Spiritual and Social Transformations
in Human Evolution
GA 196
6 February 1920, Dornach
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Spiritual and Social Transformations in Human Evolution, tr. SOL
Zehnter Vortrag
Tenth Lecture
[ 1 ] In den verschiedenen Betrachtungen, die wir in der letzten Zeit hier angestellt haben, war die Rede von den Notwendigkeiten der Zeit. Der Mensch muß sich heute bequemen, den Einschlag, der in die physische Welt herein will, aufzunehmen. Wir haben gesehen, wie in der intensivsten Weise im europäischen Leben seit etwa sechzig Jahren ein Kampf besteht, der im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts begann und der die Ursachen enthält für alle Verwirrungen dieser letzten Zeiten. Ich habe Sie hingewiesen auf die Tatsache, daß noch immer das, was geschieht, zu leicht genommen wird insofern, als man sich nicht einlassen will darauf, daß das alte Europa im 20, Jahrhundert nur ein Scheindasein geführt hat, zerbrochen ist und nicht zusammengeleimt werden kann. Diese Krisis läßt sich vergleichen mit einer Krisis, wie sie war beim alten Römischen Reiche, als allmählich in dieses Römische Reich das Christentum hereinbrach und alles Bestehende wegfegte. Etwas ganz Neues hat sich entwickelt. Wer einen Einblick in das Leben hat, dem wird sich auf der ganzen Breite ergeben, daß alles zertrümmert ist, was sich aufgebaut hat seit dem ersten christlichen Jahrhunderte.
[ 1 ] In the various reflections we have shared here recently, we have spoken of the necessities of the times. Today, human beings must prepare themselves to receive the influence that seeks to enter the physical world. We have seen how, in the most intense way in European life for about sixty years, a struggle has been raging—one that began in the last third of the 19th century and which contains the causes of all the turmoil of recent times. I have pointed out to you the fact that what is happening is still taken too lightly, insofar as people are unwilling to accept that old Europe led only a sham existence in the 20th century, has fallen apart, and cannot be patched back together. This crisis can be compared to a crisis such as that which occurred in the ancient Roman Empire when Christianity gradually swept into it and swept away everything that existed. Something entirely new has developed. Anyone with insight into life will see, across the entire spectrum, that everything that had been built up since the first Christian centuries has been shattered.
[ 2 ] Wollen wir nun einmal hinschauen auf das, was sich aufgebaut hat. Das Mysterium von Golgatha war da. Aber das Mysterium von Golgatha und sein Verstehen sind zweierlei Dinge. Machen wir uns das klar an einem Vergleich. Nehmen Sie an, Sie blicken hin auf einen Menschen, der dieses oder jenes zu seinem Seeleninhalt hat oder zu seinem Tatenimpuls. Betrachtet ein Kind solch einen Menschen, so bildet es sich ein Urteil; dieses ist aber eine kindliche Ansicht. Es wird sich alsdann ein Mensch, der etwas gelernt hat, der erwachsen ist, auch eine Ansicht über diesen Menschen bilden können; das wird eine reifere Ansicht sein. Aber nicht jeder, der eine reife Ansicht hat, wird auch eine genügende Kenntnis oder Erkenntnis von dem betreffenden Menschen haben können, wenn der betreffende Mensch etwa ein gentalischer Mensch ist. Dazu wäre dann notwendig, daß wiederum ein genialer Mensch seine Ansicht sich gebildet hätte über diesen Menschen.
[ 2 ] Let us now take a look at what has developed. The Mystery of Golgotha was there. But the Mystery of Golgotha and our understanding of it are two different things. Let us clarify this with a comparison. Suppose you are looking at a person whose inner life or whose impulse to act is shaped by this or that. When a child observes such a person, the child forms a judgment; but this is a child’s perspective. An educated adult will then also be able to form an opinion about this person; this will be a more mature perspective. But not everyone who holds a mature view will necessarily have sufficient knowledge or insight into the person in question, especially if that person is a genius. For that to be the case, it would be necessary for another genius to have formed their own view of this person.
[ 3 ] Wir haben also einen Tatbestand in diesem Falle: Ein Mensch kann da sein, und es können verschiedene Verständnisse dieses Tatbestandes da sein. — So ist es im Zeitenlaufe mit dem Ereignis, welches das Christentum in die Welt gebracht hat. Dieses Ereignis als solches war einmal da, es steht am Ausgangspunkte unserer neuzeitlichen Zivilisation. Das Verständnis, das bis jetzt diesem Christentum entgegengebracht wurde, das wurzelt im wesentlichen in den Anschauungen, in den Ideen, in den Begriffen, die die Menschen haben konnten aus jenen Seelenuntergründen, die an Stelle der Seelenuntergründe des alten Römischen Reiches getreten waren. Sie brauchen, um das zu erhärten, nur etwa hinzublicken auf das untergegangene Österreich, das im wesentlichen, mit Ausnahme einzelner hervorragender Persönlichkeiten, eine Kultur hatte — und zwar. nicht nur eine geistige, sondern eine Kultur in der ganzen Breite des Lebens —, die im Grunde genommen ihrem Wesen nach zurückging auf die ersten christlichen Jahrhunderte.
[ 3 ] So we have a set of facts in this case: A person can exist, and there can be different understandings of these facts. — This is how it has been throughout history with the event that brought Christianity into the world. This event, as such, once took place; it stands at the starting point of our modern civilization. The understanding that has been applied to Christianity up to now is rooted essentially in the views, ideas, and concepts that people were able to derive from those spiritual foundations that had replaced the spiritual foundations of the ancient Roman Empire. To confirm this, one need only look, for example, at the now-defunct Austria, which—with the exception of a few outstanding individuals—essentially possessed a culture—not merely an intellectual one, but a culture encompassing the full breadth of life—that, in essence, traced its origins back to the early Christian centuries.
[ 4 ] Da beginnen die Keime des Verfalls. Die Leute wollten das nicht glauben; aber jeder, der mit den Verhältnissen bekannt war, konnte das sehen. Und so war es auch im übrigen Europa. Europa ist aufgebaut gewesen auf ganz alten Vorstellungen, in einer alten Geistigkeit also. Und aus diesen Vorstellungen heraus wurde auch das Mysterium von Golgatha begriffen. Aber diese Vorstellungen sind nunmehr abgebraucht. Sie reichen nicht mehr hin, um dem gegenwärtigen Menschen ein Verständnis des Ereignisses von Golgatha zu vermitteln. Der Mensch möchte seinem konservativen Hang nach bei den alten Vorstellungen bleiben. In den Untergründen des Seelischen aber wurzeln durchaus die Forderungen nach einer Neugestaltung Europas und der ganzen zivilisierten Welt überhaupt. Das ist der große Kampf, der etwa seit sechzig Jahren auf dem Grunde der europäischen Kultur zu bemerken ist. Es will sich etwas gestalten, aber die konservierten Vorstellungen der Menschen drängen es zurück. Wenn sich irgendwo eine Flußströmung staut, so kommt zuletzt eine Stromschnelle. Diese Stromschnelle ist in der europäischen Kultur gekommen. Es sind die Schreckensjahre, die hereingebrochen sind, die keineswegs schon zu Ende sind, die eigentlich im Grunde genommen erst in ihren Anfängen stehen. Was heute notwendig ist, das ist, aus geistigen Grundlagen heraus eine neue Lebensauffassung zu begründen. Diejenigen, die sich heute gegen eine solche Lebensauffassung stellen, die gleichen denjenigen, die sich, als das Christentum vom Süden nach Norden sich ausbreitete, gegen dieses Christentum gestellt. haben. Es geht die Welle der Entwickelungüber solche Menschen hinweg.
[ 4 ] That is where the seeds of decay begin. People did not want to believe it; but anyone familiar with the circumstances could see it. And so it was in the rest of Europe as well. Europe was built upon very ancient ideas—that is, within an ancient spiritual framework. And it was through these ideas that the Mystery of Golgotha was understood. But these ideas have now been exhausted. They are no longer sufficient to convey an understanding of the events at Golgotha to people today. Out of a conservative inclination, people would like to cling to the old ideas. Yet deep within the soul, however, the demands for a reshaping of Europe and the entire civilized world are firmly rooted. This is the great struggle that has been discernible at the very foundation of European culture for about sixty years. Something is striving to take shape, but people’s entrenched ideas are holding it back. When a river’s current becomes blocked somewhere, rapids eventually form. These rapids have now emerged in European culture. These are the years of terror that have broken upon us—years that are by no means over, but which, in fact, are only just beginning. What is necessary today is to establish a new outlook on life based on spiritual foundations. Those who oppose such a view of life today are like those who opposed Christianity when it spread from the south to the north. The wave of development sweeps over such people.
[ 5 ] Aber solche Menschen können viel Unheil stiften, und es wird noch reichlich Unheil gestiftet werden durch solche Menschen. Nehmen wir einmal die Verhältnisse im Konkreten. Wer ins Auge faßt, wie dasjenige entstanden ist, was man ansehen konnte vor dem Jahre 1914 und auch in gewissem Sinne noch während der letzten Jahre, als die Katastrophe begann, der wird sehen, daß es auf der Landkarte Europas eben bestimmte sogenannte Staatsgrenzen gab. Warum sich diese Staatsgrenzen im Laufe der Jahrhunderte so herausgebilder haben, das können Sie durch die Geschichte verfolgen. Aber Sie werden gerade aus einer wirklichen, vorurteilslosen Geschichtsbetrachtung die Einsicht gewinnen, daß diese Staaten, von dem großen Rußland angefangen bis zu den kleinsten Gebilden, entstanden sind unter dem Einfluß des Christus-Verständnisses, das heißt des Christus-Verständnisses, wie es Platz gegriffen hat in Europa zur Zeit der sogenannten Völkerwanderung, zur Zeit der Dekadenz des Römischen Reiches. 1914, um eine Jahreszahl anzugeben, waren diese Verhältnisse, die sich ausdrückten in diesen «Strichen», die Staaten abgrenzten auf der Landkarte Europas, alle schon unnatürlich. Es war nichts Wahres mehr in diesen Grenzen. Es war nichts da, was innerlich Halt hatte. Und wer heute glaubt, es könne von dem, was 1914 nicht mehr wahr gewesen ist, irgend etwas zusammengehalten werden, der ist eben durchaus auf einen Holzweg gekommen. Auch dasjenige, was sich auf der Grundlage dieser Verhältnisse gebildet hat oder bilden will, ist fernerhin nicht haltbar.
[ 5 ] But such people can cause a great deal of harm, and there will still be plenty of harm caused by such people. Let us consider the specific circumstances. Anyone who considers how the situation that existed before 1914—and, in a certain sense, even during the final years as the catastrophe began—came about will see that there were indeed certain so-called national borders on the map of Europe. You can trace through history why these national borders took shape as they did over the course of the centuries. But it is precisely through a genuine, unbiased examination of history that you will gain the insight that these states—from the great Russia down to the smallest entities—came into being under the influence of the understanding of Christ, that is, the understanding of Christ as it took hold in Europe during the so-called Migration Period, at the time of the Roman Empire’s decline. In 1914—to give a specific year—these conditions, expressed in the “lines” that demarcated the states on the map of Europe, were all already unnatural. There was nothing true left in these borders. There was nothing there that had any inner stability. And anyone who believes today that anything can be held together out of what was no longer true in 1914 has simply gone down the wrong path. Furthermore, anything that has been formed or seeks to be formed on the basis of these conditions is also untenable.
[ 6 ] Was wollen denn die Leute in Europa mit ihrem amerikanischen Anhang jetzt aus der zivilisierten Welt eigentlich machen? Fassen wir das einmal ganz unbefangen ins Auge, was die Menschen Europas mit dem amerikanischen Anhang gegenwärtig aus der zivilisierten Welt machen wollen. Sie wollen dasjenige machen, was in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten, in den Völkerwanderungen ja vielleicht hätte entstehen können aus den Vorstellungen, welche die Goten, die Vandalen, die Langobarden, Heruler, Cherusker und so weiter gehabt haben, welche die Römer gehabt haben, bevor sie vom Christentum ergriffen wurden. Es ist das nicht entstanden, obgleich dazumal die Menschen sich mit ihrem Bewußtsein noch nicht einmal so stark dem Gang der Ereignisse entgegenstemmten, wie sie es heute tun. Aber nehmen wir einmal hypothetisch an, man hätte dazumal das Christentum sich nicht ausbreiten lassen wollen, sondern man hätte haben wollen ein Europa, zusammengeleimt aus den Vorstellungen der Ostgoten und Westgoten, der Vandalen, der Langobarden und so weiter mit den Resten des alten römiischen Wesens — ein Unmögliches einfach! Ein mögliches Europa ergab sich nur dadurch, daß ein geistiger Einschlag in dieses Europa kam. Und dieser geistige Einschlag, der kam durch das Christentum. Ohne diesen geistigen Einschlag, der eben alles anders gemacht hat, wäre nichts aus Europa geworden für die Jahrhunderte vom 4., 5. bis zum 20. Jahrhundert. Denken Sie sich einmal Europa ohne den Einschlag des Christentums in den verflossenen Jahrhunderten: Sie könnten es sich nicht denken. Denken Sie sich nur einmal, was alles übriggeblieben ist von dem, was die Goten, die Heruler, die Langobarden und so weiter in Europa vertreten haben. Sie müssen sich sagen: Der Einschlag des Christentums kam — alles wurde anders.
[ 6 ] What exactly do the people of Europe, along with their American allies, intend to do with the civilized world now? Let’s take an unbiased look at what the people of Europe, along with their American allies, currently intend to do with the civilized world. They want to do what might have emerged in the first centuries after Christ, during the Migration Period, from the ideas held by the Goths, the Vandals, the Lombards, the Heruli, the Cherusci, and so on—ideas that the Romans themselves held before they were swept up by Christianity. That did not come to pass, even though people back then did not resist the course of events with their consciousness nearly as strongly as they do today. But let us hypothetically assume that, back then, people had not wanted to allow Christianity to spread, but had instead wanted a Europe cobbled together from the ideas of the Ostrogoths and Visigoths, the Vandals, the Lombards, and so on, combined with the remnants of the old Roman way of life—simply impossible! A viable Europe emerged only because a spiritual influence took hold in that Europe. And that spiritual influence came through Christianity. Without that spiritual influence—which, after all, changed everything—Europe would have come to nothing during the centuries from the 4th and 5th through the 20th. Just imagine Europe without the influence of Christianity over the past centuries: you couldn’t even conceive of it. Just think for a moment about what remains of what the Goths, the Heruls, the Lombards, and so on represented in Europe. You have to admit: Christianity arrived—and everything changed.
[ 7 ] Wenn dazumal die Langobarden ebenso stark zurückgewiesen hätten jeden neuen Impuls, wie ihn heute zurückweisen zum Beispiel, sagen wir, die Tschechoslowaken oder die Polen oder die Franzosen, dann wäre das, was ich hypothetisch vorausgesetzt habe, das Unmögliche eben geschehen. Und so, wie sich die Langobarden verhalten hätten, wenn sie gesagt hätten, wir wollen kein Christentum, wir wollen langobardisch bleiben, so verhalten sich heute die Tschechoslowaken, die Magyaren oder Franzosen, die Engländer und so weiter. Sie wollen nicht einen neuen geistigen Einschlag haben.
[ 7 ] If, back then, the Lombards had rejected every new impulse just as strongly as, say, the Czechoslovaks, the Poles, or the French reject them today, then what I have hypothetically posited—the impossible—would indeed have happened. And just as the Lombards would have behaved if they had said, “We don’t want Christianity; we want to remain Lombard,” so do the Czechoslovaks, the Magyars, the French, the English, and so on behave today. They do not want to embrace a new spiritual direction.
[ 8 ] Aber Europa ist auf dem Nullpunkt ohne einen neuen Einschlag. Es entsteht nichts. Es entsteht ebensowenig etwas aus Europa, wie aus einem Goten-, Langobarden-, Vandalen-Europa etwas entstanden wäre zu der Zeit, als das Christentum reif war, seinen Einschlag zu machen in die europäische Zivilisation. Dieser Gedanke ist ein solcher, vor dem sich die weitaus größte Anzahl von Menschen der Gegenwart fürchten. Es überrascht Sie vielleicht, wenn ich sage, sie fürchten sich, denn Sie glauben, das sei aus diesen oder jenen Lebensgründen oder logischen oder sonstigen Gründen, daß sie diesem Gedanken widerstreben. Das ist nicht der Fall. Warum sie widerstreben, ist unterbewußte Furcht. Wenn man unterbewußte Furcht hat, so versteht man die Dinge nicht. Man erfindet logische Gründe, man erfindet allerlei Beobachtungen, die man gemacht zu haben glaubt, um diesen Gedanken zu widerlegen, während man sich eigentlich vor ihm fürchtet. Aber die Furcht gesteht sich der Mensch ja nicht! Die Zeit ist aber eine so große, daß es nötig ist, gerade in diese Verhältnisse unbedingt hineinzuschauen. Und es ist nötig, heute Worte auszusprechen, die gewiß einem großen Teil der Menschen noch paradox klingen. Das Christentum hat, als es sich zuerst ausbreitete, den Menschen auch paradox geklungen. Sie sollten sich nur vorstellen, wie es geklungen hat, als die Verbreiter des Christentums — sagen wir zum Beispiel im Elsaß, in der Schweiz — gekommen sind, wo man noch verehrt hat die Bildnisse des Wodan, des Gottes Saxnot und so weiter, es war etwas Paradoxes. Heute ist es für die Menschen paradox, wenn man ihnen von dem spricht, wovon die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft als von einem neuen Einschlag und zu gleicher Zeit von einem neuen Verständnis des Christentums sprechen muß. Nur muß heute alles bewußt werden, nur muß heute alles gewollter sein, als in der damaligen Zeit die Menschen zu wollen fähig waren. Vor allen Dingen muß eines in aller Schärfe heute von der Menschheit begriffen werden. Wir haben ein sogenanntes wissenschaftliches, ein intellektuelles Leben. Ein Glied dieses intellektuellen Lebens habe ich Ihnen im letzten Sonntagsvortrage charakterisiert; ich habe Ihnen den Charakter angegeben, den dieses intellektuelle Leben durch die englisch sprechende Bevölkerung erhalten hat. Glauben Sie nicht, daß dieses intellektuelle Leben irgendwie unbeeinflußt läßt die Alltäglichkeit. Was unsere Kinder in der Schule lernen, bereits von ihrem sechsten Jahre an, das formt die Seelen, das formt den ganzen Menschen, und die Menschen gehen heute so herum, wie sie zugeformt werden von unserem Schulwesen, das in seinen unteren Stufen wieder stark beeinflußt ist, besonders heute in der Zeit der Verbreitung des Zeitungswesens, viel mehr, als man denkt, ganz ungeheuer beeinflußt ist von dem, was in den Oberschichten des intellektuellen Lebens die sogenannte Wissenschaft ist. Die Wissenschaft, die hatte ihre äußeren großen Erfolge. Sie hatte es bis zum Telefon und bis zur Luftschiffahrt gebracht, sie hat es bis zur drahtlosen Telegrafie gebracht. Auf diesem ganzen Gebiete hat sie ihre großen Errungenschaften. Aber ich habe Sie wiederholt nun schon aufmerksam gemacht auf eine Eigentümlichkeit dieser Wissenschaft, eine Eigentümlichkeit unserer ganzen Erkenntnis. Diese Eigentümlichkeit besteht darin, daß man alles begreifen kann. Man kann Maschinen begreifen, man kann Mineralien begreifen, man kann Pflanzen begreifen, das Tier begreifen, aber man kann am allerwenigsten durch dasjenige, was unsere Wissenschaft darbietet, den Menschen begreifen. Daß man geradewegs den Menschen ableitet von der Tierheit, daß man sagt, er sei nur eine höhere Entwickelungsstufe der Tierheit, das rührt ja nur davon her, daß? man eben über den Menschen nichts weiß. Nicht weil der Mensch wirklich vom Tiere abstammt, sondern weil man über den wahren Menschen nichts weiß, sondern eben nur die Vorstellung offenbaren kann, die man hat, läßt man den Menschen aus dem Tierreich stammen. Es ist ja nur ein Vorurteil der Zeit, die keine Wissenschaft hat, um über den Menschen zu urteilen. Daher sind wir auch in der Gegenwart nicht imstande, aus unserer Zeitenbildung heraus eine wirkliche Menschenkenntnis zu erwerben. Mit Menschenkenntnis kann nicht gemeint sein jenes Sammelsurium von allerlei Vorstellungen, die sich heute der Mensch von sich selbst macht. Eine wirkliche Menschenkenntnis konnte nur hervorgehen aus der Erkenntnis desjenigen, woraus der wahre Mensch, der echte Mensch aufgebaut ist.
[ 8 ] But Europe is at a standstill without a new impetus. Nothing is emerging. Just as little is emerging from Europe now as would have emerged from a Europe of the Goths, Lombards, and Vandals at the time when Christianity was ready to make its impact on European civilization. This is a thought that the vast majority of people today fear. It may surprise you when I say they are afraid, because you believe they resist this idea for this or that practical reason, or for logical or other reasons. That is not the case. The reason they resist it is subconscious fear. When one has subconscious fear, one does not understand things. One invents logical reasons; one invents all sorts of observations that one believes one has made in order to refute this idea, while in reality one is afraid of it. But people do not admit to this fear! Yet the issue is so significant that it is absolutely necessary to examine these circumstances closely. And it is necessary today to speak words that certainly still sound paradoxical to a large portion of humanity. When Christianity first spread, it also sounded paradoxical to people. Just imagine how it must have sounded when the propagators of Christianity—let’s say, for example, in Alsace or Switzerland—arrived in places where people still worshipped the images of Wodan, the god Saxnot, and so on; it was something of a paradox. Today it seems paradoxical to people when one speaks to them of what anthroposophically oriented spiritual science must describe as both a new direction and, at the same time, a new understanding of Christianity. But today everything must become a matter of conscious awareness; today everything must be more willed than people were capable of willing back then. Above all, there is one thing that must be understood with the utmost clarity by humanity today. We have what is called a scientific, an intellectual life. I characterized one aspect of this intellectual life for you in last Sunday’s lecture; I described the character that this intellectual life has acquired through the English-speaking population. Do not believe that this intellectual life leaves everyday life unaffected in any way. What our children learn in school, starting as early as age six, shapes their souls; it shapes the whole person, and people today go about as they are shaped by our school system, which in its lower grades is in turn strongly influenced—especially today, in the age of widespread journalism—much more than one might think, indeed tremendously influenced by what, in the upper echelons of intellectual life, is called “science.” Science has had its great external successes. It has brought us the telephone and air travel; it has brought us wireless telegraphy. In all these fields, it has made great achievements. But I have now repeatedly drawn your attention to a peculiarity of this science, a peculiarity of our entire body of knowledge. This peculiarity consists in the fact that one can understand everything. One can understand machines, one can understand minerals, one can understand plants, one can understand animals—but one can least of all understand human beings through what our science offers. The fact that one derives human beings directly from the animal kingdom—that one says they are merely a higher stage of development within the animal kingdom—stems solely from the fact that… one simply knows nothing about human beings. Not because human beings actually descend from animals, but because one knows nothing about the true nature of human beings—and can only reveal the conception one holds—one allows human beings to be derived from the animal kingdom. It is, after all, merely a prejudice of an age that lacks the scientific knowledge to judge human beings. That is why, even in the present, we are unable to acquire a true understanding of human nature based on our contemporary worldview. By “understanding of human nature,” one cannot mean that hodgepodge of all sorts of ideas that people today form about themselves. A true understanding of human nature could only arise from the knowledge of that from which the true human being, the genuine human being, is composed.
[ 9 ] Wenn wir auch alles, was wir auf der Erde haben, studieren, studieren mit den Mitteln der heutigen Wissenschaft, so können wir Maschinen damit bauen, können Mechanismen damit gestalten, aber wir können niemals den Menschen damit begreifen. Dazu ist eben anthroposophische Geisteswissenschaft da, den Menschen aus außerirdischen Verhältnissen begreiflich zu machen. Das fühlen die Menschen, aber sie geben in ihren heutigen Vorstellungen nicht zu, daß der Mensch heute begriffen werden müsse aus außerirdischen, aus übersinnlichen Verhältnissen. Und so ist für diesen Menschen keine Wissenschaft da. Jahrhunderte schon täuscht sich die Welt über diese Tatsache in einer merkwürdigen Weise.
[ 9 ] Even if we study everything we have on Earth—using the methods of modern science—we can build machines and design mechanisms with it, but we can never understand human beings through it. That is precisely why anthroposophical spiritual science exists: to help us understand human beings from an extraterrestrial perspective. People sense this, but in their current thinking they do not admit that human beings today must be understood from an extraterrestrial, supersensible perspective. And so, for such people, there is no science. For centuries now, the world has been deluding itself about this fact in a strange way.
[ 10 ] Ich will Ihnen einmal an einem Beispiel — es könnten deren viele angeführt werden — zeigen, wie man sich durch die Jahrhunderte über diese Tatsache hinwegtäuscht. Als begonnen wurde mit dem, was hier nun seit Jahren schon ausgebildet vor Ihnen liegt als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, da haben manche Menschen, die dem, was gerade zum Beispiel von mir auf dem Boden dieser anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft gegeben wurde, nahegekommen sind, gesagt: Wir vertiefen uns lieber in die Mystik des Meister Eckhart, in die Mystik des Johannes Tauler. Da ist ja alles viel einfacher; da kann man so hübsch wohlbehaglich sagen: Ich versenke mich in mein Inneres, ich erfasse den höheren Menschen in mir, mein höheres Ich hat den göttlichen Menschen in mir erfaßt. — Aber das ist ja doch nichts anderes als ein raffinierter Egoismus, nichts anderes als ein Zurückziehen auf die egoistische Persönlichkeit, ein Hinweglaufen von der ganzen Menschheit, ein innerliches Sich-selbst-Betrügen. Als im 14., 15. Jahrhundert die Unfähigkeit der Menschen begann, den Menschen zu begreifen, da war es klar, daß solche Geister auftreten mußten, wie Johannes Tauler und der Meister Eckhart, die auf das menschliche Innere hinwiesen, um den Menschen zu suchen. Aber heute ist diese Zeit vorüber. Heute taugt dieses Vertiefen und Versenken in das Innere nicht mehr. Heute handelt es sich darum, ein Christus-Wort nun wirklich richtig zu verstehen — das ist das Beispiel, das ich meine —, dieses eine Christus-Wort, das eines der wichtigsten, der bedeutsamsten ist, das heißt: «Wenn zwei oder drei in meinem Namen vereinigt sind, dann bin ich mitten unter euch.» Das heißt, wenn einer allein ist, dann ist der Christus nicht da. Den Christus kann man nicht finden, ohne sich verbunden zu fühlen mit der ganzen Menschheit. Den Christus muß man heute suchen durch den Weg, den die ganze Menschheit geht. Das heißt, das innerliche SichBefriedigen führt von dem Christus-Impuls gerade ab.
[ 10 ] I would like to use one example—though many could be cited—to show you how people have been deceiving themselves about this fact over the centuries. When we began what has now been developed here over the years and lies before you as an anthroposophically oriented spiritual science, some people who had come to appreciate what I, for example, had presented on the basis of this anthroposophically oriented spiritual science said: We would rather immerse ourselves in the mysticism of Meister Eckhart, in the mysticism of Johannes Tauler. Everything is much simpler there; there one can say so nicely and comfortably: ‘I immerse myself in my inner being; I grasp the higher human being within me; my higher self has grasped the divine human being within me.’—But that is, after all, nothing other than a refined form of egoism, nothing other than a withdrawal into the egoistic personality, a running away from all of humanity, an inner self-deception. When, in the 14th and 15th centuries, people began to lose the ability to understand humanity, it was clear that figures such as Johannes Tauler and Meister Eckhart would have to emerge—figures who pointed to the inner self in order to seek out humanity. But today that time has passed. Today, this deepening and immersion into the inner self is no longer sufficient. Today, the task is to truly understand a word of Christ—that is the example I mean—this one word of Christ, which is one of the most important and significant: “Where two or three are gathered in my name, there am I among you.” This means that when one is alone, Christ is not there. One cannot find Christ without feeling connected to all of humanity. Today, one must seek Christ through the path that all of humanity is walking. In other words, inner self-satisfaction leads one away from the Christ impulse.
[ 11 ] Das ist das Unglück besonders der protestantischen Theologie des 19. Jahrhunderts, daß der Impuls aufgetreten ist, ein bloßes individuell-egoistisches inneres Christus-Erlebnis zu haben. Es gibt ein europäisches gekröntes Haupt, eines derjenigen, die noch gekrönt sind, das erwiderte immer, wenn es sich darum handelte, zeitgemäßes geistiges Erkennen anzufassen: Ich habe mein persönliches Christus-Erlebnis! — Dieses gekrönte Haupt hat sich damit befriedigt. Aber ähnliches sagen ja viele. Das aber ist eben das Unglück der Gegenwart, daß die Menschen nicht haben wollen das allgemeine Interesse für das unpersönliche Menschliche. Man lernt nämlich sich selbst erst kennen, wenn man den Menschen als solchen kennt. Den Menschen als solchen kann man aber nicht kennenlernen, ohne seinen Ursprung in außerirdischen Verhältnissen zu suchen.
[ 11 ] This is the misfortune, particularly of 19th-century Protestant theology: the emergence of a tendency toward a purely individualistic and egoistic inner experience of Christ. There is a European crowned head—one of those who are still crowned—who always replied, whenever the topic of contemporary spiritual understanding came up: “I have my personal experience of Christ!” — This crowned head was satisfied with that. But many say similar things. Yet that is precisely the misfortune of the present day: that people do not want to have a general interest in the impersonal human condition. For one only comes to know oneself when one knows humanity as such. But one cannot come to know humanity as such without seeking its origin in conditions beyond the earthly realm.
[ 12 ] Denken Sie, wie in außerirdischen Verhältnissen der Ursprung desjenigen, was heute Mensch ist, gesucht wird im Sinne meiner «Geheimwissenschaft im Umriß». Diese «Geheimwissenschaft» ist den Menschen so unsympathisch aus keinem andern Grunde, als weil alle konfuse Menschheitskenntnis abgewiesen ist und der Mensch als solcher hergeleitet wird aus dem ganzen Weltenall, namentlich aus dem außerirdischen Weltenall. Das aber ist gerade in der heutigen Zeit notwendig. Die heutige Zeit muß sich dazu entschließen, zu alledem, was man als Erkenntnisquellen heute liebt, die andern, die geistigen Erkenntnisquellen hinzuzufügen.
[ 12 ] Consider how, in extraterrestrial terms, the origin of what we today call “humanity” is sought, in the sense of my *Outline of Secret Science*. This “Secret Science” is so unappealing to people for no other reason than that it rejects all confused human knowledge and derives the human being as such from the entire universe, specifically from the extraterrestrial universe. But this is precisely what is necessary in the present age. The present age must resolve to add the other, spiritual sources of knowledge to all that is currently cherished as sources of knowledge.
[ 13 ] Hier liegt, nennen Sie es Schuld, nennen Sie es Unwissenheit — es mag ja das eine oder das andere Wort angewendet werden, auf Worte kommt es nicht an —, was charakterisiert werden muß als ausgehend von unseren wissenschaftlichen Hochschulen, von jenen Menschen, die den Ton angeben, wenn die Rede ist von dem, was der Mensch wissen kann und was er nicht wissen kann. Von dem, was von unseren europäischen und amerikanischen Hochschulen ausgeht an sogenannter Menschenweisheit, aber auch an sozialer Weisheit, an technischer Weisheit und so weiter, das betrachtet die Welt mit Ausschluß aller derjenigen Faktoren, die doch den Menschen ganz selbstverständlich in sich schließen. Wer heute den Zugang sucht zu irgendeiner führenden, wenn auch nur einer niedtigen führenden Menschheitsstellung, der hat gar nicht Gelegenheit, irgend etwas kennenzulernen, das ihn befähigte, Menschenkenntnis zu erhalten. Und ohne Menschenkenntnis gibt es kein soziales Leben, ohne Menschenkenntnis gibt es auch keine Erneuerung des Christentums. Man kann heute Theologe werden, ohne eine Ahnung zu haben, was das Mysterium von Golgatha bedeutet, denn die meisten Theologen haben heute keine Ahnung, wer Christus ist. Man kann heute Jurist werden, ohne eine Ahnung davon zu haben, was eigentlich das Menschenwesen ist. Man kann heute Mediziner werden, ohne eine Ahnung von dem zu haben, wie dieses Menschenwesen aus dem Kosmos heraus gebaut ist, ohne eine Ahnung davon zu haben, wie der gesunde und der kranke Leib sich zueinander verhalten. Man kann heute Techniker werden, ohne eine Ahnung davon zu haben,welchen Einfluß der Bau irgendeiner Maschine auf den ganzen Gang der Erdenentwickelung hat, und man kann heute ein genialer Erfinder eines Telefons sein, ohne eine Ahnung davon zu haben, was das Telefon für die ganze Erdenentwickelung bedeutet. Den Menschen fehlt der Ausblick auf den Gang der menschlichen Entwickelung. Und jeder Mensch hat so das Bedürfnis, sich einen kleinen Kreis zu bilden und in diesem kleinen Kreis eine Routine zu erwerben, diese Routine anzuwenden im Sinne seines Egoismus, daß er sich hervortue, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, wie sich hineinstellt dasjenige, was er da als einen Teil dem Weltenganzen einfügt, in dieses Weltenganze. Wenn man mit derselben Methode, mit der man heute Existenzen gründet, in der Welt Häuser bauen würde, so würden diese gleich einstürzen. Wenn man nach derselben Methode, nach der wir heute unsere Theologen, unsere Juristen, Mediziner, Philologen und so weiter und namentlich die Philosophen ausbilden, Ziegelsteine formen und mit diesen Ziegelsteinen Häuser bauen würde, so würden diese Häuser keine Woche da sein können im Weltenganzen. In den großen Verhältnissen bemerken die Menschen das Einstürzen nicht. Es stürzt ja fortwährend ein seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Die Menschen wissen nichts davon; sie reden im Gegenteil von dem großen Aufschwunge, und manche reden noch davon, daß man mit denselben Ziegelsteinen, die längst unbrauchbar geworden waren, wieder eine neue Welt aufbauen soll. Man kann nicht eine neue Welt aufbauen anders, als daß? von Grund auf ein neuer geistiger Einschlag in die ganze zivilisierte Welt kommt. Man kann etwas leimen, aber nicht bauen ohne diesen geistigen Einschlag.
[ 13 ] Here lies—call it guilt, call it ignorance—it may be one word or the other, but words are not what matter—what must be characterized as originating from our universities, from those people who set the tone when it comes to what human beings can and cannot know. The world views what emanates from our European and American universities—so-called human wisdom, but also social wisdom, technical wisdom, and so on—while excluding all those factors that are, after all, quite naturally inherent in human beings. Anyone today who seeks access to any leading position—even a lowly one—in human society has no opportunity whatsoever to learn anything that would enable them to gain knowledge of human nature. And without knowledge of human nature, there is no social life; without knowledge of human nature, there is also no renewal of Christianity. One can become a theologian today without having the slightest idea what the Mystery of Golgotha means, for most theologians today have no idea who Christ is. Today, one can become a lawyer without having the slightest idea of what the human being actually is. Today, one can become a physician without having the slightest idea of how this human being is structured within the cosmos, without having the slightest idea of how the healthy and the sick body relate to one another. Today, one can become a technician without having the slightest idea of the influence the design of any machine has on the entire course of Earth’s development, and one can be a brilliant inventor of the telephone without having the slightest idea of what the telephone means for the entire course of Earth’s development. People lack a perspective on the course of human development. And every person feels the need to form a small circle for themselves and to establish a routine within that small circle, applying this routine in the interest of their own self-interest so that they may distinguish themselves, without considering how what they are contributing as a part of the whole of the world fits into that whole. If one were to build houses in the world using the same method by which one establishes livelihoods today, they would collapse immediately. If one were to shape bricks and build houses with them using the same method by which we train our theologians, lawyers, doctors, philologists, and so on—and especially our philosophers—today, these houses would not last a week within the whole of the world. On a grand scale, people do not notice the collapse. After all, it has been collapsing continuously since the last third of the 19th century. People know nothing of this; on the contrary, they speak of a great upswing, and some even say that we should use the very same bricks—which have long since become unusable—to build a new world. One cannot build a new world unless… a fundamentally new spiritual impulse takes hold throughout the entire civilized world. One can patch things up, but one cannot build without this spiritual impulse.
[ 14 ] Es gibt Menschen — gutmeinende Menschen —, die haben vor einer solchen Intensität des Wissens, vor einer solchen Intensität der Erkenntnis, wie sie angestrebt wird durch Geisteswissenschaft, eine heillose Angst. Sie haben Angst aus einem gewissen Grunde — ich erzähle Ihnen nicht irgendwie Ausgedachtes, nur die Dinge, die Tatsachen entsprechen —, sie sagen sich: Wie wird es doch langweilig sein, wenn man alles wissen wird von dem Menschen, was Geisteswissenschaft zu wissen vorgibt; dann kann man ja nicht mehr hoffen, daß die Zukunft neues Wissen bringt, dann kann man ja gar nicht wissen, daß das Wissen weiterhilft. Schrecklicher Anblick der Zukunft, meinen sie noch, wenn schon alles gewußt wird!
[ 14 ] There are people—well-meaning people—who are overcome by a hopeless fear of such intensity of knowledge, of such intensity of insight as is sought by spiritual science. They are afraid for a certain reason—I am not telling you something I have made up, but only things that correspond to the facts—and they say to themselves: How boring it will be when we know everything about human beings that spiritual science claims to know; then we can no longer hope that the future will bring new knowledge, and then we cannot even know whether that knowledge will be of any help. What a dreadful prospect for the future, they think, if everything is already known!
[ 15 ] Ich will nicht sagen, daß dies eine bequeme Auskunft für diejenigen ist, die zu faul sind, an die Erkenntnis heranzugehen, aber darauf möchte ich aufmerksam machen, daß in dem Augenblick, wo der Mensch so durchschaut wird, wie er durchschaut werden kann durch Geisteswissenschaft, erst richtig die Möglichkeit beginnt, an sozialen Aufbau zu denken. Man kann nicht anders sozialen Aufbau begründen, als daß man erst die Menschenerkenntnis gewissermaßen ins reine gebracht hat. Um sich das klarzumachen, muß man nur folgendes sich sagen. Nehmen Sie alles dasjenige, was in unsere bisherigen Gemeinschaften führt — die Menschen verdanken es keineswegs ihrer Aufklärung; sie verdanken es nicht den Vorstellungen, die sie voll in ihr Bewußtsein aufgenommen haben, sie verdanken es denjenigen geistigen Kräften, die durch das Blut hindurchscheinend sind, welche ersprossen sind aus den alten Blutszusammenhängen, Blutsverwandtschaften. Wir haben da gerade heute noch immer etwas, was sich hereinstellt in unsere Welt als ein Überbleibsel jener alten Blutsverwandtschaft, was uns das nationale Prinzip gibt, was in ihm zum Vorschein kommt. Weswegen sich der eine einen Engländer, der andere einen Franzosen, der andere einen Polen nennt, das rührt her von alledem, wovon von jeher hergerührt haben digjenigen Zusammenhänge unter den Menschen, die auf Blutsverwandtschaft gebaut sind. Diese Blutsverwandtschaft hatte durch die Jahrtausende der Menschheitsentwickelung ihre gute Berechtigung, denn durch diese Blutsverwandtschaft stieg dasjenige herauf in die Menschheit, was die Menschen zusammenbrachte, was Menschheitsgemeinschaften begründete. Und die Menschen waren im Ausgange der Erdenentwickelung, wie Sie sich aus meiner «Geheimwissenschaft» überzeugen können, durchaus nicht so einheitlich. Die Menschenseelen waren von den verschiedensten Orten, wie Sie wissen, auf die Erde gekommen, haben sich wahrhaftig nicht geliebt, lernten sich lieben nur dadurch, daß sie als Seelen hineingeboren wurden in blutsverwandte Leiber. Ich habe in früheren Vorträgen wiederholt gezeigt, wie das Wohltätige dieser Blutsverwandtschaft, Blutsgemeinschaft von den den Menschen gegnerischen Mächten bekämpft worden ist, von den luziferisch-ahrimanischen Mächten. Das war in alten Zeiten. Da waren gerade die Menschen darauf angewiesen, Menschengemeinschaften aus der Blutsverwandtschaft heraus begründen zu lassen. Heute zu glauben, daß man nur zu übersetzen braucht das alte Blutsverwandtschaftsprinzip in die abstrakte Sprache und daß man sagen kann, indem man die Abstraktheit in «Vierzehn Punkte» kleidet: Jedem einzelnen, auch dem kleinsten Volke sein Selbstbestimmungsrecht! — man muß Woodrow Wilson in seiner Weltfremdheit, in seiner Abstraktheit sein, wenn man so etwas tun kann. Heute muß man einsehen: Das war einmal. Blutsverwandtschaften begründeten einmal menschliche Gemeinschaften. Heute ist bei den der Menschheit gegnerischen ahrimanischen und luziferischen Mächten anderes bestimmend, heute sollen die Menschen verführt werden durch die Blutsverwandtschaft. Geradesowenig wie der Christus in die Welt gekommen ist, um das Gesetz abzuschaffen, sondern in sich aufzunehmen, ebensowenig soll die Blutsverwandtschaft aus der Welt geschafft werden, im Gegenteil muß man die Blutsverwandtschaft erst in die richtigen Wege leiten. Aber während in alten Zeiten in Menschenherzen die ahrimanischen und luziferischen Wesenheiten gegen die Blutsverwandtschaft aufgetretensind und die Menschen in egoistische Individuen zerspalten wollten gegen die Blutsverwandtschaft, handelt es sich heute darum, daß die Menschen durch ahrimanische und luziferische Mächte verführt werden sollen, nur auf die Blutsverwandtschaft aufzubauen, während heute die Zeit reif ist, einzusehen, jeder Mensch, der wirklich Leib, Seele und Geist hat und vor uns dasteht, der kommt aus der geistigen Welt herunter, der kommt aus der geistigen Welt so herunter, daß er ein vorirdisches Leben durchgemacht hat. Er sucht sich selber das Blut, durch das er auf der Erde sich verkörpern will. Und ein Gefühl muß nach und nach entstehen für diese geistige Gemeinschaft. In vorchristlichen Zeiten ist die Reinkarnation als Gefühl vorhanden gewesen, denn eine Erkenntnis war sie nur vor dem Jahre 1860 vor dem Christentum; nach dem Jahre 1860 war sie im ganzen Ägypten, in vorderasiatischen, römischen Zeiten nur ein instinktives Gefühl. Jetzt aber kommt die Zeit, wo die Anschauung von dem Menschen als einem geistigen Wesen, das eine Entwickelung durchmacht zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, ein lebendiges Gefühl, eine lebendige Empfindung wird, wo man in der Vorstellung leben muß von der überirdischen Bedeutung der Menschenseelen. Denn ohne diese Vorstellung wird die Kultur der Erde ertötet. Man wird nicht eine praktische Tätigkeit entfalten können in der Zukunft, ohne daß man aufblicken kann zu der geistigen Bedeutung der Tatsache, daß jeder Mensch ein geistiges Wesen ist. Und man wird hinzufügen müssen, so paradox das dem heutigen Menschen noch erscheint — paradox weniger der Theorie nach, denn ich will nicht theoretisieren, aber parallelisieren, dem Gefühle nach, es ist aber doch so —, daß man wird lernen müssen, nicht nur sich zu sagen: Wir freuen uns als Eltern, daß uns ein Kind geboren wird, wir freuen uns über diesen Zuwachs unserer Familie, weil uns dieses Kind geboren wird —, sondern man wird sagen müssen: Nein, wir sind bloß das Werkzeug dafür, daß eine geistige Individualität, die wartet, auf der Erde ihr Dasein fortzusetzen, durch uns Gelegenheit dazu findet! — Zu den antiquierten Dingen wird gehören müssen zum Beispiel die Aristokratenvorstellung vom Stammhalter, die Aristokratenvorstellung von der bloßen Blutsfortsetzung der Familie, und ausdehnen wird sich müssen die Empfindung, das Gefühl auf die ganze Menschheit. Aristokraten haben heute noch die Gesinnung, es sei vor allen Dingen ihre Aufgabe, ihr Geschlecht fortzusetzen, so daß der physische Mensch Nachkommen hat mit demselben Namen. Die Empfindung wird sich umkehren müssen dahingehend, daß man diese Nachfolger wird haben müssen im Dienste der ganzen Menschheit, damit gewisse Individualitäten, die herunter wollen auf die Welt, hier auf dieser Erde ihr Dasein fortsetzen können. Die alten Empfindungen ragen im Aristokratentum, im Familienaristokratentum in unsere jetzige Zeit herein. Dem muß sich entgegenstellen die Empfindung jener allgemeinen Menschenkenntnis; dann werden wir auch den Christus neu begreifen können. Denn er ist nicht um des Familienegoismus willen auf der Erde erschienen, sondern um der ganzen Menschheit willen. Er ist auch nicht um irgendeiner Nationalität willen auf der Erde erschienen, sondern um der ganzen Menschheit willen. Er ist nicht erschienen, damit diejenigen, die sich die Sieger nennen, die Nationalstaaten aufrichten können, sondern daß das Allgemeinmenschliche durch den Rahmen des Nationalen auf der Erde gepflegt werde.
[ 15 ] I do not mean to say that this is a convenient answer for those who are too lazy to engage with this understanding, but I would like to point out that it is only when human beings are understood as fully as they can be through spiritual science that the possibility of thinking about social structure truly begins. One cannot lay the foundation for social reconstruction without first, so to speak, having clarified our understanding of human nature. To make this clear to oneself, one need only consider the following. Take everything that has led to our communities up to now—people do not owe this in any way to their Enlightenment; they do not owe it to the ideas they have fully assimilated into their consciousness; they owe it to those spiritual forces that shine through the blood, which have sprung from the old blood ties and kinships. Even today, we still have something that manifests itself in our world as a remnant of those ancient blood kinships—the national principle that gives us our identity and reveals itself through it. The reason why one person calls himself an Englishman, another a Frenchman, and yet another a Pole stems from all that has, from time immemorial, given rise to those bonds among human beings that are based on kinship. This kinship had its justifiable place throughout the millennia of human development, for through this kinship arose within humanity that which brought people together and founded human communities. And as you can see from my *The Secret Science*, people were by no means so unified at the end of Earth’s development. Human souls had come to Earth from the most diverse places, as you know; they truly did not love one another and learned to love only by being born as souls into bodies related by blood. In earlier lectures, I have repeatedly shown how the beneficial nature of this kinship, this blood community, was opposed by the forces hostile to humanity—the Luciferic-Ahrimanic forces. That was in ancient times. Back then, human beings were precisely dependent on establishing human communities based on blood kinship. To believe today that one need only translate the old principle of blood kinship into abstract language—and that one can say, by cloaking this abstraction in “Fourteen Points”: “To every single people, even the smallest, the right to self-determination!”—one must be as out of touch with reality and as abstract as Woodrow Wilson to be able to do such a thing. Today we must realize: That was once the case. Blood kinship once formed the basis of human communities. Today, however, other forces—the Ahrimanic and Luciferic powers opposed to humanity—are at work; today, people are to be led astray through blood kinship. Just as Christ did not come into the world to abolish the law but to take it into himself, so too should blood kinship not be eliminated from the world; on the contrary, blood kinship must first be guided along the right paths. But whereas in ancient times the Ahrimanic and Luciferic beings opposed kinship in people’s hearts and sought to divide people into selfish individuals by opposing kinship, today the issue is that people are to be led astray by Ahrimanic and Luciferic forces into relying solely on blood kinship, whereas the time is now ripe to recognize that every human being who truly possesses body, soul, and spirit and stands before us has come down from the spiritual world—has come down from the spiritual world in such a way that they have lived a pre-earthly life. They themselves seek out the blood through which they wish to incarnate on Earth. And a feeling for this spiritual community must gradually arise. In pre-Christian times, reincarnation existed as a feeling, for it was only a conscious understanding before the year 1860, prior to Christianity; after the year 1860, throughout Egypt and in the times of the Near East and Rome, it was merely an instinctive feeling. But now the time is coming when the view of the human being as a spiritual being undergoing a process of development between death and a new birth will become a living feeling, a living sensation—a time when we must live with the idea of the transcendent significance of human souls. For without this idea, the culture of the Earth will be destroyed. It will not be possible to engage in practical activity in the future without being able to look up to the spiritual significance of the fact that every human being is a spiritual being. And one will have to add—as paradoxical as this still seems to people today—paradoxical not so much in theory, for I do not wish to theorize but rather to draw parallels; rather, it is a matter of feeling, yet it is indeed so—that one will have to learn not only to say to oneself: “As parents, we rejoice that a child is being born to us; we rejoice at this addition to our family because this child is being born to us”—but one will have to say: No, we are merely the instrument through which a spiritual individuality—one that is waiting to continue its existence on Earth—finds the opportunity to do so through us! — Among the things that will have to be considered antiquated will be, for example, the aristocratic notion of the heir to the family line, the aristocratic notion of the mere continuation of the family’s bloodline, and the sentiment, the feeling, will have to extend to all of humanity. Even today, aristocrats still hold the belief that their primary task is to perpetuate their lineage, so that the physical human being has descendants bearing the same name. This sentiment will have to be reversed so that these successors are placed in the service of all humanity, enabling certain individualities who wish to descend into the world to continue their existence here on Earth. The old attitudes persist in aristocracy—in family-based aristocracy—even into our present time. This must be countered by the attitude of that universal understanding of human nature; then we will also be able to understand Christ anew. For he did not appear on Earth for the sake of family egoism, but for the sake of all humanity. Nor did he appear on Earth for the sake of any particular nationality, but for the sake of all humanity. He did not appear so that those who call themselves victors might establish nation-states, but so that what is universally human might be nurtured on earth within the framework of the national.
[ 16 ] Auf dem Grunde desjenigen, was jetzt vorgeht, liegen diese Dinge. Und sie liegen so, daß im Grunde genommen das, was heute mit dem Erdendasein gewollt wird, bekämpft wird von dem, was der größte Teil der Menschen heute noch sagt, was der größte Teil der Menschen heute noch will. Aber die Menschen werden, wenn sie so weiter wollen, nur Dinge begründen, die sich selbst ad absurdum führen, die sich selbst in die Unmöglichkeit führen. Entweder wird man dieses einsehen, oder man wird noch lange im europäischen Chaos drinnen waten müssen. Es ist das beste Mittel, weiter zu waten in diesem europäischen Chaos, wenn man Nationalstaaten gründet.
[ 16 ] These things lie at the root of what is happening now. And they lie in such a way that, fundamentally speaking, what is intended for life on Earth today is being opposed by what the majority of people still say today, by what the majority of people still want today. But if people continue to pursue this course, they will only create situations that lead to their own absurdity, that lead to their own impossibility. Either people will come to realize this, or they will have to wade through European chaos for a long time to come. Establishing nation-states is the best way to continue wading through this European chaos.
[ 17 ] Mit aus diesem Grunde mußten wir gerade denjenigen gegenüber, denen in der nächsten Zeit äußerlich die Weltherrschaft zufällt, reden von der großen Verantwortlichkeit. Diese Verantwortlichkeit ist da. Die englisch sprechende Bevölkerung hat diese furchtbare Verantwortung vor der Welt, nicht weiterhin das Geistige zurückzuweisen, nicht weiterhin Baconisch oder Newtonisch zu sein, sondern den Geist aufzunehmen in seiner neuen Form. Setzen Sie heute das Bild vor Ihre Seele, Newton, ausgestaltend jene astronomische Weltanschauung, von der Herman Grimm mit Recht sagt: So wie man sich das vorstellt im Sinne dieser astronomischen Weltvorstellung, daß die Erde und das Planetensystem der Sonne aus einem Dunst, einem dünnen Nebel hervorgegangen ist, das sich umgewandelt und umgewandelt hat, daß dann aus diesem Wirbel auch Tiere, Menschen, Pflanzen erstanden sind und daß eines Tages wiederum das Ganze in die Sonne zurückfallen wird, ist ein Aasknochen, um den ein hungriger Hund seine Kreise zieht, ein appetitlicheres Stück als diese Weltanschauung; und es werden einmal künftige Zeiten viel Mühe haben, den kulturhistorischen Wahnsinn des Newtonschen, des Kant-Laplaceschen Systems zu begreifen, den man heute in der Schule lehrt. Das heißt, man wird sich fragen: Wie konnte einmal ein ganzes Zeitalter so wahnsinnig sein, diese Anschauung zu preisen? — Heute gilt es noch als ein Wahnsinn, wenn man auf seiten Goethes gegen Newton steht, wenn man sich mit Goetheschen Vorstellungen über physikalische Erscheinungen beschäftigt. Aber mit diesen Dingen hängt ja wirklich alles, was in den Aufgaben der Zeit liegt, zusammen. Es beginnen einige wenige Menschen, diese Zusammenhänge heute einzusehen, und es hat mich in einem gewissen Sinne angenehm überrascht, als in der letzten Nummer unserer Zeitschrift «Die Dreigliederung» ausgeführt worden ist, wie dasjenige, was in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage» steht über die soziale Erkenntnis der Welt, dasselbe bedeutet, was der Goetheanismus einstmals für die Naturwissenschaft bedeutet hat. Aber wie sich von Goethe die Leute abgewendet haben, weil er der Naturwissenschaft der damaligen Zeit widersprechen mußte, wenden sich eben die Leute heute von der Dreigliederung ab. Warum? Sie widerspricht dem Gewohnten, wie einst der Goetheanismus, so daß sie dieser Dreigliederung eben auch widersprechen.
[ 17 ] For this very reason, we had to speak of this great responsibility precisely to those who, in the near future, will outwardly come to hold world dominion. This responsibility exists. The English-speaking population bears this tremendous responsibility before the world: not to continue rejecting the spiritual, not to continue being Baconian or Newtonian, but to embrace the spirit in its new form. Picture this scene in your mind today: Newton, formulating that astronomical worldview of which Herman Grimm rightly says: Just as one imagines it in the sense of this astronomical worldview—that the Earth and the planetary system emerged from the Sun out of a mist, a thin nebula, which transformed and transformed again, that from this vortex animals, humans, plants arose, and that one day the whole will fall back into the Sun—is a scrap of carrion around which a hungry dog circles, a more appetizing morsel than this worldview; and future generations will one day have great difficulty comprehending the cultural-historical madness of the Newtonian, the Kant-Laplacean system, which is taught in schools today. That is to say, people will ask themselves: How could an entire age once have been so mad as to extol this view? — Today it is still considered madness to side with Goethe against Newton, to engage with Goethe’s ideas about physical phenomena. But everything that lies within the tasks of our time is truly connected to these matters. A few people are beginning to grasp these connections today, and I was, in a certain sense, pleasantly surprised when the latest issue of our journal *Die Dreigliederung* explained how what is written in my book *The Key Points of the Social Question* regarding the social understanding of the world means the same thing that Goetheanism once meant for the natural sciences. But just as people turned away from Goethe because he had to contradict the natural science of his time, so too are people today turning away from the threefold social order. Why? It contradicts what they are accustomed to, just as Goetheanism once did, so that they also contradict this threefold social order.
[ 18 ] Diese Dinge können Sie ja anregen zu der Frage: Was soll aber dann der einzelne tun? — Zunächst kommt es ja auf die Einstellung zu der Sache an, auf die klare, sachliche Auseinandersetzung. Es kommt darauf an, daß man wirklich ein tiefgehendes Interesse für die Angelegenheiten der ganzen Menschheit zu entwickeln beginnt. Man kann zurückblicken auf dasjenige, was man in den letzten vier bis fünf Jahren erlebt hat, und nie hat man reichlicher Gelegenheit gehabt, eine gewisse Sorte von Alleswissern in der Welt immer wieder und wieder kennenzulernen, denn es war eigentlich im Grunde jeder Mensch ein Alleswisser. Da sind die Deutschen gekommen, die haben ganz genau gewußt, wer die Kriegsschuld hat und daß sie eigentlich höchst unschuldig sind; da sind die Franzosen gekommen, die haben ganz genau gewußt, wie alles ist; da haben die Italiener wenigstens noch gestanden den «sacro egoismo». — Die Leute haben immer ganz genau gewußt, um was es sich handelt. Sie haben alle ihre Anschauungen gehabt, sie haben ihre Gedanken, ihre Ideen gehabt. Es ist ja bequem, ohne Unterlagen diese Ideen zu gewinnen. Man ist durch sein Blut Franzose, man ist durch sein Blut Pole, man ist durch sein Blut Tschechoslowake, und man hat dadurch eine bestimmte Anschauung über das Leben, wie es sich gestalten muß in Europa. Man braucht gar nichts anderes als dieses oder jenes zu tun, in sich zu fühlen, und man urteilt, urteilt so, wie einem die Urteile entgegentreten. Das ist eben das große Unglück unserer Zeit, daß die Menschen, ohne sich nun wirklich anzustrengen, ohne Interesse zu gewinnen für die Angelegenheiten der Menschheit, aus Unterbewußtem heraus heute urteilen, das oder jenes für richtig halten, das oder jenes für unerläßlich halten. Aber die Zeit ist nicht mehr da, wo man aus dem Unbewußten heraus das oder jenes für unerläßlich halten kann. Die Zeit ist gekommen, wo nur aus dem Sachlichen heraus geurteilt werden darf, wo man sich einmal anstrengen muß, sich wirklich einen Überblick zu verschaffen über die Notwendigkeit der Zeit und über dasjenige, was die Zeit von einem fordert. Es schnürt einem heute das Herz zusammen, wenn man Menschen begegnet, die sich nur für sich selbst interessieren. Denn das ist das große Unglück unserer Zeit, während die einzige Erlösung der Zeit darin bestehen könnte, daß nun, nachdem das Schreckliche vor sich gegangen ist in den letzten Jahren, die Menschen sich sagen würden: Wir müssen uns für die Angelegenheiten der ganzen Menschheit interessieren, wir dürfen nicht bei dem stehenbleiben, was unmittelbar mit uns nur im Umkreise unseres Volkes sich vollzieht.
[ 18 ] These things might lead you to ask: But what, then, should the individual do? — First and foremost, it all comes down to one’s attitude toward the matter—to a clear, objective examination of it. What matters is that one truly begins to develop a deep interest in the affairs of all humanity. One can look back on what one has experienced over the past four to five years, and never before has there been such ample opportunity to encounter, time and time again, a certain breed of know-it-alls in the world—for, in fact, every single person was, at heart, a know-it-all. Then came the Germans, who knew exactly who was to blame for the war and that they themselves were, in fact, completely innocent; then came the French, who knew exactly how everything stood; and then there were the Italians, who at least still professed their “sacro egoismo.” — People have always known exactly what was at stake. They’ve all had their own views; they’ve had their thoughts, their ideas. It’s certainly convenient to form these ideas without any supporting evidence. One is French by blood, one is Polish by blood, one is Czechoslovak by blood, and through that one has a certain view of how life in Europe ought to be shaped. One needs do nothing more than this or that, feel it within oneself, and one judges—judges just as those judgments come to mind. That is precisely the great misfortune of our time: that people, without really making an effort, without taking an interest in the affairs of humanity, judge today from their subconscious, considering this or that to be right, considering this or that to be indispensable. But the time is past when one can consider this or that to be indispensable based solely on the unconscious. The time has come when judgments may be made only on the basis of objective facts, when one must make an effort to truly gain an overview of the necessities of the times and of what the times demand of us. It breaks one’s heart today to encounter people who are interested only in themselves. For that is the great misfortune of our time, whereas the only salvation for our time might lie in the fact that now, after the terrible events of recent years, people would say to themselves: We must take an interest in the affairs of all humanity; we must not limit ourselves to what is happening immediately around us, within the confines of our own people.
[ 19 ] Diese Dinge kommen als eine Empfindung unmittelbar aus der Geisteswissenschaft, und ich sage sie heute, um einzelne Schlußgedanken vorzubereiten. Sie sehen hier diesen Bau, der nun einmal der Repräsentant unserer anthroposophischen Geisteswissenschaft ist. Man kann Empfindungen haben für das eine oder andere in diesem Bau, man wird Recht haben. Aber die richtige Empfindung diesem Bau gegenüber hat nur derjenige, der in jeder einzelnen Linie etwas sieht, was gefordert ist von den dringendsten Notwendigkeiten unserer Zeit, der sieht, daß der Bau dastehen muß, weil unsere Zeit dieses oder jenes fordert, weil das und jenes empfunden werden muß an diesen oder jenen Säulen, an diesen oder jenen Fensterreihen; weil es heute der Menschheit notwendig ist, diesen Bau, das, was er sein will, zu nehmen aus der ganzen Konfiguration der Zeit heraus. Und wer zu gleicher Zeit empfindet, einmal durchfühlt diesen ganzen neuen Stil, der wird erkennen, daß dieser Stil platterdings nichts zu tun hat mit irgend etwas, was für dies oder jenes spezualisiert ist, sondern daß er nur mit allgemein Menschlichstem zu tun hat. Es ist an diesem ganzen Bau nichts, zu dem nicht der Amerikaner wie der Engländer wie der Deutsche wie der Russe wie der Japaner wie der Chinese Ja sagen können, denn er ist nicht aus der Empfindung eines einzelnen heraus gestaltet. Ich werde nicht, wenigstens nicht von dem, der mich kennt, als unbescheidener Mensch hingestellt werden können, wenn ich sage: Ich kenne selbst nichts, was gegenwärtig von dieser Art gemacht wird, das ebenso unabhängig wäre von differenziertem Menschenwollen und aufgehen würde in allgemeinste Menschenkenntnis und Menschenverständnis wie dieser Bau.
[ 19 ] These thoughts arise directly from spiritual science as a feeling, and I am sharing them today to lay the groundwork for some concluding remarks. You see this building here, which is, after all, the embodiment of our anthroposophical spiritual science. One may have different feelings about various aspects of this building, and each person will be right in their own way. But the only person who has the right feeling toward this building is the one who sees in every single line something that is demanded by the most urgent necessities of our time—who sees that the building must stand because our time demands this or that, because this or that must be felt in these or those columns, in these or those rows of windows; because it is necessary for humanity today to take this building—what it intends to be—out of the entire configuration of the times. And whoever at the same time feels, truly internalizes this entire new style, will recognize that this style has absolutely nothing to do with anything specialized for this or that, but that it has to do only with what is most universally human. There is nothing in this entire structure to which an American, an Englishman, a German, a Russian, a Japanese, or a Chinese person could not say “yes,” for it is not shaped by the sensibility of any single individual. I cannot be portrayed—at least not by those who know me—as an immodest person when I say: I myself know of nothing currently being created of this kind that is as independent of differentiated human will and that is as fully rooted in the most general knowledge and understanding of humanity as this building.
[ 20 ] Das aber muß aufgenommen werden, wenn die Dinge, die aus unseren Motiven hervorgehen wollen in bezug auf die Menschenzukunft, dieser Menschenzukunft zum Heile und nicht zum Unheile dienen sollen.
[ 20 ] But this must be taken into account if the things that seek to emerge from our motives—with regard to the future of humanity—are to serve that future for the good and not for the harm.
