Geistige und soziale Wandlungen
in der Menschheitsentwickelung
GA 196
21 Februar 1920, Dornach
Siebzehnter Vortrag
[ 1 ] Ich habe zu Ihnen gesprochen über das geschichtliche Herkommen desjenigen, was man heute Imperialismus nennen kann, und Sie haben schon bemerkt aus dem, was ich gestern gesagt habe, daß es bei diesen Betrachtungen über Imperialismus im wesentlichen darauf ankommt, zu sehen, wie Erscheinungen der Gegenwart, welche im sozialen Leben einstmals durchaus reale Faktoren waren, ihrer Wirklichkeit nach jetzt nur noch Überbleibsel aus alten Zeiten sind. In alten Zeiten hatten die betreffenden Einrichtungen, die betreffenden Gepflogenheiten ihre reale Bedeutung. Sie waren gewissermaßen Realitäten. Die Realität hat aufgehört. Sie hat sich durch das Stadium des Symbols hindurchentwickelt und ist zuletzt zur bloßen Phrase geworden.
[ 2 ] Wir leben überhaupt in dem Zeitalter der Phrase. Nur handelt es sich darum, daß man einsieht, wie auch die Phrase einen gewissen Boden notwendig hat, auf dem sie wächst, und wie die Phrase auf der andern Seite vorbereitend ist für etwas, was in der Menschheitsentwickelung kommen muß. Würde alte Realität sich nicht verwandeln in Phrase, das heißt in etwas, was wie ein existierendes Ilusionäres ist, so würde sich nicht etwas ganz Neues als Realität geltend machen können. Neues könnte nicht kommen, würde zum Beispiel in unsere Zeit noch hereinragen der sichtbare, sinnlich wahrnehmbare Gott in Menschengestalt, wie das noch als letzter Ausläufer im alten Römischen Reiche vorhanden war; denn die römischen Kaiser waren, wenn das auch nicht mehr so voll empfunden wurde, wie es empfunden worden ist im Oriente drüben, sie waren dennoch ihren Prätentionen nach Götter. Nero war wenigstens der Annahme, der Hypothese nach ein wirklicher Gott in Menschengestalt. Diese Dinge haben im Laufe der Zeit ihre reale Bedeutung verloren. Sie sind durch das Stadium des Zeichens, des Sinnbildes gegangen und sind dann geworden zur bloßen Phrase.
[ 3 ] Nun handelt es sich darum, daß, je mehr die Dinge zur Phrase werden, desto mehr sich der Boden vorbereitet für eine neue Wirklichkeit, das heißt für ein Geistesleben, das nun nicht aus der sinnlichen Welt, sondern aus der übersinnlichen Welt geholt wird, für ein Geistesleben, das die göttlich-geistigen Wesenheiten nicht in Menschengestalt finden will, sondern sie finden will als reale, wirkliche Wesenheiten unter den sichtbaren Menschen auf der Erde. Erst muß das Phrasenhafte da sein, muß dann aber auch erkannt werden. Dann wird es möglich, daß ein neues geistiges Leben sich wirklich entwickelt. Man muß also geradezu, wenn man die Gegenwart verstehen will aus solchen, sagen wir, unangenehmen Voraussetzungen heraus, sein Augenmerk richten können auf die Geburt eines neuen geistigen Lebens mit völligem Illusionärwerden dessen, was in der Entwickelung der Menschheit Realität war.
[ 4 ] Es ist nur zu natürlich, daß die Menschen an den alten Realitäten festhalten wollen, auch wenn sie schon zur Phrase geworden sind; denn durchschauen, daß die Dinge zur Phrase geworden sind, das bewirkt in den Menschengemütern eine gewisse Unsicherheit. Man glaubt, wenn man sich gestehen muß, daß die alten Dinge zur Phrase geworden sind, daß man nicht mehr einen sicheren Boden unter den Füßen habe. Man liebt es, sich zu täuschen, weil man in dem Augenblicke, wo man die Täuschung als Täuschung hinnimmt, eben glaubt, in der Luft zu schweben. Man wird nur dann nicht mehr glauben, in der Luft zu schweben, wenn man die Festigkeit des neuen Geisteslebens wirklich erfühlen kann. Und wir leben eben in dem Zeitalter, in dem wir Teilnehmer werden müssen an der untergehenden Phrase und Teilnehmer werden müssen an dem aufsteigenden Geistesleben. Das wird insbesondere dadurch möglich werden, daß bei allen englisch sprechenden Menschen sich immer mehr und mehr herausstellen muß, wie dasjenige, was sie sich bewahrt haben traditionell aus früheren Zeiten und wovon sie noch reden, wie das durchaus Phrase ist und wie eine Realität unter dieser Phrase das wirtschaftliche Leben ist, wie ich es Ihnen gestern geschildert habe als einzige, wahrhaftige Realität, die unter der Phrase ist.
[ 5 ] Aber ein Moment wird da eintreten, ein Moment, der von ganz besonderer Wichtigkeit ist. In dem Augenblicke, wo man empfinden wird, daß man es zu tun hat mit jenem wirtschaftlichen Leben, das ja in der dritten, vierten Generation «anständig» wird, wie ich gestern geschildert habe, und sonst mit Phrase, in diesem Augenblick wird man empfinden die Nichtigkeit des Menschen, der bloß — als in einer Realität im physischen Leben drinnensteht. Diese Erkenntnis muß insbesondere den westlichen Völkern aufdämmern. Es muß der Moment kommen, wo das Eingeständnis in der Seele Platz greift: An all dem, was wir reden, können wir nicht mehr festhalten. Die Realität unter uns ist dasjenige, was wir für den Magen und die Verdauung der Menschen erwerben und zubereiten. Solange man die Phrase noch nicht in ihrem Phrasencharakter durchschaut hat, solange man noch nicht weiß, daß die Wirtschaft die einzige Wirklichkeit ist, so lange wird man nicht zu dem notwendigen Geständnis kommen. Kommt man aber zu dem notwendigen Geständnis, dann kann die menschliche Natur nicht mehr anders, als sich sagen: Um Mensch zu sein, brauchen wir eine geistige Wirklichkeit zu der physischen Wirklichkeit des bloßen Wirtschaftens hinzu.
[ 6 ] Dieser Moment der Erkenntnis muß aufdämmern. Ohne diesen Moment der Erkenntnis kommt die Menschheitsentwickelung nicht weiter. Gerade aus demselben Grunde, aus dem wir einem neuen Geistesleben entgegengehen, müssen wir in der Gegenwart in das Element der Phrase untertauchen.
[ 7 ] Nun ist allerdings die stärkste Begabung, das stärkste Talent für diese Erkenntnis in den westlichen Völkern gegeben. In den westlichen Völkern sind alle Vorbedingungen gegeben, daß eine solche Erkenntnis wirklich aufdämmert, während zum Beispiel die andern Völker Europas wenig Anlage haben, daß unter ihnen eine solche Erkenntnis in der nötigen Intensität aufdämmert. Denn da herrschen vielfach andere Verhältnisse, welche verhindern, daß die Illusionen so gründlich, so radikal durchschaut werden, wie sie namentlich in der englisch sprechenden Bevölkerung durchschaut werden können. Sie brauchen ja auch nur wiederum historische Verhältnisse ins Auge zu fassen.
[ 8 ] Denken Sie sich einmal, daß die verschiedenen in Mitteleuropa lebenden Stämme germanischen Ursprungs vereinigt waren seit der Zeit der Nachfolger Karls des Großen, seit den sächsischen, seit den staufischen Herrschern als Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation, wie ich schon gesagt habe. Dieses Heilige Römische Reich Deutscher Nation war im Grunde genommen ein ganzes Netz von lauter Symbolen. Es war alles in dem Charakter des Zeichens, des Symbolums. Man hatte bei allem nötig, dem man gegenüberstand, zurückzugehen vom Zeichen, vom Symbolum zu einer irgendwie gearteten Wirklichkeit. Man kam mit diesem Durchdringen durch das Zeichen, durch das Symbolum aber nicht zu einer vollen geistigen Wirklichkeit. Das verhinderten die Kirchen. Man kam gewissermaßen zu einem bloßen Schweben und Schwimmen in einer geistigen Wirklichkeit. Daher hat alles dasjenige, was das Mittelalter über eine geistige Wirklichkeit zu sagen hatte und was die Nachfolgeschaft der europäischen Bekenntnisse über eine solche geistige Wirklichkeit zu sagen hat, den Charakter des Halbbegriffenen, des Nicht-ganz-zu-Begreifenden. Es hat den Charakter des Lichtscheines, der durch bunte Fensterscheiben in die mittelalterlichen Kirchen fiel. Man schreckte zurück, wenn man von den Symbolen zum Geistigen kam, man schreckte zurück vor einer klaren, scharfen Erfassung. Man wollte im Gegenteil lieber die Sache so charakterisieren, daß sie dastand als ein halb Unbekanntes, das von der Erkenntnis nicht durchdrungen werden kann.
[ 9 ] Und so ist es ja auch eigentlich mit den äußeren sozialen Verhältnissen gewesen. Wer mit innerem Sinn wirklich studiert die Geschichte dieses Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation — und die schweizerische Geschichte ist ja im Grunde genommen innig mit dieser Geschichte des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation verbunden —, der wird finden, daß Unklarheiten über Unklarheiten von Zeitalter zu Zeitalter sich fortpflanzen. Unklarheiten, durch die man die eigene soziale Organisation aufzunehmen, in ihr zu leben, sie zu begreifen versucht, bis man dann 1806 merkte — selbst die Habsburger merkten es damals —, daß das ganze Heilige Römische Reich Deutscher Nation keinen Sinn mehr habe. Und der ja besonders begabte — das heißt negativ begabte — Kaiser Franz L. legte die deutsche Kaiserkrone dazumal nieder, nachdem er sich in der österreichischen Kaiserkrone zwei Jahre vorher einen persönlichen oder, wie man es in diesem Falle nennt, Haus-Ersatz geschaffen hatte. Es verloren die Sachen die Möglichkeit zu bestehen, weil man schließlich hinter diesem Symbolum keinen Sinn mehr finden konnte. Und es blieb für diese Menschen in Mitteleuropa nichts anderes zurück als ein Streben, ein Wollen, welches nach allem Möglichen ging, aber wenig konkreten Sinn in sich barg.
[ 10 ] Daher die Reichsbegründung von 1870/71 mit dem inneren Widerspruch. Ein deutsches Kaisertum wurde geschaffen, aber aus keinen realen Verhältnissen heraus. Man erfand diesen Titel. In Frankreich hätte man vielleicht, wenn irgend etwas Ähnliches gelungen wäre, den «Empereur» wiederum verstanden, halb verstanden wenigstens, weil da noch etwas Substanz im Volke vorhanden war; aber innerhalb des deutschen Wesens war ein Name da, der vorausgesetzt hätte, daß man Talent gehabt hätte für bloße Namen, die nichts bedeuten; daß man Talent gehabt hätte auf der einen Seite, die Phrase zu pflegen, und auf der andern Seite eine darunterstehende, mit ihr zunächst nichts zu tun habende Realität eines Wirtschaftslebens oder so etwas dergleichen. Aber dieses Talent gab es in Mitteleuropa nicht. Und um zu verstehen, was sich in diesem Mitteleuropa entwickelte, muß man sich klar sein darüber, daß man eigentlich Geschichte nicht studieren soll in abstrakten Begriffen, sondern in Realitäten! Man kann eine Frage mit der Zielsetzung der Realität aufwerfen: Was ist es denn eigentlich, was unter dem deutschen Kaisertum von 1871 bis 1914 sich entwickelt hat? — Dasjenige, was da war, was die Leute außen gesehen haben, war ja nur eine Illusion. Was war die Wirklichkeit? Ja, sehen Sie, bei geschichtlichen Erscheinungen ist es so, daß irgendeine Sache auftritt (rot); unter’ihrer Oberfläche enthält sie eine andere Sache (blau). Wenn die erste Sache als Illusion verschwindet, dann erscheint die zweite in ihrer Wirklichkeit in der Fortsetzung.
[ 11 ] Man soll nicht analysieren, sondern man muß auf die Realität hinweisen, auf das Konkrete. Was unter dem deutschen Kaisertum von 1871 bis 1914 sich entwickelt hat, das zeigte sich nicht damals, als es ablief, denn das war die Illusion; die Wirklichkeit kommt hinterher, sie ist dasjenige, was sich seit dem November 1918 entwickelt; das sind die gegenwärtigen Machthaber. Der Grundcharakter des wilhelminischen Zeitalters ist Noske. Der Grundcharakter desjenigen, was sich da entwickelte seit Jahrzehnten, das kam erst heraus, als die gegenwärtigen Machthaber auftraten. Definiert wird der deutsche Exkaiser durch die sogenannten revolutionären Machthaber der Gegenwart. Die Zustände, die damals unter der Oberfläche lebten in den Jahrzehnten vor her, in denen man sich den Illusionen hingab, das sind die Zustände, die jetzt in der Wirklichkeit da sind.
[ 12 ] Und so können Sie in Wirklichkeit Geschichte studieren, indem Sie in der Evolution die Involution aufsuchen, indem Sie dasjenige aufsuchen, was sich unter der Oberfläche entwickelt. Wie heißt denn dasjenige in Wirklichkeit, was im 19. Jahrhundert russischer Zarismus war? Dasjenige, was russischer Zarismus war, das heißt heute, wo es in seiner Wahrheit erschienen ist, Lenin und Trotzkij, Bolschewismus. Das ist die konkrete Wahrheit desjenigen, was damals bloß eine Illusion war. Der Zarismus ist bloß die an der Oberfläche schwimmende Lüge; dasjenige, was aber dieser Zarismus wirklich gepflegt hat, erschien, sobald er selbst weggefegt war, in seiner wahren Wirklichkeit. Lenin ist nichts anderes als erst der Zar; nachdem man ihm die Haut abgezogen hatte, da blieb dasjenige, was seine Wirklichkeit war, übrig, und das heißt heute Lenin oder Trotzkij. Und wenn Sie, dieses Bild fortsetzend, Leuten wie Caprivi oder Hohenlohe oder Bethmann Hollweg die Häute abziehen, so bleiben übrig Noske, Scheidemann und so weiter. Das sind die wirklichen Gestalten; die andern waren bloß daraufgestülpte Illusionen.
[ 13 ] Es handelt sich darum, daß man in der Geschichte nicht durch abstrakte Begriffe und Ideen eine Erscheinung illustriert, sondern durch dasjenige, was in der Geschichte wirklich wird. Es wird immer in der Geschichte die Definition einer Sache eine andere Tatsache sein, nicht ein abstrakter Begriff. So handelt es sich darum, Realitäten zu studieren. Und so handelt es sich namentlich darum, sein Augenmerk darauf zu richten, welches die Realitäten sind; denn heute leben wir in dem Zeitalter, wo Realitäten durchschaut werden müssen, wo Realitäten restlos enthüllt werden müssen.
[ 14 ] Diese Erscheinung zeigt sich ganz besonders, wenn Sie studieren die Konstitution, den Inhalt derjenigen Geheimgesellschaften, welche eine große Macht innerhalb der englisch sprechenden Bevölkerung haben, eine Macht, welche man im breiten Publikum nicht ahnt. Das sind Gesellschaften, welche sich unter außerordentlich sympathischen äußeren Regeln zusammentun, Gesellschaften, welche gerade im fünften nachatlantischen Zeitraum eine immer größere und größere Macht erlangt haben.
[ 15 ] Wenn Sie in das Jahr 1720 zurückblicken, so haben Sie in England ein paar Anhänger solcher Gemeinschaften. Anhänger sind in der Regel bloß die Werkzeuge, die eigentlich schiebenden Menschen stehen dahinter; aber auch Anhänger waren dazumal nur ein paar. Sehen wir heute die Statistik nach, so haben wir an freimaurerischen Gesellschaften, also solchen Gesellschaften, die ein gutes Instrument in den Händen der Geheimgesellschaften sind, in London 488 Logen, in ganz Großbritannien 1354 Logen, in den Kolonien und im Ausland als englische Logen 486; und daran angeschlossen das sogenannte Royal Arch Cap, also dasjenige, was schon die äußeren Usancen der Freimaurerei etwas geheimhält, 836 in der ganzen Welt.
[ 16 ] Nun handelt es sich darum, erstens den substantiellen Gehalt desjenigen, was innerhalb dieser Logen existiert, ins Auge zu fassen als ein Instrument für die eigentlich schiebenden Mächte. Und dann handelt es sich darum, die Gründe aufzusuchen, warum diese Mächte eigentlich bis heute eine außerordentlich große Bedeutung gehabt haben. Der eigentlich substantielle Gehalt, der geht in Zeiten fernster Vergangenheit zurück. Und diejenigen, die immer wieder und wieder betonen, daß der Inhalt der Maurerei in Zeiten ferner Vergangenheit zurückgeht, die haben so ganz Unrecht nicht, wenn auch die Dinge, so wie sie dargestellt werden, oftmals nebulos, vielleicht sogar schwindelhaft sind. Aber das Zurückgehen in Zeiten ferner Vergangenheit beruht doch auf einem gewissen wahren Hintergrund. Es geht sogar in so ferne Vergangenheiten zurück, daß wir sagen können: Diese Vergangenheiten sind diejenigen des alten, ersten Stadiums des Imperialismus, wonach der Gott in Menschengestalt unter Menschen herumwandelte. Da hat dasjenige, was in diesen Logen heute gesprochen wird, namentlich aber was gezeigt wird, einen Sinn gehabt. Dann ist es zum Symbolum geworden. Der Sinn ist längst dahin. Man kann sagen, innerhalb derjenigen Logen, die heute existieren, ist von einem Wissen, vom Inhalte desjenigen, was getan oder gesagt wird, kaum irgend etwas vorhanden. Aber geblieben ist die Symbolik. Die Symbolik hat sich nun auch in das Stadium der Phrase herein fortgepflanzt, so daß wir namentlich in englisch sprechenden Gegenden und denjenigen Gegenden, die von ihnen abhängig sind, zwei Schichten von Kulturfermenten nebeneinander haben: die äußere, ganz exoterische, das öffentliche Leben beherrschende Phrase und in den Geheimgesellschaften das Symbolum, das nur traditionell bewahrt wird, von dem gar nicht angestrebt wird, es bis zu seinem wirklichen Urgrund zurückzuführen, das aber als Symbolum bewahrt wird. Dadurch wird das Symbolum zur Phrase in symbolischer Gestalt, oder zum Symbol, das auch Phrase wird, aber das in anderen Gestalten auftritt. Sie haben also die äußere exoterische Phrase des öffentlichen Lebens, die in der gewöhnlichen Menschensprache sich ausdrückt, die in den Parlamenten zum Beispiel ihr Wesen treibt, und dann haben Sie in den Geheimgesellschaften das Treiben mit der Symbolik, von der in der Regel auch diejenigen nichts verstehen, denen diese Symbolik überliefert wird. Es ist also etwas Phrasenhaftes in Symbolgestalt. Das ist wichtig, daß wir neben der äußeren rein wörtlichen Phrase die kulturelle Phrase haben, die zeremonielle Phrase. Denn diese zeremonielle Phrase birgt immerhin ein geistiges Element in sich. Und in Geheimgesellschaften, welche echte zeremonielle Formen haben, das heißt solche, die auf wirkliche Usancen zurückgehen, kann es vorkommen, daß durch ihr Karma besonders begabte Leute hinter den wirklichen Sinn dieser Symbole einmal kommen. Manchmal findet ja auch ein blindes Hühnchen ein Korn. Also es kann durchaus vorkommen, daß besonders begabte Leute hinter den Sinn der Zeremonien kommen; dann werden sie aus den betreffenden Geheimgesellschaften entfernt. Aber man sorgt dafür, daß sie diesen Geheimgesellschaften nicht mehr schädlich werden können. Denn dasjenige, was besonders wichtig ist für diese Geheimgesellschaften, ist die Macht, und nicht die Einsicht. Es handelt sich durchaus ja darum, die Geheimnisse in traditioneller Form zu bewahren. Und in dieser traditionellen Form haben sie eine gewisse Macht. Warum ?
[ 17 ] Ich habe Ihnen jetzt gewissermaßen den substantiellen Inhalt geschildert. Aber dieser substantielle Inhalt, der ist ja an die Menschen gebunden, die in diesen Geheimgesellschaften zusammengerottet werden. Denken Sie, wie viele Leute zu diesen verschiedenen Logen der Welt gehören. Diese Leute sind nun, indem sie in die Logen eintreten, gegenübergestellt dem Zeremoniellen, das so geartet ist, wie ich es Ihnen eben charakterisiert habe. Aber sie sind unter gewissen Gesichtspunkten für die Logen gewonnen. Und einer der wichtigsten Gesichtspunkte, unter denen sie für die Logen ursprünglich gewonnen sind — wenn auch von verschiedenen Seiten gegen diese Gesichtspunkte besonders heute in der mannigfaltigsten Weise gesündigt wird, darauf kommt es aber für die Wirksamkeit dieser Logen nicht an —, einer der wichtigsten Gesichtspunkte, unter dem die Menschen in diesen Logen zusammengerottet sind, ist der der absoluten Indiskutabilität der religiösen Bekenntnisse. Gewiß, es wird dagegen gesündigt. Es gibt heute in der Welt Freimaurerlogen, die, sagen wir, keine Juden aufnehmen. Selbstverständlich, das gibt es; aber die verstehen eben nichts von dem Grundprinzip. Das Grundprinzip ist, Menschen aller Bekenntnisse in sich zu fassen. Das ist einer der Hauptgrundsätze also, auf den Inhalt desjenigen, was einer glaubt, nichts zu geben. Das andere ist, innerhalb der Logen nichts zu geben auf die äußeren Klassen- und sonstigen Unterschiede. Die Menschen, die innerhalb der richtigen Logen sind, sind alle untereinander Brüder, gleichgültig ob einer ein Lord oder der andere ein Arbeiter ist, nur, daß auch dagegen wieder gesündigt wird. Es werden in den meisten Logen keine Arbeiter aufgenommen, sondern nur Lords und diejenigen, die ihnen gefügig sind. Aber das hat mit dem Prinzip als solchem nichts zu tun. Diejenigen, die drinnen sind, die sind eben durchaus vereinigt unter der Devise: Alle sind Brüder. — Es gibt ja nur die Grade; die haben aber nichts zu tun mit der äußeren Schichtung, mit der sozialen Schichtung der Menschen. Dadurch sind die Menschen zusammengerottet unter Gesichtspunkten, die mit der äußeren sozialen Ordnung nichts zu tun haben, denn in unserer äußeren sozialen Ordnung haben wir durchaus die Menschen geschichtet erstens nach ihren Bekenntnissen, die da noch eine Rolle spielen — Bekenntnisse spielen in den wirklichen Logen keine Rolle —, zweitens wird man nicht behaupten können, daß die Menschen in der äußeren sozialen Ordnung Brüder sind. Sie sind nicht Brüder. In den Logen, diejenigen wenigstens, die drinnen sind, sind Brüder.
[ 18 ] Aber solche Dinge, die haben eine gewisse reale Bedeutung. Es ist nicht gleichgültig, unter welchen Gesichtspunkten man Menschen zu Gemeinschaften zusammenfaßt. Wenn man Menschen unter einem gleichen Bekenntnisse zu einer Gemeinschaft zusammenfaßt, so ist das im realen Leben eine Gemeinschaft, die unter Umständen nur angewiesen ist auf die äußere Macht, auf die tote Macht. Wenn man Menschen zusammenfaßt unter dem Gesichtspunkte, daß das Glaubensbekenntnis gleichgültig ist, dann wird daraus eine Gemeinschaft mit einer besonders starken geistigen Macht. Daher hat die katholische Kirche immer müssen ihre Macht unterstützen durch politische Machtmittel, weil sie die Menschen, wenigstens annähernd, zusammenfassen will unter einem gewissen einheitlichen Bekenntnis. Sie ist immer um so mächtiger gewesen, je weniger es den Leuten auf das Bekenntnis ankam, je weniger es der Hierarchie, je weniger es Rom auf das Bekenntnis ankam. Denn im äußeren Leben, in den physischen sozialen Ordnungen das Bekenntnis als das Maßgebende machen heißt machtlos machen. Machtvoll kann nur eine Gemeinschaft auftreten, die nichts auf das Bekenntnis als solches gibt.
[ 19 ] Dieses ist von einer ganz besonderen Wichtigkeit im Zeitalter der Phrase. Denn neben die öffentliche Phrase stellt sich gewissermaßen die esoterische Phrase, die des Zeremoniells, die des Kultus hin. Und aus diesen Untergründen heraus hat sich eigentlich die soziale Wirrnis der Gegenwart in Wahrheit ergeben. Man kann sehr merkwürdige Zeugnisse anführen für die Phrasenhaftigkeit des Zeitalters. Sie wissen, bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts herein standen sich im englischen Parlamente gegenüber eine liberale Partei, die Whigs, und eine konservative Partei, die Tories. Whigs und Tories standen sich gegenüber. Was waren denn das eigentlich für Benennungen ? In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren diese Benennungen im Grunde genommen ganz ernsthaftig gemeint. Die Liberalen nannte man Whigs, und man brauchte sich nicht einmal zu genieren dabei; die andern nannte man Tories, man brauchte sich auch nicht zu genieren dabei. Aber als diese Benennungen aufgekommen waren im Morgenrot des englischen Parlaments, was waren denn diese zwei Namen ? Der Name Whigs, er war ein Schimpfname. Er kam als Schimpfname auf. Als sich ein schottischer Bund bildete gegen die in Schottland verpönte englische Maßregel einer gewissen Kirchendisziplin, da rotteten sich schottische Leute zusammen, die man dann in England Whigs schimpfte. Also so weit ging die Phrase, daß man eine offizielle Benennung dadurch gewann, daß man einen Schimpfnamen umwandelte zu der offiziellen Benennung. Denken Sie sich, wie sich das alles abspielt über der Realität. Die Realität bestand darinnen, daß man die Mitglieder dieses schottischen Bundes in England Whigs nannte. Dann waren es die ganz ehrwürdigen Liberalen, die Whigs nicht geschimpft, sondern definiert wurden. Und die Tories — das war ein Name, der aus Irland gekommen war. So nannte man dort im 17., 18. Jahrhundert die Anhänger des Papismus. Dann war dieser Name, der ein Schimpfname für die irischen Papisten war, der öffentliche Name für die englischen Konservativen geworden. Das alles spielte sich ab im Reiche der Namen, im Reiche der Benennungen, im Reiche der Phrase. Die Wirklichkeit hatte damit gar nichts zu tun. Das ist ein Beispiel, das, ich möchte sagen, von der Oberfläche geholt ist. Aber für diese Erscheinung können Sie, zunächst in der englisch sprechenden Welt, dann aber in der ganzen übrigen Welt, insoferne sie angesteckt davon war und ist, überall die gleichen Erscheinungen finden.
[ 20 ] Aber was ist denn das, daß sich so viele Menschen zusammentun unter Gesichtspunkten, die durchaus löblich sind, wie die Menschen, die in den Logen zusammengetan sind ? Es kommt ja dabei gar nicht darauf an, daß eine geringe Zahl von recht zweifelhaften Existenzen auch in den Logen sind. Es kommt dabei auf das Prinzip an. Das hat eine große Bedeutung, daß sich da unter den wirksamsten Gesichtspunkten Menschen zusammenfinden, und sich zusammenfinden in dem phrasenhaften Zeremoniell, in dem phrasenhaften Kultus, der nun seinerseits wiederum den Zusammenhalt dieser Menschen gibt aus realen geistigen Untergründen heraus.
[ 21 ] Es ist ja doch so, daß wenn irgend jemand, sagen wir, ein mächtiger Minister ist und einen Unterstaatssekretär braucht, es ihm selbstverständlich lieber ist, wenn er seinen Bruder Maurer ernennen kann, als wenn er einen beliebigen andern zu ernennen hat. Es ist sogar berechtigt, denn den kennt er besser, mit dem kann er besser arbeiten. Es wird sogar in berechtigter Weise eine Zusammenrottung getrieben, die einmal für die Verhältnisse, in die sie hineingestellt ist, nicht einmal ungünstig ist, die aber aufhören muß, in dieser Weise zu wirken.
[ 22 ] Aber was ist es denn eigentlich, was da auftritt? Es ist doch merkwürdig, daß gerade im Zeitalter der Phrase, die im öffentlichen Leben herrscht, daß in diesem Zeitalter der Phrase auftritt eine geistige Strömung, eine geistige Gemeinschaft mit entschieden wirksamen Prinzipien! Diese geistige Gemeinschaft hält sich recht sehr geheim, nicht so sehr ihrem Bestande nach, sondern ihrem eigentlichen inneren Impuls nach. Warum ist denn das eigentlich? Weil wir im Zeitalter der Phrase leben und die Phrase es gestattet, Wirklichkeiten zu fälschen. Denn was bildet sich denn da eigentlich heraus? Was ist denn im Grunde genommen schon da? Das zunächst auf sich gestellte wirtschaftliche Leben, mit dem die Phrase nicht mehr stimmt; das Geistesleben, das unterirdisch getrieben wird, und das Rechtsleben, das eben als Phrase in der Toga einherschreitet, ungefähr mit derselben Bedeutung für die äußere Welt als Jurisprudenz, wie der englische Richter im Richterornat dasitzt. So wie dieses Richterornat sich verhält zu dem, was da Wirklichkeit ist, so verhält sich die Jurisprudenz zu dem, was die dahinterstehende Wirklichkeit ist. Eine Dreigliederung im Reich der Phrase, eine Dreigliederung in der Unwahrheit, aber der Beweis für die Notwendigkeit der Dreigliederung.
[ 23 ] Sie sehen, die Dreigliederung wollen heißt im Grunde genommen an die Stelle der Lüge, der Phrasen die Wahrheit setzen, aber die Wahrheit als Wirklichkeit, während in der Gegenwart die Epoche angebrochen ist, wo Wirklichkeit nicht die Wahrheit ist, sondern wo Wirklichkeit die Phrase ist und alles dasjenige, was von der Phrase abhängt. Man kann ja allerdings die Phrase treiben sowohl in der geistigen Welt wie auch in der Rechtswelt, in der Staatswelt; nur in der wirtschaftlichen Welt läßt es sich nicht gut machen. Denn da kommt doch das im Großen in Betracht, was mir bei mannigfaltigen öffentlichen Vorträgen immer wieder — die Dinge spielen sich ja immer wiederholt ab — eingewendet worden ist. Nachdem ich auseinandergesetzt habe, wie der Mensch durch die Verfolgung desjenigen, was in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten ?» gesagt worden ist, dazu kommt, innerlich eine Anschauung der geistigen Welt, der geistigen Realität zu entwickeln, da steht nach jedem dritten Vortrag einer auf in der Diskussion und sagt: Ja, aber wie kann man wissen, daß, was man innerlich schaut, eine Realität ist? Es gibt doch Autosuggestion. Diese ganze geistige Welt könnte ja nur eine Autosuggestion sein! Es gibt doch sogar die Suggestion, daß man, wenn man bloß an Limonade denkt, einen Limonadegeschmack im Munde hat; da suggeriert man sich selber den Limonadegeschmack. Man hat gar keine Limonade da, aber man denkt bloß an Limonade, und man hat es als Geschmack. — Darauf sagte ich immer: Es kommt eben an auf das Stehen in der vollen Wirklichkeit. Gewiß, man kann sich den Limonadegeschmack suggerieren, aber man kann sich nicht die Stillung des Durstes auf diese Weise durch Gedanken suggerieren. Die Stillung des Durstes bleibt aus. — Wenn man also nur weit genug geht, dann führt die Sache schon zur Realität. Man kann Phrasen im Reich der Geistigkeit, man kann Phrasen sogar noch im Reiche des Rechtlichen, des Staatlichen haben, aber man kann Phrasen nicht gut im wirtschaftlichen Leben haben, weil man sie nicht essen kann oder wenigstens nicht satt wird davon.
[ 24 ] Und so ist tatsächlich im Zeitalter der Phrase von den Realitäten die wirtschaftliche Realität gerade an den charakteristischesten Stellen zurückgeblieben. Und in dem Augenblicke — das muß ich noch einmal sagen —, in dem man erkennen wird, daß die Illusion eine Illusion ist, daß die Phrase eine Phrase ist, wird das große Schamgefühl auftauchen: Wir Menschen leben ja so, daß wir eine Vernunft haben, aber wir machen mit dieser Vernunft nichts anderes, als daß wir die wirtschaftlichen Unterlagen des physischen Lebens besorgen, welches die Tiere sogar ohne Vernunft zustande bringen. Wenn wir Menschen durch unsere Vernunft nichts anderes zustande bringen, als das wirtschaftliche Leben zu besorgen, Nahrung und alles dasjenige, was mit dem physischen Dasein zusammenhängt, dann prostituieren wir ja die Vernunft, dann brauchen wir unsere Vernunft, um etwas zu besorgen, was das Tier ganz gut ohne den Luxus der Vernunft besorgt. In dem Augenblicke, wo diese Selbsterkenntnis eintritt, das heißt, wo die Phrase als Phrase durchschaut wird, in diesem Augenblick wird das große Schamgefühl eintreten, und dann der Umschlag. Dann wird eintreten die Einsicht in die Notwendigkeit der Erneuerung der geistigen Welt.
[ 25 ] Das muß aber in entsprechender Weise wirklich vorbereitet werden dadurch, daß eine genügend große Anzahl von Menschen die Verhältnisse der Gegenwart durchschaut. Denn was hilft es denn eigentlich, wenn die Menschen sich heute über dasjenige, was real ist, etwas vormachen? Was hilft es denn, an Lloyd George zu glauben, wenn man durchschauen kann, daß alles dasjenige, was aus seinem Munde kommt, notwendig bloß Phrase ist? Was hilft es denn, daß die Welt den Wilson angebetet hat, wenn man durchschauen kann, daß die ganze Wilsonsche Politik eine Phrasenpolitik war? Was hilft es denn, über europäische Verhältnisse heute nachzudenken aus denjenigen Prinzipien heraus, welche durch Jahrhunderte hindurch von alten Zeiten ererbte Prinzipien waren und für die heutigen Verhältnisse keine Kräfte mehr sein können?
[ 26 ] Symbole sollte man auch in den geschichtlichen Erscheinungen sehen. Man sollte sich klar sein darüber, daß sich schon in den äußeren Erscheinungen merkwürdige Dinge ausdrücken. Die Habsburger — aus dem Elsaß sind sie hervorgegangen, durch die Schweiz sind sie nach Osten gerückt, immer weiter nach Osten. Am Östlichsten sind sie angekommen, als sie apostolische Könige von Ungarn geworden sind. Aber bei diesem Gang vom Westen nach dem Osten, da liegt das Eigentümliche vor, daß die westlichen Realitäten im Osten hinschwinden.
[ 27 ] Die Hohenzollern haben keinen so weiten Weg gebraucht, bloß von Nürnberg bis Berlin, aber auch vom Westen nach Osten. Diese historischen Zeichen sind eben auch reale Symbole, die man wohl ins Auge fassen muß. Und ins Auge gefaßt muß werden, was heute unter der Phrase Realität ist. Deshalb kann auch unmöglich heute jemand aus dem, was im öffentlichen Urteile lebt, eine Realität noch herausgewinnen. Wer heute einen Sinn für Wirklichkeiten hat, der kommt eben auf sehr merkwürdige Dinge. Man versucht dasjenige, was im öffentlichen Leben auftritt, was überall in der Welt Nachahmung, Nacheiferung findet, die Whigs und die Tories, zu prüfen. Man sucht ihren Ursprung Schimpfnamen waren sie, und man hat nötig gehabt, sie ernsthaftig zu nehmen, weil man für diejenigen Realitäten, die da waren, ernsthafte Namen nicht gut hätte finden können. So geht es uns heute mit sehr vielem; mit ungeheuer vielem geht es uns heute so. Wir versuchen heute im öffentlichen Leben, Worte gar sehr in ein gewisses mystisches Dunkel zu hüllen, und wir merken es nicht. Wir merken nicht, wie wir im Zeitalter der Phrase leben.
[ 28 ] Ich kenne zum Beispiel einen sehr interessanten Kodex von lauter zusammengestellten Phrasen. Wenn man diesen Kodex aufschlägt, so findet man Sätze ganz merkwürdiger Art, wie zum Beispiel: Was ist das Recht? — Das Recht ist der Wille eines Volkes, — und so geht es weiter. Ja, meine lieben Freunde: Das Recht ist der Wille eines Volkes...! Volk — für die Menschen der Gegenwart ist das nur eine Summe von einzelnen Menschen. Aber diese Summe soll nun einen Willen haben! Von solcher Art sind nun alle die Erklärungen, die in diesem Kodex der Phrasen gegeben werden. Man hat das Gefühl, daß da einmal jemand sich den großen Luxus gegönnt hat, alles dasjenige, was gegenwärtig existiert im öffentlichen Leben, in die Sprache der Phrase zu übersetzen und das als einen Kodex herauszugeben. Und wissen Sie, wie dieser Kodex der Phrasen heißt? «Der Staat», und sein Verfasser ist Woodrow Wilson. Und erschienen ist dieser Kodex der Phrasen in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. In den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hat Woodrow Wilson sich nun nicht den Luxus machen wollen, die sämtlichen öffentlichen Phrasen zusammenzustellen — aber als Tatsache ist das gelungen. So wenig hat dasjenige, was die Leute in ihrer Phrasenhaftigkeit denken und sagen, noch zu tun mit dem, was wirklich entsteht. Nach seiner Meinung hat Woodrow Wilson herausgegeben die Summe der heutigen Staatsweisheit, in Wirklichkeit einen Kodex von lauter Phrasen. Vor einigen Jahren hat einen Deutschen so sehr der Hafer der Phrase gestochen, daß er nun dieses dicke Buch ins Deutsche übersetzt hat, so daß dieses Buch auch im Deutschen vorliegt. Ich setze voraus, daß es noch in andere Weltsprachen übersetzt sein wird, ich weiß es aber nicht.
[ 29 ] Ohne diese Dinge zu durchschauen, ohne in diesen Dingen überall die Wirklichkeiten ins Auge zu fassen, kommen wir heute nicht weiter. Mit kleinen Gedanken kommt man heute nicht weiter. Es ist nötig, das Gemüt anzuspornen zu großen Gedanken. Davon wollen wir dann morgen weiter reden.
