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Geistige und soziale Wandlungen
in der Menschheitsentwickelung
GA 196

14 Februar 1920, Dornach

Vierzehnter Vortrag

[ 1 ] Ich werde ganz kurz noch einmal wiederholentlich auf dasjenige aufmerksam machen, was ich gestern vor Ihnen hier vorgetragen habe, weil ich Weiteres, auf das Wesen des Menschen Bezügliches heute werde daranzuknüpfen haben. Das, was ich Ihnen gestern zu sagen hatte, bestand in folgendem: Wir haben unseren Blick gewendet zunächst auf die drei mehr der Erkenntnis gewidmeten Fähigkeiten der Menschenseele. Wir haben darauf aufmerksam gemacht, daß in dieser Menschenseele wesentlich drei erkennende Fähigkeiten sind, zunächst dasjenige, was Erinnerungsfähigkeit oder Gedächtnis ist, dann dasjenige, was Intelligenz ist, und dann dasjenige, was Sinnestätigkeit ist. Nun machte ich Sie darauf aufmerksam, daß diese drei Seelenfähigkeiten nur verstanden werden können, wenn man auf ihre Entwickelung blickt. Um das Gedächtnis zu verstehen, das verhältnismäßig eine der jüngeren Fähigkeiten der menschlichen Wesenheit ist, muß man aber doch den Blick zurückwenden zu Zeiten, in denen die Erde noch nicht dasjenige war, was sie heute ist, in denen die Erde ihre Entwickelung als der der Erde vorangehende Mond durchmachte. So daß die ersten Anlagen zu dem, was heute in uns Gedächtnisfähigkeit geworden ist, in der alten Mondenzeit zu suchen sind und dort aufgetreten sind nicht als Gedächtnis, sondern als die den Menschen durchsetzende traumhafte Imagination, die ich ja in andern Zusammenhängen öfter beschrieben habe. Was also bei jenen Wesen, aus denen der Mensch geworden ist, während der alten Mondenzeit traumhafte Imagination war, das ist während der Erdenzeit die Fähigkeit des Gedächtnisses geworden. Dieses Gedächtnis, sagte ich Ihnen, ist von allen erkennenden Seelenfähigkeiten am meisten verwoben mit der physischen Leiblichkeit. Die Intelligenz ist schon weniger verwoben mit der physischen Leiblichkeit. Sie ist mehr davon losgelöst in der Art, wie ich das gestern beschrieben habe. Um aber ihre ersten Anlagen zu entdecken, muß man weiter zurückgehen als bis zur alten Mondenzeit, man muß zurückgehen bis zur alten Sonnenzeit und findet dann die erste Anlage zu dem, was heute in uns als Intelligenz vorhanden ist, in der schlafenden Inspiration. Am weitesten zurückgehen muß man für dasjenige, was am meisten, wie ich gestern ausgeführt habe, losgelöst ist von unserer Leiblichkeit, obwohl man das am wenigsten glauben will aus der materialistischen Anschauung unserer Zeit heraus: Für die Sinnestätigkert muß man zurückgehen bis zur alten Saturnzeit. Und man findet als denersten Ursprung dieser Sinnestätigkeit beiden Wesen, aus denen nachher der Mensch geworden ist, eine dumpfe Intuition.

[ 2 ] Weiter haben wir gesehen, daß, indem wir diese drei Seelenfähigkeiten in uns tragen, wir in der Organisation, die zugrunde liegt diesen Seelenfähigkeiten, zugleich die Beherberger sind für Wesen höherer Hierarchien. So daß wir sind durch die Organisation unserer Sinnestätigkeit die Beherberger der Archai, der Zeitgeister. Die wohnen in unserer Menschlichkeit. Durch dasjenige, was wir an uns als Intelligenz haben, insofern diese Intelligenz gebunden ist an den Spiegelungsapparat in uns, der uns unsere Begriffe, unsere Ideen, die aber aus der geistigen Welt kommen, zurückstrahlt und sie uns so zum Bewußtsein bringt, sind wir die Beherberger der Archangeloi. Und durch dasjenige, was da arbeitet in unserer Organisation und unser Gedächtnis vermittelt, sind wir die Beherberger der Angeloi. So stehen wir mit der Vergangenheit durch unsere erkennenden Fähigkeiten in Beziehung, so stehen wir zu den Wesen höherer Hierarchien durch unsere erkennenden Fähigkeiten in Beziehung.

Blackboard Drawing
Blackboard Drawing

[ 3 ] Einem alten Gebrauche gemäß nennt man diese drei Fähigkeiten des Menschen die oberen Fähigkeiten. Und soll ich den Menschen vor Ihnen etwa schematisch entwerfen, soll ich Ihnen das Menschenbild wie in einem Schema vor Augen stellen, so müßte ich etwa das Folgende zeichnen als dieses Schema des Menschen. Ich müßte zeichnen zunächst die Fähigkeit der Sinnestätigkeit. Ich werde es so versuchen, indem ich einen weißen Untergrund mache (siehe Zeichnung, weiß schraffiert). Ich müßte zuerst die Sinnestätigkeit schematisch in der menschlichen Organisation zeichnen, müßte das etwa, damit ich das richtige Verhältnis herausbekomme, in dieser Weise zeichnen (blau). Die hauptsächlichste Sinnestätigkeit ist ja im Haupt entfaltet. Es ist allerdings der ganze Mensch von Sinnestätigkeit durchzogen, aber ich möchte zunächst die HauptSinnesorganisation hier einzeichnen (blau).

[ 4 ] Wollte ich einzeichnen die Intelligenz, so müßte ich diese in der folgenden Art einzeichnen, um sie zur Anschauung zu bringen: die Sinnestätigkeit mehr nach außen (blau); die Intelligenz (grün) hat ihren Spiegelungsapparat mehr im Gehirn. Tiefer liegt dann dasjenige, was dem Gedächtnis zugrunde liegt, schon sehr mit der körperlichen Organisation verbunden. In Wahrheit ist das Gedächtnis (rot) an die niedersten Nervenorganismen und an den übrigen Organismus gebunden. Übergänge könnte ich dann schaffen zwischen der Sinnestätigkeit und der Intelligenz, indem ich etwa noch hier (indigo) dieses als Übergang hineinzeichne. Sie wissen ja, daß wir auch Begriffe und Ideen haben, die gewissermaßen anschaulicher Natur sind. Während ich die Sinnestätigkeit als solche einzuzeichnen habe mit Blau, müßte ich hierher ein Indigo zeichnen als Übergang. Für die mehr abstrakten Begriffe würde ich Grün einzuzeichnen haben, und für dasjenige, was als gedächtnismäßige Begriffe in uns ist, würde ich als Übergang von Grün zu Rot durch das Orange zu zeichnen haben das Gelb. Auf diese Weise würde ich von außen nach innen gehend die menschliche Wesenheit in ihrer Organisation in bezug auf die Erkenntnisfähigkeit zu zeichnen haben. So bekommen Sie in der Aufeinanderfolge dieser Farben, wenn Sie sich die Organisation namentlich von Augen und Ohren blau nuanciert denken und indem die Sinnestätigkeit übergeht in die Intelligenz, das Indigo gegen das Grün hin, sich aufhellend durch das Gelb zum Rot zu dem Gedächtnis hin, eine Art Schema, das aber sehr stark die Wirklichkeit abschattet von dem, was menschliche Seelenerkenntnisfähigkeiten oder Erkenntnisfähigkeiten sind.

[ 5 ] Nun spielt in der menschlichen Natur alles durcheinander. Das ist es ja, was dem matertalistisch denkenden Menschen die Arbeit so schwer macht, daß in der menschlichen Natur alles durcheinander spielt. Man kann nicht schön fein säuberlich räumlich das eine von dem andern abgrenzen. Es ist auch in der menschlichen Natur nicht so abgegrenzt, aber man kann, wenn man eben schematisch zeichnen will, doch verhältnismäßig allerlei herausbekommen. So kann man in der Tat sehen, daß so, wie sich die Farbe Rot zu der Farbe Grün verhält, so verhalten sich durch ihre inneren Eigenschaften die Erinnerungsfähigkeit zur Intelligenzfähigkeit; und wie sich das Grün verhält zum Blau, so verhält sich die Intelligenz zur Sinnestätigkeit. Nun haben wir aber andere Fähigkeiten in der menschlichen Seele, Fähigkeiten, die bei uns als Erdenmenschen mehr oder weniger im strengsten Sinne an die physische Leiblichkeit gebunden sind. Dazu gehört zunächst das Fühlen. Während Gedächtnis, Intelligenz, Sinnestätigkeit stufenweise an das wachende Bewußtsein gebunden sind, ist das Fühlen schon etwas sehr 'Traumhaftes in der menschlichen Wesenheit. Das habe ich ja öfter ausgeführt. Während nun das Gedächtnis etwas ist, was in ferner Vergangenheit auf dem alten Monde seiner Anlage nach sich entwickelt hat, die Intelligenz auf der Sonne, Sinnestätigkeit auf dem Saturn, gehört das Fühlen, so wie wir es heute haben — obwohl schon Ansätze dazu früher während der Mondenzeit vorhanden waren, aber die kommen weniger in Betracht —, dem Erdenmenschen an. Es ist im wesentlichen etwas, was gebunden ist an die menschliche Erdenorganisation. Was wir als Erdenmenschen einorganisiert bekamen, machte uns eigentlich erst zum fühlenden Wesen. Aber so, wie das Gedächtnis etwas ist, was über seine erste Anlage hinausgegangen ist und auf der Erde auf eine höhere Entwickelungsstufe gekommen ist, und man es, wenn man übersinnliches Schauen genug dazu hat, dem Gedächtnis anerkennt, daß es gewissermaßen eine alte Fähigkeit des Menschen ist, erkennt man es dem Fühlen an, daß es erst in der Anlage vorhanden ist. Man schaut es dem, was der Mensch heute sein Fühlen nennt, an, wenn man das nötige Verständnis dafür hat, daß aus ihm in der Zukunft etwas ganz, ganz anderes wird. So wie wenn man als Beobachter während der alten Mondenzeit das träumende Imaginieren angeschaut hätte, man sich hätte sagen müssen: Daraus wird später das Gedächtnis des Menschen —, so muß man dem heutigen Fühlen gegenüber als Verstehender sagen: Wenn die Erde einmal nicht mehr sein wird, sondern etwas anderes aus ihr geworden ist, wenn aus der Erde der künftige Jupiter geworden ist, dann wird das Fühlen erst das geworden sein, was es werden kann. — Das Fühlen ist heute erst im Menschen etwas Embryonales, etwas, was als Keim vorhanden ist. Aus dem Fühlen wird erst aufgehen dasjenige, was aus ihm werden kann. $o tragen wir in dem Gefühle etwas in uns, was sich verhält zu dem, was es auf dem Jupiter wird, wie ein im Mutterschoße befindliches Kind sich zu dem nach außen geborenen Menschen verhält. Etwas Embryonales ist unser Fühlen, und es wird erst später während der Jupiterzeit dasjenige werden, was als vollständige, vollbewußte Imagination erblühen wird.

[ 6 ] Eine andere Seelenfähigkeit, die an unsere Organisation gebunden ist, ist die Begierde, das Begehren. Dieses Begehren ist noch viel embryonaler als das Fühlen. Alles, was in uns Begierdenwelt ist, das wird erst während der künftigen Venuszeit dasjenige werden, zu dem es heute keimhaft veranlagt ist. Unsere Begierden sind heute sehr stark an unsere Leibesorganisation gebunden. Sie werden sich loslösen. So wie unsere Intelligenz während der alten Sonnenzeit gebunden war an die Leibesorganisation der Sonne, wie ich sie beschrieben habe in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß», so ist die Begierdenwelt des Menschen heute an die Leibesorganisation gebunden. Sie wird losgelöst erscheinen von der Leibesorganisation während der künftigen Venuszeit, und sie wird dann auftreten als vollbewußte Inspiration.

[ 7 ] Am allerembryonalsten ist unter unseren Seelenfähigkeiten das Wollen. Das Wollen ist in Zukunft berufen, etwas ganz Gewaltiges, Kosmisches zu werden, etwas zu werden, wodurch der Mensch in der Zukunft dem ganzen Kosmos angehören wird, ein individuelles Wesen sein wird und dennoch seine individuellen Impulse als Weltentatsache ausleben wird. Das wird aber erst sein während der Vulkanzeit, wo das Wollen vollbewußte Intuition sein wird.

[ 8 ] Obere Fähigkeiten

Sinnestätigkeit Saturn [dumpfe Intuition] Archai
Intelligenz Sonne [schlafende Inspiration] Archangeloi
Gedächtnis Mond [traumhafte Imagination] Angeloi

[ 9 ] Untere Fähigkeiten: Soziale Welt

Fühlen Jupiter [vollbewußte Imagination] Mineralreich
Begehren Venus [vollbewußte Inspiration] Pflanzenreich
Wollen Vulkan [vollbewußte Intuition] Tierreich

[ 10 ] So gehören wir durch unser Fühlen, Begehren und Wollen wiederum Zukunftszeiten an. Diese Fähigkeiten sitzen in uns, indem der Mensch durch sie vorbereitet wird für seine zukünftige Wesenheit. Aber auch da stehen wir mit der Welt in einem Verhältnisse, in dem diese Fähigkeiten des Menschen ihre Beziehungen haben zur Umwelt. So wie in bezug auf die geistige Umwelt Gedächtnis, Intelligenz und Sinnestätigkeit zu den Angeloi, Archangeloi, Archai in Beziehungen stehen, so steht zur physischen Umwelt Fühlen, Begehren und Wollen in Beziehung, aber so, daß unser Fühlen so in Beziehung steht zu der Welt, die uns umgibt, daß es während der Erdenzeit nach und nach aufzehrt die mineralische Welt. Alles dasjenige, was mineralische Welt um uns herum ist, wird mit dem Ende der Erdenzeit verschwinden, und die Kräfte, welche vom Menschen aus die mineralische Welt aufzehren werden, das sind die Gefühlskräfte. So daß wir ein besonderes Verhältnis des Fühlens zum Mineralreich annehmen müssen (siehe Schema). Fin besonderes Verhältnis des Begehrens müssen wir zum Pflanzenreich annehmen. Wie es auf dem Jupiter, der da als zukünftiger Planet die nächste Verkörperung unserer Erde sein wird, kein Mineralreich geben wird, weil während des Erdendaseins das Fühlen das Mineralreich aufgezehrt haben wird, so wird es während der Venuszeit kein Pflanzenreich mehr geben, weil das menschliche Begehren während der Jupiterzeit dieses Pflanzenreich aufzehrt, und das menschliche Wollen wird während der Venuszeit das Tierreich aufzehren. Und wenn herangerückt sein wird die Vulkanzeit, wird diese künftige Vulkanverkörperung unserer Erde die drei Reiche nicht mehr enthalten, sondern nur dasjenige von den jetzigen Reichen, was dann aus dem Menschenreiche geworden sein wird.

[ 11 ] Demgegenüber, was ich Ihnen jetzt gesagt habe, können Menschen kommen aus der Gegenwart und können sagen: Mich interessiert das wenig, was ich da einmal war mit meinem Erinnern, mit meiner Intelligenz und mit meiner Sinnestätigkeit auf dem guten alten Saturn und der Sonne und dem Monde; ich freue mich meines Daseins als Erdenbürger, was kümmert mich dasjenige, was die Dinge, von denen ich nichts mehr weiß, auf früheren planetarischen Verkörperungen unserer Erde durchgemacht haben? Das interessiert mich nicht! Und erst recht interessiert es mich nicht, was aus meinem Fühlen, das mich jetzt gar sehr interessiert, einmal auf dem Jupiter wird oder gar auf der fernen Venus, was da aus meinen Begierden wird. Diese Begierden, die treiben mich jetzt, aber die Dame Venus, die interessiert mich jetzt noch nicht, denn sie ist Ja keine gegenwärtige, und ich interessiere mich nur für gegenwärtige Damen. Und so, nicht wahr, erst mit dem Wollen in einer so fernen, fernen Zukunft!

[ 12 ] Gewiß, so empfinden viele Menschen der Gegenwart, und es ist die Kultur sehr, sehr dafür, daß sie am liebsten alles dasjenige, was geltend machen will von der Gegenwart an diese Erkenntnis, verschlafen möchten, daß sie nicht wach werden möchten gegenüber diesen Erkenntnissen. Aber die Menschenentwickelung wird sich nicht führen lassen in die Zukunft hinein, ohne solche Erkenntnisse zu haben. Denn es ist tief richtig, daß im menschlichen Organismus, im physischen, im seelischen, im geistigen Organismus alles durcheinander wirkt; aber man muß doch auch die Dinge unterscheiden können. Wie da die oberen Fähigkeiten schematisch aufgezeichnet werden konnten, von der Sinnestätigkeit einrückend bis zur Erinnerung, so kann ich jetzt die unteren speziell auf der Erde gebildeten Fähigkeiten hier einzeichnen (siehe Zeichnung Seite 213). Das muß ich dann in der folgenden Weise tun: Ein etwas tieferes Rot- ich habe hier die Unterschiede leider nicht — würde unserem Fühlen entsprechen. Aber dieses Fühlen, das erstreckt sich in die Intelligenz, in die Sinnestätigkeiten überall hinein, auch durch das Gedächtnis hindurch. Ich müßte dann, wenn ich die Begierdentätigkeit zeichne, ein eigentliches Rotviolett zeichnen. Und wollte ich das Wollen, so wie es heute ist, zeichnen, so müßte ich ein Blaugrün zeichnen. So daß der Mensch ein Doppelwesen ist, ein oberer Mensch (Kreis oben), der im wesentlichen Erkennender ist, und ein unterer Mensch (Kreis unten), der im wesentlichen Begehrender ist, Fühlen und Wollen als die beiden Pole des Begehrens betrachtet.

[ 13 ] Nun wirkt in der Tat beim Erdenmenschen dasjenige, was der untere Mensch ist, in den oberen Menschen hinein, sowohl das Wollen, wie das Begehren, wie das Fühlen, wirken in den oberen Menschen hinein (Pfeil aufwärtsgehend T). Mit andern Worten, unsere Sinnestätigkeit ist eine solche, daß wir in ihr haben alles dasjenige, was aus der dumpfen Intuition des alten Saturn nach und nach geworden ist. Aber würden wir in uns durch unsere Augen, durch unsere Ohren, nur dasjenige tragen, was aus der dumpfen Intuition des alten Saturn kommt, so wären wir recht trockene Wesen. Wir nähmen, wie durch automatisch wirkende Sinne, die äußere Welt wahr. Wir dächten nüchtern und trocken über diese äußere Welt, und wir erinnerten uns ohne Wärme an dasjenige, was wir erlebt haben. Daß wir dasjenige, was wir erlebt haben, als unsere eigene Angelegenheit erleben, daß wir gewissermaßen nicht bloß in unsere Erlebnisse hineinblicken mit Gleichgültigkeit und uns an sie erinnern, unser persönliches Leben wie die einzelnen Steine eines Kaleidoskops anschauend, das macht, daß in unsere erinnerten Gedanken, in unser intelligentes Wesen, in unsere Sinneswahrnehmungen, unser Fühlen, Begehren und Wollen aufsteigen. Indem wir die Dinge äußerlich anschauen, gefallen sie uns. Sie gefallen uns durch unser Begehren, durch unser Fühlen oder durch unser Wollen. Indem wir denken, denken wir nicht bloß nüchtern und trocken, sondern wir bringen einen gewissen Enthusiasmus in unsere Ideen hinein. Den würden wir nicht hineinbringen, wenn wir nur dasjenige hätten, was uns die Sonne als Intelligenzkraft gegeben hat, den haben wir in unserem Denken dadurch drinnen, daß uns die Erde ausgestattet hat mit Wollen, Begehren und Fühlen, wenn diese auch jetzt embryonal sind. Ebenso auch bei der Erinnerungsfähigkeit. In unsere oberen Seelenfähigkeiten spielen immer diejenigen hinein, die man einem alten Gebrauche gemäß die unteren Fähigkeiten nennt, weil sie mehr an den Leib gebunden sind. Das wollen wir zunächst festhalten. In unsere oberen Seelenfähigkeiten, die uns wie ausgetrocknete Därme in die Welt hineinstellen würden, wenn sie bloß dasjenige wären, was sie durch Saturn, Sonne und Mond geworden sind, leuchten und glühen die unteren Seelenfähigkeiten, das Wollen, Begehren und Fühlen hinein, und wir werden warme, fühlende Menschen, auch wenn wir denken. Es gibt allerdings heute eine ganze Menge von Menschen, die Objektivität dadurch anstreben, daß sie aus ihrer Intelligenz das Fühlen, das Begehren herauswerfen; aber das ist entweder bloß eine Illusion, wenn die Leute glauben, daß sie aus der Sinnestätigkeit, der Intelligenz und der Erinnerung die niederen Seelenfähigkeiten herauswerfen können, oder wenn man sie wirklich herauswirft — zu einem gewissen Teile kann man das ja nur —, dann wird man aber auch danach! Es gelingt nämlich immer nur bis zu einem gewissen Grade, die unteren Seelenfähigkeiten aus den oberen herauszuwerfen. Man kann sie zum Beispiel herauswerfen, wenn man auf das Katheder tritt und den Füchsen und andern, späteren Studenten allerlei Wissenschaften auseinandersetzt. Da kann man aus der Intelligenz herauswerfen die niederen, die eigentlich irdischen Seelenfähigkeiten. Aber man kann sie nicht ganz herauswerfen. Kommt man dann von seinen Philosophien nach Hause und schmeckt einem das Mittagsmahl nicht, dann durchziehen reale Begierden und Gefühle, indem man über dasjenige, was die Hausfrau bereitet hat, schimpft, die Intelligenz, und namentlich auch die Sinnestätigkeit des Geschmacks, des Geruchs und so weiter. So besteht manchmal ganz durcheinander in dem Menschen der trockene Philister, der aus seinen oberen Seelenfähigkeiten die niederen herausgeworfen hat, und der recht sehr des Enthusiasmus fähige Mensch, wenn ihm irgend etwas verpfeffert oder versalzen oder gar angebrannt oder sonst in irgendeiner Weise nicht richtig gekocht ist!

[ 14 ] Unsere niederen Seelenfähigkeiten müssen in die höheren Seelenfähigkeiten hineinspielen. Aber es besteht tatsächlich gerade seit dem Anfange des fünften nachatlantischen Zeitraumes, seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, eine Entwickelungswelle in der Menschheit, reiner und immer reiner zu machen die Sinnestätigkeit, die Intelligenz, und später wird das auch kommen in bezug auf das Gedächtnis. Das ist heute noch nicht davon ergriffen. Man will diese Eigenschaften freimachen, ja man will, daß nicht nur dasjenige, was ich eben erwähnt habe von dem trockenen Philister — das kommt nur davon her, daß dieser trockene Philister in der Tat mehr ergriffen ist von dem, was die menschliche Natur im allgemeinen doch macht —, sondern daß das Physische des Menschen überhaupt vertrocknet, wie ich schon ausgeführt habe in einer früheren Betrachtung, und immer weniger und weniger die höheren Seelenfähigkeiten wird erwärmen und durchleuchten können. Sie werden dann tatsächlich jenes Ausgetrocknete werden, wenn sie nicht erfüllt werden von dem, was aus geistiger Offenbarung kommen kann.

[ 15 ] Wir müssen in der Tat Sinnestätigkeit, Intelligenz und Gedächtnis in den folgenden Entwickelungsstadien der Erde befruchten mit dem, was aus der geistigen Welt heraus sich offenbart, weil die eigentliche Erdengabe, die da kommt für diese höheren Fähigkeiten als Wollen, Begehren und Fühlen, weil die allmählich vertrocknet. Wir wollen nicht bloß abfällig kritisieren den steifen Philister, wie wir es gerade getan haben, sondern wir wollen zu gleicher Zeit zugeben, daß er ein Pionier ist der Zukunftsvertrocknung unserer höheren Seelenfähigkeiten, daß er dasjenige, was die ganze Menschheit befallen wird, schon in seinem Leibe empfindet; nur empfindet er heute noch selten die Notwendigkeit, daß das ersetzt werden muß durch geistige Offenbarung. Es muß ersetzt werden durch geistige Offenbarung. Es muß der Mensch, so wie er bisher gewohnt war, das Hinaufströmen (Pfeil aufwärts) von Wollen, Begehren und Fühlen in Gedächtnis, Intelligenz und Sinnestätigkeit zu erleben, von oben herunter erleben die Offenbarungen der geistigen Welt durch Geisteserkenntnis (Pfeil abwärts, rechts oben), damit seine Sinnestätigkeit, seine Intelligenz, sein Gedächtnis mit dem angefüllt werden können, mit dem sie nicht mehr angefüllt werden, indem unser physischer Leib bei der Erdendekadenz immer mehr und mehr vertrocknet.

[ 16 ] Halten wir das zunächst einmal fest, daß wir einer Zeit entgegengehen, in der alles dasjenige, was der Mensch betätigt durch die Sinneserfahrung, durch die Intelligenz, durch das Gedächtnis, geistige Offenbarung in seinem Innern empfangen muß, damit die Menschheitskultur vorwärtsschreiten kann. Wenden wir uns jetzt den niederen menschlichen Fähigkeiten, die heute erst embryonal vorhanden sind, zu. Diese niederen menschlichen Fähigkeiten sind diejenigen, die uns vorzugsweise in ein Verhältnis zu unserer Umwelt bringen. Sogar innerlich stehen sie ja zur Umwelt in Beziehung zum mineralischen Reich, Pflanzenreich, Tierreich, aus denen unsere Umwelt besteht. Indem wir fühlen, fühlen wir über die Dinge unserer Umwelt; indem wir begehren, begehren wir die Dinge unserer Umwelt; indem wir wollen, greifen wir direkt in das handelnde Wesen unserer Umwelt ein. Da stehen wir ganz drinnen in unserer Umwelt. Und was, wenn wir fragen, lebt sich denn in dem aus, was wird aus Fühlen, Begehren und Wollen der Menschen, die auf der Erde zusammenleben?

[ 17 ] Wenn Sie alles dasjenige mit einem geistigen Blicke umfassen, was man die soziale Welt nennt, sie ist ganz das Ergebnis von Wollen, Begehren und Fühlen der zusammenlebenden Menschen. Und dasjenige, was wir fühlend erleben als Menschen, was Menschen voneinander und von der Natur begehren und was gehandelt wird aus dem Wollen heraus, das ist eigentlich Außenwelt. Indem wir begehren, gehören wir viel mehr, als wir glauben, der sozialen Ordnung an. Wir werden zu begehrenden Wesen gemacht durch unsere Stellung in der sozialen Welt, und unser Wollen greift überall so in die soziale Welt ein, daß dasjenige, was in der sozialen Welt geschieht, aus unserem Wollen heraus geschieht. Daher lebt in dem, was wir soziale Lebensordnung nennen, ein selbständiges Leben das, was Menschen fühlen, begehren und wollen. Die heutige Sozialdemokratische Partei sagt: Dasjenige, was da außen lebt, ist das Ergebnis einer Wirtschaft, der wirtschaftlichen Kräfte, wie sie sich entwickeln. — Nein, was da außen lebt, ist die Verobjektivierung von Fühlen, Begehren und Wollen der in Sozietät zusammenlebenden Menschen. Dasjenige, was zuerst im Menschen als Fühlen auftritt, das schafft Zustände, die dann das soziale Leben der Menschen bedingen; ebenso das Begehren und erst recht das Wollen. Aber alles steht in der Menschennatur im Zusammenhange. Da unten sind die Farben eingezeichnet, welche entsprechen dem Fühlen, Begehren und Wollen. Die intelligenten Eigenschaften, die Sinnestätigkeit, die eigentliche Intelligenz, das Gedächtnis wirken hinunter und wirken durch unser Wollen heraus in die soziale Welt (Pfeil unten, nach rechts gehend).

[ 18 ] Wenn der Mensch nun in der Tat gegen die Zukunft hin immer mehr und mehr mit Bezug auf seine physische Organisation vertrocknet, dann würde aus der Leibesorganisation wenig hineinfließen können in die soziale Ordnung, dann würde Sinneserfahrung, Intelligenz und die einzelnen menschlichen Erinnerungsgedanken in die soziale Welt einfließen, ohne daß sie erst den Durchgang nehmen durch Fühlen, Begehren und Wollen der Menschen. Mit andern Worten: Wenn das sich so entwickeln würde, wie es der bloßen Erdenorganisation entspricht, daß unsere Leibesorganisation vertrocknet und nur uns zurückblieben Sinnestätigkeit, Intelligenz, Erinnerung, und diese auch nicht vom Geiste befruchtet, dann würde eine trockene Intelligenz, eine bloß äußere Sinneswahrnehmung und bloß egoistische Erinnerungen der einzelnen Menschen das soziale Leben beherrschen wollen. Das würde geben in immer weiterer Ausbildung dasjenige, was man jetzt in Rußland beginnt. In Rußland beginnt jetzt keimhaft im Leninismus, im Trotzkijismus eine soziale Ordnung sich vorzubereiten, die lediglich aus Sinneserfahrung, Intelligenz und aus den paar Erinnerungen egoistischer Natur der einzelnen Menschen stammt. Das bemerkt man noch gar nicht, daß diese Ordnung Osteuropas dahin strebt, eine rein rationalistische Ordnung zu sein, eine Ordnung, die bloß aus den erkennenden Fähigkeiten des Erdenmenschen, wie er sich ergeben hat aus dem Saturn-, Sonnen- und Mondenmenschen heraus, gestaltet werden soll, daß da bewußt ausgeschaltet werden soll alles dasjenige, was aufgenommen werden kann aus der geistigen Welt.

[ 19 ] Jene Empfindung, die einen lehrt, zu welcher Erstarrung die Menschheitszivilisation kommt, so daß der Mensch nur noch wandelnde Maschine sein wird, jene Empfindung, die einen lehrt, was werden würde, wenn Diktatoren wie Lenin und Trotzkij weiter die Welt zu versorgen hätten, die muß kommen aus einer solchen Erkenntnis des Wesens der Menschennatur, wie wir sie in diesen zwei Tagen jetzt vor unsere Seele gestellt haben. Durch eine solche Erkenntnis wird einem gezeigt, daß es einfach in der menschlichen Natur liegt als eine Notwendigkeit, daß einziehe in die oberen Seelenfähigkeiten die Erleuchtung und Erwärmung durch die geistige Offenbarung, damit nicht hinausfließe in das soziale Leben dasjenige, was Intelligenz und Sinnestätigkeit und Gedächtnis werden würden, wenn sie sich nicht befruchten mit der geistigen Welt. Der Mensch muß fühlen lernen, was ihn zusammenhält mit dem ganzen Erdendasein, und er muß fühlen lernen aus einer geistigen Erkenntnis heraus dasjenige, was sich im Osten vorbereitet und was droht, ganz Asien zu zerfressen in immer schnellerem und schnellerem Werdegang. Das muß der Mensch fühlen lernen als die große furchtbare Krankheit der gegenwärtigen Zivilisation, die geheilt werden muß. Und sie kann nur geheilt werden, wenn sie in der richtigen Weise diagnostiziert werden kann.

[ 20 ] Geisteswissenschaft treiben heißt heute, aufsuchen den Heilungsprozeß der erkrankten Zivilisation. Das müßte empfunden werden von einer genügend großen Anzahl von Menschen, und das müßte ganz tief und gründlich empfunden werden. Ohne geistige Wissenschaft wird man das nicht empfinden. Und jetzt geschehen alle tonangebenden Ereignisse ohne eine Empfindung für dasjenige, was man eigentlich tut. Das Ereignis von Versailles war nichts anderes und ist nichts anderes als die Einimpfung eines Zivilisationsgiftes, eines Giftstoffes, der die Menschheit noch kranker machen muß, als sie vorher war. Denn alles dasjenige, was ohne die Erkenntnis der zukünftigen Lebensbedingungen der Erde geschaffen wird, ist Krankheitsstoff für die sich entwickelnde Menschheit.

[ 21 ] Solche Dinge ist man heute gewohnt als aus dem Gefühl, aus der Empfindung heraus gesagt entgegenzunehmen. Hier werden sie nicht aus einer solchen Quelle heraus gesagt. Hier werden sie aus der Erkenntnis des Wesens der Menschennatur abgeleitet. Und hier kann gezeigt werden, daß das geistige Leben der Menschen, dessen Träger Gedächtnis, Intelligenz und Sinnestätigkeit sind, fernerhin nicht bestehen kann, ohne daß es befruchtet wird von der geistigen Welt aus. Das gibt man heute nicht zu. Aber warum gibt man es nicht zu? Man gibt es nicht zu aus einem historischen Grund heraus. Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts sind immer mehr und mehr herausgebildet worden diejenigen Gebilde, die man heute als die eigentlichen Träger der Zivilisation empfindet, die modernen Staaten. Diese modernen Staaten, sie können aber in der Zukunft nur dasjenige sein, was sich — ich habe das in anderem Zusammenhange hier ausgeführt — bezieht auf das Leben des Menschen zwischen der Geburt und dem Tode. Sie dürfen sich in nichts hineinmischen, was Beziehung gibt zwischen dem Menschen und den geistigen Welten. Der Mensch muß in der Zukunft fähig werden, als individueller Mensch in sein Gedächtnis, in seine Intelligenz, in seine Sinnestätigkeit die geistige Welt hereinzubekommen. Das kann er nur als individueller Mensch, das kann nur der einzelne. Der einzelne muß in der Zukunft der Vermittler werden zwischen dem Himmel und der Erde, zwischen der geistigen Welt und der physischen Welt. Und mit Recht empfinden es die Menschen heute, obwohl sie geradezu verkehrte Empfindungen haben in der Art, wie sie es empfinden, aber sie empfinden es doch als etwas Ungehöriges, wenn in sogenannte öffentliche Staatsangelegenbeiten hereinspielen diejenigen Strömungen, die nur in den individuellen Menschen hineinspielen sollen. Wenn sich der russische Zar und die russische Zarin zu ihren Regierungshandlungen der inneren Erlebnisse eines Rasputin bedient haben, so fürchteten sich davor die Menschen mit Recht, denn Offenbarungen aus der geistigen Welt dürfen nur in das geistige Leben hineinspielen, dürfen nicht in das Staatsleben hineinspielen. Da darf nur dasjenige hineinspielen, was unsere gesunde Vernunft geworden ist durch die geistigen Offenbarungen. Nun, bis zur gesunden Vernunft hat es Rasputin nicht gebracht, wenn auch bis zur Offenbarung.

[ 22 ] Auf der andern Seite im sozialen Leben draußen kann sich nur dasjenige finden, was Zusammenhang hat mit den unteren Fähigkeiten der Menschen, mit den Fähigkeiten, die sich auf der Erde entwickeln, mit Begehren, Fühlen, Wollen. Die entwickeln sich im Umgang von Mensch zu Mensch; und sie entwickeln sich im Umgange nicht mit der abstrakten ganzen Menschheit, sondern nur mit den Kreisen, die durch Interessen verbunden sind, mit den Kreisen, die durch ihre besonders gearteten Begierdeninteressen, durch ihr besonders geartetes Fühlen oder durch das Wollen, das sie entwickeln müssen, zusammenhängen.

[ 23 ] Das aber begründet die Notwendigkeit einer Dreigliederung der öffentlichen Angelegenheiten. In der Zukunft wird der Staat, der in seine Angelegenheiten das unmittelbare geistige Leben gar nicht hereinlassen darf, sich nicht auf das geistige Leben erstrecken dürfen. Das Geistesleben wird seine selbständige Verwaltung haben müssen, weil es nicht vorwärtskommen kann, wenn es nicht geistige Offenbarungen empfängt. Der Staat muß, wenn er gesund ist, auf die geistigen Offenbarungen verzichten. Lenkt er daher nach dem, was für ihn gut ist, das geistige Leben, so macht er es so schlecht als möglich. Es muß von ihm getrennt werden, ein selbständiges Glied werden. Aber es kann auch das wirtschaftliche Leben nicht zusammenhängen mit dem, was das staatliche Leben ist, denn dieses wirtschaftliche Leben muß eng an die Interessengemeinschaften der einzelnen, in Interessenkreisen zusammengebundenen Menschen wurzeln in dem Fühlen, Begehren und Wollen, wie es sich herausbildet in den Assoziationen, in den engeren Gemeinschaften.

[ 24 ] Kurz, wie der Physiker aus den einfachen Erfahrungen, die er macht, die komplizierten Erscheinungen der physikalischen Natur begreift, so muß man heute begreifen aus der Menschennatur mit ihren oberen Fähigkeiten: Gedächtnis, Intelligenz und Sinnestängkeiten, ihren unteren Fähigkeiten: Wollen, Begehren und Fühlen — dasjenige, was zu geschehen hat in der Entwickelung der Menschheit. Und derjenige, der sich heute mit aus dem starken, aber leeren Selbstbewußtsein herausgeholten sozialen Wollen und mit dem Tone, den man den Brustton der Überzeugung bei vielen Menschen heute nennt, hinstellt und soziale Ideen entwickelt, der gleicht einem Menschen, der sich hinstellt vor eine Telegraphenanlage, keinen Dunst hat von Elektrizität und Magnetismus, diesen einfachen Tatsachen, und nun aus seiner Nichtkenntnis heraus eine Telegraphenanlage erklärt. Die Menschen, die heute über Soziologie sprechen, die reden zumeist ungefähr aus einem solchen Geiste heraus — wenn es auch für viele Menschen noch so gelehrt klingt —, wie einer, der niemals etwas von dem Wesen der Elektrizität gehört hat und sich in einer Telegraphenstation eine Morseanlage ansieht und sagt: Da drinnen sind eben ganz kleine Reiterchen, die sieht man nicht, die reiten auf die andere Station, man sieht das nur alles nicht. — Und da erklärt er das alles ganz ordentlich. So erklärt der Marxismus die sozialen Tatsachen, so erklären unsere Universitätssoziologen die sozialen Tatsachen. Die Wirklichkeit ergibtsich erst, wenn man die Menschennatur erkennt. Aber die Menschennatur kann man nur erkennen aus der ganzen kosmischen Ordnung heraus. Denn Gedächtnis hängt zusammen mit Außerirdischem, Intelligenz hängt zusammen mit Außerirdischem, Sinnestätigkeit hängt zusammen mit Außerirdischem. Fühlen ist erst etwas, was, nachdem die Erde nicht mehr sein wird, das sein wird, was es werden soll; Begehren und Wollen ebenso in einer noch ferneren Zukunft. So wie man, um Physiker zu sein, die einfache Tatsache der Wärmelehre des Organismus, die einfache Tatsache der Akustik kennen muß, so muß man, um heute mitzureden, und es müssen möglichst viele Menschen mitreden mit Bezug auf soziale Tatsachen, muß man eingehen auf die einfachen elementaren Zusammenhänge zwischen dem Menschenwesen und der Welt, denn dasjenige, was sozial begründet wird, das trägt der Mensch in die soziale Ordnung. Der Mensch aber trägt hier in seiner eigenen Wesenheit das ganze Weltenall herein. Darum steht es auch schlimm um jene Schwätzer, welche aus allerlei alten Überlieferungen heraus davon reden, der Mensch istein Mikrokosmos, eine kleine Welt gegenüber dem Makrokosmos, und die bei diesen Abstraktionen bleiben. Ein wirkliches Recht, von Makrokosmos und Mikrokosmos zu reden, hat erst der, der da weiß, es hat einstmals Vorfahren des Menschen als Mondenmenschen gegeben, die hatten traumhafte Imaginationen. Der Mond ist vergangen, die Erde ist geworden. Aus dem, was nicht mehr da ist, was aber einmal dagewesen ist, ist das menschliche Gedächtnis entstanden. Das hat keinen Erdenursprung. Erdenursprung hat nur das menschliche Ich und sein Ansdruck, der gegenwärtige physische menschliche Körper mit seiner Gestalt. Im Konkreten fassen muß man das, was man sonst kein Recht hat, bloß einen Mikrokosmos zu nennen.

[ 25 ] Meine lieben Freunde, aufgeholfen werden kann der dekadenten Zivilisation nur, wenn endlich eingesehen wird, daß vom Menschen als einem kosmischen Wesen gesprochen werden muß von denjenigen Anstalten aus, in denen heute Philosophie gelehrt wird als eine bloße Summe von ausgeprefßten Abstraktionen. Dasjenige, was geworden ist aus der abstrahierenden, aus der bloß abstrahierenden Menschheit, das erscheint nur in Symptomen in solchen Philosophien, wie die des Amerikaners William James, des Engländers Spencer, des Franzosen Bergson oder des Deutschen, Königsbergschen Kant. Diese Abstraktionen, die verhüllen der Menschheit dasjenige, was sie ist. Aber die lebendige Erkenntnis des Geistigen, die durch Geisteswissenschaft angestrebt werden soll, die kann den Menschen zur Selbsterkenntnis bringen.

[ 26 ] Davon dann morgen weiter.