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Healing Factors for the Social Organism
GA 198

2 April 1920, Dornach

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Vierter Vortrag

Fourth Lecture

[ 1 ] Es ist eine seit alten Zeiten des Christentums eingeführte Sitte, zu unterscheiden zwischen dem Weihnachtsfeste und dem Osterfeste dadurch, daß das Weihnachtsfest als ein unbewegliches gestaltet ist, gesetzt ist an den Zeitpunkt ungefähr, der ein paar Tage nach dem 21. Dezember, also der Wintersonnenwende liegt, und daß das Osterfest gesetzt ist an einen Tag, der bestimmt ist durch eine gewisse Sternkonstellation, aber eine Sternkonstellation, die zu gleicher Zeit verbindet gewissermaßen das Außerirdische mit dem menschlichen Irdischen. Wir werden ja morgen im Zeichen des ersten Frühlingsvollmondes stehen, und es wird auf diesen Frühlingsvollmond fallen die Frühjahrssonne, die nach dem 21. März eben in das Zeichen des Frühlings eingetreten ist. Wenn also die Menschheit der Erde den ersten Sonntag wiederum feiert, jenen Tag, der sie an ihren Zusammenhang mit den Sonnenkräften erinnern soll, den Sonntag, der der erste ist nach dem Frühlingsvollmonde, dann soll für die christliche Lebensanschauung das Osterfest gefeiert werden. Dieses Osterfest ist dadurch ein bewegliches Fest. Es ist gewissermaßen notwendig, in jedem Jahre sich die Konstellation am Himmel anzuschauen, um über den Zeitpunkt dieses Osterfestes sich Auskunft zu verschaffen.

[ 1 ] It has been a custom since the early days of Christianity to distinguish between Christmas and Easter by the fact that Christmas is a fixed holiday, set for a date approximately a few days after December 21—that is, the winter solstice—while Easter is set for a day determined by a certain constellation, but a constellation that, in a sense, connects the extraterrestrial with the human earthly realm at the same time. Tomorrow, after all, we will be under the sign of the first spring full moon, and the spring sun—which, after March 21, has just entered the sign of spring—will align with this spring full moon. So when the people of Earth once again celebrate the first Sunday—that day meant to remind them of their connection to the forces of the sun, the Sunday that follows the spring full moon—that is when Easter should be celebrated according to the Christian worldview. This makes Easter a movable feast. It is, so to speak, necessary to observe the constellations in the sky each year in order to determine the date of this Easter celebration.

[ 2 ] Solche Dinge sind festgelegt worden zu einer Zeit, wo noch aus alten atavistischen hellseherischen Fähigkeiten heraus Weisheitstraditionen vorhanden waren, Traditionen, welche den Menschen noch ein Wissen gaben, das weit hinaus lag über das, was die gegenwärtige Wissenschaft geben kann. In diesen alten Zeiten, als solch ein Wissen noch vorhanden war, da suchte der Mensch seinen Zusammenhang mit dem Außerirdischen durch solche Dinge zum Ausdruck zu bringen. Und in solchen Festlegungen liegt immer der Hinweis auf Allerbedeutsamstes für die Menschheitsentwickelung.

[ 2 ] Such things were established at a time when traditions of wisdom still existed, rooted in ancient, atavistic clairvoyant abilities—traditions that provided people with knowledge far beyond what modern science can offer. In those ancient times, when such knowledge still existed, people sought to express their connection to the extraterrestrial through such things. And in such established practices there always lies a reference to what is most significant for human development.

[ 3 ] Der starre Zeitpunkt, in den das Weihnachtsfest verlegt wird, deutet an, wie eng dieses Weihnachtsfest verbunden gefühlt werden soll mit dem Irdischen, weil es erinnern soll an die Geburt desjenigen Menschen, in den dann die Christus-Wesenheit einzog. Aber an ein Ereignis, das nicht innerhalb des Ganges der Erdenentwickelung, sondern innerhalb des ganzen Weltenzusammenhanges, in den der Mensch hineingestellt ist, eine Bedeutung hat, daran soll das Osterfest erinnern. Deshalb soll auch der Zeitpunkt dieses Osterfestes nicht bloß ein solcher sein, der sich nach den gebräuchlichen irdischen Verhältnissen richtet, sondern er soll ein solcher sein, der nur festgelegt werden kann, wenn der Mensch seine Gedanken hinauswendet auf das Außerirdische. Und etwas noch Tieferes liegt in dieser Festlegung des beweglichen Zeitpunktes des Osterfestes. Es liegt darinnen die Art, wie der Mensch durch den Christus-Impuls von der Erdenentwickelung, von den Kräften dieser bloßen Erdenentwickelung frei werden sollte; daß er frei werden sollte durch eine Erkenntnis des Außerirdischen, das liegt darinnen. Gewissermaßen eine Aufforderung, sich zu erheben zu dem Außerirdischen, das liegt darinnen, und man möchte sagen, ein gewisses Versprechen der Weltgeschichte an den Menschen, daß er frei werden könne von irdischen Verhältnissen durch den Christus-Impuls, das liegt auch darinnen.

[ 3 ] The fixed date to which Christmas is set suggests how closely this holiday is meant to be associated with the earthly realm, because it is intended to commemorate the birth of the human being into whom the Christ-essence then entered. But Easter is meant to commemorate an event that is significant not merely within the course of Earth’s evolution, but within the entire cosmic context in which humanity is situated. That is why the date of Easter should not merely be one determined by customary earthly conditions, but rather one that can only be established when human beings turn their thoughts outward toward the extra-terrestrial realm. And there is something even deeper underlying this determination of the variable date of Easter. It lies in the way in which humanity, through the Christ impulse, is to be freed from earthly evolution—from the forces of this mere earthly evolution; that humanity is to be freed through a knowledge of the extra-earthly—that is what lies within it. In a sense, it is a call to rise up to the extraterrestrial—that is what lies within it—and one might say, a certain promise from world history to humankind that they can become free from earthly conditions through the Christ impulse; that, too, lies within it.

[ 4 ] Wenn wir das ganz durchschauen wollen, was sich ausdrückt in dieser eben charakterisierten Feststellung des Zeitdatums des Osterfestes, können wir es noch mehr erkennen, wenn wir hinblicken auf erste Geheimnisse der Entstehung des Christentums, erste Geheimnisse, die ja mehr oder weniger sich nach und nach für eine gewisse Erdenzeit verhüllt haben der materialistischen Auffassung der Welt, die in die Menschheitsentwickelung eingezogen ist seit dem Beginn der fünften nachatlantischen Periode, und die zu überwinden es jetzt an der Zeit ist. Um auf diese Verhältnisse entsprechend hinzuschauen, ist es notwendig, zu sehen, wie eingreift in die Entwickelung des ChristusImpulses im weltgeschichtlichen Menschheitswerden die Gestalt des Paulus.

[ 4 ] If we want to fully understand what is expressed in this statement—which we have just characterized—regarding the date of Easter, we can gain even greater insight by looking at the earliest mysteries surrounding the origins of Christianity, mysteries that have, to a greater or lesser extent, gradually become veiled for a certain period of earthly history from the materialistic view of the world—a view that has permeated human development since the beginning of the fifth post-Atlantean period and which it is now time to overcome. To view these circumstances appropriately, it is necessary to see how the figure of Paul intervenes in the development of the Christ impulse within the world-historical evolution of humanity.

[ 5 ] Das müssen wir uns ja immer wieder und wieder vor die Seele rücken, wie gerade diese Gestalt des Paulus eingreift in die Entwickelung des Christentums. Wir können sagen: Paulus hatte reichlich Gelegenheit, sich durch den Augenschein, durch die äußere physische Wahrnehmung zu unterrichten von den Ereignissen in Palästina, die sich an die Persönlichkeit des Jesus anknüpfen. Durch alles das, was so in der physischen Welt auf ihn gewirkt hat, hat sich Paulus nicht überzeugen lassen, denn er gehörte noch zu den Bekämpfern des Christentums, nachdem bereits diese Ereignisse von Palästina ihr physisches Ende erreicht hatten. Paulus wurde erst der Christen-Apostel, als er das Ereignis von Damaskus erlebte, als er erlebte die Wesenheit des Christus-Impulses durch Außerirdisches, durch Übersinnliches. Paulus ist gerade derjenige, der sich nicht durch physisch-sinnliche Eindrücke überzeugen ließ von der Bedeutung des Christus-Impulses, sondern der für seine Überzeugung die übersinnliche Erfahrung brauchte. Und diese übersinnliche Erfahrung, sie war eine gründlich in das Leben des Paulus einschneidende. Sie war so einschneidend, daß Paulus ein vollständig anderer Mensch wurde. Man kann schon sagen, sie war so einschneidend, daß Paulus dasjenige geworden ist, was man einen Initiierten, einen Eingeweihten nennen kann.

[ 5 ] We must constantly remind ourselves of how the figure of Paul, in particular, influenced the development of Christianity. We can say: Paul had ample opportunity to learn, through observation and external physical perception, about the events in Palestine connected to the person of Jesus. Paul was not convinced by all that had influenced him in the physical world, for he was still among the opponents of Christianity even after these events in Palestine had already come to a physical end. Paul only became the Apostle to the Christians when he experienced the event on the road to Damascus, when he experienced the essence of the Christ impulse through something otherworldly, through the supersensible. Paul is precisely the one who was not convinced of the significance of the Christ impulse by physical-sensory impressions, but who needed the supersensible experience for his conviction. And this supersensible experience had a profound impact on Paul’s life. It was so profound that Paul became a completely different person. One could even say it was so profound that Paul became what one might call an initiate.

[ 6 ] Paulus war gut vorbereitet, so etwas zu erleben. Er war ein mit den jüdischen Religionsgeheimnissen, mit dem jüdischen Erkennen und der jüdischen Weltanschauung gut bekannter Mann, und er war durch diese seine Kenntnisse wohl vorbereitet, zu beurteilen das Ereignis, das sich ihm als Erlebnis von Damaskus darstellte. Er war gut vorbereitet, sich über dieses Ereignis sagen zu können, was von diesem Ereignis eine richtige Anschauung, eine richtige Idee geben kann. Nur, möchte ich sagen, ein Abglanz von dem, was Paulus eigentlich in seinem Inneren erlebt hat, tritt uns entgegen aus dem, was als die Schriften des Paulus bekannt ist. Da hören wir allerdings, daß er ja von dem Ereignis von Damaskus spricht wie einer, der durch dieses Ereignis Kenntnis erlangt hat von dem, was hinter dem Schleier der Sinneswelt an Weltgeschehen liegt. Da hören wir ihn so sprechen, daß wir erkennen, daß er die ganz anders geartete Welt des Übersinnlichen gegenüber dieser sinnlichen hier wohl zu beurteilen vermag.

[ 6 ] Paul was well prepared to experience something like this. He was a man thoroughly familiar with the mysteries of the Jewish religion, with Jewish understanding, and with the Jewish worldview, and his knowledge had well prepared him to assess the event that presented itself to him as the Damascus experience. He was well prepared to speak about this event in a way that could convey a true perspective, a true understanding of it. Yet, I would say, only a faint reflection of what Paul actually experienced within himself comes to us through what is known as the Writings of Paul. There we do hear, however, that he speaks of the Damascus experience as one who, through this event, has gained knowledge of what lies beyond the veil of the sensory world in the realm of world events. We hear him speak in such a way that we recognize he is indeed capable of judging the entirely different nature of the supersensible world in contrast to this sensory one.

[ 7 ] Wenn wir schon äußerlich das Leben des Paulus vergleichen mit dem äußerlichen irdischen Christus Jesus-Erleben, dann finden wir etwas höchst Merkwürdiges, das sich nur dann aufhellt, wenn man nach geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkten die Menschheitsentwickelung sachgemäß ins Auge faßt. In bezug darauf habe ich ja öfter Sie darauf aufmerksam gemacht, wie ganz anders geartet der Mensch in bezug auf seine organisch-seelische Entwickelung in anderen Zeiten war, und wie anders er im Laufe seiner Entwickelung seit der indischen, persischen, ägyptisch-chaldäischen, griechisch-lateinischen Zeitkultur bis in unsere Tage herein geworden ist. Wenn man nämlich zurückschaut in alte Zeiten der Menschhettsentwickelung — das haben wir ja öfter besprochen —, dann finden wir, wie der Mensch organisch entwickelungsfähig blieb bis in ein hohes Alter hinauf, wie der Mensch ähnliche Etappen eines Parallelismus zwischen seiner seelischen und seiner physischen Entwickelung durchmachte bis in ein höheres Alter hinauf, wie er sie jetzt nur durchmacht mit dem Zahnwechsel, mit der Geschlechtsreife, mit dem Beginn der Zwanzigerjahre. Das hat die Menschheit in ihrer Allgemeinerscheinung verloren, solche Entwickelungsübergänge in einem höheren Alter zu erleben. Bis in die Fünfzigerjahre hinauf in ganz alten indischen Zeiten, bis in die Vierzigerjahre hinein später in persischen, ägyptischen Zeiten, bis zum fünfunddreiBigsten Jahre hin in der griechisch-lateinischen Zeit haben einen Parallelismus zwischen der seelischen Entwickelung und der physischen Entwickelung die Menschen dieser alten Zeit erlebt.

[ 7 ] If we compare the life of Paul—even in outward terms—with the outward, earthly experience of Christ Jesus, we find something most remarkable, which becomes clear only when we properly consider the development of humanity from the perspective of spiritual science. In this regard, I have often drawn your attention to how fundamentally different human beings were in terms of their organic-psychic development in other eras, and how they have changed in the course of their evolution from the Indian, Persian, Egyptian-Chaldean, and Greek-Latin cultural periods right up to the present day. For when we look back at the ancient periods of human development—as we have often discussed— we find that human beings remained capable of organic development well into old age; that they went through similar stages of parallel development between their soul and physical development well into old age; and that they now go through these stages only during tooth replacement, sexual maturity, and the early twenties. Humanity, in its general development, has lost the ability to experience such developmental transitions at a more advanced age. In very ancient Indian times, this parallelism between spiritual and physical development was experienced by people up to their fifties; later, in Persian and Egyptian times, up to their forties; and in the Greco-Roman era, up to the age of thirty-five.

[ 8 ] Wir erleben einen solchen Parallelismus des Allgemeinmenschlichen für das gewöhnliche Bewußtsein ja nur — wie ich öfter ausgeführt habe — bis zum siebenundzwanzigsten Lebensjahr, und auch da ist schon das, was in die letzten Jahre hineinfällt, wenig bemerkbar. In der Zeit, in welcher der Christus-Impuls einzog in die Menschheitsentwickelung, da war es gerade so, daß die Menschen, auch die Menschen der griechisch-lateinischen Volkheit, eben bis in das dreiunddreißigste Lebensjahr hinein noch diesen Parallelismus erlebten. Und der Christus Jesus lebte seine physischen Erdentage gerade so lange, daß er während dieser physischen Erdentage mitmachte jenes Leben, das in der Parallelität verläuft zwischen der physischen Organisation und der geistig-seelischen Organisation. Dann ging er für das irdische Leben durch die Todespforte.

[ 8 ] As I have often explained, we experience such a parallelism of the universal human nature—for ordinary consciousness—only up to the age of twenty-seven, and even then, what falls within the final few years is hardly noticeable. At the time when the Christ impulse entered human evolution, it was precisely the case that people—including those of the Greco-Latin peoples—continued to experience this parallelism right up to the age of thirty-three. And Christ Jesus lived his physical life on Earth for just long enough that, during those physical days on Earth, he participated in that life which unfolds in parallel between the physical organization and the spiritual-soul organization. Then he passed through the gate of death, leaving earthly life behind.

[ 9 ] Was dieses Durchgehen durch die Todespforte bedeutet, das ist nur zu erkennen von einem geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte aus, wenn man hineinzuschauen vermag in übersinnliche Welten. Denn das ist kein Ereignis, das sich durch dasjenige begreifen läßt, was in der sinnlichen Welt sich vollzieht.

[ 9 ] What this passing through the gate of death means can only be understood from a spiritual-scientific perspective, if one is able to look into the supersensible worlds. For this is not an event that can be grasped through what takes place in the sensory world.

[ 10 ] Paulus war ungefähr so alt wie der Christus Jesus selbst als physischer Mensch. Er hat gerade diejenige Zeit im Antichristlichen zugebracht, die der Christus Jesus zugebracht hat in seinem Erdenwirken. Und er erlebte für die zweite Lebenshälfte dasjenige, was ihm wurde durch übersinnliche Erfahrungen. Er erlebte für die zweite Lebenshälfte durch übersinnliche Erfahrung dasjenige, was der Mensch eben seit jenen Tagen nicht mehr in der zweiten Lebenshälfte durch sinnliche Erfahrung erleben konnte, weil der Mensch nicht bis in jene höheren Erdentage hinein, bis über das fünfunddreißigste Jahr hinaus, noch einen Parallelismus erlebte zwischen der seelisch-geistigen Entwickelung und der physischen Entwickelung. Und das Ereignis von Golgatha stellte sich für den Paulus so dar, daß ihm durch die unmittelbare Erleuchtung ein Verständnis wurde, das einstmals die Menschen durch (die Urweisheit in atavistischer Art noch hatten, das sie in der neueren Zeit nur erringen können durch eine neue Geisteswissenschaft. Es wurde ihm darum zuteil, damit er der Anreger zu einem richtigen Verständnis dessen werden konnte, was durch den Christus-Impuls für die Menschheit geschehen ist.

[ 10 ] Paul was about the same age as Christ Jesus himself when he was a physical human being. He spent exactly the same amount of time in the realm of the Antichrist as Christ Jesus did during his earthly ministry. And during the second half of his life, he experienced what came to him through supersensory experiences. In the second half of his life, through supersensory experience, he experienced what human beings had not been able to experience through sensory experience in the second half of their lives since those days, because human beings no longer experienced a parallelism between soul-spiritual development and physical development as they entered those higher earthly days—beyond the age of thirty-five. And the event of Golgotha presented itself to Paul in such a way that, through direct enlightenment, he gained an understanding that human beings once possessed in an atavistic form through primordial wisdom—an understanding they can attain in more recent times only through a new spiritual science. It was bestowed upon him so that he might become the inspiration for a true understanding of what the Christ impulse has accomplished for humanity.

[ 11 ] Ungefähr so lange, als der Christus auf der Erde gewandelt hat, wandelte dann Paulus weiter auf Erden, etwa bis zum siebenundsechzigsten oder achtundsechzigsten Jahre, um selber ebensolange die Lehre von dem Christentum in die Erdenentwickelung einzuführen. Es ist ein merkwürdiger Parallelismus zwischen dem Leben des Christus Jesus und dem Leben des Paulus. Nur daß das Leben des Christus Jesus eben ausgefüllt war von dem inneren Dasein des Christus, daß bei Paulus vorlag ein so starkes initiiertes Nacherleben dieses Ereignisses, daß er in der Lage war, als der Erste der Menschheit die entsprechenden Vorstellungen über das Christentum zu bringen — in einer Zeitlänge, die ungefähr dem Christus Jesus-Leben auf der Erde entspricht. Den Zusammenhang zu betrachten zwischen dem, was für die Erdenentwickelung der Menschheit durch das Christus Jesus-Leben dargelebt worden ist und dem, was durch Paulus über die Christus-Wesenheit gelehrt worden ist, diesen Zusammenhang in der richtigen Weise anzuschauen, bedeutet eigentlich für den Menschen sehr viel. Nur muß man diesen Zusammenhang so erleben, daß er sich wirklich als Ergebnis des übersinnlichen Einflusses darstellt, der auf Paulus ausgeübt worden ist. Und wenn die neuere Theologie sogar so weit gegangen ist, das Ereignis von Damaskus wie eine Art Halluzination, wie eine Art Illusion zu erklären, so bezeugt das eben nur, daß auch die neuere Theologie in den Materialismus eingemündet ist, daß auch die neuere Theologie nicht mehr kennt das Wesen der übersinnlichen Welt und die Bedeutung eines Verständnisses der übersinnlichen Welt für eine richtige Erfassung des Wesens des Christentums.

[ 11 ] Paul continued to walk the earth for about as long as Christ had walked the earth—roughly until he was sixty-seven or sixty-eight years old—in order to introduce the teachings of Christianity into the course of earthly development for just as long. There is a remarkable parallel between the life of Christ Jesus and the life of Paul. Except that the life of Christ Jesus was filled with the inner being of Christ, whereas Paul experienced such a powerful, initiated re-living of this event that he was able to be the first among humanity to bring forth the corresponding concepts of Christianity—over a period of time roughly corresponding to the life of Christ Jesus on Earth. To consider the connection between what was exemplified for humanity’s earthly evolution through the life of Christ Jesus and what was taught by Paul about the Christ Being—to view this connection in the right way—actually means a great deal to human beings. However, one must experience this connection in such a way that it truly appears as the result of the supersensible influence exerted upon Paul. And if modern theology has even gone so far as to explain the event at Damascus as a kind of hallucination, as a kind of illusion, this merely testifies that modern theology, too, has descended into materialism; that modern theology, too, no longer understands the nature of the supersensible world or the significance of an understanding of the supersensible world for a correct grasp of the essence of Christianity.

[ 12 ] Man sollte sich eigentlich heute doch gestehen, ganz ernst und ehrlich gestehen, daß es schwierig ist, in die ganz andersartigen Vorstellungen sich hineinzuleben — anders gegenüber den heutigen —, die sich in den Evangelien und in den Paulusbriefen befinden. Aber man ist gewohnt worden, mit solchen Vorstellungen gar nicht mehr zu rechnen. Im Grunde genommen liegt es dem Menschen, der ganz durchdrungen ist mit den Vorstellungsgewohnheiten der Gegenwart, sehr, sehr ferne, sich bei Paulusworten das Richtige zu denken. Bemüht sich doch selbst eine große Anzahl der heutigen Theologen, das Ereignis von Damaskus so materialistisch als möglich aufzufassen; ja, es bemüht sich eine Anzahl von Theologen, indem sie noch vorgeben, wirkliche Christen zu sein, sogar darum, die wirkliche Auferstehung des Christus Jesus abzuleugnen! Damit bezeugen diese Persönlichkeiten nur, daß sie eben nicht geneigt sind, irgendeine Erkenntnis des Übersinnlichen auf das Wesen des Christentums, auf die Erscheinung des Christus Jesus innerhalb der Erdenentwickelung anzuwenden. Es ist wie eine Aufforderung an den Menschen, zur übersinnlichen Erkenntnis seine Zuflucht zu nehmen, daß die Gestalt des Paulus gewissermaßen an der Spitze der christlichen Tradition steht, daß also die Gestalt eines durch übersinnliche . Erlebnisse zum Verständnisse des Christentums Gekommenen dasteht. Es ist gewissermaßen das die Aussage darüber, daß das Christentum zu verstehen unmöglich ist, wenn man nicht zu Erkenntnissen seine Zuflucht nimmt, die aus den Quellen des Übersinnlichen geschöpft sind. Notwendig ist es, die Gestalt des Paulus als die eines in die übersinnlichen Weltenzusammenhänge Eingeweihten aufzufassen. Notwendig ist es, das, was er sich bemüht hat der Menschheit beizubringen, in diesem Lichte zu sehen.

[ 12 ] We really ought to admit today—seriously and honestly—that it is difficult to immerse ourselves in the very different ways of thinking—so different from our own today—that are found in the Gospels and in Paul’s letters. But we have become so accustomed to not even considering such ideas anymore. Basically, it is very, very difficult for a person who is completely imbued with the conceptual habits of the present to interpret Paul’s words correctly. Even a large number of today’s theologians strive to interpret the Damascus event as materialistically as possible; indeed, a number of theologians—while still claiming to be true Christians—even go so far as to deny the actual resurrection of Christ Jesus! In doing so, these individuals merely demonstrate that they are not inclined to apply any insight into the supersensible to the essence of Christianity or to the appearance of Christ Jesus within the course of Earth’s evolution. The fact that the figure of Paul stands, so to speak, at the forefront of the Christian tradition—that is, that the figure of one who has come through supersensible . experiences has come to understand Christianity. It is, in a sense, a statement that Christianity is impossible to understand unless one takes refuge in insights drawn from the sources of the supersensible. It is necessary to view the figure of Paul as that of one initiated into the supersensible contexts of the world. It is necessary to view what he strove to teach humanity in this light.

[ 13 ] Versuchen wir, in unserer heutigen Sprache uns einiges von dem vor die Seele zu führen, was, wie es scheint, gerade dem Initiaten Paulus von ganz besonderer Wichtigkeit war. Paulus war von ganz besonderer Wichtigkeit der Hinweis auf eine ganz neue Art in bezug auf die Stellung des Menschen zur Weltentwickelung, die durch den Impuls des Christus Jesus gekommen ist. Ihm war wichtig, zu sagen: Die Weltentwickelung, in die einbefaßt waren die alten heidnischen Erlebnisse, ist für den Menschen abgelaufen. Neue Erlebnisse des Seelenlebens des Menschen sind da; sie müssen nur angeschaut werden von den Menschen. — Damit hat Paulus schon hingedeutet auf jenen tiefsten Einschnitt in der menschlichen Erdenentwickelung, auf den man eigentlich, wenn man die wahre Geschichte verstehen will, immer wieder und wieder hindeuten sollte. Wenn wir in die vorchristliche Entwickelung, und zwar in diejenigen Zeiten zurückschauen, welche noch in einer besonderen Weise charakteristisch waren, weil sie die hervorragendsten Eigenschaften des Vorchristlichen noch radikal gehabt haben, so können wir sagen: da war das ganze menschliche Anschauen anders. Gewiß, nicht in einem Momente trat ein völliger Umschwung ein; aber dennoch ist das Ereignis von Golgatha dasjenige, welches bezeugt, wie in der Entwickelung der Menschheit eine Phase sich trennt von der anderen Phase. Das Ereignis von Golgatha ist hingestellt an das Ende jener Entwickelung, in der die Menschen, indem sie die Sinneswelt anschauten, auch eine Anschauung des Geistigen hatten. So wenig das dem heutigen Menschen liegt, so wenig das dem heutigen Menschen plausibel erscheint, es ist so, daß in der vorchristlichen Zeit die Menschen in der Regel mit dem Sinnlichen zugleich ein Geistiges sahen. Sie sahen nicht bloß Bäume, nicht bloß Pflanzen, sie sahen mit den Bäumen ein Geistiges, mit den Pflanzen ein Geistiges. Aber die Kultur für diese Anschauung war abgelaufen, als das Ereignis von Golgatha herannahte. Ein neues Element sollte in die Menschheitsentwickelung eingreifen. Wenn der Mensch in seiner Umgebung das Geistige in den physisch-sinnlichen Dingen schaut, so kann sein Bewußtsein nicht ein solches werden, daß in ihm der Freiheitsimpuls entsteht. Mit der Entstehung dieses Freiheitsimpulses muß verbunden sein gewissermaßen ein Verlassensein des Menschen vom Göttlich-Geistigen, wenn er bloß in die äußere Welt hinaussieht. Es muß verbunden sein mit diesem Freiheitsimpuls die Notwendigkeit, aus der tiefsten Kraft der Seele heraufzuholen die Anschauung des Geistigen.

[ 13 ] Let us try, in our modern language, to bring to mind some of what, it seems, was of particular importance to Paul the initiate. Of particular importance to Paul was the indication of an entirely new perspective regarding humanity’s relationship to world evolution, which came through the impulse of Christ Jesus. It was important to him to say: The course of world evolution—which included the ancient pagan experiences—has come to an end for humanity. New experiences of human soul life are here; they only need to be recognized by people. — With this, Paul had already pointed to that deepest turning point in human earthly evolution, to which one should, in fact, point again and again if one wishes to understand true history. When we look back at pre-Christian development—specifically at those times that were still particularly characteristic because they still possessed, in a radical way, the most outstanding qualities of the pre-Christian era—we can say: the entire human perspective was different then. Certainly, a complete transformation did not occur in a single moment; yet the event at Golgotha is the one that bears witness to how, in the development of humanity, one phase is separated from another. The event at Golgotha marks the end of that phase of development in which people, while perceiving the sensory world, also had a perception of the spiritual. As much as this is foreign to modern people, and as implausible as it may seem to them, the fact is that in pre-Christian times people generally perceived the spiritual alongside the sensory. They did not see merely trees, not merely plants; they saw the spiritual in the trees and the spiritual in the plants. But the cultural foundation for this perception had come to an end as the event of Golgotha approached. A new element was to intervene in human development. If a person perceives the spiritual in the physical and sensory things of their surroundings, their consciousness cannot develop in such a way that the impulse toward freedom arises within them. The emergence of this impulse toward freedom must be accompanied, so to speak, by a detachment of the human being from the divine-spiritual realm when he looks out merely into the external world. This impulse toward freedom must be linked to the necessity of drawing the perception of the spiritual up from the deepest power of the soul.

[ 14 ] Das ist etwas von dem, was gerade Paulus der Menschheit offenbaren wollte, daß in den Zeiten, in denen die Menschen nur waren das Geschlecht Adams, daß in diesen alten Zeiten die Menschen nicht nötig hatten, aus ihrem Inneren ein aktives Erlebnis hervorzuholen, um das Göttlich-Geistige zu sehen, weil ihnen mit alledem, was in der Luft und auf der Erde lebte, dieses Göttlich-Geistige als Dämonisches entgegentrat. Aber überwunden sollte für die Menschheit sein — oder wenigstens nach und nach es werden — dieses Zusammenleben durch den Sinnenschein mit dem Göttlich-Geistigen. Und es sollte die Zeit heranrücken, wo der Mensch nötig hat, durch aktives, innerliches SichErkraften erst zu dem Göttlich-Geistigen sich zu erheben. Verstehen lernen sollte die Menschheit das Wort: «Mein Reich ist nicht von dieser Welt.» Nicht haftenbleiben sollte die Menschheit an einem Göttlich-Geistigen, das aus dem Sinnenschein hervorgehen will. Finden sollte die Menschheit den Weg zu einem göttlich-geistigen Reiche, das innerlich erkämpft, durch Entwickelung des Inneren erreicht werden soll.

[ 14 ] This is part of what Paul in particular wanted to reveal to humanity: that in the times when people were merely the descendants of Adam—in those ancient times—people did not need to draw an active experience from within themselves in order to see the divine-spiritual, because, with everything that lived in the air and on the earth, this divine-spiritual confronted them as something demonic. But this coexistence with the divine-spiritual through the illusion of the senses was to be overcome for humanity—or at least gradually come to be so. And the time was to draw near when human beings would need to first raise themselves up to the divine-spiritual through active, inner effort. Humanity was to learn to understand the words: “My kingdom is not of this world.” Humanity was not to cling to a divine-spiritual reality that seeks to emerge from the sensory world. Humanity should find the path to a divine-spiritual realm that must be fought for inwardly and attained through inner development.

[ 15 ] Man versteht ja heute Paulus so trivial, weil man immer wieder und wiederum den Hang entwickelt, das, was er gesagt hat, sich in seine eigene Sprache, in die Sprache der materialistischen Gegenwart zu übersetzen. Man versteht ihn so trivial, daß man den einen Schwärmer nennen wird, der das Folgende, das aber durchaus wahr ist, über den Inhalt der Sprache des Paulus zu sagen hat. Paulus empfand es als eine große Weltenkrisis, daß gewissermaßen in der Dämmerung verschwand das alte, sinnlich-geistige Anschauen, und daß aufkommen sollte, wie in einem neuen Lichtreiche, das durch innere Initiative zu erringende Anschauen des Geistigen, das nicht zu gleicher Zeit da ist mit dem sinnlichen Anschauen. Paulus wußte aus seinem übersinnlichen Initiatenerlebnis, daß der Christus Jesus mit der Erdenentwickelung der Menschheit fortan seit der Auferstehung verbunden ist. Aber er wußte auch, daß, obzwar der Christus Jesus auf der Erde wandelt, er nur zu finden ist durch das Aufraffen der inneren Sehekraft, nicht durch das bloße sinnliche Anschauen. Derjenige, der ihn erreichen will durch das bloße sinnliche Anschauen, der muß sich über ihn täuschen, der muß irgendeinen Dämon für den Christus halten.

[ 15 ] The reason Paul is understood so trivially today is that people repeatedly fall into the habit of translating what he said into their own language—the language of our materialistic present. He is understood so trivially that one might call a “dreamer” anyone who says the following—which is, however, entirely true—about the content of Paul’s language. Paul perceived it as a great crisis of the world that, as it were, the old, sensory-spiritual perception was fading into twilight, and that a new perception of the spiritual—one to be attained through inner initiative and not coexisting simultaneously with sensory perception—was to emerge, as if in a new realm of light. Paul knew from his supersensible initiatory experience that Christ Jesus has been connected with the earthly development of humanity ever since the Resurrection. But he also knew that, although Christ Jesus walks upon the earth, he can only be found by summoning one’s inner power of vision, not through mere sensory perception. Anyone who seeks to reach him through mere sensory perception must be deceived about him; such a person must mistake some demon for the Christ.

[ 16 ] Das war dasjenige, was Paulus ganz gewiß den dazu Fähigen aus seiner Gemeinde immer wieder beibrachte, daß man nicht mit dem alten Dämonenschauen sich nähern solle dem Christus, daß man da ganz bestimmt ein falsches Wesen für den Christus halten werde. Daher war Paulus bemüht, die Menschen abzubringen von dem Hinblicken auf die Dämonen der Luft und der Erde, die ihnen ganz geläufig sein mußten in älteren Zeiten, weil für deren Anschauen noch atavistische, nunmehr unberechtigte Fähigkeiten zurückgeblieben waren. Dagegen ward Paulus nicht müde, immer wieder und wieder die Menschen zu ermahnen, diejenige Kraft des Inneren zu entwickeln, durch deren Entfaltung ein Verständnis dafür gewonnen werden konnte, daß in die Erdenentwickelung ein ganz neuer Impuls, eine ganz neue Wesenheit hereingezogen sei: Der Christus wird euch wiederkommen, wenn ihr nur den Weg heraus findet aus der bloßen sinnlich-physischen Anschauung der Erde. Der Christus wird euch wiederkommen, denn er ist da. Nur für euch muß er wiederkommen. Da ist er durch das Ereignis von Golgatha; ihr müßt ihn nur finden.

[ 16 ] This was precisely what Paul repeatedly taught those in his congregation who were capable of understanding: that one should not approach Christ through the old practice of demon-gazing, for in doing so one would most certainly mistake a false entity for Christ. Therefore, Paul strove to dissuade people from focusing on the demons of the air and the earth, which must have been quite familiar to them in earlier times, because atavistic—and now unjustified—abilities to perceive them had remained. On the other hand, Paul never tired of exhorting people again and again to develop that inner power through which they could come to understand that a completely new impulse, a completely new being, had entered into the Earth’s evolution: Christ will come to you again, if only you can find your way out of the mere sensory-physical perception of the Earth. Christ will come to you again, for he is here. He must come again only for you. He is here through the event of Golgotha; you need only find him.

[ 17 ] Das ist, was Paulus in seiner Sprache kündete, in einer Sprache, die dazumal ganz anders geistig klang als das, was im Nachklange die Menschen heute übersetzen in dasjenige, was bei ihnen heute beliebt ist, was ganz anders damals klang, als es heute klingt aus den Schriften des Paulus. Das ist, was Paulus immer wieder und wiederum als Überzeugung in den Menschen erwecken wollte. Erwecken wollte er die Überzeugung: Man braucht eine andere Art des Anschauens als diejenige, die genügend ist für die sinnliche Welt, wenn man den Christus verstehen will.

[ 17 ] This is what Paul proclaimed in his own language—a language that, at the time, had a very different spiritual resonance than what people today, in hindsight, translate into what is popular with them now; it sounded quite different back then than it does today when read in Paul’s writings. This is what Paul sought time and again to awaken as a conviction in people. He wanted to awaken the conviction that one needs a different way of seeing than the one sufficient for the sensory world if one is to understand Christ.

[ 18 ] Demgegenüber ist die heutige Menschheit so weit gekommen, zwar noch zu reden von dem Gegensatz einer äußeren sinnenfälligen Wissenschaft und dem Glauben. Der äußeren sinnenfälligen Wissenschaft gestattet die neuere Theologie, kompliziert zu sein, sachlich zu sein, angewiesen darauf zu sein, etwas zu lernen; dem Glauben gestattet sie das nicht. Der soll — wie immer wieder und wieder betont wird an das Kindlichste im Menschen appellieren, an das, wozu man gar nichts zu lernen braucht.

[ 18 ] In contrast, humanity today has progressed to the point where it still speaks of the contrast between external, sensory science and faith. Modern theology allows external, sensory science to be complex, objective, and dependent on learning; it does not allow this of faith. Faith—as is emphasized time and again—is supposed to appeal to the most childlike aspect of human nature, to that which requires no learning at all.

[ 19 ] Damit hat eben jene Anschauung ihren Charakter bekommen, die selbst das Ereignis von Damaskus noch ableugnet als ein solches, das einer Wirklichkeit entspricht, und die das Ereignis von Damaskus nur nehmen will wie etwas, was eine Art Halluzination des Paulus war. Wenn aber das Ereignis von Damaskus eine bloße Halluzination war oder ich kann auch sagen, wenn das Ereignis von Damaskus das war, was bei einer großen Anzahl der modernen 'Theologen das Ereignis von Damaskus sein soll —, dann müßte man auch den Mut haben, zu sagen: So schnell wie möglich weg mit dem Christentum —, denn dann ist der größte Unsinn mit dem Christentum in die Menschheit hereingezogen.

[ 19 ] This is precisely what has shaped the character of that view which denies even the Damascus experience as an event corresponding to reality, and which seeks to regard the Damascus experience merely as a kind of hallucination on the part of Paul. But if the Damascus experience was merely a hallucination—or, I might also say, if the Damascus experience was what a large number of modern ‘theologians’ claim it to be—then one would also have to have the courage to say: “Away with Christianity as quickly as possible”—for then the greatest nonsense associated with Christianity would have found its way into humanity.

[ 20 ] Das ist, was eigentlich gegenüber den neueren theologischen Lehren nötig wäre, wenn die Menschen diese neueren theologischen Lehren noch erstens ernst und zweitens mutig genug nehmen würden; aber sie nehmen sie weder ernst noch mutig. Sie weichen zurück vor der bloßen äußeren sinnlichen Wissenschaft, leugnen den inneren realen Impuls des Ereignisses von Damaskus, halten aber dennoch an dem Christentum fest. Gerade in solchen Dingen drücken sich die inneren, die seelisch-geistigen Schäden unserer Zeit am allerdeutlichsten aus, denn in solchen Dingen zeigt sich die tiefe innere Unwahrheit unserer Zeit. Die Wahrheit müßte sich gestehen: Entweder war das Ereignis von Damaskus eine Realität, etwas, was sich auf eine Realität bezieht, dann hat das Christentum Sinn — oder das Ereignis von Damaskus war dasjenige, was die moderne Theologie sagt, die sich der neueren Wissenschaft fügen will, dann hat das Christentum keinen Sinn. Das ist so wichtig, daß sich die Menschen solche Dinge vor die Seele rückten in dieser unserer Zeit, die eigentlich eine Zeit schwerer Prüfung ist. Denn indem die Menschen innerlich vor sich selber unwahrhaftig geworden sind in bezug auf ihre heiligsten Angelegenheiten, indem sie unwahrhaftig geworden sind in dem Sinne, daß sie das nicht mehr Christentum nennen dürften, was sie so nennen, hat die Neigung, die oftmals unbewußte, aber darum nicht minder verderbliche Neigung zur Unwahrheit die Menschheit eben ergriffen. Und deshalb ist diese Neigung zur Unwahrheit da. Deshalb ist diese Neigung zur Unwahrheit so innerlich verknüpft mit den Ereignissen, die nunmehr zur völligen Dekadenz des europäischen Kulturlebens führen müssen, wenn nicht für dieses europäische Kulturleben noch zur rechten Zeit die Besinnung auftritt, zu einer geistigen Erkenntnis sich hinzuwenden.

[ 20 ] That is what would actually be necessary in the face of the newer theological teachings—if people would, first of all, take these newer theological teachings seriously and, second, be courageous enough to do so; but they do neither take them seriously nor act courageously. They shy away from mere external, sensory knowledge, deny the inner, real impulse of the Damascus experience, yet still cling to Christianity. It is precisely in such matters that the inner, soul-spiritual ills of our time are expressed most clearly, for in such matters the deep inner untruth of our time is revealed. The truth must be acknowledged: Either the Damascus experience was a reality—something that refers to a reality—in which case Christianity has meaning; or the Damascus experience was what modern theology claims it to be—one that seeks to conform to modern science—in which case Christianity has no meaning. This is so important that people should bring such matters to the forefront of their souls in our time, which is, in fact, a time of severe trial. For insofar as people have become untruthful to themselves inwardly regarding their most sacred matters—insofar as they have become untruthful in the sense that what they call Christianity should no longer be called that—the tendency toward untruth, often unconscious but no less pernicious for that, has taken hold of humanity. And that is why this tendency toward untruth exists. That is why this tendency toward untruth is so intrinsically linked to the events that must now lead to the complete decadence of European cultural life, unless this European cultural life comes to its senses in time and turns toward spiritual insight.

[ 21 ] Sich hinzuwenden zu einer geistigen Erkenntnis, dazu genügt nun wahrhaftig nicht, in dieser Zeit der schweren Prüfungen im Kleinen stehenzubleiben, sondern dazu genügt nur, wirklich die Dinge in ihren Tiefen zu nehmen und an die Notwendigkeit großer Umwandelungen gerade in unserer Zeit zu denken. Immer wieder und wiederum muß betont werden: Was ist denn im Grunde genommen heute ein solches Fest wie das Osterfest für einen großen Teil der Menschheit? Wenn dieses Osterfest für einen großen Teil der Menschheit heranrückt, dann besteht für die Gedanken, die man sich bei diesem Osterfeste im Kreise derjenigen macht, mit denen man es noch zusammen feiern will, dieses, daß man alte Denkgewohnheiten festhält, daß man auch ziemlich in den alten Worten redet, mehr oder weniger automatisch fortredet, daß man dieselben Formeln hersagt, die man herzusagen gewöhnt war durch lange Zeiten. Aber haben wir heute ein Recht, diese alten Formeln herzusagen, da wir in unserem Umkreis überall den Unwillen bemerken, teilzunehmen an der großen, notwendigen Umgestaltung der Zeit? Können wir uns denn mit Recht auf das Paulinische Wort berufen: «Nicht ich, sondern der Christus in mir», wenn wir so wenig geneigt sind, hinzuschauen auf das, was die Menschheit in großes Unglück gebracht hat im Laufe der neuesten Zeit? Muß es nicht zusammenhängen gerade mit dem Osterfeste, sich klarzuwerden über das, was die Menschheit getroffen hat, und über das, was einzig und allein aus der Katastrophe herausführen kann: die übersinnliche Erkenntnis? Wenn das Osterfest, das ja in seiner Bedeutung ruht auf der übersinnlichen Erkenntnis — denn nimmermehr kann dasjenige, was das Osterfest bedeutet, die Auferstehung des Christus Jesus, bloß eine sinnliche Erkenntnis bedeuten —, müßte nicht, wenn dieses Österfest ernst genommen würde, die Menschheit darauf bedacht sein, daß Übersinnliches wiederum in die Erkenntnisse des Menschen einziehen muß? Sollte nicht heute der Gedanke auftauchen: Die Verlogenheit der neueren Kultur, sie ist davon gekommen, daß wir selbst über solche Dinge nicht mehr ernst sein konnten, wie dasjenige, was wir als unsere heiligen Feste anerkennen?

[ 21 ] To turn toward spiritual insight, it is truly not enough, in this time of severe trials, to remain stuck in the small things; rather, it is enough only to truly grasp the depths of things and to reflect on the necessity of great transformations, especially in our time. It must be emphasized again and again: What, after all, does a festival such as Easter really mean today for a large part of humanity? As Easter approaches for a large part of humanity, the thoughts that arise during this festival among those with whom one still wishes to celebrate it tend to be these: clinging to old ways of thinking, speaking largely in the old language, continuing more or less automatically, and reciting the same formulas one has been accustomed to reciting for a long time. But do we have the right today to recite these old formulas, when we notice everywhere around us a reluctance to participate in the great, necessary transformation of our times? Can we rightly invoke the words of St. Paul: “Not I, but Christ in me,” when we are so unwilling to look at what has brought great misfortune upon humanity in recent times? Must it not be precisely in connection with the Easter festival that we come to understand clearly what has befallen humanity, and what alone can lead us out of the catastrophe: supersensible knowledge? If the Easter festival—whose significance rests on supersensible knowledge (for what the Easter festival signifies, namely the Resurrection of Christ Jesus, can never be merely a sensory perception)—were taken seriously, should humanity not be mindful that the supersensible must once again find its way into human understanding? Shouldn’t the thought arise today: The hypocrisy of modern culture stems from the fact that we ourselves could no longer take such things seriously—such as what we recognize as our holy festivals?

[ 22 ] Wir feiern das Osterfest, das Auferstehungsfest, und haben längst aufgehört, aus der materialistischen Gesinnung heraus, im Ernste die Auferstehung begreifen zu wollen. Wir machen volle Feindschaft mit der Wahrheit, und wir suchen uns alle möglichen Auswege, um statt der Wahrheit den Weltenspaß hereinzubekommen, den Weltenspaß, denn ein solcher wäre es zu nennen, oder ist es zu nennen — wenn die Menschen das Fest der Auferstehung feiern und der neueren Wissenschaft glauben, die selbstverständlich an eine solche Auferstehung niemals appellieren kann. Materialismus und Osterfest-Feiern, das sind zwei Dinge, die unmöglich zueinander gehören, die unmöglich nebeneinander bestehen sollten. Auch der Materialismus der neueren Theologen verträgt sich nicht mit dem Osterfest heute. Wir leben in der Zeit, in der von einem der angesehensten Theologen Mitteleuropas ein «Wesen des Christentums» geschrieben worden ist, und in der es möglich geworden ist, dieses «Wesen des Christentums» als etwas besonders Hervorragendes zu preisen. Und in diesem «Wesen des Christentums» finden wir durchaus das Bestreben, die wirkliche Auferstehung des Christus Jesus nicht ernst zu nehmen; das gehört zu den Signaturen unserer Zeit. Das aber ist etwas, von dem eine tiefe Empfindung einziehen sollte in die Herzen, in die Gemüter der gegenwärtigen Menschheit. Aber wir kommen aus der Misere nicht heraus, wenn nicht über die Feindschaft, welche die neuere Menschheit gegenüber der Wahrheit einhält, ein richtiges Gefühl entsteht, wenn nicht die Dinge, die schon einmal im Leben eine so große Bedeutung haben, auch wirklich durchschaut werden.

[ 22 ] We celebrate Easter, the Feast of the Resurrection, and have long since stopped trying to seriously understand the Resurrection out of a materialistic mindset. We are in complete opposition to the truth, and we seek every possible way to bring in worldly pleasures instead of the truth—worldly pleasures, for that is what they would be called, or must be called—when people celebrate the Feast of the Resurrection and believe in modern science, which, of course, can never appeal to such a resurrection. Materialism and Easter celebrations—these are two things that cannot possibly belong together, that should not possibly coexist. Nor is the materialism of modern theologians compatible with Easter today. We live in an age in which one of Central Europe’s most respected theologians has written about the “essence of Christianity,” and in which it has become possible to extol this “essence of Christianity” as something particularly outstanding. And in this “essence of Christianity” we certainly find the tendency not to take the actual Resurrection of Christ Jesus seriously; this is one of the hallmarks of our time. Yet this is something that should stir a deep sense of feeling in the hearts and minds of humanity today. But we will not escape this misery unless a true understanding arises regarding the hostility that modern humanity harbors toward the truth, and unless the things that once held such great significance in life are truly understood.

[ 23 ] Es ist notwendig, daß diejenige Tendenz, welche in der fünften nachatlantischen Zeit heraufgekommen ist, die Tendenz nach einer begreifbaren, dem menschlichen Urteilsvermögen angemessenen wissenschaftlichen Erkenntnis, auch einziehe in die Erkenntnis der übersinnlichen Welt. Denn zu den Ereignissen, die durchaus in der übersinnlichen Welt liegen, gehört das Ereignis von Golgatha. Zu den Ereignissen, die nur verstanden werden können durch übersinnliche Vorstellungen, gehört das Ereignis von Damaskus, wie es Paulus erlebt hat. Von dem Verständnis dieser Ereignisse hängt es ab, ob man in Wahrheit von dem Christus-Impuls etwas fühlen kann, oder ob man von dem Christus-Impuls nichts fühlen kann. Geradezu eine Probe sollte sich der Mensch der Gegenwart auferlegen, indem er sich frägt: Wie stehe ich in derjenigen Zeit, die man auf das «Osterfest» getauft hat, wie stehe ich zu dem, was übersinnliche Erkenntnisse sind? — Denn das Osterfest soll schon seiner Zeitfestsetzung nach erinnern an das Aufblicken des Menschen vom Irdischen zu dem Außerirdischen. In bezug auf den Ausblick in das Außerirdische hat ja der Mensch der Gegenwart nichts anderes sich reserviert als höchstens die Mathematik, die Mechanik, oder in der neueren Zeit noch die Spektralanalyse. Das sind die Grundlagen, durch die er sich Erkenntnisse über das Außerirdische verschaffen will. Er hat keine Empfindung mehr dafür, daß er verbunden ist mit diesem Außerirdischen, und daß aus diesem Außerirdischen der Christus hergekommen ist und eingezogen ist in die Persönlichkeit des Jesus.

[ 23 ] It is necessary that the trend which emerged in the fifth post-Atlantean epoch—the trend toward scientific knowledge that is comprehensible and commensurate with human judgment—also extend to the knowledge of the supersensible world. For among the events that lie entirely within the supersensible world is the event of Golgotha. Among the events that can only be understood through supersensible concepts is the event at Damascus, as experienced by Paul. Whether one can truly sense something of the Christ impulse, or whether one cannot sense anything of it at all, depends on one’s understanding of these events. People today should set themselves a test, so to speak, by asking themselves: How do I stand, during the time that has been christened “Easter,” toward what constitutes supersensible knowledge? — For the Easter festival, by virtue of its timing alone, is meant to remind us of humanity’s gaze lifting from the earthly to the extraterrestrial. With regard to this gaze toward the extraterrestrial, modern humanity has reserved for itself nothing more than, at most, mathematics, mechanics, or, in more recent times, spectral analysis. These are the foundations through which they seek to gain knowledge of the non-earthly realm. They no longer have any sense of being connected to this non-earthly realm, nor of the fact that Christ came from this non-earthly realm and entered into the personality of Jesus.

[ 24 ] Nehmen Sie die hier einschlägigen Gedanken nur geradezu ernst. Ich habe Sie öfter aufmerksam gemacht, wie feingeistige Naturen, wie Herman Grimm, die zwar heute variierte, aber doch im wesentlichen noch immer herrschend gebliebene Kant-Laplacesche Theorie nennen. Aus einem Urnebel hervorgegangen dieses Sonnensystem; im Laufe der Umwandelungen des Urnebels und seiner Verdichtungen Pflanzen, Tiere und auch der Mensch entstanden! Und weitergehend: die Erde einmal, nachdem alles auf ihr das Grab gefunden hat und nichts mehr tönt in das Weltenall heraus von dem, was die Leute sich phantasiert haben an Idealen, an Kulturgebilden, die Erde hineinfallend wie eine Schlacke in die Sonne, dann auch in einer noch späteren Zeit die Sonne versprühend im All, nicht nur begrabend, sondern vernichtend all das, was von den Menschen getan wird — es ist eine Anschauung von der Weltenordnung, wie sie nicht anders hat entstehen können in einer Zeit, in der man bloß mit den mathematischen, mechanischen Erkenntnissen das Außerirdische begreifen will. Aus einer Welt, in die man nur hinein rechnet, oder in der man die Eigenschaften der Sonne mit dem Spektroskop untersucht, in einer solchen Welt ist allerdings der Ort nicht zu suchen, aus dem der Christus heruntergekommen sein sollte, um sich mit dem Erdenleben zu verbinden! Ein gewisser Teil der Menschheit zieht es ja heute vor, weil er nicht zurechtkommt mit seinen Gedanken, lieber sich gar nicht damit zu beschäftigen, sondern fortzureden mit denjenigen Worten, die man gelernt hat aus den Evangelien, aus den Paulusbriefen, nachzuplappern, was man da gelernt hat, nicht nachzudenken, ob sich das verträgt mit dem, was man sonst als Anschauung gewinnt über die Entwickelung der Erde und der Menschheit. Aber eben darin besteht die tiefe innere Unwahrheit unserer Zeit, daß man sich herumdrückt um das wirklich nebeneinander zu Denkende, notwendig nebeneinander zu Denkende. Einen Nebel will man sich vormachen, damit man das Zusammengehörige nicht zusammen zu denken braucht. Einen Nebel macht man sich deshalb schon auch vor, wenn man Feste feiert, wenn man vom Osterfeste spricht, vom Feste der Auferstehung, und eigentlich weit davon entfernt ist, sich einen Begriff von dieser Auferstehung zu machen, der ja heute nur mit geistig-übersinnlicher Erkenntnis gemacht werden kann.

[ 24 ] Take the ideas presented here very seriously. I have often drawn your attention to how refined minds, such as Herman Grimm, refer to the Kant-Laplacean theory—which, though modified today, remains essentially dominant. This solar system emerged from a primordial nebula; in the course of the nebula’s transformations and condensations, plants, animals, and even humans came into being! And going further: the Earth, once everything on it has found its grave and nothing more resounds out into the cosmos of what people have imagined as ideals and cultural creations—the Earth falling into the Sun like slag, and then, in an even later age, the Sun scattering itself throughout the cosmos—not merely burying, but annihilating all that humanity has created—this is a conception of the cosmic order that could not have arisen any other way in an age when people seek to comprehend the extraterrestrial realm solely through mathematical and mechanical knowledge. In a world where one merely calculates one’s way into things, or where one examines the properties of the sun with a spectroscope—in such a world, indeed, one cannot find the place from which Christ is said to have descended to connect with earthly life! A certain segment of humanity today, unable to make sense of its own thoughts, they would rather not engage with them at all, but to keep repeating the words they have learned from the Gospels and the Epistles of Paul—to parrot what they have learned there—without considering whether this is compatible with the insights they otherwise gain regarding the evolution of the Earth and humanity. But this is precisely where the deep inner untruth of our time lies: in the fact that people evade what really must be considered side by side—what must necessarily be considered side by side. They want to create a fog for themselves so that they do not have to think about these interconnected things together. People create this fog for themselves even when they celebrate festivals, when they speak of Easter, the festival of the Resurrection, while in reality they are far from forming a concept of this Resurrection, which today can only be grasped through spiritual-super-sensory knowledge.

[ 25 ] Es ist schon einzig und allein möglich für den Menschen der Gegenwart, noch eine Empfindung mit dem Osterfest zu verbinden, wenn er daran denkt, wie auch in unserer Zeit in der Tat eine Weltenkatastrophe gekommen ist, womit ich nicht nur die Weltenkatastrophe meine, die sich ereignet hat in den letzten Kriegsjahren, sondern worunter ich verstehe jene Weltenkatastrophe, die darin besteht, daß die Menschen verloren haben Vorstellungen über den Zusammenhang des Irdischen mit dem Außerirdischen. Es ist schon notwendig, daß die Menschen der Gegenwart sich eine Klarheit darüber, ein Bewußtsein davon verschaffen, daß auferstehen muß aus diesem Grabe des materialistischen Anschauens die übersinnliche Erkenntnis. Denn mit der übersinnlichen Erkenntnis wird die Erkenntnis des Christus Jesus aus diesem Grabe auferstehen. Im Grunde genommen hat man heute kein anderes Symbolum, das treffend ist für das Osterfest, als dieses: Des Menschen ganzes Seelenschicksal ist gekreuzigt in der materialistischen Weltanschauung. Aber der Mensch selber, die Menschheit muß etwas tun, damit aus dem Grabe des Materialismus auferstehe dasjenige, was aus der übersinnlichen Erkenntnis kommen kann.

[ 25 ] It is only possible for people today to associate one more feeling with the Easter festival when they reflect on how, indeed, a global catastrophe has come about in our time as well—by which I do not mean only the global catastrophe that occurred during the final years of the war, but rather that global catastrophe which consists in the fact that people have lost their conceptions of the connection between the earthly and the otherworldly. It is indeed necessary for people today to gain clarity and awareness of the fact that supersensible knowledge must rise from this grave of materialistic outlook. For with supersensible knowledge, the knowledge of Christ Jesus will rise from this grave. Essentially, there is no other symbol today that is more fitting for the Easter festival than this: the entire destiny of the human soul is crucified within the materialistic worldview. But human beings themselves—humanity—must do something so that what can arise from supersensible knowledge may rise from the grave of materialism.

[ 26 ] Dieses Streben nach der übersinnlichen Erkenntnis ist selbst etwas Österliches; es ist etwas, was, wenn es empfunden wird, den Menschen wiederum ein Recht gibt, so etwas zu feiern, wie es das Osterfest ist. Wenn Sie hinschauen auf den Vollmond und ahnen, wie dieser Vollmond in seinen Erscheinungen mit dem Menschen zusammenhängt wie der Widerglanz des Sonnenhaften mit dem Mondhaften selber, so denken Sie daran, daß gesucht werden soll von dieser neueren Menschheit eine Menschheitserkenntnis, eine Menschheitsselbsterkenntnis, durch die der Mensch als ein wirklicher Abglanz des Übersinnlichen erscheint. Erkennt sich der Mensch als ein Abglanz des Übersinnlichen, erkennt sich der Mensch in dem, was er ist, als konstituiert aus dem Übersinnlichen heraus, dann findet er auch den Weg zu dem Übersinnlichen. Es ist im Grunde genommen menschlicher Hochmut, der in der materialistischen Weltanschauung zum Ausdrucke kommt, der sich nur in einer ganz merkwürdigen Weise äußert; menschlicher Hochmut, durch den der Mensch nicht sein will ein Abglanz des GöttlichGeistigen, sondern durch den er sein will bloß das höchste der tierischen Wesen. Da ist er das Höchste. Es handelt sich nur darum, unter was er das Höchste ist! Dieser Hochmut, der führt den Menschen dazu, nun überhaupt nichts mehr anzuerkennen als sich selbst. Es wäre schon, wenn wenigstens die naturwissenschaftliche Weltanschauung bei der Wahrheit bleiben würde, ihre Aufgabe, dem Menschen immer wieder und wiederum einzuprägen: Du bist das höchste derjenigen Wesen, von denen du dir eine Vorstellung machen kannst. — Die Konsequenzen derjenigen Anschauung, die heute richtig «wissenschaftlich» sein will, die sind eigentlich so, daß sie den Menschen erblassen machen müßten; daß sie ihm zeigen würden, aus welchen moralischen Unterlagen sie eigentlich hervorgehen, wenn auch diese moralischen Unterlagen zum großen Teile unbewußt bleiben. Aber wahrhaftig, es ist in unserer Zeit schon die Epoche da, in der in einer besonderen Art der Christus Jesus gekreuzigt, zu Tode gebracht worden ist gerade auf dem Felde der Erkenntnis. Und ehe nicht die Menschen dazu kommen, die gegenwärtige, rein am Sinnlichen klebende Art von Erkenntnis als das Erkenntnisgrab anzusehen, aus dem eine Auferstehung kommen muß, eher wird die Menschheit nicht dazu kommen, sich zu solchen Gefühlen und Empfindungen zu erheben, die österliche sein werden.

[ 26 ] This quest for supersensible knowledge is itself something Easter-like; it is something that, when experienced, gives people the right once again to celebrate an occasion such as Easter. When you look at the full moon and sense how this full moon, in its manifestations, is connected to human beings—just as the reflection of the solar is connected to the lunar itself—remember that this new humanity must seek a knowledge of humanity, a self-knowledge of humanity, through which human beings appear as a true reflection of the supersensible. If human beings recognize themselves as a reflection of the supersensible, if they recognize themselves—in what they are—as constituted from the supersensible, then they will also find the path to the supersensible. It is, in essence, human arrogance that finds expression in the materialistic worldview, though it manifests itself in a most peculiar way; human arrogance through which human beings do not wish to be a reflection of the divine-spiritual, but through which they wish to be merely the highest of all animal beings. There, he is the highest. The only question is, in what respect is he the highest! This arrogance leads human beings to recognize nothing at all anymore except themselves. If only the scientific worldview would at least remain true to the truth, it would be its task to impress upon human beings again and again: You are the highest of those beings that you can conceive of. — The consequences of the worldview that today claims to be truly “scientific” are actually such that they ought to make people pale; they would show them the moral foundations from which it actually springs, even if these moral foundations remain largely unconscious. But truly, the era has already arrived in our time in which, in a particular sense, Jesus Christ has been crucified and put to death precisely in the realm of knowledge. And until people come to regard the present form of knowledge—which clings purely to the sensory—as the tomb of knowledge from which a resurrection must come, humanity will not be able to rise to those feelings and sensations that will be Easter-like.

[ 27 ] Daher sollten wir heute vor allen Dingen uns vor die Seele führen den Gedanken: Überlieferungen von einem Osterfeste, das am ersten Sonntag nach dem Frühjahrsvollmond stattfinden soll, sind da. Ein Recht, ein solches Osterfest zu feiern, haben wir heute, wenn wir Menschen der Gegenwartskultur sind, nicht. Wie gewinnen wir wiederum ein Recht? Man verbinde den Gedanken an den im Grabe liegenden Christus Jesus, an den Christus Jesus, der zur österlichen Zeit überwindet den Grabstein, der auf sein Grab gewälzt ist, man verbinde diesen Gedanken mit dem anderen, daß die menschliche Seele fühlen soll den Grabstein der bloßen äußeren mechanistischen Erkenntnis auf sich, und daß sie streben muß, zu überwinden den Druck dieser Erkenntnis, auf daß ihr werde die Möglichkeit, nicht bloß als ein wahres Glaubensbekenntnis dieses zu haben: Nicht ich, sondern das vollentwickelte Tier in mir —, auf daß sie wieder ein Recht habe, zu sagen: «Nicht ich, sondern der Christus in mir.»

[ 27 ] Therefore, above all else, we should keep this thought in mind today: There are traditions regarding an Easter celebration that is supposed to take place on the first Sunday after the spring full moon. As people of contemporary culture, we do not have the right to celebrate such an Easter today. How, then, do we regain that right? Let us connect the thought of Christ Jesus lying in the tomb—Christ Jesus, who at Easter overcomes the tombstone rolled over his grave— let us connect this thought with the other: that the human soul should feel the tombstone of mere external, mechanistic knowledge weighing upon it, and that it must strive to overcome the pressure of this knowledge, so that it may have the possibility not merely to make this a true profession of faith: “Not I, but the fully developed animal within me”—so that it may once again have the right to say: “Not I, but the Christ within me.”

[ 28 ] Es wird erzählt, daß — in England soll es wohl gewesen sein — ein naturwissenschaftlich gebildeter Gelehrter gesagt hat, ihm sei es lieber, vorzustellen, daß er sich als Mensch nach und nach vom Affenhaften heraufgearbeitet habe durch eigene Kraft zu seiner jetzigen Höhe, als daß er als Mensch sollte so heruntergekommen sein von einer einstmals «göttlichen» Höhe, wie eben heruntergekommen schien sein Gegner, der eben nicht an die bloß naturwissenschaftlichen Vorstellungen glauben konnte. Nun, gerade solche Dinge weisen eben darauf hin, wie sehr es notwendig ist, den Weg zu finden von dem Bekenntnis: Nicht ich, sondern das vollentwickelte Tier in mir —, zu dem anderen: «Nicht ich, sondern der Christus in mir.» Dieses Pauluswort zu verstehen, das sollte gesucht werden. Dann erst wird es wiederum möglich sein, daß eine wahrhaftige Osterbotschaft aus den Tiefen unserer Seelen herauf in unser Bewußtsein einzieht.

[ 28 ] It is said that—presumably in England—a scholar well-versed in the natural sciences remarked that he would rather imagine that, as a human being, he had gradually worked his way up from an ape-like state through his own efforts to his present height, than that he, as a human being, should have fallen so far from a once “divine” height—just as his opponent, who could not bring himself to believe in purely scientific concepts, seemed to have fallen. Well, it is precisely such things that point to how necessary it is to find the path from the confession, “Not I, but the fully developed animal within me,” to the other: “Not I, but the Christ within me.” We should strive to understand this saying of Paul. Only then will it once again be possible for a true Easter message to rise from the depths of our souls into our consciousness.