Spiritual and Social Transformations
in Human Evolution
GA 196
7 February 1920, Dornach
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Spiritual and Social Transformations in Human Evolution, tr. SOL
Elfter Vortrag
Eleventh Lecture
[ 1 ] Ich werde heute wiederum eine Art Episode einfügen in unsere Betrachtungen, die uns dazu dienen wird, das eigentliche Thema morgen weiterzuführen. Ich werde genötigt sein, um Ihnen gewisse Dinge erörtern zu können, heute eine etwas aphoristischere Art der Darstellung zu verwenden. Wir haben ja die mannigfaltigsten Symptome und Erscheinungen aus dem Zeitgeschehen herausgeholt, um zu erkennen, wie dieses Zeitgeschehen die Menschheit hinleitet zu einem Ergreifen geistiger Wirklichkeiten. Und es war mein Bestreben, klarzumachen, daß es bei dieser Ergreifung geistiger Wirklichkeiten sich nicht bloß darum handeln kann, daß der Mensch gewissermaßen auch in der Zukunft die geistige Welt nur ergreife, um an ihr etwas zu haben, ich möchte sagen, für seine Sonntagsstunden. Das war ja gerade das Verderbliche in der Zivilisation, die sich in den letzten Jahrhunderten herausgebildet hat, daß das Geistesleben allmählich etwas so Abgezogenes, Abstraktes geworden ist. Auf die Frage, die ich in einem öffentlichen Vortrage in Basel vor einiger Zeit gestellt habe: Was verbindet die Weltanschauung, die Anschauung über das Geistige oder auch über das Ungeistige, die jemand hat, der Beamter, Rechtsanwalt, Fabrikant, Kaufmann ist, mit dem, was einer alltäglich treibt? — kann man sagen: Es fließt von den Gedanken, die er als Weltanschauung hat, nichts in seine beruflichen und alltäglichen Angelegenheiten, ich meine in die Führung derselben hinein. Man ist auf der einen Seite ein Mensch des äußeren praktischen Lebens, und daneben hat man eine rein abstrakte Weltanschauung, sei sie mehr oder weniger religiös, sei sie mehr oder weniger wissenschaftlich gefärbt. Das ist ja Usus geworden im Laufe der letzten Jahrhunderte und zu einem Höhepunkt gelangt in unserer so unheilschwangeren Zeit. Und was da zugrunde liegt, drückt sich aus in einem andern, eigentlich noch fataleren Umstande, daß Menschen, die den guten Willen haben, sich eine geistige Weltanschauung anzueignen, geradezu in den Inhalt dieser geistigen Weltanschauung aufnehmen, daß diese geistige Weltanschauung nichts zu tun habe mit ihrem praktischen Leben. Denn das praktische Leben, das ist das Reale, das ist dasjenige, dem man sich äußerlich widmet, die Geistigkeit hat man für den Sonntag, man hat sie abgezogen vom Leben, und das Leben ist nicht würdig, diese Geistigkeit aufzunehmen. — Ich habe mich immer bemüht, klarzumachen, daß gerade die hier gemeinte anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft zwar in die höchsten Höhen des geistigen Lebens hinaufsteigen will, aber dann in dem Menschen durch dieses Hinaufsteigen in die geistigen Welten eine Art des Denkens, eine Art des Vorstellens heranerziehen soll, welche ihn geeignet macht, geschickt, praktisch in jeden Zweig des alltäglichen Lebens sich hineinzustellen. Man soll für sein Geschäft, für das tägliche praktische Leben etwas haben von dem, was man sich geistig auch für die höheren Welten erarbeitet.
[ 1 ] Today I will once again include a sort of interlude in our reflections, which will help us continue with the main topic tomorrow. In order to discuss certain matters with you, I will be compelled to use a somewhat more aphoristic style of presentation today. We have, after all, drawn upon the most diverse symptoms and phenomena from current events in order to recognize how these events are leading humanity toward a grasp of spiritual realities. And it has been my aim to make clear that this grasping of spiritual realities cannot merely be a matter of human beings, even in the future, approaching the spiritual world solely to derive some benefit from it—I might say, for their Sunday leisure hours. That was precisely what was so detrimental in the civilization that has developed over the last few centuries: that spiritual life has gradually become something so detached and abstract. In response to the question I posed some time ago in a public lecture in Basel: What connects the worldview—the perspective on the spiritual or even the non-spiritual—held by someone who is a civil servant, lawyer, factory owner, or merchant, with what they do in their daily life? —one can say: Nothing from the thoughts that constitute their worldview flows into their professional and everyday affairs—I mean, into the way they conduct them. On the one hand, one is a person of outward, practical life, and alongside that, one has a purely abstract worldview, whether it is more or less religious or more or less scientific in nature. This has indeed become the norm over the course of the last few centuries and has reached a climax in our time, which is so fraught with calamity. And what underlies this is expressed in another, actually even more fatal circumstance: that people who have the good will to adopt a spiritual worldview actually incorporate into the very content of that spiritual worldview the idea that this spiritual worldview has nothing to do with their practical life. For practical life is what is real; it is what one devotes oneself to outwardly. Spirituality is for Sunday; it has been separated from life, and life is not worthy of embracing this spirituality. — I have always endeavored to make it clear that precisely the anthroposophically oriented spiritual science referred to here, while it seeks to ascend to the highest heights of spiritual life, is also intended to cultivate within the human being—through this ascent into the spiritual worlds—a way of thinking and a way of imagining that makes him capable of skillfully and practically engaging with every aspect of everyday life. One should apply to one’s business and to daily practical life something of what one has spiritually cultivated for the higher worlds as well.
[ 2 ] Dieses Arbeiten für die geistigen Welten soll so sein, daß es einen nicht dazu verführt, zu sagen: Diese geistige Welt, das ist das Jenseitige, das darf gar nicht berührt werden von dem groben Alltäglichen; das grobe Alltägliche ist gesondert da, das verachtet man, die geistige Welt ist das Hohe, das Erhabene. — Ich habe in früheren Jahren oftmals und sehr scharf auf diese Dinge hingedeutet und habe ausgesprochen, daß ja wirklich im Laufe der Jahre mancher Mensch zu mir gekommen ist und mir sagte: Ach, ich habe einen so prosaischen Beruf, ich möchte diesen prosaischen Beruf verlassen und mich Idealerem widmen. — Das ist die schlechteste Maxime, die man im Leben haben kann, Wer durch sein Schicksal, durch sein Karma Postbeamter ist und ein ordentlicher Postbeamter ist, der dient — so sagte ich oftmals — gewiß, wenn er seinen Beruf ordentlich ausfüllt, der Welt mehr, als wenn er ein schlechter Dichter ist oder gar ein schlechter Journalist oder dergleichen, wonach es einen manchmal gelüstet. Es handelt sich nur darum, wenn man dem Geistigen sich nähert, dieses Geistige so in sein Gemüt aufzunehmen, daß es einen nicht ungeschickt, sondern geschickt macht für das äußere Leben.
[ 2 ] This work for the spiritual worlds should be such that it does not lead one to say: “This spiritual world is the hereafter; it must not be touched by the coarse, everyday world at all; the coarse, everyday world exists separately; one looks down on it, while the spiritual world is the high and sublime.” — In earlier years, I often pointed out these things very sharply and stated that, indeed, over the years, many people have come to me and said: “Oh, I have such a prosaic profession; I would like to leave this prosaic profession and devote myself to something more ideal.” — That is the worst maxim one can have in life. Whoever, through fate or karma, is a postal worker—and a decent one at that—serves—as I have often said—the world more, certainly, by performing his duties properly, than if he were a poor poet or even a poor journalist or the like, which one sometimes longs to be. The point is simply this: when one approaches the spiritual, one must take it into one’s heart in such a way that it makes one not clumsy, but skilled, for life in the outer world.
[ 3 ] Weil diese Maxime verschwunden ist aus dem Leben seit dem 15. Jahrhundert und gewissermaßen das Leben sich in diese zwei Strömungen gespalten hat, in das von Idealisten und Mystikern verachtete äußere praktische Leben und in das von Praktikern als etwas schwärmerischträumerisch angesehene mystische, religiöse, idealistische Leben, stehen wir heute in der Ihnen gestern geschilderten Sackgasse des Lebens darinnen. Das ist der tiefere Grund, warum wir in dieser Sackgasse darinnenstecken. Dadurch ist es gekommen, daß auf der einen Seite im praktischen Leben jeder einzelne dasteht in einem kleinen Kreise, wie ich gestern gesagt habe, arbeitend ohne Übersicht und auch ohne herzliche Anteilnahme an dem Ganzen, und wiederum, wenn man idealistisch genug dazu ist, sich einer geistigen Weltanschauung zu widmen, man dann diese geistige Weltanschauung so haben will, daß man in dieser geistigen Weltanschauung ja nicht erzogen wird zum Beispiel zur praktischen Führung, sagen wir eines ordentlichen Hauptbuches oder eines ordentlichen Journals. Es gibt Leute, die sehen es geradezu als einen Vorzug an, wenn jemand nicht versteht und gar nicht begreifen kann, wie man ein Journal oder ein Kassabuch führt. Das ist der große Schaden, welcher sich durch die letzten Jahrhunderte allmählich immer mehr und mehr eingebürgert hat.
[ 3 ] Because this maxim has disappeared from life since the 15th century and, in a sense, life has split into these two currents—the external, practical life despised by idealists and mystics, and the mystical, religious, idealistic life regarded by practical people as something fanciful and dreamy— we now find ourselves in the impasse of life that I described to you yesterday. That is the deeper reason why we are stuck in this impasse. As a result, on the one hand, in practical life, each individual stands within a small circle—as I said yesterday—working without an overview and also without a heartfelt connection to the whole; and on the other hand, if one is idealistic enough to devote oneself to a spiritual worldview, one then wants this spiritual worldview in such a way that one is not, within it, trained—for example—in the practical management of, say, a proper general ledger or a proper journal. There are people who actually regard it as an advantage if someone does not understand—and cannot even begin to grasp—how to keep a journal or a cash book. This is the great harm that has gradually become more and more entrenched over the last few centuries.
[ 4 ] Es ist kein Vorzug, keinen Dunst zu haben von der Art und Weise, wie man Hauptbücher, Kassenbücher führt, und es ist kein Segen für die Menschheit, wenn es möglichst viele Personen gibt, die Idealisten sein wollen, indem sie von allem Praktischen nichts verstehen und nur sich geistigen Betrachtungen hingeben wollen. Das einzig Gesunde im Leben ist, wenn diese beiden Maximen im Leben so durcheinandergehen, daß das eine das andere trägt. Aber dasjenige, was im kleinsten Kreise allmählich immer mehr und mehr als ein Lebensschaden in den letzten Jahrhunderten zum Vorschein gekommen ist, es spricht sich auch aus in den großen Angelegenheiten des Lebens insofern, als niemand eigentlich, wirklich, man kann sagen, niemand außer einigen Menschen, die es recht unpraktisch gemacht haben, sich darum bekümmert hat: Wie kann eigentlich aus den Gebilden, die veraltet sind — ich habe es Ihnen gestern charakterisiert, wie sie auf der Landkarte ausschauen —, die man vor dem Kriege, bis 1914, als die Staaten der Erde bezeichnet hat, etwas wirklich Gesundes entstehen? — Ja, man ist heute selbst durch die Prüfungen der letzten vier bis fünf Jahre leider noch nicht weit genug, über diese Dinge in gesunder Art nachzudenken. Nehmen Sie nur das eine. Wenn man einmal kühlen Kopf dafür haben wird, die ferneren Ursachen der furchtbaren Katastrophe der letzten viereinhalb oder fünf Jahre zu betrachten, so wird man finden, wie diese Ursachen zwischen Mitteleuropa und den westlichen Gegenden, auch Amerikas, in industriell-kommerziellen Verhältnissen liegen, in jenen industriell-kommerziellen Verhältnissen, die längst in Widerspruch gekommen sind mit den Staatsgrenzen. Die Staatsgebilde, die aus ganz andern Verhältnissen heraus sich gebildet haben und die eine Dependenz mittelalterlicher Verhältnisse sind, diese Staatsverhältnisse haben sich künstlich als Rahmen gebrauchen lassen für das, was nur kommerzielle und industrielle Interessen sind. Sie taugten gar nicht dazu, aber sie ließen sich dazu gebrauchen. Und heute bemerkt man das so wenig, daß eine, allerdings für längere Zeiten aussichtslose, aber für kürzere Zeiten außerordentlich störende sozialdemokratische Bewegung es auch nicht anders macht. Wir erleben es heute, daß überall sozialistische Theorien auftauchen, sogar bis in die Welten Asiens hinüber, die ganz besonders radikal werden. Diese sozialistischen Theorien wollen etwas Praktisches formen. Vor dem Kriege haben sie die Rahmen der alten Staaten benützen wollen, jetzt wollen sie die Rahmen desjenigen benützen, was sich aus der Kriegskatastrophe herausgebildet hat, also sagen wir Rußland, wie es sich aus dem Kriege herausgebildet hat, soll als ein Rahmen benutzt werden für bolschewistische Theorien. Man kann sich, wenn man der Wirklichkeit gemäß denken kann, nichts Unsinnigeres denken, als daß dies versucht wird. Es gibt keinen größeren Nonsens als dieses Gebilde, das zunächst entstanden ist aus rein mittelalterlichen Kräften heraus, kombiniert dann mit den unnatürlichen Ergebnissen, die immer mehr in dem bis zum Versailler Frieden, das heißt, Unfrieden gekommenen Krieg entstanden sind. Daß dieses Gebilde im Osten von Europa nun die Phantasien von Lenin und Trotzkij aufnehmen soll, ist für die Dauer ein Unsinn, für eine kurze Zeit ein Tumult, der ungeheuer die gesunde Entwickelung der Menschheit Europas aufhalten muß. Das ergibt sich, wenn man Sinn für Wirklichkeit hat.
[ 4 ] It is no virtue to have no clue about how to keep ledgers and cash books, and it is no blessing for humanity if as many people as possible want to be idealists by understanding nothing of practical matters and devoting themselves solely to intellectual musings. The only healthy thing in life is when these two principles are so intertwined that one supports the other. But what has gradually become increasingly evident in the smallest circles over the past few centuries as a detriment to life also manifests itself in the great affairs of life, insofar as no one—actually, truly, one might say, no one except a few people who have made it quite impractical—has concerned themselves with it: How can anything truly healthy actually emerge from the structures that are outdated—I described to you yesterday what they look like on the map—which, before the war, up until 1914, were referred to as the states of the world? — Yes, even after the trials of the last four to five years, we have unfortunately not yet progressed far enough to think about these things in a healthy way. Just take this one example. Once we are able to keep a cool head and examine the deeper causes of the terrible catastrophe of the past four and a half or five years, we will find that these causes lie in the industrial and commercial relationships between Central Europe and the Western regions—including America—relationships that have long since come into conflict with national borders. The state structures, which were formed under entirely different circumstances and are a remnant of medieval conditions, have been artificially used as a framework for what are purely commercial and industrial interests. They were not at all suited for this purpose, but they could be put to use for it. And today this is so little recognized that even a social-democratic movement—which, admittedly, is doomed in the long run but is extraordinarily disruptive in the short term—does not act any differently. We are witnessing today that socialist theories are emerging everywhere, even extending into the regions of Asia, and they are becoming particularly radical. These socialist theories seek to shape something practical. Before the war, they wanted to use the frameworks of the old states; now they want to use the frameworks of what has emerged from the catastrophe of the war—that is, let us say, Russia, as it has emerged from the war, is to be used as a framework for Bolshevik theories. If one is able to think in accordance with reality, one cannot imagine anything more nonsensical than this attempt. There is no greater nonsense than this construct, which initially arose from purely medieval forces and was then combined with the unnatural outcomes that emerged in ever-greater measure during the war that culminated in the Treaty of Versailles—that is, in discord. That this construct in Eastern Europe is now supposed to accommodate the fantasies of Lenin and Trotsky is, in the long run, nonsense; for a short time, it is a tumult that must tremendously hinder the healthy development of European humanity. This becomes clear if one has a sense of reality.
[ 5 ] Aber dieser Sinn für Wirklichkeiten, der fehlt eben heute, man möchte sagen, dem ganzen öffentlichen Urteil der Menschheit. Das ganze öffentliche Urteil der Menschheit wird nicht aus einem Sinn für Wirklichkeiten heraus gebildet, sondern eigentlich aus Abstraktionen, aus abstrakten Theorien. Und wenn einmal etwas auftritt, was nicht aus abstrakten Theorien ist, wie die Dreigliederung, etwas, was aus dem Leben herausgegriffen ist und was man, weil man nicht gleich dreißig Bände schreiben kann, welche die Leute auch nicht lesen würden, kurz zusammenfassen muß, so erkennt man daran den Wirklichkeitsgeist nicht, sondern hält, weil man heute ganz angefüllt ist von Theorien, das erst recht für eine Theorie. Man hat gar nicht mehr Sinn für das, was der Wirklichkeit entnommen ist, weil man ganz und gar sich der Wirklichkeit entfremdet hat.
[ 5 ] But this sense of reality is precisely what is missing today—one might say—from the entire public judgment of humanity. The entire public judgment of humanity is not formed out of a sense of reality, but rather out of abstractions, out of abstract theories. And when something does arise that is not derived from abstract theories—such as the threefold social order—something taken directly from life, which one must summarize briefly because one cannot immediately write thirty volumes that people would not read anyway—then people do not recognize the spirit of reality in it; rather, because they are completely filled with theories today, they regard it all the more as a theory. People no longer have any sense for what is drawn from reality, because they have completely alienated themselves from reality.
[ 6 ] Das muß eintreten, daß die Leute im eminentesten Sinne heute praktisch werden können und dennoch hinaufschauen können zur geistigen Welt. Denn nur dadurch wird sich das Menschengemüt gesund in die Zukunft hineinentwickeln, daß diese beiden Elemente im Menschengemüt nebeneinandergehen können. Wenn die Zeit kommen wird, wo derjenige nicht mehr als ein Narr gelten wird, der sagt: Im Osten drüben leben Seelen, welche sich durch besondere historische Verhältnisse Asiens so entwickelt haben, daß sie heute wenig Sinn haben für die äußere Welt und dadurch selbstverständlich auch leicht die Beute der an der bloßen materiellen Welt hängenden Europäer werden konnten, daß sie aber sich bewahren konnten die Aufschau in die geistige Welt —, dann wird man sehen, im Orient haben wir solche Seelen. Ein besonders wichtiger Repräsentant ist Ihnen ja von mir oft in der Person des Rabindranath Tagore genannt worden. Aber dieser Rabindranath Tagore, der nicht einmal ein Eingeweihter, sondern bloß ein Intellektueller Asiens ist, hat in sich, ich möchte sagen, den ganzen Geist Asiens, und Sie können aus seiner Vortragssammlung «Nationalismus» vieles über diesen strebenden Geist Asiens entnehmen.
[ 6 ] It is essential that people today be able to be practical in the truest sense of the word and yet still look up to the spiritual world. For the human spirit will only develop healthily into the future if these two elements can coexist within it. When the time comes when a person who says the following will no longer be considered a fool: “Over in the East there live souls who, due to the particular historical circumstances of Asia, have developed in such a way that they have little sense of the outer world today and, as a result, could naturally and easily fall prey to Europeans who are attached to the mere material world; yet they have been able to preserve their gaze toward the spiritual world”—then it will become clear that we do indeed have such souls in the East. I have, of course, often mentioned to you a particularly important representative of this in the person of Rabindranath Tagore. But this Rabindranath Tagore, who is not even an initiate but merely an Asian intellectual, embodies, I would say, the entire spirit of Asia, and you can learn much about this aspiring spirit of Asia from his collection of lectures, *Nationalism*.
[ 7 ] Diese Seelen, die da drüben sind, denen fehlt aber jede innere Beziehung zu dem, was in Europa und in Amerika in bezug auf das äußere Leben getrieben worden ist. Ich erinnere noch einmal an etwas, das ich ja vor Ihnen schon ausgesprochen habe. Erst die letzten Jahrhunderte haben uns das gebracht, was man nennen kann die rein mechanistische Kultur. Sie finden heute noch in Geographiebüchern, daß die gesamte Erde bevölkert ist von etwa fünfzehnhundert Millionen Menschen. Das stimmt aber nicht, wenn man die Arbeit, die auf der Erde verrichtet wird, in Betracht zieht. Wenn, sagen wir, einmal ein Marsbewohner herunterkommen würde auf die Erde und er würde die Erdenbevölkerung zahlenmäßig in der folgenden Weise beurteilen, daß er zuerst fragen würde: Wieviel arbeitet auf der Erde ein Mensch, wenn man Rücksicht nimmt auf die Arbeitskraft, die er anwenden kann? — und weiter fragen würde: Wieviel wird insgesamt gearbeitet? — nehmen wir die Zahlen, die vor dem Kriege bestanden haben, die derzeitigen Zahlen kann man schlecht dazu gebrauchen, sie sind auch noch nicht da, dann würden, wenn man notieren würde, wieviel von Menschen auf der Erde geleistet wird, nicht fünfzehnhundert Millionen herauskommen, sondern zweitausend Millionen oder sogar zweitausendzweihundert Millionen Menschen als Erdenbevölkerung. Warum? Weil tatsächlich auf der Erde von Maschinen so viel Arbeitsleistung geliefert wird, daß das etwa siebenhundert Millionen Menschenleistungen gleichkommt. Würden die Maschinen nicht arbeiten und würde das, was die Maschinen leisten, durch menschliche Arbeitskräfte geleistet werden sollen, so müßten siebenhundert Millionen Menschen mehr auf der Erde sein. Ich habe das ausgerechnet aus der Menge der auf der Erde verwendeten Kohlen und dabei zugrunde gelegt eine tägliche Arbeitszeit von acht Stunden. Was ich gesagt habe, gilt für den Kohlenverbrauch ungefähr im Beginne des 20. Jahrhunderts und für eine Arbeitszeit von acht Stunden, so daß man sagen kann: Nach dem, was auf der Erde geleistet wird, sind eigentlich zweitausendzweihundert Millionen Menschen auf der Erde. — Aber, was da von rein mechanischen Arbeitsinstrumenten geleistet wird, das wird mehr oder weniger ganz in Europa und Amerika geleistet, in Asien heute nicht viel davon. Es hat ja auch dort begonnen, aber es ist noch ziemlich im Anfang geblieben, denn der Asiate hat noch keinen Sinn für diese Mechanisierung der Welt, es fehlt ihm ganz und gar der Sinn für das, was im Abendlande aufgegangen ist seit dem letzten Jahrhundert oder auch seit der Mitte des 15. Jahrhunderts. Aber da dürfen wir nicht bloß daran denken, daß mechanische Arbeit geleistet wird, sondern wir müssen auch daran denken, daß das ganze Vorstellungswesen der Menschen sich hinwendet nach dieser Mechanisierung der Welt. Es kann heute einer sagen: Um den Gotthardtunnel zu bauen, waren soundso viel Arbeiter nötig. Aber heute kann man nicht einen Gotthardtunnel bauen, ohne Differential- und Integralrechnung zu kennen, und die rührt von Leibniz her, die Engländer sagen von Newton; wir wollen uns darüber nicht streiten. Also würde der Gotthardtunnel oder der Hauensteintunnel hier in der Nähe nicht haben gebaut werden können, wenn nicht Leibniz einmal in seiner Studierstube die Differential- und Integralrechnung gefunden hätte. Das ganze Denken Europas seit Kopernikus-Galilei geht auf diese Mechanisierung der Welt hin. Lesen Sie einmal bei Rabindranath Tagore nach, wie sehr er diese Mechanisierung der Welt haßt.
[ 7 ] These souls over there, however, lack any inner connection to what has been going on in Europe and America in terms of external life. I would like to remind you once again of something I have already mentioned to you. It is only in the last few centuries that we have developed what might be called a purely mechanistic culture. Even today, you can still find in geography textbooks that the entire Earth is populated by about fifteen hundred million people. But that is not true if one takes into account the work that is performed on Earth. If, let’s say, a Martian were to come down to Earth and assess the Earth’s population numerically in the following way—first asking: “How much does a person work on Earth, taking into account the labor power they can exert?”—and then asking further: “How much work is done in total?” — Let’s take the figures that existed before the war; the current figures are of little use for this purpose, as they aren’t available yet. Then, if one were to calculate how much work is performed by humans on Earth, the result would not be fifteen hundred million, but two thousand million—or even two thousand two hundred million—people as the Earth’s population. Why? Because machines actually perform so much work on Earth that it is equivalent to the output of about seven hundred million people. If the machines did not work and the work they perform were to be done by human labor, there would have to be seven hundred million more people on Earth. I calculated this based on the amount of coal used on Earth, assuming a daily workday of eight hours. What I have said applies to coal consumption roughly at the beginning of the 20th century and to an eight-hour workday, so that one can say: Based on what is produced on Earth, there are actually two thousand two hundred million people on Earth. — But the work performed by purely mechanical tools is carried out almost entirely in Europe and America; not much of it is done in Asia today. It did begin there as well, but it has remained largely in its infancy, for Asians have not yet developed a sense for this mechanization of the world; they completely lack an understanding of what has emerged in the West since the last century—or even since the middle of the 15th century. But we must not merely think of the mechanical work being done; we must also consider that the entire realm of human imagination is turning toward this mechanization of the world. Today, one might say: “To build the Gotthard Tunnel, so many workers were needed.” But today one cannot build a Gotthard Tunnel without knowing differential and integral calculus, and that stems from Leibniz—the English say from Newton; let’s not argue about that. So the Gotthard Tunnel or the Hauenstein Tunnel here nearby could not have been built if Leibniz had not once discovered differential and integral calculus in his study. The entire way of thinking in Europe since Copernicus and Galileo has been moving toward this mechanization of the world. Read what Rabindranath Tagore has to say about how much he hates this mechanization of the world.
[ 8 ] Aber wozu wird das führen müssen? Im Spiegel der geistigen Weltanschauung kann es gesagt werden: Alle diejenigen Seelen, die heute im Osten, in dem, was wir Osten nennen, verkörpert sind, die werden ihre nächste Verkörperung im Westen suchen. Die westlichen Menschen werden ihre nächste Verkörperung mehr im Osten suchen. Die Mitte wird eine Vermittlung bilden müssen. — Sagen Sie aber so etwas wie eine kulturhistorische Forderung, daß das ganze Erziehungswesen und dergleichen darauf angelegt werden soll, daß diese sich überkreuzende Seelenwelle über die Erde geht, sagen Sie so etwas den ganz gescheiten Menschen der Gegenwart, nehmen wir die Gescheitesten, die, welche von den Völkern auserwählt werden, um in die Parlamente zu kommen, dann werden Sie hören, daß Sie ein Narr sind, daß das ja ganz verrückt ist! Aber die Anerkennung dieser Wahrheiten muß ebenso die Menschen ergreifen, wie für frühere Zeiten dasjenige die Menschen ergriffen hat, was heute anthropologische Wahrheiten genannt wird; die Mischung der Rassen, die gegenseitige Verteilung der Rassen und so weiter. Es muß begonnen werden, alles, was früher bloß äußerlich physiologisch betrachtet worden ist, geistig zu betrachten. Es gibt ja gute Theosophen, die denken in Feieraugenblicken ihres Lebens daran, daß der Mensch in wiederholten Erdenleben lebt; es ist für sie ein Glaubensbekenntnis. Aber damit ist es nicht getan. Das ist, wenn man bloß an Reinkarnation und Karma als an einen Glaubensartikel glaubt, nicht mehr wert, als wenn man einen Wäschezettel macht. Wert bekommen diese Dinge erst, wenn man sie einfügt in das ganze Denken über die Welt und auch in das Handeln, in das ganze Gebaren und Gehaben in der Welt. Wert haben diese Dinge erst, wenn man kulturgeschichtlich damit rechnet. Und wenn man einmal diese Dinge nicht als etwas ansehen wird, dem man sich nur widmet in den Feieraugenblicken des Lebens, sondern mit dem man das Leben durchdringt, und wenn man wirklich im Ernste solche Gedanken hat — theosophisch spielen kann man selbstverständlich mit diesen Gedanken sehr viel —, dann wird man auch Sinn haben für die ordentliche Führung eines Kassen- oder Hauptbuches, für das Ausgestalten einer ordentlichen Hobelbank; man wird es auch nicht verschmähen, wenn man in die Notwendigkeit versetzt wird, selbst Schusterarbeit zu verrichten. Denn nur bei demjenigen, der drinnenstehen kann im praktischen Leben, der unter Umständen geschickt sein kann, wenn es darauf ankommt, überall zuzugreifen, bei dem ist der ganze menschliche Organismus so durchdrungen von innerer Geschicklichkeit, daß diese innere Geschicklichkeit sich auch auslebt in wirklich tragfähigen Gedanken.
[ 8 ] But where will this inevitably lead? Viewed through the lens of a spiritual worldview, it can be said: All those souls who are currently incarnated in the East—in what we call the East—will seek their next incarnation in the West. Western people, on the other hand, will seek their next incarnation more in the East. The middle will have to serve as a mediating force. — But if you were to present something like a cultural-historical imperative—that the entire educational system and the like should be geared toward allowing this intersecting wave of souls to sweep across the Earth— if you say something like that to the very intelligent people of the present—let’s take the most intelligent ones, those chosen by their peoples to serve in parliaments—then you will hear that you are a fool, that this is completely crazy! But the recognition of these truths must take hold of people just as, in earlier times, what is today called anthropological truths took hold of people; the mixing of races, the mutual distribution of races, and so on. We must begin to view spiritually everything that was previously considered merely from an external, physiological perspective. There are, of course, good Theosophists who, in moments of contemplation during their lives, reflect on the fact that human beings live through repeated earthly lives; for them, it is a creed. But that is not enough. If one merely believes in reincarnation and karma as articles of faith, it is no more valuable than making a laundry list. These things only gain value when one incorporates them into one’s entire way of thinking about the world, as well as into one’s actions, into one’s entire conduct and behavior in the world. These things only have value when one takes them into account in the context of cultural history. And once one ceases to view these things as something to which one devotes oneself only during life’s festive moments, but rather as something that permeates one’s entire life—and when one truly holds such thoughts in all seriousness (though, of course, one can play around with these ideas a great deal from a theosophical perspective)—then one will also appreciate the importance of properly maintaining a cash book or general ledger, of crafting a sturdy workbench; one will not shy away from it even when forced to perform shoemaking tasks oneself. For only in the person who can stand firmly in practical life—who, when circumstances require it, can be resourceful enough to step in wherever needed—is the entire human organism so permeated by inner resourcefulness that this inner resourcefulness also finds expression in truly viable ideas.
[ 9 ] Das ist es, was durchdringen müßte die Gemüter. Es wird die Kultur durchdringen, wenn man sich bekanntmacht mit demjenigen, wovor die Menschen in der Gegenwart die allergrößte Furcht haben.
[ 9 ] This is what must take hold in people’s minds. It will permeate culture once people become familiar with the very thing that people today fear the most.
[ 10 ] Man kann sagen: Es bestehen heute zwei Dinge, welche auf zwei Angstzustände der gegenwärtigen Menschheit hinweisen — ich glaube nicht, daß Sie mir, wenn Sie mit innerem Wahrhaftigkeitsgefühl die Sache überschauen, Unrecht geben können. Das eine ist, daß über den weitesten Umkreis der zivilisierten Welt eine heillose Angst davor besteht, auf die wirklichen Kriegsursachen zu kommen. Man möchte da nicht hineinschauen, ja nicht seine Nase da hineinstecken, höchstens beim Gegner, aber ja nicht in der Heimat! Mit einzelnen wenigen Ausnahmen vermeiden es die Menschen, sich mit den eigentlichen Ursachen der furchtbaren Menschheitskatastrophe der letzten Jahre zu befassen, davor haben sie eine heillose Angst. Während des Krieges hat sich das sogar idealistisch ausgelebt. Da hat es Menschen gegeben, die stellten sich auf den Standpunkt: Von diesem Kriege wird ausgehen ein neues Menschenleben, eine neue Befruchtung der Ideale der Menschheit und so weiter. — Man wird viel studieren können über die Vorgänge der neueren Zeit, um hinter die eigentliche Ursache dieser Schreckenskatastrophe zu kommen. Dann wird sich aber nichts Positives ergeben als Inhalt dieses Krieges, sondern es wird sich das ergeben, daß die alten Kultur- und Zivilisationsformen morsch geworden sind, daß sie sich in dieser Kriegskatastrophe selber ad absurdum geführt haben, daß dieser Krieg gar nichts anderes bedeutet als das Sich-ad-absurdumFühren der Zivilisation, wie sie bis zu diesem Kriege eben war. Das ist das eine, wovor die Menschen eine heillose Angst haben, Angst vor einem äußeren Ereignis. So starke Angst haben sie, daß sie es heute überhaupt aufgegeben haben, wirklich noch von heute auf morgen zu denken. Denn daß zum Beispiel das, was man Versailler Frieden nennt, jemals eine Wirklichkeit gebären könnte, das konnte kein vernünftiger Mensch glauben, weder von der einen noch von der andern Seite. Und dennoch, weil man nur für heute, nicht für morgen denkt, ist dieses sonderbare Instrument zustande gekommen. Das ist ein äußeres Ereignis.
[ 10 ] One could say that there are two things today that point to two states of fear among humanity—I do not believe that, if you examine the matter with a sincere sense of truth, you can disagree with me. The first is that throughout the vast expanse of the civilized world, there is a deep-seated fear of uncovering the true causes of war. People do not want to look into it—indeed, they do not even want to stick their noses into it—at most, they might do so when it comes to the enemy, but certainly not at home! With a few isolated exceptions, people avoid grappling with the actual causes of the terrible catastrophe that has befallen humanity in recent years; they have a deep-seated fear of doing so. During the war, this even found idealistic expression. There were people who took the position that this war would give rise to a new way of life, a new revitalization of humanity’s ideals, and so on. — We will be able to study the events of recent times in great detail to uncover the true cause of this horrific catastrophe. But then nothing positive will emerge as the substance of this war; rather, it will become clear that the old forms of culture and civilization have become rotten, that they have reduced themselves to absurdity in this war catastrophe, that this war means nothing other than the reduction to absurdity of civilization as it existed up until this war. That is the one thing people are hopelessly afraid of—fear of an external event. Their fear is so intense that they have now completely given up on even thinking from one day to the next. For no reasonable person, on either side, could have believed that what is called the Treaty of Versailles could ever give rise to reality. And yet, because people think only of today, not of tomorrow, this strange instrument has come into being. That is an external event.
[ 11 ] Aber es gibt noch etwas anderes, das ist die Furcht, die die Menschen haben vor dem Vorrücken in immer größere und größere Bewußtheit des seelischen Lebens. Wenn es den Menschen nur irgendwie gerechtfertigt erscheint, aus dem Bewußtsein sich herauszuflüchten ins Unbewußte, dann sind sie froh. Wenn ihnen eine Weltanschauung auftritt wie diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, die gerade eine vollständige Ausbildung des Bewußtseins anstrebt und aus diesem vollständigen Ausarbeiten des Bewußtseins heraus zu ihren Wahrheiten kommen will, dann wollen die Menschen da nicht heran. Es ist ihnen zu schwer. Das erfordert Aktivität, das erfordert, daß man sich wirklich in bewegliches Geistesleben bringt. Das ist zu schwer.
[ 11 ] But there is something else as well: the fear people have of advancing into ever greater and greater awareness of the life of the soul. If it seems somehow justified to people to flee from consciousness into the unconscious, then they are content. When they encounter a worldview such as this anthroposophically oriented spiritual science, which strives precisely for a complete development of consciousness and seeks to arrive at its truths through this thorough elaboration of consciousness, people do not want to engage with it. It is too difficult for them. It requires activity; it requires that one truly engage in a dynamic spiritual life. That is too difficult.
[ 12 ] Aber die Menschen streben darnach, daß ihnen in heruntergestimmten Bewußtseinszuständen geoffenbart werde erstens, was Geistesleben ist, und zweitens, was im Menschen selber lebt. Wie viele Menschen, viel mehr als Sie denken, wollen sich heute nicht einlassen auf mit gesundem Seelensinn erfaßte geistige Wahrheiten. Aber wenn ihnen irgendwo durch eine mediale Gewalt, durch ein Medium dies oder jenes aus den geistigen Welten verkündet wird, dann fallen sie darauf herein. Da braucht man sich nicht anzustrengen, es zu begreifen. Das kommt auf unbewußte Art doch zustande, und das Unbewußte möchte man glauben. Das andere, was sich unmittelbar daranschließt, das ist die so kraß sich ausbreitende Psychoanalyse. Man glaubt gar nicht, wie sich diese Psychoanalyse in rasender Schnelligkeit in die Seelen der Menschen einnistet. Worin besteht sie? Sie besteht darin, daß allerlei medizinische Menschen sich heute auftun und — in Kürze ist es schwer zu sagen, ich habe ja öfter hier schon die Psychoanalyse analysiert — so etwas einrichten, wodurch das, was im menschlichen Seelenleben unterbewußt ist, heraufkommt ins Bewußtsein. Man läßt sich von den Menschen ihre Träume erzählen, erforscht, was sie früher erlebt haben an Enttäuschungen, an enttäuschten Wünschen und so weiter, was dann vergessen worden ist und Seeleninseln gebildet hat und so weiter, und man sucht auf diese Weise sich klar darüber zu werden, was im Menschenwesen eigentlich lebt. Besonders Gescheite haben herausgefunden, daß besonders viel in der Menschenseele lebt von dem, was in der ersten Kindheit sich in diese Seele einnistet an unnatürlichen Empfindungen und unnatürlichen Gefühlen, die dann hinuntergedrückt werden in das Unterbewußtsein; aber sie leben dann weiter im Menschen, der Mensch ist ihr Sklave. Der Ödipus-Mythos wird von diesen Leuten zurückgeführt auf die unnatürlichen Gefühle, welche jedes Kind haben soll zu seiner Mutter und so weiter. Klar sind sich diese Menschen nach ihrer Ansicht darüber, daß eigentlich jedes kleine Mädchen in den zartesten Kindesjahren eifersüchtig ist auf die Mutter, weil es den Vater liebt, und jeder kleine Knabe eifersüchtig ist auf seinen Vater, weil er die Mutter liebt. Daraus ergibt sich dann ein Empfindungskomplex, der zum Mythos umgebildet im Ödipus-Mythos auftritt und dergleichen mehr. Daß allerdings geistige Dinge hineinspielen, aber geistige Dinge, die mit dem Lichte des Bewußtseins durchdrungen werden müssen, das will man nicht glauben, davor fürchtet man sich. Diese Dinge in das Licht des Bewußtseins zu holen, davor fürchtet man sich. Man möchte alles in ein nebuloses Dunkel hinunterrücken. Ich habe Sie ja aufmerksam gemacht auf das Prachtbeispiel, welches immer wieder und wiederum auftaucht, wenn von Psychoanalyse die Rede ist: Eine Dame ist eingeladen zu einer Abendunterhaltung in einem Hause, in dem die Dame des Hauses kränklich ist und das Abschiedsfest gefeiert wird, weil sie in ein Bad reisen muß. Der Herr des Hauses bleibt zu Hause, die Dame des Hauses muß ins Bad. Die Abendunterhaltung ist zu Ende. Die Dame des Hauses ist schon zum Bahnhof spediert, die Abendgesellschaft geht fort und ist auf dem Heimweg. Eine Droschke, nicht ein Auto!, fährt um die Ecke herum, die Abendgesellschaft weicht links und rechts aus. Aber just die eine Dame, die ich eigentlich im Auge habe, weicht nicht nach links und nicht nach rechts aus, sondern bleibt mitten auf der Straße und läuft vor den Pferden her. Der Kutscher macht selbstverständlich einen furchtbaren Radau, aber die Dame läuft und läuft, und der Kutscher hat die größte Mühe, die Pferde zu zügeln, weil er die Dame überfahren könnte. Man kommt an eine Brücke. Die Dame, so recht ein Objekt für die Psychoanalytiker, wirft sich in den Strom hinein, die Abendgesellschaft selbstverständlich gleich nach, rettet sie. Was tut man mit ihr? Nun, selbstverständlich in das Haus des Gastgebers sie zurückbringen, das ist das nächste Auskunftsmittel.
[ 12 ] But people strive to have revealed to them, in states of lowered consciousness, first, what spiritual life is, and second, what lives within the human being itself. Many people—far more than you might think—are unwilling today to engage with spiritual truths grasped through a healthy sense of the soul. But when this or that is proclaimed to them from the spiritual worlds through a mediumistic force, they fall for it. There is no need to make an effort to understand it. It happens unconsciously anyway, and people are inclined to believe the unconscious. The other phenomenon that follows directly on its heels is psychoanalysis, which is spreading so rapidly. You wouldn’t believe how rapidly this psychoanalysis is taking root in people’s souls. What does it consist of? It consists of all sorts of medical professionals stepping forward today and—it’s hard to summarize briefly, since I’ve analyzed psychoanalysis here many times before—establishing a method whereby what lies in the subconscious of the human psyche rises into consciousness. They have people recount their dreams, explore what they experienced in the past—disappointments, unfulfilled desires, and so on—things that were then forgotten and formed “islands” in the soul, and so on; and in this way, they seek to gain clarity about what actually lives within the human being. Particularly clever people have discovered that a great deal of what lives in the human soul consists of unnatural sensations and feelings that take root in the soul during early childhood and are then suppressed into the subconscious; yet they continue to live on within the person, who becomes their slave. These people trace the Oedipus myth back to the unnatural feelings that every child is said to have toward its mother and so on. From their perspective, these people are certain that, in fact, every little girl in her earliest childhood is jealous of her mother because she loves her father, and every little boy is jealous of his father because he loves his mother. This then gives rise to a complex of feelings that is transformed into the Oedipus myth and similar tales. However, the fact that spiritual factors are at play—spiritual factors that must be permeated by the light of consciousness—is something people do not want to believe; they are afraid of it. They are afraid to bring these things into the light of consciousness. They would prefer to push everything down into a nebulous darkness. I have, after all, drawn your attention to the splendid example that crops up again and again whenever psychoanalysis is discussed: A lady is invited to an evening gathering at a home where the lady of the house is in poor health and a farewell party is being held because she must travel to a spa. The master of the house stays home; the lady of the house must go to the spa. The evening gathering has come to an end. The lady of the house has already been sent off to the train station; the evening guests are leaving and are on their way home. A horse-drawn carriage—not a car!—comes round the corner; the evening guests step aside to the left and right. But the very lady I have in mind does not step aside to the left or to the right; instead, she stays right in the middle of the street and walks in front of the horses. The coachman, of course, makes a terrible racket, but the lady keeps running and running, and the coachman has the greatest trouble reining in the horses, because he might run her over. They come to a bridge. The lady—truly a case for psychoanalysts—throws herself into the river, and the evening party, of course, follows immediately to rescue her. What do you do with her? Well, naturally, take her back to the host’s house; that’s the next point of contact.
[ 13 ] Der Psychoanalytiker hat nun diese Dame vor sich. Er läßt sich alles erzählen, was sie in der Jugend durchgemacht hat, und er kommt nun auch glücklich darauf, daß sie, als sie noch ein ganz kleines Mädchen war, einmal über die Straße gegangen ist und ein Pferd um die Ecke gekommen ist; da ist sie sehr erschrocken. Das ist in das Unterbewußte hinuntergesaust. Da unten ist es. Seither hat sie einen solchen Schrecken vor Pferden, daß sie auch jetzt auf der Straße vor den Pferden davonlief, nicht ausweicht, nicht rechts und nicht links. Das ist die isolierte Seelenprovinz, die sie hat, die Furcht vor dem Pferde, die im Unterbewußten haust.
[ 13 ] The psychoanalyst now has this woman sitting before him. He listens to everything she went through in her youth, and he eventually realizes that, when she was still a very little girl, she once crossed the street and a horse came around the corner; that frightened her terribly. That experience has plummeted into her subconscious. That’s where it lies. Ever since then, she has been so terrified of horses that even now, when she sees them on the street, she runs away from them—she doesn’t step aside, neither to the right nor to the left. That is the isolated corner of her psyche—her fear of horses—which dwells in her subconscious.
[ 14 ] Es ist Ja etwas in diesem Unterbewußtsein, aber man muß dieses Unterbewußte mit dem Lichte gerade des geistesforscherischen Bewußtseins durchdringen. Dann kommt man darauf, daß dieses Unterbewußtsein bei gewissen pathologischen Voraussetzungen sehr schlau ist, daß unter dem gewöhnlichen individuellen Menschheitsbewußtsein allerdings nicht gerade die Grundlagen des Ödipus-Mythos sind, nicht gerade die Furcht vor dem Roß, das einem einmal über den Weg gelaufen ist, sondern ein gewisses Raffinement. Denn die Dame, die in jene Abendgesellschaft eingeladen war, wünschte natürlich nichts sehnlicher, als die Nacht in diesem Hause zuzubringen, nachdem erst die Dame des Hauses ins Bad entlassen worden war, und das beste Mittel für das Unterbewußte, die Sache einzurichten, war, die nächstbeste Gelegenheit zu ergreifen wäre es nicht das Roß gewesen, wäre es etwas anderes gewesen —, daß die Abendgesellschaft sie zurückbringen muß in das Haus. So hatte sie ihr Ziel ja erreicht. Sie würde selbstverständlich nach ihren Erziehungsgrundlagen, nach dem, was sie aufgenommen hat, niemals ihre Moralität so weit verletzt haben, so etwas zu tun. Im Oberbewußtsein ist sie nicht so schlau; aber im Unterbewußtsein sitzen viele raffinierte Antriebe, die sehr schlau sein können.
[ 14 ] There is indeed something in this subconscious, but one must penetrate this subconscious with the light of spiritual scientific consciousness. Then one realizes that, under certain pathological conditions, this subconscious is very cunning; that beneath ordinary individual human consciousness lie not exactly the foundations of the Oedipus myth, nor exactly the fear of the horse that once crossed one’s path, but rather a certain sophistication. For the lady who had been invited to that evening gathering naturally wished for nothing more than to spend the night in that house, once the lady of the house had been sent off to bathe; and the best way for the subconscious to arrange this was to seize the next available opportunity—if it hadn’t been the horse, it would have been something else—so that the evening gathering would bring her back into the house. And so she had achieved her goal. Of course, according to her upbringing and what she had absorbed, she would never have violated her moral standards to such an extent as to do something like that. In her conscious mind, she is not that cunning; but in her subconscious lie many cunning impulses that can be very clever.
[ 15 ] Diese ganze sich ausbreitende Psychoanalyse, die so krasse Formen heute annimmt, an die, mehr als Sie denken, heute insbesondere die hoffnungsvolleren Intellektuellen glauben — ich sage das nicht im abträglichen Sinne, sondern sogar mit dem Tone der Wahrheit —, auf die sogar heute die Theologen schon die Religion aufbauen möchten, diese Psychoanalyse ist das andere Angstprodukt der Gegenwart. Man fürchtet sich vor dem Bewußtsein. Man möchte nicht, daß die Dinge im klaren Lichte des Bewußtseins erfaßt werden, sondern man möchte, daß das Wichtigste da unten im Unterbewußten haust, daß der Mensch beherrscht werde mit Bezug auf seine wichtigsten Dinge, namentlich in bezug auf seine religiösen Empfindungen. Lesen Sie das bei William James nach, dem Amerikaner. Denn ob es nun in einigen Gegenden Europas Psychoanalyse genannt wird oder ob es so genannt wird, wie William James, der Amerikaner, diese Dinge ausdrückt, das ist schon ganz gleichgültig. Es herrscht die Furcht vor dem Bewutßten. Man will das Wichtigste, das im Menschen lebt, nicht in seinem Bewußtsein haben. Da müßte der Mensch ja mehr denken, wenn er sich selber mit dem bewußten Willen dirigieren sollte. Es ist wichtig, daß der Mensch gerechtfertigt hat, daß er weniger denkt.
[ 15 ] This whole spreading phenomenon of psychoanalysis, which today takes on such extreme forms—and in which, more than you might think, the more hopeful intellectuals in particular believe today—I say this not in a derogatory sense, but rather in the spirit of truth—and upon which even theologians today would like to base religion—this psychoanalysis is the other product of contemporary anxiety. People are afraid of consciousness. They do not want things to be grasped in the clear light of consciousness; rather, they want the most important things to dwell down there in the subconscious, so that people may be controlled with regard to their most important matters—namely, their religious feelings. Look this up in the works of William James, the American. For whether it is called psychoanalysis in some parts of Europe or whether it is described as William James, the American, expresses these things—that is entirely irrelevant. There is a fear of the conscious. People do not want the most important things that live within them to be in their consciousness. After all, people would have to think more if they were to direct themselves with conscious will. It is important that people have justified the fact that they think less.
[ 16 ] Unsere Eurythmie, sie ist ganz und gar aus dem Bewußtsein heraus gearbeitet. Sie ist das Gegenteil alles Träumerischen. Die Leute haben allerdings Angst, sie sei dadurch weniger künstlerisch, weil sie das Künstlerische mit dem Traumhaften in Verbindung bringen. Das ist aber ein Unsinn. Beim Künstlerischen kommt es nicht darauf an, ob es aus dieser oder jener Region hervorgeholt ist, sondern daß es in seinen Formen, in seiner Ausgestaltung künstlerisch ist. Diese Eurythmie, die ganz und gar auf Überbewußtsein, auf das Gegenteil des Unterbewußtseins gegründet ist, wurde neulich von einem Herrn, wie mir gesagt worden ist, der nun auch ein Arzt ist, taxiert: Er habe viel Unbewußtes darin bemerkt. — Das ist natürlich ein Beweis dafür, daß der Herr von der Eurythmie nicht das Geringste verstanden hat. Gerade dasjenige, was der Lebensnerv anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft ist, das wird sehr wenig bemerkt. Und man wird es erst dann ganz bemerkt haben, wenn man wirklich durch diese Geisteswissenschaft eine solche innere Denk- und Empfindungs- und Willenserziehung durchmachen kann, daß einen das für das Leben nicht ungeschickter, sondern geschickter macht. Ich will ja nicht behaupten, daß heute alle, die Anthroposophie zu ihrem Glaubensbekenntnis gemacht haben, lebensgeschickte Menschen seien. Ein Glaubensbekenntnis bedeutet in dieser Beziehung nicht viel. Ich wage wirklich nicht zu behaupten, daß alle Anthroposophen lebensgeschickte Menschen seien. Aber sehen Sie, was in der realen Bewegung der anthroposophischen Gesellschaft sich äußert, das ist ja vielfach das, was von außen hineingetragen wird. Von innen hinausgetragen wird heute noch wirklich recht Weniges. Und erst dann wird die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft das für die Welt sein können, was sie sein soll, wenn nicht nur mystische Neigungen, Lebensfremdheit, falscher Idealismus, Tantentum — ich könnte auch sagen Onkeltum; nein, so ähnliche Dinge meine ich — hineingetragen werden, sondern wenn das hinausgetragen wird, was in der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft zu holen ist: eine Anregung des Seelenlebens, die in die Glieder übergeht, die den ganzen Menschen ergreift — nicht bloß das Glaubensbekenntnis — und dadurch die Menschen in die Angelegenheiten der Welt eingreifen können. Das ist es, um das es sich hauptsächlich handelt. Darin sollte man den ganzen Lebensernst suchen.
[ 16 ] Our eurythmy is developed entirely from consciousness. It is the opposite of anything dreamlike. People are afraid, however, that this makes it less artistic, because they associate the artistic with the dreamlike. But that is nonsense. What matters in art is not whether it is drawn from this or that realm, but that it is artistic in its forms and in its execution. This eurythmy, which is based entirely on the superconscious—the opposite of the subconscious—was recently assessed, as I have been told, by a gentleman who is also a physician: he claimed to have noticed a great deal of the unconscious in it. — That is, of course, proof that this gentleman did not understand the slightest thing about eurythmy. Precisely that which is the lifeblood of anthroposophically oriented spiritual science is very rarely noticed. And one will have truly grasped it only when, through this spiritual science, one can undergo such an inner training of thought, feeling, and will that it makes one not less, but more adept at living. I do not mean to claim that everyone today who has made anthroposophy their creed is a person skilled in the art of living. A creed does not mean much in this regard. I really do not dare to claim that all anthroposophists are people skilled in the art of living. But look at what manifests itself in the actual movement of the Anthroposophical Society—in many cases, it is what is brought in from the outside. Very little is actually carried out from within today. And only then will anthroposophically oriented spiritual science be able to be for the world what it is meant to be—if it is not merely mystical inclinations, detachment from life, false idealism, aunt-like behavior—I could also say uncle-like behavior; no, I mean things of that sort—are brought in, but rather when what can be gained from anthroposophically oriented spiritual science is carried out: a stimulation of the soul life that flows into the limbs, that grips the whole human being—not merely a profession of faith—and thereby enables people to engage with the affairs of the world. That is what matters most. That is where one should seek the full seriousness of life.
