Geistige und soziale Wandlungen
in der Menschheitsentwickelung
GA 196
6 Februar 1920, Dornach
Zehnter Vortrag
[ 1 ] In den verschiedenen Betrachtungen, die wir in der letzten Zeit hier angestellt haben, war die Rede von den Notwendigkeiten der Zeit. Der Mensch muß sich heute bequemen, den Einschlag, der in die physische Welt herein will, aufzunehmen. Wir haben gesehen, wie in der intensivsten Weise im europäischen Leben seit etwa sechzig Jahren ein Kampf besteht, der im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts begann und der die Ursachen enthält für alle Verwirrungen dieser letzten Zeiten. Ich habe Sie hingewiesen auf die Tatsache, daß noch immer das, was geschieht, zu leicht genommen wird insofern, als man sich nicht einlassen will darauf, daß das alte Europa im 20, Jahrhundert nur ein Scheindasein geführt hat, zerbrochen ist und nicht zusammengeleimt werden kann. Diese Krisis läßt sich vergleichen mit einer Krisis, wie sie war beim alten Römischen Reiche, als allmählich in dieses Römische Reich das Christentum hereinbrach und alles Bestehende wegfegte. Etwas ganz Neues hat sich entwickelt. Wer einen Einblick in das Leben hat, dem wird sich auf der ganzen Breite ergeben, daß alles zertrümmert ist, was sich aufgebaut hat seit dem ersten christlichen Jahrhunderte.
[ 2 ] Wollen wir nun einmal hinschauen auf das, was sich aufgebaut hat. Das Mysterium von Golgatha war da. Aber das Mysterium von Golgatha und sein Verstehen sind zweierlei Dinge. Machen wir uns das klar an einem Vergleich. Nehmen Sie an, Sie blicken hin auf einen Menschen, der dieses oder jenes zu seinem Seeleninhalt hat oder zu seinem Tatenimpuls. Betrachtet ein Kind solch einen Menschen, so bildet es sich ein Urteil; dieses ist aber eine kindliche Ansicht. Es wird sich alsdann ein Mensch, der etwas gelernt hat, der erwachsen ist, auch eine Ansicht über diesen Menschen bilden können; das wird eine reifere Ansicht sein. Aber nicht jeder, der eine reife Ansicht hat, wird auch eine genügende Kenntnis oder Erkenntnis von dem betreffenden Menschen haben können, wenn der betreffende Mensch etwa ein gentalischer Mensch ist. Dazu wäre dann notwendig, daß wiederum ein genialer Mensch seine Ansicht sich gebildet hätte über diesen Menschen.
[ 3 ] Wir haben also einen Tatbestand in diesem Falle: Ein Mensch kann da sein, und es können verschiedene Verständnisse dieses Tatbestandes da sein. — So ist es im Zeitenlaufe mit dem Ereignis, welches das Christentum in die Welt gebracht hat. Dieses Ereignis als solches war einmal da, es steht am Ausgangspunkte unserer neuzeitlichen Zivilisation. Das Verständnis, das bis jetzt diesem Christentum entgegengebracht wurde, das wurzelt im wesentlichen in den Anschauungen, in den Ideen, in den Begriffen, die die Menschen haben konnten aus jenen Seelenuntergründen, die an Stelle der Seelenuntergründe des alten Römischen Reiches getreten waren. Sie brauchen, um das zu erhärten, nur etwa hinzublicken auf das untergegangene Österreich, das im wesentlichen, mit Ausnahme einzelner hervorragender Persönlichkeiten, eine Kultur hatte — und zwar. nicht nur eine geistige, sondern eine Kultur in der ganzen Breite des Lebens —, die im Grunde genommen ihrem Wesen nach zurückging auf die ersten christlichen Jahrhunderte.
[ 4 ] Da beginnen die Keime des Verfalls. Die Leute wollten das nicht glauben; aber jeder, der mit den Verhältnissen bekannt war, konnte das sehen. Und so war es auch im übrigen Europa. Europa ist aufgebaut gewesen auf ganz alten Vorstellungen, in einer alten Geistigkeit also. Und aus diesen Vorstellungen heraus wurde auch das Mysterium von Golgatha begriffen. Aber diese Vorstellungen sind nunmehr abgebraucht. Sie reichen nicht mehr hin, um dem gegenwärtigen Menschen ein Verständnis des Ereignisses von Golgatha zu vermitteln. Der Mensch möchte seinem konservativen Hang nach bei den alten Vorstellungen bleiben. In den Untergründen des Seelischen aber wurzeln durchaus die Forderungen nach einer Neugestaltung Europas und der ganzen zivilisierten Welt überhaupt. Das ist der große Kampf, der etwa seit sechzig Jahren auf dem Grunde der europäischen Kultur zu bemerken ist. Es will sich etwas gestalten, aber die konservierten Vorstellungen der Menschen drängen es zurück. Wenn sich irgendwo eine Flußströmung staut, so kommt zuletzt eine Stromschnelle. Diese Stromschnelle ist in der europäischen Kultur gekommen. Es sind die Schreckensjahre, die hereingebrochen sind, die keineswegs schon zu Ende sind, die eigentlich im Grunde genommen erst in ihren Anfängen stehen. Was heute notwendig ist, das ist, aus geistigen Grundlagen heraus eine neue Lebensauffassung zu begründen. Diejenigen, die sich heute gegen eine solche Lebensauffassung stellen, die gleichen denjenigen, die sich, als das Christentum vom Süden nach Norden sich ausbreitete, gegen dieses Christentum gestellt. haben. Es geht die Welle der Entwickelungüber solche Menschen hinweg.
[ 5 ] Aber solche Menschen können viel Unheil stiften, und es wird noch reichlich Unheil gestiftet werden durch solche Menschen. Nehmen wir einmal die Verhältnisse im Konkreten. Wer ins Auge faßt, wie dasjenige entstanden ist, was man ansehen konnte vor dem Jahre 1914 und auch in gewissem Sinne noch während der letzten Jahre, als die Katastrophe begann, der wird sehen, daß es auf der Landkarte Europas eben bestimmte sogenannte Staatsgrenzen gab. Warum sich diese Staatsgrenzen im Laufe der Jahrhunderte so herausgebilder haben, das können Sie durch die Geschichte verfolgen. Aber Sie werden gerade aus einer wirklichen, vorurteilslosen Geschichtsbetrachtung die Einsicht gewinnen, daß diese Staaten, von dem großen Rußland angefangen bis zu den kleinsten Gebilden, entstanden sind unter dem Einfluß des Christus-Verständnisses, das heißt des Christus-Verständnisses, wie es Platz gegriffen hat in Europa zur Zeit der sogenannten Völkerwanderung, zur Zeit der Dekadenz des Römischen Reiches. 1914, um eine Jahreszahl anzugeben, waren diese Verhältnisse, die sich ausdrückten in diesen «Strichen», die Staaten abgrenzten auf der Landkarte Europas, alle schon unnatürlich. Es war nichts Wahres mehr in diesen Grenzen. Es war nichts da, was innerlich Halt hatte. Und wer heute glaubt, es könne von dem, was 1914 nicht mehr wahr gewesen ist, irgend etwas zusammengehalten werden, der ist eben durchaus auf einen Holzweg gekommen. Auch dasjenige, was sich auf der Grundlage dieser Verhältnisse gebildet hat oder bilden will, ist fernerhin nicht haltbar.
[ 6 ] Was wollen denn die Leute in Europa mit ihrem amerikanischen Anhang jetzt aus der zivilisierten Welt eigentlich machen? Fassen wir das einmal ganz unbefangen ins Auge, was die Menschen Europas mit dem amerikanischen Anhang gegenwärtig aus der zivilisierten Welt machen wollen. Sie wollen dasjenige machen, was in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten, in den Völkerwanderungen ja vielleicht hätte entstehen können aus den Vorstellungen, welche die Goten, die Vandalen, die Langobarden, Heruler, Cherusker und so weiter gehabt haben, welche die Römer gehabt haben, bevor sie vom Christentum ergriffen wurden. Es ist das nicht entstanden, obgleich dazumal die Menschen sich mit ihrem Bewußtsein noch nicht einmal so stark dem Gang der Ereignisse entgegenstemmten, wie sie es heute tun. Aber nehmen wir einmal hypothetisch an, man hätte dazumal das Christentum sich nicht ausbreiten lassen wollen, sondern man hätte haben wollen ein Europa, zusammengeleimt aus den Vorstellungen der Ostgoten und Westgoten, der Vandalen, der Langobarden und so weiter mit den Resten des alten römiischen Wesens — ein Unmögliches einfach! Ein mögliches Europa ergab sich nur dadurch, daß ein geistiger Einschlag in dieses Europa kam. Und dieser geistige Einschlag, der kam durch das Christentum. Ohne diesen geistigen Einschlag, der eben alles anders gemacht hat, wäre nichts aus Europa geworden für die Jahrhunderte vom 4., 5. bis zum 20. Jahrhundert. Denken Sie sich einmal Europa ohne den Einschlag des Christentums in den verflossenen Jahrhunderten: Sie könnten es sich nicht denken. Denken Sie sich nur einmal, was alles übriggeblieben ist von dem, was die Goten, die Heruler, die Langobarden und so weiter in Europa vertreten haben. Sie müssen sich sagen: Der Einschlag des Christentums kam — alles wurde anders.
[ 7 ] Wenn dazumal die Langobarden ebenso stark zurückgewiesen hätten jeden neuen Impuls, wie ihn heute zurückweisen zum Beispiel, sagen wir, die Tschechoslowaken oder die Polen oder die Franzosen, dann wäre das, was ich hypothetisch vorausgesetzt habe, das Unmögliche eben geschehen. Und so, wie sich die Langobarden verhalten hätten, wenn sie gesagt hätten, wir wollen kein Christentum, wir wollen langobardisch bleiben, so verhalten sich heute die Tschechoslowaken, die Magyaren oder Franzosen, die Engländer und so weiter. Sie wollen nicht einen neuen geistigen Einschlag haben.
[ 8 ] Aber Europa ist auf dem Nullpunkt ohne einen neuen Einschlag. Es entsteht nichts. Es entsteht ebensowenig etwas aus Europa, wie aus einem Goten-, Langobarden-, Vandalen-Europa etwas entstanden wäre zu der Zeit, als das Christentum reif war, seinen Einschlag zu machen in die europäische Zivilisation. Dieser Gedanke ist ein solcher, vor dem sich die weitaus größte Anzahl von Menschen der Gegenwart fürchten. Es überrascht Sie vielleicht, wenn ich sage, sie fürchten sich, denn Sie glauben, das sei aus diesen oder jenen Lebensgründen oder logischen oder sonstigen Gründen, daß sie diesem Gedanken widerstreben. Das ist nicht der Fall. Warum sie widerstreben, ist unterbewußte Furcht. Wenn man unterbewußte Furcht hat, so versteht man die Dinge nicht. Man erfindet logische Gründe, man erfindet allerlei Beobachtungen, die man gemacht zu haben glaubt, um diesen Gedanken zu widerlegen, während man sich eigentlich vor ihm fürchtet. Aber die Furcht gesteht sich der Mensch ja nicht! Die Zeit ist aber eine so große, daß es nötig ist, gerade in diese Verhältnisse unbedingt hineinzuschauen. Und es ist nötig, heute Worte auszusprechen, die gewiß einem großen Teil der Menschen noch paradox klingen. Das Christentum hat, als es sich zuerst ausbreitete, den Menschen auch paradox geklungen. Sie sollten sich nur vorstellen, wie es geklungen hat, als die Verbreiter des Christentums — sagen wir zum Beispiel im Elsaß, in der Schweiz — gekommen sind, wo man noch verehrt hat die Bildnisse des Wodan, des Gottes Saxnot und so weiter, es war etwas Paradoxes. Heute ist es für die Menschen paradox, wenn man ihnen von dem spricht, wovon die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft als von einem neuen Einschlag und zu gleicher Zeit von einem neuen Verständnis des Christentums sprechen muß. Nur muß heute alles bewußt werden, nur muß heute alles gewollter sein, als in der damaligen Zeit die Menschen zu wollen fähig waren. Vor allen Dingen muß eines in aller Schärfe heute von der Menschheit begriffen werden. Wir haben ein sogenanntes wissenschaftliches, ein intellektuelles Leben. Ein Glied dieses intellektuellen Lebens habe ich Ihnen im letzten Sonntagsvortrage charakterisiert; ich habe Ihnen den Charakter angegeben, den dieses intellektuelle Leben durch die englisch sprechende Bevölkerung erhalten hat. Glauben Sie nicht, daß dieses intellektuelle Leben irgendwie unbeeinflußt läßt die Alltäglichkeit. Was unsere Kinder in der Schule lernen, bereits von ihrem sechsten Jahre an, das formt die Seelen, das formt den ganzen Menschen, und die Menschen gehen heute so herum, wie sie zugeformt werden von unserem Schulwesen, das in seinen unteren Stufen wieder stark beeinflußt ist, besonders heute in der Zeit der Verbreitung des Zeitungswesens, viel mehr, als man denkt, ganz ungeheuer beeinflußt ist von dem, was in den Oberschichten des intellektuellen Lebens die sogenannte Wissenschaft ist. Die Wissenschaft, die hatte ihre äußeren großen Erfolge. Sie hatte es bis zum Telefon und bis zur Luftschiffahrt gebracht, sie hat es bis zur drahtlosen Telegrafie gebracht. Auf diesem ganzen Gebiete hat sie ihre großen Errungenschaften. Aber ich habe Sie wiederholt nun schon aufmerksam gemacht auf eine Eigentümlichkeit dieser Wissenschaft, eine Eigentümlichkeit unserer ganzen Erkenntnis. Diese Eigentümlichkeit besteht darin, daß man alles begreifen kann. Man kann Maschinen begreifen, man kann Mineralien begreifen, man kann Pflanzen begreifen, das Tier begreifen, aber man kann am allerwenigsten durch dasjenige, was unsere Wissenschaft darbietet, den Menschen begreifen. Daß man geradewegs den Menschen ableitet von der Tierheit, daß man sagt, er sei nur eine höhere Entwickelungsstufe der Tierheit, das rührt ja nur davon her, daß? man eben über den Menschen nichts weiß. Nicht weil der Mensch wirklich vom Tiere abstammt, sondern weil man über den wahren Menschen nichts weiß, sondern eben nur die Vorstellung offenbaren kann, die man hat, läßt man den Menschen aus dem Tierreich stammen. Es ist ja nur ein Vorurteil der Zeit, die keine Wissenschaft hat, um über den Menschen zu urteilen. Daher sind wir auch in der Gegenwart nicht imstande, aus unserer Zeitenbildung heraus eine wirkliche Menschenkenntnis zu erwerben. Mit Menschenkenntnis kann nicht gemeint sein jenes Sammelsurium von allerlei Vorstellungen, die sich heute der Mensch von sich selbst macht. Eine wirkliche Menschenkenntnis konnte nur hervorgehen aus der Erkenntnis desjenigen, woraus der wahre Mensch, der echte Mensch aufgebaut ist.
[ 9 ] Wenn wir auch alles, was wir auf der Erde haben, studieren, studieren mit den Mitteln der heutigen Wissenschaft, so können wir Maschinen damit bauen, können Mechanismen damit gestalten, aber wir können niemals den Menschen damit begreifen. Dazu ist eben anthroposophische Geisteswissenschaft da, den Menschen aus außerirdischen Verhältnissen begreiflich zu machen. Das fühlen die Menschen, aber sie geben in ihren heutigen Vorstellungen nicht zu, daß der Mensch heute begriffen werden müsse aus außerirdischen, aus übersinnlichen Verhältnissen. Und so ist für diesen Menschen keine Wissenschaft da. Jahrhunderte schon täuscht sich die Welt über diese Tatsache in einer merkwürdigen Weise.
[ 10 ] Ich will Ihnen einmal an einem Beispiel — es könnten deren viele angeführt werden — zeigen, wie man sich durch die Jahrhunderte über diese Tatsache hinwegtäuscht. Als begonnen wurde mit dem, was hier nun seit Jahren schon ausgebildet vor Ihnen liegt als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, da haben manche Menschen, die dem, was gerade zum Beispiel von mir auf dem Boden dieser anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft gegeben wurde, nahegekommen sind, gesagt: Wir vertiefen uns lieber in die Mystik des Meister Eckhart, in die Mystik des Johannes Tauler. Da ist ja alles viel einfacher; da kann man so hübsch wohlbehaglich sagen: Ich versenke mich in mein Inneres, ich erfasse den höheren Menschen in mir, mein höheres Ich hat den göttlichen Menschen in mir erfaßt. — Aber das ist ja doch nichts anderes als ein raffinierter Egoismus, nichts anderes als ein Zurückziehen auf die egoistische Persönlichkeit, ein Hinweglaufen von der ganzen Menschheit, ein innerliches Sich-selbst-Betrügen. Als im 14., 15. Jahrhundert die Unfähigkeit der Menschen begann, den Menschen zu begreifen, da war es klar, daß solche Geister auftreten mußten, wie Johannes Tauler und der Meister Eckhart, die auf das menschliche Innere hinwiesen, um den Menschen zu suchen. Aber heute ist diese Zeit vorüber. Heute taugt dieses Vertiefen und Versenken in das Innere nicht mehr. Heute handelt es sich darum, ein Christus-Wort nun wirklich richtig zu verstehen — das ist das Beispiel, das ich meine —, dieses eine Christus-Wort, das eines der wichtigsten, der bedeutsamsten ist, das heißt: «Wenn zwei oder drei in meinem Namen vereinigt sind, dann bin ich mitten unter euch.» Das heißt, wenn einer allein ist, dann ist der Christus nicht da. Den Christus kann man nicht finden, ohne sich verbunden zu fühlen mit der ganzen Menschheit. Den Christus muß man heute suchen durch den Weg, den die ganze Menschheit geht. Das heißt, das innerliche SichBefriedigen führt von dem Christus-Impuls gerade ab.
[ 11 ] Das ist das Unglück besonders der protestantischen Theologie des 19. Jahrhunderts, daß der Impuls aufgetreten ist, ein bloßes individuell-egoistisches inneres Christus-Erlebnis zu haben. Es gibt ein europäisches gekröntes Haupt, eines derjenigen, die noch gekrönt sind, das erwiderte immer, wenn es sich darum handelte, zeitgemäßes geistiges Erkennen anzufassen: Ich habe mein persönliches Christus-Erlebnis! — Dieses gekrönte Haupt hat sich damit befriedigt. Aber ähnliches sagen ja viele. Das aber ist eben das Unglück der Gegenwart, daß die Menschen nicht haben wollen das allgemeine Interesse für das unpersönliche Menschliche. Man lernt nämlich sich selbst erst kennen, wenn man den Menschen als solchen kennt. Den Menschen als solchen kann man aber nicht kennenlernen, ohne seinen Ursprung in außerirdischen Verhältnissen zu suchen.
[ 12 ] Denken Sie, wie in außerirdischen Verhältnissen der Ursprung desjenigen, was heute Mensch ist, gesucht wird im Sinne meiner «Geheimwissenschaft im Umriß». Diese «Geheimwissenschaft» ist den Menschen so unsympathisch aus keinem andern Grunde, als weil alle konfuse Menschheitskenntnis abgewiesen ist und der Mensch als solcher hergeleitet wird aus dem ganzen Weltenall, namentlich aus dem außerirdischen Weltenall. Das aber ist gerade in der heutigen Zeit notwendig. Die heutige Zeit muß sich dazu entschließen, zu alledem, was man als Erkenntnisquellen heute liebt, die andern, die geistigen Erkenntnisquellen hinzuzufügen.
[ 13 ] Hier liegt, nennen Sie es Schuld, nennen Sie es Unwissenheit — es mag ja das eine oder das andere Wort angewendet werden, auf Worte kommt es nicht an —, was charakterisiert werden muß als ausgehend von unseren wissenschaftlichen Hochschulen, von jenen Menschen, die den Ton angeben, wenn die Rede ist von dem, was der Mensch wissen kann und was er nicht wissen kann. Von dem, was von unseren europäischen und amerikanischen Hochschulen ausgeht an sogenannter Menschenweisheit, aber auch an sozialer Weisheit, an technischer Weisheit und so weiter, das betrachtet die Welt mit Ausschluß aller derjenigen Faktoren, die doch den Menschen ganz selbstverständlich in sich schließen. Wer heute den Zugang sucht zu irgendeiner führenden, wenn auch nur einer niedtigen führenden Menschheitsstellung, der hat gar nicht Gelegenheit, irgend etwas kennenzulernen, das ihn befähigte, Menschenkenntnis zu erhalten. Und ohne Menschenkenntnis gibt es kein soziales Leben, ohne Menschenkenntnis gibt es auch keine Erneuerung des Christentums. Man kann heute Theologe werden, ohne eine Ahnung zu haben, was das Mysterium von Golgatha bedeutet, denn die meisten Theologen haben heute keine Ahnung, wer Christus ist. Man kann heute Jurist werden, ohne eine Ahnung davon zu haben, was eigentlich das Menschenwesen ist. Man kann heute Mediziner werden, ohne eine Ahnung von dem zu haben, wie dieses Menschenwesen aus dem Kosmos heraus gebaut ist, ohne eine Ahnung davon zu haben, wie der gesunde und der kranke Leib sich zueinander verhalten. Man kann heute Techniker werden, ohne eine Ahnung davon zu haben,welchen Einfluß der Bau irgendeiner Maschine auf den ganzen Gang der Erdenentwickelung hat, und man kann heute ein genialer Erfinder eines Telefons sein, ohne eine Ahnung davon zu haben, was das Telefon für die ganze Erdenentwickelung bedeutet. Den Menschen fehlt der Ausblick auf den Gang der menschlichen Entwickelung. Und jeder Mensch hat so das Bedürfnis, sich einen kleinen Kreis zu bilden und in diesem kleinen Kreis eine Routine zu erwerben, diese Routine anzuwenden im Sinne seines Egoismus, daß er sich hervortue, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, wie sich hineinstellt dasjenige, was er da als einen Teil dem Weltenganzen einfügt, in dieses Weltenganze. Wenn man mit derselben Methode, mit der man heute Existenzen gründet, in der Welt Häuser bauen würde, so würden diese gleich einstürzen. Wenn man nach derselben Methode, nach der wir heute unsere Theologen, unsere Juristen, Mediziner, Philologen und so weiter und namentlich die Philosophen ausbilden, Ziegelsteine formen und mit diesen Ziegelsteinen Häuser bauen würde, so würden diese Häuser keine Woche da sein können im Weltenganzen. In den großen Verhältnissen bemerken die Menschen das Einstürzen nicht. Es stürzt ja fortwährend ein seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Die Menschen wissen nichts davon; sie reden im Gegenteil von dem großen Aufschwunge, und manche reden noch davon, daß man mit denselben Ziegelsteinen, die längst unbrauchbar geworden waren, wieder eine neue Welt aufbauen soll. Man kann nicht eine neue Welt aufbauen anders, als daß? von Grund auf ein neuer geistiger Einschlag in die ganze zivilisierte Welt kommt. Man kann etwas leimen, aber nicht bauen ohne diesen geistigen Einschlag.
[ 14 ] Es gibt Menschen — gutmeinende Menschen —, die haben vor einer solchen Intensität des Wissens, vor einer solchen Intensität der Erkenntnis, wie sie angestrebt wird durch Geisteswissenschaft, eine heillose Angst. Sie haben Angst aus einem gewissen Grunde — ich erzähle Ihnen nicht irgendwie Ausgedachtes, nur die Dinge, die Tatsachen entsprechen —, sie sagen sich: Wie wird es doch langweilig sein, wenn man alles wissen wird von dem Menschen, was Geisteswissenschaft zu wissen vorgibt; dann kann man ja nicht mehr hoffen, daß die Zukunft neues Wissen bringt, dann kann man ja gar nicht wissen, daß das Wissen weiterhilft. Schrecklicher Anblick der Zukunft, meinen sie noch, wenn schon alles gewußt wird!
[ 15 ] Ich will nicht sagen, daß dies eine bequeme Auskunft für diejenigen ist, die zu faul sind, an die Erkenntnis heranzugehen, aber darauf möchte ich aufmerksam machen, daß in dem Augenblick, wo der Mensch so durchschaut wird, wie er durchschaut werden kann durch Geisteswissenschaft, erst richtig die Möglichkeit beginnt, an sozialen Aufbau zu denken. Man kann nicht anders sozialen Aufbau begründen, als daß man erst die Menschenerkenntnis gewissermaßen ins reine gebracht hat. Um sich das klarzumachen, muß man nur folgendes sich sagen. Nehmen Sie alles dasjenige, was in unsere bisherigen Gemeinschaften führt — die Menschen verdanken es keineswegs ihrer Aufklärung; sie verdanken es nicht den Vorstellungen, die sie voll in ihr Bewußtsein aufgenommen haben, sie verdanken es denjenigen geistigen Kräften, die durch das Blut hindurchscheinend sind, welche ersprossen sind aus den alten Blutszusammenhängen, Blutsverwandtschaften. Wir haben da gerade heute noch immer etwas, was sich hereinstellt in unsere Welt als ein Überbleibsel jener alten Blutsverwandtschaft, was uns das nationale Prinzip gibt, was in ihm zum Vorschein kommt. Weswegen sich der eine einen Engländer, der andere einen Franzosen, der andere einen Polen nennt, das rührt her von alledem, wovon von jeher hergerührt haben digjenigen Zusammenhänge unter den Menschen, die auf Blutsverwandtschaft gebaut sind. Diese Blutsverwandtschaft hatte durch die Jahrtausende der Menschheitsentwickelung ihre gute Berechtigung, denn durch diese Blutsverwandtschaft stieg dasjenige herauf in die Menschheit, was die Menschen zusammenbrachte, was Menschheitsgemeinschaften begründete. Und die Menschen waren im Ausgange der Erdenentwickelung, wie Sie sich aus meiner «Geheimwissenschaft» überzeugen können, durchaus nicht so einheitlich. Die Menschenseelen waren von den verschiedensten Orten, wie Sie wissen, auf die Erde gekommen, haben sich wahrhaftig nicht geliebt, lernten sich lieben nur dadurch, daß sie als Seelen hineingeboren wurden in blutsverwandte Leiber. Ich habe in früheren Vorträgen wiederholt gezeigt, wie das Wohltätige dieser Blutsverwandtschaft, Blutsgemeinschaft von den den Menschen gegnerischen Mächten bekämpft worden ist, von den luziferisch-ahrimanischen Mächten. Das war in alten Zeiten. Da waren gerade die Menschen darauf angewiesen, Menschengemeinschaften aus der Blutsverwandtschaft heraus begründen zu lassen. Heute zu glauben, daß man nur zu übersetzen braucht das alte Blutsverwandtschaftsprinzip in die abstrakte Sprache und daß man sagen kann, indem man die Abstraktheit in «Vierzehn Punkte» kleidet: Jedem einzelnen, auch dem kleinsten Volke sein Selbstbestimmungsrecht! — man muß Woodrow Wilson in seiner Weltfremdheit, in seiner Abstraktheit sein, wenn man so etwas tun kann. Heute muß man einsehen: Das war einmal. Blutsverwandtschaften begründeten einmal menschliche Gemeinschaften. Heute ist bei den der Menschheit gegnerischen ahrimanischen und luziferischen Mächten anderes bestimmend, heute sollen die Menschen verführt werden durch die Blutsverwandtschaft. Geradesowenig wie der Christus in die Welt gekommen ist, um das Gesetz abzuschaffen, sondern in sich aufzunehmen, ebensowenig soll die Blutsverwandtschaft aus der Welt geschafft werden, im Gegenteil muß man die Blutsverwandtschaft erst in die richtigen Wege leiten. Aber während in alten Zeiten in Menschenherzen die ahrimanischen und luziferischen Wesenheiten gegen die Blutsverwandtschaft aufgetretensind und die Menschen in egoistische Individuen zerspalten wollten gegen die Blutsverwandtschaft, handelt es sich heute darum, daß die Menschen durch ahrimanische und luziferische Mächte verführt werden sollen, nur auf die Blutsverwandtschaft aufzubauen, während heute die Zeit reif ist, einzusehen, jeder Mensch, der wirklich Leib, Seele und Geist hat und vor uns dasteht, der kommt aus der geistigen Welt herunter, der kommt aus der geistigen Welt so herunter, daß er ein vorirdisches Leben durchgemacht hat. Er sucht sich selber das Blut, durch das er auf der Erde sich verkörpern will. Und ein Gefühl muß nach und nach entstehen für diese geistige Gemeinschaft. In vorchristlichen Zeiten ist die Reinkarnation als Gefühl vorhanden gewesen, denn eine Erkenntnis war sie nur vor dem Jahre 1860 vor dem Christentum; nach dem Jahre 1860 war sie im ganzen Ägypten, in vorderasiatischen, römischen Zeiten nur ein instinktives Gefühl. Jetzt aber kommt die Zeit, wo die Anschauung von dem Menschen als einem geistigen Wesen, das eine Entwickelung durchmacht zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, ein lebendiges Gefühl, eine lebendige Empfindung wird, wo man in der Vorstellung leben muß von der überirdischen Bedeutung der Menschenseelen. Denn ohne diese Vorstellung wird die Kultur der Erde ertötet. Man wird nicht eine praktische Tätigkeit entfalten können in der Zukunft, ohne daß man aufblicken kann zu der geistigen Bedeutung der Tatsache, daß jeder Mensch ein geistiges Wesen ist. Und man wird hinzufügen müssen, so paradox das dem heutigen Menschen noch erscheint — paradox weniger der Theorie nach, denn ich will nicht theoretisieren, aber parallelisieren, dem Gefühle nach, es ist aber doch so —, daß man wird lernen müssen, nicht nur sich zu sagen: Wir freuen uns als Eltern, daß uns ein Kind geboren wird, wir freuen uns über diesen Zuwachs unserer Familie, weil uns dieses Kind geboren wird —, sondern man wird sagen müssen: Nein, wir sind bloß das Werkzeug dafür, daß eine geistige Individualität, die wartet, auf der Erde ihr Dasein fortzusetzen, durch uns Gelegenheit dazu findet! — Zu den antiquierten Dingen wird gehören müssen zum Beispiel die Aristokratenvorstellung vom Stammhalter, die Aristokratenvorstellung von der bloßen Blutsfortsetzung der Familie, und ausdehnen wird sich müssen die Empfindung, das Gefühl auf die ganze Menschheit. Aristokraten haben heute noch die Gesinnung, es sei vor allen Dingen ihre Aufgabe, ihr Geschlecht fortzusetzen, so daß der physische Mensch Nachkommen hat mit demselben Namen. Die Empfindung wird sich umkehren müssen dahingehend, daß man diese Nachfolger wird haben müssen im Dienste der ganzen Menschheit, damit gewisse Individualitäten, die herunter wollen auf die Welt, hier auf dieser Erde ihr Dasein fortsetzen können. Die alten Empfindungen ragen im Aristokratentum, im Familienaristokratentum in unsere jetzige Zeit herein. Dem muß sich entgegenstellen die Empfindung jener allgemeinen Menschenkenntnis; dann werden wir auch den Christus neu begreifen können. Denn er ist nicht um des Familienegoismus willen auf der Erde erschienen, sondern um der ganzen Menschheit willen. Er ist auch nicht um irgendeiner Nationalität willen auf der Erde erschienen, sondern um der ganzen Menschheit willen. Er ist nicht erschienen, damit diejenigen, die sich die Sieger nennen, die Nationalstaaten aufrichten können, sondern daß das Allgemeinmenschliche durch den Rahmen des Nationalen auf der Erde gepflegt werde.
[ 16 ] Auf dem Grunde desjenigen, was jetzt vorgeht, liegen diese Dinge. Und sie liegen so, daß im Grunde genommen das, was heute mit dem Erdendasein gewollt wird, bekämpft wird von dem, was der größte Teil der Menschen heute noch sagt, was der größte Teil der Menschen heute noch will. Aber die Menschen werden, wenn sie so weiter wollen, nur Dinge begründen, die sich selbst ad absurdum führen, die sich selbst in die Unmöglichkeit führen. Entweder wird man dieses einsehen, oder man wird noch lange im europäischen Chaos drinnen waten müssen. Es ist das beste Mittel, weiter zu waten in diesem europäischen Chaos, wenn man Nationalstaaten gründet.
[ 17 ] Mit aus diesem Grunde mußten wir gerade denjenigen gegenüber, denen in der nächsten Zeit äußerlich die Weltherrschaft zufällt, reden von der großen Verantwortlichkeit. Diese Verantwortlichkeit ist da. Die englisch sprechende Bevölkerung hat diese furchtbare Verantwortung vor der Welt, nicht weiterhin das Geistige zurückzuweisen, nicht weiterhin Baconisch oder Newtonisch zu sein, sondern den Geist aufzunehmen in seiner neuen Form. Setzen Sie heute das Bild vor Ihre Seele, Newton, ausgestaltend jene astronomische Weltanschauung, von der Herman Grimm mit Recht sagt: So wie man sich das vorstellt im Sinne dieser astronomischen Weltvorstellung, daß die Erde und das Planetensystem der Sonne aus einem Dunst, einem dünnen Nebel hervorgegangen ist, das sich umgewandelt und umgewandelt hat, daß dann aus diesem Wirbel auch Tiere, Menschen, Pflanzen erstanden sind und daß eines Tages wiederum das Ganze in die Sonne zurückfallen wird, ist ein Aasknochen, um den ein hungriger Hund seine Kreise zieht, ein appetitlicheres Stück als diese Weltanschauung; und es werden einmal künftige Zeiten viel Mühe haben, den kulturhistorischen Wahnsinn des Newtonschen, des Kant-Laplaceschen Systems zu begreifen, den man heute in der Schule lehrt. Das heißt, man wird sich fragen: Wie konnte einmal ein ganzes Zeitalter so wahnsinnig sein, diese Anschauung zu preisen? — Heute gilt es noch als ein Wahnsinn, wenn man auf seiten Goethes gegen Newton steht, wenn man sich mit Goetheschen Vorstellungen über physikalische Erscheinungen beschäftigt. Aber mit diesen Dingen hängt ja wirklich alles, was in den Aufgaben der Zeit liegt, zusammen. Es beginnen einige wenige Menschen, diese Zusammenhänge heute einzusehen, und es hat mich in einem gewissen Sinne angenehm überrascht, als in der letzten Nummer unserer Zeitschrift «Die Dreigliederung» ausgeführt worden ist, wie dasjenige, was in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage» steht über die soziale Erkenntnis der Welt, dasselbe bedeutet, was der Goetheanismus einstmals für die Naturwissenschaft bedeutet hat. Aber wie sich von Goethe die Leute abgewendet haben, weil er der Naturwissenschaft der damaligen Zeit widersprechen mußte, wenden sich eben die Leute heute von der Dreigliederung ab. Warum? Sie widerspricht dem Gewohnten, wie einst der Goetheanismus, so daß sie dieser Dreigliederung eben auch widersprechen.
[ 18 ] Diese Dinge können Sie ja anregen zu der Frage: Was soll aber dann der einzelne tun? — Zunächst kommt es ja auf die Einstellung zu der Sache an, auf die klare, sachliche Auseinandersetzung. Es kommt darauf an, daß man wirklich ein tiefgehendes Interesse für die Angelegenheiten der ganzen Menschheit zu entwickeln beginnt. Man kann zurückblicken auf dasjenige, was man in den letzten vier bis fünf Jahren erlebt hat, und nie hat man reichlicher Gelegenheit gehabt, eine gewisse Sorte von Alleswissern in der Welt immer wieder und wieder kennenzulernen, denn es war eigentlich im Grunde jeder Mensch ein Alleswisser. Da sind die Deutschen gekommen, die haben ganz genau gewußt, wer die Kriegsschuld hat und daß sie eigentlich höchst unschuldig sind; da sind die Franzosen gekommen, die haben ganz genau gewußt, wie alles ist; da haben die Italiener wenigstens noch gestanden den «sacro egoismo». — Die Leute haben immer ganz genau gewußt, um was es sich handelt. Sie haben alle ihre Anschauungen gehabt, sie haben ihre Gedanken, ihre Ideen gehabt. Es ist ja bequem, ohne Unterlagen diese Ideen zu gewinnen. Man ist durch sein Blut Franzose, man ist durch sein Blut Pole, man ist durch sein Blut Tschechoslowake, und man hat dadurch eine bestimmte Anschauung über das Leben, wie es sich gestalten muß in Europa. Man braucht gar nichts anderes als dieses oder jenes zu tun, in sich zu fühlen, und man urteilt, urteilt so, wie einem die Urteile entgegentreten. Das ist eben das große Unglück unserer Zeit, daß die Menschen, ohne sich nun wirklich anzustrengen, ohne Interesse zu gewinnen für die Angelegenheiten der Menschheit, aus Unterbewußtem heraus heute urteilen, das oder jenes für richtig halten, das oder jenes für unerläßlich halten. Aber die Zeit ist nicht mehr da, wo man aus dem Unbewußten heraus das oder jenes für unerläßlich halten kann. Die Zeit ist gekommen, wo nur aus dem Sachlichen heraus geurteilt werden darf, wo man sich einmal anstrengen muß, sich wirklich einen Überblick zu verschaffen über die Notwendigkeit der Zeit und über dasjenige, was die Zeit von einem fordert. Es schnürt einem heute das Herz zusammen, wenn man Menschen begegnet, die sich nur für sich selbst interessieren. Denn das ist das große Unglück unserer Zeit, während die einzige Erlösung der Zeit darin bestehen könnte, daß nun, nachdem das Schreckliche vor sich gegangen ist in den letzten Jahren, die Menschen sich sagen würden: Wir müssen uns für die Angelegenheiten der ganzen Menschheit interessieren, wir dürfen nicht bei dem stehenbleiben, was unmittelbar mit uns nur im Umkreise unseres Volkes sich vollzieht.
[ 19 ] Diese Dinge kommen als eine Empfindung unmittelbar aus der Geisteswissenschaft, und ich sage sie heute, um einzelne Schlußgedanken vorzubereiten. Sie sehen hier diesen Bau, der nun einmal der Repräsentant unserer anthroposophischen Geisteswissenschaft ist. Man kann Empfindungen haben für das eine oder andere in diesem Bau, man wird Recht haben. Aber die richtige Empfindung diesem Bau gegenüber hat nur derjenige, der in jeder einzelnen Linie etwas sieht, was gefordert ist von den dringendsten Notwendigkeiten unserer Zeit, der sieht, daß der Bau dastehen muß, weil unsere Zeit dieses oder jenes fordert, weil das und jenes empfunden werden muß an diesen oder jenen Säulen, an diesen oder jenen Fensterreihen; weil es heute der Menschheit notwendig ist, diesen Bau, das, was er sein will, zu nehmen aus der ganzen Konfiguration der Zeit heraus. Und wer zu gleicher Zeit empfindet, einmal durchfühlt diesen ganzen neuen Stil, der wird erkennen, daß dieser Stil platterdings nichts zu tun hat mit irgend etwas, was für dies oder jenes spezualisiert ist, sondern daß er nur mit allgemein Menschlichstem zu tun hat. Es ist an diesem ganzen Bau nichts, zu dem nicht der Amerikaner wie der Engländer wie der Deutsche wie der Russe wie der Japaner wie der Chinese Ja sagen können, denn er ist nicht aus der Empfindung eines einzelnen heraus gestaltet. Ich werde nicht, wenigstens nicht von dem, der mich kennt, als unbescheidener Mensch hingestellt werden können, wenn ich sage: Ich kenne selbst nichts, was gegenwärtig von dieser Art gemacht wird, das ebenso unabhängig wäre von differenziertem Menschenwollen und aufgehen würde in allgemeinste Menschenkenntnis und Menschenverständnis wie dieser Bau.
[ 20 ] Das aber muß aufgenommen werden, wenn die Dinge, die aus unseren Motiven hervorgehen wollen in bezug auf die Menschenzukunft, dieser Menschenzukunft zum Heile und nicht zum Unheile dienen sollen.
