Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Heilfaktoren für den sozialen Organismus
GA 198

6 Juni 1920, Dornach

Achter Vortrag

[ 1 ] Aus allem, was so durch die Vorträge — ich kann fast sagen der Jahre gegangen ist, werden Sie gemerkt haben, daß für die Entwickelung der Menschheit sowohl in geistiger wie auch in sozialer Beziehung immer mehr nötig sein wird, daß innerhalb dieser Menschheit sich dasjenige verbreite, was wir im Sinne unserer Geisteswissenschaft die Ergebnisse der Initiationsforschung nennen. Sie wissen ja, daß man unter Initiation — einen alten Terminus, einen alten Ausdruck gebrauchend verstehen kann das Hineinschauen in die geistige Welt, in diejenige Welt, die von unserer physisch-sinnlichen Welt getrennt ist durch eine Art von Schleier, einen Schleier, der sehr leicht zu Illusionen führen kann. Dem Menschen ist zunächst gegeben die physisch-sinnliche Welt, und er befaßt sich mit dieser physisch-sinnlichen Welt entweder zu dem Zwecke des gewöhnlichen Lebens oder aber auch zu dem Zwecke dessen, was man heute Wissenschaft nennt. Er kombiniert das, was er in der sinnlichen Welt wahrnimmt, durch allerlei Begriffe, Ideen und so weiter. Das alles führt ihn nicht über diese sinnliche Welt hinaus. Man kann sagen, das einzige, wodurch im gewöhnlichen Leben der Mensch etwas über diese sinnliche Welt hinausblickt, ist der Traum. Aber der Traum ist doch so, wie er im gewöhnlichen Leben heute erfahren wird, nur ein schwacher Abklatsch desjenigen, was man Erleben der übersinnlichen Welt nennen kann. Die übersinnliche Welt muß nicht nur mit demselben Grade der Bewußtheit wahrgenommen werden, den man im gewöhnlichen Leben hat, und den man beim Traum nicht hat, sondern sie muß sogar mit einem höheren Grade von Bewußtheit wahrgenommen werden. Man muß gewissermaßen, um die überphysische Welt zu erleben, sein Bewußtsein steigern, zu einem Zustande kommen, der so ist, daß das gewöhnliche Leben, das gewöhnliche Bewußtsein sich dazu verhält wie der Schlaf zu diesem gewöhnlichen Bewußtsein oder wenigstens wie der Traum zu diesem gewöhnlichen Bewußtsein. Es muß also eine Art Erwachen aus dem gewöhnlichen Bewußtsein stattfinden. Daher ist der Traum selbstverständlich nur ein schwacher Abglanz desjenigen, was da erlebt wird. Aber im Grunde genommen unterscheidet sich der Traum von dem gewöhnlichen Denken viel weniger, als man glaubt.

[ 2 ] Wenn Sie die Bilderwelt eines gewöhnlichen Traumes gewahr werden, so ist sie eigentlich ihrem Inhalte nach essentiell dasselbe wie das, was im Denken auch vorliegt, nur daß im Denken der Mensch durch seine Sinne in die Außenwelt tritt und daher dasjenige, was im Traum sich nach bloßen Analogien, nach sehr äußerlichen Zusammenhängen ordnet, sich ordnet beim Anschauen der äußeren Sinneswelt nach dem, was diese Sinneswelt uns sagt. Sie können gewissermaßen einen Beweis für das eben Angeführte darinnen sehen, daß Sie, wenn Sie sich hinsetzen und einmal die Augen schließen, oder überhaupt faul sind, die Gedanken schweifen lassen und dann sich besinnen, wie diese Gedanken da geschweift sind, daß Sie in diesen Gedanken, die Sie hinterher sich vor die Seele rufen, kaum viel anderen Zusammenhang finden als denjenigen, der auch im Traume stattfindet. Das gewöhnliche, sich selbst überlassene Vorstellen der Menschen ist in gewissem Sinne seiner inneren Gesetzmäßigkeit nach doch eine Art von Traum. Wir werden nur herausgerissen aus dem Träumen durch unsere Sinne. Und sobald wir die Sinne zum Schweigen bringen, träumen wir eigentlich. Diese Traumtätigkeit muß intensiv gemacht werden; sie muß so gemacht werden, daß sie mit einem höheren Bewußtsein durchdrungen wird als demjenigen, das uns unsere Sinne verleihen. Dann entsteht eben das imaginative Bewußtsein, und so stufenweise auch das inspirierte Bewußtsein, von dem ich gestern im hiesigen öffentlichen Vortrage gesagt habe, daß es vom Thomismus auch als eine berechtigte Quelle der Erkenntnis anerkannt wird.

[ 3 ] Wir haben also in der Initiationswissenschaft die Ergebnisse eines solchen gesteigerten Bewußtseinszustandes. Was nun in der gegenwärtigen Entwickelung der Menschheit und in derjenigen der nächsten Zukunft Schwierigkeiten macht, das ist, daß diese Menschheit die Initiationswissenschaft unbedingt gebrauchen wird, daß sie ohne diese nicht wird auskommen können, weil einfach, wenn nur die materialistische Erkenntnis, wie sie sich heraufentwickelt hat im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte, durch die Menschheitsentwickelung weiterströmen würde, nichts anderes herauskommen könnte, als immer wieder und wiederum nur höchstens von kurzen Intervallen durchbrochene Zustände, wie wir sie in dem jetzigen sozialen Chaos der zivilisierten Welt haben. Was die Wissenschaft seit der Mitte des 15. Jahrhunderts den Menschen hat geben können, das reicht zwar aus, um technische Erfindungen zu machen, um die Erde zu überziehen mit einem Verkehrs- und kommerziellen Netz, aber es reicht nicht aus, wirkliche, den heutigen Menschheitsbewußtseinszuständen entsprechende soziale Ordnung zu schaffen. Das ist etwas, was nach und nach wird eingesehen werden müssen. Solange abgelehnt wird von dem, was anerkannte Universitätswissenschaft ist, was anerkannter öffentlicher Unterricht ist, solange abgewiesen wird die Initiationswissenschaft, solange nur anerkannt wird die äußere materialistische Wissenschaft, die heute eine anerkannte ist — so lange wird die Menschheit immer gefaßt sein müssen auf solche chaotische soziale Zustände, wie wir sie jetzt haben.

[ 4 ] Vor solchen chaotischen sozialen Zuständen wird die Menschheit der Zukunft nur retten die Initiationswissenschaft. Diese Initiationswissenschaft wird ja — das habe ich schon öfters erwähnt — vor allen Dingen denjenigen Menschen, an die sie herankommen kann, ein Bewußtsein davon geben, daß dieses Leben hier auf der Erde, das wir durch unsere Geburt antreten, die Fortsetzung eines geistigen Lebens ist, das wir zwischen dem letzten Tode und dieser Geburt in der übersinnlichen Welt durchgemacht haben. Sie wissen, daß von den gegenwärtigen Bekenntnissen der zivilisierten Welt von diesem geistigen Leben, das unserer Geburt, oder sagen wir unserer Empfängnis, vorangeht, gar nicht gesprochen wird. Es wird aus einem ganz bestimmten Grunde nicht gesprochen. Warum wird nicht gesprochen von einem Leben vor der Geburt? Es wird deshalb nicht gesprochen, weil in einem gewissen Zeitpunkte, der zusammenfällt mit der griechischen Entwickelung zwischen Plato und Aristoteles, weil in dieser Zeit der Menschheit das Bewußtsein verlorengegangen ist von diesem vorgeburtlichen geistigen Leben. Plato spricht ja deutlich davon. Aristoteles aber hat schon in einer ganz energischen Weise die Theorie verfochten, daß jedesmal, wenn ein Mensch geboren wird, er eine ganz neue Seele mit seinem physischen Leib vereinigt bekommt. Es entsteht gewissermaßen für jeden physisch zu gebärenden Menschen eine neue Seele; das ist aristotelische Lehre. Es beginnt also das eigentliche Seelische, auch das höchste seelische Leben, nach dem Aristoteles mit des Menschen Geburt.

[ 5 ] Wenn man eine solche Anschauung hat, so kann man auch nicht anders, als selbstverständlich sagen, daß dasjenige Leben, welches mit dem Tode beginnt, welches der Mensch dadurch beginnt, daß er seinen physischen Leib abgeworfen hat, und von dem auch Aristoteles spricht, daß dieses Leben fortdauert, daß dieses Leben nicht wiederum zu einem Erdenleben herabsteigt. Denn wenn man nicht von einem vorgeburtlichen Leben spricht, so hat es ja selbstverständlich keine Berechtigung, zu glauben, daß der Mensch nicht ewig zu bleiben habe nach seinem Tode in einer geistigen Welt. Das aber hat schon Aristoteles dazu geführt, außerordentlich schwerwiegende Konsequenzen aus solchen Vorstellungen zu ziehen. So zum Beispiel hat er die Konsequenz gezogen, daß, wenn jemand hier auf der Erde zwischen der Geburt und dem Tode ein Leben geführt hat, welches Böses auf seine Seele geladen hat, er dann für alle Ewigkeit wird zurückschauen können, müssen auf dieses Böse, daß es nicht wiederum ausgelöscht werden kann, nicht wiederum überwunden werden kann. So daß vor Aristoteles die Perspektive stand, daß der Mensch, wenn er gestorben ist, ewig zurückzuschauen hat auf dieses eine Erdenleben, das er zu absolvieren hat. Diese Lehre des Aristoteles ist voll übernommen worden von der katholischen Kirche. Und in der Zeit, in der im Mittelalter die katholische Kirche sich eine Philosophie suchte, welche ihre Theologie tragen kann, da hat sie für das Leben der Seele diese aristotelische Seelenlehre angenommen, und man erkennt heute noch in der Ewigkeit der Höllenstrafe den Nachklang der aristotelischen Lehre.

[ 6 ] Nun, wie kann man sich vorstellen, daß die Menschen, nachdem Jahrtausende diese Lehre von der Entstehung der Seele mit dem Leibe auf sie gewirkt hat, wiederum herauskommen aus dieser Vorstellung, herauskommen zur Wahrheit? Nur dadurch, daß die Menschheit eben eine neue geistige Wissenschaft erhält. Ohne diese Erneuerung der geistigen Wissenschaft wird die Menschheit nicht wiederum ein Bewußtsein bekommen können von der Berechtigung der Annahme eines Lebens vor der Geburt, oder sagen wir vor der Konzeption. Man muß nur bedenken, was es für die ganze Entwickelung der Menschheit bedeutet, nicht zu sprechen von einem vorgeburtlichen Leben. Wenn in den gebräuchlichen Konfessionen nur gepredigt, gelehrt wird von dem nachtodlichen Leben, so weckt man nur die Instinkte der Menschen auf, die sich beziehen auf die egoistische Begierde, mit dem Tode nicht zu erlöschen.

[ 7 ] Es ist schon einmal notwendig, eine recht ausführliche Studie anzustellen unter dem Titel: über die Pflege des menschlichen Egoismus durch die bestehenden Konfessionen. — Man müßte in dieser Studie durchgehen, welche Motive eigentlich ins Feld geführt werden in den Predigten, in den Lehren aller gebräuchlichen Konfessionen. Man würde überall finden, daß auf die egoistischen Instinkte, namentlich auf die Instinkte der Unsterblichkeit nach dem Tode, alles mögliche gebaut wird. Und diese Studie könnte man ausdehnen über eine Betrachtung, die schon über Jahrtausende gilt, und man würde sehen, daß die Konfessionen, indem sie unter aristotelischem Einflusse das Leben vor der Geburt gestrichen haben, in höchstem Maße den Egoismus gepflegt haben. Die Konfessionen als Pflege des innersten egoistischen Instinktes, das ist es, was wert ist, studiert zu werden.

[ 8 ] Der allergrößte Teil der Religiosität der gegenwärtigen zivilisierten Welt rechnet ja eigentlich mit dem Egoismus der Menschen. Man fühlt diesen Egoismus der Menschen ganz besonders aufblitzen in Enunziationen, die ich Ihnen zu Dutzenden zeigen könnte. Immer wieder und wiederum kommt es vor, daß namentlich von pastoraler Seite einem geschrieben wird, die Geisteswissenschaft beschäftige sich mit allen möglichen Erkenntnissen über die übersinnliche Welt. Das brauche man doch gar nicht. Man will nur haben das kindliche Bewußtsein seines Zusammenhanges mit dem Christus Jesus. Bei Pastoren und bei Gläubigen findet man das immer. Dieses kindliche Zusammensein mit dem Christus Jesus, es wird immer betont. Es wird mit einem ungeheuren Hochmut ausgespielt gegen das, was allerdings weniger bequem zu erlangen ist, gegen das Eintreten in die Konkretheiten der geistigen Welt. Und es wird immer wieder gepredigt, es wird immer wieder in dieser Weise der Mensch dahin geführt, daß er im Grunde genommen am christlichsten sein könnte, wenn er am allerwenigsten seine Seelenkräfte anstrengt, wenn er am allerwenigsten sich bemüht, etwas klarer zu denken, was er sein Christus-Bewußtsein nennt. DasChristus-Bewußtsein muß etwas sein, wozu der Mensch durch vollste Kindlichkeit nur gelangt, so sagen die Bequemlinge; und am liebsten ist es ihnen, wenn man ihnen sagt: Der Christus ist es, der die Sünden der Menschen auf sich genommen hat, der die Menschen erlöst hat durch seinen Opfertod, ohne daß sie etwas dazu zu tun brauchen. — All das tendiert dann darauf hin, durch den Opfertod Christi die Unsterblichkeit nach dem Tode zu sichern und den äußersten Egoismus der Menschen zu pflegen.

[ 9 ] Durch diese Pflege des Egoismus von seiten der Konfessionen haben wir endlich jenen Zustand herbeigeführt, der heute über die ganze zivilisierte Welt dämmert. Weil dieser Egoismus im weitesten Umfange gepflegt worden ist, deshalb ist die Menschheit so geworden, wie sie heute ist. Bedenken Sie einmal: Wenn der Mensch nicht bloß theoretisch mit einigen Ideen und Begriffen, sondern mit seinem ganzen inneren Leben die Wahrheit ergreift, daß sein Erdenleben, wie er es durch die Geburt antritt, ihm die Verpflichtung auferlegt, eine Sendung auszuführen, die er sich mitbringt aus seinem Leben vor der Geburt, bedenken Sie, wenn das unsere ganze Seele erfüllt, wenn dieses Erdenleben angesehen wird als eine Aufgabe, die erfüllt werden muß, weil sich dieses Erdenleben anschließt an ein überirdisches Leben, das wir vorher geführt haben, bedenken Sie, wie da der Egoismus schwinden muß! Dieser Egoismus wird durch jene Gefühle, die in uns erregt werden, wenn wir das Erdenleben als eine Fortsetzung eines überirdischen Lebens ansehen, ebenso bekämpft, wie er gezüchtet wird durch diejenigen Konfessionen, die bloß von dem nachtodlichen Leben sprechen. Das ist etwas, was wichtig ist, zur sozialen Gesundung in die gegenwärtige Menschheit und in die zukünftige Menschheit hineinzutragen. Wichtig ist es, die Präexistenz den Menschen wiederum zum Bewußtsein zu bringen. Von der Präexistenz ist selbstverständlich nicht ablösbar die Anschauung von den wiederholten Erdenleben.

[ 10 ] So kann man sagen, daß zum Beispiel gerade die katholische Kirche eine aristotelische Lehre aufgenommen hat und sie zu ihrem Dogma gemacht hat, und daß dieses Dogma ersetzt werden muß durch die höhere Erkenntnis von den wiederholten Erdenleben, von der Präexistenz, von dieser zuerst eigentlich klar bei Aristoteles außer acht gelassenen Lehre der Präexistenz der menschlichen Seele. Wenn Sie ermessen, welche Bedeutung es für die Menschheit hat, ins innerste Seelenleben gewisse Elemente aufzunehmen, dann werden Sie sich sagen können, was das für das menschliche Gefühlsleben im weitesten Sinne bedeutet, denn der Mensch erhält über sich selbst ein ganz anderes Bewußtsein. Nehmen wir zu dem, was eben gesagt worden ist, das Paulinische Wort, daß dieses Menschenbewußtsein immer durchdrungen werden muß von dem: «Nicht ich, sondern der Christus in mir.» Wenn man sich selbst für etwas anderes hält, so wird auch der Christus in einem etwas anderes sein. Wenn man sich bloß hält für dasjenige, was auch geistig-seelisch mit der Geburt entstanden ist, so wird der Christus selbstverständlich nur in dem sein können, was mit der Geburt diesmal entstanden ist, und er wird nur die Aufgabe haben, unsere Seele durch den Tod zu tragen und uns dann weiterzutragen durch alle Ewigkeit. Wenn wir wissen, daß wir ein vorgeburtliches Leben haben, so können wir auch wissen, daß gerade der Christus uns für dieses Erdenleben eine Sendung auferlegt, daß wir unsere Kräfte ausbilden müssen, daß wir ihn in unseren Kräften finden müssen, daß wir ihn suchen müssen als das Beste, was wir geistig-seelisch in uns haben.

[ 11 ] Die katholische Kirche hat dafür gesorgt, daß die Menschen, die ihr untertan sind, niemals nachdenken mögen über dasjenige, was die wirkliche geistig-seelische Natur des Menschen ist, indem sie in dem achten allgemeinen ökumenischen Konzil in Konstantinopel im Jahre 869 den Geist abgeschafft hat, das heißt, erklärt hat, daß der Mensch nur aus Leib und Seele besteht, die Seele einige geistige Eigenschaften hat, aber daß es häretisch, ketzerisch ist, wenn der Mensch angesehen wird als bestehend aus Leib, Seele und Geist. Und als der Jesuit Zimmermann verschiedenes an der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft monierte, da zählte er als die schwerste Sünde dieser Geisteswissenschaft das auf, daß die Trichotomie durch diese Geisteswissenschaft wieder zur Geltung kommen soll, indem durch diese Geisteswissenschaft wiederum erklärt werde, der Mensch bestehe aus Leib, Seele und Geist. — Durch die Geisteswissenschaft muß unbedingt herauskommen dasjenige, was des Menschen wahre Wesenheit ist, und was eigentlich auch des Menschen Verhältnis zu dem Christus ist. Dasjenige aber, worum es sich der Kirche immer mehr und mehr gehandelt hat, das war, den Menschen ja nicht zur Aufklärung kommen zu lassen über sein wahres Wesen und über sein Verhältnis zum Christus. Man kann sagen, die Entwickelung der abendländischen Konfessionen bestand eigentlich darinnen, einen immer stärkeren Schleier zu ziehen über das eigentliche Geheimnis des Christus.

[ 12 ] Mit allen Institutionen geht es im Grunde genommen so, die auf äußere Abstraktion gebaut sind. Wenn ein Staat jung ist, so hat er noch wenig Gesetze, und man ist verhältnismäßig noch ungebunden durch Gesetze. Je länger der Staat besteht, und namentlich je länger die Parteien der Staaten ihre gescheiten Betrachtungen anstellen, desto mehr Gesetze werden gemacht. Und zum Schluß sind diese so, daß man sich nicht mehr in ihnen auskennt, denn es gibt über alles nicht nur ein Gesetz, sondern alles ist in die Maschen sich verschlingender Gesetze gefangen, aus denen man außerordentlich schwer herauskommen kann. So geht es aber auch in den Kirchen. Wenn eine Kirche beginnt, ihren Gang durch die Welt zu machen, dann hat sie noch verhältnismäßig wenig Dogmen. Aber die Menschen müssen doch etwas zu tun haben, und so, wie die Staatsmänner immer Gesetze machen, so machen die Kirchenmänner immer mehr und mehr Dogmen, und so wird endlich alles zum Dogma. Das Dogma konsolidiert sich zuletzt. Diese Konsolidierung des Dogmawesens ist besonders stark zu beobachten innerhalb der zivilisierten Menschheit der neueren Zeit erst nach der Hochscholastik, die ich hier zu Pfingsten charakterisiert habe. Denn wer wirklich sinngemäß die Hochscholastik studiert, den Albertinismus, den Thomismus, der wird finden, daß da noch alles über das Dogma flüssig ist, diskutiert wird, daß da noch durchaus die Diskussion als etwas Selbstverständliches angesehen wird.

[ 13 ] Wir haben zur Zeit der Hochscholastik schon einen gewissen Gegensatz innerhalb der abendländischen Kirche, den Gegensatz zwischen dem Dominikanerorden und dem Franziskanerorden. Der Dominikanerorden, der seine Blüte eben in der Hochscholastik getrieben hat, der bildet die Erkenntnis aus durch Ideen im höchsten logischen Sinne. Der Franziskanerorden lehnt das ab. Der Franziskanerorden will alles nur durch das kindliche Gefühl erreichen. Ich will jetzt nicht eingehen auf die inhaltliche Beziehung der Lehren des Franziskanerordens und des Dominikanerordens, aber ich will Sie nur aufmerksam darauf machen, was das zum Beispiel heute wäre, wenn noch so intensiv Dominikaner und Franziskaner kämpfen würden miteinander um den Inhalt der Lehre, wie sie im Mittelalter gekämpft und die Dogmen frei diskutiert haben. Gewiß, der römische Bischof, er hat ja auch dazumal die Leute für Häretiker erklärt. Er hätte es lange tun können, wenn nicht die weltlichen Regierungen sich ihm zur Verfügung gestellt und die Leute verbrannt hätten, die er bloß verdammen wollte. Das muß man sagen: es fällt immer die größere Schuld auf die weltlichen Regierungen. Aber das alles hat nicht verhindert, daß dazumal eine freie Diskussion war. Diese freie Diskussion ist in der katholischen Kirche allmählich vollständig ausgeschlossen worden. Diese freie Diskussion, die konnte die katholische Kirche im Laufe der Zeit nicht vertragen. Und warum könnte sie das nicht? Sie konnte es nicht aus dem Grunde, weil ein ganz neues Menschheitsbewußtsein heraufkam.

[ 14 ] Bedenken Sie doch nur, daß das so ist, was Umänderung des Menschheitsbewußtseins ist, wie ich es Ihnen öfters für jenen Umschwung in der Mitte des 15. Jahrhunderts gesagt habe. Das ist dasjenige, was die moderne Menschheit trifft, daß der Mensch immer mehr und mehr aus der Tiefe seiner Seele heraus zu einem eigenen Urteil kommen will. Das ist etwas, was im Mittelalter nicht da war. Im Mittelalter hatte der Mensch eine Art Gemeinschaftsbewußtsein, und herausragen konnten nur die einzelnen am meisten unterrichteten Leute, die eigentlichen Scholasten, diejenigen, die sich herausentwickelt haben aus dem allgemein gleichförmigen Volksbewußtsein dadurch, daß sie ihre Lehre innerhalb der scholastischen Bildung — höchstens für gewisse Bruchteile kann man sagen: innerhalb der rabbinischen Bildung oder dergleichen — erhalten haben. Aber im übrigen war dasjenige, was Bewußtsein der Menschen war, gleichförmig, Gemeinschaftsbewußtsein, Gattungsbewußtsein. Immer mehr und mehr bildete sich das Individualbewußtsein heraus.

[ 15 ] Was die katholische Kirche immer gehabt hat, weil sie immer in ihrer Mitte hochgebildete Leute heranzog, das war, daß sie historische Voraussicht hatte. Die katholische Kirche weiß sehr gut, daß dasjenige, was ich jetzt sage, das Prinzip der neueren Entwickelung ist: das Individualbewußtsein der Menschen heraufzuziehen. Aber sie will es nicht heraufkommen lassen. Sie will das dumpfe Gemeinschaftsbewußtsein erhalten, aus dem nur herausragen diejenigen, die eine scholastische Bildung errungen haben. Es gibt ein gutes Mittel, dieses gemeinschaftliche, das dumpfe Bewußtsein zu erhalten — denn es ist immer ein dumpfes Bewußtsein —, und dieses Mittel besteht darin, daß man das gewöhnliche Bewußtsein, das der Mensch schon einmal hat, indem er sich seiner Sinne bedient, daß man dieses herabdämpft, richtig herabdämpft. So wie der Traum das gewöhnliche Bewußtsein herabdämpft, so dämpft man das Bewußtsein herab, damit es ein dumpfes Gemeinschaftsbewußtsein werde.

[ 16 ] Nun frage ich Sie: Nicht wahr, es gibt viele Charakteristiken des Traumes, aber ein Charakteristikon des Traumes ist, daß man sagen kann, der Traum ist in vieler Beziehung auch ein Lügner! Wollen Sie leugnen, daß der Traum auch ein Lügner ist, daß er Ihnen Dinge vorgaukelt, die nicht wahr sind? Das gehört aber doch nicht zum Beruf des Traumes; das gehört zum Beruf des herabgedämpften Bewußtseins, daß man nicht kontrollieren kann, wenn man im Traume ist, was Wahrheit und was Unwahrheit ist. Daher gehört es auch zu der Anforderung des herabgedämpften Bewußtseins, dem Menschen die Möglichkeit zu nehmen, Wahrheit und Lüge zu unterscheiden. Ist man bewandert in einer solchen Sache, was tut man? Wenn man bewandert ist in einer solchen Sache, dann erzählt man den Leuten unter Autorität Dinge, die unwahr sind. Man macht das systematisch. Dadurch dämpft man ihr Bewußtsein bis zu der Dumpfheit des Traumbewußtseins herunter. Dadurch erreicht man, daß man untergräbt dasjenige, was als Individualbewußtsein seit der Mitte des 15. Jahrhunderts in den Menschenseelen herauf will. Und es ist eine grenzenlos grandiose Unternehmung, so zu wirken unter Autorität, daß man den Menschen — nun, ich will ohne Bild sprechen — solche Artikel schreibt, wie sie jetzt im «Katholischen Sonntagsblatt» erscheinen, denn dadurch erreicht man es, die Menschen nicht kommen zu lassen zu dem, wozu sie sich entwickeln sollen seit der Mitte des 15. Jahrhunderts. Wenn man glauben wollte, daß dasjenige, was in einer solchen Richtung geschieht, wenn es auch der einzelne nicht weiß, aber es ist ja die ganze Hierarchie da, welche die Sache sehr wohl organisiert hat, wenn man glauben wollte, daß die Dinge aus bloßer Einfalt oder aus einer bloßen gewöhnlichen Ranküne entstehen, da würde man sich beträchtlich irren. Man muß selbstverständlich mit allen Mitteln, die einem zur Verfügung stehen, die Lüge und die Unwahrheit bekämpfen. Aber man soll nicht glauben, daß sie aus der Einfalt hervorgehe, oder etwa gar aus dem Glauben hervorgehe, daß dasjenige wahr sei, was man sagt. Wenn man die Wahrheit sagen wollte, würde man ja das nicht erreichen, was man erreichen will. Man will das Bewußtsein herabdämpfen, indem man den Menschen die Lüge beibringt. Es ist ein grandioses diabolisches Unternehmen.

[ 17 ] Es muß auch das unverhohlen ausgesprochen werden: Nur auf der anderen Seite ist die Einfalt. Die Einfalt ist heute nicht auf seiten der katholischen Kirche, die Einfalt ist auf seiten ihrer Gegner. Diese glauben nicht, daß die katholische Kirche groß ist in einer solchen Richtung, wie ich sie charakterisiert habe; die glauben nicht, daß die katholische Kirche längst vorausgesehen hat, daß über Europa jener soziale Zustand kommt, der jetzt über Europa gekommen ist, und daß die katholische Kirche längst Vorsorge getroffen hat, in diesem sozialen Zustand sich geltend machen zu können. Dasjenige, was die katholische Kirche beabsichtigt, ist, die Verbindungsbrücke zu schaffen zwischen dem radikalsten Sozialismus, Kommunismus und ihrer Herrschaft. Diese grandiose Voraussicht, die muß man erkennen in alledem, was auf wirklichem geistigem Untergrunde basiert, auf einem solchen geistigen Untergrunde, der eben im wirklichen Geistesleben wurzelt, nicht in der bloßen Abstraktion. Sehen Sie, mit alldem, was neuere Aufklärung ist, kommt man zu nichts, was im Fortgange der Menschheitsentwickelung eine durchgreifende Bedeutung haben könnte. Jene Zeremonien, die im katholischen Meßopfer ausgeübt werden, sie haben eine weitaus größere Bedeutung als alle die Redereien des evangelischen Kanzeldienstes. Denn das sind Handlungen, die sich hier in der sinnlichen Welt vollziehen und die, indem sie sich in der sinnlichen Welt vollziehen, in ihrer Form zu gleicher Zeit das sind, was die geistige Welt in die sinnliche Welt hereinzaubert. Die katholische Kirche hat deshalb niemals die magischen Mittel, auf Menschen zu wirken, entbehren wollen. Diese sind vorhanden. Man sol! nur nicht glauben, daß gegen diese Dinge so ohne weiteres etwas anderes aufkommen kann, als ein Wiederum-Eintreten in die geistigen Welten vom Standpunkt wahrer innerster Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit. Und als, ich möchte sagen, äußeres Kennzeichen, daß in der katholischen Kirche immer vorhanden war der Zusammenhang mit der geistigen Welt, kann das zum Beispiel gelten, was ich einzelnen von Ihnen schon mitgeteilt habe.

[ 18 ] Es gab im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts eine päpstliche Enzyklika, welche verschiedene Dinge für ketzerisch erklärte. Die päpstlichen Enzykliken sprechen ja so, daß sie immer die betreffende Lehre anführen und dann sagen: Der ist verdammt, der das glaubt. — Also man führt, nicht wahr, irgendeine Lehre an, die Haeckel oder ein anderer verbreitet hat, schreibt sie aus einem Haeckelschen Buche ab und sagt: Wer das glaubt, ist verdammt. — Man sagt nicht das Richtige, sondern man sagt: Wer das glaubt, ist verdammt. — Die Initiationswissenschaft gibt ja immer die Möglichkeit, solchen Dingen nachzuforschen, und ich stellte mir zur Aufgabe, über diese Enzyklika gewisse Forschungen anzustellen. Da muß ich sagen, wie in so manchen anderen Dingen: Dasjenige, was dazumal vom Papste ex cathedra verkünder worden ist, war ein wirkliches Ergebnis aus der geistigen Welt, das heißt, dasjenige, was in jene Enzyklika eingeflossen ist, kam aus der geistigen Welt herunter, nur war es merkwürdigerweise umgekehrt. Es war überall dasjenige, was als «Ja» bezeichnet werden sollte, als «Nein» bezeichnet, und umgekehrt: Das ist etwas, was in gewisser Beziehung — ich könnte viele andere Beispiele anführen — zeigen kann, daß auf jener Seite wirklich heute ein Zusammenhang mit der geistigen Welt vorhanden ist, aber ein für die Menschheit außerordentlich verderblicher Zusammenhang. Man braucht sich deshalb nicht zu wundern, daß gerade die katholische Kirche in dem Heraufkommen der neueren Geisteswissenschaft etwas sieht, was sie unter allen Umständen aus der Welt schaffen will. Denn, was wird durch diese neuere Geisteswissenschaft bewirkt? Durch diese neuere Geisteswissenschaft wird bewirkt, daß die Menschheit ein Bewußtsein erhalten soll von dem vorgeburtlichen Leben, von der Präexistenz. Das darf nicht sein. Das darf unter keinen Umständen geschehen. Also muß die Geisteswissenschaft verdammt werden. Durch die Geisteswissenschaft wird der Mensch aufmerksam auf sein eigenes Wesen, wie er besteht aus Leib, Seele und Geist. Das darf unter keinen Umständen sein. Also muß diese Geisteswissenschaft verdammt werden. Durch diese Geisteswissenschaft wird die wahre Natur und Wesenheit des Christus Jesus der Menschheit kund. Das darf unter keinen Umständen geschehen, daher muß diese Geisteswissenschaft verdammt werden.

[ 19 ] Man würde ja zum Beispiel einsehen, daß das Dogma von den ewigen Höllenstrafen, von der Schöpfung der Seele mit der physischen Geburt ein aristotelisches Ergebnis ist. Nun stelle man sich vor, daß ein katholischer Theologe heute den Zusammenhang studiert zwischen Aristoteles und der Hochscholastik und einsieht, wie die Hochscholastiker zur Beweisführung über die Entstehung der Seele mit dem physischen Leben gekommen sind aus der Philosophie des Aristoteles heraus. Man würde gewissermaßen der Dogmenentstehung hinter die Kulissen sehen. Was tut man dagegen? Man läßt den Theologen den Antimodernisteneid schwören. Man läßt ihn schwören, daß sein Bekenntnis ist, daß er niemals auf ein historisches Ergebnis kommen könne, welches den Dogmen, die von Rom ausgehen, widerspricht. Und das, daß er geschworen hat, diese Tatsache, daß er einen Eid abgelegt hat, diese Tatsache soll so stark in seinem Gemüte wirken, daß er verwirrt wird beim nüchternen Forschen, daß er nicht darauf kommen kann, wie der Zusammenhang des Dogmas mit der historischen Entwickelung der Menschheit ist. All das kann nicht so bleiben, wenn die Initiationswissenschaft heraufkommt. Daher muß diese Initiationswissenschaft unter allen Umständen verdammt werden.

[ 20 ] Warum sage ich Ihnen das alles? Ich sage Ihnen das, damit Sie die Dinge, um die es sich hier handelt, nicht allzuleicht nehmen. Denn bei unserer anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft handelt es sich wahrhaftig nicht um solche Dinge, um die es sich zum Beispiel bei der Theosophischen Gesellschaft handelt. Daß es sich bei der Theosophischen Gesellschaft nicht um etwas Ernstes gehandelt hat, das geht Ihnen ja daraus hervor, daß sie eines Tages in ihrer Majorität dazu gekommen ist, die ganze Farce von Krishnamurti als dem wiedergeborenen Jesus Christus von Nazareth mitzumachen. Dasjenige, was einlaufen kann in eine solche Komödie, das beruht von vornherein selbstverständlich nur auf Heuchelei, wenn auch diese Heuchelei von vielen ernst genommen worden ist. Was wachsen soll auf dem Boden anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft, das soll in allen Fasern ehrliches Wahrheitssuchen sein. Das ist daher dasjenige, von dem die unterrichtete katholische Kirche ganz gut weiß, daß es hinter die Kulissen kommt, daß es hinter das kommt, was nicht aufgedeckt werden darf, wenn die katholische Kirche diejenige Herrschaft, diejenige Macht fortführen will, die sie eben in der Welt beansprucht. Ich sage das, was ich jetzt sage, aus dem Grunde, weil Sie daraus ersehen sollen, daß die Dinge wahrhaftig nicht leichtsinnig genommen werden dürfen. Denn das muß gesagt werden: Auf jener Seite wird mit großer Voraussicht gearbeitet, wenn auch der eine dem Hammel nachläuft und nur die Devise, die Befehle ausführt, die ihm aufgetragen werden, wenn er auch nicht weiß, welche Bedeutung das systematische Lügen, die aber von einer großen Anzahl von Menschen geglaubt werden, für die ganze Entwickelung der Menschheit hat. Wenn das auch der einzelne nicht weiß und es unwissentlich nachmacht, im ganzen System ist es wohl begründet.

[ 21 ] Auf der anderen Seite steht jene Einfalt, welche glaubt, daß dieses ganze äußere Gespinst von Naturgesetzen, das heute den Gegenstand unseres Hochschulstudiums bildet, etwas sein könne, was für die Weiterentwickelung der Menschheit eine Bedeutung haben könne, daß all das Blech von der Erhaltung des Stoffes und der Kraft etwas sein könne, was der Weiterentwickelung der Menschheit heilsam sein könne. Diese Menschheit sieht heute nicht mehr ohne Vorurteile auf den Schnee hin, der sich jeden Winter vor ihr ausbreitet, wenn sie in gemäßigten Zonen lebt. Denn indem die Kräfte des Wachstums überdeckt werden mit der Schneekruste, geht ein Teil der Erdoberfläche durch eine völlige Neugestaltung hindurch. Das Volksbewußtsein, das von der Reinheit des Schnees spricht, weiß viel mehr als die moderne Wissenschaft, welche von der Erhaltung des Stoffes und der Kraft redet. Was ich jetzt sage, darf ich selbstverständlich nur sagen, nachdem ich durch viele Wochen hindurch Ihnen gezeigt habe, wie unbegründet dieses neuere Gesetz von der Erhaltung des Stoffes und der Kraft ist, wie in der Tat in jedem Menschenwesen Stoff zugrunde geht, Kraft zugrunde geht, indem nach dem Kopfe herauf gewirkt wird, und wie neuer Stoff, neue Kraft in der Menschenwesenheit entsteht. Alle diese Dinge müssen selbstverständlich von einer gewissen Seite bis aufs Messer bekämpft werden. Und was dagegen helfen kann, ist nur das, daß eine möglichst große Anzahl von Menschen sich bewußt werde, welches eben die Aufgabe der gegenwärtigen Menschheit ist: daß das Individualbewußtsein unbedingt die Welt ergreifen muß.

[ 22 ] Dieses Individualbewußtsein, es wird die Welt ergreifen, aber es kann entweder die Weisheit der Welt ergreifen, oder die blinden Instinkte ergreifen. Wenn es die blinden Instinkte ergreift, so kommt ein vollständig antisozialer Zustand heraus, so ungefähr, wie er sich jetzt in Rußland vorbereitet. Das wird allmählich einen antisozialen Zustand hervorrufen, gegen den weder die englische, noch die nordamerikanische, gar nicht zu reden von der französischen oder einer sonstigen Regierung ein Mittel ersinnen wird. Nein, es wird naiv sein, zu glauben, daß so etwas wie das englische Parlament fertig werden könne mit dem, was da die Menschheit ergreifen wird, wenn das Individualbewußtsein bloß in den Instinkten wirkt. Aber eine Macht kann fertig werden damit: das ist die Macht Roms. Nur handelt es sich eben darum, wie sie fertig werden kann. Rom kann eine Herrschaft aufpflanzen, denn Rom hat die nötigen Machtmittel dazu. Nur das ist die Frage. Nicht die Frage ist, ob Bolschewismus oder angelsächsische Bourgeoisie, sondern die Frage ist, ob antisoziales Chaos, römische Herrschaft — oder der Entschluß der Menschheit, sich mit dem Geiste zu erfüllen, der 869 auf dem achten allgemeinen ökumenischen Konzil in Konstantinopel als zu erkennen, als zu erforschen für ketzerisch erklärt worden ist von der abendländischen Kirche.

[ 23 ] Es geht nicht anders, als daß sich die Menschheit entschließt, die Dinge ernst zu nehmen, nicht bloß so hinzuleben, wie es selbstverständlich geschieht unter den materialistischen Weltgedanken. Wie lebt da die Menschheit? Sie erwirbt nach dem Barometer des Geldpreises, denn ein anderes Barometer gibt es nicht für die soziale Ordnung; und dann hat man vielleicht noch so einen gewissen Luxus, eine Weltanschauung, aber nur als Luxus. Und diejenigen, die besonders «tief» veranlagt sind, die sagen dann: Man muß sich erheben in die geistigen Welten, man muß hinter sich zurücklassen die sinnlich-materielle schlechte Welt; mit der gibt sich ein wirklich tiefer Mensch nicht ab. Man muß nichts verstehen von der ganzen materiellen Welt. Man muß Mystiker werden, in den höheren Welten leben. — Aber auch diese «Tiefen» und die «weniger Tiefen», sie alle bekommen Kinder, haben den Gedanken, daß die Kinder auch erwerben müssen, daß es doch sehr schlimm wäre, wenn die Kinder daher nicht in jene Schulen geschickt würden, in denen man dressiert wird auf das gegenwärtige Erwerben. Und damit haben sie sich schon abgefunden mit dem, wie die Sachen jetzt sind, und damit haben sie den Materialismus auch für die nächste Generation vererbt.

[ 24 ] Ja, wenn einer einmal das sagt, so ist er ein unbequemer Mensch, und am besten ist es, man verlästert ihn dann. Denn für die meisten Menschen ist das zu hören, was jetzt eben ausgesprochen ist, eigentlich ebenso schlimm, als wenn einige der Wanzen oder Läuse sie fortwährend bearbeiten würden. Aber man läßt sich nicht gern von seelischen Wanzen und Läusen bearbeiten. Daher zieht man sich eine dicke Haut an, die darin besteht, daß man sich blind und taub macht gegen das, was als Charakteristik unserer gegenwärtigen Zeitbildung von der Geisteswissenschaft ausgehen muß. Auf dieser Seite ist dann die Einfalt. Als die katholische Kirche sah, daß die Menschen so einseitig werden, da sorgte sie dafür, daß es ganz besonders geschulte Leute gäbe, aber sie sorgte dafür wirklich auf dem Umwege durch geistige Impulse. Es gehört ja im Grunde genommen zu den allerbedeutsamsten Geschehnissen auch der Metahistorie, wie durch Ignatius von Loyola — der Jesuitenorden begründet worden ist aus gründlichen Einflüssen der geistigen Welt heraus, und da hat man es zu tun in der Tat mit einer starken geistigen Wirksamkeit.

[ 25 ] Nun muß selbstverständlich in ehrlicher Weise innerhalb unserer Gemeinschaft besprochen werden dasjenige, was ist, und daher war ich genötigt, auch in jenem Karlsruher Zyklus — den jetzt ich weiß nicht was für eine Seele hier irgendeinem Unsinn- und Unratschmierer ausgeliefert hat — von der großartigen aber bedenklichen Schulung der Jesuiten zu sprechen. Bekanntlich ist im Karlsruher Zyklus die ganze Schulung der Jesuiten aus dem Fundament heraus besprochen. Ich will folgendes sagen: Was hat es denn überhaupt innerhalb unserer Kreise für eine Bedeutung, auf jeden Zyklus draufzuschreiben, daß er als Manuskript nur für die Mitglieder gedruckt wird, wenn Unratschmierer diese Zyklen in der Hand haben, aus denen heraus sie alles mögliche zusammenlügen können? Es ist ja ganz selbstverständlich, daß sich dadurch in einer ganz bedeutsamen Weise bewahrheitet, was ich öfter schon erwähnt habe: Es wird die Zeit kommen, wo man eben nicht mehr darauf rechnen kann, daß diese Zyklen nur für einen kleinen Kreis berechnet sind, denn die Menschheit ist gegenwärtig nicht so, daß man ihr etwas anvertrauen kann. Selbstverständlich ist alles dasjenige, was von diesen Unratschmierern geschrieben ist, Unsinn und unwahr, aber es ist auf Grundlage nicht etwa der öffentlichen Schriften geschrieben, sondern es wurde dadurch geschrieben, daß Zyklen einfach hinausgegeben worden sind. Und ich habe allen Grund, anzunehmen, daß einer der ersten Zyklen, der in die Hände der katholischen Geistlichkeit geliefert worden ist, jener Karlsruher Zyklus über die Jesuiten war. Denn auf jener Seite besteht die Tendenz, ja nicht die wahre Schulung der Jesuiten irgendwie bekanntwerden zu lassen. Die Welt soll nicht wissen, wie die Jesuiten geschult werden, sie soll nichts wissen von ihrer grandiosen Schulung.

[ 26 ] In jenem Orden, um den es sich da handelt, sind unzählige Menschen von einer solchen geistigen Kapazität drinnen, daß, wenn sie zerstreut wären in der äußeren Welt und sich nicht beschäftigten mit dem, womit man sich dort beschäftigt, sondern mit äußerer Wissenschaft oder Dichtung oder Malerei, so würden sie da als einzelne individuelle Menschen wie Genies in der Menschheit verehrt. Man würde sie da als die großen Geister der Menschheit anerkennen. Innerhalb des jesuitischen Ordens sind unzählige Menschen vorhanden, die Lichter wären, wenn sie als einzelne Menschen auftreten und sich mit etwas anderem befassen würden, mit alldem, was zum Beispiel materialistische Wissenschaft ist. Diese Leute löschen ihre Namen aus, gehen auf in ihrem Orden und setzen außerdem als Bedingung ihrer Stärke dieses, daß die Welt von alledem nichts weiß, daß die Welt nicht weiß, wie ein solcher Kopf gebildet wird, der in der schwarzen Kutte und im Jesuitenhütlein dahergeht.

[ 27 ] Diese Dinge sind eben durchaus geeignet, darauf hinzuweisen, wie grundverschieden in verschiedenen Menschenkategorien die ganze Konfiguration des Bewußtseins ist. Aber man will solche Dinge nicht ernst nehmen unter jenen Einfältigen, die sich moderne Aufgeklärte nennen. Und das ist es, was immer wieder und wiederum betont werden muß, das ist es, worüber ich heute zu Ihnen sprechen mußte.