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Geistige und soziale Wandlungen
in der Menschheitsentwickelung
GA 196

1 Februar 1920, Dornach

Neunter Vortrag

[ 1 ] Bei dem, was ich heute sagen werde als weitere Ausführungen der letztgegebenen Betrachtungen, wird zu berücksichtigen sein, daß auch geisteswissenschaftlich etwas ganz Bestimmtes gelten muß über das Wirken der einzelnen Persönlichkeit in der Geschichte. Man hat gewöhnlich die Vorstellung, daß eine Persönlichkeit, sei sie eine künstlerische, sei sie eine staatsmännische, eine religiöse oder eine sonstige Persönlichkeit, die wirksam ist in der Geschichte, durch dasjenige wirkt, was sich auf dem Wege bewußt sich abspielender Impulse ausbreitet, und daß eine solche Persönlichkeit nur auf diesem Wege wirke. Und man betrachtet dann Fragen, die damit im Zusammenhange stehen, so, daß man darauf hinschaut: Was hat eine solche Persönlichkeit getan, was hat sie ausgesprochen, wie ist das unter die Menschen gekommen und dergleichen ?

[ 2 ] So einfach verhält sich gerade in den signifikantesten Fällen des geschichtlichen Werdens die Sache nicht, sondern es hängt dasjenige, was in der Menschheitsentwickelung wirksam ist, ab von den treibenden geistigen Kräften, die hinter dem geschichtlichen Werden stehen, und Persönlichkeiten sind gewissermaßen nur die Mittel und Wege, durch die gewisse treibende geistige Kräfte und Mächte aus der geistigen Welt heraus in unser geschichtliches Erdenwerden hereinwirken. Das widerspricht nicht dem, daß nicht auch vieles von der Individualität, von der Subjektivität solcher führender Persönlichkeiten hinauswirkte in weitere Kreise. Das ist ja selbstverständlich. Aber man bekommt von der Geschichte erst den richtigen Begriff, wenn man sich klar darüber ist, daß, wenn da oder dort ein sogenannter großer Mann dies oder jenes ausspricht, durch ihn sprechen die führenden geistigen Mächte der Menschheitsentwickelung und daß er gewissermaßen nur das Symptom dafür ist, daß gewisse treibende Kräfte da sind. Er ist das Tor, durch das diese Kräfte hereinsprechen in das geschichtliche Werden.

[ 3 ] Wenn dann zum Beispiel irgendeine Persönlichkeit einer gewissen geschichtlichen Periode angeführt wird und man versucht, sie in ihrem Einflusse auf die ganze Konfiguration der Zeit zu charakterisieren, so bedeutet das nicht, daß man den Glauben erwecken wolle, wenn man geisteswissenschaftlich spricht, daß dieser Mann nur durch die Kraft seiner Persönlichkeit so gewirkt hat, wie es der Fall ist. Ich will ein Beispiel anführen. Nehmen wir an, es müsse für irgendeine Zeitepoche — wie wir es gleich nachher werden tun müssen — eine philosophische Persönlichkeit als besonders charakteristisch angeführt werden. Da könnte dann jemand kommen und könnte sagen: Ja, diese Persönlichkeit hat philosophische Werke geschrieben, sie hat aber doch nur auf einen gewissen Kreis gewirkt; ein weiterer Kreis von Menschen hat ja keinen Einfluß erfahren von dieser Persönlichkeit aus.

[ 4 ] Es wäre ganz falsch, diesen Einwand zu machen, weil die betreffende Persönlichkeit, wenn es auch eine philosophische Persönlichkeit ist, bloß der Ausdruck ist für gewisse Kräfte, die hinter ihr stehen, und von diesen Kräften sind dann die weiteren Kreise beeinflußt und beeindruckt worden. An dieser Persönlichkeit sieht man nur, was in der Zeit wirkt. Es könnte zum Beispiel das Folgende der Fall sein. Es könnte in einer Zeit irgendeine Geistesströmung, eine Geistesrichtung, in dem Unterbewußten weiter Kreise von Menschenseelen wirken. Bei einer Persönlichkeit könnte das so zum Ausdruck kommen, daß das, was weite Kreise, vielleicht ganze Völker, nur ahnen, diese einzelne Persönlichkeit besonders charakteristisch klar formuliert, aber es überhaupt nicht niederschreibt, vielleicht nur fünf, sechs andern Menschen sagt oder auch gar nichts sagt. Es könnte also dieser extreme Fall eintreten, daß man nach Jahrhunderten die Memoiren irgendeiner Persönlichkeit entdeckte, in denen Dinge stehen, die nicht auf literarischem Wege verbreitet worden sind, und dennoch könnten in diesen Memoiren die charakteristischsten Ideen und Kräfte gerade dieser Zeit drinnenstehen. In diesem Sinne habe ich auch immer Charakteristiken gegeben, wenn ich solche Charakteristiken versucht habe. Niemals wollte ich den Glauben erwecken, daß nur auf dem Wege der gewöhnlichen Propaganda Ideen von Persönlichkeiten aus wirken, sondern immer wollte ich darauf hinweisen, daß man die wirksamen Ideen formuliert findet an den einzelnen Persönlichkeiten. Dabei kommt natürlich in Betracht, daß dazwischen gehen kann der wirksame Einfluß solcher Persönlichkeiten. Es kann aber auch einmal durchaus das Umgekehrte der Fall sein. Von einer Persönlichkeit kann eine breite Wirkung ausgehen; aber es muß das andere ausdrücklich gesagt werden, damit gewisse Dinge nicht so genommen werden, daß man etwa sagt: Wenn jemand eine Persönlichkeit charakterisiert als bedeutsam für irgendeine Zeit, so charakterisiert er damit etwas, was nur in irgendeiner Ecke geschieht, während man doch ein Interesse daran hat, dasjenige charakterisiert zu hören, was in den breiten Massen vor sich geht. — Von diesen Gesichtspunkten aus bitte ich das zu betrachten, was ich heute sagen werde.

[ 5 ] Es ist öfters von mir auseinandergesetzt worden, wie ein gewisser starker Sprung in dem geschichtlichen Werden der Menschheit vorliegt im 15. Jahrhundert. Derjenige, der das Seelenleben der zivilisierten Menschheit studiert, der findet, daß dieses Seelenleben im 16., 17. Jahrhundert radikal verschieden ist von dem Seelenleben im 10., 11., 12. Jahrhundert. Ich habe ja öfters darauf hingewiesen, wie es einer der unwahrsten Aussprüche ist, der aber immer wiederholt wird: die Natur oder die Welt, das Weltgeschehen mache keine Sprünge. — Solche Sprünge sind gerade an den bedeutsamsten Stellen der Entwickelung vorhanden. Und ein solcher Sprung in der Entwickelung der zivilisierten Menschheit ist eben der Übergang von der vierten nachatlantischen Zeit, die im 15. Jahrhundert zu Ende geht, zu der fünften, in der wir jetzt noch leben, an deren Anfang wir eigentlich erst stehen. Es wird in gewissem Sinne in der ganzen Gesinnungsweise, in den Gedankenformen der europäischen zivilisierten Menschheit anders nach dem 15. Jahrhundert; aber es wird bei den verschiedenen Nationen, bei den verschiedenen Völkern in einer andern Weise anders. Es treten gewisse Übergangserscheinungen in einer verschiedenen Weise auf bei den verschiedenen Völkern.

[ 6 ] Nun kann man das Geistesleben, in dem man heute drinnensteht, nicht verstehen, wenn man nicht eine Anschauung hat von dem, was seit dem 15. Jahrhundert in unserem Geistesleben nach und nach heraufzieht. Man muß an charakteristischen Punkten dieses neu heraufziehende Geistesleben fassen. Man kann aber natürlich immer nur einzelne Strömungen und einzelne Gesichtspunkte charakterisieren. Wenn man die Zeit, die diesem fünften nachatlantischen Zeitraum vorangeht, von dem Mysterium von Golgatha bis ins 15. Jahrhundert, betrachtet, so muß man sagen: Es wird ja von einem großen Teil der europäischen zivilisierten Menschheit in dieser Zeit versucht, ein Verständnis, ein religiöses Verständnis des Christentums zu gewinnen. Wer den Versuch macht, die einzelnen Anschauungen zu studieren, wie sie sich mit Bezug auf das Christentum in Europa vom 3., 4. Jahrhundert an bis ins 15. Jahrhundert ergeben haben, der wird finden, daß die Menschen dieses zivilisierten Europas all ihr Begriffsvermögen, ihr Empfindungsvermögen, alles, was sie aus ihrer Seele herausholen konnten, dazu verwendet haben, um in ihrer Art das Christentum zu verstehen, in ihrer Art ein Verständnis von dem zu gewinnen, was aus der Welt geworden ist durch das Mysterium von Golgatha.

[ 7 ] Nun treten nach dem 15. Jahrhundert ganz besondere Verhältnisse ein. Es kommt eigentlich da erst — und für denjenigen, der nicht jene Fable convenue betrachtet, die man gewöhnlich Geschichte nennt, sondern die wirkliche Geschichte, ist das ganz klar — dasjenige herauf, was man in weitesten Kreisen heute wissenschaftliche Denkrichtung nennt. Vorher war eigentlich etwas ganz anderes da. Was heute als das richtig Wissenschaftliche angesehen wird, das nimmt erst in dieser fünften nachatlantischen Periode seinen Anfang. Und dem wird eine ganz bestimmte Konfiguration aufgedrückt, und zwar, kann man sagen, aufgedrückt in verschiedener Weise. Es ist zwar immer derselbe Aufdruck, aber in verschiedener Prägung aufgedrückt im Westen, in Gegenden der westlichen Zivilisation, und etwas anders aufgedrückt in Gegenden der mitteleuropäischen Zivilisation. Und es ist heute der Zeitpunkt herangekommen, wo durchaus diese Dinge unbefangen betrachtet werden sollten, betrachtet werden sollten, ohne daß Nationalismus-Ideen die Betrachtungsweise in dem ungünstigen Sinne beeinflussen, wie ich das gestern schon charakterisiert habe.

[ 8 ] Und da kommen wir eben, wenn wir an einer charakteristischen Persönlichkeitserscheinung betrachten wollen, wie diese neuere Zeit ihre geistige Signatur bekommen hat, auf eine solche Persönlichkeit wie die, die besonders charakteristisch ist für den Ausgang aus dem 16. in das 17. Jahrhundert, auf den englischen Philosophen Baco von Verulam. Unter denjenigen Menschen, die sich wissenschaftlich dünken, gilt ja Bacon als eine Art Erneuerer menschlicher Denkweise. Aber dieser Bacon ist ein Exponent, ein Symptom für etwas, was in der neueren Zeit herauftritt in der Geschichte in dem Sinne, wie ich das eben zum Ausdruck gebracht habe. Die ganze westliche Welt wird im Grunde genommen von einer gewissen Gesinnungswelle durchsetzt, und Bacon ist nur derjenige, der am klarsten diese Gesinnungswelle der westlichen Welt formuliert hat. Ohne daß es die Menschen wissen, lebt diese Gesinnungswelle in einzelnen. Die Art und Weise, wie sie denken, die Art und Weise, wie sie sich über die wichtigsten Angelegenheiten des Lebens ausdrücken, ist in Gegenden der westlichen Zivilisation baconisch, auch wenn die Menschen Bacon bekämpfen, wenn sie ein Entgegengesetztes sagen. Es kommt ja nicht so sehr auf den Inhalt an, den man irgendwelcher Weltanschauungsidee gibt, sondern es kommt auf die Art und Weise an, wie sich eine solche Weltanschauungsidee erstens zum Herzen des Menschen stellt, und dann, wie sie sich hineinstellt in die Impulse des weltgeschichtlichen Werdens.

[ 9 ] Man kann, um das, was ich eben ausgesprochen habe, ich möchte sagen, durch eine Paradoxie deutlicher zu machen, sagen: In unserer Zeit könnte jemand ein krasser Materialist sein und der andere ein krasser Spiritualist, und beide könnten ganz gut aus unserer materialistischen Zeit heraus ihre Ideen sagen — der Unterschied würde kein großer sein. Es kommt gar nicht so sehr darauf an, ob heute einer dem wortwörtlichen Inhalte nach sich zum Spiritualismus oder Materialismus bekennt, sondern es kommt darauf an, aus welchem Geiste heraus er das eine oder das andere tut. Denn der wortwörtliche Inhalt ist es nicht, der eigentlich wirkt, sondern der Geist, aus dem heraus irgend etwas ist. Der wirkt; nur wenn man ein Abstraktling ist, gibt man einzig und allein etwas auf wortwörtlichen Inhalt.

[ 10 ] Nun ist zu bemerken, daß Bacon, wenn man wirklich auf das eingeht, was der Geist der Denkweise Bacons ist, den Versuch gemacht hat, mit den Geisteskräften, die besonders aufgetaucht waren seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, Erkenntnis der Menschheit zu begründen, Wissenschaft zu begründen. Die Erkenntniskräfte, die der Menschheit in der neueren Zeit zur Verfügung stehen, die sollten Wissenschaften werden. Es war eine wichtige Zeit, der Anfang des fünften nachatlantischen Zeitraumes, in dem Bacon aufgetreten ist. Es war sozusagen die Zeit, in der wirklich alles in Frage gestellt war; denn man konnte nicht in der alten Weise mit den Mitteln der alten Alchemie, der alten Astrologie, mit all den übrigen alten Mitteln, auch nicht mit der alten religiösen Denkweise weiter über die Weltenrätsel irgendwelche Ideen spinnen. Es war der Drang vorhanden nach Erneuerung. Worin drückte sich denn ganz charakteristisch dieser Drang aus? — Dieser Drang drückte sich darin aus, daß gerade in dieser Zeit ein Tiefstand war für alle wirklichen geistigen Erfassungskräfte der Menschheit.

[ 11 ] Bis in das 15. Jahrhundert hätte es eine Unmöglichkeit geschienen, so etwas wie das Mysterium von Golgatha mit bloßem auf das Sinnliche gerichteten Verstande begreifen zu wollen. Es war vielmehr eine Selbstverständlichkeit, daß so etwas wie das Mysterium von Golgatha nur als höchste Erscheinung unter andern begriffen werden müsse, mit höheren Erkenntniskräften als dasjenige begriffen wird, was als Natur um uns herum sich ausbreitet. Diese Erkenntniskräfte hatten noch eine gewisse Höhe, als das Mysterium von Golgatha geschah. Sie nahmen immer mehr und mehr ab in der Menschheitsentwickelung. Und als die neueste Zeit begann nach dem 15. Jahrhundert, hatten die Menschen keine geistigen Fassungskräfte mehr, sie hatten nur den auf das Sinnliche gerichteten Verstand.

[ 12 ] Mit dem auf das Sinnliche gerichteten Verstand suchte nun Bacon eine wissenschaftliche Gesinnung zu begründen. Und so wies er alle diejenigen Methoden des Forschens ab, die vorher als berechtigt anerkannt waren, und machte zuerst das Experiment als dasjenige geltend, auf das einzig und allein in der Hauptsache Wissenschaft gebaut werden sollte. Ein großer Teil der Welt steht heute noch auf diesem Standpunkt: Man muß experimentieren, man muß die Gerätschaften schaffen und experimentieren, und aus den Experimenten heraus müssen sich ergeben die Anschauungen über die Natur. — Vor dem Forum des Geistes angeschaut, heißt das: Ich habe hier einen Schmetterling; es ist mir zu kompliziert, diesen Schmetterling zu untersuchen, ich mache ihn aus Papiermache sehr täuschend nach und untersuche dann die Nachbildung aus Papiermache. — Das heißt im Grunde genommen doch dasselbe wie die Beobachtung der lebendigen Natur durch das tote Experiment, was nichts anderes ist, als die lebendige Natur durch den Leichnam für die Naturbeobachtung zu ersetzen. Auch wenn wir im physikalischen Laboratorium arbeiten, sollten wir uns bewußt sein, daß wir an Leichnamen der Natur experimentieren. Man muß selbstverständlich experimentieren, man muß auch am menschlichen Leichnam Untersuchungen machen. Aber man kann sich am menschlichen Leichnam keiner Illusion darüber hingeben, daß man eben nur den Leichnam vor sich hat. Beim Experiment aber gibt man sich der Illusion hin, daß es einem erst die Wahrheit überliefert. Aber niemand, der nicht in sich schon die geistige Intuition hat, um aus der lebendigen Natur in das Experiment dasjenige hereinzuergießen, um was es sich handelt, kann aus dem Experiment, dem toten Experiment irgend etwas, das für die lebendige Natur gilt, herausgewinnen.

[ 13 ] Damit aber ist angedeutet, daß die Baconsche Denkweise von vornherein darauf ausging, das Tote zum Erklärungsprinzip des Weltenwesens zu machen. Nun ist das Eigentümliche, daß man in jener Nachbildung des Lebendigen, die man im Experimente noch erreicht, Anhaltspunkte hat für Erklärungen der außermenschlichen Natur, daß man sich aber keiner Illusion hingeben soll, daß man durch irgend etwas Experimentelles wirklich etwas gewinnen kann, was aufklärt über den Menschen selbst. Alles Experimentieren führt von der menschlichen Wesenheit hinweg.

[ 14 ] Daher ist es gekommen, daß in den Jahrhunderten, die seither verflossen sind und in denen sich jene Denkergesinnung, die in Bacon eine bestimmte Höhe erreicht hat, ausgebreitet hat, das Verständnis für den eigentlichen Menschen und sein Wesen verlorengegangen ist. Verlorengegangen ist das Verständnis für das, was eigentlich als treibendes, wirkendes Wesen im Innersten der Menschennatur selber enthalten ist.

[ 15 ] Nun kann niemand die großen Impulse des moralischen, des sozialen Wollens finden, ohne auf das Wesen der Menschennatur einzugehen. Daher ist auch das Verständnis für die Impulse des moralischen und sozialen Wollens in diesen Jahrhunderten verschwunden, verschwunden gerade aus Baconscher Denkergesinnung heraus. Daher geht parallel zu der Ertötung des Verständnisses für die Welt, wie sie von Bacon ausgeht, die bloße Nützlichkeitsmoral. Es ist geradezu eine Baconsche Definition: Gut ist das, was dem Menschen, entweder dem einzelnen menschlichen Individuum oder der ganzen Menschheit, nützlich ist.

[ 16 ] So haben wir, ausgehend von der Baconschen Gesinnung — und sie war viel verbreiteter, als sich irgend jemand heute eine Vorstellung davon macht —, auf der einen Seite eine wissenschaftliche Denkergesinnung, die nur das Außermenschliche erfassen kann, auf der andern Seite eine Moral, die nur auf das ahrimanisch Nützliche geht. Bei Thomas Hobbes, einem Zeitgenossen Bacons, ist das in einem noch stärkeren Maße zum Ausdruck gekommen als bei Bacon selbst. Aber es hat sich dann diese Welle der Nützlichkeitsmoral ergossen in den bloßen Sinn für das Verständnis der außermenschlichen Welt, ergossen in all die Philosophen Locke, Hume und so weiter bis herauf zu Spencer und bis in die Naturwissenschafter von Newton bis Darwin. Wer am charakteristischsten studieren will, was aus der tonangebenden westlichen Welt heraus zur Konstituierung der neuesten Welle europäischer Gesinnung gekommen ist, der muß dort anfangen, muß ausgehen von der Baconschen Denkweise.

[ 17 ] Nun ist aber mit dieser Baconschen Denker- und Moralgesinnung etwas ganz Bestimmtes verknüpft. Man kann nur das Außermenschliche mit ihr begreifen, man kann moralisch nur das finden, was dem Menschen und der Menschheit nützlich ist, das heißt, mit den Mitteln, mit denen man hier Wissenschaft und natürliche Moral anstrebt, gelangt man gar nicht in das Gebiet hinein, in welchem Religion west!

[ 18 ] Was ist die Folge? Die Folge ist, daß unter denen, die Träger dieser Gesinnung sind, ein Bestreben entsteht, die Religion so zu lassen, wie sie vorher war, das heißt, sie historisch fortzupflanzen, ihr nicht aus einer neuen Wissenschaft des Geistes neue Elemente zuzuführen. Bacon hat ja die charakteristischste Anschauung vertreten, Wissenschaft dürfe nicht mit Religion irgendwie zusammengebracht werden, denn dadurch werde Wissenschaft phantastisch; und Religion dürfe nicht mit Wissenschaft irgendwie zusammengebracht werden, denn dadurch würde Religion heterodox. — Es soll also Religion schön ferngehalten werden von demjenigen Streben, das sich beim Menschen als wissenschaftliches Streben geltend macht. Die neuen Kräfte, die jetzt seit dem 15. Jahrhundert in der zivilisierten Menschheit tätig sind, führt man dem wissenschaftlichen Streben zu. Der Religion werden keine neuen Kräfte zugeführt. Sie soll fortkonserviert werden mit den Kräften, die ihr früher schon zugeführt wurden, denn man fürchtet sich vor den neuen Kräften, die ihr zugeführt werden könnten. Man fürchtet sich, daß sie heterodox würde, daß sie ihren eigentlichen Inhalt verlöre.

[ 19 ] Was mußte unter dem Einfluß einer solchen Denkergesinnung geschehen ? Was ist geschehen ? Das ist geschehen, daß man aus einer gewissen menschlichen Wahrhaftigkeit heraus Wissenschaft für die außermenschliche Welt anstrebte, aus einer gewissen Wahrhaftigkeit heraus Nützlichkeitsmoral anstrebte, daß man aber nicht aus dem, woraus man Wissenschaftlichkeit anstrebt, Religion anstreben will. Die soll davon gar nicht berührt werden. Die soll nichts zu tun bekommen mit dem eigentlichen wissenschaftlichen Streben, höchstens insofern man sie historisch betrachtet. Dadurch bekam man den Unterschied heraus zwischen Wissenschaft und geoffenbarter Religion. Dieser Unterschied kann auch etwas stärker ausgesprochen werden, er kann in der folgenden Weise ausgesprochen werden, dann ist er nur stärker ausgesprochen und deshalb unangenehmer für die Menschen, die die Wahrheit nicht gern hören; man kann ihn nämlich so charakterisieren: Nach der Wissenschaft strebt man ehrlich, nämlich nach jener Wissenschaft, die sich nur auf das Außermenschliche erstreckt. Nach einer Nützlichkeitsmoral strebt man auch ehrlich, wahrhaftig; aber man wendet dieses ehrliche, wahrhaftige Streben nicht auf die Religion an, die muß unangetastet davon bleiben, auf die darf die Wissenschaft nicht kommen. Ehrliche außermenschliche Wissenschaft, ehrliche Nützlichkeitsmoral — Religion als Heuchelei, Religion aus der Unwahrhaftigkeit heraus: das ist nur etwas schärfer ausgesprochen, daher unangenehm für diejenigen Menschen, die die Wahrheit nicht ungeschminkt hören wollen, der Unterschied zwischen Wissenschaft und geoffenbarter Religion. Aber dadurch, daß man solch eine Sache ja sehr weitgehend klar und scharf ausspricht, kommt man erst auf ihr Wesen. Und so ist das Charakteristischste dieser Denkrichtung, daß man vor der Anwendung der Wissenschaft auf die Religion zurückschreckte, daß man da nicht wollte, daß die Wissenskraft, die man in der Naturwissenschaft und dergleichen anwendet, in die Religion hineinspielt.

[ 20 ] Diese Art von Denksignatur war gewissermaßen der westlichen Zivilisation natürlich. Sie ist ihr so natürlich, daß zahlreiche Menschen dieser westlichen Zivilisation überhaupt gar nichts anderes begreifen, als daß man ja nicht mit demselben Prinzip, mit dem man die Natur begreifen will, sich hinaufwende zu dem Religiösen. Für die westliche Welt ist das charakteristisch, ihr ist das ganz angemessen.

[ 21 ] Aber jetzt denken wir uns denselben Impuls nach Mitteleuropa verfrachtet. Ich kann das an einem charakteristischen Beispiel zeigen. Nicht immer geht es ja so, daß in einer so scharfen Opposition dieser Denkgesinnung opponiert wird, wie von Goethe dem Newtonismus opponiert wurde, sondern es findet auch das statt, daß der Darwinismus, der ganz nur auf das Außermenschliche gerichtet war und der zu gleicher Zeit nie etwas anderes begründen kann als eine Nützlichkeitsmoral, nun aufgefaßt wurde von einem so urmitteleuropäischen, sogar preußischmitteleuropäischen Menschen, wie Ernst Haeckel es war. Da bleibt die Sache nicht das, was sie bei Darwin ist. Bei Darwin sehen wir die Denkergesinnung des Bacon fortwirkend. Er betrachtet mit dem Darwinismus die natürliche Welt; aber er bleibt ein Gläubiger, wie Newton ein Gläubiger geblieben ist. Er bewahrt sich die alte Denkweise ruhig fort mit Bezug auf das bloße Religiöse. Wie ist das nun bei Haeckel? Haeckel nimmt in die ganze Seele den Darwinismus auf. Für ihn gibt es nicht die Möglichkeit der Zweiteilung, für ihn gibt es nicht die Möglichkett, die Religion unangetastet zu lassen. Er bekommt den Darwinismus, mit dem man eigentlich nur Außermenschliches begreifen kann, aber er wendet mit einem Furor religiosus ihn an gerade auf das Menschliche, und er macht eine Religion daraus. Es wird eine Einheit, es wird eine Religion daraus.

[ 22 ] Und so wirken die Impulse, die einmal da sind, überall. Die Impulse sind dieselben, aber sie wirken differenziert, spezifiziert nach den verschiedenen Gebieten. Im Westen verträgt man Darwinismus und Religion zusammen serviert ganz gut in der Weltentwickelung. Ernst Haeckel, der Mitteleuropäer, muß sie durcheinanderrühren und ein einheitliches Gericht daraus machen, weil es für ihn nicht geht, die Dinge nebeneinander zu haben. Bacon und seine Nachfahren bis Spencer und Darwin fürchten sich davor, daß die Religion, wenn man Wissenschaft auf sie anwendet, heterodox wird. Haeckel fürchtet sich nicht davor. Er macht die Religion so gut wie möglich, weil er dieselbe Wahrhaftigkeit, die er in der Wissenschaft geltend macht, seiner ganzen Auffassung nach auch in die Religion hineintragen muß. So ist es auf vielen Gebieten. Der Goetheanismus in Goethe selber schon hat ja innerlich opponiert gegen das Begreifen des bloß Außermenschlichen. Sie brauchen nur den Prosahymnus «Die Natur» zu nehmen, den Goethe um die achtziger Jahre mindestens gedacht hat, wenn er ihn auch nicht selber damals niedergeschrieben hat, der hier ja auch eurythmisch vorgeführt worden ist, und Sie werden sehen, für Goethe ist die Natur überhaupt nicht in einem solchen Sinne wie für Newton oder Darwin vorhanden, sondern sie ist innerlich beseelt, sie ist sogar mit Humor wirkend für ihn vorhanden: «... gedacht hat sie und sinnt beständig.» Und so hat Goethe das ganze Leben hindurch nur ins Konkretere und immer Konkretere solche Maximen ausgebaut, wie er sie in dem «Fragment» über die Natur niedergelegt hat. Neulich ist hier in einem Blatte ein sonderbarer Aufsatz erschienen, der sogar, ich glaube, in diesem Sonntagsblatt eine Fortsetzung erfahren hat, wo gesagt wird, daß ich, als ich in den neunziger Jahren in der Neuausgabe des «Tiefurter Journals» in den Schriften der Weimarer Goethe-Gesellschaft das «Fragment» über die Natur mit einer Erklärung herausgegeben habe, zu stark betont hätte, daß die Eigenschaften, die Goethe in dem Prosahymnus «Natur» verarbeitet habe, dann in seinen naturwissenschaftlichen Werken eine Rolle spielen. Es ist wirklich komisch, welcher Einwand da gemacht wird in jenem Aufsatz. Da wird gesagt, in diesem «Fragment» seien überhaupt nicht naturphilosophische Ideen, sondern religiöse Ideen darinnen, und man dürfe nicht die religiösen Ideen dieses Prosahymnus in den naturwissenschaftlichen späteren Ideen Goethes so wiederfinden, wie ich sie gefunden habe. — Da hat sich also ein Pedant — man weiß nicht, was man anderes sagen soll — einmal das Vergnügen gemacht, zu zerspalten das menschlich nach Verständnis Suchende, indem er den Leuten den Glauben einreden will, bei Goethe seien die naturwissenschaftlichen Ideen etwas anderes als die religiösen Ideen. Da wird von vornherein so deduziert, daß man sieht, wie diesem Herrn, der diesen Aufsatz geschrieben hat, der Baconismus in allen Gliedern liegt!

[ 23 ] Kann man nun — so möchte ich jetzt die Frage stellen — auch an etwas anderem sehen, daß da in der modernen Zivilisation eine Differenzierung ist zwischen Wissenschaft und Religion? — Man kann es noch an etwas anderem sehen. Gewiß, auch in England, in dem Lande Bacons, gab es einen Wiclif und dergleichen; aber das hat nicht Einfluß gehabt auf die eigentliche Konfiguration der Zivilisation. In Mitteleuropa dagegen macht sich eigentlich in ganz besonderem Maße etwas geltend, was zum Beispiel nach Westen, nach Frankreich hin gar nicht einen erheblichen Einfluß genommen hat, indem nämlich, als die neuere Zeit, dieser fünfte nachatlantische Zeitraum heraufkommt, in Mitteleuropa nicht eine Opposition solcher Art geschieht wie in den westlichen Ländern, wo man wirklich in sehr sachgemäßer Weise Wissenschaft begründet, aber diese Wissenschaft nicht hineinreichen läßt in das religiöse Gebiet, das so fortvegetieren, nur die im alten Sinne geoffenbarte Religion bleiben soll, sondern es entsteht in Mitteleuropa in scharfer Weise gerade auf dem religiösen Gebiete die Opposition in der Reformation und daraus all das Unglückselige in der mitteleuropäischen Entwickelung, die Anzettelung des Dreißigjährigen Krieges durch die Jesuiten, alles das, was sonst noch geschehen ist als die Folgen dieses Unglückskrieges, und wiederum alles das, was weiter noch gekommen ist. Da sehen wir in diesem Mitteleuropa direkt auf dem religiösen Gebiete, daß der Impuls aus dem Zeitalter nach dem 15. Jahrhundert geltend war.

[ 24 ] In den kleinsten und in den größten historischen Erscheinungen sieht man, daß derselbe Impuls vorhanden ist, aber verschoben ist, in einer andern Weise aus der menschlichen Seele, aus dem menschlichen Herzen hervorquillt. Aber nach und nach wird die westliche Welt führend, und nach und nach geschieht etwas sehr Bedeutsames. Je weiter wir in der nachgoetheschen Zeit das Geistesleben Mitteleuropas sich entwickeln sehen, desto mehr entfernt es sich gerade von Goethe. Goethe wird zwar von den Literarhistorikern und von andern Leuten noch studiert, nun ja, es entsteht sogar eine Goethe-Forschung. Aber Goethe lebt nicht in alledem. Was Goethe eigentlich als Impuls in die mitteleuropäische Zivilisation hat bringen wollen, Goethe und die Seinen, das versickert allmählich im 19. Jahrhundert. Und in diese mitteleuropäische Welt sickert langsam hinein, geradeso wie der Darwinismus zum Haeckelismus geworden ist, dasjenige, was die Impulse der westlichen Welt sind. Die westliche Welt verträgt diese Impulse ganz gut, aber die mitteleuropäische Welt verträgt sie nicht. Die mitteleuropäische Welt steht zwar empfänglich für die westlichen Impulse da, sie nimmt sie auf, aber sie verträgt sie nicht. Wir sehen auf der einen Seite Darwin, der zwar aus dem Prinzip, das eigentlich nur für das Außermenschliche gilt, in seinem letzten Werke auch eine Konsequenz für den Menschen gezogen hat, diese Konsequenz aber keineswegs bis zu jener Tragweite getrieben hat, wie das von Haeckel gemacht wurde. Bei Darwin wird gewissermaßen das Wissenschaftsprinzip gelassen bei dem Außermenschlichen. In Mitteleuropa aber geht es so, wie es beim Haeckelismus gegenüber dem Darwinismus geht: Es wird versucht, das ganze Leben mit einem solchen Impuls zu durchdringen. Man will nicht nebenher stehen lassen das nicht durchdrungene, zum Beispiel religiöse Gebiet, man will das auch mit dem Impuls durchdringen. Und so bei den andern Gebieten, die denselben Weg machen. Das haben diejenigen, die jetzt älter sind, ja selbst noch erlebt, wie der Parlamentarismus englischer Färbung sich über ganz Europa ergossen hat, mit Ausnahme von PreußischDeutschland, und wie er in Europa aufgenommen worden ist so wie der Darwinismus durch den Haeckelismus. Der Parlamentarismus, wie er in England lebt, ist für England ganz gut. Für diejenigen Länder Mitteleuropas, in die er dann übertragen worden ist, ist mit ihm solch eine Konsequenz verbunden worden wie durch Haeckel mit dem Darwinismus. Unter solchem Einflusse haben sich die neueren Zeiten ergeben.

[ 25 ] Aber man kann tiefer gehen und die Erscheinungen, wie sie sich abgespielt haben, noch viel tiefer charakterisieren. Wir haben in der westlichen Welt außer Bacon eine auf die neuere Zivilisation großen Einfluß nehmende Persönlichkeit in Shakespeare. Für denjenigen, der das geistige Leben zu studieren in der Lage ist, weist der Baconismus und der Shakespearismus auf dieselbe außerirdische, aber im Irdischen repräsentierte Quelle hin. Beide nehmen denselben Weg in die neuere Entwickelung herein, und man weiß, daß die Inspiration für Bacon und Shakespeare aus derselben Quelle kommt. Das hat in der neueren Zeit, wo alles grob genommen wird, sogar dazu geführt, daß man die bekannte Bacon-Theorie aufgestellt hat, die natürlich so, wie sie aufgestellt worden ist, ein völliger Unsinn ist. Aber ganz aus derselben Quelle, aus der die Inspiration Bacon-Shakespeare stammt, stammen für Mitteleuropa, sogar von derselben Initiiertenpersönlichkeit ausgehend, die Geistesströmung von Jakob Böhme und von dem Süddeutschen Jacobus Baldus. Und viel mehr, als man glaubt, lebt in dem mitteleuropäischen Geistesleben das drinnen, was von Jakob Böhme stammt — wiederum eine solche Persönlichkeit, die nur formulierte dasjenige, was in weitesten Kreisen als Tatsache wirkte, wenn das auch nicht mit Jakob Böhmeschen Worten geschehen ist. Man muß sich nur klar sein darüber, daß ein gutes Stück der Goetheschen Metamorphosenlehre von Jakob Böhme herrührt, daß ein gutes Stück von dem, was in Goethes ganzer Organik ist, auf gewissen Umwegen, die man leicht nachweisen kann, auf dem Wege über Jakob Böhme an Goethe herangekommen ist. Und wenn auch Jacobus Baldus im einsamen Ingolstadt gelebt hat, so ist er eben gerade eine solche Persönlichkeit, die auf nicht viele Zeitgenossen gewirkt hat, die aber in charakteristischer Weise zum Ausdruck gebracht hat, was in weitesten Kreisen dieses neuaufgehenden neueren Zeitalters gedacht und gefühlt worden ist.

[ 26 ] Aber bedenken wir die merkwürdige Tiefe, die in diesen Dingen liegt: Aus derselben Inspirationsquelle stammen der Baconismus und der Shakespearismus, Böhmetum, Balderum. Was von Jakob Böhme kommt, ist heute noch immer auf dem Grunde des mitteleuropäischen Strebens bemerkbar, aber es versickert. Dafür hat der Baconismus, ob in seiner eigenen Gestalt oder in der Gestalt des späteren Darwin, in Mitteleuropa einen bedeutenden Einfluß genommen, hat auch Shakespeare einen bedeutenden Einfluß genommen. Bedenken Sie doch nur, daß die ganze zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts, wenigstens der spätere Teil, stark von Shakespeare beeindruckt ist und im 19. Jahrhundert das mitteleuropäische Geistesleben stark von Shakespeare beeindruckt wurde, daß Goethe in seiner Jugend tief beeindruckt war und erst von den Achtzigerjahren an sich wieder emanzipiert hat vom Shakespearismus.

[ 27 ] Überall kann man denselben Weg nachweisen, überall sind die Impulse die gleichen. Aber sie wirken in verschiedener Weise. In Mitteleuropa wirken die Impulse so, daß sie versickern; die westlichen Impulse ergießen sich über das Außermenschliche. Sie machen das religiöse Leben zunächst überhaupt zu einem Heuchelwesen neben dem wissenschaftlichen Streben. Und da dieses westliche Element sich über die ganze moderne Zivilisation ausgießt, sehen wir, wie die Menschen bis heute nicht dazu gekommen sind, die geistigen Kräfte — die geistige Wissenschaft, die sich in der neueren Zeit hinstellen muß als aus der menschlichen Natur heraus stammend, ebenso wie die auf das Außermenschliche gehenden wissenschaftlichen Kräfte — anzuwenden auf das Religiöse. Neu zu begreifen ist, weil mit dem, was unberührtes Gebiet gelassen worden ist, niemals weitergewirtschaftet werden kann, neu zu begreifen, mit neuen Geisteskräften, ist das Christentum. Die alten Geisteskräfte sind abgebraucht, und wer heute glaubt, mit den alten Geisteskräften, die im Westlichen für das Religiöse anerkannt werden, irgendwie das Christentum begreifen zu können, der lebt in den furchtbarsten Illusionen. Das muß heute gesagt werden, daß eine neue Epoche der Menschheit kommen muß, durch welche das Mysterium von Golgatha selber neu begriffen werden muß mit neuen Geisteskräften. Denn alles, was darüber gesagt worden ist, ist abgebraucht, ist an seiner eigenen Absurdität angekommen, kann noch da oder dort geleimt werden, da oder dort so behandelt werden, daß man es als ein wissenschaftliches «Rührmichnichtan» behandelt, aber die Menschheit kann mit diesen Dingen nicht weiterleben. Die Menschheit braucht die Kraft, aus dem eigenen Innern die neuen Geisteskräfte hervorzuholen, die das Mysterium von Golgatha nun in einer neuen Weise begreifen.

[ 28 ] Das ist es, was die westliche Welt eingesehen hat, daß es ihr obliegt, sich umzusehen in diesen neuen Geisteskräften. Denn in dieser westlichen Welt hat man sich beschränkt auf das bloße Begreifen des Außermenschlichen. Dieses Außermenschliche wird niemals bis an den Menschen herangebracht werden können. Eine neue Geisteswissenschaft wird den Menschen zu begreifen haben, damit aber auch erst wiederum neue Ausblicke auf das Mysterium von Golgatha eröffnen. Was auf die bloße außermenschliche Welt geht, kann eine bloße Nützlichkeitsmoral erzeugen; aber eine solche Nützlichkeitsmoral wird niemals den Menschen zu seiner eigenen Würde bringen. Zu dieser Würde kann den Menschen nur eine Moral bringen, von der er weiß, sie wird ihm eingegossen durch übersinnliche Kräfte, die in seine Seele hereinwirken. Die können aber nimmermehr begriffen werden mit demjenigen, was man der religiösen Offenbarung in den westlichen Ländern gelassen hat. Da ist eine Erneuerung notwendig.

[ 29 ] Die Fragen, die ich hiermit gestreift habe, scheinen in sehr, sehr über dem Alltagsleben gelegenen Gebieten zu leben, aber sie sind es nicht. Diese Fragen sind diejenigen, die heute den allerwichtigsten, weltgestaltenden Fragen zugrunde liegen, und niemand wird sich die große Frage: Wie stehen Ost und West, wie stehen Europa, Asien und Amerika? — beantworten können, der nicht zurückgehen will auf diese Dinge. Denn was wir heute erleben, ist letzten Endes die Konsequenz desjenigen, was in den menschlichen Seelen durch die Jahrhunderte vor sich gegangen ist.

[ 30 ] Es ist nur menschliche Denkbequemlichkeit, nicht bis zu diesen Dingen zurückgehen zu wollen. Daher kann man erleben, was ich nennen möchte jenen furchtbaren Herzschmerz, der einen überkommt, wenn man heute die Menschen reden hört über das große Unglück der Zeit, über andere Konfigurationen des gegenwärtigen politischen oder ökonomischen oder sonstigen Lebens, über die Angelegenheiten Asiens, Europas und Amerikas — sie aber reden hört wie die Blinden von der Farbe, weil sie nicht eingehen wollen auf dasjenige, was eigentlich diesen großen Fragen als das innerlich Pulsierende zugrunde liegt.