Geistige und soziale Wandlungen
in der Menschheitsentwickelung
GA 196
31 Januar 1920, Dornach
Achter Vortrag
[ 1 ] Ich möchte heute davon ausgehen, Sie auf etwas aufmerksam zu machen, das im Zusammenhange stehen kann mit der Beurteilung dessen, was jetzt sozial in Zusammenhang gebracht wird mit unserer anthroposophisch orientierten Geistesbewegung. Den inneren Zusammenhang kennen Sie, ich habe öfters davon gesprochen. Ich habe Sie auch darauf aufmerksam gemacht, wie wenig den Zeitaufgaben eine geistige Bewegung wirklich gewachsen wäre, die jetzt sich zurückziehen wollte von den großen Fragen, die die Menschheit beschäftigen müssen, die nichts zu sagen hätte über dasjenige, was als die bedeutsamsten Forderungen in der Gegenwart und der nächsten Zukunft auftritt.
[ 2 ] Nun habe ich ja gestern darauf aufmerksam gemacht, wie sich in das menschliche Denken hereinschleichen traumhafte Elemente, und ich habe auf die verschiedenen Wege oder wenigstens auf einzelne der verschiedenen Wege hingewiesen, wie sich traumhafte Elemente in das menschliche Denken hineinschleichen. Wir müssen auf solches Hereinschleichen besonders aufmerksam sein bei allem, was uns als fertige Urteile aus der Außenwelt gegenüberrritt. Es ist doch eigentlich ein großer Teil dessen, was wir denken, von uns so gedacht, daß es nicht erst geprüft wird, daß es nicht erst selbst in uns belebt wird, sondern daß es nachgesprochen, nachbeurteilt, nachgedacht wird. Sie brauchen ja bloß auf die zahlreichen Urteile Rücksicht zu nehmen, welche die Menschen der verschiedensten Nationen sich in den letzten vier bis fünf Jahren über die Schicksale der Welt gemacht haben, über den Wert der einzelnen Nationen, über die Ursachen des Krieges und so weiter, Sie werden nicht umhin können, sich zu sagen: Von all dem, was da geurteilt worden ist, selbst von Menschen, von denen man ein ganz anderes gerne hätte voraussetzen mögen, von alledem ist das wenigste wirklich geprüft worden; es ist nachgesprochen, nachgeurteilt, nachgedacht worden.
[ 3 ] Ich darf vielleicht gerade bei dieser Gelegenheit auch daran erinnern, daß ich, wenn ich hier über Zeiterscheinungen gesprochen habe, niemals fertige Urteile gegeben habe, sondern immer Dinge charakterisiert habe, welche dazu haben dienen können, sich selber ein Urteil zu bilden. Das sollte überhaupt immer mehr und mehr Platz greifen, der Welt die Grundlagen für Urteilsbildung zu geben, nicht fertige Urteile. Aber der Mensch ist gerade in der gegenwärtigen Zeit gar sehr geneigt, wenn er da oder dort etwas hört, insbesondere wenn es mit starkem Selbstbewußtsein auftritt, wenn es durchzittert ist von einem vielleicht nicht ganz wahrnehmbaren Fanatismus, gerade dann solche Urteile nachzuurteilen, nachzudenken, nachzusprechen. Und insbesondere mit Rücksicht darauf, daß ja noch einige unserer englischen Freunde da sind, muß ich das Folgende berühren, das aber auch für die anderen hier sitzenden Freunde von da oder dorther von Wichtigkeit erscheinen kann.
[ 4 ] So wurde zum Beispiel von einer gewissen Seite jetzt geurteilt, diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, die ihren repräsentativen Sitz in Dornach hat, beschäftige sich jetzt mit Politik, und mit Politik solle sich eine solche Bewegung ja nicht beschäftigen. Unter anderem soll auch darauf hingewiesen worden sein, daß ja die Katholische Kirche in ihre Unheilszeiten dadurch hineingekommen sei, daß sie sich mit Dingen beschäftigt habe, die man gewöhnlich zur Politik rechnet.
[ 5 ] Wenn ein solches Urteil auftritt, so klingt es an an vielerlei, was man gewohnt ist zu meinen. Und wenn dann jemand ein solches Urteil hört, kommt ihm das doch etwas plausibel vor. Er sagt sich dann: Ja, da ist etwas daran, es ist vielleicht doch ein Unfug, wenn von einer geisteswissenschaftlichen Bewegung ausgeht eine Beschäftigung mit solchen Fragen, wie jetzt die Dreigliederung des sozialen Organismus eine ist.
[ 6 ] Nun gehört sowohl das ursprüngliche Urteilen über diese Sache in der Richtung, wie ich es eben charakterisiert habe, wie auch das Nachsprechen in die Klasse der heute zahlreich auftretenden oberflächlichen Denkmethoden. Unsere Zeit glaubt ja sehr stark, daß man es im Denken namentlich außerordentlich weit gebracht habe. Ja, wir haben die Aufgabe, gerade das Denken bis zu einer gewissen Höhe zu bringen, wenn die Menschheit nicht in Unheil untergehen soll. Aber dem, was da als Forderung an die Menschheit herantritt mit Bezug auf ein klares, scharfes Denken, vor allen Dingen mit Bezug auf ein innerlich wahrhaftiges Denken — denn das Denken, das unklar ist, ist immer zugleich etwas verlogen —, dem, was da als Aufgabe der Menschheit vorgesetzt ist in bezug auf ein klares, scharfes, innerlich wahrhaftiges Denken, dem steht heute gegenüber der Trieb, unklar zu denken, unfertig zu denken, halb zu denken, nachzuurteilen, das wieder zu sagen, was man da oder dort hört, oder das wieder zu denken. Ich sage aber auch: Ursprünglich liegt eine außerordentliche Oberflächlichkeit dem Ausspruche zugrunde, daß die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft in der Dreigliederungsfrage abgeirrt sei auf das Gebiet des Politischen, das ihr nicht zugehöre. Denn wer so urteilt, urteilt ganz abstrakt. Er nimmt einfach irgend etwas, was für die Katholische Kirche richtig sein mag, herüber auf etwas, was ganz andersartig ist. Das ist gerade so, als wenn jemand gelernt hat, irgend etwas ist gut für einen Schuh, den man anzieht an den Fuß, und dann das Urteil, das er sich von dem Schuh gebildet hat, auf den Handschuh überträgt; so gescheit ist solch ein Urteil. Warum ? Worauf geht denn die Dreigliederung ursprünglich hinaus? Sie geht darauf hinaus, in der sozialen Ordnung eine reinliche Gliederung zu schaffen zwischen dem Geistesleben, das seine eigene Verwaltung haben soll, dem Rechts- oder Staatsleben, das in der Mitte stehen soll zwischen den beiden anderen mit seiner vollen Selbständigkeit, und dem wirtschaftlichen Leben, das als drittes Glied reinlich von den beiden andern abgeschieden sein soll.
[ 7 ] Nun denken wir einmal nicht oberflächlich, wie jener denkt, der da sagt, Anthroposophie habe sich nicht mit Politik zu beschäftigen, sondern denken wir einmal die Sache wirklich objektiv klar durch: Was wird denn durch eine solche reinliche Scheidung angestrebt? — Nun, das Geistesleben soll ja selbständig dastehen, das Geistesleben soll sich auf seinem eigenen Grund und Boden entwickeln, das Geistesleben soll nur dasjenige zur Geltung bringen, was aus seinen eigenen Impulsen kommt. Es wird also angestrebt, daß das Geistesleben nicht mehr abhängt vom Staatsleben und nicht mehr abhängt vom Wirtschaftsleben, sondern gerade frei und unabhängig sein kann, gerade so sein kann, wie es die Katholische Kirche niemals war, die sich immer mit dem Staat und Wirtschaftsleben zusammen konfundiert hat. Also es handelt sich darum, gerade das zu schaffen, wodurch man im Geistesleben erst in der Lage ist, alle Impulse dieses Geisteslebens geltend zu machen. Denken Sie sich daher, wie frivol, wie oberflächlich es ist, wenn jemand sagt, Anthroposophie solle sich nicht auf das Gebiet der Politik versteigen, während sie gerade fordert, daß eine solche soziale Ordnung geschaffen werden soll, durch die das möglich ist, daß das Geistesleben sich nicht mehr mit Politik befasse. Es soll ja gerade eine Politik geschaffen werden, durch die das Geistesleben seine eigene Verwaltung, seine eigene innere Organisation hat. Und nicht mehr soll es nötig sein, daß man, wenn man eine Schule gründen will oder einen Lehrplan ausarbeiten will, sich an die politische Behörde oder an den staatlichen Lehrplan zu wenden hat; denn dadurch wird man ja gerade abhängig von der Politik. Sie sehen an diesem Beispiel, was klares, scharfes Denken bedeutet und wie diejenigen denken, die heute eben aus irgendwelchen Dingen, die ihnen angeflogen sind, ein Urteil fällen über das, was aus den Impulsen des geistigen Lebens heraus geschöpft ist. Denn der Dreigliederungsgedanke ist aus der Initiationswissenschaft heraus geschöpft. Und derjenige, der da sagt, es soll sich anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft nicht mit dem Dreigliederungsgedanken befassen, der versteht erstens nicht, klar zu denken, er denkt konfus; zweitens aber versteht er gar nichts von dem wirklichen Impuls der Geisteswissenschaft, denn er weiß nicht, daf} diese Sache im Zusammenhange mit den großen Forderungen unserer Zeit gerade aus dem Impulse der Geisteswissenschaft herausgeholt ist.
[ 8 ] In solchen Selbstwidersprüchen bewegen sich heute aber zahlreiche Urteile, die öffentlich abgegeben werden und die von einer großen Anzahl von Menschen einfach nachgesprochen, nachgeurteilt, nachgedacht werden. Welche Aufgabe wir vor allen Dingen haben, das ist, daß wir versuchen, wirklich unabhängig auch von allen nationalen Chauvinismen zu einem reinlichen, geraden, innerlich wahrhaftigen Denken zu kommen. Man wird dazu nicht kommen, wenn man sich nicht erst gesteht, dafi die Gegenwart weit davon entfernt ist. Denn wenn man kein Gefühl davon hat, wie weit die Urteile, die heute herumschwirren und herumsausen, von Objektivität entfernt sind, dann wird man nicht einmal den Antrieb in sich erleben, zu einer Klarheit, zu einer innerlichen Wahrhaftigkeit des Denkens zu kommen.
[ 9 ] Ich wollte Ihnen an einem naheliegenden Beispiel von der Verkennung der Stellung der Dreigliederung zu dem eigentlichen geisteswissenschaftlichen Problem klarmachen, welche konfusen Urteile heute durch die Welt schwirren, und ich weiß sehr gut, daß solche Urteile blendend auf manche Menschen wirken, weil sie nicht nachdenken darüber, weil sie glauben, wenn der Betreffende sagt, die Anthroposophie solle sich nicht mit der Dreigliederung befassen, so habe das etwas für sich, denn es unterliege dem, daß eine geistige Bewegung nur dann gedeihen kann, wenn sie auf sich selbst gestellt ist. Aber das wird ja gerade angestrebt. Wer also so urteilt, wie ich es charakterisiert habe, der bleibt auf halbem Wege stehen.
[ 10 ] Aus solchen Voraussetzungen heraus möchte ich zur Selbstprüfung darüber anregen, wo überall im Gemüte unfertige Urteile sitzen, Urteile, zu denen die Unterlagen durchaus fehlen. Es ist nämlich — man kann das schon im allgemeinen sagen — so leicht, aus oberflächlichen Voraussetzungen heraus das oder jenes, was von anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft gegeben wird, zu kritisieren. Wenn man die Tiefen nicht fühlt, aus denen heraus die Dinge geschöpft sind, dann kann man aus den alleroberflächlichsten Tagesstimmungen heraus über Anthroposophie urteilen. Daher erlebt man es ja auch so vielfach, daß Leute, die eigentlich kaum hereingerochen haben in das Gebiet der Anthroposophie, aus ihrer «Gescheitheit» heraus sogleich sagen: Damit kann ich übereinstimmen, damit kann ich nicht übereinstimmen — und so weiter. Die Aufgabe ist eigentlich für den, der richtig fühlen kann, immer diese, den Versuch zu machen, tiefer und tiefer erst in die Sache einzudringen, ein Gefühl dafür zu erhalten, wie Initiationswahrheiten eigentlich aus den Tiefen des Seins geschöpft sind. Denn wenn wir nun etwas tiefer das anfassen, was ich nun seiner Äußerlichkeit nach berührt habe, so kommt folgendes heraus.
[ 11 ] Wir haben es in der neueren Geschichte erlebt, daß immer mehr und mehr im öffentlichen sozialen Organismus zusammengeflossen sind das Geistesleben, das Rechtsleben, das Wirtschaftsleben. Die modernen Parlamente streben danach, von sich aus die Entscheidungen zu treffen durch die Majoritätsbeschlüsse von Personen, die vielleicht gar nichts von den Sachen verstehen, über die man nur entscheiden kann, wenn man davon etwas versteht. Über alles mögliche, über Geistesleben, über Rechtsleben, über Wirtschaftsleben soll von den Einheitsparlamenten aus entschieden werden. In dem Augenblicke aber, wo das Geistesleben — nehmen wir dieses zuerst — abgetrennt wird von den beiden andern Gliedern, von dem rechtlich-staatlichen und von dem wirtschaftlichen Gebiete, wird das Geistesleben ganz an den Menschen selbst herangebracht. Das Geistesleben wird ein eigener Organismus. Das Geistesleben hat aus denselben Prinzipien heraus sich zu verwalten, aus denen es fortwährend geschöpft wird. Diejenigen Menschen, die dies oder jenes zu lehren haben, haben auch zu verwalten die Art und Weise, wie Lehrer angestellt, wie Schulen verwaltet werden. Das Geistesleben soll völlig frei auf sich selbst gestellt werden. Dadurch werden die individuellen menschlichen Fähigkeiten gerade auf dem Gebiet des Geisteslebens fortwährend aufgerufen. Dadurch wird fortwährend dasjenige, was auf dem Gebiet des Geisteslebens entschieden werden soll, abhängig gemacht von den Fähigkeiten der Menschen, von den Fähigkeiten derjenigen Menschen, die gerade in irgendeinem Zeitalter da sind. So soll es aber sein. Es sollen nicht diejenigen, die individuell zu diesem oder jenem fähig sind in irgendeinem Zeitalter, durch irgendwelche Staats- oder Parlamentsinstrumente verhindert werden können, ihre Fähigkeiten zur Geltung zu bringen. Dadurch wird das Geistesleben ganz und gar abhängig gemacht von dem Menschen. Dadurch aber, daß nichts anderes wirkt in der Entwickelung des Geisteslebens als die Menschen selber, wirkt das, was ich gestern charakterisiert habe, jenes Element des Geisteslebens, das sich fortentwickelt. Ich habe Raffael als ein Beispiel hervorragender, aber auch charakteristischer Art angeführt: Wenn seine Werke längst verlorengegangen sein werden, so wird das da sein in der Welt, daß er sich an den Werken entwickelt hat. Dieses innerliche Entwickelungsprinzip, das wird gemacht zu dem, was im Geistesleben wirkt, das heißt, es wird aus dem Geistesleben gerade durch die Abtrennung vorn Staate alles Luziferische ausgeschaltet. Und nur durch diese Abtrennung kann das Luziferische ausgeschaltet werden. Jedes von dem Staate abhängige Geistesleben ist mit luziferischen Impulsen durchsetzt. Es spielen in das Geistesleben dann Majoritätsbeschlüsse oder dergleichen hinein, die immer das verretuschieren, was von den menschlichen Individualitäten kommt, dadurch aber das scharfe Denken, das scharfe Wollen, das aus der menschlichen Individualität kommt, dann verwischen. Aber durch alles Verwischen dieser Schärfe entsteht eben gerade das luziferische Element im menschlichen Denken, im menschlichen Wollen. So daß wir sagen können: Alles Geistesleben, das mit dem Rechtsleben verknüpft ist, trägt den luziferischen Charakter. Und gerade um den luziferischen Charakter zu überwinden, der überwunden werden muß im öffentlichen Geistesleben, bedarf es der Lostrennung vom Rechtsleben. Der einzelne Mensch kann ihn nicht überwinden, denn traumhafte Elemente — ich habe gestern darauf aufmerksam gemacht — müssen immer in sein Geistesleben hineinspielen. Aber die werden abgestoßen dadurch, daß der Mensch im sozialen Geistesleben drinnen ist, aber dieses Geistesleben abgetrennt ist vom Staate.
[ 12 ] Ebenso spielen in das Wirtschaftsleben, wenn es vom Staate verwaltet wird, ahrimanische Elemente hinein. Diese ahrimanischen Elemente, die in das Wirtschaftsleben, in die Verwaltung des Wirtschaftslebens, wenn der Staat beteiligt ist an diesem Wirtschaftsleben, hineinspielen, die werden einzig und allein dadurch beseitigt, daß das Wirtschaftsleben, wie ich hier oft betont habe, auf das Leben der Brüderlichkeit aufgebaut werde in Korporationen, Assoziationen und so weiter.
[ 13 ] Sie sehen, es handelt sich darum, wirklich große Prinzipien geltend zu machen bei dieser Dreigliederung. In der Mitte bleibt dann das eigentliche Staatsgebilde, alles dasjenige nur, was sich auf das öffentliche Recht bezieht.
[ 14 ] Nun erinnern Sie sich an etwas, was ich Ihnen hier schon auseinandergesetzt habe, was ich aber noch einmal für diejenigen, die das nicht gehört haben, wiederholen will. Der Mensch, indem er hier auf der Erde lebt zwischen Geburt und Tod, ist ja nicht bloß dieses Wesen, das hier zwischen Geburt. und Tod lebt, sondern er trägt in sich die Nachklänge desjenigen, was er durchlebt hat erstens in früheren Inkarnationen, aber namentlich desjenigen, was er durchlebt hat zwischen dem letzten Tode und der Geburt, die seinem jetzigen Leben vorangegangen ist. In dieser Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt haben wir in der geistigen Welt Erlebnisse durchgemacht, und diese Erlebnisse klingen nach in dem gegenwärtigen Leben. Und wie klingen sie nach im öffentlichen sozialen Leben? — So, daß alles, was die Menschen hineinbringen in das öffentliche Leben durch ihre Talente, durch ihre besonderen Begabungen, was also überhaupt das öffentliche Geistesleben ist, ja gar nicht von der Erde ist, sondern alles Nachklang ist aus dem vorirdischen Leben. Was Goethe als Goethe zwischen 1749 und 1832 geleistet hat, das ist alles influenziert von demjenigen, was er vor 1749 in der geistigen Welt erlebt hat; das hat er heruntergetragen. Und was hier auf der Erde an Kunst, Wissenschaft, an religiösen Impulsen bei den Menschen entwickelt wird, das heißt, was entwickelt wird als irdisches Geistesleben, das ist alles Nachklang des überirdischen Geisteslebens, wie es die Menschen durch die Pforte der Geburt hier hereinbringen. Wenn Sie die Literatur nehmen, wenn Sie die Kunst nehmen, all das, was da drinnen ist, ist heruntergeschickt aus den geistigen Welten. Wir haben also in diesem sozialen Leben hinsichtlich der Kräfte ein Element drinnenstecken, das uns einfach heruntergeschickt wird aus den geistigen Welten. Die Menschen bringen es herunter, indem sie durch die Pforte der Geburt hier eintreten in diese Welt zwischen der Geburt und dem Tode. Dasjenige aber, was im Wirtschaftsleben gewirkt wird durch Brüderlichkeit oder Unbrüderlichkeit, was die Menschen füreinander tun, wirtschaften, das hat, so sonderbar es klingt, nicht nur eine Bedeutung für dieses Leben zwischen Geburt und Tod, sondern gerade eine große Bedeutung für das Leben nach dem Tode. Da ist es zum Beispiel schon von Bedeutung, ob ich mein ganzes Leben hindurch als Neidhammel handle und mich so verhalte, daß der Neid mein Prinzip ist, oder ob ich aus Menschenliebe handle. Das Handeln, insofern es in das öffentliche Leben einfließt, insofern es die Menschen miteinander in Berührung bringt, dieses Handeln hat nicht nur eine Bedeutung hier für die Erde, sondern dieses Handeln wird in seinem Effekt durch die Pforte des Todes durchgetragen und hat eine Bedeutung durch das ganze Leben zwischen dem Tod, der uns trifft nach diesem Erdenleben, und dem nächsten Erdenleben. So daß wir sagen können: Dasjenige, was sich hier abspielt als wirtschaftliches Leben, das ist die Ursache, wie Menschen leben werden zwischen dem Tod und einer neuen Geburt.
[ 15 ] Wenn zum Beispiel eine wirtschaftliche Ordnung bloß auf Egoismus aufgebaut ist, so bedeutet das, daß die Menschen im hohen Grade Einsiedler werden zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, daß sie die größten Schwierigkeiten haben, andere Menschenwesen zu finden, kurz, es hat eine riesige Bedeutung für das Leben zwischen dem Tod und der nächsten Geburt, wie der Mensch sich hier wirtschaftlich verhält.
[ 16 ] Es bleibt daher einzig und allein als rein irdisch das Rechts- oder Staatsleben. Das hat weder eine Bedeutung für vorgeburtliches Leben noch für das nachtodliche Leben, das hat nur eine Bedeutung für das, was hier auf der Erde geschieht. Trennen wir reinlich ab dieses rechtsstaatliche Leben von den beiden andern Gebieten, so trennen wir das Irdische ab von allem Überirdischen, das hier auf die Erde hereinspielt. Es liegen also große Prinzipien auch in dieser Beziehung in der Dreigliederung des sozialen Organismus. Wir gliedern in drei Glieder aus dem Grunde, weil wir die verschiedensten Gebiete, die mit dem Übersinnlichen etwas zu tun haben, von demjenigen abtrennen müssen, was nur mit dem Sinnlichen zwischen der Geburt und dem Tode etwas zu tun hat. Was der Mensch auf dem Wege entscheiden kann, der allein Majoritätsbeschlüsse möglich macht, das kann nur hier für die Erde eine Bedeutung haben. Was der Mensch durch seine Talente, durch seine Fähigkeiten, die ihm, wie man sagt, angeboren sind, die aber auf die Weise erworben sind, wie ich es eben jetzt charakterisiert habe, leistet, das leistet er als Menschenindividualität. Und in dem Augenblicke regiert der «Fürst dieser Welt», um einen alten Ausdruck zu gebrauchen, wo man eben durch Majoritätsbeschlüsse irgendwie die Individualität beeinträchtigt. Majoritätsbeschlüsse können einzig und allein sich auf dasjenige beziehen, noch einmal sei es gesagt, was für die irdischen Verhältnisse eine Bedeutung hat; denn für dasjenige, was nach dem Tode Bedeutung hat, muß wiederum Menschenliebe, Humanität, Wohlwollen, was wiederum ganz individuell ist und nur individuell sein kann, seine Kraft entfalten.
[ 17 ] Damit weise ich Sie hin auf dasjenige, was für die Bekräftigung der Dreigliederungsidee nur aus der Initiationswissenschaft heraus gewonnen werden kann. Worauf beruht denn aber eigentlich alles Hereinragen des Luziferischen und des Ahrimanischen in unsere Welt? Das Hereinragen alles Luziferischen und Ahrimanischen in unsere Welt beruht darauf, daß aus andern Graden des Bewußtseins irgend etwas in unsere Welt hereinfließt, als die normalen Grade des Bewußtseins sind. Wenn wir durch die Pforte der Geburt gehen, treten wir aus einem normalen Bewußtseinsstadium, das ganz anderer Art ist als das irdische hier, in dieses irdische Bewußtseinsstadium ein. Gerade jetzt, für unseren fünften nachatlantischen Zeitraum, ist das Traumesbewußtsein abnorm: das Tagesbewußtsein, das durchzogen ist von den Bildern des Traumes. Lassen wir Träume herein in unser Denken, so vermischen wir das, was wir bloß haben sollten durch unser vorgeburtliches Leben, mit dem, was zwischen Geburt und Tod sich abspielt. Und diese Mischung, die ist gerade für Luzifer ganz besonders geeignet, seine Ziele, nicht die normalen göttlichen Ziele der Erde, mit uns zu erreichen. Alles Hereinspielen des abnormalen Traumhaften in die gegenwärtige Bewußtseinsswelt kann daher nur zur Luziferisierung der Menschheit führen. Normal ist für unser Bewußtsein, wenn wir so lange träumerisch uns erziehen lassen, als unser Bewußtsein noch ein träumerisches ist, nämlich während der Kindheit. Wenn wir dieselbe Beziehung zur Welt, die während der Kindheit ganz gut ist, wo wir zum Beispiel sprechen lernen sollen, das wir wie im Traume lernen, fortsetzen über die Kindheit hinaus, was ein großer Teil der heutigen Menschheit tut, dann öffnen wir Luzifer die Türen und Tore und Fenster und alles, was wir nur öffnen können, in unser Bewußtsein herein. Wenn wir daher nicht tiefer begründet, als es begründet ist, wenn uns etwas träumt, öffentliche Urteile annehmen, dann öffnen wir dadurch Luzifer fortwährend die Tore. Wenn wir zum Beispiel von irgendwelcher Seite her befohlen bekommen, daß wir den oder jenen für einen «großen Staatsmann» oder einen «großen Fürsten» oder einen für «unschuldig am Kriege» oder für einen «großen Feldherrn» anzusehen haben, ohne daß wir das prüfen, so ist das, warum wiir ein solches Urteil bilden, gar nicht verschieden von den Gründen, warum wir irgend etwas träumen.
[ 18 ] Ein großer Teil der gegenwärtigen Menschheit hat bis vor kurzem Woodrow Wilson für einen großen Mann gehalten, weil er den Unsinn der «Vierzehn Artikel» in die Welt geschickt hat. Fragen Sie, mit welcher inneren Bekräftigung die Menschen das getan haben, so finden Sie keinen Unterschied zwischen der Bekräftigung, die die Menschen gefühlt haben, Woodrow Wilson für einen großen Mann zu halten, und der Bekräftigung, die Sie fühlen, wenn Sie irgend etwas träumen. Der Traum kommt Ihnen mit derselben inneren Willkür oder Unwillkür, wie Ihnen das Urteil über Woodrow Wilson und seine «Vierzehn Unsinne» gekommen ist. Es ist kein Unterschied, ob man auf diese Weise voll bewußt träumt oder ob man schlafend träumt. Es ist kein Unterschied, ob man auf die Stimmen der Außenwelt hin Ludendorff für einen großen Feldherrn oder Clemenceau für einen großen Staatsmann hält oder ob man in der Nacht dieses oder jenes träumt. Aber auf diese Dinge muß die Menschheit aufmerksam werden. Denn bei dem Bemerken solcher Dinge tritt zu gleicher Zeit das Urteil in uns ein, wie wir vom Luziferischen in der Welt ergriffen werden. Denn wir werden vom Luziferischen in der Welt dadurch ergriffen, daß wir namentlich bewußt träumen. In bezug auf dieses öffentliche Urteilen ist ein großer Teil der Menschheit der Gegenwart wirklich recht kindisch gewesen und ist weiterhin kindisch.
[ 19 ] Das sind Dinge, die heute ernster erwogen werden müssen, als wirklich mancher meint. Und auf der andern Seite handelt es sich darum, daß wir lernen vom Leben. Denn in bezug auf unseren Willen schlafen wir fortwährend, das habe ich ja oft gesagt. Ich habe Ihnen auseinandergesetzt: Sie haben zwar die Vorstellungen von dem, was Sie tun, aber nicht einmal, was die Hand innerlich ausführt, wenn sie sich bewegt; davon hat der Mensch gewöhnlich keine Vorstellung. Von diesem merkwürdigen Prozesse, der mit dem menschlichen Wollen zusammenhängt, hat der Mensch so wenig eine Vorstellung, wie er von dem eine Vorstellung hat, was er im tiefen Schlafe tut. Das Wollen ist ein waches Schlafen in der Regel. Dieses Wollen muß immer mehr und mehr zum Bewußtsein erhoben werden. Das wird noch ein langer Prozeß sein, wie das Wollen zum Bewußtsein erhoben wird im Verstehen der Erdenzeit. Partiell zum Bewußtsein erhoben wird es — auf einem kleinen Gebiete, bei andern Gebieten auch, aber ganz hervorragend auf einem Gebiete — zum Beispiel durch unsere Eurythmie. Da werden Bewegungen ausgeführt aus dem vollen Bewußtsein heraus. Da wird das Wollen wirklich vom vollen Bewußtsein durchsetzt. Daher habe ich öfter jetzt auseinandergesetzt in der Einleitung zur eurythmischen Vorstellung, daß es darauf ankommt, daß gerade die Eurythmisten alles schläfrige Wesen bekämpfen und gerade nach dem Gegenteil des Träumerischen hin arbeiten. Es ist ein großer Fehler, wenn Eurythmie nicht im vollsten überwachen Zustande ausgeführt wird, sondern wenn sie ausgeführt wird so, daß man glaubt, man kann auch in die Eurythmie hinein «mysteln». «Mysteln» kommt von Mystik. Es ist schon sehr schlimm, ins gewöhnliche Leben hinein zu mysteln, um so schlimmer, wenn etwas, was gewollt sein soll, was das Gegenbild des Traumes sein soll, durchmystelt wird. Das vom vollen Bewußtsein durchsetzte Wollen muß aber auch für das übrige Leben immer mehr und mehr angestrebt werden.
[ 20 ] Wiederum haben wir hier einen Fall, wo ein großer Teil der Menschheit nach dem Gegenteil hin arbeitet, nach dem Gegenteil dessen, was gerade als eine Grundforderung unserer Zeit uns vor Augen stehen sollte. Eine Grundforderung unserer Zeit ist diese, das Leben mit Bewußtsein zu durchdringen, nicht nur mit Verstand. Verstand ist etwas sehr Einseitiges. Die Menschen glauben heute gar, übersinnliche Wahrheiten auf mystischem Wege zu gewinnen, indem sie Medien dazu benützen, das heißt das Bewußtsein soviel wie möglich herabstimmen. Es gibt keinen luziferisch-ahrimanischeren Weg zur geistigen Welt als den spiritistischen. Das führt durchaus auf der einen Seite, beim Medium, in die Nähe zu Luzifer, auf der andern Seite, bei denen, die sich vom Medium ihre «Wahrheiten» sagen lassen, zum Ahrimanismus. Und der Inhalt solcher Wahrheiten, dieser sogenannten Wahrheiten, ist auch danach. Denn, was das Medium zu sagen hat über Außersinnliches, das ist nicht etwa etwas Höheres als das Sinnliche. Das Sinnliche hat eine gewisse Bedeutung durch die ganze Erdenzeit hindurch. Was Medien zu sagen haben, hat nur durch einen ganz kurzen Zeitraum eine Bedeutung, wenn es auf Wahrheit beruht, selbstverständlich. Es hat nur eine Bedeutung für gewisse elementare geistige Wirkungen einen kurzen Zeitraum hindurch, so daßß? man immer noch Höheres erfährt, wenn man sein ganzes Leben nichts anderes tut, als durch seine gesunden Augen schauen, durch seine gesunden Ohren hören, als wenn man sich durch Medien etwas über das Außersinnliche sagen läßt.
[ 21 ] Aus diesen und ähnlichen Dingen können Sie entnehmen, daß auf der einen Seite in unserer Zeit große Forderungen nach der Erneuerung des Geisteslebens da sind, daß aber auch das da ist, was man nennen kann ein scharfes Entgegenarbeiten gegen die wirklichen, unserer Zeit gewachsenen Quellen des Geisteslebens. Die Menschen sträuben sich heute gegen das Hereindrängen des Geistigen in die physisch-sinnliche Welt. Dieses Sich-Sträuben, das ist es, was Ihnen ja auf allen möglichen Gebieten entgegentreten kann und was Sie herauserkennen sollen aus den verschiedenen Bekämpfungen derjenigen Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist. Diese Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, ist sich klar darüber, daß auch dasjenige, was in das öffentliche soziale Leben hineinkommen soll, in der Zukunft durchaus aus den Initiationsquellen heraus fließen muß. Was da geltend gemacht wird, wie zum Beispiel die Dreigliederung, das mag ja gewissen Leuten heute nicht gefallen. Es gibt Menschen, die da sagen: Mir gefällt dies oder jenes nicht daran. — Diese Menschen sollten wiederum begreifen lernen, was ganzes Denken ist. Es kommt ja im Leben nicht auf das an, was uns gefällt oder nicht gefällt. Ich kannte einmal eine Dame — ich habe es schon öfter erzählt —, die ließ sich mancherlei erzählen über Geisteswissenschaft. Dann sagte sie: Ja, aber die Wiederverkörperung, die wiederholten Erdenleben, das ist etwas, das mir nicht gefällt; ich will nicht wieder auf die Erde kommen. — Man konnte ihr nach und nach begreiflich machen, daß es nicht darauf ankäme, ob sie will oder nicht, namentlich, daß es nicht darauf ankäme, ob sie in diesem Leben will oder nicht, denn sie wisse ja noch nicht, was sie wollen werde zwischen dem Tode und einer neuen Geburt; da werde sie schon wollen wiederkommen. — Nun schien sie das nach und nach zu begreifen und ging auch weg, indem sie sagte, Jetzt begreife sie es. Es war das in Berlin. Von Stettin aus schrieb sie dann eine Karte, sie glaube doch nicht daran; es gefiele ihr doch nicht, wiederum auf die Erde zu kommen. — Da reißt das Denken dynamisch ab; es kann auch mechanisch abreißen. Auch davon haben wir auf unserem Boden selbst schon ein Beispiel erlebt. Das Beispiel ist sehr einleuchtend; aber daß es anwendbar ist auf vieles, was die Menschen denken, das ist weniger einleuchtend. Ich hatte einmal bei einer Versammlung auseinanderzusetzen, wie die Menschenwesen in der Reinkarnation wiederkommen, mit ihren individuellen Menschenseelen wieder erscheinen. Tiere, mußte ich sagen, haben eine Gruppenseele; und während beim Menschen es so ist, daß er eine individuelle Seele hat, diese individuelle Seele bewahrt für die Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, mit seiner individuellen Seele wiederum erscheint und so weiter, ist es beim Tier, das die Gruppenseele hat, so, daß es beim Tode in die ganze Gruppe hineingenommen wird, daß jedes einzelne Tier dann wieder herausgegliedert wird bei der Geburt und gleichsam wie durch einen Fangarm wieder eingezogen wird in die Gruppenseele nach dem Tode. Da fing eine Dame an zu polemisieren: Ja, das sehe sie ein für alle Tiere, nur nicht für ihren Hund — den sie ganz besonders gern hatte; denn den hat sie so erzogen, daß er so stark eine individuelle Seele hat, daß er als Individualität wieder erscheinen wird! — Nachher hatte ich ein Gespräch mit einer anderen Dame, die sagte: Wie dumm ist doch die Dame gewesen, zu glauben, daß ihr Hund, der doch nur eine Gruppenseele hat, als Individualität wiederkehrt. Ich habe das gleich eingesehen, daß das nicht sein kann. Aber mein Papagei, der kehrt sicher als Individualität wieder, das ist etwas anderes!
[ 22 ] Gewißs, über diese Dinge läßt sich lachen; aber an diesen Dingen bemerkt man es eben, wenn man die Denkfehler macht. An dem, was ich Ihnen gesagt habe bezüglich der angeblichen Konfundierung von Dreigliederung mit Geisteswissenschaft, merkt man sein kurzes Denken nicht! Ich habe es erlebt, wie in diesen letzten fünf Jahren zahlreiche Urteile ganz nach dem Muster dieses Papageienurteils gefällt worden sind, wie die Menschen in einem Landesgebiete begriffen haben, wie es überall sonst beschaffen ist, aber bei ihnen war es immer etwas anderes, ganz nach dem Muster des Papagei-Wiederkehrens. Es handelt sich darum, daß wir diese Dinge wirklich in der Gegenwart ernst nehmen und daß wir einsehen können: Es muß auch in das soziale Leben die Initiationswissenschaft hereinfließen können, daß wir uns keiner Täuschung hingeben über den Unterschied zwischen dem, was wir denken möchten, und dem, was real ist. Es kann deshalb heute vielen Menschen unangenehm sein, die Dreigliederung zu propagieren. Aber es gibt heute in der Welt zwei Dinge, und derjenige, der ehrlich und aufrichtig die Welt ansieht, der sich keinen Illusionen hingibt, der sieht es, daß es diese zwei Dinge gibt: entweder Bolschewismus über die ganze Welt oder Dreigliederung! Sie mögen ja vielleicht die Dreigliederung nicht mögen; dann entscheiden Sie sich eben für eine alte Weltenordnung! — Aber bedenken Sie doch nur einmal, was übriggeblieben ist von einem großen Teil von Europa in den letzten vier bis fünf Jahren! Nehmen Sie die einzelnen Teile. Da haben Sie zum Beispiel Deutsch-Österreich; so wie es — von einzelnen Persönlichkeiten, die ich in meinem Buche «Vom Menschenrätsel» herausgehoben habe, abgesehen — in seiner Gesamtsubstanz ist, rührt diese Gesamtsubstanz aus dem katholischen Prinzip des 8. und 9. nachchristlichen Jahrhunderts her. Das lebte noch da, das konnte künstlich erhalten werden unter dem erst naturgemäßen Zusammenhaltungsprinzip des sogenannten Habsburger Hauses, dann des ganzen unnatürlichen Zusammenhaltungsprinzips der ÖsterreichischUngarischen Monarchie. Oder nehmen Sie das, was zum Beispiel die ehemaligen Länder der heiligen Stephanskrone sind, Ungarn: es ist seiner ganzen Konstitution nach das, was es geworden ist im Jahre 1000! Und so könnten wir von allen einzelnen Gebieten angeben, worauf eigentlich das Wesentliche dieser Gesamtsubstanz beruht. Es ist sogar gar nicht bequem, diese Dinge in der Gegenwart den Menschen zu sagen, denn die Menschen wollen nicht unbefangen auf solche Verhältnisse hinblicken. Wie soll man aber glauben, daß einfach, indem man diese Trümmer, die alt und morsch geworden sind, denn sie stammen in ihrer Gesamtsubstanz aus dem 8., 9. Jahrhundert oder aus dem Jahre 1000 und so weiter, zusammenfügt, sie sich heute zu haltbaren Gebilden zusammenschweißen lassen! Nein, da nützt nur ein wirkliches Erneuern des seelischen Lebens. Das aber muß ja tatsächlich ergriffen werden. Deshalb muß man sich immer wiederum an das Verantwortlichkeitsgefühl der Menschen wenden, dieses Seelenleben sich einmal anzuschauen. Wird es angeschaut, dann wird man sich ihm auch zuwenden.
[ 23 ] Über diese Verhältnisse und namentlich über den Bezug dessen, was ich heute gesagt habe, zu der besonderen Auffassung des ChristusPrinzipes, werde ich dann morgen weitersprechen.
