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Spiritual and Social Transformations
in Human Evolution
GA 196

1 February 1920, Dornach

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Spiritual and Social Transformations in Human Evolution, tr. SOL
  1. Geistige und soziale Wandlungen in der Menschheitsentwickelung

Neunter Vortrag

Ninth Lecture

[ 1 ] Bei dem, was ich heute sagen werde als weitere Ausführungen der letztgegebenen Betrachtungen, wird zu berücksichtigen sein, daß auch geisteswissenschaftlich etwas ganz Bestimmtes gelten muß über das Wirken der einzelnen Persönlichkeit in der Geschichte. Man hat gewöhnlich die Vorstellung, daß eine Persönlichkeit, sei sie eine künstlerische, sei sie eine staatsmännische, eine religiöse oder eine sonstige Persönlichkeit, die wirksam ist in der Geschichte, durch dasjenige wirkt, was sich auf dem Wege bewußt sich abspielender Impulse ausbreitet, und daß eine solche Persönlichkeit nur auf diesem Wege wirke. Und man betrachtet dann Fragen, die damit im Zusammenhange stehen, so, daß man darauf hinschaut: Was hat eine solche Persönlichkeit getan, was hat sie ausgesprochen, wie ist das unter die Menschen gekommen und dergleichen ?

[ 1 ] In what I am going to say today as a further elaboration of my recent reflections, it must be taken into account that, from the perspective of the humanities as well, there must be a very specific understanding of the role of the individual personality in history. People usually imagine that a personality—be it an artist, a statesman, a religious figure, or any other kind of personality who is active in history—acts through impulses that spread as a result of conscious processes, and that such a personality acts only in this way. And one then considers related questions by asking: What did such a personality do, what did they say, how did this reach the people, and so on?

[ 2 ] So einfach verhält sich gerade in den signifikantesten Fällen des geschichtlichen Werdens die Sache nicht, sondern es hängt dasjenige, was in der Menschheitsentwickelung wirksam ist, ab von den treibenden geistigen Kräften, die hinter dem geschichtlichen Werden stehen, und Persönlichkeiten sind gewissermaßen nur die Mittel und Wege, durch die gewisse treibende geistige Kräfte und Mächte aus der geistigen Welt heraus in unser geschichtliches Erdenwerden hereinwirken. Das widerspricht nicht dem, daß nicht auch vieles von der Individualität, von der Subjektivität solcher führender Persönlichkeiten hinauswirkte in weitere Kreise. Das ist ja selbstverständlich. Aber man bekommt von der Geschichte erst den richtigen Begriff, wenn man sich klar darüber ist, daß, wenn da oder dort ein sogenannter großer Mann dies oder jenes ausspricht, durch ihn sprechen die führenden geistigen Mächte der Menschheitsentwickelung und daß er gewissermaßen nur das Symptom dafür ist, daß gewisse treibende Kräfte da sind. Er ist das Tor, durch das diese Kräfte hereinsprechen in das geschichtliche Werden.

[ 2 ] Things are not quite that simple, especially in the most significant cases of historical development; rather, what is at work in human evolution depends on the driving spiritual forces that lie behind historical development, and personalities are, in a sense, merely the means and channels through which certain driving spiritual forces and powers from the spiritual world work their way into our historical earthly development. This does not contradict the fact that much also radiated outward from the individuality and subjectivity of such leading personalities into wider circles. That goes without saying. But one can only gain a proper understanding of history when one is clear about the fact that, when here or there a so-called great man utters this or that, it is the leading spiritual powers of human development that speak through him, and that he is, in a sense, merely a symptom of the presence of certain driving forces. He is the gateway through which these forces speak into the course of history.

[ 3 ] Wenn dann zum Beispiel irgendeine Persönlichkeit einer gewissen geschichtlichen Periode angeführt wird und man versucht, sie in ihrem Einflusse auf die ganze Konfiguration der Zeit zu charakterisieren, so bedeutet das nicht, daß man den Glauben erwecken wolle, wenn man geisteswissenschaftlich spricht, daß dieser Mann nur durch die Kraft seiner Persönlichkeit so gewirkt hat, wie es der Fall ist. Ich will ein Beispiel anführen. Nehmen wir an, es müsse für irgendeine Zeitepoche — wie wir es gleich nachher werden tun müssen — eine philosophische Persönlichkeit als besonders charakteristisch angeführt werden. Da könnte dann jemand kommen und könnte sagen: Ja, diese Persönlichkeit hat philosophische Werke geschrieben, sie hat aber doch nur auf einen gewissen Kreis gewirkt; ein weiterer Kreis von Menschen hat ja keinen Einfluß erfahren von dieser Persönlichkeit aus.

[ 3 ] If, for example, a particular figure from a certain historical period is cited and one attempts to characterize that person’s influence on the entire configuration of the era, this does not mean—when speaking from a spiritual-scientific perspective—that one wishes to give the impression that this person exerted such an influence solely through the power of his or her personality. Let me give an example. Let us assume that for a particular historical epoch—as we will have to do shortly—a philosophical figure must be cited as particularly characteristic. Someone might then come along and say: Yes, this figure wrote philosophical works, but they only influenced a certain circle of people; a broader circle of people was not influenced by this figure at all.

[ 4 ] Es wäre ganz falsch, diesen Einwand zu machen, weil die betreffende Persönlichkeit, wenn es auch eine philosophische Persönlichkeit ist, bloß der Ausdruck ist für gewisse Kräfte, die hinter ihr stehen, und von diesen Kräften sind dann die weiteren Kreise beeinflußt und beeindruckt worden. An dieser Persönlichkeit sieht man nur, was in der Zeit wirkt. Es könnte zum Beispiel das Folgende der Fall sein. Es könnte in einer Zeit irgendeine Geistesströmung, eine Geistesrichtung, in dem Unterbewußten weiter Kreise von Menschenseelen wirken. Bei einer Persönlichkeit könnte das so zum Ausdruck kommen, daß das, was weite Kreise, vielleicht ganze Völker, nur ahnen, diese einzelne Persönlichkeit besonders charakteristisch klar formuliert, aber es überhaupt nicht niederschreibt, vielleicht nur fünf, sechs andern Menschen sagt oder auch gar nichts sagt. Es könnte also dieser extreme Fall eintreten, daß man nach Jahrhunderten die Memoiren irgendeiner Persönlichkeit entdeckte, in denen Dinge stehen, die nicht auf literarischem Wege verbreitet worden sind, und dennoch könnten in diesen Memoiren die charakteristischsten Ideen und Kräfte gerade dieser Zeit drinnenstehen. In diesem Sinne habe ich auch immer Charakteristiken gegeben, wenn ich solche Charakteristiken versucht habe. Niemals wollte ich den Glauben erwecken, daß nur auf dem Wege der gewöhnlichen Propaganda Ideen von Persönlichkeiten aus wirken, sondern immer wollte ich darauf hinweisen, daß man die wirksamen Ideen formuliert findet an den einzelnen Persönlichkeiten. Dabei kommt natürlich in Betracht, daß dazwischen gehen kann der wirksame Einfluß solcher Persönlichkeiten. Es kann aber auch einmal durchaus das Umgekehrte der Fall sein. Von einer Persönlichkeit kann eine breite Wirkung ausgehen; aber es muß das andere ausdrücklich gesagt werden, damit gewisse Dinge nicht so genommen werden, daß man etwa sagt: Wenn jemand eine Persönlichkeit charakterisiert als bedeutsam für irgendeine Zeit, so charakterisiert er damit etwas, was nur in irgendeiner Ecke geschieht, während man doch ein Interesse daran hat, dasjenige charakterisiert zu hören, was in den breiten Massen vor sich geht. — Von diesen Gesichtspunkten aus bitte ich das zu betrachten, was ich heute sagen werde.

[ 4 ] It would be entirely wrong to raise this objection, because the figure in question—even if he is a philosophical figure—is merely the expression of certain forces that stand behind him, and it is these forces that have influenced and made an impression on wider circles. In this figure, one sees only what is at work in that era. The following, for example, could be the case. At a certain time, a spiritual current or a spiritual movement might be at work in the subconscious of broad circles of human souls. In the case of a particular individual, this might manifest in such a way that what broad circles—perhaps entire peoples—merely sense, this individual articulates with particular clarity and distinctiveness, yet does not write it down at all, perhaps sharing it with only five or six other people, or saying nothing at all. Thus, this extreme case could occur: centuries later, the memoirs of a particular individual might be discovered containing ideas that were never disseminated through literary channels, and yet these memoirs might contain the most characteristic ideas and forces of that very era. It is in this sense that I have always provided characterizations, whenever I have attempted to do so. I never wanted to give the impression that ideas from prominent figures exert their influence solely through conventional propaganda; rather, I always wanted to point out that the influential ideas are found formulated in the individual figures themselves. Of course, it must be taken into account that the effective influence of such figures may play a role in this. But the exact opposite may also be the case. A single figure can have a broad impact; but the other point must be explicitly stated so that certain things are not interpreted in such a way that one might say, for example: If someone characterizes a figure as significant for a particular era, they are thereby characterizing something that happens only in some niche, whereas one is actually interested in hearing a characterization of what is taking place among the broad masses. — I ask you to consider what I am going to say today from these perspectives.

[ 5 ] Es ist öfters von mir auseinandergesetzt worden, wie ein gewisser starker Sprung in dem geschichtlichen Werden der Menschheit vorliegt im 15. Jahrhundert. Derjenige, der das Seelenleben der zivilisierten Menschheit studiert, der findet, daß dieses Seelenleben im 16., 17. Jahrhundert radikal verschieden ist von dem Seelenleben im 10., 11., 12. Jahrhundert. Ich habe ja öfters darauf hingewiesen, wie es einer der unwahrsten Aussprüche ist, der aber immer wiederholt wird: die Natur oder die Welt, das Weltgeschehen mache keine Sprünge. — Solche Sprünge sind gerade an den bedeutsamsten Stellen der Entwickelung vorhanden. Und ein solcher Sprung in der Entwickelung der zivilisierten Menschheit ist eben der Übergang von der vierten nachatlantischen Zeit, die im 15. Jahrhundert zu Ende geht, zu der fünften, in der wir jetzt noch leben, an deren Anfang wir eigentlich erst stehen. Es wird in gewissem Sinne in der ganzen Gesinnungsweise, in den Gedankenformen der europäischen zivilisierten Menschheit anders nach dem 15. Jahrhundert; aber es wird bei den verschiedenen Nationen, bei den verschiedenen Völkern in einer andern Weise anders. Es treten gewisse Übergangserscheinungen in einer verschiedenen Weise auf bei den verschiedenen Völkern.

[ 5 ] I have often discussed how there was a certain significant leap in the historical development of humanity during the 15th century. Anyone who studies the spiritual life of civilized humanity will find that this spiritual life in the 16th and 17th centuries is radically different from that of the 10th, 11th, and 12th centuries. I have often pointed out that one of the most untrue statements—yet one that is constantly repeated—is that nature, the world, or world events do not undergo leaps. — Such leaps are precisely present at the most significant junctures of development. And one such leap in the development of civilized humanity is precisely the transition from the fourth post-Atlantean epoch, which came to an end in the 15th century, to the fifth, in which we still live today and at the very beginning of which we actually stand. In a certain sense, the entire mindset and thought patterns of civilized European humanity change after the 15th century; but this change manifests differently among the various nations and peoples. Certain transitional phenomena appear in different ways among the various peoples.

[ 6 ] Nun kann man das Geistesleben, in dem man heute drinnensteht, nicht verstehen, wenn man nicht eine Anschauung hat von dem, was seit dem 15. Jahrhundert in unserem Geistesleben nach und nach heraufzieht. Man muß an charakteristischen Punkten dieses neu heraufziehende Geistesleben fassen. Man kann aber natürlich immer nur einzelne Strömungen und einzelne Gesichtspunkte charakterisieren. Wenn man die Zeit, die diesem fünften nachatlantischen Zeitraum vorangeht, von dem Mysterium von Golgatha bis ins 15. Jahrhundert, betrachtet, so muß man sagen: Es wird ja von einem großen Teil der europäischen zivilisierten Menschheit in dieser Zeit versucht, ein Verständnis, ein religiöses Verständnis des Christentums zu gewinnen. Wer den Versuch macht, die einzelnen Anschauungen zu studieren, wie sie sich mit Bezug auf das Christentum in Europa vom 3., 4. Jahrhundert an bis ins 15. Jahrhundert ergeben haben, der wird finden, daß die Menschen dieses zivilisierten Europas all ihr Begriffsvermögen, ihr Empfindungsvermögen, alles, was sie aus ihrer Seele herausholen konnten, dazu verwendet haben, um in ihrer Art das Christentum zu verstehen, in ihrer Art ein Verständnis von dem zu gewinnen, was aus der Welt geworden ist durch das Mysterium von Golgatha.

[ 6 ] Now, one cannot understand the spiritual life we are currently living unless one has some sense of what has been gradually emerging in our spiritual life since the 15th century. One must grasp the characteristic features of this newly emerging spiritual life. Of course, one can only ever characterize individual currents and individual points of view. When one considers the period preceding this fifth post-Atlantean epoch—from the Mystery of Golgotha to the 15th century—one must say: During this time, a large part of civilized European humanity was striving to gain an understanding, a religious understanding, of Christianity. Anyone who attempts to study the various views—as they developed in relation to Christianity in Europe from the 3rd 4th centuries onward through the 15th century, will find that the people of this civilized Europe devoted all their intellectual faculties, their emotional capacities, and everything they could draw from their souls to understanding Christianity in their own way—to gaining, in their own way, an understanding of what the world had become through the Mystery of Golgotha.

[ 7 ] Nun treten nach dem 15. Jahrhundert ganz besondere Verhältnisse ein. Es kommt eigentlich da erst — und für denjenigen, der nicht jene Fable convenue betrachtet, die man gewöhnlich Geschichte nennt, sondern die wirkliche Geschichte, ist das ganz klar — dasjenige herauf, was man in weitesten Kreisen heute wissenschaftliche Denkrichtung nennt. Vorher war eigentlich etwas ganz anderes da. Was heute als das richtig Wissenschaftliche angesehen wird, das nimmt erst in dieser fünften nachatlantischen Periode seinen Anfang. Und dem wird eine ganz bestimmte Konfiguration aufgedrückt, und zwar, kann man sagen, aufgedrückt in verschiedener Weise. Es ist zwar immer derselbe Aufdruck, aber in verschiedener Prägung aufgedrückt im Westen, in Gegenden der westlichen Zivilisation, und etwas anders aufgedrückt in Gegenden der mitteleuropäischen Zivilisation. Und es ist heute der Zeitpunkt herangekommen, wo durchaus diese Dinge unbefangen betrachtet werden sollten, betrachtet werden sollten, ohne daß Nationalismus-Ideen die Betrachtungsweise in dem ungünstigen Sinne beeinflussen, wie ich das gestern schon charakterisiert habe.

[ 7 ] After the 15th century, very special circumstances began to emerge. It is actually only then—and for those who do not regard that “fable convenue” commonly called history, but rather real history, this is quite clear—that what is today widely referred to as the scientific way of thinking begins to emerge. Before that, something entirely different existed. What is today regarded as truly scientific only begins in this fifth post-Atlantean period. And a very specific configuration is imposed upon it—imposed, one might say, in various ways. It is, admittedly, always the same imprint, but it is imprinted in different ways in the West, in regions of Western civilization, and somewhat differently in regions of Central European civilization. And the time has now come when these matters should be viewed with an open mind—viewed without nationalist ideas influencing our perspective in the unfavorable way I described yesterday.

[ 8 ] Und da kommen wir eben, wenn wir an einer charakteristischen Persönlichkeitserscheinung betrachten wollen, wie diese neuere Zeit ihre geistige Signatur bekommen hat, auf eine solche Persönlichkeit wie die, die besonders charakteristisch ist für den Ausgang aus dem 16. in das 17. Jahrhundert, auf den englischen Philosophen Baco von Verulam. Unter denjenigen Menschen, die sich wissenschaftlich dünken, gilt ja Bacon als eine Art Erneuerer menschlicher Denkweise. Aber dieser Bacon ist ein Exponent, ein Symptom für etwas, was in der neueren Zeit herauftritt in der Geschichte in dem Sinne, wie ich das eben zum Ausdruck gebracht habe. Die ganze westliche Welt wird im Grunde genommen von einer gewissen Gesinnungswelle durchsetzt, und Bacon ist nur derjenige, der am klarsten diese Gesinnungswelle der westlichen Welt formuliert hat. Ohne daß es die Menschen wissen, lebt diese Gesinnungswelle in einzelnen. Die Art und Weise, wie sie denken, die Art und Weise, wie sie sich über die wichtigsten Angelegenheiten des Lebens ausdrücken, ist in Gegenden der westlichen Zivilisation baconisch, auch wenn die Menschen Bacon bekämpfen, wenn sie ein Entgegengesetztes sagen. Es kommt ja nicht so sehr auf den Inhalt an, den man irgendwelcher Weltanschauungsidee gibt, sondern es kommt auf die Art und Weise an, wie sich eine solche Weltanschauungsidee erstens zum Herzen des Menschen stellt, und dann, wie sie sich hineinstellt in die Impulse des weltgeschichtlichen Werdens.

[ 8 ] And so, when we wish to examine a characteristic personality trait to understand how this modern era has acquired its intellectual signature, we turn to a figure such as the one who is particularly emblematic of the transition from the 16th to the 17th century: the English philosopher Bacon of Verulam. Among those who consider themselves scholars, Bacon is regarded as a kind of innovator of human thought. But this Bacon is an exponent, a symptom of something that has emerged in recent history in the sense I have just described. The entire Western world is, in essence, permeated by a certain wave of thought, and Bacon is simply the one who most clearly articulated this wave of thought in the Western world. Without people realizing it, this wave of thought lives on in individuals. The way they think, the way they express themselves on the most important matters of life, is Baconian in parts of Western civilization, even when people oppose Bacon or say the opposite. After all, what matters is not so much the content one ascribes to any particular worldview, but rather the way in which such a worldview first takes root in the human heart, and then how it fits into the impulses of world-historical development.

[ 9 ] Man kann, um das, was ich eben ausgesprochen habe, ich möchte sagen, durch eine Paradoxie deutlicher zu machen, sagen: In unserer Zeit könnte jemand ein krasser Materialist sein und der andere ein krasser Spiritualist, und beide könnten ganz gut aus unserer materialistischen Zeit heraus ihre Ideen sagen — der Unterschied würde kein großer sein. Es kommt gar nicht so sehr darauf an, ob heute einer dem wortwörtlichen Inhalte nach sich zum Spiritualismus oder Materialismus bekennt, sondern es kommt darauf an, aus welchem Geiste heraus er das eine oder das andere tut. Denn der wortwörtliche Inhalt ist es nicht, der eigentlich wirkt, sondern der Geist, aus dem heraus irgend etwas ist. Der wirkt; nur wenn man ein Abstraktling ist, gibt man einzig und allein etwas auf wortwörtlichen Inhalt.

[ 9 ] To clarify what I just said—and I’d like to do so through a paradox—one could say: In our time, one person might be a staunch materialist and another a staunch spiritualist, and both could quite easily express their ideas within the context of our materialistic age—the difference would not be significant. It doesn’t really matter so much whether someone today professes to be a spiritualist or a materialist in the literal sense, but rather what spirit motivates them to do one or the other. For it is not the literal content that actually has an effect, but the spirit from which something arises. That is what has an effect; only if one is an abstract thinker does one attach importance solely to literal content.

[ 10 ] Nun ist zu bemerken, daß Bacon, wenn man wirklich auf das eingeht, was der Geist der Denkweise Bacons ist, den Versuch gemacht hat, mit den Geisteskräften, die besonders aufgetaucht waren seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, Erkenntnis der Menschheit zu begründen, Wissenschaft zu begründen. Die Erkenntniskräfte, die der Menschheit in der neueren Zeit zur Verfügung stehen, die sollten Wissenschaften werden. Es war eine wichtige Zeit, der Anfang des fünften nachatlantischen Zeitraumes, in dem Bacon aufgetreten ist. Es war sozusagen die Zeit, in der wirklich alles in Frage gestellt war; denn man konnte nicht in der alten Weise mit den Mitteln der alten Alchemie, der alten Astrologie, mit all den übrigen alten Mitteln, auch nicht mit der alten religiösen Denkweise weiter über die Weltenrätsel irgendwelche Ideen spinnen. Es war der Drang vorhanden nach Erneuerung. Worin drückte sich denn ganz charakteristisch dieser Drang aus? — Dieser Drang drückte sich darin aus, daß gerade in dieser Zeit ein Tiefstand war für alle wirklichen geistigen Erfassungskräfte der Menschheit.

[ 10 ] It should be noted that Bacon, if one truly considers the essence of his way of thinking, attempted to use the intellectual powers that had emerged particularly since the mid-15th century to establish human knowledge—to establish science. The powers of cognition available to humanity in modern times were to become the sciences. It was a significant time, the beginning of the fifth post-Atlantean epoch, in which Bacon appeared. It was, so to speak, the time when truly everything was being called into question; for one could no longer spin any ideas about the mysteries of the world in the old way—using the methods of ancient alchemy, ancient astrology, all the other ancient methods, nor even the old religious way of thinking. There was a drive for renewal. How, then, was this drive most characteristically expressed? — This drive was expressed in the fact that, precisely at this time, there was a low point for all of humanity’s true spiritual powers of comprehension.

[ 11 ] Bis in das 15. Jahrhundert hätte es eine Unmöglichkeit geschienen, so etwas wie das Mysterium von Golgatha mit bloßem auf das Sinnliche gerichteten Verstande begreifen zu wollen. Es war vielmehr eine Selbstverständlichkeit, daß so etwas wie das Mysterium von Golgatha nur als höchste Erscheinung unter andern begriffen werden müsse, mit höheren Erkenntniskräften als dasjenige begriffen wird, was als Natur um uns herum sich ausbreitet. Diese Erkenntniskräfte hatten noch eine gewisse Höhe, als das Mysterium von Golgatha geschah. Sie nahmen immer mehr und mehr ab in der Menschheitsentwickelung. Und als die neueste Zeit begann nach dem 15. Jahrhundert, hatten die Menschen keine geistigen Fassungskräfte mehr, sie hatten nur den auf das Sinnliche gerichteten Verstand.

[ 11 ] Until the 15th century, it would have seemed impossible to attempt to comprehend something like the Mystery of Golgotha with a mind focused solely on the sensory realm. Rather, it was taken for granted that something like the Mystery of Golgotha could only be understood as the highest manifestation among others—one grasped through higher powers of cognition than those used to comprehend the natural world that surrounds us. These powers of cognition still possessed a certain level of height when the Mystery of Golgotha took place. They diminished more and more as human development progressed. And when the modern era began after the 15th century, people no longer possessed spiritual powers of comprehension; they had only an intellect directed toward the sensory world.

[ 12 ] Mit dem auf das Sinnliche gerichteten Verstand suchte nun Bacon eine wissenschaftliche Gesinnung zu begründen. Und so wies er alle diejenigen Methoden des Forschens ab, die vorher als berechtigt anerkannt waren, und machte zuerst das Experiment als dasjenige geltend, auf das einzig und allein in der Hauptsache Wissenschaft gebaut werden sollte. Ein großer Teil der Welt steht heute noch auf diesem Standpunkt: Man muß experimentieren, man muß die Gerätschaften schaffen und experimentieren, und aus den Experimenten heraus müssen sich ergeben die Anschauungen über die Natur. — Vor dem Forum des Geistes angeschaut, heißt das: Ich habe hier einen Schmetterling; es ist mir zu kompliziert, diesen Schmetterling zu untersuchen, ich mache ihn aus Papiermache sehr täuschend nach und untersuche dann die Nachbildung aus Papiermache. — Das heißt im Grunde genommen doch dasselbe wie die Beobachtung der lebendigen Natur durch das tote Experiment, was nichts anderes ist, als die lebendige Natur durch den Leichnam für die Naturbeobachtung zu ersetzen. Auch wenn wir im physikalischen Laboratorium arbeiten, sollten wir uns bewußt sein, daß wir an Leichnamen der Natur experimentieren. Man muß selbstverständlich experimentieren, man muß auch am menschlichen Leichnam Untersuchungen machen. Aber man kann sich am menschlichen Leichnam keiner Illusion darüber hingeben, daß man eben nur den Leichnam vor sich hat. Beim Experiment aber gibt man sich der Illusion hin, daß es einem erst die Wahrheit überliefert. Aber niemand, der nicht in sich schon die geistige Intuition hat, um aus der lebendigen Natur in das Experiment dasjenige hereinzuergießen, um was es sich handelt, kann aus dem Experiment, dem toten Experiment irgend etwas, das für die lebendige Natur gilt, herausgewinnen.

[ 12 ] With a mind focused on the sensory, Bacon sought to establish a scientific mindset. And so he rejected all those methods of inquiry that had previously been recognized as valid, and asserted first and foremost that experimentation was the sole foundation upon which science should be built. A large part of the world still holds this view today: One must experiment; one must build the apparatus and experiment; and views about nature must emerge from these experiments. — Viewed from the perspective of the mind, this means: I have a butterfly here; it is too complicated for me to examine this butterfly, so I make a very lifelike replica of it out of papier-mâché and then examine the papier-mâché replica.” — This essentially amounts to the same thing as observing living nature through a dead experiment, which is nothing other than replacing living nature with a corpse for the purpose of natural observation. Even when we work in a physics laboratory, we should be aware that we are experimenting on the “corpses” of nature. Of course, one must experiment; one must also conduct investigations on human corpses. But when working with a human corpse, one cannot succumb to the illusion that one is dealing only with a corpse. In an experiment, however, one succumbs to the illusion that it is the experiment that first reveals the truth. But no one who does not already possess within themselves the spiritual intuition to pour into the experiment—from living nature—the very essence of what is at stake can gain anything from the experiment—the dead experiment—that applies to living nature.

[ 13 ] Damit aber ist angedeutet, daß die Baconsche Denkweise von vornherein darauf ausging, das Tote zum Erklärungsprinzip des Weltenwesens zu machen. Nun ist das Eigentümliche, daß man in jener Nachbildung des Lebendigen, die man im Experimente noch erreicht, Anhaltspunkte hat für Erklärungen der außermenschlichen Natur, daß man sich aber keiner Illusion hingeben soll, daß man durch irgend etwas Experimentelles wirklich etwas gewinnen kann, was aufklärt über den Menschen selbst. Alles Experimentieren führt von der menschlichen Wesenheit hinweg.

[ 13 ] This, however, suggests that Bacon’s way of thinking was, from the outset, aimed at making the inanimate the explanatory principle of the nature of the world. Now, what is peculiar is that in that imitation of the living—which one can still achieve through experimentation—one finds clues for explaining non-human nature; yet one should not succumb to the illusion that through any experimental means one can truly gain anything that sheds light on human beings themselves. All experimentation leads away from human nature.

[ 14 ] Daher ist es gekommen, daß in den Jahrhunderten, die seither verflossen sind und in denen sich jene Denkergesinnung, die in Bacon eine bestimmte Höhe erreicht hat, ausgebreitet hat, das Verständnis für den eigentlichen Menschen und sein Wesen verlorengegangen ist. Verlorengegangen ist das Verständnis für das, was eigentlich als treibendes, wirkendes Wesen im Innersten der Menschennatur selber enthalten ist.

[ 14 ] This is why, in the centuries that have passed since then—during which the school of thought that reached a certain height in Bacon has spread—an understanding of the true human being and his nature has been lost. What has been lost is an understanding of what is actually contained within the very core of human nature itself as a driving, active force.

[ 15 ] Nun kann niemand die großen Impulse des moralischen, des sozialen Wollens finden, ohne auf das Wesen der Menschennatur einzugehen. Daher ist auch das Verständnis für die Impulse des moralischen und sozialen Wollens in diesen Jahrhunderten verschwunden, verschwunden gerade aus Baconscher Denkergesinnung heraus. Daher geht parallel zu der Ertötung des Verständnisses für die Welt, wie sie von Bacon ausgeht, die bloße Nützlichkeitsmoral. Es ist geradezu eine Baconsche Definition: Gut ist das, was dem Menschen, entweder dem einzelnen menschlichen Individuum oder der ganzen Menschheit, nützlich ist.

[ 15 ] Now, no one can identify the great impulses of moral and social will without addressing the essence of human nature. That is why an understanding of the impulses of moral and social will has disappeared in recent centuries—precisely as a result of the Baconian mindset. Consequently, the mere morality of utility has developed in parallel with the erosion of an understanding of the world as conceived by Bacon. It is, in fact, a Baconian definition: Good is that which is useful to humanity—either to the individual human being or to all of humanity.

[ 16 ] So haben wir, ausgehend von der Baconschen Gesinnung — und sie war viel verbreiteter, als sich irgend jemand heute eine Vorstellung davon macht —, auf der einen Seite eine wissenschaftliche Denkergesinnung, die nur das Außermenschliche erfassen kann, auf der andern Seite eine Moral, die nur auf das ahrimanisch Nützliche geht. Bei Thomas Hobbes, einem Zeitgenossen Bacons, ist das in einem noch stärkeren Maße zum Ausdruck gekommen als bei Bacon selbst. Aber es hat sich dann diese Welle der Nützlichkeitsmoral ergossen in den bloßen Sinn für das Verständnis der außermenschlichen Welt, ergossen in all die Philosophen Locke, Hume und so weiter bis herauf zu Spencer und bis in die Naturwissenschafter von Newton bis Darwin. Wer am charakteristischsten studieren will, was aus der tonangebenden westlichen Welt heraus zur Konstituierung der neuesten Welle europäischer Gesinnung gekommen ist, der muß dort anfangen, muß ausgehen von der Baconschen Denkweise.

[ 16 ] Thus, based on Bacon’s mindset—and it was far more widespread than anyone today can imagine—we have, on the one hand, a scientific mindset that can grasp only what is outside of humanity, and on the other hand, a morality that focuses solely on what is useful in the Ahrimanic sense. In Thomas Hobbes, a contemporary of Bacon’s, this was expressed to an even greater degree than in Bacon himself. But this wave of utilitarian ethics then spilled over into the mere sense of understanding the non-human world, spilling over into all the philosophers—Locke, Hume, and so on—up to Spencer and into the natural scientists from Newton to Darwin. Anyone who wishes to study most characteristically what has emerged from the dominant Western world to constitute the latest wave of European thought must begin there; must start from the Baconian way of thinking.

[ 17 ] Nun ist aber mit dieser Baconschen Denker- und Moralgesinnung etwas ganz Bestimmtes verknüpft. Man kann nur das Außermenschliche mit ihr begreifen, man kann moralisch nur das finden, was dem Menschen und der Menschheit nützlich ist, das heißt, mit den Mitteln, mit denen man hier Wissenschaft und natürliche Moral anstrebt, gelangt man gar nicht in das Gebiet hinein, in welchem Religion west!

[ 17 ] However, there is something very specific associated with this Baconian way of thinking and moral outlook. One can only comprehend the superhuman through it; morally, one can only find what is useful to human beings and humanity—that is to say, using the means by which one here pursues science and natural morality, one does not even enter the realm in which religion exists!

[ 18 ] Was ist die Folge? Die Folge ist, daß unter denen, die Träger dieser Gesinnung sind, ein Bestreben entsteht, die Religion so zu lassen, wie sie vorher war, das heißt, sie historisch fortzupflanzen, ihr nicht aus einer neuen Wissenschaft des Geistes neue Elemente zuzuführen. Bacon hat ja die charakteristischste Anschauung vertreten, Wissenschaft dürfe nicht mit Religion irgendwie zusammengebracht werden, denn dadurch werde Wissenschaft phantastisch; und Religion dürfe nicht mit Wissenschaft irgendwie zusammengebracht werden, denn dadurch würde Religion heterodox. — Es soll also Religion schön ferngehalten werden von demjenigen Streben, das sich beim Menschen als wissenschaftliches Streben geltend macht. Die neuen Kräfte, die jetzt seit dem 15. Jahrhundert in der zivilisierten Menschheit tätig sind, führt man dem wissenschaftlichen Streben zu. Der Religion werden keine neuen Kräfte zugeführt. Sie soll fortkonserviert werden mit den Kräften, die ihr früher schon zugeführt wurden, denn man fürchtet sich vor den neuen Kräften, die ihr zugeführt werden könnten. Man fürchtet sich, daß sie heterodox würde, daß sie ihren eigentlichen Inhalt verlöre.

[ 18 ] What is the consequence? The consequence is that among those who hold this view, there arises a desire to leave religion as it was before—that is, to preserve it historically, without introducing new elements into it from a new science of the mind. Bacon, after all, held the most characteristic view that science should not be combined with religion in any way, for this would render science fanciful; and religion should not be combined with science in any way, for this would render religion heterodox. — Religion, then, is to be kept well apart from that striving which asserts itself in human beings as scientific striving. The new forces that have been at work in civilized humanity since the fifteenth century are attributed to scientific endeavor. No new forces are introduced into religion. It is to be preserved with the forces that were previously introduced into it, for people fear the new forces that might be introduced into it. There is a fear that it might become heterodox, that it might lose its true essence.

[ 19 ] Was mußte unter dem Einfluß einer solchen Denkergesinnung geschehen ? Was ist geschehen ? Das ist geschehen, daß man aus einer gewissen menschlichen Wahrhaftigkeit heraus Wissenschaft für die außermenschliche Welt anstrebte, aus einer gewissen Wahrhaftigkeit heraus Nützlichkeitsmoral anstrebte, daß man aber nicht aus dem, woraus man Wissenschaftlichkeit anstrebt, Religion anstreben will. Die soll davon gar nicht berührt werden. Die soll nichts zu tun bekommen mit dem eigentlichen wissenschaftlichen Streben, höchstens insofern man sie historisch betrachtet. Dadurch bekam man den Unterschied heraus zwischen Wissenschaft und geoffenbarter Religion. Dieser Unterschied kann auch etwas stärker ausgesprochen werden, er kann in der folgenden Weise ausgesprochen werden, dann ist er nur stärker ausgesprochen und deshalb unangenehmer für die Menschen, die die Wahrheit nicht gern hören; man kann ihn nämlich so charakterisieren: Nach der Wissenschaft strebt man ehrlich, nämlich nach jener Wissenschaft, die sich nur auf das Außermenschliche erstreckt. Nach einer Nützlichkeitsmoral strebt man auch ehrlich, wahrhaftig; aber man wendet dieses ehrliche, wahrhaftige Streben nicht auf die Religion an, die muß unangetastet davon bleiben, auf die darf die Wissenschaft nicht kommen. Ehrliche außermenschliche Wissenschaft, ehrliche Nützlichkeitsmoral — Religion als Heuchelei, Religion aus der Unwahrhaftigkeit heraus: das ist nur etwas schärfer ausgesprochen, daher unangenehm für diejenigen Menschen, die die Wahrheit nicht ungeschminkt hören wollen, der Unterschied zwischen Wissenschaft und geoffenbarter Religion. Aber dadurch, daß man solch eine Sache ja sehr weitgehend klar und scharf ausspricht, kommt man erst auf ihr Wesen. Und so ist das Charakteristischste dieser Denkrichtung, daß man vor der Anwendung der Wissenschaft auf die Religion zurückschreckte, daß man da nicht wollte, daß die Wissenskraft, die man in der Naturwissenschaft und dergleichen anwendet, in die Religion hineinspielt.

[ 19 ] What was bound to happen under the influence of such a mindset? What happened? What happened was that, out of a certain human sincerity, people sought science for the non-human world; out of a certain sincerity, they sought a utilitarian morality; but they did not wish to seek religion from the very source from which they sought scientific rigor. Religion is not to be affected by this at all. It is not to have anything to do with the actual scientific pursuit, except perhaps insofar as it is viewed historically. This led to the distinction between science and revealed religion. This distinction can also be expressed more strongly; it can be expressed in the following way—in which case it is merely stated more forcefully and is therefore more unpleasant for people who do not like to hear the truth; for it can be characterized as follows: One strives honestly for science—namely, for that science which extends only to the non-human realm. One also strives honestly and sincerely for a utilitarian morality; but one does not apply this honest, sincere striving to religion, which must remain untouched by it; science must not encroach upon it. Honest, non-human science, honest utilitarian ethics—religion as hypocrisy, religion born of insincerity: this is merely a sharper way of expressing the difference between science and revealed religion, which is why it is unpleasant for those who do not wish to hear the unvarnished truth. But it is precisely by articulating such a matter very clearly and sharply that one arrives at its essence. And so the most characteristic feature of this school of thought is that it shied away from applying science to religion, that it did not want the power of knowledge—which is applied in the natural sciences and the like—to intrude into religion.

[ 20 ] Diese Art von Denksignatur war gewissermaßen der westlichen Zivilisation natürlich. Sie ist ihr so natürlich, daß zahlreiche Menschen dieser westlichen Zivilisation überhaupt gar nichts anderes begreifen, als daß man ja nicht mit demselben Prinzip, mit dem man die Natur begreifen will, sich hinaufwende zu dem Religiösen. Für die westliche Welt ist das charakteristisch, ihr ist das ganz angemessen.

[ 20 ] This kind of intellectual signature was, in a sense, natural to Western civilization. It is so natural to it that many people in this Western civilization cannot conceive of anything other than that one should not turn to religion using the same principle by which one seeks to understand nature. This is characteristic of the Western world; it is entirely appropriate for it.

[ 21 ] Aber jetzt denken wir uns denselben Impuls nach Mitteleuropa verfrachtet. Ich kann das an einem charakteristischen Beispiel zeigen. Nicht immer geht es ja so, daß in einer so scharfen Opposition dieser Denkgesinnung opponiert wird, wie von Goethe dem Newtonismus opponiert wurde, sondern es findet auch das statt, daß der Darwinismus, der ganz nur auf das Außermenschliche gerichtet war und der zu gleicher Zeit nie etwas anderes begründen kann als eine Nützlichkeitsmoral, nun aufgefaßt wurde von einem so urmitteleuropäischen, sogar preußischmitteleuropäischen Menschen, wie Ernst Haeckel es war. Da bleibt die Sache nicht das, was sie bei Darwin ist. Bei Darwin sehen wir die Denkergesinnung des Bacon fortwirkend. Er betrachtet mit dem Darwinismus die natürliche Welt; aber er bleibt ein Gläubiger, wie Newton ein Gläubiger geblieben ist. Er bewahrt sich die alte Denkweise ruhig fort mit Bezug auf das bloße Religiöse. Wie ist das nun bei Haeckel? Haeckel nimmt in die ganze Seele den Darwinismus auf. Für ihn gibt es nicht die Möglichkeit der Zweiteilung, für ihn gibt es nicht die Möglichkett, die Religion unangetastet zu lassen. Er bekommt den Darwinismus, mit dem man eigentlich nur Außermenschliches begreifen kann, aber er wendet mit einem Furor religiosus ihn an gerade auf das Menschliche, und er macht eine Religion daraus. Es wird eine Einheit, es wird eine Religion daraus.

[ 21 ] But now let’s imagine that same impulse transported to Central Europe. I can illustrate this with a characteristic example. It is not always the case that this way of thinking is opposed with such sharp opposition as Goethe’s opposition to Newtonianism; rather, it also happens that Darwinism—which was directed entirely toward the non-human and which, at the same time, can never establish anything other than a utilitarian morality— was now embraced by a man as quintessentially Central European—even Prussian-Central European—as Ernst Haeckel was. In this case, the matter does not remain what it is with Darwin. In Darwin, we see the spirit of Bacon’s thought continuing to influence him. He views the natural world through the lens of Darwinism; but he remains a believer, just as Newton remained a believer. He calmly retains the old way of thinking with regard to the purely religious. How is this the case with Haeckel? Haeckel absorbs Darwinism into his very soul. For him, there is no possibility of a dichotomy; for him, there is no possibility of leaving religion untouched. He embraces Darwinism—which can really only be used to understand what is beyond human—but he applies it with a *furor religiosus* specifically to the human realm, and he turns it into a religion. It becomes a unity; it becomes a religion.

[ 22 ] Und so wirken die Impulse, die einmal da sind, überall. Die Impulse sind dieselben, aber sie wirken differenziert, spezifiziert nach den verschiedenen Gebieten. Im Westen verträgt man Darwinismus und Religion zusammen serviert ganz gut in der Weltentwickelung. Ernst Haeckel, der Mitteleuropäer, muß sie durcheinanderrühren und ein einheitliches Gericht daraus machen, weil es für ihn nicht geht, die Dinge nebeneinander zu haben. Bacon und seine Nachfahren bis Spencer und Darwin fürchten sich davor, daß die Religion, wenn man Wissenschaft auf sie anwendet, heterodox wird. Haeckel fürchtet sich nicht davor. Er macht die Religion so gut wie möglich, weil er dieselbe Wahrhaftigkeit, die er in der Wissenschaft geltend macht, seiner ganzen Auffassung nach auch in die Religion hineintragen muß. So ist es auf vielen Gebieten. Der Goetheanismus in Goethe selber schon hat ja innerlich opponiert gegen das Begreifen des bloß Außermenschlichen. Sie brauchen nur den Prosahymnus «Die Natur» zu nehmen, den Goethe um die achtziger Jahre mindestens gedacht hat, wenn er ihn auch nicht selber damals niedergeschrieben hat, der hier ja auch eurythmisch vorgeführt worden ist, und Sie werden sehen, für Goethe ist die Natur überhaupt nicht in einem solchen Sinne wie für Newton oder Darwin vorhanden, sondern sie ist innerlich beseelt, sie ist sogar mit Humor wirkend für ihn vorhanden: «... gedacht hat sie und sinnt beständig.» Und so hat Goethe das ganze Leben hindurch nur ins Konkretere und immer Konkretere solche Maximen ausgebaut, wie er sie in dem «Fragment» über die Natur niedergelegt hat. Neulich ist hier in einem Blatte ein sonderbarer Aufsatz erschienen, der sogar, ich glaube, in diesem Sonntagsblatt eine Fortsetzung erfahren hat, wo gesagt wird, daß ich, als ich in den neunziger Jahren in der Neuausgabe des «Tiefurter Journals» in den Schriften der Weimarer Goethe-Gesellschaft das «Fragment» über die Natur mit einer Erklärung herausgegeben habe, zu stark betont hätte, daß die Eigenschaften, die Goethe in dem Prosahymnus «Natur» verarbeitet habe, dann in seinen naturwissenschaftlichen Werken eine Rolle spielen. Es ist wirklich komisch, welcher Einwand da gemacht wird in jenem Aufsatz. Da wird gesagt, in diesem «Fragment» seien überhaupt nicht naturphilosophische Ideen, sondern religiöse Ideen darinnen, und man dürfe nicht die religiösen Ideen dieses Prosahymnus in den naturwissenschaftlichen späteren Ideen Goethes so wiederfinden, wie ich sie gefunden habe. — Da hat sich also ein Pedant — man weiß nicht, was man anderes sagen soll — einmal das Vergnügen gemacht, zu zerspalten das menschlich nach Verständnis Suchende, indem er den Leuten den Glauben einreden will, bei Goethe seien die naturwissenschaftlichen Ideen etwas anderes als die religiösen Ideen. Da wird von vornherein so deduziert, daß man sieht, wie diesem Herrn, der diesen Aufsatz geschrieben hat, der Baconismus in allen Gliedern liegt!

[ 22 ] And so, once these impulses are in place, they have an effect everywhere. The impulses are the same, but their effects vary, tailored to the different regions. In the West, Darwinism and religion are quite well tolerated when served together in the context of world development. Ernst Haeckel, the Central European, must mix them together and turn them into a unified whole, because for him it is impossible to have the two side by side. Bacon and his successors, up to Spencer and Darwin, fear that religion will become heterodox if science is applied to it. Haeckel is not afraid of this. He makes religion as good as possible, because, according to his entire worldview, he must carry the same truthfulness that he asserts in science into religion as well. This is the case in many fields. Goetheanism, even in Goethe himself, was already internally opposed to the conception of the merely superhuman. You need only take the prose hymn “Nature,” which Goethe had at least conceived around the 1880s—even if he did not write it down himself at that time—and which has also been presented here in eurythmy, and you will see that for Goethe, nature does not exist at all in the same sense as it does for Newton or Darwin; rather, it is inwardly animated, and for him it even exists as a force imbued with humor: “... . it thinks and ponders ceaselessly.” And so, throughout his entire life, Goethe developed such maxims—as he set them forth in the “Fragment” on nature—into ever more concrete forms. Recently, a strange essay appeared here in a newspaper—one that, I believe, even had a follow-up in this Sunday paper—in which it is claimed that when, in the 1890s, I published the “Fragment” on Nature with an explanatory note, I had overemphasized the fact that the characteristics Goethe had explored in the prose hymn “Nature” subsequently played a role in his works on the natural sciences. It is truly amusing what objection is raised in that essay. It is claimed that this “Fragment” contains no ideas of natural philosophy at all, but rather religious ideas, and that one should not seek to find the religious ideas of this prose hymn reflected in Goethe’s later scientific ideas, as I have done. — So a pedant—one doesn’t know what else to call him—has taken it upon himself to divide those who are humanly seeking understanding by trying to convince people that, in Goethe’s work, scientific ideas are something different from religious ideas. The deduction is made from the outset in such a way that one can see how Baconism runs through every fiber of this gentleman who wrote the essay!

[ 23 ] Kann man nun — so möchte ich jetzt die Frage stellen — auch an etwas anderem sehen, daß da in der modernen Zivilisation eine Differenzierung ist zwischen Wissenschaft und Religion? — Man kann es noch an etwas anderem sehen. Gewiß, auch in England, in dem Lande Bacons, gab es einen Wiclif und dergleichen; aber das hat nicht Einfluß gehabt auf die eigentliche Konfiguration der Zivilisation. In Mitteleuropa dagegen macht sich eigentlich in ganz besonderem Maße etwas geltend, was zum Beispiel nach Westen, nach Frankreich hin gar nicht einen erheblichen Einfluß genommen hat, indem nämlich, als die neuere Zeit, dieser fünfte nachatlantische Zeitraum heraufkommt, in Mitteleuropa nicht eine Opposition solcher Art geschieht wie in den westlichen Ländern, wo man wirklich in sehr sachgemäßer Weise Wissenschaft begründet, aber diese Wissenschaft nicht hineinreichen läßt in das religiöse Gebiet, das so fortvegetieren, nur die im alten Sinne geoffenbarte Religion bleiben soll, sondern es entsteht in Mitteleuropa in scharfer Weise gerade auf dem religiösen Gebiete die Opposition in der Reformation und daraus all das Unglückselige in der mitteleuropäischen Entwickelung, die Anzettelung des Dreißigjährigen Krieges durch die Jesuiten, alles das, was sonst noch geschehen ist als die Folgen dieses Unglückskrieges, und wiederum alles das, was weiter noch gekommen ist. Da sehen wir in diesem Mitteleuropa direkt auf dem religiösen Gebiete, daß der Impuls aus dem Zeitalter nach dem 15. Jahrhundert geltend war.

[ 23 ] Now—and this is the question I would like to ask—can we see from something else as well that there is a distinction in modern civilization between science and religion? — We can see it from something else as well. Certainly, even in England, the land of Bacon, there was Wycliffe and others like him; but that had no influence on the actual structure of civilization. In Central Europe, on the other hand, something is actually making itself felt to a very special degree—something that, for example, has not exerted any significant influence to the west, toward France—namely, that as the modern era, this fifth post-Atlantic period, dawns, there is no opposition of this kind in Central Europe as there is in the western countries, where science is indeed established in a very proper manner, but does not allow this science to penetrate the religious sphere—which is meant to continue vegetating, with only religion revealed in the old sense remaining—but rather, in Central Europe, a sharp opposition arises precisely in the religious sphere during the Reformation, and from this stems all the misfortune in Central European development: the instigation of the Thirty Years’ War by the Jesuits, everything else that occurred as a consequence of this disastrous war, and, in turn, everything that followed. Here, in Central Europe, we see directly in the religious sphere that the impulse from the era following the 15th century was at work.

[ 24 ] In den kleinsten und in den größten historischen Erscheinungen sieht man, daß derselbe Impuls vorhanden ist, aber verschoben ist, in einer andern Weise aus der menschlichen Seele, aus dem menschlichen Herzen hervorquillt. Aber nach und nach wird die westliche Welt führend, und nach und nach geschieht etwas sehr Bedeutsames. Je weiter wir in der nachgoetheschen Zeit das Geistesleben Mitteleuropas sich entwickeln sehen, desto mehr entfernt es sich gerade von Goethe. Goethe wird zwar von den Literarhistorikern und von andern Leuten noch studiert, nun ja, es entsteht sogar eine Goethe-Forschung. Aber Goethe lebt nicht in alledem. Was Goethe eigentlich als Impuls in die mitteleuropäische Zivilisation hat bringen wollen, Goethe und die Seinen, das versickert allmählich im 19. Jahrhundert. Und in diese mitteleuropäische Welt sickert langsam hinein, geradeso wie der Darwinismus zum Haeckelismus geworden ist, dasjenige, was die Impulse der westlichen Welt sind. Die westliche Welt verträgt diese Impulse ganz gut, aber die mitteleuropäische Welt verträgt sie nicht. Die mitteleuropäische Welt steht zwar empfänglich für die westlichen Impulse da, sie nimmt sie auf, aber sie verträgt sie nicht. Wir sehen auf der einen Seite Darwin, der zwar aus dem Prinzip, das eigentlich nur für das Außermenschliche gilt, in seinem letzten Werke auch eine Konsequenz für den Menschen gezogen hat, diese Konsequenz aber keineswegs bis zu jener Tragweite getrieben hat, wie das von Haeckel gemacht wurde. Bei Darwin wird gewissermaßen das Wissenschaftsprinzip gelassen bei dem Außermenschlichen. In Mitteleuropa aber geht es so, wie es beim Haeckelismus gegenüber dem Darwinismus geht: Es wird versucht, das ganze Leben mit einem solchen Impuls zu durchdringen. Man will nicht nebenher stehen lassen das nicht durchdrungene, zum Beispiel religiöse Gebiet, man will das auch mit dem Impuls durchdringen. Und so bei den andern Gebieten, die denselben Weg machen. Das haben diejenigen, die jetzt älter sind, ja selbst noch erlebt, wie der Parlamentarismus englischer Färbung sich über ganz Europa ergossen hat, mit Ausnahme von PreußischDeutschland, und wie er in Europa aufgenommen worden ist so wie der Darwinismus durch den Haeckelismus. Der Parlamentarismus, wie er in England lebt, ist für England ganz gut. Für diejenigen Länder Mitteleuropas, in die er dann übertragen worden ist, ist mit ihm solch eine Konsequenz verbunden worden wie durch Haeckel mit dem Darwinismus. Unter solchem Einflusse haben sich die neueren Zeiten ergeben.

[ 24 ] In both the smallest and the greatest historical phenomena, one sees that the same impulse is present, but shifted, welling up in a different way from the human soul, from the human heart. But little by little, the Western world takes the lead, and little by little, something very significant happens. The further we see the spiritual life of Central Europe develop in the post-Goethean era, the more it moves away from Goethe himself. Goethe is still studied by literary historians and others; indeed, a field of Goethe scholarship is even emerging. But Goethe does not live on in all of this. What Goethe—and his followers—actually sought to bring into Central European civilization as an impulse gradually seeps away in the 19th century. And just as Darwinism became Haeckelism, the impulses of the Western world are slowly seeping into this Central European world. The Western world tolerates these impulses quite well, but the Central European world does not. The Central European world is indeed receptive to Western impulses—it absorbs them—but it cannot tolerate them. On the one hand, we see Darwin, who—though in his final work he did draw a conclusion regarding human beings from a principle that actually applies only to the non-human world—by no means took that conclusion to the same extreme as Haeckel did. With Darwin, the scientific principle is, so to speak, confined to the non-human realm. In Central Europe, however, the situation is the same as that of Haeckelism in contrast to Darwinism: an attempt is made to permeate all of life with such an impulse. One does not want to leave aside the unpermeated realm—for example, the religious sphere—but rather to permeate that as well with this impulse. And so it is with other fields that follow the same path. Those who are now older have indeed experienced this themselves: how English-style parliamentarism spread throughout all of Europe—with the exception of Prussian Germany—and how it was received in Europe just as Darwinism was through Haeckelism. Parliamentarism, as it exists in England, is quite good for England. For those countries in Central Europe to which it was subsequently transplanted, however, it has entailed consequences similar to those brought about by Haeckelism in relation to Darwinism. Modern times have unfolded under such influence.

[ 25 ] Aber man kann tiefer gehen und die Erscheinungen, wie sie sich abgespielt haben, noch viel tiefer charakterisieren. Wir haben in der westlichen Welt außer Bacon eine auf die neuere Zivilisation großen Einfluß nehmende Persönlichkeit in Shakespeare. Für denjenigen, der das geistige Leben zu studieren in der Lage ist, weist der Baconismus und der Shakespearismus auf dieselbe außerirdische, aber im Irdischen repräsentierte Quelle hin. Beide nehmen denselben Weg in die neuere Entwickelung herein, und man weiß, daß die Inspiration für Bacon und Shakespeare aus derselben Quelle kommt. Das hat in der neueren Zeit, wo alles grob genommen wird, sogar dazu geführt, daß man die bekannte Bacon-Theorie aufgestellt hat, die natürlich so, wie sie aufgestellt worden ist, ein völliger Unsinn ist. Aber ganz aus derselben Quelle, aus der die Inspiration Bacon-Shakespeare stammt, stammen für Mitteleuropa, sogar von derselben Initiiertenpersönlichkeit ausgehend, die Geistesströmung von Jakob Böhme und von dem Süddeutschen Jacobus Baldus. Und viel mehr, als man glaubt, lebt in dem mitteleuropäischen Geistesleben das drinnen, was von Jakob Böhme stammt — wiederum eine solche Persönlichkeit, die nur formulierte dasjenige, was in weitesten Kreisen als Tatsache wirkte, wenn das auch nicht mit Jakob Böhmeschen Worten geschehen ist. Man muß sich nur klar sein darüber, daß ein gutes Stück der Goetheschen Metamorphosenlehre von Jakob Böhme herrührt, daß ein gutes Stück von dem, was in Goethes ganzer Organik ist, auf gewissen Umwegen, die man leicht nachweisen kann, auf dem Wege über Jakob Böhme an Goethe herangekommen ist. Und wenn auch Jacobus Baldus im einsamen Ingolstadt gelebt hat, so ist er eben gerade eine solche Persönlichkeit, die auf nicht viele Zeitgenossen gewirkt hat, die aber in charakteristischer Weise zum Ausdruck gebracht hat, was in weitesten Kreisen dieses neuaufgehenden neueren Zeitalters gedacht und gefühlt worden ist.

[ 25 ] But one can go deeper and characterize these events, as they actually unfolded, in much greater depth. In the Western world, aside from Bacon, we have in Shakespeare a figure who has exerted a great influence on modern civilization. For those capable of studying intellectual life, Baconism and Shakespeareanism point to the same otherworldly source, though represented in the earthly realm. Both follow the same path into modern development, and it is known that the inspiration for Bacon and Shakespeare comes from the same source. In modern times, when everything is taken at face value, this has even led to the formulation of the well-known Bacon theory, which, of course, as it has been formulated, is utter nonsense. But from the very same source from which the Bacon-Shakespeare inspiration originates—and even emanating from the same initiated personality—come, for Central Europe, the spiritual currents of Jakob Böhme and the South German Jacobus Baldus. And much more than one might think, what originates from Jakob Böhme lives on in Central European spiritual life—again, such a figure who merely articulated what was already operating as a fact in the widest circles, even if this did not happen in Jakob Böhme’s own words. One need only be clear that a good portion of Goethe’s doctrine of metamorphosis derives from Jakob Böhme, and that a good portion of what is found in Goethe’s entire organic worldview reached him, via certain detours that can easily be traced, through Jakob Böhme. And even though Jacobus Baldus lived in secluded Ingolstadt, he was precisely the kind of figure who did not influence many of his contemporaries, but who expressed in a characteristic way what was being thought and felt in the broadest circles of this dawning modern era.

[ 26 ] Aber bedenken wir die merkwürdige Tiefe, die in diesen Dingen liegt: Aus derselben Inspirationsquelle stammen der Baconismus und der Shakespearismus, Böhmetum, Balderum. Was von Jakob Böhme kommt, ist heute noch immer auf dem Grunde des mitteleuropäischen Strebens bemerkbar, aber es versickert. Dafür hat der Baconismus, ob in seiner eigenen Gestalt oder in der Gestalt des späteren Darwin, in Mitteleuropa einen bedeutenden Einfluß genommen, hat auch Shakespeare einen bedeutenden Einfluß genommen. Bedenken Sie doch nur, daß die ganze zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts, wenigstens der spätere Teil, stark von Shakespeare beeindruckt ist und im 19. Jahrhundert das mitteleuropäische Geistesleben stark von Shakespeare beeindruckt wurde, daß Goethe in seiner Jugend tief beeindruckt war und erst von den Achtzigerjahren an sich wieder emanzipiert hat vom Shakespearismus.

[ 26 ] But let us consider the remarkable depth that lies in these things: Baconism, Shakespeareanism, Böhmeanism, and Balderism all stem from the same source of inspiration. What comes from Jakob Böhme is still discernible today at the root of Central European aspirations, but it is fading away. In contrast, Baconism—whether in its own form or in the form of the later Darwin—has exerted a significant influence in Central Europe, as has Shakespeare. Just consider that the entire second half of the 18th century—at least its later part—was strongly influenced by Shakespeare, and that in the 19th century, Central European intellectual life was also strongly influenced by Shakespeare; that Goethe was deeply impressed by him in his youth and only began to emancipate himself from Shakespeareanism in the 1880s.

[ 27 ] Überall kann man denselben Weg nachweisen, überall sind die Impulse die gleichen. Aber sie wirken in verschiedener Weise. In Mitteleuropa wirken die Impulse so, daß sie versickern; die westlichen Impulse ergießen sich über das Außermenschliche. Sie machen das religiöse Leben zunächst überhaupt zu einem Heuchelwesen neben dem wissenschaftlichen Streben. Und da dieses westliche Element sich über die ganze moderne Zivilisation ausgießt, sehen wir, wie die Menschen bis heute nicht dazu gekommen sind, die geistigen Kräfte — die geistige Wissenschaft, die sich in der neueren Zeit hinstellen muß als aus der menschlichen Natur heraus stammend, ebenso wie die auf das Außermenschliche gehenden wissenschaftlichen Kräfte — anzuwenden auf das Religiöse. Neu zu begreifen ist, weil mit dem, was unberührtes Gebiet gelassen worden ist, niemals weitergewirtschaftet werden kann, neu zu begreifen, mit neuen Geisteskräften, ist das Christentum. Die alten Geisteskräfte sind abgebraucht, und wer heute glaubt, mit den alten Geisteskräften, die im Westlichen für das Religiöse anerkannt werden, irgendwie das Christentum begreifen zu können, der lebt in den furchtbarsten Illusionen. Das muß heute gesagt werden, daß eine neue Epoche der Menschheit kommen muß, durch welche das Mysterium von Golgatha selber neu begriffen werden muß mit neuen Geisteskräften. Denn alles, was darüber gesagt worden ist, ist abgebraucht, ist an seiner eigenen Absurdität angekommen, kann noch da oder dort geleimt werden, da oder dort so behandelt werden, daß man es als ein wissenschaftliches «Rührmichnichtan» behandelt, aber die Menschheit kann mit diesen Dingen nicht weiterleben. Die Menschheit braucht die Kraft, aus dem eigenen Innern die neuen Geisteskräfte hervorzuholen, die das Mysterium von Golgatha nun in einer neuen Weise begreifen.

[ 27 ] Everywhere one can trace the same path; everywhere the impulses are the same. But they take effect in different ways. In Central Europe, these impulses have the effect of seeping away; the Western impulses pour out over the non-human realm. They initially reduce religious life to a mere facade alongside scientific endeavor. And since this Western element has spread throughout modern civilization, we see how people have not yet managed to apply the spiritual forces—spiritual science, which in recent times must be recognized as arising from human nature, just as the scientific forces directed toward the non-human do—to the realm of religion. Christianity must be understood anew—because what has been left as untouched territory can never be further developed—it must be understood anew with new spiritual powers. The old spiritual powers are exhausted, and anyone who believes today that they can somehow comprehend Christianity using the old spiritual powers recognized in the West for religious purposes is living under the most terrible illusions. It must be said today that a new epoch for humanity must dawn, through which the Mystery of Golgotha itself must be understood anew with new spiritual powers. For everything that has been said about it has run its course, has reached its own absurdity; it can still be patched up here and there, treated here and there as a scientific “do-not-touch” subject, but humanity cannot continue to live with these things. Humanity needs the strength to draw forth from within itself the new spiritual powers that will now comprehend the Mystery of Golgotha in a new way.

[ 28 ] Das ist es, was die westliche Welt eingesehen hat, daß es ihr obliegt, sich umzusehen in diesen neuen Geisteskräften. Denn in dieser westlichen Welt hat man sich beschränkt auf das bloße Begreifen des Außermenschlichen. Dieses Außermenschliche wird niemals bis an den Menschen herangebracht werden können. Eine neue Geisteswissenschaft wird den Menschen zu begreifen haben, damit aber auch erst wiederum neue Ausblicke auf das Mysterium von Golgatha eröffnen. Was auf die bloße außermenschliche Welt geht, kann eine bloße Nützlichkeitsmoral erzeugen; aber eine solche Nützlichkeitsmoral wird niemals den Menschen zu seiner eigenen Würde bringen. Zu dieser Würde kann den Menschen nur eine Moral bringen, von der er weiß, sie wird ihm eingegossen durch übersinnliche Kräfte, die in seine Seele hereinwirken. Die können aber nimmermehr begriffen werden mit demjenigen, was man der religiösen Offenbarung in den westlichen Ländern gelassen hat. Da ist eine Erneuerung notwendig.

[ 28 ] This is what the Western world has come to realize: that it is incumbent upon it to explore these new spiritual forces. For in the Western world, people have limited themselves to merely comprehending the non-human realm. This non-human realm can never be brought within reach of human beings. A new spiritual science will have to understand human beings, and only then will it open up new perspectives on the mystery of Golgotha. What pertains to the purely extra-human world can give rise to a mere utilitarian morality; but such a utilitarian morality will never lead human beings to their own dignity. Only a morality of which the human being knows it is instilled in him by supersensible forces working into his soul can lead him to this dignity. But these forces can never be grasped through what has been left of religious revelation in Western countries. A renewal is necessary here.

[ 29 ] Die Fragen, die ich hiermit gestreift habe, scheinen in sehr, sehr über dem Alltagsleben gelegenen Gebieten zu leben, aber sie sind es nicht. Diese Fragen sind diejenigen, die heute den allerwichtigsten, weltgestaltenden Fragen zugrunde liegen, und niemand wird sich die große Frage: Wie stehen Ost und West, wie stehen Europa, Asien und Amerika? — beantworten können, der nicht zurückgehen will auf diese Dinge. Denn was wir heute erleben, ist letzten Endes die Konsequenz desjenigen, was in den menschlichen Seelen durch die Jahrhunderte vor sich gegangen ist.

[ 29 ] The questions I have touched upon here seem to lie in realms far, far removed from everyday life, but they do not. These questions are the very ones that underlie today’s most important, world-shaping issues, and no one will be able to answer the great question—How do the East and West stand in relation to one another? How do Europe, Asia, and America stand in relation to one another?—without going back to these matters. For what we are experiencing today is, in the final analysis, the consequence of what has been taking place in the human soul over the centuries.

[ 30 ] Es ist nur menschliche Denkbequemlichkeit, nicht bis zu diesen Dingen zurückgehen zu wollen. Daher kann man erleben, was ich nennen möchte jenen furchtbaren Herzschmerz, der einen überkommt, wenn man heute die Menschen reden hört über das große Unglück der Zeit, über andere Konfigurationen des gegenwärtigen politischen oder ökonomischen oder sonstigen Lebens, über die Angelegenheiten Asiens, Europas und Amerikas — sie aber reden hört wie die Blinden von der Farbe, weil sie nicht eingehen wollen auf dasjenige, was eigentlich diesen großen Fragen als das innerlich Pulsierende zugrunde liegt.

[ 30 ] It is merely human laziness of thought that makes us unwilling to go back to these things. That is why one can experience what I would like to call that terrible heartache that overwhelms one when, today, one hears people talking about the great misfortune of our time, about different configurations of contemporary political, economic, or other aspects of life, about the affairs of Asia, Europe, and America—yet they speak like the blind speaking of color, because they do not wish to delve into that which actually lies at the heart of these great questions as their inner pulse.