Spiritual and Social Transformations
in Human Evolution
GA 196
21 February 1920, Dornach
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Spiritual and Social Transformations in Human Evolution, tr. SOL
Siebzehnter Vortrag
Seventeenth Lecture
[ 1 ] Ich habe zu Ihnen gesprochen über das geschichtliche Herkommen desjenigen, was man heute Imperialismus nennen kann, und Sie haben schon bemerkt aus dem, was ich gestern gesagt habe, daß es bei diesen Betrachtungen über Imperialismus im wesentlichen darauf ankommt, zu sehen, wie Erscheinungen der Gegenwart, welche im sozialen Leben einstmals durchaus reale Faktoren waren, ihrer Wirklichkeit nach jetzt nur noch Überbleibsel aus alten Zeiten sind. In alten Zeiten hatten die betreffenden Einrichtungen, die betreffenden Gepflogenheiten ihre reale Bedeutung. Sie waren gewissermaßen Realitäten. Die Realität hat aufgehört. Sie hat sich durch das Stadium des Symbols hindurchentwickelt und ist zuletzt zur bloßen Phrase geworden.
[ 1 ] I have spoken to you about the historical origins of what we today call imperialism, and you have already noted from what I said yesterday that, in these reflections on imperialism, the essential point is to see how present-day phenomena—which were once entirely real factors in social life—are now, in terms of their reality, merely remnants of bygone times. In the past, the institutions and customs in question had real significance. They were, so to speak, realities. That reality has ceased to exist. It has evolved through the stage of symbolism and has ultimately become a mere phrase.
[ 2 ] Wir leben überhaupt in dem Zeitalter der Phrase. Nur handelt es sich darum, daß man einsieht, wie auch die Phrase einen gewissen Boden notwendig hat, auf dem sie wächst, und wie die Phrase auf der andern Seite vorbereitend ist für etwas, was in der Menschheitsentwickelung kommen muß. Würde alte Realität sich nicht verwandeln in Phrase, das heißt in etwas, was wie ein existierendes Ilusionäres ist, so würde sich nicht etwas ganz Neues als Realität geltend machen können. Neues könnte nicht kommen, würde zum Beispiel in unsere Zeit noch hereinragen der sichtbare, sinnlich wahrnehmbare Gott in Menschengestalt, wie das noch als letzter Ausläufer im alten Römischen Reiche vorhanden war; denn die römischen Kaiser waren, wenn das auch nicht mehr so voll empfunden wurde, wie es empfunden worden ist im Oriente drüben, sie waren dennoch ihren Prätentionen nach Götter. Nero war wenigstens der Annahme, der Hypothese nach ein wirklicher Gott in Menschengestalt. Diese Dinge haben im Laufe der Zeit ihre reale Bedeutung verloren. Sie sind durch das Stadium des Zeichens, des Sinnbildes gegangen und sind dann geworden zur bloßen Phrase.
[ 2 ] We are, in fact, living in the age of clichés. The point, however, is to recognize that even a cliché must have a certain foundation on which to grow, and that, on the other hand, a cliché serves as a precursor to something that is bound to come in the course of human development. If old reality were not to transform into a cliché—that is, into something that is like an existing illusion—then something entirely new could not assert itself as reality. Nothing new could emerge if, for example, the visible, sensually perceptible God in human form—as He still existed as a final remnant in the ancient Roman Empire—were to persist into our time; for the Roman emperors, even if this was no longer felt as fully as it had been felt in the East, were nonetheless, according to their own claims, gods. Nero, at least according to the assumption or hypothesis, was a real god in human form. Over time, these things have lost their real significance. They have passed through the stage of the sign, the symbol, and have then become mere phrases.
[ 3 ] Nun handelt es sich darum, daß, je mehr die Dinge zur Phrase werden, desto mehr sich der Boden vorbereitet für eine neue Wirklichkeit, das heißt für ein Geistesleben, das nun nicht aus der sinnlichen Welt, sondern aus der übersinnlichen Welt geholt wird, für ein Geistesleben, das die göttlich-geistigen Wesenheiten nicht in Menschengestalt finden will, sondern sie finden will als reale, wirkliche Wesenheiten unter den sichtbaren Menschen auf der Erde. Erst muß das Phrasenhafte da sein, muß dann aber auch erkannt werden. Dann wird es möglich, daß ein neues geistiges Leben sich wirklich entwickelt. Man muß also geradezu, wenn man die Gegenwart verstehen will aus solchen, sagen wir, unangenehmen Voraussetzungen heraus, sein Augenmerk richten können auf die Geburt eines neuen geistigen Lebens mit völligem Illusionärwerden dessen, was in der Entwickelung der Menschheit Realität war.
[ 3 ] The point is that the more things become mere phrases, the more the ground is being prepared for a new reality—that is, for a spiritual life that is drawn not from the sensory world but from the supersensory world, for a spiritual life that does not seek to find the divine spiritual beings not in human form, but as real, actual beings among the visible people on Earth. First, the empty rhetoric must be present, but it must then also be recognized. Only then will it be possible for a new spiritual life to truly develop. So, if one wants to understand the present from such—let us say—unpleasant premises, one must be able to focus one’s attention on the birth of a new spiritual life, in which everything that was reality in the development of humanity becomes completely illusory.
[ 4 ] Es ist nur zu natürlich, daß die Menschen an den alten Realitäten festhalten wollen, auch wenn sie schon zur Phrase geworden sind; denn durchschauen, daß die Dinge zur Phrase geworden sind, das bewirkt in den Menschengemütern eine gewisse Unsicherheit. Man glaubt, wenn man sich gestehen muß, daß die alten Dinge zur Phrase geworden sind, daß man nicht mehr einen sicheren Boden unter den Füßen habe. Man liebt es, sich zu täuschen, weil man in dem Augenblicke, wo man die Täuschung als Täuschung hinnimmt, eben glaubt, in der Luft zu schweben. Man wird nur dann nicht mehr glauben, in der Luft zu schweben, wenn man die Festigkeit des neuen Geisteslebens wirklich erfühlen kann. Und wir leben eben in dem Zeitalter, in dem wir Teilnehmer werden müssen an der untergehenden Phrase und Teilnehmer werden müssen an dem aufsteigenden Geistesleben. Das wird insbesondere dadurch möglich werden, daß bei allen englisch sprechenden Menschen sich immer mehr und mehr herausstellen muß, wie dasjenige, was sie sich bewahrt haben traditionell aus früheren Zeiten und wovon sie noch reden, wie das durchaus Phrase ist und wie eine Realität unter dieser Phrase das wirtschaftliche Leben ist, wie ich es Ihnen gestern geschildert habe als einzige, wahrhaftige Realität, die unter der Phrase ist.
[ 4 ] It is only natural that people want to cling to old realities, even if they have already become mere clichés; for realizing that things have become mere clichés creates a certain sense of insecurity in people’s minds. People believe that if they have to admit that the old things have become mere clichés, they no longer have solid ground beneath their feet. They like to delude themselves, because the moment they accept the delusion as such, they feel as if they are floating in the air. One will cease to believe one is floating in the air only when one can truly feel the solidity of the new spiritual life. And we are living precisely in the age in which we must become participants in the fading clichés and participants in the rising spiritual life. This will become possible, in particular, as it becomes increasingly clear to all English-speaking people that what they have traditionally preserved from earlier times—and what they still speak of—is nothing but a cliché, and that economic life is the reality underlying this cliché, as I described to you yesterday as the sole, true reality beneath the cliché.
[ 5 ] Aber ein Moment wird da eintreten, ein Moment, der von ganz besonderer Wichtigkeit ist. In dem Augenblicke, wo man empfinden wird, daß man es zu tun hat mit jenem wirtschaftlichen Leben, das ja in der dritten, vierten Generation «anständig» wird, wie ich gestern geschildert habe, und sonst mit Phrase, in diesem Augenblick wird man empfinden die Nichtigkeit des Menschen, der bloß — als in einer Realität im physischen Leben drinnensteht. Diese Erkenntnis muß insbesondere den westlichen Völkern aufdämmern. Es muß der Moment kommen, wo das Eingeständnis in der Seele Platz greift: An all dem, was wir reden, können wir nicht mehr festhalten. Die Realität unter uns ist dasjenige, was wir für den Magen und die Verdauung der Menschen erwerben und zubereiten. Solange man die Phrase noch nicht in ihrem Phrasencharakter durchschaut hat, solange man noch nicht weiß, daß die Wirtschaft die einzige Wirklichkeit ist, so lange wird man nicht zu dem notwendigen Geständnis kommen. Kommt man aber zu dem notwendigen Geständnis, dann kann die menschliche Natur nicht mehr anders, als sich sagen: Um Mensch zu sein, brauchen wir eine geistige Wirklichkeit zu der physischen Wirklichkeit des bloßen Wirtschaftens hinzu.
[ 5 ] But a moment will come—a moment of very special importance. At the very moment when one realizes that one is dealing with that economic life which, as I described yesterday, becomes “decent” by the third or fourth generation—and is otherwise mere rhetoric—at that very moment one will perceive the insignificance of the human being who merely exists within the reality of physical life. This realization must dawn in particular on the Western peoples. The moment must come when the admission takes root in the soul: We can no longer hold on to all that we talk about. The reality among us is what we acquire and prepare for people’s stomachs and digestion. As long as one has not yet seen through empty rhetoric for what it is, as long as one does not yet know that the economy is the only reality, one will not arrive at the necessary admission. But once one arrives at this necessary admission, human nature can do nothing but say to itself: To be human, we need a spiritual reality in addition to the physical reality of mere economic activity.
[ 6 ] Dieser Moment der Erkenntnis muß aufdämmern. Ohne diesen Moment der Erkenntnis kommt die Menschheitsentwickelung nicht weiter. Gerade aus demselben Grunde, aus dem wir einem neuen Geistesleben entgegengehen, müssen wir in der Gegenwart in das Element der Phrase untertauchen.
[ 6 ] This moment of insight must dawn. Without this moment of insight, humanity’s development cannot move forward. Precisely for the same reason that we are moving toward a new spiritual life, we must immerse ourselves in the realm of rhetoric in the present.
[ 7 ] Nun ist allerdings die stärkste Begabung, das stärkste Talent für diese Erkenntnis in den westlichen Völkern gegeben. In den westlichen Völkern sind alle Vorbedingungen gegeben, daß eine solche Erkenntnis wirklich aufdämmert, während zum Beispiel die andern Völker Europas wenig Anlage haben, daß unter ihnen eine solche Erkenntnis in der nötigen Intensität aufdämmert. Denn da herrschen vielfach andere Verhältnisse, welche verhindern, daß die Illusionen so gründlich, so radikal durchschaut werden, wie sie namentlich in der englisch sprechenden Bevölkerung durchschaut werden können. Sie brauchen ja auch nur wiederum historische Verhältnisse ins Auge zu fassen.
[ 7 ] Now, however, the greatest aptitude, the greatest talent for this insight is found among Western peoples. Among Western peoples, all the prerequisites are in place for such an insight to truly dawn, whereas, for example, other peoples of Europe have little predisposition for such an insight to dawn among them with the necessary intensity. For there, in many cases, different circumstances prevail that prevent the illusions from being seen through as thoroughly and as radically as they can be, particularly among the English-speaking population. One need only consider historical circumstances once again.
[ 8 ] Denken Sie sich einmal, daß die verschiedenen in Mitteleuropa lebenden Stämme germanischen Ursprungs vereinigt waren seit der Zeit der Nachfolger Karls des Großen, seit den sächsischen, seit den staufischen Herrschern als Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation, wie ich schon gesagt habe. Dieses Heilige Römische Reich Deutscher Nation war im Grunde genommen ein ganzes Netz von lauter Symbolen. Es war alles in dem Charakter des Zeichens, des Symbolums. Man hatte bei allem nötig, dem man gegenüberstand, zurückzugehen vom Zeichen, vom Symbolum zu einer irgendwie gearteten Wirklichkeit. Man kam mit diesem Durchdringen durch das Zeichen, durch das Symbolum aber nicht zu einer vollen geistigen Wirklichkeit. Das verhinderten die Kirchen. Man kam gewissermaßen zu einem bloßen Schweben und Schwimmen in einer geistigen Wirklichkeit. Daher hat alles dasjenige, was das Mittelalter über eine geistige Wirklichkeit zu sagen hatte und was die Nachfolgeschaft der europäischen Bekenntnisse über eine solche geistige Wirklichkeit zu sagen hat, den Charakter des Halbbegriffenen, des Nicht-ganz-zu-Begreifenden. Es hat den Charakter des Lichtscheines, der durch bunte Fensterscheiben in die mittelalterlichen Kirchen fiel. Man schreckte zurück, wenn man von den Symbolen zum Geistigen kam, man schreckte zurück vor einer klaren, scharfen Erfassung. Man wollte im Gegenteil lieber die Sache so charakterisieren, daß sie dastand als ein halb Unbekanntes, das von der Erkenntnis nicht durchdrungen werden kann.
[ 8 ] Just imagine that the various tribes of Germanic origin living in Central Europe had been united since the time of Charlemagne’s successors—since the Saxon and Staufer rulers—as the Holy Roman Empire of the German Nation, as I have already said. This Holy Roman Empire of the German Nation was, in essence, an entire network of symbols. Everything was of a symbolic nature. In everything one encountered, it was necessary to move from the sign, from the symbol, back to some kind of reality. Yet this penetration through the sign, through the symbol, did not lead to a full spiritual reality. The churches prevented that. One arrived, so to speak, at a mere hovering and drifting within a spiritual reality. That is why everything the Middle Ages had to say about a spiritual reality—and everything the successors of the European confessions have to say about such a spiritual reality—has the character of the half-understood, the not-quite-comprehensible. It has the character of the glimmer of light that fell through stained-glass windows into medieval churches. People recoiled when they moved from the symbols to the spiritual; they recoiled from a clear, sharp grasp of it. On the contrary, they preferred to characterize the matter in such a way that it stood as something half-unknown, which cannot be penetrated by knowledge.
[ 9 ] Und so ist es ja auch eigentlich mit den äußeren sozialen Verhältnissen gewesen. Wer mit innerem Sinn wirklich studiert die Geschichte dieses Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation — und die schweizerische Geschichte ist ja im Grunde genommen innig mit dieser Geschichte des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation verbunden —, der wird finden, daß Unklarheiten über Unklarheiten von Zeitalter zu Zeitalter sich fortpflanzen. Unklarheiten, durch die man die eigene soziale Organisation aufzunehmen, in ihr zu leben, sie zu begreifen versucht, bis man dann 1806 merkte — selbst die Habsburger merkten es damals —, daß das ganze Heilige Römische Reich Deutscher Nation keinen Sinn mehr habe. Und der ja besonders begabte — das heißt negativ begabte — Kaiser Franz L. legte die deutsche Kaiserkrone dazumal nieder, nachdem er sich in der österreichischen Kaiserkrone zwei Jahre vorher einen persönlichen oder, wie man es in diesem Falle nennt, Haus-Ersatz geschaffen hatte. Es verloren die Sachen die Möglichkeit zu bestehen, weil man schließlich hinter diesem Symbolum keinen Sinn mehr finden konnte. Und es blieb für diese Menschen in Mitteleuropa nichts anderes zurück als ein Streben, ein Wollen, welches nach allem Möglichen ging, aber wenig konkreten Sinn in sich barg.
[ 9 ] And that is, in fact, how things actually were with regard to external social conditions. Anyone who truly studies with inner insight the history of the Holy Roman Empire of the German Nation—and Swiss history is, after all, intimately connected with the history of the Holy Roman Empire of the German Nation—will find that ambiguities upon ambiguities perpetuate themselves from age to age. Ambiguities through which one attempts to grasp one’s own social organization, to live within it, and to understand it—until, in 1806, it became clear—even the Habsburgs realized it at the time—that the entire Holy Roman Empire of the German Nation no longer made any sense. And the particularly gifted—that is, negatively gifted—Emperor Franz L. abdicated the German imperial crown at that time, after having created for himself, two years earlier, a personal or, as it is called in this case, a “house” substitute in the form of the Austrian imperial crown. These institutions lost their ability to exist because, in the end, no meaning could be found behind this symbol. And for these people in Central Europe, nothing remained but a striving, a desire that reached for everything possible but held little concrete meaning within it.
[ 10 ] Daher die Reichsbegründung von 1870/71 mit dem inneren Widerspruch. Ein deutsches Kaisertum wurde geschaffen, aber aus keinen realen Verhältnissen heraus. Man erfand diesen Titel. In Frankreich hätte man vielleicht, wenn irgend etwas Ähnliches gelungen wäre, den «Empereur» wiederum verstanden, halb verstanden wenigstens, weil da noch etwas Substanz im Volke vorhanden war; aber innerhalb des deutschen Wesens war ein Name da, der vorausgesetzt hätte, daß man Talent gehabt hätte für bloße Namen, die nichts bedeuten; daß man Talent gehabt hätte auf der einen Seite, die Phrase zu pflegen, und auf der andern Seite eine darunterstehende, mit ihr zunächst nichts zu tun habende Realität eines Wirtschaftslebens oder so etwas dergleichen. Aber dieses Talent gab es in Mitteleuropa nicht. Und um zu verstehen, was sich in diesem Mitteleuropa entwickelte, muß man sich klar sein darüber, daß man eigentlich Geschichte nicht studieren soll in abstrakten Begriffen, sondern in Realitäten! Man kann eine Frage mit der Zielsetzung der Realität aufwerfen: Was ist es denn eigentlich, was unter dem deutschen Kaisertum von 1871 bis 1914 sich entwickelt hat? — Dasjenige, was da war, was die Leute außen gesehen haben, war ja nur eine Illusion. Was war die Wirklichkeit? Ja, sehen Sie, bei geschichtlichen Erscheinungen ist es so, daß irgendeine Sache auftritt (rot); unter’ihrer Oberfläche enthält sie eine andere Sache (blau). Wenn die erste Sache als Illusion verschwindet, dann erscheint die zweite in ihrer Wirklichkeit in der Fortsetzung.
[ 10 ] Hence the founding of the German Empire in 1870–71, with its inherent contradiction. A German empire was created, but not based on any real circumstances. This title was invented. In France, if something similar had succeeded, the “Empereur” might have been understood—or at least half-understood—because there was still some substance left in the people; but within the German character, there was a name that would have required a talent for mere names that mean nothing—a talent, on the one hand, for cultivating the phrase, and on the other, for an underlying reality of economic life or something of the sort that initially had nothing to do with it. But this talent did not exist in Central Europe. And to understand what developed in this Central Europe, one must be clear that history should not actually be studied in abstract terms, but in realities! One can pose a question with a focus on reality: What, in fact, developed under the German Empire from 1871 to 1914? — What was there, what people saw on the outside, was, after all, merely an illusion. What was the reality? Well, you see, with historical phenomena, it is the case that one thing appears (red); beneath its surface, it contains another thing (blue). When the first thing disappears as an illusion, the second then appears in its reality as a continuation.
[ 11 ] Man soll nicht analysieren, sondern man muß auf die Realität hinweisen, auf das Konkrete. Was unter dem deutschen Kaisertum von 1871 bis 1914 sich entwickelt hat, das zeigte sich nicht damals, als es ablief, denn das war die Illusion; die Wirklichkeit kommt hinterher, sie ist dasjenige, was sich seit dem November 1918 entwickelt; das sind die gegenwärtigen Machthaber. Der Grundcharakter des wilhelminischen Zeitalters ist Noske. Der Grundcharakter desjenigen, was sich da entwickelte seit Jahrzehnten, das kam erst heraus, als die gegenwärtigen Machthaber auftraten. Definiert wird der deutsche Exkaiser durch die sogenannten revolutionären Machthaber der Gegenwart. Die Zustände, die damals unter der Oberfläche lebten in den Jahrzehnten vor her, in denen man sich den Illusionen hingab, das sind die Zustände, die jetzt in der Wirklichkeit da sind.
[ 11 ] One should not analyze, but must point to reality, to the concrete. What developed under the German Empire from 1871 to 1914 did not become apparent at the time it was coming to an end, for that was the illusion; reality comes later—it is what has been developing since November 1918; that is, the current rulers. The fundamental character of the Wilhelmine era is Noske. The fundamental character of what had been developing there for decades only came to light when the current rulers emerged. The former German emperor is defined by the so-called revolutionary rulers of the present. The conditions that lay beneath the surface in the decades prior, when people indulged in illusions—those are the conditions that now exist in reality.
[ 12 ] Und so können Sie in Wirklichkeit Geschichte studieren, indem Sie in der Evolution die Involution aufsuchen, indem Sie dasjenige aufsuchen, was sich unter der Oberfläche entwickelt. Wie heißt denn dasjenige in Wirklichkeit, was im 19. Jahrhundert russischer Zarismus war? Dasjenige, was russischer Zarismus war, das heißt heute, wo es in seiner Wahrheit erschienen ist, Lenin und Trotzkij, Bolschewismus. Das ist die konkrete Wahrheit desjenigen, was damals bloß eine Illusion war. Der Zarismus ist bloß die an der Oberfläche schwimmende Lüge; dasjenige, was aber dieser Zarismus wirklich gepflegt hat, erschien, sobald er selbst weggefegt war, in seiner wahren Wirklichkeit. Lenin ist nichts anderes als erst der Zar; nachdem man ihm die Haut abgezogen hatte, da blieb dasjenige, was seine Wirklichkeit war, übrig, und das heißt heute Lenin oder Trotzkij. Und wenn Sie, dieses Bild fortsetzend, Leuten wie Caprivi oder Hohenlohe oder Bethmann Hollweg die Häute abziehen, so bleiben übrig Noske, Scheidemann und so weiter. Das sind die wirklichen Gestalten; die andern waren bloß daraufgestülpte Illusionen.
[ 12 ] And so you can actually study history by seeking out involution within evolution, by seeking out that which develops beneath the surface. What, in reality, is the name of what was Russian tsarism in the 19th century? What Russian tsarism was—that is, today, now that it has appeared in its truth—is Lenin and Trotsky, Bolshevism. That is the concrete truth of what was merely an illusion back then. Tsarism is merely the lie floating on the surface; but what this tsarism truly nurtured appeared, as soon as it itself was swept away, in its true reality. Lenin is nothing other than the Tsar himself; after his skin was stripped away, what remained was his true reality, and that is what we call Lenin or Trotsky today. And if you continue this analogy by stripping away the skins of people like Caprivi, Hohenlohe, or Bethmann Hollweg, what remains are Noske, Scheidemann, and so on. These are the real figures; the others were merely illusions superimposed upon them.
[ 13 ] Es handelt sich darum, daß man in der Geschichte nicht durch abstrakte Begriffe und Ideen eine Erscheinung illustriert, sondern durch dasjenige, was in der Geschichte wirklich wird. Es wird immer in der Geschichte die Definition einer Sache eine andere Tatsache sein, nicht ein abstrakter Begriff. So handelt es sich darum, Realitäten zu studieren. Und so handelt es sich namentlich darum, sein Augenmerk darauf zu richten, welches die Realitäten sind; denn heute leben wir in dem Zeitalter, wo Realitäten durchschaut werden müssen, wo Realitäten restlos enthüllt werden müssen.
[ 13 ] The point is that, in history, one does not illustrate a phenomenon through abstract concepts and ideas, but through what actually comes to be in history. In history, the definition of a thing will always be another fact, not an abstract concept. Thus, the point is to study realities. And so, in particular, the point is to focus one’s attention on what these realities are; for today we live in an age in which realities must be seen through, in which realities must be completely laid bare.
[ 14 ] Diese Erscheinung zeigt sich ganz besonders, wenn Sie studieren die Konstitution, den Inhalt derjenigen Geheimgesellschaften, welche eine große Macht innerhalb der englisch sprechenden Bevölkerung haben, eine Macht, welche man im breiten Publikum nicht ahnt. Das sind Gesellschaften, welche sich unter außerordentlich sympathischen äußeren Regeln zusammentun, Gesellschaften, welche gerade im fünften nachatlantischen Zeitraum eine immer größere und größere Macht erlangt haben.
[ 14 ] This phenomenon is particularly evident when you study the structure and nature of those secret societies that wield great power within the English-speaking population—a power of which the general public is largely unaware. These are societies that come together under exceptionally appealing outward rules—societies that have gained ever-greater power, particularly in the fifth post-Atlantean epoch.
[ 15 ] Wenn Sie in das Jahr 1720 zurückblicken, so haben Sie in England ein paar Anhänger solcher Gemeinschaften. Anhänger sind in der Regel bloß die Werkzeuge, die eigentlich schiebenden Menschen stehen dahinter; aber auch Anhänger waren dazumal nur ein paar. Sehen wir heute die Statistik nach, so haben wir an freimaurerischen Gesellschaften, also solchen Gesellschaften, die ein gutes Instrument in den Händen der Geheimgesellschaften sind, in London 488 Logen, in ganz Großbritannien 1354 Logen, in den Kolonien und im Ausland als englische Logen 486; und daran angeschlossen das sogenannte Royal Arch Cap, also dasjenige, was schon die äußeren Usancen der Freimaurerei etwas geheimhält, 836 in der ganzen Welt.
[ 15 ] If you look back to the year 1720, you’ll find a few followers of such societies in England. Followers are generally merely tools; the people who are actually pulling the strings are behind the scenes; but even back then, there were only a few followers. If we look at the statistics today, we find that there are 488 Masonic lodges in London—that is, lodges that serve as effective instruments in the hands of secret societies—1,354 lodges throughout Great Britain, and 486 English lodges in the colonies and abroad; and affiliated with this is the so-called Royal Arch Chapter—that is, the organization that keeps even the outward practices of Freemasonry somewhat secret—with 836 chapters worldwide.
[ 16 ] Nun handelt es sich darum, erstens den substantiellen Gehalt desjenigen, was innerhalb dieser Logen existiert, ins Auge zu fassen als ein Instrument für die eigentlich schiebenden Mächte. Und dann handelt es sich darum, die Gründe aufzusuchen, warum diese Mächte eigentlich bis heute eine außerordentlich große Bedeutung gehabt haben. Der eigentlich substantielle Gehalt, der geht in Zeiten fernster Vergangenheit zurück. Und diejenigen, die immer wieder und wieder betonen, daß der Inhalt der Maurerei in Zeiten ferner Vergangenheit zurückgeht, die haben so ganz Unrecht nicht, wenn auch die Dinge, so wie sie dargestellt werden, oftmals nebulos, vielleicht sogar schwindelhaft sind. Aber das Zurückgehen in Zeiten ferner Vergangenheit beruht doch auf einem gewissen wahren Hintergrund. Es geht sogar in so ferne Vergangenheiten zurück, daß wir sagen können: Diese Vergangenheiten sind diejenigen des alten, ersten Stadiums des Imperialismus, wonach der Gott in Menschengestalt unter Menschen herumwandelte. Da hat dasjenige, was in diesen Logen heute gesprochen wird, namentlich aber was gezeigt wird, einen Sinn gehabt. Dann ist es zum Symbolum geworden. Der Sinn ist längst dahin. Man kann sagen, innerhalb derjenigen Logen, die heute existieren, ist von einem Wissen, vom Inhalte desjenigen, was getan oder gesagt wird, kaum irgend etwas vorhanden. Aber geblieben ist die Symbolik. Die Symbolik hat sich nun auch in das Stadium der Phrase herein fortgepflanzt, so daß wir namentlich in englisch sprechenden Gegenden und denjenigen Gegenden, die von ihnen abhängig sind, zwei Schichten von Kulturfermenten nebeneinander haben: die äußere, ganz exoterische, das öffentliche Leben beherrschende Phrase und in den Geheimgesellschaften das Symbolum, das nur traditionell bewahrt wird, von dem gar nicht angestrebt wird, es bis zu seinem wirklichen Urgrund zurückzuführen, das aber als Symbolum bewahrt wird. Dadurch wird das Symbolum zur Phrase in symbolischer Gestalt, oder zum Symbol, das auch Phrase wird, aber das in anderen Gestalten auftritt. Sie haben also die äußere exoterische Phrase des öffentlichen Lebens, die in der gewöhnlichen Menschensprache sich ausdrückt, die in den Parlamenten zum Beispiel ihr Wesen treibt, und dann haben Sie in den Geheimgesellschaften das Treiben mit der Symbolik, von der in der Regel auch diejenigen nichts verstehen, denen diese Symbolik überliefert wird. Es ist also etwas Phrasenhaftes in Symbolgestalt. Das ist wichtig, daß wir neben der äußeren rein wörtlichen Phrase die kulturelle Phrase haben, die zeremonielle Phrase. Denn diese zeremonielle Phrase birgt immerhin ein geistiges Element in sich. Und in Geheimgesellschaften, welche echte zeremonielle Formen haben, das heißt solche, die auf wirkliche Usancen zurückgehen, kann es vorkommen, daß durch ihr Karma besonders begabte Leute hinter den wirklichen Sinn dieser Symbole einmal kommen. Manchmal findet ja auch ein blindes Hühnchen ein Korn. Also es kann durchaus vorkommen, daß besonders begabte Leute hinter den Sinn der Zeremonien kommen; dann werden sie aus den betreffenden Geheimgesellschaften entfernt. Aber man sorgt dafür, daß sie diesen Geheimgesellschaften nicht mehr schädlich werden können. Denn dasjenige, was besonders wichtig ist für diese Geheimgesellschaften, ist die Macht, und nicht die Einsicht. Es handelt sich durchaus ja darum, die Geheimnisse in traditioneller Form zu bewahren. Und in dieser traditionellen Form haben sie eine gewisse Macht. Warum ?
[ 16 ] Now, the first task is to consider the substantive content of what exists within these lodges as an instrument for the forces that are actually driving events. And then it is a matter of seeking out the reasons why these forces have, in fact, continued to hold extraordinary significance to this day. The truly substantive content dates back to the most distant past. And those who emphasize time and again that the content of Freemasonry dates back to the distant past are not entirely wrong, even if the way things are presented is often nebulous, perhaps even deceptive. But this connection to the distant past is nevertheless based on a certain true foundation. It even goes back to such distant times that we can say: These times are those of the ancient, earliest stage of imperialism, when God walked among humans in human form. Back then, what is spoken of in these lodges today—and especially what is demonstrated—had meaning. Then it became a symbol. The meaning is long gone. One could say that within the lodges that exist today, there is hardly any knowledge left of the content of what is done or said. But the symbolism has remained. This symbolism has now also degenerated into mere rhetoric, so that—particularly in English-speaking regions and those regions dependent on them—we have two layers of cultural forces coexisting side by side: the outer, entirely exoteric, empty phrase that dominates public life, and, within the secret societies, the symbol, which is preserved solely by tradition—with no attempt whatsoever to trace it back to its true origin—but which is preserved as a symbol. As a result, the symbol becomes a phrase in symbolic form, or a symbol that also becomes a phrase, but one that appears in other forms. So you have the outer, exoteric phrase of public life, which is expressed in ordinary human language—the kind that runs its course in parliaments, for example—and then, in secret societies, you have the goings-on involving symbolism, which, as a rule, even those to whom this symbolism is handed down do not understand. It is, therefore, something phrase-like in symbolic form. It is important to recognize that alongside the outer, purely literal phrase, we have the cultural phrase—the ceremonial phrase. For this ceremonial phrase does, after all, contain a spiritual element within it. And in secret societies that have genuine ceremonial forms—that is, those rooted in actual customs—it can happen that, through their karma, particularly gifted individuals eventually uncover the true meaning of these symbols. After all, even a blind chicken sometimes finds a grain of corn. So it is entirely possible that particularly gifted individuals will uncover the meaning of the ceremonies; in which case they are expelled from the secret societies in question. But measures are taken to ensure that they can no longer pose a threat to these secret societies. For what is particularly important to these secret societies is power, not insight. The aim is, after all, to preserve the secrets in their traditional form. And in this traditional form, they possess a certain power. Why?
[ 17 ] Ich habe Ihnen jetzt gewissermaßen den substantiellen Inhalt geschildert. Aber dieser substantielle Inhalt, der ist ja an die Menschen gebunden, die in diesen Geheimgesellschaften zusammengerottet werden. Denken Sie, wie viele Leute zu diesen verschiedenen Logen der Welt gehören. Diese Leute sind nun, indem sie in die Logen eintreten, gegenübergestellt dem Zeremoniellen, das so geartet ist, wie ich es Ihnen eben charakterisiert habe. Aber sie sind unter gewissen Gesichtspunkten für die Logen gewonnen. Und einer der wichtigsten Gesichtspunkte, unter denen sie für die Logen ursprünglich gewonnen sind — wenn auch von verschiedenen Seiten gegen diese Gesichtspunkte besonders heute in der mannigfaltigsten Weise gesündigt wird, darauf kommt es aber für die Wirksamkeit dieser Logen nicht an —, einer der wichtigsten Gesichtspunkte, unter dem die Menschen in diesen Logen zusammengerottet sind, ist der der absoluten Indiskutabilität der religiösen Bekenntnisse. Gewiß, es wird dagegen gesündigt. Es gibt heute in der Welt Freimaurerlogen, die, sagen wir, keine Juden aufnehmen. Selbstverständlich, das gibt es; aber die verstehen eben nichts von dem Grundprinzip. Das Grundprinzip ist, Menschen aller Bekenntnisse in sich zu fassen. Das ist einer der Hauptgrundsätze also, auf den Inhalt desjenigen, was einer glaubt, nichts zu geben. Das andere ist, innerhalb der Logen nichts zu geben auf die äußeren Klassen- und sonstigen Unterschiede. Die Menschen, die innerhalb der richtigen Logen sind, sind alle untereinander Brüder, gleichgültig ob einer ein Lord oder der andere ein Arbeiter ist, nur, daß auch dagegen wieder gesündigt wird. Es werden in den meisten Logen keine Arbeiter aufgenommen, sondern nur Lords und diejenigen, die ihnen gefügig sind. Aber das hat mit dem Prinzip als solchem nichts zu tun. Diejenigen, die drinnen sind, die sind eben durchaus vereinigt unter der Devise: Alle sind Brüder. — Es gibt ja nur die Grade; die haben aber nichts zu tun mit der äußeren Schichtung, mit der sozialen Schichtung der Menschen. Dadurch sind die Menschen zusammengerottet unter Gesichtspunkten, die mit der äußeren sozialen Ordnung nichts zu tun haben, denn in unserer äußeren sozialen Ordnung haben wir durchaus die Menschen geschichtet erstens nach ihren Bekenntnissen, die da noch eine Rolle spielen — Bekenntnisse spielen in den wirklichen Logen keine Rolle —, zweitens wird man nicht behaupten können, daß die Menschen in der äußeren sozialen Ordnung Brüder sind. Sie sind nicht Brüder. In den Logen, diejenigen wenigstens, die drinnen sind, sind Brüder.
[ 17 ] I have now, so to speak, described the substantive content to you. But this substantive content is, of course, tied to the people who are gathered together in these secret societies. Just think how many people belong to these various lodges around the world. When these people join the lodges, they are confronted with the ceremonial practices that are of the nature I have just described to you. But they have been won over to the lodges from certain perspectives. And one of the most important aspects under which they were originally won over to the lodges—even though these aspects are being violated in the most diverse ways from various quarters, especially today, though this is irrelevant to the effectiveness of these lodges—one of the most important aspects under which people are gathered together in these lodges is the absolute indisputability of religious creeds. Certainly, this principle is violated. There are Masonic lodges in the world today that, let us say, do not admit Jews. Of course, this happens; but they simply do not understand the fundamental principle. The fundamental principle is to embrace people of all faiths. This is one of the main principles, then: to attach no importance to the content of what a person believes. The other principle is to pay no attention within the lodges to external class distinctions or other differences. The people who are members of true lodges are all brothers to one another, regardless of whether one is a lord and another a laborer—though, again, this principle is often violated. In most lodges, no workers are admitted—only lords and those who are subservient to them. But that has nothing to do with the principle itself. Those who are inside are indeed united under the motto: All are brothers. — There are, of course, only the degrees; but these have nothing to do with external stratification, with the social stratification of people. As a result, people are brought together on the basis of criteria that have nothing to do with the external social order, for in our external social order we have indeed stratified people, first according to their religious affiliations—which still play a role there, whereas in the real lodges, religious affiliations play no role—and second, one cannot claim that people in the external social order are brothers. They are not brothers. In the lodges—at least those who are members—they are brothers.
[ 18 ] Aber solche Dinge, die haben eine gewisse reale Bedeutung. Es ist nicht gleichgültig, unter welchen Gesichtspunkten man Menschen zu Gemeinschaften zusammenfaßt. Wenn man Menschen unter einem gleichen Bekenntnisse zu einer Gemeinschaft zusammenfaßt, so ist das im realen Leben eine Gemeinschaft, die unter Umständen nur angewiesen ist auf die äußere Macht, auf die tote Macht. Wenn man Menschen zusammenfaßt unter dem Gesichtspunkte, daß das Glaubensbekenntnis gleichgültig ist, dann wird daraus eine Gemeinschaft mit einer besonders starken geistigen Macht. Daher hat die katholische Kirche immer müssen ihre Macht unterstützen durch politische Machtmittel, weil sie die Menschen, wenigstens annähernd, zusammenfassen will unter einem gewissen einheitlichen Bekenntnis. Sie ist immer um so mächtiger gewesen, je weniger es den Leuten auf das Bekenntnis ankam, je weniger es der Hierarchie, je weniger es Rom auf das Bekenntnis ankam. Denn im äußeren Leben, in den physischen sozialen Ordnungen das Bekenntnis als das Maßgebende machen heißt machtlos machen. Machtvoll kann nur eine Gemeinschaft auftreten, die nichts auf das Bekenntnis als solches gibt.
[ 18 ] But such things do have a certain real significance. It matters from what perspectives people are grouped into communities. If people are brought together into a community based on a shared creed, then in real life this is a community that, under certain circumstances, relies solely on external power—on dead power. If people are brought together on the basis that their creed is irrelevant, then this results in a community with a particularly strong spiritual power. That is why the Catholic Church has always had to prop up its power with political means, because it seeks to unite people—at least to some extent—under a certain uniform creed. It has always been all the more powerful the less people cared about creed, the less the hierarchy cared about it, and the less Rome cared about it. For in external life, in physical and social orders, to make creed the determining factor is to render it powerless. Only a community that attaches no importance to creed as such can be powerful.
[ 19 ] Dieses ist von einer ganz besonderen Wichtigkeit im Zeitalter der Phrase. Denn neben die öffentliche Phrase stellt sich gewissermaßen die esoterische Phrase, die des Zeremoniells, die des Kultus hin. Und aus diesen Untergründen heraus hat sich eigentlich die soziale Wirrnis der Gegenwart in Wahrheit ergeben. Man kann sehr merkwürdige Zeugnisse anführen für die Phrasenhaftigkeit des Zeitalters. Sie wissen, bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts herein standen sich im englischen Parlamente gegenüber eine liberale Partei, die Whigs, und eine konservative Partei, die Tories. Whigs und Tories standen sich gegenüber. Was waren denn das eigentlich für Benennungen ? In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren diese Benennungen im Grunde genommen ganz ernsthaftig gemeint. Die Liberalen nannte man Whigs, und man brauchte sich nicht einmal zu genieren dabei; die andern nannte man Tories, man brauchte sich auch nicht zu genieren dabei. Aber als diese Benennungen aufgekommen waren im Morgenrot des englischen Parlaments, was waren denn diese zwei Namen ? Der Name Whigs, er war ein Schimpfname. Er kam als Schimpfname auf. Als sich ein schottischer Bund bildete gegen die in Schottland verpönte englische Maßregel einer gewissen Kirchendisziplin, da rotteten sich schottische Leute zusammen, die man dann in England Whigs schimpfte. Also so weit ging die Phrase, daß man eine offizielle Benennung dadurch gewann, daß man einen Schimpfnamen umwandelte zu der offiziellen Benennung. Denken Sie sich, wie sich das alles abspielt über der Realität. Die Realität bestand darinnen, daß man die Mitglieder dieses schottischen Bundes in England Whigs nannte. Dann waren es die ganz ehrwürdigen Liberalen, die Whigs nicht geschimpft, sondern definiert wurden. Und die Tories — das war ein Name, der aus Irland gekommen war. So nannte man dort im 17., 18. Jahrhundert die Anhänger des Papismus. Dann war dieser Name, der ein Schimpfname für die irischen Papisten war, der öffentliche Name für die englischen Konservativen geworden. Das alles spielte sich ab im Reiche der Namen, im Reiche der Benennungen, im Reiche der Phrase. Die Wirklichkeit hatte damit gar nichts zu tun. Das ist ein Beispiel, das, ich möchte sagen, von der Oberfläche geholt ist. Aber für diese Erscheinung können Sie, zunächst in der englisch sprechenden Welt, dann aber in der ganzen übrigen Welt, insoferne sie angesteckt davon war und ist, überall die gleichen Erscheinungen finden.
[ 19 ] This is of particular importance in the age of empty rhetoric. For alongside public rhetoric stands, as it were, esoteric rhetoric—that of ceremony and ritual. And it is from these underlying currents that the social turmoil of the present day has, in truth, arisen. One can cite some very curious examples of the era’s tendency toward empty rhetoric. As you know, right up until the mid-19th century, the English Parliament was divided between a liberal party, the Whigs, and a conservative party, the Tories. The Whigs and the Tories stood opposed to one another. What did these labels actually mean? In the first half of the 19th century, these labels were, in essence, taken quite seriously. The liberals were called Whigs, and there was no need to be embarrassed by that; the others were called Tories, and there was no need to be embarrassed by that either. But when these terms first emerged in the dawn of the English Parliament, what did these two names actually mean? The name “Whigs” was a derogatory term. It originated as a slur. When a Scottish alliance formed in opposition to a certain measure of church discipline—which was frowned upon in Scotland—Scots banded together, and in England they were derisively called “Whigs.” So the phrase went so far that an official designation was gained by transforming a derogatory term into an official one. Just imagine how all this plays out in relation to reality. The reality was that the members of this Scottish alliance were called “Whigs” in England. Then it was the very venerable Liberals who were not derided as “Whigs,” but rather defined as such. And the Tories—that was a name that had come from Ireland. That’s what they called the supporters of Papism there in the 17th and 18th centuries. Then this name, which had been a derogatory term for the Irish Papists, became the common name for the English Conservatives. All of this took place in the realm of names, in the realm of designations, in the realm of rhetoric. Reality had nothing to do with it. This is an example, I would say, taken from the surface. But for this phenomenon, you can find the same phenomena everywhere—first in the English-speaking world, but then throughout the rest of the world, insofar as it was and is infected by it.
[ 20 ] Aber was ist denn das, daß sich so viele Menschen zusammentun unter Gesichtspunkten, die durchaus löblich sind, wie die Menschen, die in den Logen zusammengetan sind ? Es kommt ja dabei gar nicht darauf an, daß eine geringe Zahl von recht zweifelhaften Existenzen auch in den Logen sind. Es kommt dabei auf das Prinzip an. Das hat eine große Bedeutung, daß sich da unter den wirksamsten Gesichtspunkten Menschen zusammenfinden, und sich zusammenfinden in dem phrasenhaften Zeremoniell, in dem phrasenhaften Kultus, der nun seinerseits wiederum den Zusammenhalt dieser Menschen gibt aus realen geistigen Untergründen heraus.
[ 20 ] But what is it, then, that causes so many people to come together for reasons that are certainly praiseworthy, just like the people who have joined together in the lodges? It doesn’t matter at all that a small number of rather dubious characters are also in the lodges. What matters is the principle. It is of great significance that people come together under the most effective principles, and that they come together in the ritualistic ceremony, in the ritualistic cult, which in turn provides these people with cohesion based on genuine spiritual foundations.
[ 21 ] Es ist ja doch so, daß wenn irgend jemand, sagen wir, ein mächtiger Minister ist und einen Unterstaatssekretär braucht, es ihm selbstverständlich lieber ist, wenn er seinen Bruder Maurer ernennen kann, als wenn er einen beliebigen andern zu ernennen hat. Es ist sogar berechtigt, denn den kennt er besser, mit dem kann er besser arbeiten. Es wird sogar in berechtigter Weise eine Zusammenrottung getrieben, die einmal für die Verhältnisse, in die sie hineingestellt ist, nicht einmal ungünstig ist, die aber aufhören muß, in dieser Weise zu wirken.
[ 21 ] The fact is that if someone—let’s say, a powerful minister—needs an undersecretary, he naturally prefers to appoint his brother Maurer rather than have to appoint just anyone else. This is even justified, because he knows him better and can work with him more effectively. There is even a justified tendency toward clique formation, which, given the circumstances in which it occurs, is not even unfavorable, but which must cease to operate in this manner.
[ 22 ] Aber was ist es denn eigentlich, was da auftritt? Es ist doch merkwürdig, daß gerade im Zeitalter der Phrase, die im öffentlichen Leben herrscht, daß in diesem Zeitalter der Phrase auftritt eine geistige Strömung, eine geistige Gemeinschaft mit entschieden wirksamen Prinzipien! Diese geistige Gemeinschaft hält sich recht sehr geheim, nicht so sehr ihrem Bestande nach, sondern ihrem eigentlichen inneren Impuls nach. Warum ist denn das eigentlich? Weil wir im Zeitalter der Phrase leben und die Phrase es gestattet, Wirklichkeiten zu fälschen. Denn was bildet sich denn da eigentlich heraus? Was ist denn im Grunde genommen schon da? Das zunächst auf sich gestellte wirtschaftliche Leben, mit dem die Phrase nicht mehr stimmt; das Geistesleben, das unterirdisch getrieben wird, und das Rechtsleben, das eben als Phrase in der Toga einherschreitet, ungefähr mit derselben Bedeutung für die äußere Welt als Jurisprudenz, wie der englische Richter im Richterornat dasitzt. So wie dieses Richterornat sich verhält zu dem, was da Wirklichkeit ist, so verhält sich die Jurisprudenz zu dem, was die dahinterstehende Wirklichkeit ist. Eine Dreigliederung im Reich der Phrase, eine Dreigliederung in der Unwahrheit, aber der Beweis für die Notwendigkeit der Dreigliederung.
[ 22 ] But what, exactly, is it that is emerging here? It is indeed strange that, precisely in this age of empty rhetoric that prevails in public life, a spiritual movement—a spiritual community with decidedly effective principles—should emerge! This spiritual community keeps itself quite secret—not so much in terms of its existence, but in terms of its actual inner impulse. Why is that, actually? Because we live in the age of empty rhetoric, and empty rhetoric allows realities to be falsified. For what is actually taking shape here? What is actually already there, when you get right down to it? Economic life, which has been set on its own and with which empty rhetoric no longer aligns; spiritual life, which is driven underground; and legal life, which strides along in a toga as mere empty rhetoric, carrying roughly the same significance for the outer world as jurisprudence does as the English judge sits in his judicial robes. Just as this judge’s robe relates to what is reality, so does jurisprudence relate to the reality that lies behind it. A threefold division in the realm of empty phrases, a threefold division in untruth—but proof of the necessity of the threefold division.
[ 23 ] Sie sehen, die Dreigliederung wollen heißt im Grunde genommen an die Stelle der Lüge, der Phrasen die Wahrheit setzen, aber die Wahrheit als Wirklichkeit, während in der Gegenwart die Epoche angebrochen ist, wo Wirklichkeit nicht die Wahrheit ist, sondern wo Wirklichkeit die Phrase ist und alles dasjenige, was von der Phrase abhängt. Man kann ja allerdings die Phrase treiben sowohl in der geistigen Welt wie auch in der Rechtswelt, in der Staatswelt; nur in der wirtschaftlichen Welt läßt es sich nicht gut machen. Denn da kommt doch das im Großen in Betracht, was mir bei mannigfaltigen öffentlichen Vorträgen immer wieder — die Dinge spielen sich ja immer wiederholt ab — eingewendet worden ist. Nachdem ich auseinandergesetzt habe, wie der Mensch durch die Verfolgung desjenigen, was in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten ?» gesagt worden ist, dazu kommt, innerlich eine Anschauung der geistigen Welt, der geistigen Realität zu entwickeln, da steht nach jedem dritten Vortrag einer auf in der Diskussion und sagt: Ja, aber wie kann man wissen, daß, was man innerlich schaut, eine Realität ist? Es gibt doch Autosuggestion. Diese ganze geistige Welt könnte ja nur eine Autosuggestion sein! Es gibt doch sogar die Suggestion, daß man, wenn man bloß an Limonade denkt, einen Limonadegeschmack im Munde hat; da suggeriert man sich selber den Limonadegeschmack. Man hat gar keine Limonade da, aber man denkt bloß an Limonade, und man hat es als Geschmack. — Darauf sagte ich immer: Es kommt eben an auf das Stehen in der vollen Wirklichkeit. Gewiß, man kann sich den Limonadegeschmack suggerieren, aber man kann sich nicht die Stillung des Durstes auf diese Weise durch Gedanken suggerieren. Die Stillung des Durstes bleibt aus. — Wenn man also nur weit genug geht, dann führt die Sache schon zur Realität. Man kann Phrasen im Reich der Geistigkeit, man kann Phrasen sogar noch im Reiche des Rechtlichen, des Staatlichen haben, aber man kann Phrasen nicht gut im wirtschaftlichen Leben haben, weil man sie nicht essen kann oder wenigstens nicht satt wird davon.
[ 23 ] You see, to advocate the threefold social order essentially means to replace lies and empty phrases with the truth—but the truth as reality—whereas in the present day we have entered an era in which reality is not the truth, but rather reality is the empty phrase and everything that depends on it. Of course, one can resort to empty phrases both in the spiritual world and in the legal and political spheres; it is only in the economic world that this does not work well. For there, on a large scale, what has been repeatedly objected to me in various public lectures—since events do, after all, always repeat themselves—comes into play. After I have explained how a person, by following what is said in my book *How Does One Gain Knowledge of the Higher Worlds?*, comes to develop an inner perception of the spiritual world, of spiritual reality, someone always stands up during the discussion after every third lecture and says: “Yes, but how can one know that what one sees inwardly is a reality?” After all, there is autosuggestion. This whole spiritual world could just be autosuggestion! There is even the suggestion that if you merely think of lemonade, you have the taste of lemonade in your mouth; in that case, you are suggesting the taste of lemonade to yourself. You don’t actually have any lemonade there, but you simply think of lemonade, and you experience it as a taste.” — To that I always replied: “It all comes down to standing firmly in full reality. Certainly, you can suggest the taste of lemonade to yourself, but you cannot suggest the quenching of your thirst in this way through thoughts alone. Your thirst remains unquenched. — So if you go far enough, the matter inevitably leads to reality. You can have empty phrases in the realm of the spiritual; you can even have them in the realm of law and government, but you can’t really have them in economic life, because you can’t eat them—or at least they won’t fill you up.
[ 24 ] Und so ist tatsächlich im Zeitalter der Phrase von den Realitäten die wirtschaftliche Realität gerade an den charakteristischesten Stellen zurückgeblieben. Und in dem Augenblicke — das muß ich noch einmal sagen —, in dem man erkennen wird, daß die Illusion eine Illusion ist, daß die Phrase eine Phrase ist, wird das große Schamgefühl auftauchen: Wir Menschen leben ja so, daß wir eine Vernunft haben, aber wir machen mit dieser Vernunft nichts anderes, als daß wir die wirtschaftlichen Unterlagen des physischen Lebens besorgen, welches die Tiere sogar ohne Vernunft zustande bringen. Wenn wir Menschen durch unsere Vernunft nichts anderes zustande bringen, als das wirtschaftliche Leben zu besorgen, Nahrung und alles dasjenige, was mit dem physischen Dasein zusammenhängt, dann prostituieren wir ja die Vernunft, dann brauchen wir unsere Vernunft, um etwas zu besorgen, was das Tier ganz gut ohne den Luxus der Vernunft besorgt. In dem Augenblicke, wo diese Selbsterkenntnis eintritt, das heißt, wo die Phrase als Phrase durchschaut wird, in diesem Augenblick wird das große Schamgefühl eintreten, und dann der Umschlag. Dann wird eintreten die Einsicht in die Notwendigkeit der Erneuerung der geistigen Welt.
[ 24 ] And so, in this age of empty rhetoric about “realities,” economic reality has actually lagged behind precisely in the most characteristic areas. And at the moment—I must say this once again—when people realize that the illusion is an illusion, that the phrase is just a phrase, a great sense of shame will arise: We humans live in such a way that we possess reason, yet we use this reason for nothing more than securing the economic foundations of physical life—something that animals manage to do even without reason. If we humans, through our reason, accomplish nothing more than securing our economic livelihood—food and everything else connected with physical existence—then we are indeed prostituting reason; then we need our reason to secure something that animals manage quite well without the luxury of reason. The moment this self-awareness sets in—that is, the moment the phrase is seen for what it is—a profound sense of shame will arise, followed by a turning point. Then will come the realization of the necessity to renew the spiritual world.
[ 25 ] Das muß aber in entsprechender Weise wirklich vorbereitet werden dadurch, daß eine genügend große Anzahl von Menschen die Verhältnisse der Gegenwart durchschaut. Denn was hilft es denn eigentlich, wenn die Menschen sich heute über dasjenige, was real ist, etwas vormachen? Was hilft es denn, an Lloyd George zu glauben, wenn man durchschauen kann, daß alles dasjenige, was aus seinem Munde kommt, notwendig bloß Phrase ist? Was hilft es denn, daß die Welt den Wilson angebetet hat, wenn man durchschauen kann, daß die ganze Wilsonsche Politik eine Phrasenpolitik war? Was hilft es denn, über europäische Verhältnisse heute nachzudenken aus denjenigen Prinzipien heraus, welche durch Jahrhunderte hindurch von alten Zeiten ererbte Prinzipien waren und für die heutigen Verhältnisse keine Kräfte mehr sein können?
[ 25 ] But this must truly be prepared for in an appropriate way, by ensuring that a sufficiently large number of people see through the circumstances of the present. For what good does it actually do if people today delude themselves about what is real? What good does it do to believe in Lloyd George if one can see through the fact that everything that comes out of his mouth is necessarily nothing but empty rhetoric? What good does it do that the world idolized Wilson if one can see through the fact that Wilson’s entire policy was a policy of empty rhetoric? What good does it do to reflect on European conditions today based on principles that were inherited from ancient times over the course of centuries and can no longer be a force in today’s circumstances?
[ 26 ] Symbole sollte man auch in den geschichtlichen Erscheinungen sehen. Man sollte sich klar sein darüber, daß sich schon in den äußeren Erscheinungen merkwürdige Dinge ausdrücken. Die Habsburger — aus dem Elsaß sind sie hervorgegangen, durch die Schweiz sind sie nach Osten gerückt, immer weiter nach Osten. Am Östlichsten sind sie angekommen, als sie apostolische Könige von Ungarn geworden sind. Aber bei diesem Gang vom Westen nach dem Osten, da liegt das Eigentümliche vor, daß die westlichen Realitäten im Osten hinschwinden.
[ 26 ] One should also see symbols in historical events. One should be aware that strange things are expressed even in outward appearances. The Habsburgs—they originated in Alsace, moved eastward through Switzerland, farther and farther east. They reached their easternmost point when they became the apostolic kings of Hungary. But in this journey from the West to the East, there is a peculiar aspect: Western realities fade away in the East.
[ 27 ] Die Hohenzollern haben keinen so weiten Weg gebraucht, bloß von Nürnberg bis Berlin, aber auch vom Westen nach Osten. Diese historischen Zeichen sind eben auch reale Symbole, die man wohl ins Auge fassen muß. Und ins Auge gefaßt muß werden, was heute unter der Phrase Realität ist. Deshalb kann auch unmöglich heute jemand aus dem, was im öffentlichen Urteile lebt, eine Realität noch herausgewinnen. Wer heute einen Sinn für Wirklichkeiten hat, der kommt eben auf sehr merkwürdige Dinge. Man versucht dasjenige, was im öffentlichen Leben auftritt, was überall in der Welt Nachahmung, Nacheiferung findet, die Whigs und die Tories, zu prüfen. Man sucht ihren Ursprung Schimpfnamen waren sie, und man hat nötig gehabt, sie ernsthaftig zu nehmen, weil man für diejenigen Realitäten, die da waren, ernsthafte Namen nicht gut hätte finden können. So geht es uns heute mit sehr vielem; mit ungeheuer vielem geht es uns heute so. Wir versuchen heute im öffentlichen Leben, Worte gar sehr in ein gewisses mystisches Dunkel zu hüllen, und wir merken es nicht. Wir merken nicht, wie wir im Zeitalter der Phrase leben.
[ 27 ] The Hohenzollerns did not have to travel such a long distance—merely from Nuremberg to Berlin, but also from west to east. These historical signs are, after all, real symbols that one must take into account. And one must take into account what is today referred to as “reality.” That is why it is impossible today for anyone to extract a reality from what prevails in public opinion. Anyone today who has a sense of reality will inevitably come across some very strange things. One tries to examine what appears in public life—what is imitated and emulated all over the world: the Whigs and the Tories. People search for their origin—they were originally terms of derision, and it became necessary to take them seriously because one could not have found suitable, serious names for the realities that existed at the time. This is how it is for us today with so many things; with an immense number of things, this is how it is for us today. In public life today, we try to shroud words in a certain mystical obscurity, and we do not even realize it. We do not realize that we are living in the age of the cliché.
[ 28 ] Ich kenne zum Beispiel einen sehr interessanten Kodex von lauter zusammengestellten Phrasen. Wenn man diesen Kodex aufschlägt, so findet man Sätze ganz merkwürdiger Art, wie zum Beispiel: Was ist das Recht? — Das Recht ist der Wille eines Volkes, — und so geht es weiter. Ja, meine lieben Freunde: Das Recht ist der Wille eines Volkes...! Volk — für die Menschen der Gegenwart ist das nur eine Summe von einzelnen Menschen. Aber diese Summe soll nun einen Willen haben! Von solcher Art sind nun alle die Erklärungen, die in diesem Kodex der Phrasen gegeben werden. Man hat das Gefühl, daß da einmal jemand sich den großen Luxus gegönnt hat, alles dasjenige, was gegenwärtig existiert im öffentlichen Leben, in die Sprache der Phrase zu übersetzen und das als einen Kodex herauszugeben. Und wissen Sie, wie dieser Kodex der Phrasen heißt? «Der Staat», und sein Verfasser ist Woodrow Wilson. Und erschienen ist dieser Kodex der Phrasen in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. In den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hat Woodrow Wilson sich nun nicht den Luxus machen wollen, die sämtlichen öffentlichen Phrasen zusammenzustellen — aber als Tatsache ist das gelungen. So wenig hat dasjenige, was die Leute in ihrer Phrasenhaftigkeit denken und sagen, noch zu tun mit dem, was wirklich entsteht. Nach seiner Meinung hat Woodrow Wilson herausgegeben die Summe der heutigen Staatsweisheit, in Wirklichkeit einen Kodex von lauter Phrasen. Vor einigen Jahren hat einen Deutschen so sehr der Hafer der Phrase gestochen, daß er nun dieses dicke Buch ins Deutsche übersetzt hat, so daß dieses Buch auch im Deutschen vorliegt. Ich setze voraus, daß es noch in andere Weltsprachen übersetzt sein wird, ich weiß es aber nicht.
[ 28 ] For example, I know of a very interesting codex consisting entirely of compiled phrases. When you open this codex, you find sentences of a very peculiar nature, such as: What is law? — Law is the will of a people — and so it goes on. Yes, my dear friends: Law is the will of a people...! “People”—for people today, that is merely a sum of individual human beings. But this sum is now supposed to have a will! All the explanations given in this codex of phrases are of this sort. One gets the feeling that someone once indulged in the great luxury of translating everything that currently exists in public life into the language of clichés and publishing it as a code. And do you know what this “Code of Clichés” is called? *The State*, and its author is Woodrow Wilson. And this “Code of Clichés” was published in the 1890s. In the 1890s, Woodrow Wilson did not set out to compile all public clichés—but that is precisely what happened. What people think and say in their clichéd way has very little to do with what actually comes into being. In his view, Woodrow Wilson published the sum total of contemporary political wisdom—in reality, a compendium of nothing but clichés. A few years ago, a German was so fed up with the prevalence of clichés that he translated this thick book into German, so that it is now available in German as well. I assume it will be translated into other world languages as well, though I do not know for certain.
[ 29 ] Ohne diese Dinge zu durchschauen, ohne in diesen Dingen überall die Wirklichkeiten ins Auge zu fassen, kommen wir heute nicht weiter. Mit kleinen Gedanken kommt man heute nicht weiter. Es ist nötig, das Gemüt anzuspornen zu großen Gedanken. Davon wollen wir dann morgen weiter reden.
[ 29 ] Without seeing through these things, without facing the realities in them head-on, we won’t get anywhere today. Small thoughts won’t get us anywhere today. We need to spur our minds on to think big. We’ll talk more about that tomorrow.
