Spiritual and Social Transformations
in Human Evolution
GA 196
8 February 1920, Dornach
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Spiritual and Social Transformations in Human Evolution, tr. SOL
Zwölfter Vortrag
Twelfth Lecture
[ 1 ] Es ist vielleicht nicht allzu bekannt, wie im Laufe der Zeiten sich nicht nur die ganzen Seelenverfassungen der Menschen ändern, sondern wie auch dasjenige einer Verwandlung unterworfen ist, was man im sozialen Leben für den Menschen als notwendig hält. Ich habe solche Dinge in vorhergehenden Betrachtungen schon wiederholt eingeschoben. Ich habe zum Beispiel erwähnt, wie es im alten Römischen Reich durchaus nicht eine allgemeine Volksanforderung war, daß alle Menschen als Kinder das Einmaleins als Grundlage des Rechnens lernten, daß es dagegen ganz allgemein war, daß jedes Kind, das heranwuchs, die Zwölftafelgesetze kannte. Die Ansicht darüber, was so Allgemeinanschauung, Allgemeinkenntnis innerhalb der Menschheit sein soll, hat sich im Laufe der Zeiten sehr geändert. Diese Dinge hängen zusammen mit der ganzen Entwickelung der Menschheit. Um darüber das Nötige einzusehen, ist es doch erforderlich, sich die wahre Gestalt der Entwickelungsvorgänge der Menschheit einmal vor Augen zu führen.
[ 1 ] It is perhaps not widely known that, over the course of time, not only do people’s entire mental dispositions change, but what is considered necessary for human beings in social life is also subject to transformation. I have already touched on such matters repeatedly in previous reflections. For example, I have mentioned how, in the ancient Roman Empire, it was by no means a universal requirement that all people learn the multiplication tables as children as the foundation of arithmetic; on the contrary, it was quite common for every child growing up to know the Twelve Tables. The view of what should constitute common understanding and general knowledge within humanity has changed greatly over the course of time. These matters are connected to the entire development of humanity. To gain the necessary insight into this, it is essential to visualize the true nature of the processes of human development.
[ 2 ] Bevor es eine Bevölkerung, so wie wir sie jetzt kennen, in Europa, in Asien, in Afrika, auch in Amerika gab, war ein ausgedehnter Kontinent an der Stelle, wo jetzt der Atlantische Ozean ist. Im wesentlichen war also Erdoberfläche einmal die Gegend zwischen Europa, Afrika auf der einen Seite, Amerika auf der andern Seite, in einer Zeit, als der größte Teil von Europa, Afrika, Asien und Amerika unter Wasser stand.
[ 2 ] Before there were populations, as we know them today, in Europe, Asia, Africa, and even the Americas, there was a vast continent where the Atlantic Ocean is now. Essentially, then, the Earth’s surface once consisted of the region between Europe and Africa on one side and the Americas on the other, at a time when most of Europe, Africa, Asia, and the Americas were submerged.
[ 3 ] Wir wissen, daß dieser atlantische Kontinent, so nennen wir ihn, untergegangen ist infolge einer bedeutungsvollen Katastrophe, und wir haben es ja auch schon öfters erwähnt, daß Wanderungen stattgefunden haben von diesem atlantischen Kontinente, der allmählich immer mehr und mehr unbewohnbar wurde, nach den sich allmählich hebenden Ländern, die heute Europa, Asien, Afrika ausmachen. Im wesentlichen besteht — Sie können das in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» nachlesen — die Bevölkerung von Europa, Asien, Afrika aus der Nachkommenschaft der alten Arlantier.
[ 3 ] We know that this Atlantic continent—as we call it—sank as a result of a major catastrophe, and we have, in fact, mentioned on several occasions that migrations took place from this Atlantic continent, which gradually became more and more uninhabitable, to the lands that were gradually rising and which today constitute Europe, Asia, and Africa. Essentially—as you can read in my *Outline of Esoteric Science*—the population of Europe, Asia, and Africa consists of the descendants of the ancient Arlantians.
[ 4 ] Nun traten aber unter diesen Bevölkerungen bedeutungsvolle Unterscheidungen auf, und die Nachwirkungen dieser Unterscheidungen sind noch immer da. Die Nachwirkungen dieser Unterscheidungen kann man noch verstehen, wenn man sich folgendes sagt: Es gab gewisse Bevölkerungsteile, welche vom atlantischen Kontinente nach Osten wanderten. Wir wollen von Amerika jetzt absehen, das allerdings damals auch bevölkert wurde vom atlantischen Kontinent aus, aber wir wollen davon absehen. Es zogen also gewisse Bevölkerungsteile nach Osten. Eine Anzahl derselben zog weithin nach Asien, und es entstanden unter den Bevölkerungen, die auf diese Weise von Westen nach Osten gezogen waren, jene Kulturen, die wir bezeichnet haben als altindische Kultur, als altpersische Kultur, als altägyptisch-chaldäische Kultur, dann als die griechisch-lateinische Zeitkultur, und jetzt in Europa die fünfte nachatlantische Kultur, in der wir selber drinnen leben, welche um die Mitte des 15. Jahrhunderts begonnen hat. Aber diese Kulturen entstanden ja auf die folgende Art: Gewisse Bevölkerungsteile fanden sich durch ihre Seelen- und Körperkonstitution eben veranlaßt, am weitesten zu ziehen nach Asien hinüber, andere blieben zurück in Europa. Es haben später allerdings jene Wanderungen stattgefunden, von denen auch die äußere Geschichte redet, durch die wiederum gewisse Bevölkerungsteile Asiens herüber nach Europa gezogen sind. Aber das, was jetzt die europäische Bevölkerung bildet, ist zwar zum Teil, aber nicht etwa bloß die Nachkommenschaft von dem, was später wiederum aus Asien herübergezogen ist, sondern was heute Europa bevölkert, ist auch die Nachkommenschaft dessen, was früher ursprünglich zurückgeblieben ist bei der Wanderung von dem atlantischen Kontinente nach dem Osten. Und vieles von dem, was in europäischen Menschen lebt, führt zurück in Körper- und Seelenkonstitutionen, welche dadurch zu erklären sind, daß mit ihnen behaftet waren eben die Menschen, die zurückgeblieben waren in Europa, die nicht hinübergezogen waren nach Asien. In Europa haben wir es eben durchaus mit einem Zusammenfließen der allerverschiedensten Bevölkerungselemente zu tun. Daß aber gewisse Teile der Bevölkerung nach Asien hinübergezogen, andere in Europa zurückgeblieben sind, das bewirkte einen bedeutsamen Unterschied, eine bedeutsame Differenzierung der europäisch-astatischen Bevölkerung. Diejenigen Bevölkerungen, die ursprünglich im 8., 7., 6. Jahrtausend in Asien bereits eingewandert waren, waren so geartet, daß sie die menschliche Geisteskultur, die sich ausbreiten konnte, sehr stark in das seelische Element hereinnahmen. Jetzt noch kann man es an der Bevölkerung Asiens, die ja in gewisser Beziehung verkommen ist, bemerken, daß diese Bevölkerung das geistige, auch das verstandesmäßige Element ausgebildet hat wesentlich im seelischen Teil. Man kann sagen, und das ist nicht bildlich gesprochen, sondern ist eigentlich die volle Wahrheit: Diese östliche Bevölkerung, deren hervorragendstes Glied die asiatische Bevölkerung ist, hat den Körper wenig an ihrer Entwickelung teilnehmen lassen. Alles dasjenige, was ersonnen worden ist, was gelebt hat und bis zu einem gewissen Grade auch in der Dekadenz noch in der Kultur Asiens lebt, ist wenig von körperlichen Eigenschaften des Menschen abhängig, es ist stark von seelischen Eigenschaften abhängig. Daher konnte in diesem Asien jene heute durchaus nicht mehr so bestehende, aber auch, weil die historischen Dokumente nur weniges darüber aussagen, heute nicht gewürdigte geistige Kultur entstehen, die eigentlich nur derjenige bewundern kann, der sich so recht hineinzuversetzen vermag in jene ungeheuren geistigen Tiefblicke, welche einmal vor Jahrtausenden die asiatische Bevölkerung hat tun können.
[ 4 ] However, significant distinctions arose among these populations, and the aftereffects of these distinctions are still evident today. One can understand the aftereffects of these distinctions by considering the following: There were certain segments of the population that migrated eastward from the Atlantic continent. Let us set aside America for now—which, admittedly, was also populated at that time from the Atlantic continent—but let us set that aside. So certain segments of the population moved eastward. A number of them traveled far into Asia, and among the peoples who had thus migrated from west to east, those cultures arose that we have designated as the ancient Indian culture, the ancient Persian culture, the ancient Egyptian-Chaldean culture, then the Greek-Latin cultural era, and now, in Europe, the fifth post-Atlantean culture—in which we ourselves live—which began around the middle of the 15th century. But these cultures arose in the following way: Certain segments of the population were, due to their spiritual and physical constitution, impelled to migrate the farthest, all the way to Asia, while others remained behind in Europe. Later, however, those migrations took place that are also mentioned in external history, through which, in turn, certain segments of Asia’s population migrated over to Europe. But what now constitutes the European population is, in part—though by no means exclusively—the descendants of those who later migrated from Asia; rather, what populates Europe today also includes the descendants of those who originally remained behind during the migration from the Atlantic continent toward the East. And much of what lives within European people can be traced back to physical and soul constitutions that can be explained by the fact that these were characteristic of the very people who remained behind in Europe—those who had not migrated to Asia. In Europe, we are indeed dealing with a convergence of the most diverse population elements. But the fact that certain segments of the population migrated to Asia while others remained in Europe brought about a significant difference, a significant differentiation within the European-Asian population. Those populations that had originally migrated to Asia as early as the 8th, 7th, and 6th millennia were of such a nature that they incorporated the human spiritual culture—which was able to spread—very strongly into the soul element. Even today, one can observe in the population of Asia—which, in a certain sense, has degenerated—that this population has developed the spiritual and intellectual elements primarily within the soul. One can say—and this is not a figure of speech but is, in fact, the full truth—that this Eastern population, of which the Asian population is the most outstanding member, has allowed the body to play only a minor role in its development. Everything that has been conceived, that has been lived, and that—to a certain degree—still lives on in Asian culture even in its decadence, depends little on the physical characteristics of human beings; it depends heavily on psychological characteristics. This is why a spiritual culture—one that no longer exists in this form today, and which, because historical documents say so little about it, is not appreciated today—was able to arise in Asia; a culture that can truly be admired only by those who are able to truly immerse themselves in those immense spiritual insights that the Asian people were once able to attain millennia ago.
[ 5 ] Was historisch überliefert ist, was erkannt werden kann aus den historischen Urkunden, das gibt kein Bild von dem, was einstmals als eine Urweisheit der Menschen vorhanden war in diesem Asien. Was als chaldäische Sternenkunde, was als indische Brahmanenweisheit, was als ägyptische Weisheit heute ausgekramt wird durch diese oder jene Dokumente, durch diese oder jene Denkmäler, das ist alles schon ein Spätprodukt. Alle diese Dinge führen zurück auf eine wunderbare, großartige, gewaltige Einsicht in die geistige Welt, führen zurück auf einen großartigen, gewaltigen wissenschaftlichen Zusammenhang, den die Menschen durchschaut haben, zwischen der Erde und dem ganzen Kosmos, der ganzen Sternenwelt. Die Menschen in Europa sind heute gar nicht danach geartet, das auch nur nachträglich zu verstehen, was man in diesen alten Zeiten gewußt hat, würdigen das auch nicht, denn sie können gewissermaßen nichts damit anfangen. Sie haben keine Möglichkeit, sich nach diesen Dingen zu richten.
[ 5 ] What has been handed down historically, what can be gleaned from historical documents, does not provide a picture of what once existed in this part of Asia as the primordial wisdom of humankind. What is now unearthed as Chaldean astronomy, as Indian Brahmanic wisdom, or as Egyptian wisdom through this or that document, through this or that monument—all of that is merely a later development. All these things trace back to a marvelous, magnificent, and profound insight into the spiritual world; they trace back to a magnificent, profound scientific connection—one that people had grasped—between the Earth and the entire cosmos, the entire world of the stars. People in Europe today are not at all inclined to understand, even in retrospect, what was known in those ancient times, nor do they appreciate it, because, in a sense, they cannot make sense of it. They have no way of orienting themselves toward these things.
[ 6 ] Aber alles dasjenige, was so an einer wunderbaren Weisheit einstmals da drüben im Osten gelebt hat, es hat dadurch gelebt, daß diese Menschen das, was sie geistig empfingen, mit der reinen Seele aufnahmen, daß sich das Körperliche wenig daran beteiligte. Dann ist ja, wie Sie wissen — und Sie finden das Genauere darüber in meinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache» —, aus all dem, was an so wunderbarer Weisheit der alte Orient besessen hatte, die Anschauung herausgekommen, die man über das Christentum gewonnen hat. Denn im wesentlichen ist ja das, was Anschauung ist über das Christentum, ein Vermächtnis des Orients. Aber zum Teil ist die orientalische Urweisheit selbst auf dem Wege durch das Griechentum, zum Teil in der Verwandlung, welche sie durch das Mysterium von Golgatha durchgemacht hat, nach Europa gekommen.
[ 6 ] But everything that once existed as such wondrous wisdom over there in the East lived through the fact that these people absorbed what they received spiritually with a pure soul, and that the physical aspect played only a minor role in it. Then, as you know—and you will find more details on this in my book *Christianity as a Mystical Fact*—the insight we have gained about Christianity emerged from all the marvelous wisdom that the ancient East possessed. For in essence, the insight we have about Christianity is a legacy of the East. But this ancient Eastern wisdom came to Europe partly through Hellenism and partly through the transformation it underwent as a result of the Mystery of Golgotha.
[ 7 ] Und jetzt beachten Sie dasjenige, was außerordentlich wichtig ist: Dasjenige, was im Seelischen ohne den Anteil körperlicher Organisation im Osten ausgebildet worden ist, das wandert über den Süden von Europa, über Afrika herein in das übrige Europa, trifft da auf jene Bevölkerung, die mit Ausnahme derjenigen, die wiederum zurückgezogen sind aus Asien, im wesentlichen die bei den Wanderungen von der Atlantis nach dem Osten zurückgebliebenen Menschen waren. Und die Frage muß unter uns entstehen: Welche besondere Konstitution hatten diese in Europa zurückgebliebenen Menschen dadurch, daß sie eben nicht mit hinübergezogen waren nach Asien, daß sie zurückgeblieben sind in Europa?
[ 7 ] And now consider what is of extraordinary importance: that which was developed in the soul realm in the East, without the influence of physical organization, migrated via southern Europe and Africa into the rest of Europe, where it encountered a population that—with the exception of those who had in turn withdrawn from Asia—consisted essentially of the people who had been left behind during the migrations from Atlantis to the East. And the question must arise among us: What particular constitution did these people who remained in Europe have, precisely because they had not migrated to Asia but had stayed behind in Europe?
[ 8 ] Da kommen wir auf etwas ungeheuer Bedeutungsvolles. Wir kommen darauf, einzusehen oder einsehen zu müssen, daß diese bei der Wanderung von der Atlantis nach dem Osten in Europa zurückgebliebene Bevölkerung dasjenige, was sie empfing an äußeren und inneren Erkenntnissen, was sie empfing an Einsichten über die geistige Welt und an Einsichten über die soziale und ökonomische und kommerzielle Ordnung der Welt, daß sie das empfing durch die Funktion der physischen Organisation. Auf dem Grunde von Europas Bevölkerung ruht im wesentlichen das, daß die hauptsächlichsten dieser Europäer das, was sie aufnahmen, vor allem durch das Werkzeug ihres Körpers aufnahmen. Die weiter nach Osten hinübergewanderten Menschen, die waren so geartet, daß sie mehr mit der Seele aufnahmen; sie vernachlässigten, weil es ihnen gar nicht gegeben war, die körperliche Funktion auszubilden, alles das, was gerade von der Welt und von der menschlichen Ordnung begriffen werden soll durch das Körperliche. Die Europäer verwendeten zu dem, was sie als ihre Kultur begründen sollten, das _ physische Werkzeug ihres Gehirns, die physischen Werkzeuge der übrigen Körperlichkeit. Und so haben wir das merkwürdige Phänomen vor uns, daß dasjenige, was drüben in Asien auch als Christentum sich herausgebildet hat aus einer wunderbaren Urweisheit, nach Europa herüberwanderte und unter ganz andern Bedingungen aufgenommen wurde in Europa, als es in Asien ausgebildet wurde. In Asien wurde es nur ausgebildet vom Seelischen, in Europa wurde es aufgenommen vom Körperlichen. Warum konnte es da aufgenommen werden vom Körperlichen? Es konnte aufgenommen werden vom Körperlichen, weil tatsächlich die europäischen Körper so gebildet waren, daß sie richtige Werkzeuge des Geistigen werden konnten. Die Leiber, die Körper der Asiaten waren nicht so gebildet. Die Bevölkerung Europas war zurückgeblieben, um unter den klimatischen und sonstigen Kulturverhältnissen des alten Europa den Körper gewissermaßen empfänglich zu machen für die Aufnahme von Erkenntnissen, von Willensimpulsen und so weiter.
[ 8 ] This brings us to something of immense significance. We come to realize—or must realize—that this population, which remained behind in Europe during the migration from Atlantis to the East, received what it did in terms of external and internal knowledge, its insights into the spiritual world, and its insights into the social, economic, and commercial order of the world—that it received all this through the functioning of its physical organization. At the very foundation of Europe’s population lies the fact that the majority of these Europeans absorbed what they took in primarily through the instrument of their bodies. The people who migrated further eastward were of such a nature that they absorbed more through the soul; and because they were not at all able to develop their physical functions, they neglected everything about the world and the human order that is to be understood through the physical. The Europeans used—for what was to become the foundation of their culture—the physical instrument of their brain and the physical instruments of the rest of their physical being. And so we are faced with the remarkable phenomenon that what emerged over in Asia as Christianity—arising from a wondrous primordial wisdom—migrated to Europe and was received there under conditions entirely different from those under which it had developed in Asia. In Asia, it was shaped solely by the soul; in Europe, it was received by the physical body. Why was it able to be received by the physical body there? It was able to be received by the physical body because, in fact, European bodies were formed in such a way that they could become true instruments of the spiritual. The bodies of the Asians were not formed in this way. The population of Europe had remained behind in order, under the climatic and other cultural conditions of ancient Europe, to make the body, so to speak, receptive to the absorption of knowledge, impulses of the will, and so on.
[ 9 ] Im ganzen Weltenzusammenhang muß man über das eine diese, über das andere jene Ansicht haben; aber es steht auch das minder Gute durchaus an seiner berechtigten Stelle. Das können manche Menschen nicht begreifen. Wir versuchen auch, die Schädlichkeit des Materialismus nachzuweisen; aber wir müssen auf der andern Seite wiederum erkennen, daß der Materialismus bis ins 19. Jahrhundert kommen mußte. Nur muß er jetzt überwunden werden. Manche Menschen möchten es sich in solchen Fragen sehr bequem machen, sie sagen: Der menschliche Körper ist halt das Werkzeug, in dem die Seele wohnt; die Seele ist himmlisch, der Körper ist irdisch, halten wir uns an das Seelische. — Das ist eine bequeme Lebensauffassung. Aber das ist das Verdienst, das dem Materialismus zukommt, daß er die Menschen gelehrt hat, daß auch das Körperliche am Geistigen Anteil hat, daß schon unter gewissen Elementen des menschlichen Geschlechts der Körper organisiert war gerade zur Aufnahme des Geistigen. Und die hervorragendsten Menschen waren diejenigen, auf die das Christentum aufgetroffen ist. Eben in den ersten Zeiten, als sich das Christentum in Europa verbreitet hatte, da waren die Leiber dieser europäischen Menschen gute Empfangsinstrumente für die Aufnahme des Christentums, da war gerade das physische Gehirn dadurch, daß es sich in einer gewissen Weise aus der geistigen Welt heraus gebildet hatte, ein gutes Empfangsorgan für das Christentum. Und während in Asien das Christentum hervorgetreten ist nach jahrhunderte-, jahrtausendelanger Entwickelung in einer Kultur, die nur für Seelen war, aber in Asien dieses Christentum auftraf auf eine dekadente, auf eine im Absterben begriffene Kultur, eine Seelenkultur, die gut war für alte Zeiten, die nicht mehr gut war für die Zeit, in der das Christentum Platz griff, stieß in Europa dieses Christentum auf empfängliche Menschen, die durch ihre Leiber organisiert waren, in dieses Christentum hineinzuwachsen, ihre Leiber zu Empfangsinstrumenten des Christentums zu machen; denn in diesen Leibern war noch viel Geist, kosmischer Geist, Naturgeist. Das ist gerade das Bedeutsame der europäischen Urbevölkerung der nachatlantischen Zeit, daß in den Leibern Geist war und daß mit diesem in den Leibern befindlichen Geiste das Christentum aufgenommen worden ist. Aber dieser Geist verrauchte allmählich, dieser Geist hörte auf. Dieser Geist blieb nicht bei den europäischen Leibern. Und das ist gerade das Wesentlichste jenes Überganges, der stattgefunden hat in der Mitte des 15. Jahrhunderts der nachchristlichen Zeit, daß im wesentlichen da jener Naturgeist, der in den menschlichen europäischen Leibern war, anfing zu verrauchen, daß die Leiber allmählich unfähig wurden, aus sich das zu verstehen, was sie erst mit frischer Kraft, weil mit Leibeskraft, als Christentum aufgenommen hatten. Dadurch versank allmählich seit dem 15. Jahrhundert das Verständnis für das Christentum. Es blieb nur die Tradition übrig. Die Verhältnisse, die da zugrunde liegen, sie verkennt man eigentlich, in der gewöhnlichen äußeren Wissenschaft verkennt man sie vollständig. Man glaubt nämlich, Mensch ist Mensch, und man glaubt, man könne diesen Menschen studieren, wenn man die Leichname in die Kliniken trägt und da anatomisiert. Da erfährt man das Allerwenigste vom Menschen, denn die feinste Konstitution dieser Menschen ändert sich fast von Jahrhundert zu Jahrhundert. Die Menschheit eines Jahrhunderts ist im Grunde in bezug auf die feine Konstitution etwas ganz anderes als die Menschheit des vorigen Jahrhunderts. Weil das nicht im Groben auftritt und nicht mit groben wissenschaftlichen Mitteln zu konstatieren ist, deshalb wollen die Menschen nichts davon wissen. Aber dieser Mensch ist eine sehr feine Organisation, und dasjenige, was sich im Laufe der Zeit nacheinander entwickelt, das bleibt nebeneinander bestehen. Für die grobe Anatomie herrscht der Glaube, aber es ist nur ein Glaube: Wenn man einem westlichen Menschen das Blut abzapft und einem östlichen Menschen das Blut abzapft, zapft man halt Blut ab; Blut ist Blut. — Aber diese Anschauung, Blut ist Blut, ist ein völliger Unsinn vor einer wirklichen tieferen Menschheitserkenntnis. Ich kann über diese Sache nur schematisch sprechen und kann heute auch nur, ich möchte sagen, die Ergebnisse ausgedehnter Forschung angeben. Aber diese Ergebnisse sind außerordentlich wichtig. Sollte ich eigentlich schematisch etwas zeichnen — was selbstverständlich, wenn es nicht schematisch, sondern real gezeichnet würde, etwas anderes wäre —, so müßte ich es in der folgenden Weise zeichnen. Würde ich also das Blutgerinnsel im lebendigen menschlichen Leibe bei einem westlichen Menschen zeichnen, so würde ich es so zeichnen (siehe Zeichnung a). Sollte ich das Blutgerinnsel in der Ader bei einem russischen Menschen zeichnen, so würde ich es so zeichnen müssen (siehe Zeichnung b).
[ 9 ] In the broader context of the world, one must hold this view on one matter and that view on another; but even what is less good certainly has its rightful place. Some people cannot grasp this. We also try to demonstrate the harmfulness of materialism; but on the other hand, we must recognize that materialism was bound to emerge by the 19th century. It simply must be overcome now. Some people would like to take the easy way out on such questions; they say: The human body is simply the vessel in which the soul dwells; the soul is heavenly, the body is earthly; let us focus on the spiritual.” — That is a convenient view of life. But this is the merit that belongs to materialism: it has taught people that the physical also has a share in the spiritual, and that even among certain elements of the human race, the body was organized precisely to receive the spiritual. And the most outstanding human beings were those whom Christianity encountered. Precisely in the early days, when Christianity had spread throughout Europe, the bodies of these European people served as good receptacles for the reception of Christianity; the physical brain, having been formed in a certain way out of the spiritual world, was a good organ for receiving Christianity. And while in Asia Christianity emerged after centuries—even millennia—of development within a culture that was intended solely for souls, in Asia this Christianity encountered a decadent culture, one in the process of dying out—a culture of the soul that had been suitable for earlier times but was no longer suitable for the era in which Christianity took root; in Europe, this Christianity encountered receptive people who were organized through their bodies to grow into this Christianity, to make their bodies vessels for receiving Christianity; for in these bodies there was still much spirit—cosmic spirit, nature spirit. This is precisely what is significant about the indigenous population of Europe in the post-Atlantean era: that there was spirit in their bodies, and that Christianity was received through this spirit residing within them. But this spirit gradually faded away; this spirit ceased to exist. This spirit did not remain with the European bodies. And this is precisely the most essential aspect of that transition that took place in the middle of the 15th century of the post-Christian era: that, in essence, the spirit of nature that was present in the human European bodies began to fade away, so that the bodies gradually became incapable of understanding from within themselves what they had initially embraced as Christianity with fresh vigor—because it was through the power of the body. As a result, understanding of Christianity gradually declined from the 15th century onward. Only tradition remained. The underlying conditions are actually misunderstood; in conventional external science, they are completely misunderstood. For people believe that a human being is simply a human being, and they believe they can study this human being by carrying corpses into clinics and dissecting them there. Yet this reveals the very least about human beings, for the finest constitution of these human beings changes almost from century to century. In terms of its subtle constitution, the humanity of one century is, in essence, something entirely different from the humanity of the previous century. Because this does not manifest in gross terms and cannot be ascertained by crude scientific methods, people do not want to know anything about it. But the human being is a very subtle organism, and what develops successively over time continues to coexist side by side. In gross anatomy, the prevailing belief—though it is merely a belief—is this: if you draw blood from a Western person and draw blood from an Eastern person, you’re simply drawing blood; blood is blood. — But this view—that blood is blood—is utter nonsense in the face of a true, deeper understanding of humanity. I can only speak about this matter schematically, and today I can only—I would say—present the results of extensive research. But these results are extraordinarily important. If I were to draw something schematically—which, of course, would be something else entirely if it were drawn realistically rather than schematically—I would have to draw it in the following way. So if I were to draw the blood clot in the living human body of a Western person, I would draw it like this (see drawing a). If I were to draw the blood clot in the vein of a Russian person, I would have to draw it like this (see drawing b).
[ 10 ] Wie sich die eine Linienform zu der andern Linienform verhält, so verhält sich der innere, auch materielle Charakter des Blutes bei der östlichen Bevölkerung zu dem Charakter des Blutes bei der westlichen Bevölkerung. Aber mit der Blutentwikkelung hängt dasjenige zusammen, was ich als körperliche Empfänglichkeit charakterisiert habe. Diese körperliche Empfänglichkeit, wie gesagt, ist verraucht, heute gibt wenigstens für die westliche europäische Bevölkerung und ihren amerikanischen Anhang das Körperliche nichts Geistiges mehr her. Daher muß das Geistige auf anderem Wege, auf dem Wege gesucht werden, den anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft angibt. Man kann sagen, grob gesprochen: Das aus der physisch-leiblichen Materialität hervorgegangene Geistige, welches im wesentlichen gedient hat, in den Jahrhunderten bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts hinein, Verständnis für das Christentum zu eröffnen, das ist vertrocknet. Man lebt heute gerade in der westlichen Kultur mit vertrockneten Leibern, und das, was sich geltend macht, ist eine bloße mechanistische Kultur, weil es aus den unlebendigen, vertrockneten Leibesorganisationen kommt. Diese Veränderung ist also nicht bloß eine solche, wie sie die heute abstrakten Historiker zeichnen, sie ist eine solche, daß sie bis tief in das Leibeswesen des Menschen hineingeht.
[ 10 ] Just as one line form relates to another, so does the inner, and also material, character of the blood among the Eastern population relate to the character of the blood among the Western population. But what I have characterized as physical receptivity is connected to the development of the blood. This physical receptivity, as I said, has faded; today, at least for the Western European population and its American offshoot, the physical no longer yields anything spiritual. Therefore, the spiritual must be sought by other means—the path indicated by anthroposophically oriented spiritual science. Roughly speaking, one can say: The spiritual that emerged from physical-bodily materiality—which essentially served, over the centuries up to the middle of the 15th century, to open up an understanding of Christianity—has withered away. Today, especially in Western culture, people live with withered bodies, and what prevails is a purely mechanistic culture, because it arises from these lifeless, withered bodily organizations. This change is therefore not merely one of the kind depicted by today’s abstract historians; it is one that penetrates deep into the very physical being of the human being.
[ 11 ] Vor dem, was ich Ihnen jetzt gesagt habe, verschließen sich die meisten Menschen der Gegenwart. Aber so wie die Römer die Zwölftafelgesetze gelernt haben, so wie es später Usus war, das Einmaleins als etwas für den Menschen Notwendiges zu betrachten, so wird eine gar nicht ferne Zukunft, auf die wir hinarbeiten müssen, zur allgemeinen Bildung rechnen müssen, solche elementaren Begriffe über die Menschheitsentwickelung zu haben. Sonst wird nach je fünfzehn Jahren eine solche Katastrophe über die Erdenentwickelung der zivilisierten Menschheit kommen, wie wir sie in den letzten fünf bis sechs Jahren gehabt haben. Denn daß sich die Menschen verschlossen haben gegenüber dem, was hereinbrechen will als eine Neubildung in die zivilisierte Menschheit, das ist der wahre Grund, warum jene Konfusion herausgekommen ist, die in den letzten fünf bis sechs Jahren da war. Und wollen die Menschen weiter aus ihrem vertrockneten materialisierten Leibe heraus leben, so werden sie ganz von selber aus diesem vertrockneten, materialisierten Leibe heraus Eigenschaften aushecken, welche alle fünfzehn bis zwanzig Jahre zu einer solchen Verwirrung führen, wie die Verwirrung, die wir 1914 in Europa gehabt haben. Es gibt heute nur zweierlei: Entweder man bequemt sich dazu, dieses Einfließen einer Neubildung in die Menschheit, damit auch das Einfließen eines neuen, durch die Geisteswissenschaft unterstützten Verständnisses des Christentums zuzulassen, oder damit zu rechnen, daß zerstörerische Elemente in einem furchtbaren Maße in das menschliche soziale Leben eintreten.
[ 11 ] Most people today are closed off to what I have just told you. But just as the Romans learned the Twelve Tables, and just as it later became customary to regard the multiplication tables as something necessary for human beings, so too will a not-too-distant future—toward which we must work—have to include, as part of general education, an understanding of such elementary concepts regarding human development. Otherwise, every fifteen years, a catastrophe like the one we have experienced in the last five to six years will befall the earthly development of civilized humanity. For the fact that people have closed themselves off from what is about to break into civilized humanity as a new formation—that is the true reason why the confusion that has prevailed over the last five to six years has arisen. And if people wish to continue living out of their withered, materialized bodies, they will, of their own accord, conjure up qualities from within these withered, materialized bodies that will lead, every fifteen to twenty years, to a confusion such as the one we experienced in Europe in 1914. Today there are only two options: Either one resigns oneself to allowing this influx of a new formation into humanity—and thus also the influx of a new understanding of Christianity supported by spiritual science—or one must expect destructive elements to enter human social life on a terrible scale.
[ 12 ] Unsere englischen Freunde werden jetzt einmal zurückgehen nach England — hoffentlich noch nicht so bald —, dann aber werden sie in England jenen Menschen treffen, den ich Ihnen einmal hier als Repräsentanten der gegenwärtigen Zeit in einer besonderen Art charakterisiert habe, weil er sein ganzes Leben hindurch, trotzdem er heute viel älter ist, nicht über die Entwickelungsstufe des Siebenundzwanzigjährigen hinausgekommen ist. Sie werden dort tonangebend, wahrscheinlich noch, Lloyd George treffen, jenen Menschen, der eben dadurch tonangebend werden konnte, daß er nur bis zum siebenundzwanzigsten Lebensjahre entwickelungsfähig blieb, dann ins Parlament gewählt wurde, selbstverständlich, und seither nicht mehr entwickelungsfähig ist, so daß er jetzt als alter Mann noch immer so denkt wie ein Siebenundzwanzigjähriger, das heißt unreif. Sie werden aus einem solchen Kopfe besondere Ideen hervorgehend finden, zum Beispiel: Bis jetzt haben wir uns auf die Seite der russischen Gegenrevolution gestellt, sie ist unterlegen; es ist nicht weiter profitabel, sich auf die Seite der russischen Gegenrevolution zu stellen, also versuchen wir uns einzurichten mit den Bolschewisten, versuchen wir mit denen zu einem leidlichen Frieden zu kommen.
[ 12 ] Our English friends will now return to England—hopefully not too soon—but once there, they will meet the man whom I once described to you here as a representative of the present age in a special way, because throughout his entire life—even though he is much older today—he has not progressed beyond the developmental stage of a twenty-seven-year-old. There they will meet Lloyd George, who is likely still setting the tone—the man who was able to become a leading figure precisely because he remained capable of development only until the age of twenty-seven, was then elected to Parliament, of course, and has been incapable of further development ever since, so that now, as an old man, he still thinks like a twenty-seven-year-old—that is, immaturely. You will find particular ideas emerging from such a mind, for example: “Until now, we have sided with the Russian counterrevolution; it has been defeated; it is no longer profitable to side with the Russian counterrevolution, so let us try to come to terms with the Bolsheviks, let us try to reach a tolerable peace with them.”
[ 13 ] So denkt heute typisch ein Mensch, der aller Einsicht in die wirklichen Gesetze des Lebens ganz fernesteht, der keine Ahnung von dem hat, was in der Welt Wirklichkeit ist, und so denken andere sogenannte «Staatsmänner» — ich bemerke, daß ich «Staatsmänner» jetzt immer nur in Gänsefüßchen schreibe. Dabei darf man nicht vergessen, daß dieser «Staatsmann» immer noch turmhoch überragt den abstrakten Dilettanten Woodrow Wilson, von dem die ganze Welt in einem bestimmten Momente europäischer Entwickelung sich verführen ließ. Mit solchen Dingen war man ja insbesondere in gewissen Zeiten ein «Prediger in der Wüste». In den Zeiten, in denen die ganze Welt Woodrow Wilson angebetet hat, habe ich hier in der Schweiz immer wieder und wiederum genau dasselbe über Woodrow Wilson gesagt, was ich Ihnen heute sage. Jetzt fängt die Welt an, da es zu spät ist, ein wenig einzusehen, wie wirklichkeitsfremd das ist, was von Woodrow Wilson ausgeht. Und Leute, die mit ihm zusammengesessen haben bei der Versailler Konferenz, die waren erstaunt darüber, wie wenig dieser Mann selbst von dem allergeringsten Wirklichkeitsinstinkt aus Amerika nach Europa mitbrachte.
[ 13 ] This is how a person typically thinks today—someone who is completely oblivious to the true laws of life, who has no idea what reality is in the world—and this is how other so-called “statesmen” think—I note that I now always write “statesmen” in quotation marks. At the same time, one must not forget that this “statesman” still towers far above the abstract dilettante Woodrow Wilson, by whom the whole world allowed itself to be seduced at a certain moment in European history. Speaking out against such things made one, especially at certain times, a “preacher in the wilderness.” In the days when the whole world idolized Woodrow Wilson, I said here in Switzerland, time and again, exactly the same thing about Woodrow Wilson that I am telling you today. Now, since it is too late, the world is beginning to realize a little how out of touch with reality Woodrow Wilson’s ideas are. And people who sat with him at the Versailles Conference were astonished at how little this man himself brought with him from America to Europe—not even the slightest sense of reality.
[ 14 ] Die Dinge, in denen man heute lebt, müssen von Welthorizonten aus betrachtet werden, wenn man auch im Kleinsten über die Dinge mitsprechen will. Und man wird sie nicht betrachten können, wenn man es nicht zum Prinzip macht, daß eine gewisse Aufklärung über den Menschen ebenso in einer allernächsten Zukunft Allgemeinbildung werden muß, wie das Einmaleins in einer gewissen Zeit angefangen hat, Gegenstand der Allgemeinbildung zu werden.
[ 14 ] The things we live with today must be viewed from a global perspective if we are to have a say in them, even in the smallest details. And one will not be able to view them unless one makes it a principle that a certain understanding of human nature must become part of general education in the very near future, just as the multiplication tables began, at a certain point in time, to become part of general education.
[ 15 ] Ob soziale Forderungen auftreten oder nicht, darüber ist nicht zu diskutieren, ebensowenig wie darüber zu diskutieren ist, ob ein Erdbeben in irgendeiner Gegend eintreten wird oder nicht. Aber darüber ist zu diskutieren, wie man sich solchen Erscheinungen gegenüber verhält. Niemand wird eine entsprechende Stellung zu solchen Erscheinungen gewinnen können, der nicht in dem angedeuteten Sinne Menschenwissen hat. Das ist etwas, womit man sich ganz tief durchdringen muß. Und ob das Leben der zivilisierten europäischen Welt wird weitergehen können oder nicht, das wird davon abhängen, ob es eine genügend große Anzahl von Menschen geben wird, welche durchschauen die Unmöglichkeit eines weiteren Weltregimentes, das besonders beeinflußt wird von solchen wirklichkeitstremden Menschen, wie Lloyd George einer ist. Sie wissen alle, ich rede ja nicht von irgendeinem chauvinistischen Standpunkte, von irgendeiner bestimmten Seite her, sondern ich rede von einem rein sachlichen, aus der Beobachtung der objektiven Tatsachen fließenden Gesichtspunkt. Ich habe wahrhaftig niemals irgend etwas als Deutscher, als sogenannter Deutscher, gegen Woodrow Wilson oder Lloyd George gehabt. Verglichen mit andern Menschen heute, ist sogar Lloyd George ein «Prachtskerl». Aber er ist eben ein Siebenundzwanzigjährig-Bleibender als Mensch, der nicht imstande ist, dasjenige in sich aufzunehmen, was man erst aufnehmen kann, wenn die absteigende Entwickelung Platz greift, wenn man also über die Dreißigerjahre hinausgekommen ist. Denn die vertrockneten europäischen Leiber, die nicht sich hinwenden wollen zur Aufnahme von etwas Geistigem, verlieren die Entwickelungsmöglichkeit in den Dreißigerjahren. Sie können dann Parlamentarier sein, sogar so unendlich versierte, so außerordentlich gute Parlamentarier wie Lloyd George, der ja bekanntlich, als man ihn zum Minister machte, ganz bewundernswürdige Reformen durchführte. Nicht wahr, man macht das den Oppositionsmenschen gegenüber so: Man nimmt sie, damit sie draußen im Parlament nicht unbequem werden, ins Ministerium hinein. Im gegebenen Momente machte man in England auch Lloyd George zum Minister, zunächst aus dem Grunde, weil man ihn nicht zur Opposition haben wollte; aber zum Minister machte man ihn, indem man sagte: Man gibt ihm das Ressort, von dem er gar nichts versteht. Das ist ja die gewöhnliche Art, gefährliche Parlamentarier zu behandeln. Und siehe da, als man Lloyd George das Ressort gegeben hatte, von dem er gar nichts verstand, da entwickelte er eine fieberhafte Tätigkeit, führte Reformen ein, die wirklich bewundernswert sind, und die andern standen da mit langen Nasen.
[ 15 ] Whether social demands arise or not is not a matter for debate, just as it is not a matter for debate whether an earthquake will occur in a particular region or not. But how one should respond to such phenomena is a matter for debate. No one who lacks human knowledge in the sense indicated here will be able to adopt an appropriate stance toward such phenomena. This is something one must fully internalize. And whether the life of the civilized European world will be able to continue or not will depend on whether there will be a sufficiently large number of people who see through the impossibility of continued world domination, which is particularly influenced by people who are so out of touch with reality, such as Lloyd George. You all know that I am not speaking from some chauvinistic standpoint, from any particular side, but rather from a purely objective perspective derived from the observation of objective facts. I have truly never had anything against Woodrow Wilson or Lloyd George as a German—or a so-called German. Compared to other people today, even Lloyd George is a “fine fellow.” But he is, as a human being, someone who remains stuck at twenty-seven—incapable of absorbing that which one can only absorb once the downward phase of development sets in, that is, once one has passed the age of thirty. For the withered European souls who refuse to open themselves to the absorption of anything spiritual lose their capacity for development in their thirties. They can then be parliamentarians—even such infinitely seasoned, extraordinarily skilled parliamentarians as Lloyd George, who, as is well known, carried out quite admirable reforms when he was made a minister. Isn’t that right? That’s how one deals with members of the opposition: to prevent them from becoming a nuisance out in Parliament, one brings them into the cabinet. At the time, Lloyd George was also made a minister in England, initially for the reason that they did not want him in the opposition; but they made him a minister by saying: “We’ll give him the portfolio he knows absolutely nothing about.” That is, after all, the usual way to deal with dangerous parliamentarians. And lo and behold, once Lloyd George had been given the portfolio he knew absolutely nothing about, he threw himself into his work with feverish energy, introduced reforms that are truly admirable, and the others were left standing there with their noses in the air.
[ 16 ] Alle diese Erscheinungen muß man heute beurteilen können vom Standpunkte der Gesetze der Menschheitsentwickelung. Es ist im allgemeinen nichts Angenehmes, die Menschheit nach ihren Eigentümlichkeiten zu beurteilen, und es liegt vor allen Dingen heute nicht in der Gewohnheit der Menschen, auf den andern Menschen einzugehen. Daher nimmt man die Menschen heute gern nach ihrer Abstempelung. Man hat nicht die Neigung, sich die Unbequemlichkeit zu machen, durch Begegnung mit einem Menschen zu erfahren, ob er Fähigkeiten hat, ob etwas in seiner Seele lebt, was Wirkungsmöglichkeiten hat. Man will sich auch gar nicht darauf einlassen, in dieser Weise durch den unmittelbaren aus dem Leben stammenden Eindruck den Menschen zu beurteilen. Man braucht andere Möglichkeiten. Es ist einer graduiert, er ist im Besitze eines Doktordiploms — also ist er ein weiser Mann. Da braucht man ihn nicht erst kennenzulernen, man braucht bloß zu wissen: Er hat einmal Prüfungen gemacht, oder er ist — ich weiß nicht, ob man nicht sagen soll: er war — Regierungsrat. Schön, da ist er etwas, was man zu respektieren hat, man braucht sich nicht weiter darum zu kümmern, ob er irgendwelche Wirkungsmöglichkeiten in seiner Seele hat. Eine Regierung hat einen zum Rat gemacht, mit t geschrieben, nicht zum fünften Rad am Wagen, mit weichem d geschrieben. Also man braucht von außen kommende Möglichkeiten. In der Zukunft wird man ein wirklich unmittelbares Verhältnis von Mensch zu Mensch brauchen. Niemand wird sich das erwerben, der nicht seine menschlichen Geisteskräfte in entsprechender Weise ausbildet. Diese entsprechende Weise ist die durch die Geisteswissenschaft. Wenn Sie zum Beispiel meine «Geheimwissenschaft» lesen, so können Sie das lesen, was darinnensteht, Sie können das, was darinnensteht, dem Inhalte nach aufnehmen. Wenn Sie das dem Inhalte nach aufnehmen, so daß Sie es dann gedächtnismäßig ganz gut hersagen können, dann fände ich es fast nützlicher, Sie lesen ein Kochbuch, oder wenn Sie nicht gerade zufällig Frauen sind, irgendeine Abhandlung über Tarifverträge oder dergleichen; es wird nützlicher sein, als wenn Sie meine «Geheimwissenschaft» lesen. Diese «Geheimwissenschaft» hat nur dann bei der Lektüre ihre Bedeutung, wenn durch die besondere Formung der Gedanken — welche die Menschen so ärgert, daß sie es ablehnen, sich mit dem, was sie «schlecht stilisiert» nennen, zu befassen — diese Art zu schreiben und zu denken erzieherisch wirkt auf die ganze Seelenverfassung, wenn das Wie, nicht das Was die Seele gestaltet. Wer so die «Geheimwissenschaft» — es kann natürlich auch ein anderes Buch sein — auf sich wirken läßt, dann ins Leben geht, der wird sehen, daß er tatsächlich sein innerliches Schauen verstärkt hat, so daß ihm Menschenkenntnis daraus wird. Es wird etwas ganz anderes aus den Dingen als ein bloßes schulmäßiges In-sich-aufgenommen-Haben der Sache! Heute hat man, wenn man ein Buch gelesen hat, die Vorstellung, man habe das Nötige getan, wenn man den Inhalt in sich hat, das heißt, ihn so in sich hat, daß man eventuell ein Examen ablegen kann. So sind geisteswissenschaftliche Bücher niemals gemeint. Da ist das Wesentlichste nicht dann getan, wenn man den Inhalt an den Fingern herzählen kann, sondern da ist das Nötige erst getan, wenn die Dinge übergegangen sind in die ganze Seelenkonstitution, in die ganze Seelenverfassung, wenn man sich dadurch für das Leben geeignete Seelenkräfte herangebildet hat.
[ 16 ] Today, we must be able to assess all these phenomena from the perspective of the laws of human development. It is generally not a pleasant task to judge humanity based on its peculiarities, and above all, it is not customary for people today to engage with one another. That is why people today tend to judge others by their labels. They are not inclined to go to the trouble of encountering a person to discover whether he has abilities, or whether there is something alive in his soul that has the potential to make an impact. Nor do they want to engage in judging people in this way, based on direct impressions drawn from life itself. We need other criteria. Someone has graduated; he holds a doctorate—therefore, he is a wise man. There’s no need to get to know him first; all one needs to know is: he once passed some exams, or he is—I don’t know if one should say “was”—a government councilor. Fine, there he is—someone to be respected; there’s no need to concern oneself further with whether he possesses any capacity for action within his soul. A government has made him a “Rat” (written with a “t”), not a “fifth wheel on the wagon” (written with a soft “d”). So one needs criteria derived from external sources. In the future, a truly direct relationship from person to person will be necessary. No one will attain this who does not develop their human spiritual faculties in the appropriate way. This appropriate way is through spiritual science. If, for example, you read my *Secret Science*, you can read what is written there; you can take in the content of what is written there. If you take in the content so that you can then recite it quite well from memory, I would find it almost more useful for you to read a cookbook—or, unless you happen to be women, some treatise on collective bargaining agreements or the like—than to read my *Secret Science*. This “Secret Science” has significance as a text only if, through the particular shaping of thoughts—which annoys people so much that they refuse to engage with what they call “poorly stylized”—this way of writing and thinking has an educational effect on the entire state of the soul, when the “how,” not the “what,” shapes the soul. Whoever allows *The Secret Science*—or, of course, any other book—to take effect upon them in this way and then goes out into life will see that they have indeed strengthened their inner vision, so that it becomes a source of insight into human nature. Things take on a completely different meaning than a mere academic absorption of the subject matter! Today, when one has read a book, one has the impression that one has done what is necessary if one has the content within oneself—that is, has it to such an extent that one might be able to pass an exam. This is never the intended purpose of books on spiritual science. The most essential task is not accomplished when one can recite the content by heart, but rather, the necessary work is only done when these things have permeated one’s entire soul constitution, one’s entire inner being, and when, through this process, one has developed the soul forces suitable for life.
[ 17 ] In den verschiedensten Formen habe ich das seit Jahrzehnten immer wieder und wiederum gesagt. Es wird aber deshalb doch über weite Kreise für die Hauptsache gehalten, daß man nun weiß: Der Mensch besteht aus dem und dem, es gibt wiederholte Erdenleben und so weiter. — Das ist aber nicht die Hauptsache. Die Hauptsache ist, daß durch diese ganze Art zu denken im Menschen etwas erfaßt wird, was durch nichts anderes im Menschen erfaßt werden kann. Und das, was so vom Menschen erfaßt wird, das muß da sein. Wird es nicht da sein, dann werden alle die gutmeinenden Leute, die zum Beispiel sagen: Ein Christentum muß es immer geben —, die werden nichts erreichen. Denn ebensowenig wie Sie aus einem nichtmagnetischen Stück Eisen Magnetismus herausgewinnen können, ebensowenig können Sie, wenn nichts anderes eintritt, aus dem, was aus den Europäern wird, ein Christentum herausschlagen. Das kann traditionell bleiben eine Zeitlang; aber die Leute werden aus Unwahrhaftigkeit die Tradition annehmen. Worum es sich handelt, ist, daß etwas in den Seelen ergriffen werden muß, was zu einem neuen Verständnis des Mysteriums von Golgatha führt, und damit zu einem neuen Verständnis des ganzen Christentums. Es hat im Altertum der vorchristlichen Zeit, wie ich heute auch schon erwähnt habe, eine ausgebreitete, großartige, bewundernswürdige Urweisheit gegeben, und wer die heidnische Weisheit bewundern will, der tut recht, und wer die heidnische Weisheit auch in den Zeiten bewundern will, in denen sie bereits anklingt an das Christliche, der tut noch mehr recht. Die ersten christlichen Kirchenväter waren eigentlich gescheiter, viel gescheiter als ihre jetzigen Nachfolger. Ihre jetzigen Nachfolger verbieten das Lesen der anthroposophischen Schriften. Wie Sie wissen, ist es den Katholiken verboten durch die Verfügung der Kongregation des Heiligen Offiziums in Rom seit dem 18. Juli 1919. Die ersten christlichen Kirchenväter aber haben gesagt: Das, was man jetzt Christentum nennt, war immer da, nur in anderer Form, und Heraklit und Sokrates und Plato waren vor dem Mysterium von Golgatha in ihrer Art Christen. — Das ist natürlich für die heutigen Mitglieder der römischen Index-Kongregation eine außerordentlich ketzerische Bemerkung, trotzdem sie von echten Kirchenvätern herrührt, sehr ketzerisch! Und dennoch muß man sagen: Es entscheidet sich etwas. Diese Verfügung der römischen Index-Kongregation, das Lesen der anthroposophischen Bücher sei für die Katholiken zu verbieten, ist eigentlich die richtige Konsequenz der römisch-katholischen Entwickelung, der Entwickelung der römisch-katholischen Kirche, und man muß einsehen, daß eben eine neue Geistesströmung kommen muß, die das Christentum neu begreift.
[ 17 ] I have said this time and again in a wide variety of ways for decades. Yet, for that very reason, it is widely regarded as the main point—that we now know: human beings consist of this and that, there are repeated earthly lives, and so on. — But that is not the main point. The main point is that through this entire way of thinking, something is grasped within the human being that cannot be grasped by anything else within the human being. And what is grasped in this way by the human being must exist. If it does not exist, then all those well-meaning people who say, for example, “Christianity must always exist”—they will achieve nothing. For just as you cannot extract magnetism from a non-magnetic piece of iron, so too, unless something else intervenes, you cannot force Christianity out of what Europeans are becoming. It may remain a tradition for a while; but people will embrace the tradition out of insincerity. What is at stake is that something must be grasped in people’s souls that leads to a new understanding of the Mystery of Golgotha, and thus to a new understanding of Christianity as a whole. As I have already mentioned today, there existed in ancient pre-Christian times a widespread, magnificent, and admirable primordial wisdom; and anyone who wishes to admire pagan wisdom is right to do so, and anyone who wishes to admire pagan wisdom even in those times when it already echoes Christian ideas is even more right to do so. The early Christian Church Fathers were actually wiser—much wiser—than their present-day successors. Their present-day successors prohibit the reading of anthroposophical writings. As you know, Catholics have been forbidden to do so by decree of the Congregation of the Holy Office in Rome since July 18, 1919. The early Christian Church Fathers, however, said: What is now called Christianity has always been there, only in a different form, and Heraclitus, Socrates, and Plato were, in their own way, Christians before the Mystery of Golgotha. — This is, of course, an extraordinarily heretical remark for today’s members of the Roman Index Congregation, even though it originates from genuine Church Fathers—very heretical! And yet one must say: Something is coming to a head. This decree by the Roman Congregation of the Index, prohibiting Catholics from reading anthroposophical books, is actually the logical consequence of Roman Catholic development—the development of the Roman Catholic Church—and one must recognize that a new spiritual current must indeed emerge, one that reinterprets Christianity.
[ 18 ] Wie gesagt, die vorchristliche Weltanschauung, sie ist in einer gewissen Weise bewundernswürdig. Aber sie hat sich nicht erstreckt auf gewisse Dinge, welche irdischer Natur sind. Und da berühre ich etwas, was einzusehen für die Erdenentwickelung von außerordentlicher Wichtigkeit ist. Mit Bezug auf alles dasjenige, was der Mensch als physischer Mensch an sich trägt, war eigentlich die menschliche Entwickelung gegeben. Etwa im 15. vorchristlichen Jahrtausend, noch in der alten Atlantis drüben, hat der Mensch bis zu einem gewissen fertigen Zustande in sich alle diejenigen Eigenschaften seiner physischen Konstitution ausgebildet, die dann mehr oder weniger langsam verhärtet sind. Aber in bezug auf die Hauptesentwickelung, auf die Erkenntnisentwickelung war das anders. Da blieb etwas zurück wie eine große Menschheitserscheinung, ein Wissen der Menschheit, vermittelt durch die Führer der Mysterien bis zum Ereignis von Golgatha. Was die alten heidnischen Weisen in sich hatten, das war gewissermaßen das Spiegelbild einer noch älteren Weisheit, jedoch einer solchen Weisheit, die noch geistig beobachten konnte; aber es war alles Spiegelbild. Da trat das Mysterium von Golgatha ein, das heißt nichts Geringeres als etwas Außerirdisches: das Christus-Wesen. Etwas, das aus Sphären, die durchaus außerirdisch sind, auf die Erde herabdrang, verband sich mit einem menschlichen physischen Leibe, dem Leibe des Jesus von Nazareth. Damit trat etwas ein in die irdische Menschheitsentwickelung, was die ganze frühere Erdenentwickelung hindurch nicht eingetreten ist: daß etwas Kosmisches in die Menschheit hereingekommen ist. Die Menschen haben im wesentlichen mit ihrer physischen Konstitution seit dem 15. Jahrtausend bis zum Mysterium von Golgatha durch ihre seelische Kopfkonstitution von alter Erbschaft gelebt. Jetzt trat etwas ein, was in gewisser Beziehung den Himmel mit der Erde verband. Ein außerirdisches Wesen verband sich mit einem Menschenleibe.
[ 18 ] As I said, the pre-Christian worldview is, in a certain sense, admirable. But it did not extend to certain things that are of an earthly nature. And here I am touching on something that is of extraordinary importance for the development of the Earth. With regard to everything that human beings carry within themselves as physical beings, human development was, in fact, already complete. Around the 15th millennium B.C., while still in ancient Atlantis, human beings had developed within themselves—to a certain finished state—all the characteristics of their physical constitution, which then gradually solidified. But with regard to the development of the head—the development of knowledge—the situation was different. There remained something like a great manifestation of humanity, a body of human knowledge, transmitted through the leaders of the mysteries up to the event at Golgotha. What the ancient pagan sages possessed within themselves was, in a sense, the reflection of an even older wisdom—though one that was still capable of spiritual observation—but it was all merely a reflection. Then came the Mystery of Golgotha, which was nothing less than something extraterrestrial: the Christ Being. Something that descended to Earth from spheres that are entirely extraterrestrial united with a human physical body—the body of Jesus of Nazareth. With this, something entered into the earthly development of humanity that had not occurred throughout the entire earlier history of the Earth: that something cosmic had entered into humanity. From the 15th millennium until the Mystery of Golgotha, human beings had essentially lived, in terms of their physical constitution, through their mental-head constitution, which was an ancient inheritance. Now something entered that, in a certain sense, connected heaven with earth. An extraterrestrial being united with a human body.
[ 19 ] Solch ein Mysterium zu verstehen war noch möglich den zurückgebliebensten Menschen, die ja in Europa sitzengeblieben waren, die noch im Leibe gewisse naturgeistige Eigenschaften hatten. Den fortgebildeten Asiaten war es nicht möglich, das zu begreifen. Es war gewissermaßen noch ein Gottesgeschenk für diese europäische Bevölkerung, Leiber zu haben, die für das Christentum durch die leibliche Konstitution empfänglich waren. Seit dem 15. Jahrhundert hörte das auf, und daher muß ein geistiges Wissen eintreten, um neuerdings das Mysterium von Golgatha zu begreifen. Ohne das Durchschauen dieser Entwickelungsvorgänge der Menschheit geht die menschliche Natur nicht weiter und müßte ihrem Untergang entgegengehen, denn es müßte das, was durch das Mysterium von Golgatha in die Erdenentwickelung hereingekommen ist, einfach verschwinden. Ohne daß wiederum geistig begriffen werde der Zusammenhang der Erde mit der außerirdischen Welt, kann das Mysterium von Golgatha nicht weiterleben.
[ 19 ] Even the most backward people—who had remained in Europe and still possessed certain natural, spiritual qualities within their bodies—were able to understand such a mystery. The highly educated Asians, however, were unable to grasp it. In a sense, it was still a gift from God to this European population to have bodies that were receptive to Christianity by virtue of their physical constitution. This came to an end in the 15th century, and therefore spiritual knowledge must take its place in order to comprehend the Mystery of Golgotha anew. Without an understanding of these developmental processes of humanity, human nature cannot progress further and would be headed toward its downfall, for that which entered Earth’s development through the Mystery of Golgotha would simply vanish. Unless, in turn, the connection between the Earth and the extra-terrestrial world is spiritually understood, the Mystery of Golgotha cannot live on.
[ 20 ] Da diese Tatsache besteht, wenden sich diejenigen, die heute im Traditionell-Alten verbleiben wollen — und Sie wissen, wie zahlreich sie sind, denn ich habe Ihnen immer von Zeit zu Zeit die häßlichen Angriffe, die von jener Seite kommen, mitgeteilt —, mit besonderer Giftigkeit gegen die Wahrheit, die aus der Geisteswissenschaft heraus verkündet wird, daß man es zu tun habe mit einem kosmischen Christus, mit einem Christus, der nicht bloß irdisch, sondern kosmisch ist. Es ist ja sonderbar, aber es ist trotzdem so, daß es zum Beispiel die römisch-katholische Klerisei und den Jesuitismus am allermeisten ärgert, daß Geisteswissenschaft von einem kosmischen Christus spricht. Es ist einmal so, daß eine Scheidung der Geister heute eintritt. Und demgegenüber sollte man nicht die Augen verschließen; demgegenüber sollte man gerade die Augen öffnen. Um alles dasjenige, was für die Menschheit einzurichten ist, miteinrichten zu können an dem kleinsten Platze, auf dem man steht, ist es heute notwendig, daß man Einsicht hat in die großen Verhältnisse des Lebens.
[ 20 ] Since this is the case, those who wish to remain within the traditional, old ways today—and you know how numerous they are, for I have from time to time told you about the vicious attacks coming from that side— are directing particularly venomous attacks against the truth proclaimed by spiritual science—namely, that we are dealing with a cosmic Christ, a Christ who is not merely earthly but cosmic. It is strange, but it is nevertheless true that, for example, it is the Roman Catholic clergy and the Jesuits who are most annoyed by the fact that spiritual science speaks of a cosmic Christ. The fact is that a parting of the ways is taking place today. And one should not close one’s eyes to this; on the contrary, one should open one’s eyes to it. In order to be able to help bring about everything that needs to be established for humanity, even in the smallest space where one stands, it is necessary today to have insight into the great conditions of life.
[ 21 ] Sagen Sie wirklich nicht: Dazu ist nicht Zeit. — Es ist nämlich auch etwas, was man hören kann, daß gesagt wird: Der Mensch ist heute so beschäftigt, so unendlich beschäftigt, daß er ja nicht Zeit hat, aufzublicken zu diesen geistigen Wahrheiten. — Ich möchte Ihnen zusammenrechnen, wieviel Schwatz abläuft bei «Five o’clock teas», bei «Jausen», bei «Nachmittagstees», bei «Frühschoppen», in gewissen Gegenden beim «Dämmerschoppen» — solche gibt es ja auch —, beim «Skatklopfen» und andern Dingen, und Sie würden sehen, daß eine erkleckliche Summe von Zeit herauskommt, in der die Menschen Gelegenheit haben würden, wenn sie wollten, sich bekanntzumachen mit dem, was der Menschheitsentwickelung ungeheuer notwendig ist für die Zukunft. Es liegt nicht an der Zeit, es liegt an der Lässigkeit der Menschen, an der Schläfrigkeit der Menschen. Die Encephalitis lethargica tritt jetzt äußerlich in einzelnen Fällen auf; die Seelen sind längst von ihr befallen im weiten Umkreise der Menschheit. Die Schlafkrankheit der Seelen ist eine sehr verbreitete Epidemie. Denn dasjenige, um was es sich zuletzt handelt, ist, den Willen zu haben, seine geistigen Kräfte in Bewegung zu setzen. Wenn man heute an der Universität studiert — mit geringen Ausnahmen, die an den Fingern herzuzählen sind —, braucht man sein Denken eigentlich wirklich nicht anzustrengen. Es wird einem eine gewisse Summe von zum großen Teile Experimentalergebnissen vermittelt, man kann das aufnehmen. Die Denkkraft braucht man dabei nicht in Bewegung zu setzen. An die Stelle dieser Bildung muß aber treten, daß die Denkkraft wiederum beweglich wird, daß die ganzen Seelenkräfte beweglich werden, daß Emsigkeit des inneren Seelenlebens an die Stelle von Lässigkeit und Schläfrigkeit trete. Man kann sehr tätig sein im äußeren Leben und ungeheuer schläfrig sein in seinem Seelenleben. Aber das muß in der Menschheitsentwickelung aufhören. Daß es aufhört, das ist eine wirklich tief, tiefgehende Notwendigkeit. Heute sagen Leute: Zunächst muß die Menschheit Brot haben. — Gewiß muß sie Brot haben. Aber wenn nicht daran gedacht wird, die Einrichtung aus dem Geistigen heraus so zu treffen, daß dieses Brot auch morgen erzeugt werden kann, dann wird man eben nur dasjenige essen, was die Erde noch vorherhergibt, und man wird morgen und übermorgen kein Brot haben. Daß man heute noch Brot hat, das geht noch eine Weile mit den alten Gedanken. Aber man wird übermorgen — bildlich gesprochen selbstverständlich — kein Brot haben, wenn man nicht die Institutionen der Erde aus einer neuen Geistigkeit heraus treiben wird.
[ 21 ] Please don’t say, “There’s no time for that.” — After all, one often hears people say: People today are so busy, so incredibly busy, that they simply don’t have time to look up and consider these spiritual truths. — I’d like to calculate for you just how much idle chatter takes place during “five o’clock teas,” “snacks,” “afternoon teas,” “morning drinks,” and, in certain regions, “evening drinks” — such things do exist, after all —, during “Skat games,” and other activities, and you would see that it adds up to a considerable amount of time during which people would have the opportunity, if they wanted to, to familiarize themselves with what is immensely necessary for the future of human development. It is not a matter of time; it is a matter of people’s indifference, of their lethargy. Encephalitis lethargica is now appearing outwardly in isolated cases; souls have long since been afflicted by it across a wide swath of humanity. This “sleeping sickness” of the soul is a widespread epidemic. For what ultimately matters is having the will to set one’s spiritual powers in motion. When one studies at a university today—with few exceptions, which can be counted on one hand—one really does not need to exert one’s thinking at all. One is taught a certain body of knowledge consisting largely of experimental results; one can simply absorb it. There is no need to set one’s thinking in motion in the process. But this kind of education must be replaced by a revival of active thinking, by the activation of all the soul’s powers, so that the busyness of inner soul life takes the place of indolence and drowsiness. One can be very active in external life and yet be incredibly drowsy in one’s inner life. But this must come to an end in the development of humanity. That it comes to an end is a truly profound necessity. Today people say: First of all, humanity must have bread. — Certainly, it must have bread. But if no thought is given to establishing the necessary structures from a spiritual perspective so that this bread can also be produced tomorrow, then people will simply eat only what the earth still provides, and they will have no bread tomorrow or the day after. The fact that people still have bread today means that the old ways of thinking can still carry us for a while. But the day after tomorrow—figuratively speaking, of course—there will be no bread if the institutions of the earth are not shaped by a new spirituality.
[ 22 ] Denken Sie über diese Sache nach, denn es handelt sich um ernste Angelegenheiten.
[ 22 ] Think about this, because these are serious matters.
