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Spiritual and Social Transformations
in Human Evolution
GA 196

20 February 1920, Dornach

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Sechzehnter Vortrag

Sixteenth Lecture

[ 1 ] Mein Vortrag wird heute episodisch sein, eine Einschiebung in unsere Betrachtungen, denn ich möchte, daß unsere englischen Freunde, die ja nun bald wiederum in ihr Land zurückgehen, von hier aus möglichst viel hinübernehmen können. Deshalb richte ich diese Vorträge so ein, daß das eine oder das andere zur Stütze der Wirksamkeit, die notwendig ist, dienen kann. Und da möchte ich heute, und zwar zunächst geschichtlich, nicht so sehr auf die Gegenwart bezüglich — das kann vielleicht dann morgen geschehen —, ich möchte geschichtlich, geisteswissenschaftlich-geschichtlich einiges Ihnen entwickeln über Imperialismus. Der Imperialismus ist ja eine in der letzten Zeit mehrfach besprochene Erscheinung, und er wird so besprochen, daß bei denjenigen, die über ihn sprechen, ein mehr oder weniger deutliches Bewußtsein vorhanden ist von seinem Zusammenhange mit den gesamten sozialen Erscheinungen der Gegenwart. Aber wenn man solche Dinge heute bespricht, so berücksichtigt man nicht, wenigstens nicht genügend, daß wir ja im geschichtlichen Hergang der Menschheit leben, daß wir in einer ganz bestimmten geschichtlichen Entwickelungsepoche stehen und daß man diese Entwickelungsepoche der Menschheit nur verstehen kann, wenn man weiß, woher die Erscheinungen kommen, die uns heute umgeben, in denen wir heute drinnen leben. Im Grunde genommen zeigt sich zunächst dasjenige, was heute wirksamer, in die Zukunft hinein wirksamer Imperialismus ist, dessen Träger die anglo-amerikanische Bevölkerung sein wird und der im Grunde genommen der Benennung nach sehr neueren Datums ist; dieser Imperialismus zeigt sich als Wirtschaftsimperialismus. Aber das Wesentliche ist, daß in all dem, was über die Dinge gesprochen wird, die mit diesem wirtschaftlichen Imperialismus zusammenhängen, im Grunde genommen gar nichts wahr ist, sondern alles unwahr ist, alles, ich möchte sagen, in der Luft schwebt und, schwebend in der Luft, mehr oder weniger bewußt zur Unwahrhaftigkeit führt. Aber um das einzusehen, wie in unserer Zeit die Wirklichkeiten ganz andere sind als dasjenige, was von diesen Wirklichkeiten gesagt wird, dazu ist notwendig, einen tieferen Blick in den geschichtlichen Hergang dieser Dinge zu tun.

[ 1 ] My lecture today will be episodic in nature, a digression from our main discussion, because I would like our English friends—who will soon be returning to their country—to be able to take as much as possible back with them from here. That is why I am structuring these lectures so that one point or another can serve to support the effectiveness that is necessary. And today, I would like—first and foremost from a historical perspective, rather than focusing so much on the present (which we can perhaps address tomorrow)—to explore some aspects of imperialism with you from a historical and spiritual-historical standpoint. Imperialism is, after all, a phenomenon that has been discussed repeatedly in recent times, and it is discussed in such a way that those who speak of it possess a more or less clear awareness of its connection to the overall social phenomena of the present. But when such matters are discussed today, people do not take into account—or at least not sufficiently—that we are living within the historical course of humanity, that we are in a very specific epoch of historical development, and that this epoch of human development can only be understood if one knows where the phenomena that surround us today—and in which we are currently living—originate. Essentially, what first becomes apparent is the form of imperialism that is more effective today—and will be more effective in the future—whose main proponents will be the Anglo-American population and which, strictly speaking, is a very recent phenomenon in terms of its designation; this imperialism manifests itself as economic imperialism. But the essential point is that in everything that is said about matters related to this economic imperialism, fundamentally nothing is true; rather, everything is false—everything, I would say, hangs in the air and, hanging in the air, more or less consciously leads to untruth. But in order to realize how, in our time, the realities are entirely different from what is said about them, it is necessary to take a deeper look at the historical course of these events.

[ 2 ] Ich brauche ja gegenüber den heutigen Tatsachen nur das eine zu erwähnen, um einigermaßen die Urteilsfähigkeit der öffentlichen Gegenwart zu charakterisieren. Wir haben ja erlebt, daß zunächst in den verschiedensten Gegenden Europas und zuletzt sogar in Deutschland selber Woodrow Wilson glorifiziert worden ist. Unsere Schweizer Freunde wissen ganz gut, daß während der Glorifizierung von Woodrow Wilson ich auch hier in der Schweiz in schärfster Weise mich immer gegen Woodrow Wilson ausgesprochen habe, denn dasjenige, was Woodrow Wilson heute ist, war er selbstverständlich auch schon in derjenigen Zeit, in der er von der ganzen Welt glorifiziert worden ist. Heute meldet man bereits — womit ich nicht sagen will, daß das die allertiefste Wahrheit wiederum ist —, daß man in Amerika daran denke, Woodrow Wilson für unfähig für die Regierung zu erklären, daß man an seiner Urteilsfähigkeit zweifle. Das öffentliche Urteil, wie es heute durch die Welt schwirrt, ist ja gerade durch solche Dinge genügend charakterisiert, namentlich in seinen Werten charakterisiert.

[ 2 ] In light of today’s realities, I need only mention this one thing to characterize, to some extent, the judgment of the public at large. We have, after all, witnessed how Woodrow Wilson was initially glorified in various parts of Europe and, most recently, even in Germany itself. Our Swiss friends know very well that, even during the glorification of Woodrow Wilson, I consistently spoke out against him in the strongest terms here in Switzerland as well, for what Woodrow Wilson is today, he was, of course, already at the time when he was being glorified by the whole world. Today there are already reports—though I do not mean to suggest that this is the absolute truth—that in America there are plans to declare Woodrow Wilson unfit to govern, that there are doubts about his judgment. Public opinion, as it is circulating around the world today, is sufficiently characterized by such things, particularly in terms of its values.

[ 3 ] Und man braucht sich nur an eine zweite Tatsache zu erinnern. In den letzten vier bis fünf Jahren ist außerordentlich viel über allerlei schöne Dinge gesprochen worden: Selbstbestimmung der Völker und so weiter. — Alle diese Dinge waren nicht wahr; denn dasjenige, was dahinter war, das war etwas ganz anderes, das waren selbstverständlich Machtfragen. Und wer verstehen will, bei dem handelt es sich darum, daß er von dem, was gesagt, gedacht und geurteilt wird, auf die Wirklichkeiten zurückgeht. Und so muß insbesondere, wenn ein solches Wort wie Imperialismus — «Imperial Federation» ist das offizielle Wort seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts in England —, wenn über solche Dinge gesprochen wird, so muß berücksichtigt werden, daß wir in diesen Dingen die äußersten Ableitungen haben, Spätprodukte der Entwickelung, und daß diese zurückführen in weit vergangene Zeiten und ihre Erklärung erst finden durch dasjenige, was eine wirkliche Geschichtsbetrachtung bieten kann.

[ 3 ] And one need only recall a second fact. Over the past four to five years, an extraordinary amount has been said about all sorts of noble ideals: self-determination of peoples, and so on. — None of these things were true; for what lay behind them was something entirely different—namely, questions of power, of course. And for anyone who wishes to understand, the key is to trace back from what is said, thought, and judged to the realities themselves. And so, especially when a term like “imperialism”— “Imperial Federation” has been the official term in England since the beginning of the 20th century—when such things are discussed, one must take into account that these represent the ultimate consequences, the late products of development, and that they trace back to times long past and can only be explained through what a genuine historical analysis can offer.

[ 4 ] Wir wollen nicht so weit zurückgehen, als man geistesgeschichtlich in der Entwickelung der Menschheit zurückgehen könnte; aber wir wollen wenigstens zurückgehen bis einige Jahrtausende vor der christlichen Zeitrechnung. Da finden wir zunächst imperialistische Reiche in Asien, eine Abart solcher imperialistischer Reiche in Ägypten. Ganz charakteristisch für den orientalischen Impuls ist etwa das geschichtlich bekannte persische Reich, aber insbesondere das assyrische Reich. Nun kommt man nicht zurecht, wenn man diese erste Phase des Imperialismus nur in den letzten, geschichtlich geschilderten Stadien des assyrischen Reiches verfolgt, weil man einfach dasjenige, was als Antriebe im assyrischen Reich herrscht, nicht versteht, ohne daß man zurückgehen kann auf frühere orientalische Zustände. Selbst in China, dessen ganze Organisation in sehr vergangene, weit vergangene Zeiten zurückreicht, hat sich manches so geändert, daß man in dieser bis vor kurzer Zeit bestehenden Organisation nicht mehr den eigentlichen Charakter eines orientalischen Imperialismus, wie er entsprechend dem orientalischen Reiche durchaus bestanden hat, erkennen kann. Man kann aber von den Verhältnissen, die geschichtlich bekannt sind, noch durchschauen auf dasjenige, was eigentlich zugrunde liegt.

[ 4 ] We do not wish to go back as far as one could in the intellectual history of human development; but we do wish to go back at least a few millennia before the Christian era. There we find, first of all, imperialist empires in Asia, and a variant of such imperialist empires in Egypt. The historically well-known Persian Empire, for example, is quite characteristic of the Oriental impulse, but the Assyrian Empire is particularly so. Now, one cannot fully understand this first phase of imperialism by tracing it only through the final, historically documented stages of the Assyrian Empire, because one simply cannot grasp the driving forces at work in the Assyrian Empire without going back to earlier Oriental conditions. Even in China, whose entire organization dates back to very distant, long-past times, so much has changed that one can no longer recognize in this organization—which existed until recently—the true character of an Oriental imperialism, as it certainly existed in accordance with the Oriental Empire. However, one can still gain insight into what actually underlies it by examining the conditions that are historically known.

[ 5 ] Nun versteht man den ganzen orientalischen, den alten Imperialismus nicht, wenn man nicht weiß, welche Beziehung angenommen war im öffentlichen Bewußtsein von der Bevölkerung irgendeines Gebietes, sagen wir eines Reiches, zu dem, was wir heute den Herrscher dieses Reiches oder die Herrschenden dieses Reiches nennen würden. Denn selbstverständlich drücken unsere Worte wie Herrscher oder König oder dergleichen nicht mehr dasjenige aus, was dazumal von dem Herrscher oder den Herrschenden empfunden worden ist. Man kann sich von der ganzen Empfindungswelt, welche drei bis vier Jahrtausende vor der christlichen Zeitrechnung in den orientalischen Imperialismen geherrscht hat, heute nur mehr schwer eine Vorstellung machen, weil man heute schwer berücksichtigt, wie sich der Mensch dieser alten Zeit gedacht hat das Wesen der geistigen Welt im Verhältnis zur physischen Welt. Heute denken die meisten Menschen, wenn sie überhaupt über eine geistige Welt denken, diese geistige Welt irgendwo fern in einem Jenseits oder dergleichen. Und wenn von der geistigen Welt gesprochen wird, wie allerdings in der Zukunft wieder wird gesprochen werden müssen als einer ebenso unter uns daseienden wie die Sinneswelt, dann stemmt sich alles dasjenige in der neueren Zeit auf, was zum Beispiel zum protestantischen Bewußtsein geführt hat. Es war nämlich das Wesentliche in älteren Zeiten, daß man überhaupt einen Unterschied zwischen der physischen Welt und der geistigen Welt nicht gemacht hat.

[ 5 ] One cannot fully understand the entire nature of Oriental, or ancient, imperialism unless one knows what relationship existed in the public consciousness of the population of a given territory—let us say, an empire—to what we would today call the ruler of that empire or the ruling class of that empire. For, of course, our words—such as “ruler” or “king” or the like—no longer express what was felt about the ruler or the rulers back then. It is difficult today to form a conception of the entire world of feeling that prevailed in the Eastern empires three to four millennia before the Christian era, because it is difficult today to take into account how people of that ancient time conceived of the nature of the spiritual world in relation to the physical world. Today, most people—if they think about a spiritual world at all—imagine this spiritual world as existing somewhere far away in an afterlife or the like. And when we speak of the spiritual world—as we will, of course, have to do again in the future, as a world that exists just as much among us as the sensory world—then everything that has arisen in more recent times, which has led, for example, to Protestant consciousness, comes into conflict with this. For in earlier times, the essential point was that no distinction was made at all between the physical world and the spiritual world.

[ 6 ] Das ist so stark wahr, daß, wenn man die Dinge sagt, die sich auf jene älteren Zeiten beziehen, sich der heutige Mensch kaum mehr etwas Ordentliches dabei vorstellen kann, so verschieden war die Vorstellungswelt der alten Menschen von der Vorstellungswelt der neueren Menschen. Dasjenige, was physisch da war, herrschende Menschen, eine herrschende Kaste, versklavte Menschen, beherrschte Menschen, das war die Wirklichkeit, das war nicht etwas, was man eine physische Wirklichkeit nannte, sondern das war die Wirklichkeit, das war zu gleicher Zeit die physische und die geistige Wirklichkeit. Und der Herrscher der orientalischen Reiche, was war denn der? Der Herrscher der orientalischen Reiche war der Gott. Und in dem weiten Umkreis der Bevölkerung gab es nicht einen Gott jenseits der Wolken in älteren Zeiten — ich spreche immer von älteren Zeiten —, es gab nicht für die Leute einen Chor von Geistern, die nun wiederum den höchsten Gott umgaben, das waren schon im irdischen Verlauf spätere Anschauungen, sondern dasjenige, was wir heute Minister oder Hofschranzen nennen würden, etwas despektierlich oder bald sogar respektierlich, das waren Wesenheiten göttlicher Natur. Denn man war sich klar darüber, daß durch die Mysterienschulung, durch die diese Menschen durchgegangen waren, sie etwas Höheres als gewöhnliche Menschen geworden waren. Man sah zu ihnen auf, so wie das protestantische Bewußtsein zu seinem Gotte oder wie gewisse schon mehr liberale Kreise zu ihren unsichtbaren Engeln und dergleichen aufsehen. Denn extra unsichtbare Engel oder einen extra im Übersinnlichen unsichtbaren Gott hat es für diese Bevölkerungen des alten Orients nicht gegeben. Alles, was geistig war, lebte im Menschen. Im gewöhnlichen Menschen lebte eine menschliche Seele. In demjenigen, was wir heute einen Herrscher nennen würden, lebte eine göttliche Seele, ein Gott.

[ 6 ] This is so very true that when one speaks of things relating to those earlier times, people today can hardly imagine anything concrete—so different was the worldview of ancient people from that of modern people. What was physically present—ruling people, a ruling caste, enslaved people, subjugated people—that was reality; it was not something one called “physical reality,” but rather it was reality itself; it was, at the same time, both physical and spiritual reality. And the ruler of the Eastern empires—what was he? The ruler of the Eastern empires was God. And among the vast population, there was no god beyond the clouds in earlier times—I am always speaking of earlier times— there was no choir of spirits for the people that in turn surrounded the highest God; those were later conceptions that arose in the course of earthly history. Rather, what we would today call ministers or courtiers—a term used somewhat disparagingly or even respectfully—were beings of a divine nature. For it was clearly understood that through the mystery training these people had undergone, they had become something higher than ordinary human beings. People looked up to them, just as the Protestant consciousness looks up to its God, or as certain, more liberal circles look up to their invisible angels and the like. For the peoples of the ancient Orient, there were no separate invisible angels or a God who was invisible in the supersensible realm. Everything that was spiritual lived within human beings. An human soul lived within the ordinary person. Within what we would today call a ruler lived a divine soul, a God.

[ 7 ] Von diesen Vorstellungen eines daseienden wirklichen Gottesreiches, das zu gleicher Zeit physisches Reich ist, macht man sich heute keine Vorstellung mehr. Daß, sagen wir, der König wirkliche göttliche Gewalt und göttliche Würde hatte, das gilt selbstverständlich heute als absurd, war aber einmal in orientalischen Imperalismen Wirklichkeit. Von etwas, was bloß im Geiste als solchem zu fassen ist, davon sprach man da zunächst nicht.

[ 7 ] Today, we can no longer conceive of these ideas of an existing, real kingdom of God that is at the same time a physical kingdom. The notion that, say, the king possessed real divine power and divine dignity is, of course, considered absurd today, but it was once a reality in Eastern imperial systems. At first, people did not speak of something that could be grasped only in the mind as such.

[ 8 ] Eine Abart, sagte ich, war im Ägyptertum vorhanden, denn da findet sich wirklich ein Übergang zu einer späteren Zeit. Wenn wir also zurückgehen zu den ältesten Formen des Imperialismus, so schreibt sich dieser Imperialismus von der Ursache her, daß der König, der Herrscher, der Gott ist, der wirklich physisch auf der Erde erschienene Gott, der wirklich physisch auf der Erde erschienene Sohn des Himmels, sogar Vater des Himmels ist. Es ist so paradox für den Menschen der Gegenwart, daß es kaum glaublich erscheint, aber es ist so. Davon aber leitete sich her, was man noch in assyrischen Urkunden beobachten kann in der Art und Weise, wie imperialistische Eroberungen gerechtfertigt werden: Sie werden einfach gemacht. Das Recht zu solchen Eroberungen leitete sich daraus her, daß man das Gottesreich immer weiter und weiter auszudehnen hatte. Hatte man irgendein Gebiet erobert und waren also die Eroberten Untertanen geworden, dann mußten sie denjenigen, der der Eroberer war, als ihren Gott verehren. An eine Ausbreitung von religiösen Weltanschauungen dachte man in jener alten Zeit durchaus nicht. Wozu hätte man denn das nötig gehabt? Es war ja alles in der physischen Welt verwirklicht gedacht. Wenn der Betreffende, der zu dem eroberten Gebiete gehörte, den andern, der der Eroberer war, äußerlich anerkannte, wenn er ihm folgte, dann war ja alles in Ordnung, denn glauben konnte er, was er wollte. Den Glauben — das war die persönliche Meinung —, den tastete man gerade in alten Zeiten ganz und gar nicht an. Darum kümmerte man sich gar nicht.

[ 8 ] A variant, I said, existed in Egyptian culture, for there is indeed a transition to a later period. So if we go back to the earliest forms of imperialism, this imperialism stems from the fact that the king, the ruler, is God—the God who truly appeared physically on earth, the Son of Heaven who truly appeared physically on earth, and even the Father of Heaven. It is so paradoxical to modern people that it seems hardly believable, but it is true. From this, however, arose what can still be observed in Assyrian documents regarding the way imperialist conquests were justified: they were simply carried out. The right to such conquests stemmed from the need to expand the kingdom of God farther and farther. Once a territory had been conquered and the conquered people had thus become subjects, they were required to worship the conqueror as their god. In those ancient times, no one gave any thought to the spread of religious worldviews. Why would that have been necessary? After all, everything was conceived as being realized within the physical world. If the person in question—who belonged to the conquered territory—externally acknowledged the other, who was the conqueror, and followed him, then everything was in order, for he could believe whatever he wanted. Faith—which was a matter of personal opinion—was not interfered with at all, especially in ancient times. That was not a concern at all.

[ 9 ] Das war die erste Form, in der der Imperialismus aufgetaucht ist. Die zweite Form war diejenige, wo der Herrschende, derjenige, der eine herrschende, eine führende Rolle einnehmen sollte, nun nicht der Gott selber war, wohl aber der von Gott Gesandte oder der von Gott Inspirierte, der von dem Göttlichen Durchdrungene. In den ersten Imperialismen hatte man es mit Wirklichkeiten zu tun. Das ist das Wesentliche. Erste Phase der Imperialismen: Man hatte es mit den Wirklichkeiten zu tun.

[ 9 ] That was the first form in which imperialism emerged. The second form was one in which the ruler—the one who was to assume a ruling, leading role—was not God himself, but rather the one sent by God or inspired by God, the one imbued with the divine. In the earliest forms of imperialism, one was dealing with realities. That is the essential point. The first phase of imperialism: one was dealing with realities.

[ 10 ] Wenn nun solch ein orientalischer Herrscher der Urzeiten unter seinem Volke erschien, erschien er in seinem Ornate, weil er als Gott berechtigt war, solche Kleider anzuziehen. Das waren die Kleider eines Gottes. So sah ein Gott aus. Das bedeutete weiter nichts, als daß unter Göttern dieses Mode war, wie der Herrscher erschien. Und diejenigen, die seine Paladine waren, die waren nicht etwa irgendwie Beamtete oder so etwas, sondern sie waren höhere Wesen, die ihn umgaben und die kraft ihrer Eigenschaft als höhere Wesen dasjenige taten, was sie taten.

[ 10 ] When such an ancient Eastern ruler appeared among his people, he appeared in his regalia, because, as a god, he was entitled to wear such garments. Those were the garments of a god. That is what a god looked like. This meant nothing more than that among the gods, this was the fashion in which the ruler appeared. And those who were his paladins were not merely officials or anything of the sort, but rather higher beings who surrounded him and who, by virtue of their nature as higher beings, did what they did.

[ 11 ] Dann kam die Zeit, wo man eben, wie gesagt, den Herrscher und auch diejenigen, die seine Paladine waren, als Gottgesandte vorstellte, als von dem Göttlichen Durchdrungene, als Beauftragte. Das leuchtet sehr stark noch durch bei Dionysios, dem Areopagiten. Lesen Sie seine Schriften, wie er beschreibt die ganze Hierarchie von den Diakonen, Archidiakonen, Bischöfen, Erzbischöfen, also hinauf die ganze Hierarchie der Kirche. Wie stellt er diese dar ? Dionysios der Areopagite stellt das Ganze so dar, daß in dieser irdischen kirchlichen Hierarchie man ein Abbild hat desjenigen, was übersinnlich der Gott mit seinen Urkräften, Erzengeln, Engeln ist. So daß man also da schon hat oben die himmlische Hierarchie und unten ihr Abbild, die weltliche Hierarchie. Da ziehen also die Leute der weltlichen Hierarchie, die Diakone, Archidiakone, ihre Gewänder an, oder sie verrichten ihre Handlungen, weil das Zeichen, weil das Symbole sind. In der ersten Phase hat man es mit Wirklichkeiten zu tun, in der zweiten Phase hat man es mit Zeichen, mit Symbolen zu tun. Auch das ist natürlich mehr oder weniger vergessen worden. Denn im allgemeinen Menschheitsbewußtsein wird das heute nur noch wenig festgehalten, auch in der katholischen Bevölkerung, daß die Diakone, die Pfarrer, die Dechanten, die Bischöfe, die Erzbischöfe die Repräsentanten, die Stellvertreter für die himmlischen Hierarchien sind. Aber es ist eben nur in Vergessenheit geraten.

[ 11 ] Then came the time when, as I said, the ruler and those who were his paladins were presented as messengers of God, as those imbued with the divine, as representatives. This is still very evident in the writings of Dionysius the Areopagite. Read his writings to see how he describes the entire hierarchy—from deacons, archdeacons, bishops, and archbishops—all the way up through the entire hierarchy of the Church. How does he portray this? Dionysius the Areopagite presents the whole picture in such a way that this earthly ecclesiastical hierarchy is a reflection of what God is in the supernatural realm with His primordial forces, archangels, and angels. So that we already have the heavenly hierarchy above and its reflection, the earthly hierarchy, below. Thus, the members of the earthly hierarchy—the deacons and archdeacons—put on their vestments or perform their rites because these are signs, because they are symbols. In the first phase, one deals with realities; in the second phase, one deals with signs and symbols. Of course, this, too, has been more or less forgotten. For in the general consciousness of humanity today—even among the Catholic population—there is little remembrance that deacons, parish priests, deans, bishops, and archbishops are the representatives, the vicars, of the heavenly hierarchies. But it has simply fallen into oblivion.

[ 12 ] Nun trat mit diesem Fortschreiten des Imperialismus ein eine Spaltung, möchte ich sagen, eine richtige Spaltung. Auf der einen Seite schimmerte dasjenige, was die Führerschaft, die Herrschaft innehatte, mehr nach dem Gottgesandten hin, nach der Priesterschaft, wo die Priester Könige sind; auf der andern Seite schimmerte es mehr nach dem Weltlichen hin, aber immer noch von Gottes Gnaden, immer als von Gott dazu Beamtete, dazu Bestimmte. Im Grunde genommen sind das nur zwei Abarten. Und wir haben dann die beiden Abarten in der geschichtlichen Entwickelung: die Kirchengemeinschaften und die Reichsgemeinschaften.

[ 12 ] Now, with this advance of imperialism, a split emerged—I would say, a genuine split. On the one hand, that which held leadership and dominion shone more like a divine messenger, like the priesthood, where priests are kings; on the other hand, it took on a more secular character, though still by the grace of God, always as those appointed and designated by God for that purpose. Essentially, these are just two variants. And we then have these two variants in historical development: the church communities and the imperial communities.

[ 13 ] So etwas wäre in der ersten Zeit der Imperialismen, wo alles Physische Wirklichkeit war, nicht denkbar gewesen. Aber in der zweiten Phase der Imperialismen trennte sich das. Da war der eine mehr weltlich, aber immerhin ein Gottgesandter, der andere war mehr kirchlich, auch ein Gottgesandter. Das geht bis ins Mittelalter; und, ich möchte sagen, in einer charakteristischen historischen Erscheinung ist eigentlich bis zum Jahre 1806, nur damals schon mit einem Schattendasein, festgehalten worden dieses Im-äußeren-Reiche-, In-der-äußeren-Wirklichkeit-Leben der gottgesandten Könige, gottgesandten Paladine und so weiter. Äußerlich war ja da die römische Kirche mit ihrer Ausbreitung; das war mehr nach dem Priesterlichen gefärbt. Aber was das ganze Mittelalter hindurch festgehalten worden ist, was das ganze Mittelalter hindurch streng den Charakter des Gottgesandten hier auf der physischen Erde festgehalten hat, das ist das, wie gesagt, erst im Jahre 1806 verschwundene sogenannte «Heilige Römische Reich Deutscher Nation». So hat ja das geheißen, was da in Mitteleuropa als eine Art Reich existiert hat: Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation. In dem «Heiligen» haben Sie noch einen Anflug von dem, was da Göttliches in alten Zeiten auf der Erde war; «Römisch» bedeutet den Ursprung, wo es hergekommen war; «Deutscher Nation» ist das, worauf es gestülpt war, das mehr schon Weltliche, worauf es gestülpt war.

[ 13 ] Something like this would have been unthinkable in the early days of imperialism, when everything was physical reality. But in the second phase of imperialism, the two diverged. One was more secular, yet still a messenger of God; the other was more ecclesiastical, also a messenger of God. This extends back to the Middle Ages; and, I would say, in a characteristic historical phenomenon, this “living in the outer realm, in outer reality” of the kings sent by God, the paladins sent by God, and so on, was actually preserved until the year 1806—though by then it had already been reduced to a shadow existence. Externally, of course, there was the Roman Church with its expansion; that was more imbued with the priestly character. But what was preserved throughout the entire Middle Ages—what strictly maintained the character of the divine emissary here on the physical earth throughout the entire Middle Ages—is, as I said, the so-called “Holy Roman Empire of the German Nation,” which did not disappear until 1806 . That was the name given to what existed in Central Europe as a kind of empire: the Holy Roman Empire of the German Nation. In the word “Holy,” you still have a hint of what was divine on Earth in ancient times; “Roman” signifies the origin, where it came from; “German Nation” is what it was superimposed upon—the more worldly aspect upon which it was superimposed.

[ 14 ] Und so haben wir in der zweiten Phase der Imperialismen nicht mehr bloß den gesalbten Imperialismus der Kirche, sondern wir haben das Durcheinanderziehen des göttlichen und weltlichen Gesalbten in dem Reiche. Das beginnt schon mit dem alten Römischen Reiche in der vorchristlichen Zeit, geht bis in die Spätzeiten des Mittelalters hinein. Das hat immer einen Doppelcharakter, was da als Imperialismen entstanden ist, das Heilige Römische Reich Deutscher Nation. Denken Sie nur einmal, daß es ja doch zum Schlusse zurückführt auf Karl den Großen. Aber Karl dem Großen wird in Rom die Krone aufgesetzt von dem Papste. Also auch äußerlich wird die Königswürde zum Symbolum gemacht, so daß dasjenige, was hier auf der physischen Erde da ist, nicht mehr Wirklichkeit ist. Die Menschen des Mittelalters haben Karl den Großen, Otto ]., nicht als Götter verehrt, wie das in uralten Zeiten der Fall war, aber sie haben in ihnen gesehen gottgesandte Menschen. Und das mußte noch immer bekräftigt werden. Natürlich immer weniger und weniger stark lebte das im Bewußtsein. Aber wenn es auch veräußerlicht ist, es hatte eben im Zeichen, im Symbolum noch wenigstens eine symbolische, eine Zeichenwirklichkeit. Diese Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gingen nach Rom, um sich dort vom Papste die Krone aufsetzen zu lassen. So wird auch der ungarische Istwan I. im Jahre 1000 von dem Papste zum König von Ungarn gemacht. Es wird dem, was in der Welt herrscht, von dem, was geistlich oder geistig ist, die Salbung und damit die Gewalt verliehen.

[ 14 ] And so, in the second phase of imperialism, we no longer have merely the anointed imperialism of the Church, but rather the intermingling of the divine and secular anointed within the empire. This begins as early as the ancient Roman Empire in pre-Christian times and extends into the late Middle Ages. What emerged as imperialism—the Holy Roman Empire of the German Nation—always had a dual character. Just consider that, in the end, it traces back to Charlemagne. But Charlemagne was crowned in Rome by the Pope. Thus, even outwardly, the royal dignity was made into a symbol, so that what exists here on the physical earth is no longer reality. The people of the Middle Ages did not worship Charlemagne or Otto I as gods, as was the case in ancient times, but they saw them as people sent by God. And this had to be constantly reaffirmed. Of course, this lived on in people’s consciousness with ever-diminishing intensity. But even when it became externalized, it still retained, at least in the sign and the symbol, a symbolic reality. These emperors of the Holy Roman Empire of the German Nation traveled to Rome to have the Pope place the crown upon their heads. Thus, in the year 1000, the Pope also consecrated the Hungarian Stephen I as King of Hungary. That which reigns in the world is anointed—and thereby granted authority—by that which is spiritual or divine.

[ 15 ] Das aber, was dadurch ins Bewußtsein der Menschen hineinkommt, das bewirkt wiederum, daß die Menschen geglaubt haben, es liege eine Berechtigung vor, die andern Menschen in dieses Reich, das ja von den Göttern selbst durch Menschen gesalbt ist, einzubeziehen, daher selbst Dante der Ansicht ist, daß derjenige, der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation ist, im Grunde genommen berechtigt ist, die ganze Welt zu beherrschen. Darinnen ist gerade bei Dante die Formel des Imperialismus.

[ 15 ] But what thereby enters people’s consciousness, in turn, leads them to believe that there is a justification for including other people in this realm—which, after all, has been anointed by the gods themselves through human beings— which is why even Dante holds the view that the Emperor of the Holy Roman Empire of the German Nation is, in essence, entitled to rule the entire world. It is precisely in this that we find, in Dante’s work, the formula of imperialism.

[ 16 ] In den Sagen und Überlieferungen, in denen sich in dem Bewußtsein der Menschen historische Hergänge kristallisieren, drücken sich in der Regel Dinge aus, die von den verschiedensten Gesichtspunkten, nicht bloß von einem Gesichtspunkt aus betrachtet werden dürfen. Man kann sagen: Im 11., 12. Jahrhundert war durchaus in Europa noch ein starkes Bewußtsein, aber nicht mehr klar, nur ein Empfindungsbewußstsein, aber das stark vorhanden, daß einmal in recht alten Zeiten da im Oriente drüben Menschen auf der Erde, auf der physischen Erde gelebt haben, die selber Götter waren. Man dachte nicht etwa, daß das ein Aberglaube war, o nein, sondern man dachte sich: Jetzt können nur solche Götter nicht mehr auf der Erde leben, weil die Erde so schlecht geworden ist. Das ist verlorengegangen, was Menschen zu Göttern gemacht hat, der «Heilige Gral» ist verlorengegangen, und jetzt, im Mittelalter, kann er nur erlangt werden auf die Weise, wie ihn Parzival erlangt: Man sucht den Weg, im Innern den Gott zu finden, während früher der Gott eine Wirklichkeit im Reiche war. Jetzt ist das Reich nur eine Summe von Symbolen, von Zeichen, und man muß aus den Symbolen, aus den Zeichen heraus den Gott finden.

[ 16 ] In the legends and traditions in which historical events crystallize in people’s consciousness, things are generally expressed that must be viewed from a wide variety of perspectives, not merely from a single one. One could say: In the 11th and 12th centuries, there was still a strong awareness in Europe—though no longer a clear one, merely a sense of it, yet one that was very much present—that once, in very ancient times, over in the East, there had lived people on Earth, on the physical Earth, who were themselves gods. People did not think this was superstition—oh no—but rather they reasoned: Such gods can no longer live on Earth because the Earth has become so corrupt. What made humans into gods has been lost; the “Holy Grail” has been lost; and now, in the Middle Ages, it can only be attained in the way that Parzival attains it: One seeks the path to find God within, whereas in the past God was a reality within the kingdom. Now the kingdom is merely a collection of symbols and signs, and one must find God through these symbols and signs.

[ 17 ] Von all den Dingen, die einmal existiert haben, bleiben dann Überreste vorhanden. Die Wirklichkeit stumpft sich ab. Überreste bleiben vorhanden, Überreste der mannigfaltigsten Art. Während in der Regel, solange die Dinge Wirklichkeiten sind, sie in der Welt eindeutig sind, werden sie nachher vieldeutig. Und so ist Mannigfaltiges in Europa entstanden aus der alten Eindeutigkeit heraus. Solange im Bewußtsein der Menschen das Heilige Römische Reich Deutscher Nation eine Bedeutung hatte, so lange war gewissermaßen der Repräsentant dieses Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation auch mächtig, fähig, die einzelnen Engelsymbole, die die Territorialfürsten waren, zu bändigen; denn man hatte noch ein Bewußtsein, daß er eben ein Recht dazu hatte. Aber sein Recht beruhte mehr oder weniger auf etwas Ideellem. Das verlor nach und nach seine Bedeutung. Dadurch blieben dann die Territorialfürsten übrig. Und wir haben gewissermaßen in dem Heiligen Römischen Reiche Deutscher Nation etwas, was nach und nach seine eigentliche innere Substanz auspreßt, und es bleibt nur das Äußere übrig. Es geht das Bewußtsein verloren, daß irdische Menschen gottgesandt sind. Und der Ausdruck dafür, daß man nicht mehr denken kann, irdische Menschen seien gottgesandt, ist eben der Protestantismus. Der Protestantismus ist der Protest gegen die reale Bedeutung der gottgesandten irdischen Menschen.

[ 17 ] Of all the things that once existed, only remnants remain. Reality becomes blurred. Remnants remain—remnants of the most diverse kinds. While, as a rule, as long as things are realities, they are unambiguous in the world, they subsequently become ambiguous. And so diversity in Europe arose out of that former unambiguity. As long as the Holy Roman Empire of the German Nation held significance in people’s consciousness, the representative of this Holy Roman Empire of the German Nation was, so to speak, powerful enough to subdue the individual angelic symbols that were the territorial princes; for there was still an awareness that he indeed had a right to do so. But his right was based, more or less, on something ideal. That gradually lost its significance. As a result, the territorial princes remained. And in the Holy Roman Empire of the German Nation, we have, so to speak, something that gradually squeezes out its actual inner substance, leaving only the outer shell behind. The awareness that earthly human beings are sent by God is being lost. And the expression of the fact that people can no longer conceive of earthly human beings as being sent by God is precisely Protestantism. Protestantism is the protest against the real significance of earthly human beings sent by God.

[ 18 ] Wäre das Prinzip des Protestantismus konsequent ganz durchgedrungen, so hätte kein gekröntes oder gefürstetes Haupt sich jemals wiederum «von Gottes Gnaden» nennen können. Aber die Dinge blieben immer als Reste. Bis 1918 sind ja die Reste geblieben, dann sind diese Reste verschwunden. Diese Reste, die schon innerlich alle Bedeutung verloren hatten, sie waren als äußerliche Erscheinungen noch da. Diese deutschen Territorialfürsten waren als äußere Erscheinung noch da; eine Bedeutung hatten sie nur in jenen alten Zeiten, wo sie Symbole waren für ein inspirierendes Himmelsreich.

[ 18 ] If the principle of Protestantism had been consistently and fully implemented, no crowned or princely head would ever again have been able to call himself “by the grace of God.” But these things always remained as remnants. These remnants persisted until 1918, when they finally disappeared. These remnants, which had already lost all inner meaning, were still present as outward appearances. These German territorial princes were still there as outward appearances; they had significance only in those bygone days when they were symbols of an inspiring kingdom of heaven.

[ 19 ] So erhalten sich noch andere Reste, bei denen man sich gar nicht bewußt wird, wie sie sich als Reste erhalten. Es ist gar nicht so weit zurück, da erschien von einem mitteleuropäischen Bischof — vielleicht war es auch ein Erzbischof — ein Hirtenbrief. In diesem Hirtenbrief wurde ungefähr ausgeführt, daß der katholische Priester mächtiger ist als Jesus Christus, aus dem einfachen Grunde, weil ja, wenn der katholische Priester am Altar die Transsubstantiation vollzieht, der Christus Jesus in dem Sanktissimum, in der Hostie anwesend werden muß. Es muß die Transsubstantiation durch die Gewalt des Priesters wirklich sich vollziehen. Das heißt, die Handlung, die der Priester vollzieht, zwingt den Christus Jesus, auf dem Altar gegenwärtig zu sein. Also ist der Mächtigere nicht der Christus Jesus, sondern der Mächtigere ist derjenige, der auf dem Altare die Transsubstantiation vollzieht!

[ 19 ] Thus, other remnants persist, and one is not even aware of how they have survived as such. It was not all that long ago that a pastoral letter was published by a Central European bishop—or perhaps it was an archbishop. This pastoral letter stated, in essence, that the Catholic priest is more powerful than Jesus Christ, for the simple reason that when the Catholic priest performs transubstantiation at the altar, Jesus Christ must become present in the Most Holy Sacrament, in the Host. Transubstantiation must truly take place through the power of the priest. That is to say, the act performed by the priest compels Jesus Christ to be present on the altar. Thus, the more powerful one is not Jesus Christ, but rather the one who performs transubstantiation at the altar!

[ 20 ] Wenn wir eine solche Sache verstehen wollen, die, wie gesagt, noch vor wenigen Jahren in einem Hirtenbrief erschienen ist, so müssen wir nicht in die Zeiten der zweiten Imperialismen, sondern in die Zeiten der ersten Imperialismen zurückgehen, wie überhaupt in der katholischen Kirche und ihren Einrichtungen sich Mannigfaltiges von den ersten Imperialismen erhalten hat. Darinnen liegt noch ein Rest jenes Bewußtseins, daß diejenigen, die regieren auf der Erde, die Götter sind, während der Christus Jesus der Gottessohn nur ist. Es ist dasjenige, was in einem solchen Hirtenbrief steht, selbstverständlich für ein protestantisches Bewußtsein eine solche Unmöglichkeit, wie es für einen heutigen Menschen schließlich ja auch eine Unmöglichkeit ist, zu glauben, daß vor Jahrtausenden die Menschen in dem Herrscher den Gott gesehen haben. Aber das alles sind eben wirkliche historische Faktoren, sind wirkliche Tatsachen, Tatsachen, die im geschichtlichen Werden, in der geschichtlichen Wirklichkeit eine Rolle gespielt haben und deren Reste bis heute eben vorhanden sind.

[ 20 ] If we wish to understand such a matter—which, as mentioned, appeared in a pastoral letter just a few years ago—we must look not to the era of the second wave of imperialism, but to the era of the first wave of imperialism, since, in general, much from that first wave of imperialism has been preserved within the Catholic Church and its institutions. Therein lies a remnant of that consciousness that those who rule on earth are gods, while Jesus Christ is merely the Son of God. This is what is written in such a pastoral letter; of course, for a Protestant consciousness, this is as impossible as it is, after all, impossible for a person today to believe that millennia ago, people saw God in their ruler. But all of these are, in fact, real historical factors; they are real facts—facts that played a role in historical development and in historical reality, and traces of which remain to this day.

[ 21 ] Und so spielen in spätere Erscheinungen frühere Wirklichkeiten in starkem Maße hinein. Nicht daß immer die Anschauung dieselbe bleibt; aber die Usancen, die aus diesen Anschauungen hervorgehen, die blieben dieselben. Schauen Sie sich an, wie der Mohammedanismus sich ausgebreitet hat. Gewiß, Mohammed hat nicht selber gesagt: Mohammed ist euer Gott —, wie es gesagt werden mußte vor Jahrtausenden von einem orientalischen Priesterherrscher. Er hat sich beschränkt darauf, was schon damals mehr zeitgemäß war, zu sagen: Da ist ein Gott, und Mohammed ist sein Prophet. — Also für das Bewußtsein der Menschen hat er schon angenommen die Gottgesandtschaft, die zweite Phase des Imperialismus. Für die Art und Weise, wie der Mohammedanismus ausgebreitet worden ist, gilt aber noch die erste Phase. Denn niemals sind Mohammedaner in derselben Weise unduldsam gegen Andersgläubige gewesen wie diejenigen, die auf das Bekenntnis etwas geben. Die Mohammedaner sind zufrieden gewesen, die andern zu erobern und zu Untertanen zu machen, geradeso wie in alten Zeiten, wo es auch nicht auf das Bekenntnis ankam, weil es ja schließlich gleichgültig war, was man glaubte, wenn man nur den Gott anerkannte. Die Art und Weise der Verbreitung des Mohammedanismus, die ist die Usance der ersten Phase des Imperialismus.

[ 21 ] And so earlier realities play a significant role in later manifestations. Not that the worldview always remains the same; but the customs that arise from these worldviews—those remain the same. Consider how Islam spread. Certainly, Muhammad himself did not say, “Muhammad is your God”—as an Eastern priest-ruler would have had to say millennia ago. He limited himself to saying what was already more in keeping with the times: “There is one God, and Muhammad is His prophet.” — Thus, in the consciousness of the people, he had already assumed the role of God’s messenger, the second phase of imperialism. As for the manner in which Islam has spread, however, the first phase still applies. For Muslims have never been as intolerant toward those of other faiths as those who place great importance on religious confession. Muslims have been content to conquer others and make them subjects, just as in ancient times, when creed did not matter either, because ultimately it was irrelevant what one believed, as long as one acknowledged God. The manner in which Islam spread is characteristic of the first phase of imperialism.

[ 22 ] Und etwas hat sich noch erhalten von der ersten Phase des Imperualismus — stark gefärbt durch die zweite — in der russischen Despotie, in dem Zarismus. Da ist durchaus in der ganzen Art und Weise, wie über den Zaren gedacht worden ist von denjenigen, die ihn anerkannten, da ist wenigstens in der Stimmung des Gemütes etwas, was bis in die erste Phase des Imperialismus zurückgeht. Daher kam es in Rußland so wenig darauf an, daß zusammenwuchs dasjenige, was im Bewußtsein der russischen Bevölkerung selber war, mit demjenigen, was vom Zarismus ausging; denn eigentlich beruhte die Herrschaft des Zarismus auf dem germanischen und auf dem mongolischen Elemente, nicht auf dem Elemente des eigentlich russischen Bauerntums. So blieben die Reste aus früheren Zeiten. Auch in kürzeren Zeiträumen kann man sehen, wie die Reste aus früheren Zeiten blieben.

[ 22 ] And something has survived from the first phase of imperialism—strongly influenced by the second—in Russian despotism, in tsarism. There is certainly, in the entire way in which the Tsar was viewed by those who recognized him—at least in the mood of the spirit—something that goes back to the first phase of imperialism. That is why it mattered so little in Russia that what existed in the consciousness of the Russian people themselves merged with what emanated from tsarism; for in reality, the rule of tsarism was based on Germanic and Mongolian elements, not on the elements of the truly Russian peasantry. Thus, the remnants of earlier times remained. Even over shorter periods, one can see how the remnants of earlier times persisted.

[ 23 ] Nun die dritte Form des Imperialismus. Formuliert wird sie Ja erst seit dem 20. Jahrhundert, seit etwa Chamberlain und seine Leute den Begriff «Imperial Federation» geprägt haben; aber es führen die Ursachen weiter zurück, bis in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts, wo in England jene große Umwälzung vor sich gegangen ist, durch die eigentlich für alle westlichen Gebiete, in denen anglo-amerikanische Bevölkerung ist, das Königtum, dasjenige, was früher Gott, dann Gesalbter war, zum bloßen Schattendasein, zur bloßen, man kann nicht sagen, Dekoration, sondern zu etwas bloß Geduldetem wurde, während tatsächlich seit dem 17. Jahrhunderte auf die ganze Bevölkerung, gewiß zunächst klassenweise geschichtet, aber auf die ganze Bevölkerung übergeht dasjenige, was öffentlich gewollt wird.

[ 23 ] Now, the third form of imperialism. It has, in fact, only been formulated since the 20th century, ever since Chamberlain and his associates coined the term “Imperial Federation”; but its roots go back even further, to the second half of the 17th century, when that great upheaval took place in England, through which—in fact, for all Western regions with an Anglo-American population—the monarchy—that which was once God, then the Anointed One—was reduced to a mere shadow existence, to a mere, one cannot say, a decoration, but rather something merely tolerated, while in fact, since the 17th century, what is publicly desired has been passing to the entire population—certainly initially stratified by class, but ultimately to the entire population.

[ 24 ] Nun bringt die anglo-amerikanische Bevölkerung andere Vorbedingungen diesem, sagen wir, Volkswillen, dem Wahlsystem aus dem Volke entgegen, als zum Beispiel die französische, die romanische Bevölkerung, überhaupt die lateinische Bevölkerung. Die lateinische Bevölkerung, insbesondere die französische, hat gewiß die Revolution durchgemacht im 18. Jahrhundert; aber unter dem Einfluß desjenigen, was ich Ihnen vor einigen Stunden hier charakterisiert habe, ist eigentlich das französische Volk heute als Volk königlicher als irgendein anderes. Königlich ist man ja nicht nur dadurch, daß ein König an der Spitze ist. Gewiß, ein Mensch kann nicht gut herumlaufen, wenn man ihm den Kopf abgeschlagen hat; aber das französische Volk ist königlich, imperialistisch, ohne daß es einen König hat. Es kommt auf die Seelenverfassung an. Dieses kompakte Sich-als-Eins-Fühlen, dieses ganze Volksbewußtsein, das ist eigentlich durchaus ein sehr realer Rest des Ludwig XIV.Bewußtseins.

[ 24 ] Now, the Anglo-American population imposes different preconditions on this, shall we say, “will of the people”—the electoral system derived from the people—than, for example, the French, the Romance, or indeed the Latin-speaking populations do. The Latin peoples, especially the French, certainly went through the Revolution in the 18th century; but under the influence of what I described to you here a few hours ago, the French people today are, as a people, actually more royal than any other. After all, one is not “royal” merely because a king is at the head. Certainly, a person cannot walk around very well if his head has been cut off; but the French people are royal, imperialistic, even without having a king. It comes down to the state of mind. This compact sense of unity, this entire national consciousness—that is, in fact, a very real remnant of the consciousness of Louis XIV.

[ 25 ] Aber andere Vorbedingungen brachte die englisch sprechende Bevölkerung dem entgegen, was man Volkswillen nennen könnte. Und da wurde nach und nach wirklich dasjenige, was öffentlich als Urteil geltend gemacht wurde, wurde wirklich der Ausfluß desjenigen, was aus den gewählten Menschen der Parlamente hervorging, da entwickelte sich die dritte Form des Imperialismus, die dann erst formuliert wurde zum Beispiel durch Chamberlain und andere. Aber wir wollen ihn heute seelisch betrachten, diesen dritten Imperialismus.

[ 25 ] But the English-speaking population countered this with what might be called the will of the people. And so, little by little, what was publicly asserted as public opinion truly became the expression of what emerged from the elected members of Parliament; thus the third form of imperialism developed, which was then first articulated, for example, by Chamberlain and others. But today let us consider this third form of imperialism from a spiritual perspective.

[ 26 ] Der erste Imperialismus hatte Wirklichkeiten: Ein Mensch war der Gott für das Bewußtsein der andern Menschen. Seine Paladine waren Götter, die um ihn herum waren, Untergötter. Zweite Form des Imperialismus: Das, was auf der Erde war, war Zeichen, Symbol. Der Gott wirkte nur herein in die Menschen. Dritte Form des Imperialismus: Dasjenige, was hier auf der Erde zunächst von den Seelen ausgeht, entkleidet sich auch des Charakters des Symboles, des Zeichens. Wie es von der Wirklichkeit zum Zeichen, zum Symbol gekommen ist, so kommt es vom Zeichen, vom Symbol zur Phrase.

[ 26 ] The first form of imperialism had a tangible reality: one human being was a god in the consciousness of other human beings. His paladins were gods who surrounded him—sub-gods. The second form of imperialism: what existed on Earth was a sign, a symbol. The god acted only within human beings. The third form of imperialism: That which emanates from the souls here on Earth first sheds the character of the symbol, of the sign. Just as it came from reality to the sign, to the symbol, so it moves from the sign, from the symbol, to the phrase.

[ 27 ] Das ist ohne irgendwelche Gemütserregung, also sine ira, sondern rein objektiv die Tatsache dargestellt, aus der Notwendigkeit des irdischen Werdens heraus. Seit dem 17. Jahrhundert ist wirklich dasjenige, was im öffentlichen Leben der anglo-amerikanischen Bevölkerung vorgeht, wovon gesprochen wird, was man in den Gesetzbüchern fabriziert, Volkswille, gewiß, klassenweise geschichtet — zur Charakteristik dessen kommen wir vielleicht morgen oder übermorgen — aber es ist Phrase, es ist nicht einmal zwischen dem, was gesprochen wird, und der Wirklichkeit eine solche Beziehung wie zwischen dem Symbolum und der Wirklichkeit. So daß dies der Gang ist; seelisch geht das so vor sich: von Wirklichkeiten zu Symbolen und dann zur Phrase, zu dem, was ausgequetschtes, ausgeleertes Wort ist. Und dasjenige, was unter dem ausgequetschten, ausgeleerten Wort vor sich geht, das sind erst die Wirklichkeiten. Von denen stellt sich kein Mensch vor, daß sie göttlich sind, wenigstens nicht da, wo sie ihren Ursprung haben.

[ 27 ] This is presented without any emotional agitation—that is, sine ira—but purely objectively, as a fact arising from the necessity of earthly becoming. Since the 17th century, what actually takes place in the public life of the Anglo-American population—what is discussed, what is concocted in the law books—has been called the “will of the people,” certainly stratified by class—we may come to the characteristics of this tomorrow or the day after—but it is mere rhetoric; there isn’t even a relationship between what is said and reality such as exists between the symbol and reality. So this is the course of events; psychologically, it proceeds as follows: from realities to symbols and then to empty rhetoric, to what is a squeezed-dry, emptied-out word. And what takes place beneath the squeezed-dry, emptied-out word—that is where the realities lie. No one imagines that these realities are divine, at least not where they have their origin.

[ 28 ] Denn denken wir uns einmal die Grundlage jenes Imperialismus, der zu seinem herrschenden Elemente die Phrase hat: in den ersten Imperialismen die Könige, in den zweiten Imperialismen die Gesalbten, jetzt die Phrase. Aus den Majoritätsbeschlüssen wird selbstverständlich nichts Wirkliches, sondern eine herrschende Phrase. Und die Wirklichkeiten schweben darunter und werden durchaus nicht als etwas Göttliches angesehen. Denn nehmen wir eine wichtige Grundlage für dasjenige, was da als Wirklichkeiten sich abspielte: die Kolonisation. Die Kolonisation spielt eine große Rolle bei der Bildung dieses dritten Imperialismus. Für das Kolonisationssystem, das Ausbreiten des Imperiums über die Kolonien, ist ja zuletzt die «Imperial Federation» die Form, die besondere Art der Zusammenfassung. Aber wie gliedern sich ursprünglich diese Kolonien an an das Imperium ? Denken Sie an die realen Fälle zurück: Abenteurer, die man im Imperium nicht recht brauchen kann, die ein bißchen zerlumpt sind, die ziehen dann in die Kolonien, werden reich, verwenden dann ihren Reichtum in der Heimat, sind aber dadurch zunächst durchaus nicht etwa angesehene Leute, sind Abenteurer weiterhin, Bohemiens. So wird das Kolonialreich zusammengebracht. Das ist die unter der Phrase bestehende Wirklichkeit. Aber es bleiben Reste. Wie von den ursprünglichen Wirklichkeiten Symbole und Phrasen als Reste bleiben, oder symbolische Fürstenkronen oder Zarismen, so bleiben von den Abenteurerunternehmungen der etwas übel berüchtigten Kolonisten die Wirklichkeiten übrig, die Wirklichkeiten, die man nun hat. Nicht wahr, der eine hat sich das, sagen wir, «angeeignet»; der Sohn, ja der ist schon nicht mehr so übel berüchtigt, der riecht schon besser. Der Enkel gar riecht noch besser, und dann, nicht wahr, dann kommt eine Zeit, wo alles schon gut riecht. Da kann sich die Phrase bemächtigen dessen, was jetzt schon anfängt, ganz gut zu riechen. Da identifiziert sich dann die Phrase mit der wahren Wirklichkeit. Da breitet der Staat seine Fittiche aus, da wird der Staat der Protektor, und da wird alles ehrlich gemacht.

[ 28 ] For let us imagine the foundation of that imperialism whose dominant element is the slogan: in the first wave of imperialism, it was the kings; in the second, the anointed ones; now, it is the slogan. Of course, majority decisions do not result in anything real, but rather in a dominant slogan. And the realities float beneath them and are by no means regarded as something divine. For let us take an important foundation for what unfolded there as realities: colonization. Colonization plays a major role in the formation of this third imperialism. For the system of colonization—the expansion of the empire across the colonies—the “Imperial Federation” is ultimately the form, the specific mode of unification. But how were these colonies originally integrated into the empire? Think back to the real-life examples: adventurers whom the empire has no real use for, who are a bit ragged—they move to the colonies, become rich, and then use their wealth back home; yet they are by no means respected people at first—they remain adventurers, bohemians. That is how the colonial empire is brought together. That is the reality underlying the phrase. But remnants remain. Just as symbols and phrases remain as remnants of the original realities—or symbolic princely crowns or tsarist traditions—so too do the realities of the somewhat infamous colonists’ adventurous undertakings remain: the realities we now have. Isn’t it true that one has, shall we say, “appropriated” this; the son—well, he’s no longer quite so notorious—he already smells better. The grandson smells even better, and then—don’t you think—a time comes when everything already smells good. Then the phrase can take hold of what is already beginning to smell quite good. Then the phrase identifies itself with true reality. Then the state spreads its wings; then the state becomes the protector; and then everything is made honest.

[ 29 ] Es ist nötig, die Dinge — beim wirklichen Namen kann man vielleicht nicht sagen, weil die Namen sehr selten die Wirklichkeiten bezeichnen —, aber beim wirklichen Zipfel anzupacken. Das ist schon nötig, denn nur dadurch kommt man dahin, zu begreifen, welche Aufgaben die heutige Zeit den Menschen stellt und welche Verantwortlichkeit die heutige Zeit den Menschen auferlegt. Nur dadurch kommt man auch dahin, einzusehen, welche Fable convenue die sogenannte Geschichte eigentlich ist, das heißt die Geschichte, die in den Schulen und Universitäten tradiert wird. Diese Geschichte nennt die Dinge wirklich nicht bei dem rechten Namen, im Gegenteil, sie bewirkt, daß nach und nach die Namen für das Unrechte gelten.

[ 29 ] It is necessary to tackle things—perhaps not by their real names, since names very rarely denote reality—but at their very core. This is indeed necessary, for only in this way can one come to understand what challenges the present age poses to humanity and what responsibilities it imposes on humanity. Only in this way can one also come to realize what a fable convenue so-called history actually is—that is, the history taught in schools and universities. This history truly does not call things by their proper names; on the contrary, it causes the names to gradually come to apply to what is wrong.

[ 30 ] Es ist etwas sehr Schlimmes, nicht wahr, was ich jetzt geschildert habe. Aber sehen Sie, nun handelt es sich darum, eben gerade ein wenig seine Empfindungen, seine Gefühle auf die Verantwortlichkeiten zu lenken. Betrachten wir jetzt die andere Seite. Sehen wir uns einmal an so ein altes Imperium. Das war wirklich, irdisch-wirklich in der Vorstellung; der Priesterkönig ging aus den Mysterien hervor. Das zweite war nicht mehr irdisch-wirklich, sondern das zweite war Symbolum. Es ist ein weiter Weg von dem, was sich in dem alten orientalischen Reiche die Herrschenden und ihre Paladine als ein Göttergeschmeide umhängten, und demjenigen, was als «roter oder schwarzer Adler» dritter, zweiter, erster Güte den Leuten dann angehängt wird. Aber dennoch ist das die geschichtliche Entwickelung. Es ist von der Wirklichkeit zu dem Nichts geworden dasjenige, was zuletzt nicht einmal ein Zeichen war, sondern im Grunde genommen nur der Ausdruck für eine Phrase. Nicht wahr, schließlich ist sogar in Äußerlichkeiten das allgemeine Phrasensystem, das ja vom Westen sich über die übrige Welt ausgebreitet hat, eingedrungen in die öffentlichen Angelegenheiten. Ich habe sogar Titularhofräte kennengelernt! Nun haben schon die Hofräte außerordentlich wenig zu raten gehabt — jedenfalls wenig zu raten gewußt —, aber die Titularhofräte! Das war eben nur Phrase, die einem Menschen angehängt worden ist. Und dennoch, alles geht zurück auf jene alten Usancen, von denen ich gesprochen habe.

[ 30 ] What I have just described is a very terrible thing, isn’t it? But you see, the point now is precisely to direct one’s sensibilities and feelings a little toward one’s responsibilities. Let’s now consider the other side. Let’s take a look at an ancient empire like that. That was truly, in an earthly sense, real in the imagination; the priest-king emerged from the mysteries. The second was no longer earthly and real, but rather a symbol. It is a long way from what the rulers and their paladins in the ancient Eastern empire draped around their necks as divine ornaments, to what is then pinned onto people as a “red or black eagle” of third, second, or first class. Yet this is the course of historical development. What was once reality has turned into nothingness—something that in the end was not even a symbol, but was, in essence, merely the expression of a cliché. Isn’t it true that, ultimately, even in outward appearances, the general system of clichés—which, after all, has spread from the West across the rest of the world—has penetrated public affairs? I have even met titular court councilors! Now, the court councilors already had very little to say—or at least knew little to say—but the titular court councilors! That was simply a phrase that had been attached to a person. And yet, it all goes back to those old customs I spoke of.

[ 31 ] In der ersten Phase, von der ich sprach, haben wir dasjenige, was äußerlich physisches Reich war, das Irdisch-Wirkliche, ganz als geistig gedacht, in der zweiten Phase nur durchdrungen von geistiger Substanz. Und die dritte Phase muß herauswachsen aus dem, was ich Ihnen jetzt geschildert habe, aus dem Reich der Phrase und derjenigen Wirklichkeit, von der wir eben gesprochen haben. Das dritte, das muß hier auf der Erde verwirklichen das Geistesreich.

[ 31 ] In the first phase I spoke of, we conceived of what was outwardly the physical realm—the earthly and real—entirely as spiritual; in the second phase, it was merely permeated by spiritual substance. And the third phase must grow out of what I have just described to you—out of the realm of mere words and the reality we have just discussed. The third phase must bring the spiritual realm to life here on Earth.

[ 32 ] Während in der ersten Phase die physische Wirklichkeit als geistig gedacht war, darf in der Zukunft die physische Wirklichkeit nicht als geistig gedacht sein, dafür aber muß das Geistige hier in der physischen Welt anwesend sein. Das heißt, es muß neben der physischen Wirklichkeit leben die geistige Wirklichkeit. Der Mensch muß hier herumgehen, innerhalb der physischen Wirklichkeit, und eine geistige Wirklichkeit anerkennen, muß sprechen als von etwas Wirklichem, Übersinnlichem, Unsichtbarem, was aber da ist, was begründet werden muß unter uns.

[ 32 ] While in the first phase physical reality was conceived as spiritual, in the future physical reality must not be conceived as spiritual; instead, the spiritual must be present here in the physical world. That is to say, spiritual reality must exist alongside physical reality. Human beings must walk about here, within physical reality, and acknowledge a spiritual reality; they must speak of it as something real, supersensible, and invisible—yet something that is there, something that must be established among us.

[ 33 ] Ich habe von etwas sehr Schlimmem gesprochen, von der Phrase. Aber wenn die äußere Welt nicht so phrasig geworden wäre, wäre ja kein Platz für das Eindringen eines Geistesreiches. Gerade dadurch, daß schließlich alles Alte nurmehr Phrase ist, dadurch entsteht der leere Raum, in den das Geistesreich eindringen soll. Gerade im Westen, in der anglo-amerikanischen Welt, da steuert die Menschheit dahin, daß man viel noch fortsprechen wird, sagen wir, in den gebräuchlichen Idiomen, von allerlei Dingen, die von altersher gekommen sind. Wie gesagt, das wird so fortrollen wie eine Kugel fortrollt. In den Worten wird das fortrollen. Unzählige Formeln finden Sie insbesondere im Westen, die jede Bedeutung verloren haben, die aber gebraucht werden. Aber nicht nur in diesen Formeln, sondern in all dem, was man mit alten Worten bezeichnet, lebt dasjenige, was eigentlich Phrase ist, worinnen keine Wirklichkeit ist, woraus die Wirklichkeit herausgepreßt ist. Da ist dann Platz, daß das Geistige, etwas, was mit nichts Altem übereinstimmt, Platz greife. Das Alte mußte zuerst zur Phrase werden; abgeworfen werden muß alles dasjenige, was so fortkollert mit der Sprache, und hinein muß etwas vollständig Neues, das nur als geistige Welt sich ausbreiten kann.

[ 33 ] I have spoken of something very bad: the cliché. But if the external world had not become so full of clichés, there would be no room for the realm of the spirit to penetrate. It is precisely because, in the end, everything old has become nothing but a cliché that the empty space into which the realm of the spirit is to penetrate comes into being. Especially in the West, in the Anglo-American world, humanity is heading toward a situation where people will continue to speak—let’s say, in the common idioms—about all sorts of things that have come down from ancient times. As I said, this will roll on just as a ball rolls on. It will roll on in words. You will find countless phrases, especially in the West, that have lost all meaning but are still used. But it is not only in these phrases, but in everything described with old words, that what is actually mere rhetoric lives on—something in which there is no reality, from which reality has been squeezed out. There is then room for the spiritual—something that corresponds to nothing old—to take hold. The old had to become a cliché first; everything that just rolls along with language must be cast aside, and something completely new—which can only unfold as a spiritual world—must take its place.

[ 34 ] Dann erst kann es ein Christus-Reich geben auf der Erde. Denn in diesem Reiche muß eine Wirklichkeit sein: «Mein Reich ist nicht von dieser Welt.» In dem Reiche von dieser Welt, in dem zunächst sich ausbreitete das Christus-Reich, da war noch sehr viel von dieser Welt vorhanden, was nicht zur Phrase geworden war. Aber in der westlichen Welt wird alles dasjenige, was von alten Zeiten stammt, dazu vorherbestimmt sein, zur Phrase zu werden. Ja im Westen, in der anglo-amerikanischen Welt, wird alles, was menschliche Überlieferung ist, Phrase werden. Dafür ist die Verantwortlichkeit da, in das leergewordene Gefäß einen Geist hineinzusetzen, von dem gesagt werden kann: Dies Reich ist nicht von dieser Welt! — Das ist die große Verantwortlichkeit. Es kommt nicht darauf an, wie etwas entstanden ist, sondern was man weiter mit dem so Entstandenen tut. Und so sind die Zusammenhänge.

[ 34 ] Only then can there be a Kingdom of Christ on earth. For in this Kingdom, the following must be a reality: “My Kingdom is not of this world.” In the kingdom of this world—where the Kingdom of Christ first spread—there was still much of this world present that had not become mere rhetoric. But in the Western world, everything that originates from ancient times is destined to become mere rhetoric. Indeed, in the West—in the Anglo-American world—everything that is part of human tradition will become mere rhetoric. This is why we bear the responsibility to infuse the now-empty vessel with a spirit of which it can be said: This kingdom is not of this world! — That is the great responsibility. It does not matter how something came into being, but rather what one does with what has thus come into being. And such are the connections.

[ 35 ] Nun werden wir morgen davon zu sprechen haben, wie diese Zusammenhänge sich des weiteren realisieren können, da ja unter der Oberfläche gerade in westlichen Ländern sehr wirksam die Geheimgesellschaften sind, die nun traditionell die zweite Phase des Imperialismus in die dritte hineinschieben. Denn in der anglo-amerikanischen Bevölkerung haben Sie zwei Imperialismen durcheinandergeschoben, den wirtschaftlichen eines Chamberlain und den symbolischen Imperialismus der Geheimgesellschaften, der sehr wirksam hineingeschoben ist, der aber durchaus geheimgehalten wird vor der großen Bevölkerung.

[ 35 ] Tomorrow we will have to discuss how these connections might play out in the future, since secret societies are currently operating very effectively beneath the surface, particularly in Western countries, and are now, as is traditional, pushing the second phase of imperialism into the third. For among the Anglo-American population, they have intermingled two forms of imperialism: the economic imperialism of a Chamberlain and the symbolic imperialism of the secret societies—which has been very effectively introduced but is kept strictly hidden from the general public.