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The Rudolf Steiner Archive

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Geistige und soziale Wandlungen
in der Menschheitsentwickelung
GA 196

20 Februar 1920, Dornach

Sechzehnter Vortrag

[ 1 ] Mein Vortrag wird heute episodisch sein, eine Einschiebung in unsere Betrachtungen, denn ich möchte, daß unsere englischen Freunde, die ja nun bald wiederum in ihr Land zurückgehen, von hier aus möglichst viel hinübernehmen können. Deshalb richte ich diese Vorträge so ein, daß das eine oder das andere zur Stütze der Wirksamkeit, die notwendig ist, dienen kann. Und da möchte ich heute, und zwar zunächst geschichtlich, nicht so sehr auf die Gegenwart bezüglich — das kann vielleicht dann morgen geschehen —, ich möchte geschichtlich, geisteswissenschaftlich-geschichtlich einiges Ihnen entwickeln über Imperialismus. Der Imperialismus ist ja eine in der letzten Zeit mehrfach besprochene Erscheinung, und er wird so besprochen, daß bei denjenigen, die über ihn sprechen, ein mehr oder weniger deutliches Bewußtsein vorhanden ist von seinem Zusammenhange mit den gesamten sozialen Erscheinungen der Gegenwart. Aber wenn man solche Dinge heute bespricht, so berücksichtigt man nicht, wenigstens nicht genügend, daß wir ja im geschichtlichen Hergang der Menschheit leben, daß wir in einer ganz bestimmten geschichtlichen Entwickelungsepoche stehen und daß man diese Entwickelungsepoche der Menschheit nur verstehen kann, wenn man weiß, woher die Erscheinungen kommen, die uns heute umgeben, in denen wir heute drinnen leben. Im Grunde genommen zeigt sich zunächst dasjenige, was heute wirksamer, in die Zukunft hinein wirksamer Imperialismus ist, dessen Träger die anglo-amerikanische Bevölkerung sein wird und der im Grunde genommen der Benennung nach sehr neueren Datums ist; dieser Imperialismus zeigt sich als Wirtschaftsimperialismus. Aber das Wesentliche ist, daß in all dem, was über die Dinge gesprochen wird, die mit diesem wirtschaftlichen Imperialismus zusammenhängen, im Grunde genommen gar nichts wahr ist, sondern alles unwahr ist, alles, ich möchte sagen, in der Luft schwebt und, schwebend in der Luft, mehr oder weniger bewußt zur Unwahrhaftigkeit führt. Aber um das einzusehen, wie in unserer Zeit die Wirklichkeiten ganz andere sind als dasjenige, was von diesen Wirklichkeiten gesagt wird, dazu ist notwendig, einen tieferen Blick in den geschichtlichen Hergang dieser Dinge zu tun.

[ 2 ] Ich brauche ja gegenüber den heutigen Tatsachen nur das eine zu erwähnen, um einigermaßen die Urteilsfähigkeit der öffentlichen Gegenwart zu charakterisieren. Wir haben ja erlebt, daß zunächst in den verschiedensten Gegenden Europas und zuletzt sogar in Deutschland selber Woodrow Wilson glorifiziert worden ist. Unsere Schweizer Freunde wissen ganz gut, daß während der Glorifizierung von Woodrow Wilson ich auch hier in der Schweiz in schärfster Weise mich immer gegen Woodrow Wilson ausgesprochen habe, denn dasjenige, was Woodrow Wilson heute ist, war er selbstverständlich auch schon in derjenigen Zeit, in der er von der ganzen Welt glorifiziert worden ist. Heute meldet man bereits — womit ich nicht sagen will, daß das die allertiefste Wahrheit wiederum ist —, daß man in Amerika daran denke, Woodrow Wilson für unfähig für die Regierung zu erklären, daß man an seiner Urteilsfähigkeit zweifle. Das öffentliche Urteil, wie es heute durch die Welt schwirrt, ist ja gerade durch solche Dinge genügend charakterisiert, namentlich in seinen Werten charakterisiert.

[ 3 ] Und man braucht sich nur an eine zweite Tatsache zu erinnern. In den letzten vier bis fünf Jahren ist außerordentlich viel über allerlei schöne Dinge gesprochen worden: Selbstbestimmung der Völker und so weiter. — Alle diese Dinge waren nicht wahr; denn dasjenige, was dahinter war, das war etwas ganz anderes, das waren selbstverständlich Machtfragen. Und wer verstehen will, bei dem handelt es sich darum, daß er von dem, was gesagt, gedacht und geurteilt wird, auf die Wirklichkeiten zurückgeht. Und so muß insbesondere, wenn ein solches Wort wie Imperialismus — «Imperial Federation» ist das offizielle Wort seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts in England —, wenn über solche Dinge gesprochen wird, so muß berücksichtigt werden, daß wir in diesen Dingen die äußersten Ableitungen haben, Spätprodukte der Entwickelung, und daß diese zurückführen in weit vergangene Zeiten und ihre Erklärung erst finden durch dasjenige, was eine wirkliche Geschichtsbetrachtung bieten kann.

[ 4 ] Wir wollen nicht so weit zurückgehen, als man geistesgeschichtlich in der Entwickelung der Menschheit zurückgehen könnte; aber wir wollen wenigstens zurückgehen bis einige Jahrtausende vor der christlichen Zeitrechnung. Da finden wir zunächst imperialistische Reiche in Asien, eine Abart solcher imperialistischer Reiche in Ägypten. Ganz charakteristisch für den orientalischen Impuls ist etwa das geschichtlich bekannte persische Reich, aber insbesondere das assyrische Reich. Nun kommt man nicht zurecht, wenn man diese erste Phase des Imperialismus nur in den letzten, geschichtlich geschilderten Stadien des assyrischen Reiches verfolgt, weil man einfach dasjenige, was als Antriebe im assyrischen Reich herrscht, nicht versteht, ohne daß man zurückgehen kann auf frühere orientalische Zustände. Selbst in China, dessen ganze Organisation in sehr vergangene, weit vergangene Zeiten zurückreicht, hat sich manches so geändert, daß man in dieser bis vor kurzer Zeit bestehenden Organisation nicht mehr den eigentlichen Charakter eines orientalischen Imperialismus, wie er entsprechend dem orientalischen Reiche durchaus bestanden hat, erkennen kann. Man kann aber von den Verhältnissen, die geschichtlich bekannt sind, noch durchschauen auf dasjenige, was eigentlich zugrunde liegt.

[ 5 ] Nun versteht man den ganzen orientalischen, den alten Imperialismus nicht, wenn man nicht weiß, welche Beziehung angenommen war im öffentlichen Bewußtsein von der Bevölkerung irgendeines Gebietes, sagen wir eines Reiches, zu dem, was wir heute den Herrscher dieses Reiches oder die Herrschenden dieses Reiches nennen würden. Denn selbstverständlich drücken unsere Worte wie Herrscher oder König oder dergleichen nicht mehr dasjenige aus, was dazumal von dem Herrscher oder den Herrschenden empfunden worden ist. Man kann sich von der ganzen Empfindungswelt, welche drei bis vier Jahrtausende vor der christlichen Zeitrechnung in den orientalischen Imperialismen geherrscht hat, heute nur mehr schwer eine Vorstellung machen, weil man heute schwer berücksichtigt, wie sich der Mensch dieser alten Zeit gedacht hat das Wesen der geistigen Welt im Verhältnis zur physischen Welt. Heute denken die meisten Menschen, wenn sie überhaupt über eine geistige Welt denken, diese geistige Welt irgendwo fern in einem Jenseits oder dergleichen. Und wenn von der geistigen Welt gesprochen wird, wie allerdings in der Zukunft wieder wird gesprochen werden müssen als einer ebenso unter uns daseienden wie die Sinneswelt, dann stemmt sich alles dasjenige in der neueren Zeit auf, was zum Beispiel zum protestantischen Bewußtsein geführt hat. Es war nämlich das Wesentliche in älteren Zeiten, daß man überhaupt einen Unterschied zwischen der physischen Welt und der geistigen Welt nicht gemacht hat.

[ 6 ] Das ist so stark wahr, daß, wenn man die Dinge sagt, die sich auf jene älteren Zeiten beziehen, sich der heutige Mensch kaum mehr etwas Ordentliches dabei vorstellen kann, so verschieden war die Vorstellungswelt der alten Menschen von der Vorstellungswelt der neueren Menschen. Dasjenige, was physisch da war, herrschende Menschen, eine herrschende Kaste, versklavte Menschen, beherrschte Menschen, das war die Wirklichkeit, das war nicht etwas, was man eine physische Wirklichkeit nannte, sondern das war die Wirklichkeit, das war zu gleicher Zeit die physische und die geistige Wirklichkeit. Und der Herrscher der orientalischen Reiche, was war denn der? Der Herrscher der orientalischen Reiche war der Gott. Und in dem weiten Umkreis der Bevölkerung gab es nicht einen Gott jenseits der Wolken in älteren Zeiten — ich spreche immer von älteren Zeiten —, es gab nicht für die Leute einen Chor von Geistern, die nun wiederum den höchsten Gott umgaben, das waren schon im irdischen Verlauf spätere Anschauungen, sondern dasjenige, was wir heute Minister oder Hofschranzen nennen würden, etwas despektierlich oder bald sogar respektierlich, das waren Wesenheiten göttlicher Natur. Denn man war sich klar darüber, daß durch die Mysterienschulung, durch die diese Menschen durchgegangen waren, sie etwas Höheres als gewöhnliche Menschen geworden waren. Man sah zu ihnen auf, so wie das protestantische Bewußtsein zu seinem Gotte oder wie gewisse schon mehr liberale Kreise zu ihren unsichtbaren Engeln und dergleichen aufsehen. Denn extra unsichtbare Engel oder einen extra im Übersinnlichen unsichtbaren Gott hat es für diese Bevölkerungen des alten Orients nicht gegeben. Alles, was geistig war, lebte im Menschen. Im gewöhnlichen Menschen lebte eine menschliche Seele. In demjenigen, was wir heute einen Herrscher nennen würden, lebte eine göttliche Seele, ein Gott.

[ 7 ] Von diesen Vorstellungen eines daseienden wirklichen Gottesreiches, das zu gleicher Zeit physisches Reich ist, macht man sich heute keine Vorstellung mehr. Daß, sagen wir, der König wirkliche göttliche Gewalt und göttliche Würde hatte, das gilt selbstverständlich heute als absurd, war aber einmal in orientalischen Imperalismen Wirklichkeit. Von etwas, was bloß im Geiste als solchem zu fassen ist, davon sprach man da zunächst nicht.

[ 8 ] Eine Abart, sagte ich, war im Ägyptertum vorhanden, denn da findet sich wirklich ein Übergang zu einer späteren Zeit. Wenn wir also zurückgehen zu den ältesten Formen des Imperialismus, so schreibt sich dieser Imperialismus von der Ursache her, daß der König, der Herrscher, der Gott ist, der wirklich physisch auf der Erde erschienene Gott, der wirklich physisch auf der Erde erschienene Sohn des Himmels, sogar Vater des Himmels ist. Es ist so paradox für den Menschen der Gegenwart, daß es kaum glaublich erscheint, aber es ist so. Davon aber leitete sich her, was man noch in assyrischen Urkunden beobachten kann in der Art und Weise, wie imperialistische Eroberungen gerechtfertigt werden: Sie werden einfach gemacht. Das Recht zu solchen Eroberungen leitete sich daraus her, daß man das Gottesreich immer weiter und weiter auszudehnen hatte. Hatte man irgendein Gebiet erobert und waren also die Eroberten Untertanen geworden, dann mußten sie denjenigen, der der Eroberer war, als ihren Gott verehren. An eine Ausbreitung von religiösen Weltanschauungen dachte man in jener alten Zeit durchaus nicht. Wozu hätte man denn das nötig gehabt? Es war ja alles in der physischen Welt verwirklicht gedacht. Wenn der Betreffende, der zu dem eroberten Gebiete gehörte, den andern, der der Eroberer war, äußerlich anerkannte, wenn er ihm folgte, dann war ja alles in Ordnung, denn glauben konnte er, was er wollte. Den Glauben — das war die persönliche Meinung —, den tastete man gerade in alten Zeiten ganz und gar nicht an. Darum kümmerte man sich gar nicht.

[ 9 ] Das war die erste Form, in der der Imperialismus aufgetaucht ist. Die zweite Form war diejenige, wo der Herrschende, derjenige, der eine herrschende, eine führende Rolle einnehmen sollte, nun nicht der Gott selber war, wohl aber der von Gott Gesandte oder der von Gott Inspirierte, der von dem Göttlichen Durchdrungene. In den ersten Imperialismen hatte man es mit Wirklichkeiten zu tun. Das ist das Wesentliche. Erste Phase der Imperialismen: Man hatte es mit den Wirklichkeiten zu tun.

[ 10 ] Wenn nun solch ein orientalischer Herrscher der Urzeiten unter seinem Volke erschien, erschien er in seinem Ornate, weil er als Gott berechtigt war, solche Kleider anzuziehen. Das waren die Kleider eines Gottes. So sah ein Gott aus. Das bedeutete weiter nichts, als daß unter Göttern dieses Mode war, wie der Herrscher erschien. Und diejenigen, die seine Paladine waren, die waren nicht etwa irgendwie Beamtete oder so etwas, sondern sie waren höhere Wesen, die ihn umgaben und die kraft ihrer Eigenschaft als höhere Wesen dasjenige taten, was sie taten.

[ 11 ] Dann kam die Zeit, wo man eben, wie gesagt, den Herrscher und auch diejenigen, die seine Paladine waren, als Gottgesandte vorstellte, als von dem Göttlichen Durchdrungene, als Beauftragte. Das leuchtet sehr stark noch durch bei Dionysios, dem Areopagiten. Lesen Sie seine Schriften, wie er beschreibt die ganze Hierarchie von den Diakonen, Archidiakonen, Bischöfen, Erzbischöfen, also hinauf die ganze Hierarchie der Kirche. Wie stellt er diese dar ? Dionysios der Areopagite stellt das Ganze so dar, daß in dieser irdischen kirchlichen Hierarchie man ein Abbild hat desjenigen, was übersinnlich der Gott mit seinen Urkräften, Erzengeln, Engeln ist. So daß man also da schon hat oben die himmlische Hierarchie und unten ihr Abbild, die weltliche Hierarchie. Da ziehen also die Leute der weltlichen Hierarchie, die Diakone, Archidiakone, ihre Gewänder an, oder sie verrichten ihre Handlungen, weil das Zeichen, weil das Symbole sind. In der ersten Phase hat man es mit Wirklichkeiten zu tun, in der zweiten Phase hat man es mit Zeichen, mit Symbolen zu tun. Auch das ist natürlich mehr oder weniger vergessen worden. Denn im allgemeinen Menschheitsbewußtsein wird das heute nur noch wenig festgehalten, auch in der katholischen Bevölkerung, daß die Diakone, die Pfarrer, die Dechanten, die Bischöfe, die Erzbischöfe die Repräsentanten, die Stellvertreter für die himmlischen Hierarchien sind. Aber es ist eben nur in Vergessenheit geraten.

[ 12 ] Nun trat mit diesem Fortschreiten des Imperialismus ein eine Spaltung, möchte ich sagen, eine richtige Spaltung. Auf der einen Seite schimmerte dasjenige, was die Führerschaft, die Herrschaft innehatte, mehr nach dem Gottgesandten hin, nach der Priesterschaft, wo die Priester Könige sind; auf der andern Seite schimmerte es mehr nach dem Weltlichen hin, aber immer noch von Gottes Gnaden, immer als von Gott dazu Beamtete, dazu Bestimmte. Im Grunde genommen sind das nur zwei Abarten. Und wir haben dann die beiden Abarten in der geschichtlichen Entwickelung: die Kirchengemeinschaften und die Reichsgemeinschaften.

[ 13 ] So etwas wäre in der ersten Zeit der Imperialismen, wo alles Physische Wirklichkeit war, nicht denkbar gewesen. Aber in der zweiten Phase der Imperialismen trennte sich das. Da war der eine mehr weltlich, aber immerhin ein Gottgesandter, der andere war mehr kirchlich, auch ein Gottgesandter. Das geht bis ins Mittelalter; und, ich möchte sagen, in einer charakteristischen historischen Erscheinung ist eigentlich bis zum Jahre 1806, nur damals schon mit einem Schattendasein, festgehalten worden dieses Im-äußeren-Reiche-, In-der-äußeren-Wirklichkeit-Leben der gottgesandten Könige, gottgesandten Paladine und so weiter. Äußerlich war ja da die römische Kirche mit ihrer Ausbreitung; das war mehr nach dem Priesterlichen gefärbt. Aber was das ganze Mittelalter hindurch festgehalten worden ist, was das ganze Mittelalter hindurch streng den Charakter des Gottgesandten hier auf der physischen Erde festgehalten hat, das ist das, wie gesagt, erst im Jahre 1806 verschwundene sogenannte «Heilige Römische Reich Deutscher Nation». So hat ja das geheißen, was da in Mitteleuropa als eine Art Reich existiert hat: Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation. In dem «Heiligen» haben Sie noch einen Anflug von dem, was da Göttliches in alten Zeiten auf der Erde war; «Römisch» bedeutet den Ursprung, wo es hergekommen war; «Deutscher Nation» ist das, worauf es gestülpt war, das mehr schon Weltliche, worauf es gestülpt war.

[ 14 ] Und so haben wir in der zweiten Phase der Imperialismen nicht mehr bloß den gesalbten Imperialismus der Kirche, sondern wir haben das Durcheinanderziehen des göttlichen und weltlichen Gesalbten in dem Reiche. Das beginnt schon mit dem alten Römischen Reiche in der vorchristlichen Zeit, geht bis in die Spätzeiten des Mittelalters hinein. Das hat immer einen Doppelcharakter, was da als Imperialismen entstanden ist, das Heilige Römische Reich Deutscher Nation. Denken Sie nur einmal, daß es ja doch zum Schlusse zurückführt auf Karl den Großen. Aber Karl dem Großen wird in Rom die Krone aufgesetzt von dem Papste. Also auch äußerlich wird die Königswürde zum Symbolum gemacht, so daß dasjenige, was hier auf der physischen Erde da ist, nicht mehr Wirklichkeit ist. Die Menschen des Mittelalters haben Karl den Großen, Otto ]., nicht als Götter verehrt, wie das in uralten Zeiten der Fall war, aber sie haben in ihnen gesehen gottgesandte Menschen. Und das mußte noch immer bekräftigt werden. Natürlich immer weniger und weniger stark lebte das im Bewußtsein. Aber wenn es auch veräußerlicht ist, es hatte eben im Zeichen, im Symbolum noch wenigstens eine symbolische, eine Zeichenwirklichkeit. Diese Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gingen nach Rom, um sich dort vom Papste die Krone aufsetzen zu lassen. So wird auch der ungarische Istwan I. im Jahre 1000 von dem Papste zum König von Ungarn gemacht. Es wird dem, was in der Welt herrscht, von dem, was geistlich oder geistig ist, die Salbung und damit die Gewalt verliehen.

[ 15 ] Das aber, was dadurch ins Bewußtsein der Menschen hineinkommt, das bewirkt wiederum, daß die Menschen geglaubt haben, es liege eine Berechtigung vor, die andern Menschen in dieses Reich, das ja von den Göttern selbst durch Menschen gesalbt ist, einzubeziehen, daher selbst Dante der Ansicht ist, daß derjenige, der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation ist, im Grunde genommen berechtigt ist, die ganze Welt zu beherrschen. Darinnen ist gerade bei Dante die Formel des Imperialismus.

[ 16 ] In den Sagen und Überlieferungen, in denen sich in dem Bewußtsein der Menschen historische Hergänge kristallisieren, drücken sich in der Regel Dinge aus, die von den verschiedensten Gesichtspunkten, nicht bloß von einem Gesichtspunkt aus betrachtet werden dürfen. Man kann sagen: Im 11., 12. Jahrhundert war durchaus in Europa noch ein starkes Bewußtsein, aber nicht mehr klar, nur ein Empfindungsbewußstsein, aber das stark vorhanden, daß einmal in recht alten Zeiten da im Oriente drüben Menschen auf der Erde, auf der physischen Erde gelebt haben, die selber Götter waren. Man dachte nicht etwa, daß das ein Aberglaube war, o nein, sondern man dachte sich: Jetzt können nur solche Götter nicht mehr auf der Erde leben, weil die Erde so schlecht geworden ist. Das ist verlorengegangen, was Menschen zu Göttern gemacht hat, der «Heilige Gral» ist verlorengegangen, und jetzt, im Mittelalter, kann er nur erlangt werden auf die Weise, wie ihn Parzival erlangt: Man sucht den Weg, im Innern den Gott zu finden, während früher der Gott eine Wirklichkeit im Reiche war. Jetzt ist das Reich nur eine Summe von Symbolen, von Zeichen, und man muß aus den Symbolen, aus den Zeichen heraus den Gott finden.

[ 17 ] Von all den Dingen, die einmal existiert haben, bleiben dann Überreste vorhanden. Die Wirklichkeit stumpft sich ab. Überreste bleiben vorhanden, Überreste der mannigfaltigsten Art. Während in der Regel, solange die Dinge Wirklichkeiten sind, sie in der Welt eindeutig sind, werden sie nachher vieldeutig. Und so ist Mannigfaltiges in Europa entstanden aus der alten Eindeutigkeit heraus. Solange im Bewußtsein der Menschen das Heilige Römische Reich Deutscher Nation eine Bedeutung hatte, so lange war gewissermaßen der Repräsentant dieses Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation auch mächtig, fähig, die einzelnen Engelsymbole, die die Territorialfürsten waren, zu bändigen; denn man hatte noch ein Bewußtsein, daß er eben ein Recht dazu hatte. Aber sein Recht beruhte mehr oder weniger auf etwas Ideellem. Das verlor nach und nach seine Bedeutung. Dadurch blieben dann die Territorialfürsten übrig. Und wir haben gewissermaßen in dem Heiligen Römischen Reiche Deutscher Nation etwas, was nach und nach seine eigentliche innere Substanz auspreßt, und es bleibt nur das Äußere übrig. Es geht das Bewußtsein verloren, daß irdische Menschen gottgesandt sind. Und der Ausdruck dafür, daß man nicht mehr denken kann, irdische Menschen seien gottgesandt, ist eben der Protestantismus. Der Protestantismus ist der Protest gegen die reale Bedeutung der gottgesandten irdischen Menschen.

[ 18 ] Wäre das Prinzip des Protestantismus konsequent ganz durchgedrungen, so hätte kein gekröntes oder gefürstetes Haupt sich jemals wiederum «von Gottes Gnaden» nennen können. Aber die Dinge blieben immer als Reste. Bis 1918 sind ja die Reste geblieben, dann sind diese Reste verschwunden. Diese Reste, die schon innerlich alle Bedeutung verloren hatten, sie waren als äußerliche Erscheinungen noch da. Diese deutschen Territorialfürsten waren als äußere Erscheinung noch da; eine Bedeutung hatten sie nur in jenen alten Zeiten, wo sie Symbole waren für ein inspirierendes Himmelsreich.

[ 19 ] So erhalten sich noch andere Reste, bei denen man sich gar nicht bewußt wird, wie sie sich als Reste erhalten. Es ist gar nicht so weit zurück, da erschien von einem mitteleuropäischen Bischof — vielleicht war es auch ein Erzbischof — ein Hirtenbrief. In diesem Hirtenbrief wurde ungefähr ausgeführt, daß der katholische Priester mächtiger ist als Jesus Christus, aus dem einfachen Grunde, weil ja, wenn der katholische Priester am Altar die Transsubstantiation vollzieht, der Christus Jesus in dem Sanktissimum, in der Hostie anwesend werden muß. Es muß die Transsubstantiation durch die Gewalt des Priesters wirklich sich vollziehen. Das heißt, die Handlung, die der Priester vollzieht, zwingt den Christus Jesus, auf dem Altar gegenwärtig zu sein. Also ist der Mächtigere nicht der Christus Jesus, sondern der Mächtigere ist derjenige, der auf dem Altare die Transsubstantiation vollzieht!

[ 20 ] Wenn wir eine solche Sache verstehen wollen, die, wie gesagt, noch vor wenigen Jahren in einem Hirtenbrief erschienen ist, so müssen wir nicht in die Zeiten der zweiten Imperialismen, sondern in die Zeiten der ersten Imperialismen zurückgehen, wie überhaupt in der katholischen Kirche und ihren Einrichtungen sich Mannigfaltiges von den ersten Imperialismen erhalten hat. Darinnen liegt noch ein Rest jenes Bewußtseins, daß diejenigen, die regieren auf der Erde, die Götter sind, während der Christus Jesus der Gottessohn nur ist. Es ist dasjenige, was in einem solchen Hirtenbrief steht, selbstverständlich für ein protestantisches Bewußtsein eine solche Unmöglichkeit, wie es für einen heutigen Menschen schließlich ja auch eine Unmöglichkeit ist, zu glauben, daß vor Jahrtausenden die Menschen in dem Herrscher den Gott gesehen haben. Aber das alles sind eben wirkliche historische Faktoren, sind wirkliche Tatsachen, Tatsachen, die im geschichtlichen Werden, in der geschichtlichen Wirklichkeit eine Rolle gespielt haben und deren Reste bis heute eben vorhanden sind.

[ 21 ] Und so spielen in spätere Erscheinungen frühere Wirklichkeiten in starkem Maße hinein. Nicht daß immer die Anschauung dieselbe bleibt; aber die Usancen, die aus diesen Anschauungen hervorgehen, die blieben dieselben. Schauen Sie sich an, wie der Mohammedanismus sich ausgebreitet hat. Gewiß, Mohammed hat nicht selber gesagt: Mohammed ist euer Gott —, wie es gesagt werden mußte vor Jahrtausenden von einem orientalischen Priesterherrscher. Er hat sich beschränkt darauf, was schon damals mehr zeitgemäß war, zu sagen: Da ist ein Gott, und Mohammed ist sein Prophet. — Also für das Bewußtsein der Menschen hat er schon angenommen die Gottgesandtschaft, die zweite Phase des Imperialismus. Für die Art und Weise, wie der Mohammedanismus ausgebreitet worden ist, gilt aber noch die erste Phase. Denn niemals sind Mohammedaner in derselben Weise unduldsam gegen Andersgläubige gewesen wie diejenigen, die auf das Bekenntnis etwas geben. Die Mohammedaner sind zufrieden gewesen, die andern zu erobern und zu Untertanen zu machen, geradeso wie in alten Zeiten, wo es auch nicht auf das Bekenntnis ankam, weil es ja schließlich gleichgültig war, was man glaubte, wenn man nur den Gott anerkannte. Die Art und Weise der Verbreitung des Mohammedanismus, die ist die Usance der ersten Phase des Imperialismus.

[ 22 ] Und etwas hat sich noch erhalten von der ersten Phase des Imperualismus — stark gefärbt durch die zweite — in der russischen Despotie, in dem Zarismus. Da ist durchaus in der ganzen Art und Weise, wie über den Zaren gedacht worden ist von denjenigen, die ihn anerkannten, da ist wenigstens in der Stimmung des Gemütes etwas, was bis in die erste Phase des Imperialismus zurückgeht. Daher kam es in Rußland so wenig darauf an, daß zusammenwuchs dasjenige, was im Bewußtsein der russischen Bevölkerung selber war, mit demjenigen, was vom Zarismus ausging; denn eigentlich beruhte die Herrschaft des Zarismus auf dem germanischen und auf dem mongolischen Elemente, nicht auf dem Elemente des eigentlich russischen Bauerntums. So blieben die Reste aus früheren Zeiten. Auch in kürzeren Zeiträumen kann man sehen, wie die Reste aus früheren Zeiten blieben.

[ 23 ] Nun die dritte Form des Imperialismus. Formuliert wird sie Ja erst seit dem 20. Jahrhundert, seit etwa Chamberlain und seine Leute den Begriff «Imperial Federation» geprägt haben; aber es führen die Ursachen weiter zurück, bis in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts, wo in England jene große Umwälzung vor sich gegangen ist, durch die eigentlich für alle westlichen Gebiete, in denen anglo-amerikanische Bevölkerung ist, das Königtum, dasjenige, was früher Gott, dann Gesalbter war, zum bloßen Schattendasein, zur bloßen, man kann nicht sagen, Dekoration, sondern zu etwas bloß Geduldetem wurde, während tatsächlich seit dem 17. Jahrhunderte auf die ganze Bevölkerung, gewiß zunächst klassenweise geschichtet, aber auf die ganze Bevölkerung übergeht dasjenige, was öffentlich gewollt wird.

[ 24 ] Nun bringt die anglo-amerikanische Bevölkerung andere Vorbedingungen diesem, sagen wir, Volkswillen, dem Wahlsystem aus dem Volke entgegen, als zum Beispiel die französische, die romanische Bevölkerung, überhaupt die lateinische Bevölkerung. Die lateinische Bevölkerung, insbesondere die französische, hat gewiß die Revolution durchgemacht im 18. Jahrhundert; aber unter dem Einfluß desjenigen, was ich Ihnen vor einigen Stunden hier charakterisiert habe, ist eigentlich das französische Volk heute als Volk königlicher als irgendein anderes. Königlich ist man ja nicht nur dadurch, daß ein König an der Spitze ist. Gewiß, ein Mensch kann nicht gut herumlaufen, wenn man ihm den Kopf abgeschlagen hat; aber das französische Volk ist königlich, imperialistisch, ohne daß es einen König hat. Es kommt auf die Seelenverfassung an. Dieses kompakte Sich-als-Eins-Fühlen, dieses ganze Volksbewußtsein, das ist eigentlich durchaus ein sehr realer Rest des Ludwig XIV.Bewußtseins.

[ 25 ] Aber andere Vorbedingungen brachte die englisch sprechende Bevölkerung dem entgegen, was man Volkswillen nennen könnte. Und da wurde nach und nach wirklich dasjenige, was öffentlich als Urteil geltend gemacht wurde, wurde wirklich der Ausfluß desjenigen, was aus den gewählten Menschen der Parlamente hervorging, da entwickelte sich die dritte Form des Imperialismus, die dann erst formuliert wurde zum Beispiel durch Chamberlain und andere. Aber wir wollen ihn heute seelisch betrachten, diesen dritten Imperialismus.

[ 26 ] Der erste Imperialismus hatte Wirklichkeiten: Ein Mensch war der Gott für das Bewußtsein der andern Menschen. Seine Paladine waren Götter, die um ihn herum waren, Untergötter. Zweite Form des Imperialismus: Das, was auf der Erde war, war Zeichen, Symbol. Der Gott wirkte nur herein in die Menschen. Dritte Form des Imperialismus: Dasjenige, was hier auf der Erde zunächst von den Seelen ausgeht, entkleidet sich auch des Charakters des Symboles, des Zeichens. Wie es von der Wirklichkeit zum Zeichen, zum Symbol gekommen ist, so kommt es vom Zeichen, vom Symbol zur Phrase.

[ 27 ] Das ist ohne irgendwelche Gemütserregung, also sine ira, sondern rein objektiv die Tatsache dargestellt, aus der Notwendigkeit des irdischen Werdens heraus. Seit dem 17. Jahrhundert ist wirklich dasjenige, was im öffentlichen Leben der anglo-amerikanischen Bevölkerung vorgeht, wovon gesprochen wird, was man in den Gesetzbüchern fabriziert, Volkswille, gewiß, klassenweise geschichtet — zur Charakteristik dessen kommen wir vielleicht morgen oder übermorgen — aber es ist Phrase, es ist nicht einmal zwischen dem, was gesprochen wird, und der Wirklichkeit eine solche Beziehung wie zwischen dem Symbolum und der Wirklichkeit. So daß dies der Gang ist; seelisch geht das so vor sich: von Wirklichkeiten zu Symbolen und dann zur Phrase, zu dem, was ausgequetschtes, ausgeleertes Wort ist. Und dasjenige, was unter dem ausgequetschten, ausgeleerten Wort vor sich geht, das sind erst die Wirklichkeiten. Von denen stellt sich kein Mensch vor, daß sie göttlich sind, wenigstens nicht da, wo sie ihren Ursprung haben.

[ 28 ] Denn denken wir uns einmal die Grundlage jenes Imperialismus, der zu seinem herrschenden Elemente die Phrase hat: in den ersten Imperialismen die Könige, in den zweiten Imperialismen die Gesalbten, jetzt die Phrase. Aus den Majoritätsbeschlüssen wird selbstverständlich nichts Wirkliches, sondern eine herrschende Phrase. Und die Wirklichkeiten schweben darunter und werden durchaus nicht als etwas Göttliches angesehen. Denn nehmen wir eine wichtige Grundlage für dasjenige, was da als Wirklichkeiten sich abspielte: die Kolonisation. Die Kolonisation spielt eine große Rolle bei der Bildung dieses dritten Imperialismus. Für das Kolonisationssystem, das Ausbreiten des Imperiums über die Kolonien, ist ja zuletzt die «Imperial Federation» die Form, die besondere Art der Zusammenfassung. Aber wie gliedern sich ursprünglich diese Kolonien an an das Imperium ? Denken Sie an die realen Fälle zurück: Abenteurer, die man im Imperium nicht recht brauchen kann, die ein bißchen zerlumpt sind, die ziehen dann in die Kolonien, werden reich, verwenden dann ihren Reichtum in der Heimat, sind aber dadurch zunächst durchaus nicht etwa angesehene Leute, sind Abenteurer weiterhin, Bohemiens. So wird das Kolonialreich zusammengebracht. Das ist die unter der Phrase bestehende Wirklichkeit. Aber es bleiben Reste. Wie von den ursprünglichen Wirklichkeiten Symbole und Phrasen als Reste bleiben, oder symbolische Fürstenkronen oder Zarismen, so bleiben von den Abenteurerunternehmungen der etwas übel berüchtigten Kolonisten die Wirklichkeiten übrig, die Wirklichkeiten, die man nun hat. Nicht wahr, der eine hat sich das, sagen wir, «angeeignet»; der Sohn, ja der ist schon nicht mehr so übel berüchtigt, der riecht schon besser. Der Enkel gar riecht noch besser, und dann, nicht wahr, dann kommt eine Zeit, wo alles schon gut riecht. Da kann sich die Phrase bemächtigen dessen, was jetzt schon anfängt, ganz gut zu riechen. Da identifiziert sich dann die Phrase mit der wahren Wirklichkeit. Da breitet der Staat seine Fittiche aus, da wird der Staat der Protektor, und da wird alles ehrlich gemacht.

[ 29 ] Es ist nötig, die Dinge — beim wirklichen Namen kann man vielleicht nicht sagen, weil die Namen sehr selten die Wirklichkeiten bezeichnen —, aber beim wirklichen Zipfel anzupacken. Das ist schon nötig, denn nur dadurch kommt man dahin, zu begreifen, welche Aufgaben die heutige Zeit den Menschen stellt und welche Verantwortlichkeit die heutige Zeit den Menschen auferlegt. Nur dadurch kommt man auch dahin, einzusehen, welche Fable convenue die sogenannte Geschichte eigentlich ist, das heißt die Geschichte, die in den Schulen und Universitäten tradiert wird. Diese Geschichte nennt die Dinge wirklich nicht bei dem rechten Namen, im Gegenteil, sie bewirkt, daß nach und nach die Namen für das Unrechte gelten.

[ 30 ] Es ist etwas sehr Schlimmes, nicht wahr, was ich jetzt geschildert habe. Aber sehen Sie, nun handelt es sich darum, eben gerade ein wenig seine Empfindungen, seine Gefühle auf die Verantwortlichkeiten zu lenken. Betrachten wir jetzt die andere Seite. Sehen wir uns einmal an so ein altes Imperium. Das war wirklich, irdisch-wirklich in der Vorstellung; der Priesterkönig ging aus den Mysterien hervor. Das zweite war nicht mehr irdisch-wirklich, sondern das zweite war Symbolum. Es ist ein weiter Weg von dem, was sich in dem alten orientalischen Reiche die Herrschenden und ihre Paladine als ein Göttergeschmeide umhängten, und demjenigen, was als «roter oder schwarzer Adler» dritter, zweiter, erster Güte den Leuten dann angehängt wird. Aber dennoch ist das die geschichtliche Entwickelung. Es ist von der Wirklichkeit zu dem Nichts geworden dasjenige, was zuletzt nicht einmal ein Zeichen war, sondern im Grunde genommen nur der Ausdruck für eine Phrase. Nicht wahr, schließlich ist sogar in Äußerlichkeiten das allgemeine Phrasensystem, das ja vom Westen sich über die übrige Welt ausgebreitet hat, eingedrungen in die öffentlichen Angelegenheiten. Ich habe sogar Titularhofräte kennengelernt! Nun haben schon die Hofräte außerordentlich wenig zu raten gehabt — jedenfalls wenig zu raten gewußt —, aber die Titularhofräte! Das war eben nur Phrase, die einem Menschen angehängt worden ist. Und dennoch, alles geht zurück auf jene alten Usancen, von denen ich gesprochen habe.

[ 31 ] In der ersten Phase, von der ich sprach, haben wir dasjenige, was äußerlich physisches Reich war, das Irdisch-Wirkliche, ganz als geistig gedacht, in der zweiten Phase nur durchdrungen von geistiger Substanz. Und die dritte Phase muß herauswachsen aus dem, was ich Ihnen jetzt geschildert habe, aus dem Reich der Phrase und derjenigen Wirklichkeit, von der wir eben gesprochen haben. Das dritte, das muß hier auf der Erde verwirklichen das Geistesreich.

[ 32 ] Während in der ersten Phase die physische Wirklichkeit als geistig gedacht war, darf in der Zukunft die physische Wirklichkeit nicht als geistig gedacht sein, dafür aber muß das Geistige hier in der physischen Welt anwesend sein. Das heißt, es muß neben der physischen Wirklichkeit leben die geistige Wirklichkeit. Der Mensch muß hier herumgehen, innerhalb der physischen Wirklichkeit, und eine geistige Wirklichkeit anerkennen, muß sprechen als von etwas Wirklichem, Übersinnlichem, Unsichtbarem, was aber da ist, was begründet werden muß unter uns.

[ 33 ] Ich habe von etwas sehr Schlimmem gesprochen, von der Phrase. Aber wenn die äußere Welt nicht so phrasig geworden wäre, wäre ja kein Platz für das Eindringen eines Geistesreiches. Gerade dadurch, daß schließlich alles Alte nurmehr Phrase ist, dadurch entsteht der leere Raum, in den das Geistesreich eindringen soll. Gerade im Westen, in der anglo-amerikanischen Welt, da steuert die Menschheit dahin, daß man viel noch fortsprechen wird, sagen wir, in den gebräuchlichen Idiomen, von allerlei Dingen, die von altersher gekommen sind. Wie gesagt, das wird so fortrollen wie eine Kugel fortrollt. In den Worten wird das fortrollen. Unzählige Formeln finden Sie insbesondere im Westen, die jede Bedeutung verloren haben, die aber gebraucht werden. Aber nicht nur in diesen Formeln, sondern in all dem, was man mit alten Worten bezeichnet, lebt dasjenige, was eigentlich Phrase ist, worinnen keine Wirklichkeit ist, woraus die Wirklichkeit herausgepreßt ist. Da ist dann Platz, daß das Geistige, etwas, was mit nichts Altem übereinstimmt, Platz greife. Das Alte mußte zuerst zur Phrase werden; abgeworfen werden muß alles dasjenige, was so fortkollert mit der Sprache, und hinein muß etwas vollständig Neues, das nur als geistige Welt sich ausbreiten kann.

[ 34 ] Dann erst kann es ein Christus-Reich geben auf der Erde. Denn in diesem Reiche muß eine Wirklichkeit sein: «Mein Reich ist nicht von dieser Welt.» In dem Reiche von dieser Welt, in dem zunächst sich ausbreitete das Christus-Reich, da war noch sehr viel von dieser Welt vorhanden, was nicht zur Phrase geworden war. Aber in der westlichen Welt wird alles dasjenige, was von alten Zeiten stammt, dazu vorherbestimmt sein, zur Phrase zu werden. Ja im Westen, in der anglo-amerikanischen Welt, wird alles, was menschliche Überlieferung ist, Phrase werden. Dafür ist die Verantwortlichkeit da, in das leergewordene Gefäß einen Geist hineinzusetzen, von dem gesagt werden kann: Dies Reich ist nicht von dieser Welt! — Das ist die große Verantwortlichkeit. Es kommt nicht darauf an, wie etwas entstanden ist, sondern was man weiter mit dem so Entstandenen tut. Und so sind die Zusammenhänge.

[ 35 ] Nun werden wir morgen davon zu sprechen haben, wie diese Zusammenhänge sich des weiteren realisieren können, da ja unter der Oberfläche gerade in westlichen Ländern sehr wirksam die Geheimgesellschaften sind, die nun traditionell die zweite Phase des Imperialismus in die dritte hineinschieben. Denn in der anglo-amerikanischen Bevölkerung haben Sie zwei Imperialismen durcheinandergeschoben, den wirtschaftlichen eines Chamberlain und den symbolischen Imperialismus der Geheimgesellschaften, der sehr wirksam hineingeschoben ist, der aber durchaus geheimgehalten wird vor der großen Bevölkerung.