Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Heilfaktoren für den sozialen Organismus
GA 198

3 Juni 1920, Dornach

Siebenter Vortrag

[ 1 ] Ich habe heute vor, in den Betrachtungen, die letzten Sonntag hier begonnen worden sind, fortzufahren, und zwar möchte ich zunächst noch einmal zurückkommen auf die paar Worte, die ich gesagt habe am letzten Sonntag über den Antimodernisteneid. Ich habe das Wesen dieses Antimodernisteneides ja dahin charakterisiert, daß seit jener Zeit ein jeder, der im römisch-katholischen Kirchenlehramt tätig ist, sei es als I'heologe, sei es als Kanzelredner, diesen Eid zu schwören hat, diesen Eid, der im wesentlichen besagt, daß nicht abweichen dürfe derjenige, der innerhalb des katholischen Lehramtes steht, von demjenigen, was durch das Lehramt der römisch-katholischen Kirche als die Wahrheit dogmatisch anerkannt ist, das heißt aber im wesentlichen, was anerkannt ist durch die römische Kurie.

[ 2 ] Nun handelt es sich darum, daß gegenüber einer solchen Tatsache die Frage aufgeworfen werden muß: Was ist denn eigentlich neu an diesem Antimodernisteneid? Neu ist nicht das Bekenntnis des katholischen Kanzelredners oder des Theologen zu dem, was Lehrgut der römisch-katholischen Kirche ist — dies bitte ich Sie zunächst ins Auge zu fassen —, sondern neu ist, daß die Betreffenden zu schwören haben, daß sie einen Eid abzulegen haben auf dasjenige, was eben Lehrgut der katholischen Kirche ist. Dies bitte ich Sie zunächst ins Auge zu fassen und es zusammenzubringen mit dem anderen, daß eine gewaltige Steigerung weltgeschichtlich wirksamer Tatsachen innerhalb der römischkatholischen Kirche in etwas mehr als einem halben Jahrhundert vorliegt. Die Sache hat begonnen mit den Erklärungen des Dogmas der Conceptio immaculata, und sie fand dann außerordentlich subtil und geistvoll eine weitere Steigerung in der Enzyklika und in dem Syllabus der sechziger Jahre, in denen durch Pius IX. alles moderne Denken in achtzig Artikeln als häretisch erklärt worden ist. Eine weitere bedeutsame Steigerung, wiederum außerordentlich geistvoll und historisch konsequent, lag dann in der Erklärung des Infallibilitätsdogmas, in der Erklärung des Unfehlbarkeitsdogmas. Der nächste innerlich außerordentlich konsequente Schritt war die Enzyklika «Aeterni patris», jene Enzyklika, welche die Lehre des Thomas von Aquino als die offizielle Lehre der römisch-katholischen Geistlichkeit erklärte. Und die vorläufige Krönung des ganzen Gebäudes ist der Antimodernisteneid, der ja im wesentlichen nichts anderes ist als eine Übertragung desjenigen, was intellektuell immer da war, in die Emotionssphäre des Menschen, in die Willens- und Gemütssphäre des Menschen. Was immer anerkannt werden mußte, das muß seit dem Jahre 1910 auch noch beschworen werden.

[ 3 ] Wer diese grandiose dramatische Entwickelung versteht, der wird sie wahrhaftig nicht als irgend etwas Geringes anschlagen, denn sie stellt gewissermaßen von einer gewissen Seite her das einzige Wachsein dar innerhalb unserer schlafenden Kultur. Denn, sehen Sie, ich möchte wahrhaftig abzählen können, wieviel Leute wie von einer Viper gestochen aufgefahren sind, als sie einen gewissen Satz im letzten «Basler Vorwärts» gelesen haben, einen Satz, der wie blitzartig die ganze Situation der Gegenwart beleuchtet. Aber ich möchte wissen, wieviele Leute bei diesem Satze, wie von einer Viper gestochen, aufgefahren sind. Der Satz heißt: «Die Religion, die einen phantastischen Reflex in den Köpfen der Menschen über ihre Beziehungen untereinander und zur Natur darstellt, ist dem natürlichen Untergang geweiht durch das Anwachsen und den Sieg der wissenschaftlichen, klaren, naturalistischen Auffassung von der Wirklichkeit, die sich parallel mit dem planmäßigen Aufbau der neuen Gesellschaft entwickeln wird.» Dieser Satz findet sich in einem Leitartikel, in einer Abhandlung, die noch nicht ganz erschienen ist, über die Maßnahmen von Lenin und Trotzkij gegenüber der russischen katholischen Kirche, den russischen religiösen Gemeinschaften überhaupt. Und zu gleicher Zeit ist dieser Artikel programmatisch für dasjenige, was von dieser Seite als Zukunftsziel angesehen wird.

[ 4 ] Ich möchte die Tatsache, daß man ganz gewiß wissen kann, daß diejenigen, die als Nichtleninisten einen solchen Satz lesen, nur zum geringsten Teile über den Satz so hinüberlesen, daß sie heute wie von einer Viper gestochen auffahren, als nicht unbedeutend bezeichnen, weil sie gerade zur Anschauung bringt, wie sehr die heutige Menschheit über die wichtigsten Tatsachen, die entscheidend sind für das Leben der Menschheit auf der Erde, überhaupt schlafend hinweggeht. Natürlich kommt es nicht auf einen solchen einzelnen Satz an, sondern es kommt darauf an, daß ja heute diejenige Seite, die ihn hier einmal wieder ausspricht, den Inhalt dieses Satzes von den Dächern herab die Spatzen pfeifen läßt. Was in diesem Satze liegt, daß eine Anschauung kommen werde über die weitesten Bevölkerungskreise in Europa, die sich so aussprechen wird: Die Religion, die einen phantastischen Reflex in den Köpfen der Menschen über ihre Beziehungen untereinander und zur Natur darstellt, ist dem natürlichen Untergang geweiht —, daß eine solche Anschauung kommen werde, das verschlief die sogenannte aufgeklärte Menschheit der neueren Zeit vollständig, und verschläft es noch heute. Aber die römisch-katholische Kirche wacht. Die römisch-katholische Kirche ist im Grunde genommen die einzige, die nun wirklich wacht, und die systematisch entgegenarbeiter demjenigen, was da heraufzieht. Sie arbeitet entgegen in ihrem Sinne. Dieser Sinn, der liegt allerdings zunächst uns nahe, zu verstehen, denn ich habe Ihnen ja mancherlei zu erklären gehabt über das, was als Angriffe von jener Seite gegen dasjenige geschmiedet wird, was hier an diesem Orte vertreten werden muß. Mittlerweile hat sich das in mancherlei Wolken zusammengezogen. Das letzte ist, daß uns die Plakargesellschaft ankündigen mußte, daß man heute morgen dem Mann, der das Plakat zu meinem Vortrage über den sonnabendlichen Vortrag in Reinach anschlagen wollte, dieses weggerissen und alle Plakate verbrannt hat. Sie sehen, die Dinge gehen auch hier ganz systematisch weiter.

[ 5 ] Was Sie als eine Summe von lauter Unwahrheiten — ich habe Ihnen die knüppeldicksten das letzte Mal charakterisiert — lesen konnten von einem Menschen, der sich häufig hinter den Sträuchern hält und sich als «Spektator» charakterisiert, das geht bereits durch die ganze katholische Presse, und das Verbrennen der Plakate erinnert wahrhaftig nicht mehr an neuzeitliche Zustände.

[ 6 ] Diese Frage stellte ich an den Ausgangspunkt: Warum muß heute dasjenige beschworen werden, wozu vordem verpflichtet waren die Kleriker der römisch-katholischen Kirche? Niemand wird leugnen, daß eine solche Tatsache, daß man schwören muß, eine Verstärkung bedeutet in dem äußeren Ergreifen einer Sache. Niemand wird auch leugnen, daß, wenn man sich gezwungen sieht, die Leute schwören zu lassen, man voraussetzt, daß sie ohne den Schwur nicht mehr in einer solchen Stärke vorwärtsschreiten würden. Aber noch ein drittes ist allerdings da, wovon am besten wäre, wenn Sie es sich zunächst selber überlegen würden. Denn wahrhaftig, es spielen da Dinge, die vorläufig noch gar nicht beim rechten Namen genannt werden sollten. Aber die Frage dürfte doch gewissermaßen als eine Unterfrage aufgeworfen werden: Muß denn das Vertrauen in eine Sache nicht schon etwas erschüttert sein, wenn ein Eid für diese Sache gefordert wird? Kann es denn im Grunde genommen eine Möglichkeit geben, daß man jemandem einen Eid für die Wahrheit abnimmt? Kann es eine solche Möglichkeit geben? Ist es denn nicht notwendig, anzunehmen, daß dasjenige, was wahr ist, durch seine eigene Kraft sich in der Seele des Menschen verbürgt? Es ist vielleicht nicht einmal so wichtig, zu fragen, ob jener Eid sittlich oder ob er gut ist, oder ob er nützlich ist, sondern es ist vielleicht das historisch Wichtigere, zu fragen, ob dieser Eid und warum er notwendig geworden ist. Ihm gegenüber ist aber gewiß etwas anderes notwendig. Notwendig ist, daß eine gewisse Anzahl von Menschen fühlt, wie ohne Geisteswissenschaft über Europa unbedingt kommen muß das Ergebnis der Gesinnung, die sich eben ausspricht in den Worten: «Die Religion, die einen phantastischen Reflex in den Köpfen der Menschen über ihre Beziehungen untereinander und zur Natur darstellt, ist dem natürlichen Untergang geweiht durch das Anwachsen und den Sieg der wissenschaftlichen, klaren, naturalistischen Auffassung von der Wirklichkeit, die sich parallel mit dem planmäßigen Aufbau der neuen Gesellschaft entwickeln wird.» Was wird da als dasjenige hingestellt, wodurch die alte Religion, welche immer, dem Untergang geweiht ist? Nun, es ist dasjenige, was seit drei bis vier Jahrhunderten als die neue, aufklärerische Wissenschaft, als die sogenannte objektive Wissenschaft in den Lehranstalten der zivilisierten Menschheit gelehrt wird. Was gelehrt wird, was verwaltet wurde von den bürgerlichen, führenden Menschen, das hat das Proletariat der zivilisierten Menschheit als Überzeugung übernommen. Was die Lehrer der Universitäten, der Gymnasien bis in die Volksschulen herunter in die Seelen der Menschen hineingetragen haben, das geht durch Lenin und Trotzkij auf. Und nichts anderes ist es, was da aufgeht, als dasjenige, was in den Anstalten der zivilisierten Menschheit gelehrt wird.

[ 7 ] Heute gibt es eine Antithese, der man mit unbefangenem Sinn ins Auge schauen sollte. Diese Antithese ist diese: Was ist zunächst zu tun, wenn man will, daß die Früchte von Lenin und Trotzkij nicht über die ganze zivilisierte Menschheit aufgehen? Das ist zu tun, daß man die Kinder nicht mehr lehren läßt, die Jugend nicht mehr lehren läßt, was bis in das 20. Jahrhundert von unseren Hoch-, Mittel- und Volksschulen die Jugend gelehrt worden ist. Diese Antithese gilt. Diese Antithese fordert heraus Mut. Weil man diesen Mut nicht haben will, schläft man. Das ist dasjenige, warum man sagen muß: Wer eine solche Manifestation, wenn sie einem auch nur in ein paar Zeilen eines Leitartikels entgegentritt, liest, sollte, wie von einer Viper gestochen, aufzucken, denn es ist, wie wenn die ganze Kultursituation der Gegenwart vom Blitze beleuchtet würde.

[ 8 ] Was will dieser Situation gegenüber die Geisteswissenschaft mit allen ihren konkretesten Einzelheiten? Nun, wenn ich das charakterisieren soll, was die Geisteswissenschaft will, so muß ich folgendes sagen: Die römisch-katholische Kirche vertritt als eine grandiose Körperschaft dasjenige, was der vertrocknete Ausläufer der Zivilisation der vierten nachatlantischen Zeit war. Streng nachweisbar in allen Einzelheiten ist, daß die römisch-katholische Kirche den lerzten Ausläufer desjenigen vertritt, was schon zum Schatten sogar geworden ist desjenigen, was berechtigte Zivilisation der vierten nachatlantischen Zeit war, berechtigt war bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts herein. Selbstverständlich kündigen sich spätere Früchte der Menschheitsentwickelung früher an, reichen frühere Sprossen noch in eine spätere Zeit hinein; aber im wesentlichen ist es so, daß die römisch-katholische Kirche dasjenige vertritt, was bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts für Europa und seine Kolonien zu vertreten war.

[ 9 ] Geisteswissenschaft, wie wir sie auffassen, soll dasjenige erfassen, was nun notwendig ist als fünfte nachatlantische Kultur. Die römisch-katholische Kirche vertritt in einer Summe von Dogmen als ein geschlossenes Gebäude, das zwar erstorben ist, das aber noch ein Leichnam ist, etwas, was innerlich in einer wohlgefügten Logik zusammenhängt, in einer Wirklichkeitslogik zusammenhängt. Und enthalten ist in diesem Gebäude der Geist einer vergangenen Epoche; aber der Geist ist darinnen. Wie der Geist darinnen ist, das hat sich, denke ich, gezeigt durch die Vorträge, die ich hier über den Thomismus gehalten habe. Geist war in jenen Lehren, in den Dogmen der römisch-katholischen Kirche, Geist, der erschaut worden war von jenen Großen, deren letzte Nachzügler in Plotin, in Porphyrios, Jamblichos und so weiter erschienen, und mit denen noch als, ich möchte sagen, in einer interessanten Art Augustinus kämpft, ringt.

[ 10 ] Was als Philosophie, als Wissenschaft, als öffentliche Meinung, als Weltanschauung zum großen Teile sich der modernen Zivilisation geoffenbart hat seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, abgesehen von der römisch-katholischen Kirche, ist geistlos. Denn es beginnt der Geist der fünften nachatlantischen Zeit erst mit solchen Prinzipien, wie sie bei Lessing und Goethe aufkommen. Denn es will dasjenige, was die naturwissenschaftliche Richtung — von Kopernikus, Galilei und Kepler angefangen — geistlos liefern konnte, woraus Darwin, Huxley und so weiter den Geist völlig ausgeblasen haben, es will das mit Geist erfüllt sein. Und Geisteswissenschaft will den Geist zur Offenbarung bringen, welcher der Geist sein muß der fünften nachatlantischen Periode.

[ 11 ] Eine Institution, die von einem gewissen Geist als ihrer Seele durchtränkt war, kann als Institution, wenn sie sich erhält, nur für das Vergangene kämpfen. Von der katholischen Kirche zu verlangen, daß sie für das Zukünftige kämpft, wäre eine Torheit. Denn nicht kann dieselbe Institution den Geist der fünften nachatlantischen Periode tragen, welche den der vierten getragen hat. Dasjenige, was die Konfiguration der katholischen Kirche geworden ist, was sich ausgebreitet hat über die zivilisierte Welt als die Konfiguration der katholischen Kirche — und viel mehr als die Menschen glauben, war von dieser Konfiguration der katholischen Kirche durch die ganze Zivilisation hindurch vorhanden; die Monarchien waren durchaus im Grunde genommen, auch wenn sie protestantisch waren, ihrem Gefüge nach lateinisch-katholische Einrichtungen —, alles dasjenige, was da sich verbreitet hat über die Welt, was, ich möchte sagen, seine andere Art der Erscheinung in dem römischen Recht und in der ganzen lateinischen Abstraktion hat, das gehört der vierten nachatlantischen Periode an. Das fordert, daß die Menschen nach abstrakten Grundsätzen organisiert sind, und daß gewisse hierarchische Anordnungen dieser Organisation zugrunde liegen. Dasjenige, was als der Geist, wie wir ihn durch die Geisteswissenschaft pflegen, der fünften nachatlantischen Zeit kommen soll, das fordert nicht eine solche festgefügte, nach abstrakten Grundsätzen organisierte Struktur, sondern das fordert ein solches Verhalten der Menschen zueinander, wie es als ethischer Individualismus in meiner «Philosophie der Freiheit» charakterisiert ist. Was da als die ethische Seite auftritt, steht in demselben Gegensatz zu der sozialen Struktur, der von der römisch-katholischen Kirche geforderten sozialen Ordnung, wie schließlich Geisteswissenschaft steht zu demjenigen, was römischkatholische Theologie ist.

[ 12 ] Geisteswissenschaft war wahrhaftig nicht dazu veranlagt, als irgendeine Streitmacht aufzutreten. Sie war ja nur dazu veranlagt, dasjenige zu sagen, was sich ihr als die Wahrheit kundgab. Und derjenige, der verfolgen will alles das, was wir getrieben haben, der wird sich sagen müssen: Niemals, aber auch gar niemals ist, wenigstens von mir aus, irgend etwas Aggressives erfolgt. — Stets mußte nur die Defensive aufgenommen werden gegen Angriffe, die von außen kamen, und das ist das Wesentliche, worauf es heute ankommt. Daß aber dasjenige, was Geisteswissenschaft kundgeben soll, daß das tatsächlich gesagt werden muß, das ist einfach selbstverständlich eine Forderung der Zeit. Aber man muß nur bedenken, daß allerdings die moderne Zivilisation schläft, und Rom wacht. Und daß Rom wacht, das zeigt die großartige Dramatik, welche in den Tatsachen liegt: Festlegung des Dogmas der Conceptio immaculata, Erscheinen der Enzyklika 1864 mit dem Syllabus, mit der Verdammung der achtzig modernen Wahrheiten, Erklärung der Infallibilität, Erklärung des Thomas von Aquino zum offiziellen Philosophen des katholischen Klerus und für das katholische Lehramt, Antimodernisteneid.

[ 13 ] Bedenken Sie, gegenüber dem heraufziehenden Darwinismus, gegenüber dem heraufziehenden Naturalismus in den fünfziger Jahren wird etwas festgelegt, was allerdings nur verstanden werden kann aus den geistigen Anforderungen des vierten nachatlantischen Zeitraums, aber etwas, was der Fehdehandschuh ist für diesen ganzen heraufziehenden Materialismus. Die ganze übrige Welt läßt den Materialismus kommen und schwätzt höchstens mit Euckenschen Worten dagegen. Rom stellt ein Dogma auf von der Conceptio immaculata, welches genau sagt: Selbstverständlich kann niemand die Conceptio immaculata annehmen, der sich zum Darwinismus schlägt. Also, wir richten eine reinliche Scheidewand auf. — Es vergeht nicht mehr als ein Jahrzehnt: dasjenige, was heraufkommt, allerdings zunächst als geistlose Gestalt der neuen Weltanschauung, es wird durch den Syllabus verdammt. Schon die Aufstellung des Dogmas von der Conceptio immaculata brach mit allen Traditionen der früheren katholischen Kirchenentwickelung. Worin bestand denn die Aufstellung eines Dogmas von einem Konzil in früheren Zeiten innerhalb der römisch-katholischen Kirche? Eine primäre Grundbedingung für die Aufstellung eines Dogmas war diese — ich erzähle, ich kritisiere gar nicht —, daß die betreffenden Väter, die im Konzil versammelt sind, in dem das Dogma zur Aufstellung kommt, vom Heiligen Geiste erleuchtet sind, so daß also eigentlich der Urheber des Dogmas der Heilige Geist ist. Es handelte sich aber darum, zu erkennen für den Menschen, daß der Heilige Geist wirklich der Inspirator des aufzustellenden Dogmas ist. Worinnen erkennt man das, erkannte man das? Das erkannte man dadurch, daß dasjenige, was durch ein Konzil als Dogma aufgestellt werden sollte, schon Meinung der gesamten katholischen Kirche war. Das war die Conceptio immaculata nicht, und es ist prinzipiell mit jenem Grundsatz der katholischen Kirche gebrochen worden, der da verlangte, daß nur das zum Dogma gemacht wurde, wofür sich vorher schon die Gläubigen geneigt gezeigt haben. Allerdings lebte man ja mit den neueren Dogmenaufstellungen schon innerhalb desjenigen, was sich abspielte im fünften nachatlantischen Zeitraume, und es war nicht mehr so leicht wie im alten Mittelalter, die Gläubigen vorzubereiten, so daß sich unter ihnen eine gemeinschaftliche Regelung als Dogma festsetzte, das man dann festlegen konnte.

[ 14 ] Aber nun wurde gut vorbereitet, und die Vorbereitungen, welche gepflogen wurden, damit man die letzten Offenbarungen, die vorläufig letzten Offenbarungen, das, was zunächst losgelassen werden konnte, die liegen wirklich eigentlich schon in dem Verlauf der letzten drei bis vier Jahrhunderte. Auch da hat die römisch-katholische Kirche schon gewacht. Und wenn Sie sich erinnern, wann der Jesuitenorden begründet worden ist, so werden Sie da leicht den Schluß ziehen können, daß die Begründung des Jesuitenordens im wesentlichen zusammenhängt damit, daß man suchte, etwas zu schaffen, was die Schwierigkeiten einer Bearbeitung der Gläubigen in der neueren Zeit leichter überwand und was überhaupt in entsprechender Weise mit diesen Schwierigkeiten rechnen konnte.

[ 15 ] Das sollte mit einiger Aufmerksamkeit gesehen werden, wie die Dinge denn eigentlich verlaufen sind. Ich erzähle, ich kritisiere nicht; aber ich möchte doch erzählen, daß 1574 dasjenige Jahr ist, in dem die Bürgerschaft von Luzern den Jesuitismus selber verlangt hat. Ich möchte doch einmal darauf hinweisen, daß in Freiburg Canisins es war, der unmittelbare Schüler des /gnatius von Loyola, welcher das Jesuitenkollegium in Freiburg 1580 selber eingerichtet hat, das dann seine Kolonie in Solothurn begründet hat. Ich möchte doch auch erzählen, daß nach der Aufhebung des Jesuitenordens durch Clemens XIV. selbstverständlich die Jesuiten auch aus der Schweiz verschwinden mußten, denn sie pflanzten sich nur fort in den Ländern Friedrichs II. von Preußen und der Kaiserin Katharina von Rußland. Denen verdankt der Jesuitenorden seine Kontinuität. Ich habe das neulich schon ererwähnt. Aber in diesem merkwürdigen Interregnum, das da bestand zwischen der Aufhebung des Jesuitenordens durch den Papst Clemens XIV., 1773, und der Wiederherstellung durch Pius VII., 1814, da spielt sich doch mit dem Jesuitenorden etwas sehr Merkwürdiges ab, denn in dieser Zeit war zum Beispiel in Sitten die Anstalt selbstverständlich verblieben, die bis dahin von Jesuiten geleitet war, und es waren auch zum großen Teile dieselben Lehrer geblieben; nur waren diese Lehrer bis 1773 Jesuiten und von 1773 an waren sie keine Jesuiten mehr, sondern man redete dann davon, daß in den betreffenden Lehranstalten die sogenannten «Väter des Glaubens» lehren. Deshalb war es nicht besonders wunderbar, daß 1814 in Brig, 1818 in Freiburg, 1836 in Schwyz, 1844 in Luzern die Jesuitenkolonien wiederum errichtet wurden, nachdem Pius VII. das Dekret Clemens XIV. 1814 aufgehoben hat.

[ 16 ] Diese Dinge obliegt mir nicht zu kritisieren, aber ich möchte sie erzählen. Ich möchte aber noch etwas erzählen. Aus meinen Auseinandersetzungen sehen Sie, daß von dem 21. Juli 1773, wo von Clemens XIV. die Bulle «Dominus ac redemptor noster» erschien, der Jesuitenorden offiziell aufgehoben wurde, bis Pius VII. 1814 durch die Bulle «Sollicitudo omnium» erließ. Nun gibt es etwas sehr Merkwürdiges. Es gibt Denkwürdigkeiten von einem Mann, der Cordara heißt und der Jesuit war, der alles mitgemacht hat, was innerhalb des Jesuitenordens mitgemacht werden kann. Aus seinen «Denkwürdigkeiten» geht hervor, daß er kein bornierter Mann war wie etwa der Hoensbroech, denn das, was der Hoensbroech schreibt, hat keine Bedeutung, ebensowenig wie wenn er darüber redet. Denn natürlich, die Jesuiten sind gescheit, und Hoensbroech außerordentlich töricht. Also es handelt sich nicht darum, daß man heute schläfrig jene Sachen einfach hinnimmt, sondern daß man in der Lage ist, vor allen Dingen heute das Bedeutende von dem Unbedeutenden zu unterscheiden. Ich möchte nur das hervorheben von den «Denkwürdigkeiten» des Cordara, daß er sagt, es sei doch sehr merkwürdig, daß der Jesuitenorden durch den Papst Clemens aufgehoben werden konnte, denn der Papst Clemens hätte die Jesuiten eigentlich sehr gern gehabt, und er wäre eigentlich ein außerordentlich toleranter Mann gewesen, wäre auch kein dummer Mann gewesen. Also dieser Cordara stellt dem Papst Clemens das allerbeste Zeugnis aus. Geradezu Lobeshymnen sind es, die der Jesuit Cordara trotz dem Aufheben des Jesuitenordens Clemens XIV. ausstellt. Daher frägt der Jesuit selbstverständlich, wie es denn möglich war, daß durch diesen gütigen Papst der Jesuitenorden hat aufgehoben werden müssen. Da muß man fragen, sagt Cordara, welche Absichten die göttliche Weisheit mit der Aufhebung des Jesuitenordens gehabt hat, daß er sie zuließ. Nun ist Cordara allerdings ein Jesuit, aber eigentlich ein Mensch, der allerdings vom Jesuitenorden auch das gelernt hat, logisch ordentlich zu denken, und deshalb frägt er nicht bloß abstrakt, sondern sehr konkret. Da sagt er: Wir müssen allerdings suchen, was innerhalb des Jesuitenordens selber da sein könnte, was wir verschuldet haben. — Da sagt er: Ich finde, daß wir allerdings in bezug auf die Moral in einer merkwürdigen Weise zu Werke gegangen sind. Mit Bezug auf alles dasjenige, was zum Beispiel Unkeuschheit oder dergleichen betrifft, ist man bei uns sehr strenge, anderes kann man nicht sagen — sagt Cordara —, aber man ist so lässig gegen alles dasjenige, was betrifft Anschwärzerei, Verleumdungen und Beschimpfungen.—Cordara sagt eben, daß Gott die Aufhebung des Jesuitenordens durch den Papst Clemens XIV. wohl deshalb wird zugelassen haben, weil sich im Jesuitenorden allmählich eingeschlichen hat eine gewisse Sucht, Anschwärzereien, Verleumdungen und Beschimpfungen zu vollziehen. — Ich möchte auch diese Sache nicht kritisieren, sondern sie nur erzählen. Ich möchte nur noch hinzufügen, daß der Jesuit Cordara sagt: Einer unserer Hauptfehler ist auch die Hochfahrigkeit, durch die wir alle anderen Orden für unbedeutend ansehen, für nichtswürdig ansehen, und alle Weltpriester für nichtswürdig ansehen.

[ 17 ] Stellt man also zusammen dasjenige, was in diesen «Denkwürdigkeiten» dem Jesuitenorden nicht als Vorwürfe gemacht wird, sondern als mea culpa, als eine Art Gewissenserforschung von einem Jesuiten, so findet man: Erstens Streben nach politischer Macht; zweitens Stolz, Hochfahrigkeit; drittens Verachtung der anderen Orden und der Weltgeistlichen; viertens Reichtümer anhäufen. Aber wenn man allmählich weiß, was es heißt, durch Macht verdorrte Wahrheiten aufrechtzuerhalten, dann kann man nichts Besseres tun, als das Aufrechterhalten dieser Wahrheiten präparieren zu lassen durch einen solchen Orden. Die römisch-katholische Kirche wußte in Pius VII. sehr gut, was sie tat, als sie die Dankesschuld der Welthistorie abtrug, die eigentlich nur abzutragen war gegenüber dem König von Preußen, Friedrich II. — der war tot — und der Kaiserin Katharina von Rußland — die war auch tot —, daß diese Dankesschuld abgetragen wurde, den Jesuitenorden wiederum aufzurichten. Und unter denjenigen, die hier in der Schweiz als erste, als ausländische, sogenannte ausländische Jesuiten wiederum gelehrt haben, waren viele von den von Katharina aufgepäppelten, die aus Rußland zurückgekommen sind nach der Schweiz. Bitte, lesen Sie alle diese Sachen in den entsprechenden Dokumenten nach.

[ 18 ] Nun handelt es sich darum, daß man also sehen kann, daß gut wachend vorbereitet war das, wovon man voraussah, daß man es brauchen werde; und daß man weiter ging, daß man also alles dasjenige, was da heraufzog, zur rechten Zeit noch bezeichnete, solange es geistlos blieb, nachdem man sich schon vier Jahrhunderte angestrengt hatte, den Geist herauszutreiben, solange die Menschheit außerdem sonst schlafend blieb. Es handelte sich darum, daß man das vollzog, was dann 1864 mit der damaligen Enzyklika und dem Syllabus vollzogen worden ist.

[ 19 ] War schon das Aufstellen des Dogmas von der Conceptio immaculata ein Bruch mit allen Gepflogenheiten der früheren römisch-katholischen Kirche, so war es selbstverständlich noch mehr dasjenige, was aufgestellt wurde mit dem Infallibilitätsdogma. Denn nun hatte man allerdings schon allen Scharfsinn der von der katholischen Kirche wohlgepflegten Logik nötig, um rechtfertigen zu können, daß der Papst unfehlbar ist, nachdem 1773 Clemens XIV. den Jesuitenorden aufgehoben, sein Nachfolger, Pius VII. 1814 ihn wieder eingesetzt hat, Solche Dinge ließen sich eine stattliche Anzahl nachweisen. Aber es handelte sich ja darum, daß man die Logik, die man wohl gepflegt hat, nunmehr verwendete, um Begriffskonturen heraufzubringen. Da handelt es sich darum, daß man eine Begriffskontur heraufbrachte für das, was nun die Unfehlbarkeit rechtfertigen könnte. Das allein gilt als unfehlbar, was der Papst nicht sagt als private Meinung, sondern was er sagt «ex cathedra». Nun hatte man, nicht wahr, nicht die Frage zu entscheiden, ob Clemens XIV., Pius VII, unfehlbar wären, sondern ob Clemens XIV. oder Pius VII. ex cathedra redeten oder privat. Clemens XIV. muß privat gesprochen haben, als er den Jesuitenorden aufhob, und Pius VII. muß ex cathedra gesprochen haben, als er ihn wieder eingesetzt hat, nicht wahr! Aber das Fatale ist, daß der Papst es nie sagt, ob er ex cathedra spricht oder ob er privat spricht. Das hat er noch nie gesagt. Man muß sagen, daß es seine Schwierigkeiten hat, nunmehr die Frage im einzelnen zu unterscheiden, ob nun irgend etwas dem Infallibilitätsdogma unterliegt oder nicht. Aber immerhin, das Infallibilitätsdogma ist da. Damit hatte man einen guten Strich gemacht gegenüber alledem, was heraufkommen kann als die elementare Kultur des fünften nachatlantischen Zeitraums. Jetzt war es aber notwendig, auch die Konsequenzen zu ziehen. Das hat der sehr einsichtige, mit Bezug auf seine Intelligenz grandiose Papst Leo XIII. wohl getan, indem er den Thomismus herübergenommen wissen wollte in der Art, wie der Thomismus eben noch im vierten nachatlantischen Zeitraum war. Man brauchte diejenige Philosophie, die grandios ist, aber grandios ist für den vorigen Zeitraum. Denn selbstverständlich ist es objektiv so, daß alles das, was hinterher als Philosophie aufgetreten ist, kleiner ist gegenüber demjenigen, was in der Hochscholastik als Philosophie da war; aber dasjenige, was klein ist, ist eben ein Anfang, und dasjenige, was in der Hochscholastik da war, war eine Vollendung.

[ 20 ] Nun muß man bedenken, daß die Menschheit doch vorwärtsschreiten will, und daher kam es, daß nun wirklich, sei es durch Natur-, sei es durch Geschichtsforschung, unter den katholischen Klerikern ganz merkwürdige Dinge auftauchten. Da war es schon notwendig, um dasjenige, was vom Augustinismus im katholischen Klerus ist, aufrechtzuerhalten, starke Maßregeln zu ergreifen. Daher der Antimodernisteneid.

[ 21 ] Gegen alles das läßt sich ja nichts sagen, wenn es als freie Impulse irgendeiner Gemeinschaft getrieben wird. Aber wenn nun 1867, als die Jesuiten in München wieder zugelassen worden sind, ein Jesuitenprediger in seiner ersten Predigt gesagt hat, daß die Ordensregeln den Jesuiten verbieten würden, sich in die Politik hineinzumischen, also daß niemals ein Jesuit sich in Politik hineinzumischen habe, so scheint mir doch die moderne Menschheit in ihren breiten Massen nicht recht veranlagt zu sein, das zu glauben, und es wird schon anders sein!

[ 22 ] Dasjenige, um was es sich handelt, ist im Grunde doch dieses: in Wirklichkeit müßten alle diejenigen, die es wirklich mit der Erkenntnis und mit dem Fortschritt, mit der Güte der Menschheit ernst meinen, sich zur Dreigliederung des sozialen Organismus bekennen. Denn wie wenig politische Maßregeln gegen die römisch-katholische Kirche vermögen, das beweist der Verlauf des deutschen sogenannten Kulturkampfes. Aber worum es sich hauptsächlich handelt, das ist, daß es ja so langsam geht mit dem Einsehen desjenigen, was als notwendige Konsequenz geisteswissenschaftlicher Bestrebungen doch in die Welt gehen muß als der Impuls für die Dreigliederung des sozialen Organismus. Das ist es, was wir brauchen, daß ein waches Verständnis für die Erscheinungen der Gegenwart wirklich vorhanden wäre.

[ 23 ] Damit habe ich eben ein Thema angeschnitten, das ich wahrhaftig nicht angeschnitten hätte, wenn nicht all das um uns herum geschähe, was eben geschieht und weiter geschehen wird. Sie wissen, ich werde hier am Sonnabend über das 'Thema öffentlich sprechen: «Die Wahrheit über die Anthroposophie und deren Verteidigung wider die Unwahrheit»; aber ich kann nicht umhin, am Sonntag Ihnen noch einiges als Fortsetzung desjenigen zu sagen, was ich heute nicht mehr zu sagen in der Lage bin, so daß wir uns am Sonntag um halb acht Uhr doch noch einmal hier treffen müssen, trotzdem wir am Montag ja reisen müssen. Es geht aber in dieser bewegten Zeit nicht anders. Sonnabend ist also hier der öffentliche Vortrag — trotz dem Verbrennen der Plakate!