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The Rudolf Steiner Archive

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Heilfaktoren für den sozialen Organismus
GA 198

2 April 1920, Dornach

Vierter Vortrag

[ 1 ] Es ist eine seit alten Zeiten des Christentums eingeführte Sitte, zu unterscheiden zwischen dem Weihnachtsfeste und dem Osterfeste dadurch, daß das Weihnachtsfest als ein unbewegliches gestaltet ist, gesetzt ist an den Zeitpunkt ungefähr, der ein paar Tage nach dem 21. Dezember, also der Wintersonnenwende liegt, und daß das Osterfest gesetzt ist an einen Tag, der bestimmt ist durch eine gewisse Sternkonstellation, aber eine Sternkonstellation, die zu gleicher Zeit verbindet gewissermaßen das Außerirdische mit dem menschlichen Irdischen. Wir werden ja morgen im Zeichen des ersten Frühlingsvollmondes stehen, und es wird auf diesen Frühlingsvollmond fallen die Frühjahrssonne, die nach dem 21. März eben in das Zeichen des Frühlings eingetreten ist. Wenn also die Menschheit der Erde den ersten Sonntag wiederum feiert, jenen Tag, der sie an ihren Zusammenhang mit den Sonnenkräften erinnern soll, den Sonntag, der der erste ist nach dem Frühlingsvollmonde, dann soll für die christliche Lebensanschauung das Osterfest gefeiert werden. Dieses Osterfest ist dadurch ein bewegliches Fest. Es ist gewissermaßen notwendig, in jedem Jahre sich die Konstellation am Himmel anzuschauen, um über den Zeitpunkt dieses Osterfestes sich Auskunft zu verschaffen.

[ 2 ] Solche Dinge sind festgelegt worden zu einer Zeit, wo noch aus alten atavistischen hellseherischen Fähigkeiten heraus Weisheitstraditionen vorhanden waren, Traditionen, welche den Menschen noch ein Wissen gaben, das weit hinaus lag über das, was die gegenwärtige Wissenschaft geben kann. In diesen alten Zeiten, als solch ein Wissen noch vorhanden war, da suchte der Mensch seinen Zusammenhang mit dem Außerirdischen durch solche Dinge zum Ausdruck zu bringen. Und in solchen Festlegungen liegt immer der Hinweis auf Allerbedeutsamstes für die Menschheitsentwickelung.

[ 3 ] Der starre Zeitpunkt, in den das Weihnachtsfest verlegt wird, deutet an, wie eng dieses Weihnachtsfest verbunden gefühlt werden soll mit dem Irdischen, weil es erinnern soll an die Geburt desjenigen Menschen, in den dann die Christus-Wesenheit einzog. Aber an ein Ereignis, das nicht innerhalb des Ganges der Erdenentwickelung, sondern innerhalb des ganzen Weltenzusammenhanges, in den der Mensch hineingestellt ist, eine Bedeutung hat, daran soll das Osterfest erinnern. Deshalb soll auch der Zeitpunkt dieses Osterfestes nicht bloß ein solcher sein, der sich nach den gebräuchlichen irdischen Verhältnissen richtet, sondern er soll ein solcher sein, der nur festgelegt werden kann, wenn der Mensch seine Gedanken hinauswendet auf das Außerirdische. Und etwas noch Tieferes liegt in dieser Festlegung des beweglichen Zeitpunktes des Osterfestes. Es liegt darinnen die Art, wie der Mensch durch den Christus-Impuls von der Erdenentwickelung, von den Kräften dieser bloßen Erdenentwickelung frei werden sollte; daß er frei werden sollte durch eine Erkenntnis des Außerirdischen, das liegt darinnen. Gewissermaßen eine Aufforderung, sich zu erheben zu dem Außerirdischen, das liegt darinnen, und man möchte sagen, ein gewisses Versprechen der Weltgeschichte an den Menschen, daß er frei werden könne von irdischen Verhältnissen durch den Christus-Impuls, das liegt auch darinnen.

[ 4 ] Wenn wir das ganz durchschauen wollen, was sich ausdrückt in dieser eben charakterisierten Feststellung des Zeitdatums des Osterfestes, können wir es noch mehr erkennen, wenn wir hinblicken auf erste Geheimnisse der Entstehung des Christentums, erste Geheimnisse, die ja mehr oder weniger sich nach und nach für eine gewisse Erdenzeit verhüllt haben der materialistischen Auffassung der Welt, die in die Menschheitsentwickelung eingezogen ist seit dem Beginn der fünften nachatlantischen Periode, und die zu überwinden es jetzt an der Zeit ist. Um auf diese Verhältnisse entsprechend hinzuschauen, ist es notwendig, zu sehen, wie eingreift in die Entwickelung des ChristusImpulses im weltgeschichtlichen Menschheitswerden die Gestalt des Paulus.

[ 5 ] Das müssen wir uns ja immer wieder und wieder vor die Seele rücken, wie gerade diese Gestalt des Paulus eingreift in die Entwickelung des Christentums. Wir können sagen: Paulus hatte reichlich Gelegenheit, sich durch den Augenschein, durch die äußere physische Wahrnehmung zu unterrichten von den Ereignissen in Palästina, die sich an die Persönlichkeit des Jesus anknüpfen. Durch alles das, was so in der physischen Welt auf ihn gewirkt hat, hat sich Paulus nicht überzeugen lassen, denn er gehörte noch zu den Bekämpfern des Christentums, nachdem bereits diese Ereignisse von Palästina ihr physisches Ende erreicht hatten. Paulus wurde erst der Christen-Apostel, als er das Ereignis von Damaskus erlebte, als er erlebte die Wesenheit des Christus-Impulses durch Außerirdisches, durch Übersinnliches. Paulus ist gerade derjenige, der sich nicht durch physisch-sinnliche Eindrücke überzeugen ließ von der Bedeutung des Christus-Impulses, sondern der für seine Überzeugung die übersinnliche Erfahrung brauchte. Und diese übersinnliche Erfahrung, sie war eine gründlich in das Leben des Paulus einschneidende. Sie war so einschneidend, daß Paulus ein vollständig anderer Mensch wurde. Man kann schon sagen, sie war so einschneidend, daß Paulus dasjenige geworden ist, was man einen Initiierten, einen Eingeweihten nennen kann.

[ 6 ] Paulus war gut vorbereitet, so etwas zu erleben. Er war ein mit den jüdischen Religionsgeheimnissen, mit dem jüdischen Erkennen und der jüdischen Weltanschauung gut bekannter Mann, und er war durch diese seine Kenntnisse wohl vorbereitet, zu beurteilen das Ereignis, das sich ihm als Erlebnis von Damaskus darstellte. Er war gut vorbereitet, sich über dieses Ereignis sagen zu können, was von diesem Ereignis eine richtige Anschauung, eine richtige Idee geben kann. Nur, möchte ich sagen, ein Abglanz von dem, was Paulus eigentlich in seinem Inneren erlebt hat, tritt uns entgegen aus dem, was als die Schriften des Paulus bekannt ist. Da hören wir allerdings, daß er ja von dem Ereignis von Damaskus spricht wie einer, der durch dieses Ereignis Kenntnis erlangt hat von dem, was hinter dem Schleier der Sinneswelt an Weltgeschehen liegt. Da hören wir ihn so sprechen, daß wir erkennen, daß er die ganz anders geartete Welt des Übersinnlichen gegenüber dieser sinnlichen hier wohl zu beurteilen vermag.

[ 7 ] Wenn wir schon äußerlich das Leben des Paulus vergleichen mit dem äußerlichen irdischen Christus Jesus-Erleben, dann finden wir etwas höchst Merkwürdiges, das sich nur dann aufhellt, wenn man nach geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkten die Menschheitsentwickelung sachgemäß ins Auge faßt. In bezug darauf habe ich ja öfter Sie darauf aufmerksam gemacht, wie ganz anders geartet der Mensch in bezug auf seine organisch-seelische Entwickelung in anderen Zeiten war, und wie anders er im Laufe seiner Entwickelung seit der indischen, persischen, ägyptisch-chaldäischen, griechisch-lateinischen Zeitkultur bis in unsere Tage herein geworden ist. Wenn man nämlich zurückschaut in alte Zeiten der Menschhettsentwickelung — das haben wir ja öfter besprochen —, dann finden wir, wie der Mensch organisch entwickelungsfähig blieb bis in ein hohes Alter hinauf, wie der Mensch ähnliche Etappen eines Parallelismus zwischen seiner seelischen und seiner physischen Entwickelung durchmachte bis in ein höheres Alter hinauf, wie er sie jetzt nur durchmacht mit dem Zahnwechsel, mit der Geschlechtsreife, mit dem Beginn der Zwanzigerjahre. Das hat die Menschheit in ihrer Allgemeinerscheinung verloren, solche Entwickelungsübergänge in einem höheren Alter zu erleben. Bis in die Fünfzigerjahre hinauf in ganz alten indischen Zeiten, bis in die Vierzigerjahre hinein später in persischen, ägyptischen Zeiten, bis zum fünfunddreiBigsten Jahre hin in der griechisch-lateinischen Zeit haben einen Parallelismus zwischen der seelischen Entwickelung und der physischen Entwickelung die Menschen dieser alten Zeit erlebt.

[ 8 ] Wir erleben einen solchen Parallelismus des Allgemeinmenschlichen für das gewöhnliche Bewußtsein ja nur — wie ich öfter ausgeführt habe — bis zum siebenundzwanzigsten Lebensjahr, und auch da ist schon das, was in die letzten Jahre hineinfällt, wenig bemerkbar. In der Zeit, in welcher der Christus-Impuls einzog in die Menschheitsentwickelung, da war es gerade so, daß die Menschen, auch die Menschen der griechisch-lateinischen Volkheit, eben bis in das dreiunddreißigste Lebensjahr hinein noch diesen Parallelismus erlebten. Und der Christus Jesus lebte seine physischen Erdentage gerade so lange, daß er während dieser physischen Erdentage mitmachte jenes Leben, das in der Parallelität verläuft zwischen der physischen Organisation und der geistig-seelischen Organisation. Dann ging er für das irdische Leben durch die Todespforte.

[ 9 ] Was dieses Durchgehen durch die Todespforte bedeutet, das ist nur zu erkennen von einem geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte aus, wenn man hineinzuschauen vermag in übersinnliche Welten. Denn das ist kein Ereignis, das sich durch dasjenige begreifen läßt, was in der sinnlichen Welt sich vollzieht.

[ 10 ] Paulus war ungefähr so alt wie der Christus Jesus selbst als physischer Mensch. Er hat gerade diejenige Zeit im Antichristlichen zugebracht, die der Christus Jesus zugebracht hat in seinem Erdenwirken. Und er erlebte für die zweite Lebenshälfte dasjenige, was ihm wurde durch übersinnliche Erfahrungen. Er erlebte für die zweite Lebenshälfte durch übersinnliche Erfahrung dasjenige, was der Mensch eben seit jenen Tagen nicht mehr in der zweiten Lebenshälfte durch sinnliche Erfahrung erleben konnte, weil der Mensch nicht bis in jene höheren Erdentage hinein, bis über das fünfunddreißigste Jahr hinaus, noch einen Parallelismus erlebte zwischen der seelisch-geistigen Entwickelung und der physischen Entwickelung. Und das Ereignis von Golgatha stellte sich für den Paulus so dar, daß ihm durch die unmittelbare Erleuchtung ein Verständnis wurde, das einstmals die Menschen durch (die Urweisheit in atavistischer Art noch hatten, das sie in der neueren Zeit nur erringen können durch eine neue Geisteswissenschaft. Es wurde ihm darum zuteil, damit er der Anreger zu einem richtigen Verständnis dessen werden konnte, was durch den Christus-Impuls für die Menschheit geschehen ist.

[ 11 ] Ungefähr so lange, als der Christus auf der Erde gewandelt hat, wandelte dann Paulus weiter auf Erden, etwa bis zum siebenundsechzigsten oder achtundsechzigsten Jahre, um selber ebensolange die Lehre von dem Christentum in die Erdenentwickelung einzuführen. Es ist ein merkwürdiger Parallelismus zwischen dem Leben des Christus Jesus und dem Leben des Paulus. Nur daß das Leben des Christus Jesus eben ausgefüllt war von dem inneren Dasein des Christus, daß bei Paulus vorlag ein so starkes initiiertes Nacherleben dieses Ereignisses, daß er in der Lage war, als der Erste der Menschheit die entsprechenden Vorstellungen über das Christentum zu bringen — in einer Zeitlänge, die ungefähr dem Christus Jesus-Leben auf der Erde entspricht. Den Zusammenhang zu betrachten zwischen dem, was für die Erdenentwickelung der Menschheit durch das Christus Jesus-Leben dargelebt worden ist und dem, was durch Paulus über die Christus-Wesenheit gelehrt worden ist, diesen Zusammenhang in der richtigen Weise anzuschauen, bedeutet eigentlich für den Menschen sehr viel. Nur muß man diesen Zusammenhang so erleben, daß er sich wirklich als Ergebnis des übersinnlichen Einflusses darstellt, der auf Paulus ausgeübt worden ist. Und wenn die neuere Theologie sogar so weit gegangen ist, das Ereignis von Damaskus wie eine Art Halluzination, wie eine Art Illusion zu erklären, so bezeugt das eben nur, daß auch die neuere Theologie in den Materialismus eingemündet ist, daß auch die neuere Theologie nicht mehr kennt das Wesen der übersinnlichen Welt und die Bedeutung eines Verständnisses der übersinnlichen Welt für eine richtige Erfassung des Wesens des Christentums.

[ 12 ] Man sollte sich eigentlich heute doch gestehen, ganz ernst und ehrlich gestehen, daß es schwierig ist, in die ganz andersartigen Vorstellungen sich hineinzuleben — anders gegenüber den heutigen —, die sich in den Evangelien und in den Paulusbriefen befinden. Aber man ist gewohnt worden, mit solchen Vorstellungen gar nicht mehr zu rechnen. Im Grunde genommen liegt es dem Menschen, der ganz durchdrungen ist mit den Vorstellungsgewohnheiten der Gegenwart, sehr, sehr ferne, sich bei Paulusworten das Richtige zu denken. Bemüht sich doch selbst eine große Anzahl der heutigen Theologen, das Ereignis von Damaskus so materialistisch als möglich aufzufassen; ja, es bemüht sich eine Anzahl von Theologen, indem sie noch vorgeben, wirkliche Christen zu sein, sogar darum, die wirkliche Auferstehung des Christus Jesus abzuleugnen! Damit bezeugen diese Persönlichkeiten nur, daß sie eben nicht geneigt sind, irgendeine Erkenntnis des Übersinnlichen auf das Wesen des Christentums, auf die Erscheinung des Christus Jesus innerhalb der Erdenentwickelung anzuwenden. Es ist wie eine Aufforderung an den Menschen, zur übersinnlichen Erkenntnis seine Zuflucht zu nehmen, daß die Gestalt des Paulus gewissermaßen an der Spitze der christlichen Tradition steht, daß also die Gestalt eines durch übersinnliche . Erlebnisse zum Verständnisse des Christentums Gekommenen dasteht. Es ist gewissermaßen das die Aussage darüber, daß das Christentum zu verstehen unmöglich ist, wenn man nicht zu Erkenntnissen seine Zuflucht nimmt, die aus den Quellen des Übersinnlichen geschöpft sind. Notwendig ist es, die Gestalt des Paulus als die eines in die übersinnlichen Weltenzusammenhänge Eingeweihten aufzufassen. Notwendig ist es, das, was er sich bemüht hat der Menschheit beizubringen, in diesem Lichte zu sehen.

[ 13 ] Versuchen wir, in unserer heutigen Sprache uns einiges von dem vor die Seele zu führen, was, wie es scheint, gerade dem Initiaten Paulus von ganz besonderer Wichtigkeit war. Paulus war von ganz besonderer Wichtigkeit der Hinweis auf eine ganz neue Art in bezug auf die Stellung des Menschen zur Weltentwickelung, die durch den Impuls des Christus Jesus gekommen ist. Ihm war wichtig, zu sagen: Die Weltentwickelung, in die einbefaßt waren die alten heidnischen Erlebnisse, ist für den Menschen abgelaufen. Neue Erlebnisse des Seelenlebens des Menschen sind da; sie müssen nur angeschaut werden von den Menschen. — Damit hat Paulus schon hingedeutet auf jenen tiefsten Einschnitt in der menschlichen Erdenentwickelung, auf den man eigentlich, wenn man die wahre Geschichte verstehen will, immer wieder und wieder hindeuten sollte. Wenn wir in die vorchristliche Entwickelung, und zwar in diejenigen Zeiten zurückschauen, welche noch in einer besonderen Weise charakteristisch waren, weil sie die hervorragendsten Eigenschaften des Vorchristlichen noch radikal gehabt haben, so können wir sagen: da war das ganze menschliche Anschauen anders. Gewiß, nicht in einem Momente trat ein völliger Umschwung ein; aber dennoch ist das Ereignis von Golgatha dasjenige, welches bezeugt, wie in der Entwickelung der Menschheit eine Phase sich trennt von der anderen Phase. Das Ereignis von Golgatha ist hingestellt an das Ende jener Entwickelung, in der die Menschen, indem sie die Sinneswelt anschauten, auch eine Anschauung des Geistigen hatten. So wenig das dem heutigen Menschen liegt, so wenig das dem heutigen Menschen plausibel erscheint, es ist so, daß in der vorchristlichen Zeit die Menschen in der Regel mit dem Sinnlichen zugleich ein Geistiges sahen. Sie sahen nicht bloß Bäume, nicht bloß Pflanzen, sie sahen mit den Bäumen ein Geistiges, mit den Pflanzen ein Geistiges. Aber die Kultur für diese Anschauung war abgelaufen, als das Ereignis von Golgatha herannahte. Ein neues Element sollte in die Menschheitsentwickelung eingreifen. Wenn der Mensch in seiner Umgebung das Geistige in den physisch-sinnlichen Dingen schaut, so kann sein Bewußtsein nicht ein solches werden, daß in ihm der Freiheitsimpuls entsteht. Mit der Entstehung dieses Freiheitsimpulses muß verbunden sein gewissermaßen ein Verlassensein des Menschen vom Göttlich-Geistigen, wenn er bloß in die äußere Welt hinaussieht. Es muß verbunden sein mit diesem Freiheitsimpuls die Notwendigkeit, aus der tiefsten Kraft der Seele heraufzuholen die Anschauung des Geistigen.

[ 14 ] Das ist etwas von dem, was gerade Paulus der Menschheit offenbaren wollte, daß in den Zeiten, in denen die Menschen nur waren das Geschlecht Adams, daß in diesen alten Zeiten die Menschen nicht nötig hatten, aus ihrem Inneren ein aktives Erlebnis hervorzuholen, um das Göttlich-Geistige zu sehen, weil ihnen mit alledem, was in der Luft und auf der Erde lebte, dieses Göttlich-Geistige als Dämonisches entgegentrat. Aber überwunden sollte für die Menschheit sein — oder wenigstens nach und nach es werden — dieses Zusammenleben durch den Sinnenschein mit dem Göttlich-Geistigen. Und es sollte die Zeit heranrücken, wo der Mensch nötig hat, durch aktives, innerliches SichErkraften erst zu dem Göttlich-Geistigen sich zu erheben. Verstehen lernen sollte die Menschheit das Wort: «Mein Reich ist nicht von dieser Welt.» Nicht haftenbleiben sollte die Menschheit an einem Göttlich-Geistigen, das aus dem Sinnenschein hervorgehen will. Finden sollte die Menschheit den Weg zu einem göttlich-geistigen Reiche, das innerlich erkämpft, durch Entwickelung des Inneren erreicht werden soll.

[ 15 ] Man versteht ja heute Paulus so trivial, weil man immer wieder und wiederum den Hang entwickelt, das, was er gesagt hat, sich in seine eigene Sprache, in die Sprache der materialistischen Gegenwart zu übersetzen. Man versteht ihn so trivial, daß man den einen Schwärmer nennen wird, der das Folgende, das aber durchaus wahr ist, über den Inhalt der Sprache des Paulus zu sagen hat. Paulus empfand es als eine große Weltenkrisis, daß gewissermaßen in der Dämmerung verschwand das alte, sinnlich-geistige Anschauen, und daß aufkommen sollte, wie in einem neuen Lichtreiche, das durch innere Initiative zu erringende Anschauen des Geistigen, das nicht zu gleicher Zeit da ist mit dem sinnlichen Anschauen. Paulus wußte aus seinem übersinnlichen Initiatenerlebnis, daß der Christus Jesus mit der Erdenentwickelung der Menschheit fortan seit der Auferstehung verbunden ist. Aber er wußte auch, daß, obzwar der Christus Jesus auf der Erde wandelt, er nur zu finden ist durch das Aufraffen der inneren Sehekraft, nicht durch das bloße sinnliche Anschauen. Derjenige, der ihn erreichen will durch das bloße sinnliche Anschauen, der muß sich über ihn täuschen, der muß irgendeinen Dämon für den Christus halten.

[ 16 ] Das war dasjenige, was Paulus ganz gewiß den dazu Fähigen aus seiner Gemeinde immer wieder beibrachte, daß man nicht mit dem alten Dämonenschauen sich nähern solle dem Christus, daß man da ganz bestimmt ein falsches Wesen für den Christus halten werde. Daher war Paulus bemüht, die Menschen abzubringen von dem Hinblicken auf die Dämonen der Luft und der Erde, die ihnen ganz geläufig sein mußten in älteren Zeiten, weil für deren Anschauen noch atavistische, nunmehr unberechtigte Fähigkeiten zurückgeblieben waren. Dagegen ward Paulus nicht müde, immer wieder und wieder die Menschen zu ermahnen, diejenige Kraft des Inneren zu entwickeln, durch deren Entfaltung ein Verständnis dafür gewonnen werden konnte, daß in die Erdenentwickelung ein ganz neuer Impuls, eine ganz neue Wesenheit hereingezogen sei: Der Christus wird euch wiederkommen, wenn ihr nur den Weg heraus findet aus der bloßen sinnlich-physischen Anschauung der Erde. Der Christus wird euch wiederkommen, denn er ist da. Nur für euch muß er wiederkommen. Da ist er durch das Ereignis von Golgatha; ihr müßt ihn nur finden.

[ 17 ] Das ist, was Paulus in seiner Sprache kündete, in einer Sprache, die dazumal ganz anders geistig klang als das, was im Nachklange die Menschen heute übersetzen in dasjenige, was bei ihnen heute beliebt ist, was ganz anders damals klang, als es heute klingt aus den Schriften des Paulus. Das ist, was Paulus immer wieder und wiederum als Überzeugung in den Menschen erwecken wollte. Erwecken wollte er die Überzeugung: Man braucht eine andere Art des Anschauens als diejenige, die genügend ist für die sinnliche Welt, wenn man den Christus verstehen will.

[ 18 ] Demgegenüber ist die heutige Menschheit so weit gekommen, zwar noch zu reden von dem Gegensatz einer äußeren sinnenfälligen Wissenschaft und dem Glauben. Der äußeren sinnenfälligen Wissenschaft gestattet die neuere Theologie, kompliziert zu sein, sachlich zu sein, angewiesen darauf zu sein, etwas zu lernen; dem Glauben gestattet sie das nicht. Der soll — wie immer wieder und wieder betont wird an das Kindlichste im Menschen appellieren, an das, wozu man gar nichts zu lernen braucht.

[ 19 ] Damit hat eben jene Anschauung ihren Charakter bekommen, die selbst das Ereignis von Damaskus noch ableugnet als ein solches, das einer Wirklichkeit entspricht, und die das Ereignis von Damaskus nur nehmen will wie etwas, was eine Art Halluzination des Paulus war. Wenn aber das Ereignis von Damaskus eine bloße Halluzination war oder ich kann auch sagen, wenn das Ereignis von Damaskus das war, was bei einer großen Anzahl der modernen 'Theologen das Ereignis von Damaskus sein soll —, dann müßte man auch den Mut haben, zu sagen: So schnell wie möglich weg mit dem Christentum —, denn dann ist der größte Unsinn mit dem Christentum in die Menschheit hereingezogen.

[ 20 ] Das ist, was eigentlich gegenüber den neueren theologischen Lehren nötig wäre, wenn die Menschen diese neueren theologischen Lehren noch erstens ernst und zweitens mutig genug nehmen würden; aber sie nehmen sie weder ernst noch mutig. Sie weichen zurück vor der bloßen äußeren sinnlichen Wissenschaft, leugnen den inneren realen Impuls des Ereignisses von Damaskus, halten aber dennoch an dem Christentum fest. Gerade in solchen Dingen drücken sich die inneren, die seelisch-geistigen Schäden unserer Zeit am allerdeutlichsten aus, denn in solchen Dingen zeigt sich die tiefe innere Unwahrheit unserer Zeit. Die Wahrheit müßte sich gestehen: Entweder war das Ereignis von Damaskus eine Realität, etwas, was sich auf eine Realität bezieht, dann hat das Christentum Sinn — oder das Ereignis von Damaskus war dasjenige, was die moderne Theologie sagt, die sich der neueren Wissenschaft fügen will, dann hat das Christentum keinen Sinn. Das ist so wichtig, daß sich die Menschen solche Dinge vor die Seele rückten in dieser unserer Zeit, die eigentlich eine Zeit schwerer Prüfung ist. Denn indem die Menschen innerlich vor sich selber unwahrhaftig geworden sind in bezug auf ihre heiligsten Angelegenheiten, indem sie unwahrhaftig geworden sind in dem Sinne, daß sie das nicht mehr Christentum nennen dürften, was sie so nennen, hat die Neigung, die oftmals unbewußte, aber darum nicht minder verderbliche Neigung zur Unwahrheit die Menschheit eben ergriffen. Und deshalb ist diese Neigung zur Unwahrheit da. Deshalb ist diese Neigung zur Unwahrheit so innerlich verknüpft mit den Ereignissen, die nunmehr zur völligen Dekadenz des europäischen Kulturlebens führen müssen, wenn nicht für dieses europäische Kulturleben noch zur rechten Zeit die Besinnung auftritt, zu einer geistigen Erkenntnis sich hinzuwenden.

[ 21 ] Sich hinzuwenden zu einer geistigen Erkenntnis, dazu genügt nun wahrhaftig nicht, in dieser Zeit der schweren Prüfungen im Kleinen stehenzubleiben, sondern dazu genügt nur, wirklich die Dinge in ihren Tiefen zu nehmen und an die Notwendigkeit großer Umwandelungen gerade in unserer Zeit zu denken. Immer wieder und wiederum muß betont werden: Was ist denn im Grunde genommen heute ein solches Fest wie das Osterfest für einen großen Teil der Menschheit? Wenn dieses Osterfest für einen großen Teil der Menschheit heranrückt, dann besteht für die Gedanken, die man sich bei diesem Osterfeste im Kreise derjenigen macht, mit denen man es noch zusammen feiern will, dieses, daß man alte Denkgewohnheiten festhält, daß man auch ziemlich in den alten Worten redet, mehr oder weniger automatisch fortredet, daß man dieselben Formeln hersagt, die man herzusagen gewöhnt war durch lange Zeiten. Aber haben wir heute ein Recht, diese alten Formeln herzusagen, da wir in unserem Umkreis überall den Unwillen bemerken, teilzunehmen an der großen, notwendigen Umgestaltung der Zeit? Können wir uns denn mit Recht auf das Paulinische Wort berufen: «Nicht ich, sondern der Christus in mir», wenn wir so wenig geneigt sind, hinzuschauen auf das, was die Menschheit in großes Unglück gebracht hat im Laufe der neuesten Zeit? Muß es nicht zusammenhängen gerade mit dem Osterfeste, sich klarzuwerden über das, was die Menschheit getroffen hat, und über das, was einzig und allein aus der Katastrophe herausführen kann: die übersinnliche Erkenntnis? Wenn das Osterfest, das ja in seiner Bedeutung ruht auf der übersinnlichen Erkenntnis — denn nimmermehr kann dasjenige, was das Osterfest bedeutet, die Auferstehung des Christus Jesus, bloß eine sinnliche Erkenntnis bedeuten —, müßte nicht, wenn dieses Österfest ernst genommen würde, die Menschheit darauf bedacht sein, daß Übersinnliches wiederum in die Erkenntnisse des Menschen einziehen muß? Sollte nicht heute der Gedanke auftauchen: Die Verlogenheit der neueren Kultur, sie ist davon gekommen, daß wir selbst über solche Dinge nicht mehr ernst sein konnten, wie dasjenige, was wir als unsere heiligen Feste anerkennen?

[ 22 ] Wir feiern das Osterfest, das Auferstehungsfest, und haben längst aufgehört, aus der materialistischen Gesinnung heraus, im Ernste die Auferstehung begreifen zu wollen. Wir machen volle Feindschaft mit der Wahrheit, und wir suchen uns alle möglichen Auswege, um statt der Wahrheit den Weltenspaß hereinzubekommen, den Weltenspaß, denn ein solcher wäre es zu nennen, oder ist es zu nennen — wenn die Menschen das Fest der Auferstehung feiern und der neueren Wissenschaft glauben, die selbstverständlich an eine solche Auferstehung niemals appellieren kann. Materialismus und Osterfest-Feiern, das sind zwei Dinge, die unmöglich zueinander gehören, die unmöglich nebeneinander bestehen sollten. Auch der Materialismus der neueren Theologen verträgt sich nicht mit dem Osterfest heute. Wir leben in der Zeit, in der von einem der angesehensten Theologen Mitteleuropas ein «Wesen des Christentums» geschrieben worden ist, und in der es möglich geworden ist, dieses «Wesen des Christentums» als etwas besonders Hervorragendes zu preisen. Und in diesem «Wesen des Christentums» finden wir durchaus das Bestreben, die wirkliche Auferstehung des Christus Jesus nicht ernst zu nehmen; das gehört zu den Signaturen unserer Zeit. Das aber ist etwas, von dem eine tiefe Empfindung einziehen sollte in die Herzen, in die Gemüter der gegenwärtigen Menschheit. Aber wir kommen aus der Misere nicht heraus, wenn nicht über die Feindschaft, welche die neuere Menschheit gegenüber der Wahrheit einhält, ein richtiges Gefühl entsteht, wenn nicht die Dinge, die schon einmal im Leben eine so große Bedeutung haben, auch wirklich durchschaut werden.

[ 23 ] Es ist notwendig, daß diejenige Tendenz, welche in der fünften nachatlantischen Zeit heraufgekommen ist, die Tendenz nach einer begreifbaren, dem menschlichen Urteilsvermögen angemessenen wissenschaftlichen Erkenntnis, auch einziehe in die Erkenntnis der übersinnlichen Welt. Denn zu den Ereignissen, die durchaus in der übersinnlichen Welt liegen, gehört das Ereignis von Golgatha. Zu den Ereignissen, die nur verstanden werden können durch übersinnliche Vorstellungen, gehört das Ereignis von Damaskus, wie es Paulus erlebt hat. Von dem Verständnis dieser Ereignisse hängt es ab, ob man in Wahrheit von dem Christus-Impuls etwas fühlen kann, oder ob man von dem Christus-Impuls nichts fühlen kann. Geradezu eine Probe sollte sich der Mensch der Gegenwart auferlegen, indem er sich frägt: Wie stehe ich in derjenigen Zeit, die man auf das «Osterfest» getauft hat, wie stehe ich zu dem, was übersinnliche Erkenntnisse sind? — Denn das Osterfest soll schon seiner Zeitfestsetzung nach erinnern an das Aufblicken des Menschen vom Irdischen zu dem Außerirdischen. In bezug auf den Ausblick in das Außerirdische hat ja der Mensch der Gegenwart nichts anderes sich reserviert als höchstens die Mathematik, die Mechanik, oder in der neueren Zeit noch die Spektralanalyse. Das sind die Grundlagen, durch die er sich Erkenntnisse über das Außerirdische verschaffen will. Er hat keine Empfindung mehr dafür, daß er verbunden ist mit diesem Außerirdischen, und daß aus diesem Außerirdischen der Christus hergekommen ist und eingezogen ist in die Persönlichkeit des Jesus.

[ 24 ] Nehmen Sie die hier einschlägigen Gedanken nur geradezu ernst. Ich habe Sie öfter aufmerksam gemacht, wie feingeistige Naturen, wie Herman Grimm, die zwar heute variierte, aber doch im wesentlichen noch immer herrschend gebliebene Kant-Laplacesche Theorie nennen. Aus einem Urnebel hervorgegangen dieses Sonnensystem; im Laufe der Umwandelungen des Urnebels und seiner Verdichtungen Pflanzen, Tiere und auch der Mensch entstanden! Und weitergehend: die Erde einmal, nachdem alles auf ihr das Grab gefunden hat und nichts mehr tönt in das Weltenall heraus von dem, was die Leute sich phantasiert haben an Idealen, an Kulturgebilden, die Erde hineinfallend wie eine Schlacke in die Sonne, dann auch in einer noch späteren Zeit die Sonne versprühend im All, nicht nur begrabend, sondern vernichtend all das, was von den Menschen getan wird — es ist eine Anschauung von der Weltenordnung, wie sie nicht anders hat entstehen können in einer Zeit, in der man bloß mit den mathematischen, mechanischen Erkenntnissen das Außerirdische begreifen will. Aus einer Welt, in die man nur hinein rechnet, oder in der man die Eigenschaften der Sonne mit dem Spektroskop untersucht, in einer solchen Welt ist allerdings der Ort nicht zu suchen, aus dem der Christus heruntergekommen sein sollte, um sich mit dem Erdenleben zu verbinden! Ein gewisser Teil der Menschheit zieht es ja heute vor, weil er nicht zurechtkommt mit seinen Gedanken, lieber sich gar nicht damit zu beschäftigen, sondern fortzureden mit denjenigen Worten, die man gelernt hat aus den Evangelien, aus den Paulusbriefen, nachzuplappern, was man da gelernt hat, nicht nachzudenken, ob sich das verträgt mit dem, was man sonst als Anschauung gewinnt über die Entwickelung der Erde und der Menschheit. Aber eben darin besteht die tiefe innere Unwahrheit unserer Zeit, daß man sich herumdrückt um das wirklich nebeneinander zu Denkende, notwendig nebeneinander zu Denkende. Einen Nebel will man sich vormachen, damit man das Zusammengehörige nicht zusammen zu denken braucht. Einen Nebel macht man sich deshalb schon auch vor, wenn man Feste feiert, wenn man vom Osterfeste spricht, vom Feste der Auferstehung, und eigentlich weit davon entfernt ist, sich einen Begriff von dieser Auferstehung zu machen, der ja heute nur mit geistig-übersinnlicher Erkenntnis gemacht werden kann.

[ 25 ] Es ist schon einzig und allein möglich für den Menschen der Gegenwart, noch eine Empfindung mit dem Osterfest zu verbinden, wenn er daran denkt, wie auch in unserer Zeit in der Tat eine Weltenkatastrophe gekommen ist, womit ich nicht nur die Weltenkatastrophe meine, die sich ereignet hat in den letzten Kriegsjahren, sondern worunter ich verstehe jene Weltenkatastrophe, die darin besteht, daß die Menschen verloren haben Vorstellungen über den Zusammenhang des Irdischen mit dem Außerirdischen. Es ist schon notwendig, daß die Menschen der Gegenwart sich eine Klarheit darüber, ein Bewußtsein davon verschaffen, daß auferstehen muß aus diesem Grabe des materialistischen Anschauens die übersinnliche Erkenntnis. Denn mit der übersinnlichen Erkenntnis wird die Erkenntnis des Christus Jesus aus diesem Grabe auferstehen. Im Grunde genommen hat man heute kein anderes Symbolum, das treffend ist für das Osterfest, als dieses: Des Menschen ganzes Seelenschicksal ist gekreuzigt in der materialistischen Weltanschauung. Aber der Mensch selber, die Menschheit muß etwas tun, damit aus dem Grabe des Materialismus auferstehe dasjenige, was aus der übersinnlichen Erkenntnis kommen kann.

[ 26 ] Dieses Streben nach der übersinnlichen Erkenntnis ist selbst etwas Österliches; es ist etwas, was, wenn es empfunden wird, den Menschen wiederum ein Recht gibt, so etwas zu feiern, wie es das Osterfest ist. Wenn Sie hinschauen auf den Vollmond und ahnen, wie dieser Vollmond in seinen Erscheinungen mit dem Menschen zusammenhängt wie der Widerglanz des Sonnenhaften mit dem Mondhaften selber, so denken Sie daran, daß gesucht werden soll von dieser neueren Menschheit eine Menschheitserkenntnis, eine Menschheitsselbsterkenntnis, durch die der Mensch als ein wirklicher Abglanz des Übersinnlichen erscheint. Erkennt sich der Mensch als ein Abglanz des Übersinnlichen, erkennt sich der Mensch in dem, was er ist, als konstituiert aus dem Übersinnlichen heraus, dann findet er auch den Weg zu dem Übersinnlichen. Es ist im Grunde genommen menschlicher Hochmut, der in der materialistischen Weltanschauung zum Ausdrucke kommt, der sich nur in einer ganz merkwürdigen Weise äußert; menschlicher Hochmut, durch den der Mensch nicht sein will ein Abglanz des GöttlichGeistigen, sondern durch den er sein will bloß das höchste der tierischen Wesen. Da ist er das Höchste. Es handelt sich nur darum, unter was er das Höchste ist! Dieser Hochmut, der führt den Menschen dazu, nun überhaupt nichts mehr anzuerkennen als sich selbst. Es wäre schon, wenn wenigstens die naturwissenschaftliche Weltanschauung bei der Wahrheit bleiben würde, ihre Aufgabe, dem Menschen immer wieder und wiederum einzuprägen: Du bist das höchste derjenigen Wesen, von denen du dir eine Vorstellung machen kannst. — Die Konsequenzen derjenigen Anschauung, die heute richtig «wissenschaftlich» sein will, die sind eigentlich so, daß sie den Menschen erblassen machen müßten; daß sie ihm zeigen würden, aus welchen moralischen Unterlagen sie eigentlich hervorgehen, wenn auch diese moralischen Unterlagen zum großen Teile unbewußt bleiben. Aber wahrhaftig, es ist in unserer Zeit schon die Epoche da, in der in einer besonderen Art der Christus Jesus gekreuzigt, zu Tode gebracht worden ist gerade auf dem Felde der Erkenntnis. Und ehe nicht die Menschen dazu kommen, die gegenwärtige, rein am Sinnlichen klebende Art von Erkenntnis als das Erkenntnisgrab anzusehen, aus dem eine Auferstehung kommen muß, eher wird die Menschheit nicht dazu kommen, sich zu solchen Gefühlen und Empfindungen zu erheben, die österliche sein werden.

[ 27 ] Daher sollten wir heute vor allen Dingen uns vor die Seele führen den Gedanken: Überlieferungen von einem Osterfeste, das am ersten Sonntag nach dem Frühjahrsvollmond stattfinden soll, sind da. Ein Recht, ein solches Osterfest zu feiern, haben wir heute, wenn wir Menschen der Gegenwartskultur sind, nicht. Wie gewinnen wir wiederum ein Recht? Man verbinde den Gedanken an den im Grabe liegenden Christus Jesus, an den Christus Jesus, der zur österlichen Zeit überwindet den Grabstein, der auf sein Grab gewälzt ist, man verbinde diesen Gedanken mit dem anderen, daß die menschliche Seele fühlen soll den Grabstein der bloßen äußeren mechanistischen Erkenntnis auf sich, und daß sie streben muß, zu überwinden den Druck dieser Erkenntnis, auf daß ihr werde die Möglichkeit, nicht bloß als ein wahres Glaubensbekenntnis dieses zu haben: Nicht ich, sondern das vollentwickelte Tier in mir —, auf daß sie wieder ein Recht habe, zu sagen: «Nicht ich, sondern der Christus in mir.»

[ 28 ] Es wird erzählt, daß — in England soll es wohl gewesen sein — ein naturwissenschaftlich gebildeter Gelehrter gesagt hat, ihm sei es lieber, vorzustellen, daß er sich als Mensch nach und nach vom Affenhaften heraufgearbeitet habe durch eigene Kraft zu seiner jetzigen Höhe, als daß er als Mensch sollte so heruntergekommen sein von einer einstmals «göttlichen» Höhe, wie eben heruntergekommen schien sein Gegner, der eben nicht an die bloß naturwissenschaftlichen Vorstellungen glauben konnte. Nun, gerade solche Dinge weisen eben darauf hin, wie sehr es notwendig ist, den Weg zu finden von dem Bekenntnis: Nicht ich, sondern das vollentwickelte Tier in mir —, zu dem anderen: «Nicht ich, sondern der Christus in mir.» Dieses Pauluswort zu verstehen, das sollte gesucht werden. Dann erst wird es wiederum möglich sein, daß eine wahrhaftige Osterbotschaft aus den Tiefen unserer Seelen herauf in unser Bewußtsein einzieht.