does not stand still, stems solely from the fact that old, traditional instincts live on in the English-speaking population and that people organize their lives according to these instincts, not according to theories. The theories are, after all, merely a decoration through which one speaks fine words about life. What governs life are the instincts that are driven to the surface from the unconscious of the soul. This is something that must be observed and recognized in the most serious sense.
[ 13 ] Und gehen wir nach dem Osten, beginnen wir meinetwillen diesen Osten schon beim Rhein, denn sehr bald wird das Leben vom Rhein ostwärts dem Osten immer mehr und mehr ähnlich werden. Schauen wir uns das an, was da im Osten vorhanden ist. Betrachten Sie es zunächst historisch: durch Deutschland, durch Rußland, selbst noch durch Vorderasien. Wenn Sie es in Deutschland historisch betrachten, so finden Sie etwas außerordentlich Merkwürdiges. Sie finden, daß diese Deutschen Geister hatten wie Goethe, wie Fichte, wie Schelling, wie Hegel, wie Herder, daß sie aber eigentlich in Wirklichkeit nichts davon wissen, daß sie solche Geister gehabt haben. Innerhalb Deutschlands war die Zivilisation das Eigentum einer kleinen Geistesaristokratie. Niemals hat diese Zivilisation Platz gegriffen in den weiteren Kreisen. Goethe ist für weitere deutsche Kreise eine unbekannte Persönlichkeit geblieben, auch nach 1862. Ich sage 1862, weil man ja vorher in Deutschland nur sehr schwer die Werke Goethes hat auftreiben können. Sie waren noch nicht frei, und die Cottas haben dafür gesorgt, daß sie nicht eben leicht haben aufgetrieben werden können. Seit jener Zeit sind sie frei zu drucken. Sie werden zwar gelesen, aber sie sind niemals in das wirkliche geistige Leben von so etwas wie einer deutschen Nation eingedrungen. Daher beginnt es bereits bei den Deutschen mit einer Instinktunsicherheit im höchsten Grade. Jenen intensiv eingreifenden geistigen Mächten, die ausstrahlen von einem Herder, einem Goethe, einem Fichte, diesen bestimmten Lebenstrieben steht gegenüber eine im höchsten Grade so zu nennende Instinktunsicherheit, eine Instinktunsicherheit aus dem Grunde, weil in diesen Gegenden die Instinkte nicht konservativ geblieben sind. Im Westen sind sie konservativer geblieben. Hier sind sie nicht konservativ geblieben, aber sie sind auch nicht erneut worden, sie sind nicht durchdrungen worden von dem, was die Geistessubstanz ihnen hätte geben können.
[ 13 ] And let us turn to the East; for my part, let us begin this journey eastward right at the Rhine, for very soon, as we move eastward from the Rhine, life will come to resemble the East more and more. Let us take a look at what exists there in the East. Consider it first from a historical perspective: through Germany, through Russia, and even through the Near East. If you look at it historically in Germany, you will find something extraordinarily curious. You will find that the Germans had thinkers like Goethe, Fichte, Schelling, Hegel, and Herder, but that in reality they know nothing about having had such thinkers. Within Germany, civilization was the preserve of a small intellectual aristocracy. This civilization never took root in wider circles. Goethe remained an unknown figure to broader German circles, even after 1862. I say 1862 because, prior to that, it was very difficult to obtain Goethe’s works in Germany. They were not yet freely available, and the Cottas had ensured that they could not be easily obtained. Since that time, they have been freely available for publication. They are read, to be sure, but they have never penetrated the true intellectual life of what might be called a German nation. Consequently, the Germans already begin with a profound sense of instinctual uncertainty. Those intensely influential spiritual forces—radiating from a Herder, a Goethe, a Fichte—and these specific life impulses are countered by what can only be described as a profound sense of instinctual uncertainty, an uncertainty rooted in the fact that, in these regions, the instincts have not remained conservative. In the West, they have remained more conservative. Here, they have not remained conservative, but neither have they been renewed; they have not been imbued with what the spiritual substance could have given them.
[ 14 ] Noch deutlicher wahrnehmbar ist dieses im eigentlichen europäischen Osten. Denken Sie doch nur, welche Rolle in diesem europäischen Osten die sogenannte orthodoxe Religion gespielt hat, wie sie eingeflossen ist in die öffentlichen Institutionen, wie sie gelebt hat ein äußeres Leben und wie sie nichts, aber auch gar nichts war für die Seelen. Das Konservieren dieses östlichen Orthodoxismus, der sich längst seinem Inhalte nach ausgelebt hat, das bedeutet, daß die Menschenseelen in die Unsicherheit des Lebens geradezu gestoßen worden sind. Wer in Westeuropa russische Menschen kennengelernt hat, der war selbstverständlich im höchsten Grade berührt von dem eigentümlichen Verhältnis, das diese Menschen auf der einen Seite zu dem Allgemein-Menschlichen, auf der andern Seite zu dieser orthodoxen Religion hatten. Wie vor vielen Jahrhunderten der orthodoxen Religion entlaufene Seelen, welche die Anhängsel, die Andenken von dieser orthodoxen Religion sich noch umgehängt haben und welche den Glauben hatten, daß ihnen diese orthodoxe Religion doch etwas sein könne, so erscheinen einem diese Menschen, welche sich gar nicht vorstellen konnten, wie sehr sie entlaufen waren dieser orthodoxen Religion. — Das ist dasjenige, was die russische Seele charakterisiert. Und damit ist erst recht ausgegossen über den europäischen Osten die Instinktunsicherheit, das Nicht-innerlich-Gehaltenwerden durch Instinkte. Das eigentümlich Weiche, das über den russischen Menschen ausgegossen ist, hängt letzten Endes mit dieser Instinktunsicherheit zusammen.
[ 14 ] This is even more clearly evident in what is properly considered Eastern Europe. Just consider the role that the so-called Orthodox religion has played in this eastern part of Europe, how it has permeated public institutions, how it has existed as a mere outward form, and how it has meant nothing—absolutely nothing—to people’s souls. The preservation of this Eastern Orthodoxy, which has long since exhausted its substance, means that people’s souls have been thrust headlong into the uncertainty of life. Anyone in Western Europe who has come to know Russian people has, of course, been deeply moved by the peculiar relationship these people had, on the one hand, to what is universally human, and on the other, to this Orthodox religion. Just as souls who strayed from the Orthodox religion many centuries ago—who still clung to the trappings and mementos of that religion and believed that it might still mean something to them—so do these people appear to us: people who could not even imagine how far they had strayed from the Orthodox religion. — This is what characterizes the Russian soul. And with this, the insecurity of instinct—the lack of inner grounding through instincts—has been poured out all the more over Eastern Europe. The peculiar softness that pervades the Russian people is ultimately connected to this insecurity of instinct.
[ 15 ] Die ganze Menschheit Asiens kann heute, kann in den nächsten Jahrzehnten eine Beute der europäischen Eroberer werden, weil diejenigen, die dort eingeweiht werden, sich gar nichts daraus machen, daß die allgemeine Menschheit eine Beute der Eroberer wird. Denn um so eher werden die Glieder dieser allgemeinen Menschheit Geschmack daran gewinnen, aus dem irdischen Leben sich herauszuziehen und die Erde für die nächste Inkarnation zu verlassen.
[ 15 ] The entire population of Asia could become, today and in the coming decades, the prey of European conquerors, because those who are being initiated there do not care in the least that humanity as a whole is becoming the prey of the conquerors. For all the more will the members of this universal humanity come to take a liking to withdrawing from earthly life and leaving the Earth for their next incarnation.
[ 16 ] In diesen Kräftewirkungen stehen wir drinnen. Und es hat heute überhaupt nur einen Sinn, über das Leben zu reden, wenn man seine Worte durchdrungen sein läßt von dem Bewußtsein, daß es eben heute im Leben so ist, daß man davon ausgehen muß, daß diejenigen Kräfte aus den Menschenseelen erlöst, herausgeholt werden müssen, die nicht nach der einen und nicht nach der andern Richtung gehen, sondern die gehen nach einer wirklichen Erneuerung auch der Wissenschaft der Initiation. Deshalb muß immer wieder und wieder darauf hingewiesen werden, wie der Gegenwartsmensch durchsteuern muß zwischen dem extremen Intellektualismus auf der einen Seite und dem Emotionalismus auf der andern Seite.
[ 16 ] We are immersed in these forces. And today, it only makes sense to talk about life if one allows one’s words to be imbued with the awareness that life today is such that one must assume that those forces must be liberated and drawn out of human souls—forces that do not go in one direction or the other, but rather toward a genuine renewal of the science of initiation as well. That is why it must be pointed out again and again how modern human beings must navigate between extreme intellectualism on the one hand and emotionalism on the other.
[ 17 ] Unser Leben verläuft in diesem Zwiespalte: zwischen einem immer mehr und mehr sich steigernden und sich überschlagenden Intellektualismus und zwischen dem Emotionalismus, der in die wildesten, in die animalischen Triebe des Menschenlebens hinuntertaucht und dadurch die Impulse des Daseins sucht. Der Intellektualismus ist dasjenige, was sich an Geistesleben aus dem heraus entwickelt, was groß geworden ist seit dem 15. Jahrhundert. Aber dieses Geistesleben ist schattenhaft, dieses Geistesleben ist dünn, dieses Geistesleben ist phrasenhaft. Daher, weil dieses Geistesleben dünn, schattenhaft ist, bestimmen sich die Kräfte, die in diesem Geistesleben wirken, nicht nach wirklich Geistigem, sondern nach den Instinkten, nach den Trieben, nach dem Animalischen in der Menschheit. Die Menschheit hat heute nicht die Kraft, mit ihren schattenhaften intellektuellen Ideen die Triebe zu impulsieren und sie dadurch zu vergeistigen. Und so ist der heutige Mensch in jedem Augenblick seines Lebens mit Bezug auf seine Seele gründlich gespalten.
[ 17 ] Our lives unfold in this dichotomy: between an ever-increasing and escalating intellectualism, and emotionalism that plunges into the wildest, most animalistic instincts of human life, thereby seeking the impulses of existence. Intellectualism is that aspect of spiritual life that has developed out of what has grown since the 15th century. But this spiritual life is shadowy, this spiritual life is thin, this spiritual life is full of empty phrases. Therefore, because this spiritual life is thin and shadowy, the forces at work within it are determined not by what is truly spiritual, but by instincts, by drives, by the animalistic aspects of humanity. Humanity today lacks the power to use its shadowy intellectual ideas to stimulate the drives and thereby spiritualize them. And so, in every moment of their lives, people today are thoroughly divided with regard to their souls.
[ 18 ] Nehmen Sie nur einmal an, Sie stehen beurteilend Ihren Mitmenschen gegenüber. Da sind Sie nämlich intellektualistisch. Jedesmal, wenn der Mensch heute in der Gegenwart Kritik übt an seinen Mitmenschen, wird er intellektualistisch. Wenn er mit ihnen zusammenwirken soll in sozialer Gemeinschaft, wird er emotionell; dann wird er so, daß er sich beherrschen läßt von den animalischen Trieben. Alles dasjenige, was wir an Lebensarbeit suchen, tauchen wir allmählich ins Animalisch-Triebhafte; alles dasjenige, was wir an Lebensbeurteilungen suchen, auch wenn es auf die Mitmenschen sich erstreckt, tauchen wir ins Intellektualistische. Die Menschen der Gegenwart werden sich gar nicht bewußt dieses Zwiespaltes in ihrer Seele. Sie merken gar nicht, wie sie ganz anders sind, wenn sie über ihre Mitmenschen urteilen, und dann, wenn sie mit ihren Mitmenschen zusammen handeln sollen.
[ 18 ] Just suppose for a moment that you are judging your fellow human beings. In that case, you are being intellectualistic. Every time a person today criticizes his fellow human beings, he becomes intellectualistic. When they are supposed to interact with others in a social community, they become emotional; then they become so dominated by their animalistic instincts that they lose self-control. In everything we seek in our life’s work, we gradually sink into the animalistic and instinctual; in everything we seek in our judgments of life—even when they extend to our fellow human beings—we sink into intellectualism. People today are completely unaware of this conflict within their souls. They do not realize at all how different they are when they judge their fellow human beings, and then when they are supposed to act together with them.
[ 19 ] Das intellektualistische Leben aber überschlägt sich. Das intellektualistische Leben strebt über alle Wirklichkeiten hinaus. Das intellektualistische Leben ist dasjenige, welches als solches eigentlich keinen besonderen Wert legt auf die irdischen Verhältnisse. Mit dem intellektualistischen Leben ist es so, daß man schöne moralische Grundsätze ausarbeitet inmitten einer sozialen Ordnung, in der die Leute Knechte, in der sie versklavt sind. Ich habe das im Konkreten öfter hier angeführt. Ich erinnere auch heute noch einmal an jene Enquete, die in England in der Mitte des 19. Jahrhunderts aufgenommen worden ist über die Kohlengrubenarbeiter, bei der sich herausgestellt hat unter vielen andern Schäden, daß neun-, elf-, dreizehnjährige Kinder vor Sonnenaufgang in die Kohlenschächte hinuntergeschickt worden sind die ganze Woche, dann heraufgeholt worden sind nach Sonnenuntergang, so daß die armen Kinder niemals das Sonnenlicht, außer am Sonntag, gesehen haben, sich also im Unterirdischen entwickeln mußten, unter Bedingungen, deren Schilderung ich Ihnen ersparen werde; denn auch da wäre Sonderbares zu erzählen. Aber bei den Kohlen, die so zutage gefördert worden sind, haben sich dann die Leute unterhalten in Spiegelzimmern über Nächstenliebe, über allgemeine Menschenliebe ohne Unterschied von Rasse, Nation, Klasse und so weiter.
[ 19 ] But the intellectualistic life goes too far. The intellectualistic life strives beyond all realities. The intellectualistic life is one that, as such, does not actually place any particular value on earthly circumstances. The nature of intellectual life is such that one formulates beautiful moral principles in the midst of a social order in which people are servants, in which they are enslaved. I have cited specific examples of this here on several occasions. I would also like to recall once again today that inquiry conducted in England in the mid-19th century regarding coal miners, which revealed—among many other abuses—that nine-, eleven-, and thirteen-year-old children were sent down into the coal shafts before sunrise every day of the week, then brought back up after sunset, so that the poor children never saw sunlight, except on Sundays, and thus had to grow up underground, under conditions I will spare you the details of; for there, too, there would be strange things to tell. But with the coal that was brought to the surface in this way, people then gathered in mirrored rooms to discuss charity and universal love for humanity, without distinction of race, nation, class, and so on.
[ 20 ] Das ist das Extrem des intellektualistischen Lebens. Nirgends öffnen sich die Türen zur Wirklichkeit. Man schwebt mit seinem Intellekt jenseits der Menschlichkeit. Ein Wirklichkeitsgeist ist lediglich derjenige, der bei allem, was er denkt, weiß, wie das, was er denkt, zusammenhängt mit dem, was draußen in der Welt geschieht. Das ist Aufgabe der Geisteswissenschaft, diesen Wirklichkeitssinn in der Menschheit wiederum zu erwecken. Aus solchen Untergründen heraus muß heute öfter öffentlich ausgesprochen werden, was ich neulich in Basel ausgesprochen habe: Die Religionsbekenntnisse haben durch Jahrhunderte das Monopol sich gebildet für alles dasjenige, was über Seele und Geist — Geist ist ja abgeschafft worden im Jahre 869 —, also was über die Seele zu sagen ist. Es durften die Menschen, die äußerlich über die Natur forschten, den Geist in der Natur nicht suchen. Und man muß sagen: Das vollkommenste Bild einer Weltanschauung von diesem Gesichtspunkte haben zum Beispiel die außerordentlich gescheiten Jesuiten geschaffen; wenn die Naturforscher werden, dann ist in ihrer Naturforschung nichts von Geist enthalten! Nimmt dann jemand das ernst, was ein Jesuit über die Natur schreibt, so wird er selbstverständlich Materialist unter dem heutigen Zeitgeiste. Heute muß man unterscheiden zwischen dem, was theoretisch richtig ist, und dem, was wirklich wesenhaft ist. Theoretisch richtig ist, daß die Jesuiten eine spirituelle Weltanschauung verfechten. Wirklich wesenhaft ist, daß die Jesuiten den Materialismus verbreiten! — Theoretisch richtig war es, daß Newton neben seiner mechanistischen Weltanschauung jedesmal den Hut zog, wenn er das Wort «Gott» aussprach. Wirklich wesenhaft ist, daß aus der Newtonschen mechanistischen Weltanschauung der Materialismus einer späteren Zeit hervorgegangen ist. Denn nicht das entscheidet, was man theoretisch meint, sondern das entscheidet, was in den Wirklichkeitsgesetzen liegt. Und die intellektualistische Weltanschauung liefert niemals Weltanschauungsgesetze. Diese intellektualistische Weltanschauung führt zuletzt zum vollständigen Luziferianismus. Sie luziferianisiert in Wirklichkeit die Welt.
[ 20 ] This is the extreme of an intellectualistic life. Nowhere do the doors to reality open. One floats with one’s intellect beyond humanity. A person with a sense of reality is simply one who, in everything they think, knows how what they think is connected to what is happening out there in the world. It is the task of spiritual science to reawaken this sense of reality in humanity. Against this backdrop, what I recently stated in Basel must be voiced more often in public today: Over the centuries, religious creeds have established a monopoly on everything concerning the soul and the spirit—the spirit, after all, was abolished in the year 869—that is, on what can be said about the soul. People who outwardly researched nature were not allowed to seek the spirit in nature. And one must say: The most perfect example of a worldview from this perspective has been created, for instance, by the extraordinarily intelligent Jesuits; when they become natural scientists, their research into nature contains nothing of the spirit! If someone then takes seriously what a Jesuit writes about nature, he naturally becomes a materialist in keeping with the spirit of the times. Today one must distinguish between what is theoretically correct and what is truly essential. It is theoretically correct that the Jesuits advocate a spiritual worldview. What is truly essential is that the Jesuits spread materialism! — It was theoretically correct that Newton, alongside his mechanistic worldview, would tip his hat every time he uttered the word “God.” What is truly essential is that the materialism of a later era emerged from Newton’s mechanistic worldview. For what matters is not what one believes theoretically, but what is contained in the laws of reality. And the intellectualist worldview never provides any laws of the worldview. This intellectualist worldview ultimately leads to complete Luciferianism. In reality, it Luciferianizes the world.
[ 21 ] Neben diesem Intellektualismus haben wir in der Gegenwart den Emotionalismus, das Leben aus den Instinkten, aus dem Animalischen heraus in der Art, wie ich das angeführt habe. Dieses Instinktleben, dieses animalische Leben, das beherrscht eigentlich das öffentliche Dasein in dem Moment, wo der Mensch geneigt ist, eben zu leben, wo er nicht mehr bloß zu urteilen braucht. Urteilen kann man, daß es zum Beispiel schändlich ist, nun, sagen wir, die Leute in den Bergwerken so und so zu behandeln. So kann man urteilen. Aber man hat Bergwerksaktien! Indem man die Coupons abschneidet, ist man es selber, der die Leute in dieser Weise martert, man merkt es nur nicht. Dies meine ich mehr als ein Symbolum des Lebens, denn so verläuft unser Leben. Die Menschen denken auf der einen Seite und handeln auf der andern Seite. Aber sie merken nicht, welche gewaltige Diskrepanz zwischen dem einen und dem andern besteht.
[ 21 ] Alongside this intellectualism, we have in the present day emotionalism—a life driven by instincts, by the animal nature, in the way I have described. This instinct-driven life, this animalistic life, actually dominates public life at the very moment when people are inclined simply to live, when they no longer need merely to judge. One can judge, for example, that it is shameful to treat the people in the mines in such and such a way. One can judge that. But you own mining stocks! By clipping off the coupons, you yourself are the one tormenting those people in this way; you just don’t realize it. I mean this more as a symbol of life, for this is how our lives unfold. People think one way and act another. But they do not realize what a tremendous discrepancy exists between the two.
[ 22 ] An diesem Zustande ist heute vielfach schuld die Bequemlichkeit der Menschen gegenüber allen Gelegenheiten, die uns Einsichten in das Leben verschaffen. Man will heute im Leben ein «guter Mensch» sein, ohne das Bestreben zu haben, dieses Leben wirklich kennenzulernen. Aber es läßt sich heute nicht in Wirklichkeit leben, ohne das Leben
[ 22 ] Today, this state of affairs is largely due to people’s complacency toward all opportunities that provide us with insights into life. People today want to be “good people” in life without making any effort to truly understand that life. But it is impossible to live life authentically today without life
[ 23 ] kennenzulernen. Dieser Weltkrieg, er ist aus der Tatsache heraus entstanden, daß die Menschen, welche die sogenannten «Regierenden» waren — manche sind es noch —, dem Leben ganz ferne standen. Manche stehen noch — auf ihren Plätzen nämlich.
[ 23 ] to get to know. This world war arose from the fact that the people who were the so-called “rulers”—some of whom still are—were completely out of touch with life. Some still are—in their positions, that is.
[ 24 ] Aber was könnte deutlicher die vollständige Lebensfremdheit der Menschen zeigen, auf die es so viel ankommt, angekommen ist in den letzten Jahrzehnten, als jene von unserer Kultur, von unserer Zivilisation so deutlich sprechenden «Memoiren», die sich jetzt so häufen. Alle Woche gibt einer, zunächst von den besiegten Mächten, die andern werden auch nachkommen, seine Memoiren heraus. Dabei zeigt sich so recht, wie richtig das Urteil desjenigen war, der da gesagt hat: Man glaubt gar nicht, mit wie wenig Verstand die Welt regiert wird. — Aber die Konsequenzen aus solchen Voraussetzungen werden ja nicht gerne von den Menschen der Gegenwart gezogen. Denn diese Menschen der Gegenwart wollen zum Beispiel nicht durchschauen, daß es kein soziales Empfinden und soziales Wissen geben kann ohne ein wirkliches Weltwissen. Man kann noch Zoologie begründen ohne ein Weltwissen, weil die Tiere durch ihre physische Organisation auf eine bestimmte Tätigkeit, auf ein bestimmtes Funktionieren hin organisiert sind. Beim Menschen ist gerade das Charakteristische, daß seine Organisation offengelassen ist für das, was er aus dem Weltwissen aufnehmen soll. Und so kann es kein soziales Wissen geben, ohne daß ihm ein Weltwissen zugrunde liegt. Man kann niemals eine wirkliche Sozialkunde aufbauen, ohne daß man weiß, daß alles dasjenige, was der Mensch zu erstreben hat durch sein Inneres, ein Ergebnis ist der ganzen Entwickelung, die Sie in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» dargestellt finden bis zur jetzigen Erdenentwickelung, und daß alles dasjenige, was der Gegenwartsmensch durch die soziale Gemeinschaft aufnimmt, ein Keim ist für dasjenige, was weiter geschehen soll mit der Erdenentwickelung.
[ 24 ] But what could more clearly demonstrate the complete detachment from reality of the people on whom so much depends—and has depended in recent decades—than those “memoirs” that speak so clearly of our culture and our civilization, and which are now piling up in such numbers? Every week, someone—starting with those from the defeated powers, and others will follow—publishes their memoirs. This truly reveals how correct was the judgment of the person who said: “One cannot believe how little intelligence is used to govern the world.”—But the people of the present are reluctant to draw the consequences from such premises. For these people of the present, for example, refuse to recognize that there can be no social sensibility or social knowledge without a genuine knowledge of the world. One can still establish zoology without a knowledge of the world, because animals, by virtue of their physical organization, are structured for a specific activity, for a specific function. What is characteristic of human beings, however, is precisely that their organization is open to what they are to absorb from their knowledge of the world. And so there can be no social knowledge without a knowledge of the world as its foundation. One can never establish a true social science without knowing that everything to which human beings must aspire through their inner being is a result of the entire development—which you will find outlined in my *Outline of Esoteric Science*—up to the present stage of Earth’s evolution, and that everything modern human beings absorb through social community is a seed for what is to happen next in Earth’s evolution.
[ 25 ] Verstehen kann man das soziale Leben nicht, ohne daß man die Welt überhaupt versteht. Es ist unmöglich, daß heute die Menschen eingreifen mit Programmen oder Ideen oder Idealen in das öffentliche Leben, ohne sich eine geistige Grundlage für dieses Eingreifen zu legen; denn was überall mangelt, das ist ein Ergriffensein der Seele von dem, worauf es eigentlich ankommt.
[ 25 ] One cannot understand social life without first understanding the world as a whole. It is impossible today for people to intervene in public life with programs, ideas, or ideals without first establishing an intellectual foundation for such intervention; for what is lacking everywhere is a deep emotional connection in the soul to what truly matters.
[ 26 ] Da erlebt man sonderbare Dinge. Der ausgezeichnete deutsche sozialistische Theoretiker Karl Kautsky hat nun auch ein Buch geschrieben: «Wie der Weltkrieg entstand». Da spricht er zunächst über die Schuldfrage. Auf den ersten Seiten findet sich bei Kautsky ein merkwürdiges Geständnis. Ich möchte das Folgende vorausschicken. Ich möchte sagen, daß Kautsky zu denjenigen gehört, die in den letzten Jahrzehnten mit allen Mitteln eine Parteidoktrin und Parteidisziplin in das Proletariat einhämmerten, die Lehre in die Köpfe einhämmerten, daß nicht einzelne Menschen als Menschen für die Weltereignisse verantwortlich sind, sondern zum Beispiel der Kapitalismus. Und so finden Sie denn überall nicht die Rede von Kapitalisten, sondern vom Kapitalismus. Mit solchen Parteidoktrinen kann man agitieren, man kann Parteien begründen, man kann wirksame Hämmer finden für die Köpfe der Menschen, so daß solche Doktrinen Glaubensbekenntnisse werden. Sobald man genötigt ist, ich will gar nicht sagen, in die Wirklichkeit arbeitend einzugreifen, sondern nur zu urteilen über die Wirklichkeit, da geht die ganze Doktrin flöten! Denn nun, wo Kautsky über die Schuldigen schreibt, was tut er? Er müßte ja sein ganzes Buch ungeschrieben lassen, wenn er seine alten Litaneien vom Kapitalismus fortsetzen wollte. Was tut er also ? Er legt auf der ersten Seite ein Bekenntnis, ein merkwürdiges Bekenntnis ab, das ich Ihnen nur mit ein paar Worten aus seinem Buche anführen will: «Man kann nicht den Kapitalismus als den einzig Schuldigen hinstellen. Denn der Kapitalismus ist nichts als eine Abstraktion, die gewonnen wird aus der Beobachtung zahlreicher Einzelerscheinungen und die ein unentbehrliches Hilfsmittel ist bei dem Streben, diese in ihren gesetzmäßigen Zusammenhängen zu erforschen. Bekämpfen kann man aber eine Abstraktion nicht, außer theoretisch; nicht aber praktisch. Praktisch können wir nur Einzelerscheinungen bekämpfen ... bestimmte Institutionen und Personen als Träger bestimmter gesellschaftlicher Funktionen.»
[ 26 ] One comes across some strange things. The distinguished German socialist theorist Karl Kautsky has now also written a book: *How the World War Came About*. In it, he begins by addressing the question of blame. On the first few pages, Kautsky makes a curious confession. I would like to preface this with the following. I would like to say that Kautsky is among those who, in recent decades, have used every means at their disposal to hammer a party doctrine and party discipline into the proletariat—to hammer into their minds the doctrine that it is not individual people, as human beings, who are responsible for world events, but rather, for example, capitalism. And so, everywhere, you will find no mention of capitalists, but rather of capitalism. With such party doctrines, one can agitate, one can found parties, one can find effective hammers to pound into people’s heads, so that such doctrines become creeds. As soon as one is compelled—I won’t even say to intervene in reality by taking action—but merely to judge reality, the whole doctrine goes out the window! For now, when Kautsky writes about who is to blame, what does he do? He would have to leave his entire book unwritten if he wanted to continue his old litanies about capitalism. So what does he do? On the very first page, he makes a confession—a strange confession—which I’ll quote to you in just a few words from his book: “One cannot portray capitalism as the sole culprit. For capitalism is nothing but an abstraction derived from the observation of numerous individual phenomena, and it is an indispensable tool in the endeavor to investigate these phenomena within their lawful contexts. But one cannot combat an abstraction, except theoretically; not, however, in practice. In practice, we can only combat individual phenomena … specific institutions and individuals as bearers of certain social functions.”
[ 27 ] Nun ist der sozialistische Theoretiker nur davor hingestellt, ich will gar nicht sagen, ins soziale Leben aufbauend einzugreifen, sondern nur das soziale Leben in einer Frage zu beurteilen, und nun ist plötzlich der Kapitalismus eine Abstraktion. Da kommt er erst darauf! In dem Augenblich, wo derselbe Karl Kautsky Veranlassung nehmen würde, die Wirklichkeitsidee von der Dreigliederung zu besprechen, da würde in militärischer Organisation wiederum aufmarschieren der Kapitalismus, nicht als Abstraktion, sondern als etwas höchst Wirkliches! — Man merkt gar nicht, wo der Unterschied liegt zwischen dem, was als soziale Anschauung aus einer wirklichen Lebensbeobachtung herausgeholt ist, und dem, was aus einem allgemeinen abstrakten Denken oder auch abstrakten Empfinden herausgeholt ist.
[ 27 ] Now the socialist theorist is faced with—I won’t even say the task of intervening constructively in social life—but merely with the task of assessing social life in relation to a particular issue, and suddenly capitalism is an abstraction. That’s when it occurs to him! The moment that same Karl Kautsky were to take the opportunity to discuss the idea of the threefold social order as a reality, capitalism would once again march in, organized like an army—not as an abstraction, but as something highly real! — One cannot even tell where the difference lies between what is derived as a social perspective from an observation of real life, and what is derived from general abstract thinking or even abstract feeling.
[ 28 ] Einsicht, das ist dasjenige, was der Mensch der Gegenwart suchen muß als Schutzmittel gegen jenen Illusionismus, in den er verfallen muß durch den auf die Spitze getriebenen Intellektualismus. So suchte ich Sie heute von einer gewissen Seite her auf wichtige Dinge der Gegenwart aufmerksam zu machen. Ich werde morgen und übermorgen diese Dinge weiter ausbauen, fortsetzen.
[ 28 ] Insight—that is what people today must seek as a safeguard against the illusionism into which they are bound to fall as a result of intellectualism taken to extremes. So today I sought to draw your attention, from a certain perspective, to important issues of the present. I will expand on and continue discussing these matters tomorrow and the day after tomorrow.
