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Geistige und soziale Wandlungen
in der Menschheitsentwickelung
GA 196

7 Februar 1920, Dornach

Elfter Vortrag

[ 1 ] Ich werde heute wiederum eine Art Episode einfügen in unsere Betrachtungen, die uns dazu dienen wird, das eigentliche Thema morgen weiterzuführen. Ich werde genötigt sein, um Ihnen gewisse Dinge erörtern zu können, heute eine etwas aphoristischere Art der Darstellung zu verwenden. Wir haben ja die mannigfaltigsten Symptome und Erscheinungen aus dem Zeitgeschehen herausgeholt, um zu erkennen, wie dieses Zeitgeschehen die Menschheit hinleitet zu einem Ergreifen geistiger Wirklichkeiten. Und es war mein Bestreben, klarzumachen, daß es bei dieser Ergreifung geistiger Wirklichkeiten sich nicht bloß darum handeln kann, daß der Mensch gewissermaßen auch in der Zukunft die geistige Welt nur ergreife, um an ihr etwas zu haben, ich möchte sagen, für seine Sonntagsstunden. Das war ja gerade das Verderbliche in der Zivilisation, die sich in den letzten Jahrhunderten herausgebildet hat, daß das Geistesleben allmählich etwas so Abgezogenes, Abstraktes geworden ist. Auf die Frage, die ich in einem öffentlichen Vortrage in Basel vor einiger Zeit gestellt habe: Was verbindet die Weltanschauung, die Anschauung über das Geistige oder auch über das Ungeistige, die jemand hat, der Beamter, Rechtsanwalt, Fabrikant, Kaufmann ist, mit dem, was einer alltäglich treibt? — kann man sagen: Es fließt von den Gedanken, die er als Weltanschauung hat, nichts in seine beruflichen und alltäglichen Angelegenheiten, ich meine in die Führung derselben hinein. Man ist auf der einen Seite ein Mensch des äußeren praktischen Lebens, und daneben hat man eine rein abstrakte Weltanschauung, sei sie mehr oder weniger religiös, sei sie mehr oder weniger wissenschaftlich gefärbt. Das ist ja Usus geworden im Laufe der letzten Jahrhunderte und zu einem Höhepunkt gelangt in unserer so unheilschwangeren Zeit. Und was da zugrunde liegt, drückt sich aus in einem andern, eigentlich noch fataleren Umstande, daß Menschen, die den guten Willen haben, sich eine geistige Weltanschauung anzueignen, geradezu in den Inhalt dieser geistigen Weltanschauung aufnehmen, daß diese geistige Weltanschauung nichts zu tun habe mit ihrem praktischen Leben. Denn das praktische Leben, das ist das Reale, das ist dasjenige, dem man sich äußerlich widmet, die Geistigkeit hat man für den Sonntag, man hat sie abgezogen vom Leben, und das Leben ist nicht würdig, diese Geistigkeit aufzunehmen. — Ich habe mich immer bemüht, klarzumachen, daß gerade die hier gemeinte anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft zwar in die höchsten Höhen des geistigen Lebens hinaufsteigen will, aber dann in dem Menschen durch dieses Hinaufsteigen in die geistigen Welten eine Art des Denkens, eine Art des Vorstellens heranerziehen soll, welche ihn geeignet macht, geschickt, praktisch in jeden Zweig des alltäglichen Lebens sich hineinzustellen. Man soll für sein Geschäft, für das tägliche praktische Leben etwas haben von dem, was man sich geistig auch für die höheren Welten erarbeitet.

[ 2 ] Dieses Arbeiten für die geistigen Welten soll so sein, daß es einen nicht dazu verführt, zu sagen: Diese geistige Welt, das ist das Jenseitige, das darf gar nicht berührt werden von dem groben Alltäglichen; das grobe Alltägliche ist gesondert da, das verachtet man, die geistige Welt ist das Hohe, das Erhabene. — Ich habe in früheren Jahren oftmals und sehr scharf auf diese Dinge hingedeutet und habe ausgesprochen, daß ja wirklich im Laufe der Jahre mancher Mensch zu mir gekommen ist und mir sagte: Ach, ich habe einen so prosaischen Beruf, ich möchte diesen prosaischen Beruf verlassen und mich Idealerem widmen. — Das ist die schlechteste Maxime, die man im Leben haben kann, Wer durch sein Schicksal, durch sein Karma Postbeamter ist und ein ordentlicher Postbeamter ist, der dient — so sagte ich oftmals — gewiß, wenn er seinen Beruf ordentlich ausfüllt, der Welt mehr, als wenn er ein schlechter Dichter ist oder gar ein schlechter Journalist oder dergleichen, wonach es einen manchmal gelüstet. Es handelt sich nur darum, wenn man dem Geistigen sich nähert, dieses Geistige so in sein Gemüt aufzunehmen, daß es einen nicht ungeschickt, sondern geschickt macht für das äußere Leben.

[ 3 ] Weil diese Maxime verschwunden ist aus dem Leben seit dem 15. Jahrhundert und gewissermaßen das Leben sich in diese zwei Strömungen gespalten hat, in das von Idealisten und Mystikern verachtete äußere praktische Leben und in das von Praktikern als etwas schwärmerischträumerisch angesehene mystische, religiöse, idealistische Leben, stehen wir heute in der Ihnen gestern geschilderten Sackgasse des Lebens darinnen. Das ist der tiefere Grund, warum wir in dieser Sackgasse darinnenstecken. Dadurch ist es gekommen, daß auf der einen Seite im praktischen Leben jeder einzelne dasteht in einem kleinen Kreise, wie ich gestern gesagt habe, arbeitend ohne Übersicht und auch ohne herzliche Anteilnahme an dem Ganzen, und wiederum, wenn man idealistisch genug dazu ist, sich einer geistigen Weltanschauung zu widmen, man dann diese geistige Weltanschauung so haben will, daß man in dieser geistigen Weltanschauung ja nicht erzogen wird zum Beispiel zur praktischen Führung, sagen wir eines ordentlichen Hauptbuches oder eines ordentlichen Journals. Es gibt Leute, die sehen es geradezu als einen Vorzug an, wenn jemand nicht versteht und gar nicht begreifen kann, wie man ein Journal oder ein Kassabuch führt. Das ist der große Schaden, welcher sich durch die letzten Jahrhunderte allmählich immer mehr und mehr eingebürgert hat.

[ 4 ] Es ist kein Vorzug, keinen Dunst zu haben von der Art und Weise, wie man Hauptbücher, Kassenbücher führt, und es ist kein Segen für die Menschheit, wenn es möglichst viele Personen gibt, die Idealisten sein wollen, indem sie von allem Praktischen nichts verstehen und nur sich geistigen Betrachtungen hingeben wollen. Das einzig Gesunde im Leben ist, wenn diese beiden Maximen im Leben so durcheinandergehen, daß das eine das andere trägt. Aber dasjenige, was im kleinsten Kreise allmählich immer mehr und mehr als ein Lebensschaden in den letzten Jahrhunderten zum Vorschein gekommen ist, es spricht sich auch aus in den großen Angelegenheiten des Lebens insofern, als niemand eigentlich, wirklich, man kann sagen, niemand außer einigen Menschen, die es recht unpraktisch gemacht haben, sich darum bekümmert hat: Wie kann eigentlich aus den Gebilden, die veraltet sind — ich habe es Ihnen gestern charakterisiert, wie sie auf der Landkarte ausschauen —, die man vor dem Kriege, bis 1914, als die Staaten der Erde bezeichnet hat, etwas wirklich Gesundes entstehen? — Ja, man ist heute selbst durch die Prüfungen der letzten vier bis fünf Jahre leider noch nicht weit genug, über diese Dinge in gesunder Art nachzudenken. Nehmen Sie nur das eine. Wenn man einmal kühlen Kopf dafür haben wird, die ferneren Ursachen der furchtbaren Katastrophe der letzten viereinhalb oder fünf Jahre zu betrachten, so wird man finden, wie diese Ursachen zwischen Mitteleuropa und den westlichen Gegenden, auch Amerikas, in industriell-kommerziellen Verhältnissen liegen, in jenen industriell-kommerziellen Verhältnissen, die längst in Widerspruch gekommen sind mit den Staatsgrenzen. Die Staatsgebilde, die aus ganz andern Verhältnissen heraus sich gebildet haben und die eine Dependenz mittelalterlicher Verhältnisse sind, diese Staatsverhältnisse haben sich künstlich als Rahmen gebrauchen lassen für das, was nur kommerzielle und industrielle Interessen sind. Sie taugten gar nicht dazu, aber sie ließen sich dazu gebrauchen. Und heute bemerkt man das so wenig, daß eine, allerdings für längere Zeiten aussichtslose, aber für kürzere Zeiten außerordentlich störende sozialdemokratische Bewegung es auch nicht anders macht. Wir erleben es heute, daß überall sozialistische Theorien auftauchen, sogar bis in die Welten Asiens hinüber, die ganz besonders radikal werden. Diese sozialistischen Theorien wollen etwas Praktisches formen. Vor dem Kriege haben sie die Rahmen der alten Staaten benützen wollen, jetzt wollen sie die Rahmen desjenigen benützen, was sich aus der Kriegskatastrophe herausgebildet hat, also sagen wir Rußland, wie es sich aus dem Kriege herausgebildet hat, soll als ein Rahmen benutzt werden für bolschewistische Theorien. Man kann sich, wenn man der Wirklichkeit gemäß denken kann, nichts Unsinnigeres denken, als daß dies versucht wird. Es gibt keinen größeren Nonsens als dieses Gebilde, das zunächst entstanden ist aus rein mittelalterlichen Kräften heraus, kombiniert dann mit den unnatürlichen Ergebnissen, die immer mehr in dem bis zum Versailler Frieden, das heißt, Unfrieden gekommenen Krieg entstanden sind. Daß dieses Gebilde im Osten von Europa nun die Phantasien von Lenin und Trotzkij aufnehmen soll, ist für die Dauer ein Unsinn, für eine kurze Zeit ein Tumult, der ungeheuer die gesunde Entwickelung der Menschheit Europas aufhalten muß. Das ergibt sich, wenn man Sinn für Wirklichkeit hat.

[ 5 ] Aber dieser Sinn für Wirklichkeiten, der fehlt eben heute, man möchte sagen, dem ganzen öffentlichen Urteil der Menschheit. Das ganze öffentliche Urteil der Menschheit wird nicht aus einem Sinn für Wirklichkeiten heraus gebildet, sondern eigentlich aus Abstraktionen, aus abstrakten Theorien. Und wenn einmal etwas auftritt, was nicht aus abstrakten Theorien ist, wie die Dreigliederung, etwas, was aus dem Leben herausgegriffen ist und was man, weil man nicht gleich dreißig Bände schreiben kann, welche die Leute auch nicht lesen würden, kurz zusammenfassen muß, so erkennt man daran den Wirklichkeitsgeist nicht, sondern hält, weil man heute ganz angefüllt ist von Theorien, das erst recht für eine Theorie. Man hat gar nicht mehr Sinn für das, was der Wirklichkeit entnommen ist, weil man ganz und gar sich der Wirklichkeit entfremdet hat.

[ 6 ] Das muß eintreten, daß die Leute im eminentesten Sinne heute praktisch werden können und dennoch hinaufschauen können zur geistigen Welt. Denn nur dadurch wird sich das Menschengemüt gesund in die Zukunft hineinentwickeln, daß diese beiden Elemente im Menschengemüt nebeneinandergehen können. Wenn die Zeit kommen wird, wo derjenige nicht mehr als ein Narr gelten wird, der sagt: Im Osten drüben leben Seelen, welche sich durch besondere historische Verhältnisse Asiens so entwickelt haben, daß sie heute wenig Sinn haben für die äußere Welt und dadurch selbstverständlich auch leicht die Beute der an der bloßen materiellen Welt hängenden Europäer werden konnten, daß sie aber sich bewahren konnten die Aufschau in die geistige Welt —, dann wird man sehen, im Orient haben wir solche Seelen. Ein besonders wichtiger Repräsentant ist Ihnen ja von mir oft in der Person des Rabindranath Tagore genannt worden. Aber dieser Rabindranath Tagore, der nicht einmal ein Eingeweihter, sondern bloß ein Intellektueller Asiens ist, hat in sich, ich möchte sagen, den ganzen Geist Asiens, und Sie können aus seiner Vortragssammlung «Nationalismus» vieles über diesen strebenden Geist Asiens entnehmen.

[ 7 ] Diese Seelen, die da drüben sind, denen fehlt aber jede innere Beziehung zu dem, was in Europa und in Amerika in bezug auf das äußere Leben getrieben worden ist. Ich erinnere noch einmal an etwas, das ich ja vor Ihnen schon ausgesprochen habe. Erst die letzten Jahrhunderte haben uns das gebracht, was man nennen kann die rein mechanistische Kultur. Sie finden heute noch in Geographiebüchern, daß die gesamte Erde bevölkert ist von etwa fünfzehnhundert Millionen Menschen. Das stimmt aber nicht, wenn man die Arbeit, die auf der Erde verrichtet wird, in Betracht zieht. Wenn, sagen wir, einmal ein Marsbewohner herunterkommen würde auf die Erde und er würde die Erdenbevölkerung zahlenmäßig in der folgenden Weise beurteilen, daß er zuerst fragen würde: Wieviel arbeitet auf der Erde ein Mensch, wenn man Rücksicht nimmt auf die Arbeitskraft, die er anwenden kann? — und weiter fragen würde: Wieviel wird insgesamt gearbeitet? — nehmen wir die Zahlen, die vor dem Kriege bestanden haben, die derzeitigen Zahlen kann man schlecht dazu gebrauchen, sie sind auch noch nicht da, dann würden, wenn man notieren würde, wieviel von Menschen auf der Erde geleistet wird, nicht fünfzehnhundert Millionen herauskommen, sondern zweitausend Millionen oder sogar zweitausendzweihundert Millionen Menschen als Erdenbevölkerung. Warum? Weil tatsächlich auf der Erde von Maschinen so viel Arbeitsleistung geliefert wird, daß das etwa siebenhundert Millionen Menschenleistungen gleichkommt. Würden die Maschinen nicht arbeiten und würde das, was die Maschinen leisten, durch menschliche Arbeitskräfte geleistet werden sollen, so müßten siebenhundert Millionen Menschen mehr auf der Erde sein. Ich habe das ausgerechnet aus der Menge der auf der Erde verwendeten Kohlen und dabei zugrunde gelegt eine tägliche Arbeitszeit von acht Stunden. Was ich gesagt habe, gilt für den Kohlenverbrauch ungefähr im Beginne des 20. Jahrhunderts und für eine Arbeitszeit von acht Stunden, so daß man sagen kann: Nach dem, was auf der Erde geleistet wird, sind eigentlich zweitausendzweihundert Millionen Menschen auf der Erde. — Aber, was da von rein mechanischen Arbeitsinstrumenten geleistet wird, das wird mehr oder weniger ganz in Europa und Amerika geleistet, in Asien heute nicht viel davon. Es hat ja auch dort begonnen, aber es ist noch ziemlich im Anfang geblieben, denn der Asiate hat noch keinen Sinn für diese Mechanisierung der Welt, es fehlt ihm ganz und gar der Sinn für das, was im Abendlande aufgegangen ist seit dem letzten Jahrhundert oder auch seit der Mitte des 15. Jahrhunderts. Aber da dürfen wir nicht bloß daran denken, daß mechanische Arbeit geleistet wird, sondern wir müssen auch daran denken, daß das ganze Vorstellungswesen der Menschen sich hinwendet nach dieser Mechanisierung der Welt. Es kann heute einer sagen: Um den Gotthardtunnel zu bauen, waren soundso viel Arbeiter nötig. Aber heute kann man nicht einen Gotthardtunnel bauen, ohne Differential- und Integralrechnung zu kennen, und die rührt von Leibniz her, die Engländer sagen von Newton; wir wollen uns darüber nicht streiten. Also würde der Gotthardtunnel oder der Hauensteintunnel hier in der Nähe nicht haben gebaut werden können, wenn nicht Leibniz einmal in seiner Studierstube die Differential- und Integralrechnung gefunden hätte. Das ganze Denken Europas seit Kopernikus-Galilei geht auf diese Mechanisierung der Welt hin. Lesen Sie einmal bei Rabindranath Tagore nach, wie sehr er diese Mechanisierung der Welt haßt.

[ 8 ] Aber wozu wird das führen müssen? Im Spiegel der geistigen Weltanschauung kann es gesagt werden: Alle diejenigen Seelen, die heute im Osten, in dem, was wir Osten nennen, verkörpert sind, die werden ihre nächste Verkörperung im Westen suchen. Die westlichen Menschen werden ihre nächste Verkörperung mehr im Osten suchen. Die Mitte wird eine Vermittlung bilden müssen. — Sagen Sie aber so etwas wie eine kulturhistorische Forderung, daß das ganze Erziehungswesen und dergleichen darauf angelegt werden soll, daß diese sich überkreuzende Seelenwelle über die Erde geht, sagen Sie so etwas den ganz gescheiten Menschen der Gegenwart, nehmen wir die Gescheitesten, die, welche von den Völkern auserwählt werden, um in die Parlamente zu kommen, dann werden Sie hören, daß Sie ein Narr sind, daß das ja ganz verrückt ist! Aber die Anerkennung dieser Wahrheiten muß ebenso die Menschen ergreifen, wie für frühere Zeiten dasjenige die Menschen ergriffen hat, was heute anthropologische Wahrheiten genannt wird; die Mischung der Rassen, die gegenseitige Verteilung der Rassen und so weiter. Es muß begonnen werden, alles, was früher bloß äußerlich physiologisch betrachtet worden ist, geistig zu betrachten. Es gibt ja gute Theosophen, die denken in Feieraugenblicken ihres Lebens daran, daß der Mensch in wiederholten Erdenleben lebt; es ist für sie ein Glaubensbekenntnis. Aber damit ist es nicht getan. Das ist, wenn man bloß an Reinkarnation und Karma als an einen Glaubensartikel glaubt, nicht mehr wert, als wenn man einen Wäschezettel macht. Wert bekommen diese Dinge erst, wenn man sie einfügt in das ganze Denken über die Welt und auch in das Handeln, in das ganze Gebaren und Gehaben in der Welt. Wert haben diese Dinge erst, wenn man kulturgeschichtlich damit rechnet. Und wenn man einmal diese Dinge nicht als etwas ansehen wird, dem man sich nur widmet in den Feieraugenblicken des Lebens, sondern mit dem man das Leben durchdringt, und wenn man wirklich im Ernste solche Gedanken hat — theosophisch spielen kann man selbstverständlich mit diesen Gedanken sehr viel —, dann wird man auch Sinn haben für die ordentliche Führung eines Kassen- oder Hauptbuches, für das Ausgestalten einer ordentlichen Hobelbank; man wird es auch nicht verschmähen, wenn man in die Notwendigkeit versetzt wird, selbst Schusterarbeit zu verrichten. Denn nur bei demjenigen, der drinnenstehen kann im praktischen Leben, der unter Umständen geschickt sein kann, wenn es darauf ankommt, überall zuzugreifen, bei dem ist der ganze menschliche Organismus so durchdrungen von innerer Geschicklichkeit, daß diese innere Geschicklichkeit sich auch auslebt in wirklich tragfähigen Gedanken.

[ 9 ] Das ist es, was durchdringen müßte die Gemüter. Es wird die Kultur durchdringen, wenn man sich bekanntmacht mit demjenigen, wovor die Menschen in der Gegenwart die allergrößte Furcht haben.

[ 10 ] Man kann sagen: Es bestehen heute zwei Dinge, welche auf zwei Angstzustände der gegenwärtigen Menschheit hinweisen — ich glaube nicht, daß Sie mir, wenn Sie mit innerem Wahrhaftigkeitsgefühl die Sache überschauen, Unrecht geben können. Das eine ist, daß über den weitesten Umkreis der zivilisierten Welt eine heillose Angst davor besteht, auf die wirklichen Kriegsursachen zu kommen. Man möchte da nicht hineinschauen, ja nicht seine Nase da hineinstecken, höchstens beim Gegner, aber ja nicht in der Heimat! Mit einzelnen wenigen Ausnahmen vermeiden es die Menschen, sich mit den eigentlichen Ursachen der furchtbaren Menschheitskatastrophe der letzten Jahre zu befassen, davor haben sie eine heillose Angst. Während des Krieges hat sich das sogar idealistisch ausgelebt. Da hat es Menschen gegeben, die stellten sich auf den Standpunkt: Von diesem Kriege wird ausgehen ein neues Menschenleben, eine neue Befruchtung der Ideale der Menschheit und so weiter. — Man wird viel studieren können über die Vorgänge der neueren Zeit, um hinter die eigentliche Ursache dieser Schreckenskatastrophe zu kommen. Dann wird sich aber nichts Positives ergeben als Inhalt dieses Krieges, sondern es wird sich das ergeben, daß die alten Kultur- und Zivilisationsformen morsch geworden sind, daß sie sich in dieser Kriegskatastrophe selber ad absurdum geführt haben, daß dieser Krieg gar nichts anderes bedeutet als das Sich-ad-absurdumFühren der Zivilisation, wie sie bis zu diesem Kriege eben war. Das ist das eine, wovor die Menschen eine heillose Angst haben, Angst vor einem äußeren Ereignis. So starke Angst haben sie, daß sie es heute überhaupt aufgegeben haben, wirklich noch von heute auf morgen zu denken. Denn daß zum Beispiel das, was man Versailler Frieden nennt, jemals eine Wirklichkeit gebären könnte, das konnte kein vernünftiger Mensch glauben, weder von der einen noch von der andern Seite. Und dennoch, weil man nur für heute, nicht für morgen denkt, ist dieses sonderbare Instrument zustande gekommen. Das ist ein äußeres Ereignis.

[ 11 ] Aber es gibt noch etwas anderes, das ist die Furcht, die die Menschen haben vor dem Vorrücken in immer größere und größere Bewußtheit des seelischen Lebens. Wenn es den Menschen nur irgendwie gerechtfertigt erscheint, aus dem Bewußtsein sich herauszuflüchten ins Unbewußte, dann sind sie froh. Wenn ihnen eine Weltanschauung auftritt wie diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, die gerade eine vollständige Ausbildung des Bewußtseins anstrebt und aus diesem vollständigen Ausarbeiten des Bewußtseins heraus zu ihren Wahrheiten kommen will, dann wollen die Menschen da nicht heran. Es ist ihnen zu schwer. Das erfordert Aktivität, das erfordert, daß man sich wirklich in bewegliches Geistesleben bringt. Das ist zu schwer.

[ 12 ] Aber die Menschen streben darnach, daß ihnen in heruntergestimmten Bewußtseinszuständen geoffenbart werde erstens, was Geistesleben ist, und zweitens, was im Menschen selber lebt. Wie viele Menschen, viel mehr als Sie denken, wollen sich heute nicht einlassen auf mit gesundem Seelensinn erfaßte geistige Wahrheiten. Aber wenn ihnen irgendwo durch eine mediale Gewalt, durch ein Medium dies oder jenes aus den geistigen Welten verkündet wird, dann fallen sie darauf herein. Da braucht man sich nicht anzustrengen, es zu begreifen. Das kommt auf unbewußte Art doch zustande, und das Unbewußte möchte man glauben. Das andere, was sich unmittelbar daranschließt, das ist die so kraß sich ausbreitende Psychoanalyse. Man glaubt gar nicht, wie sich diese Psychoanalyse in rasender Schnelligkeit in die Seelen der Menschen einnistet. Worin besteht sie? Sie besteht darin, daß allerlei medizinische Menschen sich heute auftun und — in Kürze ist es schwer zu sagen, ich habe ja öfter hier schon die Psychoanalyse analysiert — so etwas einrichten, wodurch das, was im menschlichen Seelenleben unterbewußt ist, heraufkommt ins Bewußtsein. Man läßt sich von den Menschen ihre Träume erzählen, erforscht, was sie früher erlebt haben an Enttäuschungen, an enttäuschten Wünschen und so weiter, was dann vergessen worden ist und Seeleninseln gebildet hat und so weiter, und man sucht auf diese Weise sich klar darüber zu werden, was im Menschenwesen eigentlich lebt. Besonders Gescheite haben herausgefunden, daß besonders viel in der Menschenseele lebt von dem, was in der ersten Kindheit sich in diese Seele einnistet an unnatürlichen Empfindungen und unnatürlichen Gefühlen, die dann hinuntergedrückt werden in das Unterbewußtsein; aber sie leben dann weiter im Menschen, der Mensch ist ihr Sklave. Der Ödipus-Mythos wird von diesen Leuten zurückgeführt auf die unnatürlichen Gefühle, welche jedes Kind haben soll zu seiner Mutter und so weiter. Klar sind sich diese Menschen nach ihrer Ansicht darüber, daß eigentlich jedes kleine Mädchen in den zartesten Kindesjahren eifersüchtig ist auf die Mutter, weil es den Vater liebt, und jeder kleine Knabe eifersüchtig ist auf seinen Vater, weil er die Mutter liebt. Daraus ergibt sich dann ein Empfindungskomplex, der zum Mythos umgebildet im Ödipus-Mythos auftritt und dergleichen mehr. Daß allerdings geistige Dinge hineinspielen, aber geistige Dinge, die mit dem Lichte des Bewußtseins durchdrungen werden müssen, das will man nicht glauben, davor fürchtet man sich. Diese Dinge in das Licht des Bewußtseins zu holen, davor fürchtet man sich. Man möchte alles in ein nebuloses Dunkel hinunterrücken. Ich habe Sie ja aufmerksam gemacht auf das Prachtbeispiel, welches immer wieder und wiederum auftaucht, wenn von Psychoanalyse die Rede ist: Eine Dame ist eingeladen zu einer Abendunterhaltung in einem Hause, in dem die Dame des Hauses kränklich ist und das Abschiedsfest gefeiert wird, weil sie in ein Bad reisen muß. Der Herr des Hauses bleibt zu Hause, die Dame des Hauses muß ins Bad. Die Abendunterhaltung ist zu Ende. Die Dame des Hauses ist schon zum Bahnhof spediert, die Abendgesellschaft geht fort und ist auf dem Heimweg. Eine Droschke, nicht ein Auto!, fährt um die Ecke herum, die Abendgesellschaft weicht links und rechts aus. Aber just die eine Dame, die ich eigentlich im Auge habe, weicht nicht nach links und nicht nach rechts aus, sondern bleibt mitten auf der Straße und läuft vor den Pferden her. Der Kutscher macht selbstverständlich einen furchtbaren Radau, aber die Dame läuft und läuft, und der Kutscher hat die größte Mühe, die Pferde zu zügeln, weil er die Dame überfahren könnte. Man kommt an eine Brücke. Die Dame, so recht ein Objekt für die Psychoanalytiker, wirft sich in den Strom hinein, die Abendgesellschaft selbstverständlich gleich nach, rettet sie. Was tut man mit ihr? Nun, selbstverständlich in das Haus des Gastgebers sie zurückbringen, das ist das nächste Auskunftsmittel.

[ 13 ] Der Psychoanalytiker hat nun diese Dame vor sich. Er läßt sich alles erzählen, was sie in der Jugend durchgemacht hat, und er kommt nun auch glücklich darauf, daß sie, als sie noch ein ganz kleines Mädchen war, einmal über die Straße gegangen ist und ein Pferd um die Ecke gekommen ist; da ist sie sehr erschrocken. Das ist in das Unterbewußte hinuntergesaust. Da unten ist es. Seither hat sie einen solchen Schrecken vor Pferden, daß sie auch jetzt auf der Straße vor den Pferden davonlief, nicht ausweicht, nicht rechts und nicht links. Das ist die isolierte Seelenprovinz, die sie hat, die Furcht vor dem Pferde, die im Unterbewußten haust.

[ 14 ] Es ist Ja etwas in diesem Unterbewußtsein, aber man muß dieses Unterbewußte mit dem Lichte gerade des geistesforscherischen Bewußtseins durchdringen. Dann kommt man darauf, daß dieses Unterbewußtsein bei gewissen pathologischen Voraussetzungen sehr schlau ist, daß unter dem gewöhnlichen individuellen Menschheitsbewußtsein allerdings nicht gerade die Grundlagen des Ödipus-Mythos sind, nicht gerade die Furcht vor dem Roß, das einem einmal über den Weg gelaufen ist, sondern ein gewisses Raffinement. Denn die Dame, die in jene Abendgesellschaft eingeladen war, wünschte natürlich nichts sehnlicher, als die Nacht in diesem Hause zuzubringen, nachdem erst die Dame des Hauses ins Bad entlassen worden war, und das beste Mittel für das Unterbewußte, die Sache einzurichten, war, die nächstbeste Gelegenheit zu ergreifen wäre es nicht das Roß gewesen, wäre es etwas anderes gewesen —, daß die Abendgesellschaft sie zurückbringen muß in das Haus. So hatte sie ihr Ziel ja erreicht. Sie würde selbstverständlich nach ihren Erziehungsgrundlagen, nach dem, was sie aufgenommen hat, niemals ihre Moralität so weit verletzt haben, so etwas zu tun. Im Oberbewußtsein ist sie nicht so schlau; aber im Unterbewußtsein sitzen viele raffinierte Antriebe, die sehr schlau sein können.

[ 15 ] Diese ganze sich ausbreitende Psychoanalyse, die so krasse Formen heute annimmt, an die, mehr als Sie denken, heute insbesondere die hoffnungsvolleren Intellektuellen glauben — ich sage das nicht im abträglichen Sinne, sondern sogar mit dem Tone der Wahrheit —, auf die sogar heute die Theologen schon die Religion aufbauen möchten, diese Psychoanalyse ist das andere Angstprodukt der Gegenwart. Man fürchtet sich vor dem Bewußtsein. Man möchte nicht, daß die Dinge im klaren Lichte des Bewußtseins erfaßt werden, sondern man möchte, daß das Wichtigste da unten im Unterbewußten haust, daß der Mensch beherrscht werde mit Bezug auf seine wichtigsten Dinge, namentlich in bezug auf seine religiösen Empfindungen. Lesen Sie das bei William James nach, dem Amerikaner. Denn ob es nun in einigen Gegenden Europas Psychoanalyse genannt wird oder ob es so genannt wird, wie William James, der Amerikaner, diese Dinge ausdrückt, das ist schon ganz gleichgültig. Es herrscht die Furcht vor dem Bewutßten. Man will das Wichtigste, das im Menschen lebt, nicht in seinem Bewußtsein haben. Da müßte der Mensch ja mehr denken, wenn er sich selber mit dem bewußten Willen dirigieren sollte. Es ist wichtig, daß der Mensch gerechtfertigt hat, daß er weniger denkt.

[ 16 ] Unsere Eurythmie, sie ist ganz und gar aus dem Bewußtsein heraus gearbeitet. Sie ist das Gegenteil alles Träumerischen. Die Leute haben allerdings Angst, sie sei dadurch weniger künstlerisch, weil sie das Künstlerische mit dem Traumhaften in Verbindung bringen. Das ist aber ein Unsinn. Beim Künstlerischen kommt es nicht darauf an, ob es aus dieser oder jener Region hervorgeholt ist, sondern daß es in seinen Formen, in seiner Ausgestaltung künstlerisch ist. Diese Eurythmie, die ganz und gar auf Überbewußtsein, auf das Gegenteil des Unterbewußtseins gegründet ist, wurde neulich von einem Herrn, wie mir gesagt worden ist, der nun auch ein Arzt ist, taxiert: Er habe viel Unbewußtes darin bemerkt. — Das ist natürlich ein Beweis dafür, daß der Herr von der Eurythmie nicht das Geringste verstanden hat. Gerade dasjenige, was der Lebensnerv anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft ist, das wird sehr wenig bemerkt. Und man wird es erst dann ganz bemerkt haben, wenn man wirklich durch diese Geisteswissenschaft eine solche innere Denk- und Empfindungs- und Willenserziehung durchmachen kann, daß einen das für das Leben nicht ungeschickter, sondern geschickter macht. Ich will ja nicht behaupten, daß heute alle, die Anthroposophie zu ihrem Glaubensbekenntnis gemacht haben, lebensgeschickte Menschen seien. Ein Glaubensbekenntnis bedeutet in dieser Beziehung nicht viel. Ich wage wirklich nicht zu behaupten, daß alle Anthroposophen lebensgeschickte Menschen seien. Aber sehen Sie, was in der realen Bewegung der anthroposophischen Gesellschaft sich äußert, das ist ja vielfach das, was von außen hineingetragen wird. Von innen hinausgetragen wird heute noch wirklich recht Weniges. Und erst dann wird die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft das für die Welt sein können, was sie sein soll, wenn nicht nur mystische Neigungen, Lebensfremdheit, falscher Idealismus, Tantentum — ich könnte auch sagen Onkeltum; nein, so ähnliche Dinge meine ich — hineingetragen werden, sondern wenn das hinausgetragen wird, was in der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft zu holen ist: eine Anregung des Seelenlebens, die in die Glieder übergeht, die den ganzen Menschen ergreift — nicht bloß das Glaubensbekenntnis — und dadurch die Menschen in die Angelegenheiten der Welt eingreifen können. Das ist es, um das es sich hauptsächlich handelt. Darin sollte man den ganzen Lebensernst suchen.