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Heilfaktoren für den sozialen Organismus
GA 198

2 Juli 1920, Dornach

Neunter Vortrag

[ 1 ] Wer heute in Deutschland sich ein wenig umsieht und nicht auf Äußerlichkeiten geht, sondern mit dem Auge der Seele sieht, wer also nicht allein ins Auge faßt, was sich etwa dem Besucher darbietet, der ja in der Regel die Verhältnisse während seines Besuches gar nicht kennenlernt, wer nicht dabei stehenbleibt, daß wiederum einige Schornsteine rauchen, daß die Eisenbahnzüge zur rechten Zeit an ihrem Bestimmungsorte ankommen, sondern wer etwas in die geistige Verfassung hineinzuschauen vermag, dem bietet sich heute ein Bild, das symptomatisch ist nicht für dieses Territorium allein — denn das könnte vielleicht noch von der einen oder von der anderen Seite weniger bedenklich beleuchtet werden —, sondern für den ganzen Verfall unserer Weltkultur im gegenwärtigen Zyklus der Menschheit. Ich möchte heute gerade auf ein geistig-seelisches Symptom Sie einleitend hinweisen, das bedeutsamer ist, als viele schlafende Seelen auch in Deutschland sich träumen lassen.

[ 2 ] Innerhalb des alten Deutschland herrscht ja heute Verfall, Niedergang, und die äußerlichen Dinge, die ich natürlich nur zum Teil aufgezählt habe, können nicht über diesen Niedergang täuschen. Aber das alles ist in geistig-seelischer Beziehung nicht das, worauf ich jetzt hinweisen möchte, denn Verfall sehen wir vielfach im Laufe der Weltgeschichte auftreten, und aus dem Verfall sehen wir dann wiederum die Aufgangsimpulse herausquellen. Aber wer zunächst äußerlich urteilt, wer von dem, was oftmals erfahren worden ist, aus einem Gewohnheitsurteil heraus sich sagt: Nun, das wird schon auch hier in derselben Weise wiederum so sein wie früher —, der sieht doch nicht auf gewisse tieferliegende Symptome. Ein solches Symptom, aber eben nur eines von vielen, ein geistig-seelisches, das ich hervorheben möchte, ist der merkwürdige Eindruck, den ein Buch hervorgerufen hat, ich meine das Buch «Der Untergang des Abendlandes» von Oswald Spengler, welches schon dadurch symptomatisch ist, daß es in unserer Zeit hat entstehen können. Es ist ein dickes Buch und es ist ein vielgelesenes Buch, ein namentlich unter der jungen Generation des heutigen deutschen Territoriums außerordentlich eindrucksvolles Buch. Und das Merkwürdige ist: der Verfasser erzählt ausdrücklich, daß er die Grundidee dieses Buches nicht etwa gefaßt habe während des Krieges oder nach dem Kriege, sondern daß er diese Grundidee schon einige Jahre vor der Katastrophe vom Jahre 1914 gefaßt hat.

[ 3 ] Das Buch macht einen sehr bedeutsamen Eindruck gerade auf die junge Generation. Und wenn man in seinen Empfindungen versucht, aus dem heraus zu sprechen, was da vorhanden ist, so tritt einem, ich möchte sagen, unter den Imponderabilien des Lebens, so zwischen den Zeilen des Lebens dies ganz besonders stark entgegen. Ich hatte einen Vortrag zu halten vor den Stuttgarter Studenten der Technischen Hochschule, und ich ging eigentlich zu diesem Vortrage durchaus unter dem Eindrucke des Buches von Oswald Spengler «Der Untergang des Abendlandes». Es ist ein sehr dickes Buch. Dicke Bücher sind jetzt in Deutschland teuer; dennoch wird es viel gelesen. Daß sie teuer sind, das kann ich Ihnen daran veranschaulichen, daß ein Reclam-Heftchen, das 1914 noch zwanzig Pfennig gekostet hat, jetzt eine Mark und fünfundvierzig Pfennig kostet. Bücher sind ja nicht in demselben Verhältnisse gestiegen wie Bier, das wohl das Zehnfache des Preises von 1914 kostet, Fett sogar das Dreißigfache. Bücher müssen sich immer in bescheidenen Grenzen halten, selbst wenn solch unhaltbare wirtschaftliche Verhältnisse zugrunde liegen. Aber immerhin zeigt auch der Preisaufschlag der Bücher, was in den wirtschaftlichen Untergründen der letzten Jahre sich vollzogen hat.

[ 4 ] Das Buch von Oswald Spengler habe ich bei einem meiner öffentlichen Vorträge in Stuttgart sehr ernst genommen, aber auch sehr ernst bekämpft. Dieses Buch ist im Grunde genommen seinem Inhalte nach bald charakterisiert. Es stellt dar, wie die Kultur des Abendlandes heute an einem Punkte angekommen ist, an welchem die untergegangenen Kulturen, wenn man sie nacheinander studiert, im alten Morgenlande, in Griechenland und Rom, auch einmal in einem gewissen Zeitabschnitte angekommen waren; und Spengler rechnet aus, daß dieses völlige Untergehen der gesamten abendländischen Kultur nach strenger historischer Rechnung mit dem Jahre 2200 vollendet sein müsse. Aber heute kommt es nicht nur auf den Inhalt einer solchen Sache an, sondern ebenso stark wie auf den Inhalt auf die geistig-seelischen Qualitäten eines Buches. Heute kommt es darauf an, ob der Verfasser, gleichgültig welcher Weltanschauungstendenz er angehört, geistige Qualitäten hat, ob er eine geistig ernst zu nehmende und vielleicht sogar geistig hoch einzuschätzende Persönlichkeit ist. Das ist ohne Zweifel der Verfasser des Buches, denn der Mann beherrscht, man darf sagen vielleicht zehn bis fünfzehn gegenwärtige Wissenschaften vollstänständig. Der Mann hat ein eindringliches Urteil über das, was im historischen Werden, so weit die Geschichte reicht, sich ereignet hat, und er hat auch, was ja die jetzigen Menschen eigentlich fast gar nicht haben, einen gesunden Blick für die Niedergangserscheinungen der gegenwärtigen Zivilisationen. Es ist im Grunde genommen ein großer Unterschied zwischen einem Spengler und all denjenigen Leuten, die heute gar nicht fühlen, was Niedergangsimpulse sind und alle möglichen Veranstaltungen treffen, um aus den Niedergangsurteilen heraus, was ja unmöglich ist, irgendeine Aufgangserscheinung abzuleiten. Wäre es nicht zum Herzschmerzbekommen, so wäre es eigentlich humoristisch, wie sehr die Menschen heute mit den altgewohnten, aber eben von Niedergangsimpulsen durchzogenen Ideen sich versammeln und glauben, aus dem Niedergange heraus durch allerlei Programme Aufgangserscheinungen schaffen zu können. Solch einem Wahnaberglauben gibt sich aber ein Mensch, der nun wirklich etwas weiß, wie Oswald Spengler, eben nicht hin, sondern er rechnet gewissermaßen — ich möchte sagen als strenger Mathematiker — die Geschwindigkeit der Niedergangserscheinungen aus, und mit einem Urteil, das wahrhaftig mehr als eine vage Prophetie ist, kommt er dazu, abzuleiten, wie bis zum Jahre 2200 diese abendländische Kultur in die vollständige Barbarei verfallen sein müsse.

[ 5 ] Es ist dieses Zusammentreffen des äußerlich, namentlich auf geistig-seelischem Gebiete überall auftretenden Niederganges mit der Auffassung eines ernst zu nehmenden Theoretikers, daß dieser Niedergang ein notwendiger sei, ein solcher, der sich mit einer gewissen natürlichhistorischen Gesetzmäßigkeit vollzieht, es ist dieses Zusammentreffen das Merkwürdige an diesem Buche und es ist dieses Zusammentreffen dasjenige, was eigentlich auf die junge Generation einen besonderen Eindruck macht. Man hat heute nicht-nur Niedergangserscheinungen, man hat auch schon Theorien, welche diesen Niedergang als notwendig bezeichnen, ihn als streng wissenschaftlich erweislich darstellen. Man hat mit anderen Worten nicht nur den Niedergang, man hat eine Theorie des Niederganges, und zwar eine sehr ernst zu nehmende Theorie. Und man möchte fragen: Woher sollen die Kräfte kommen, jene innerlichen Willenskräfte, welche die Menschen anspornen, aus sich heraus zu einem Aufstieg zu kommen, wenn die Besten aus ihren Theorien heraus, aus einem umfassenden Überblicke über zehn bis fünfzehn Wissenschaften der Gegenwart heraus dahin kommen, mit alledem, was diese Wissenschaften enthüllen wollen über den Gang der Natur und der Menschheit, zu sagen: Dieser Niedergang ist nicht nur da, dieser Niedergang läßt sich beweisen wie irgendein physikalischer Vorgang! — Das heißt, es beginnt bereits die Zeit, wo der Glaube an den Niedergang nicht von den Schlechtesten vertreten wird. Man muß immer wieder und wiederum betonen, wie ernst eigentlich die Zeit ist, und wie fehlerhaft es ist, diesen Ernst der Zeit zu verschlafen, zu verträumen.

[ 6 ] Man kann nicht anders, wenn man sich den ganzen Ernst dieser Lage vor Augen führt, als sich doch die Frage aufzuwerfen: Wie muß eigentlich unser Denken orientiert werden, damit der Pessimismus gegenüber der abendländischen Zivilisation nicht als etwas Selbstverständliches erscheine und der Glaube an den Aufstieg als ein Aberglaube sich offenbare? Man muß fragen: Gibt es etwas, das aus diesem Pessimismus noch herausführen kann? Gerade die Art und Weise, wie Spengler zu seinen Resultaten kommt, ist für den Geisteswissenschafter im höchsten Grade interessant. Spengler betrachtet die einzelnen Kulturen nicht so scharf abgegrenzt, wie wir es zum Beispiel für die nachatlantische Zeit tun, indem wir unterscheiden: urindische, urpersische, chaldäisch-ägyptische, griechisch-lateinische und neuzeitliche Kulturen. Es steht ihm eben Geisteswissenschaft nicht zur Verfügung; aber er betrachtet doch in einer gewissen Weise auch solche Kulturen. Und er betrachtet sie mit dem Blicke des Naturforschers. Er betrachtet sie mit denjenigen Methoden, welche im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte in der abendländischen Zivilisation heraufgezogen sind und welche im weitesten Umkreise diejenigen Geister ergriffen haben, die nicht am altherkömmlichen traditionellen, katholischen, evangelischen, mosaischen und so weiter Glaubensbekenntnis in Engigkeit befangen bleiben. Oswald Spengler ist sozusagen ein Mensch, der ganz und gar durchsetzt ist mit der materialistischen modernen Naturforschung. Und nun betrachtet er in seiner Art das Auf- und Absteigen der Kulturen — orientalische, indische, persische, griechische, römische Kultur, Kultur des jetzigen Abendlandes — wie bei einem Organismus, der eine gewisse Kindheit durchmacht, ein gewisses Reifezeitalter erlebt, dann ein Altern durchmacht, und nachdem er gealtert ist, stirbt. So betrachtet Spengler die einzelnen Kulturen: sie machen ihre Kindheit durch, ein Reifezeitalter, eine Zeit des Alterns und sterben dann ab. Und der Todestag unserer abendländischen gegenwärtigen Zivilisation wäre eben das Jahr 2200.

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[ 7 ] Das Buch ist zunächst nur im ersten Bande vorliegend. Wer nun diesen ersten Band auf sich wirken läßt, findet eine streng theoretische Rechtfertigung des Niederganges, den streng theoretischen Beweis des Niederganges, aber nirgends irgendeinen Lichtfunken, der hinwiese auf irgendeinen Aufgang, nirgends etwas, was auf irgendeinen Aufstieg hindeutete. Und man kann nicht einmal sagen, daß für den naturwissenschaftlichen Betrachter dies eine unrichtige Denk weise sei. Denn betrachtet man das heutige Leben — obwohl alle möglichen Fragen auftauchen, die Fragen, über die Nietzsche sich schon lustig gemacht hat —, und gibt man sich nicht dem Wahne hin, daß aus wesenlosen Programmen Zukunftsfrüchte reifen können, dann sieht man auch zunächst in dem, was die Mehrzahl der Menschen in der Außenwelt anerkennt, nirgends einen Aufstieg erscheinen. Betrachtet man also die aufsteigende und niedergehende Kultur wie Organismen und betrachtet man dann auch unsere Kultur als einen Organismus, unsere ganze abendländische Zivilisation, dann kann man nicht anders, als sagen: Das Abendland geht zugrunde, geht in die Barbarei hinein. Nichts vermag zu entscheiden, wo irgendein neuer Aufstieg, irgendein anderes Zentrum der Welt sich wiederum erzeigen werde.

[ 8 ] Es ist das Spenglersche Buch ein Buch mit geistigen Qualitäten, aus scharfer Beobachtung herrührend und aus einem wirklichen Durchdrungensein mit der heutigen Wissenschaftlichkeit heraus geschrieben, und nur der gewöhnliche Lebensleichtsinn kann über solche Dinge oberflächlich hinwegsehen. Wenn solch eine Erscheinung kommt, dann tritt eben jene historische Sorge auf in dem Weltenbetrachter, von welcher ich hier des öfteren gesprochen habe und welche ich mit den folgenden Worten kurz zusammenfassend charakterisieren kann. Wer heute sich wirklich bekanntmacht mit dem inneren Wesen dessen, was im sozialen, im politischen, im geistigen Leben wirkt, wer da sieht, wie alles das, was wirkt, nach dem Niedergang hinstrebt, der muß sich sagen, wenn er nun Geisteswissenschaft kennt, wie sie hier gemeint ist: Eine Heilung kann es nur geben, wenn dasjenige, was man die Weisheit der Initiation nennt, in die Menschheitsentwickelung hineinfließt. — Denn denken wir uns einmal diese Weisheit der Initiation fort, denken wir einmal, das, was wir hier in gutem Sinne geistige Anschauung nennen, würde von der Menschheit vollständig außer acht gelassen, würde verbannt, würde keine Rolle spielen im weiteren Fortgange der Menschheitsentwickelung, — was würde die notwendige Folge sein müssen? Sehen Sie, wenn wir hinschauen auf die alte indische Kultur, so hat sie wie ein Organismus einen Kindheitszustand, Reife, Altern, Verfall, Tod; dann setzt sie sich fort. Aber das, was sie fortsetzt, lebt ja nicht in Wirklichkeit mehr. Wir haben dann die persische, die chaldäischägyptische, die griechisch-lateinische, unsere Zeit; aber immer haben wir etwas, was Oswald Spengler nicht berücksichtigt hat, was er eigentlich als streng naturwissenschaftlicher Beobachter nicht berücksichtigen konnte. Es ist ihm das vorgeworfen worden von einigen seiner Gegner. Denn einiges ist auch schon gegen das Buch von Spengler geschrieben worden, sogar manches, was gescheiter ist als der außerordentlich einfältige Artikel, den Benedetto Croce geschrieben hat gegen das Spenglersche Buch. Croce, der sonst immer Gescheites geschrieben hat, ist an dem Spenglerschen Buche plötzlich zum Toren geworden. Es ist Spengler also vorgeworfen worden, daß ja die Kulturen immer nicht nur Kindheit, Reife, Verfall, Tod haben, sondern daß sie sich fortsetzen, und so werde es auch mit der unsrigen sein: wenn sie eines seligen Todes sterbe im Jahre 2200, so werde sie sich schon wiederum fortsetzen. — Es ist dabei nur das Eigentümliche zu beachten, daß Spengler eben ein guter naturwissenschaftlicher Beobachter ist und deshalb keine Fortsetzungsmomente findet, daß er daher nicht von einem Samen sprechen kann, der etwa in unserer Kultur drinnen ist, sondern nur von den Niedergangserscheinungen, die sich ihm, dem naturwissenschaftlichen Beobachter, darbieten. Und diejenigen, die davon sprechen, daß sich die Kulturen fortsetzen, haben auch nichts besonders Gescheites gerade über dieses Buch zu sagen gewußt. Ein ganz junger Mann hat eine etwas verschwommene Mystik vorgebracht, in der er von «Weltrhythmus» spricht; aber auch damit ist eben nur eine verschwommene Mystik geschaffen, nicht irgend etwas, was den bewiesenen Pessimismus in einen Optimismus verwandelt hätte. So geht eigentlich aus dem Spenglerschen Buche nur hervor, daß der Untergang kommen wird, nicht aber ein Aufstieg erfolgen könne.

[ 9 ] Was Spengler tut, ist, daß er naturwissenschaftlich betrachtet: Kindheitsalter des Kultur- oder Zivilisationsorganismus, Reifezeit, Verfall, Altern, Tod in den verschiedenen Zeitaltern betrachtet er so, wie man auch naturwissenschaftlich im Grunde genommen einzig und allein betrachten kann. Aber wer etwas weiter auszuschauen vermag, der weiß, daß im alten indischen Leben außer dem Außerlichen der Zivilisation die Mysterienweisheit, die Initiationsweisheit der Urzeiten gelebt hat. Und diese Initiationsweisheit der Urzeiten, die in Indien noch mächtig war, sie hat wiederum den neuen Keim in die persische Kultur hineingetrieben. Die persischen Mysterien waren schon schwächer, aber sie konnten noch den Keim in die ägyptisch-chaldäische Zeit hineintreiben. Es konnte auch noch der Keim in die griechisch-lateinische Zeit hineingetrieben werden. Dann setzte sich gleichsam die Kulturströmung fort nach dem Gesetze der Trägheit bis in unsere Zeit herein, und da versiegt sie.

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[ 10 ] Das muß man fühlen! Diejenigen, die zu unserer Geisteswissenschaft gehören, die könnten das seit nahezu zwanzig Jahren fühlen. Denn eine der ersten Bemerkungen, die ich gleich bei der Begründung unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung gemacht habe, ist diese: Wenn man dasjenige, was das Kulturleben der Menschheit äußerlich hervorbringt, was eben so weitertreibt, vergleichen will mit etwas, so kann man es vergleichen mit dem Stamm, den Blättern und Blüten und so weiter eines Baumes. Dasjenige aber, was wir hineinversetzen wollen in diese fortgehende Strömung, das läßt sich vergleichen mit dem Mark des Baumes, das muß verglichen werden mit den im Marke sich betätigenden Wachstumskräften. Ich wollte darauf aufmerksam machen, daß durch Geisteswissenschaft wiederum gesucht werden müsse, was, einst aus alter atavistischer Urweisheit überliefert, heute versiegt ist. Dieses Bewußtsein, so hineingestellt zu sein in die Welt, das ist es, was im Grunde genommen das Bewußtsein derjenigen ausmachen soll, die sich zur anthroposophischen Bewegung zählen. Aber noch eine andere Bemerkung habe ich gemacht, allerdings in den letzten Jahren besonders hier, sehr häufig aber auch an anderen Orten. Ich habe gesagt: Wenn man alles dasjenige, was man aus der heutigen Wissenschaft aufnehmen kann, nimmt und sich daraus eine Anschauungsweise bildet und diese Anschauungsweise anwendet zum Beispiel auf das soziale oder namentlich auch auf das geschichtliche Leben, so kann man dadurch nur die Niedergangserscheinungen fassen. Mit dem, was Naturwissenschaft uns lehrt als Betrachtungsweise, trifft man, wenn man Geschichte betrachtet, nur das, was in der Geschichte niedergeht, und wenn man es auf das soziale Leben anwendet, schafft man nur Niedergangserscheinungen.

[ 11 ] Was ich da im Laufe der Jahre gesagt habe, hätte im Grunde keine bessere Illustration finden können als die jetzt durch das Spenglersche Buch gegebene. Ein echt naturwissenschaftlich Betrachtender tritt auf, schreibt Geschichte und entdeckt durch diese Geschichtsschreibung, daß die Zivilisation des Abendlandes im Jahre 2200 stirbt. Er konnte im Grunde genommen nichts anderes entdecken. Denn erstens kann man mit naturwissenschaftlicher Betrachtungsweise überhaupt nur Niedergangserscheinungen schaffen oder entdecken, zweitens aber ist das ganze Abendland mit Bezug auf sein geistiges, politisches und soziales Leben ganz durchtränkt mit naturwissenschaftlichen Impulsen und ist dadurch in einer Niedergangsepoche drinnen. Um was es sich handelt, das ist, daß das, was bisher eine Kultur aus der anderen hervorgetrieben hat, versiegt ist, und daß im 3. Jahrtausend aus unserer niedergehenden abendländischen Zivilisation keine neue Zivilisation hervorgetrieben wird.

[ 12 ] Sie können noch so viele Nuancen sozialer Fragen aufwerfen, noch so viele Nuancen von Frauenfragen aufwerfen, noch so viele Versammlungen für diese oder jene Fragen halten, wenn Sie aus dem heraus, was aus Altem übertragen ist, Ihr Programm prägen, dann schaffen Sie etwas, was nur scheinbar ein Schaffen ist, und für das durchaus anwendbar sind die Ideen des Oswald Spengler.

[ 13 ] Die Sorge, von der ich gesprochen habe, von ihr muß deshalb gesprochen werden, weil es notwendig ist, daß nun eine ganz neue Initiationsweise beginnt aus dem menschlichen Willen, aus der menschlichen Freiheit heraus; weil in der Tat, wenn wir uns bloß auf die Außenwelt und auf das Überkommene verlassen, wir untergehen im Abendlande, wir in die Barbarei verfallen und wir nur aufwärtskommen können aus dem Willen heraus, aus dem Schöpferischen des Geistes heraus. Eine neue Initiationsweisheit muß einsetzen. Diese Initiationsweisheit, die in unserer Epoche ihren Anfang nehmen muß, wird ebenso wie die alte Initiationsweisheit, die nur allmählich dem Egoismus, der Selbstsucht und dem Vorurteil verfallen ist, ausgehen müssen von Sachlichkeit und Vorurteilslosigkeit und von Selbstlosigkeit. Sie wird von da aus alles durchdringen müssen.

[ 14 ] Dies kann man als eine Notwendigkeit einsehen. Man muß es als eine Notwendigkeit einsehen, wenn man tiefer hineinschaut in den heutigen unglückseligen Gang dieser abendländischen Zivilisation. Sieht man aber so hinein, so bemerkt man eben noch etwas anderes; man bemerkt, daß ein berechtigter Ruf in die Karikatur verzerrt wird. Und nun liegt die besondere Notwendigkeit vor, das Zur-Karikatur-Verzerrtwerden eines berechtigten Rufes gründlich einzusehen. Gewiß ist kein Ruf berechtigter in unserer Gegenwart als der nach Demokratie. Aber er wird zur Karikatur verzerrt, solange die Demokratie nicht erkannt wird als ein bloß für das rein politische, staatlichrechtliche Leben notwendiger Impuls, und solange nicht erkannt wird, daß davon abgegliedert werden muß das wirtschaftliche und das geistige Leben. Er wird zur Karikatur verzerrt, indem im Grunde genommen statt Sachlichkeit, das heißt Vorurteilslosigkeit und Selbstlosigkeit, heute Unsachlichkeit, nämlich persönliche Willkür sowohl über Wissenschaft wie im sozialen Leben, und Selbstsucht zu Kulturfaktoren gemacht werden. Alles wird in das Gebiet hineingezogen, das man gewöhnlich das politische nennt, in das Gebiet, in dem herrschen soll das Recht. Geschieht aber das, so verschwinden allmählich Sachlichkeit und Vorurteilslosigkeit, denn das geistige Leben kann nicht gedeihen, wenn es seine Richtung empfängt von dem politischen Leben. Es wird immer dadurch in das Vorurteil eingespannt. Und Selbstlosigkeit kann nicht gedeihen, wenn das wirtschaftliche Leben innerhalb des politischen steht, denn dann wird es notwendigerweise in die Selbstsucht hineingetrieben. Wird nun dasjenige, was Selbstlosigkeit auf wirtschaftlichem Gebiete erzeugen kann, das assoziative Leben, verdorben, so tendiert alles darauf hin, heute die Menschen in Vorurteilen und in Selbstsucht ihre Wege wandeln zu lassen. Und die Folge davon ist, daß sie gerade das abweisen, was Sachlichkeit und Selbstlosigkeit basieren muß: die Wissenschaft der Initiation. Im äußeren Leben ist heute alles dazu angetan, zurückzuweisen diese Wissenschaft der Initiation, die einzig und allein über das Jahr 2200 hinausführen kann.

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[ 15 ] Das ist die große Kultursorge, die einen überkommen kann, wenn man einen unbefangenen, nicht schläfrigen oder träumerischen Blick hineinwirft in die Geschehnisse der Gegenwart. Denn ich betrachte auf diesem Boden das Spenglersche Buch auch nur als ein Symptom. Gibt es denn eine Möglichkeit, heute etwa zu sagen: Nun ja, der Spengler hat sich geirrt, Kulturen sind gekommen, sind untergegangen, unsere wird untergehen, es wird aus ihr wiederum eine neue entstehen? — Nein, solch eine Widerlegung einer Anschauung wie der Spenglerschen gibt es überhaupt nicht. Sie ist ganz falsch gedacht. Denn die Zuversicht auf einen Aufstieg kann heute nicht auf dem Glauben aufgebaut werden, daß sich aus den Kulturen des Abendlandes etwas schon herausentwickeln werde. Nein, gerade wenn man auf diesem Glauben aufbaut, wird sich nichts herausentwickeln. Denn es ist einfach im Objektiven zunächst nichts vorhanden, was wie ein Same dasteht über den Beginn des 3. Jahrtausends hinaus, sondern da wir in Wirklichkeit in der fünften nachatlantischen Kulturepoche leben, muß erst ein Same geschaffen werden. Man kann daher zu den Leuten nicht sagen: Glaubt an die Götter, glaubt an das, glaubt an jenes, es wird schon gut gehen! — Das ist heute keine Widerlegung, sondern man muß heute zu den Leuten sagen: Diejenigen, die von Niedergangserscheinungen sprechen und sie sogar beweisen, die haben gegenüber dem, was in der Außenwelt lebt, recht. Aber daß sie nicht recht behalten, dafür muß jeder einzelne sorgen. Denn der Aufstieg kommt nicht aus dem Objektiven, der Aufstieg kommt aus dem Subjektiven des Willens. Ein jeder muß wollen und muß den Geist neu aufnehmen, und muß aus dem neu aufgenommenen Geiste der untergehenden Zivilisation selber einen neuen Antrieb geben, sonst geht sie unter. — Man kann also heute nicht an ein objektives Gesetz appellieren, man kann einzig und allein an den guten Willen der Menschen appellieren. Hier [in der Schweiz] ist ja, weil selbstverständlich die Dinge sich anders abgespielt haben, kaum von dem wirklichen Gang der Ereignisse etwas zu merken, obwohl er auch hier vorhanden ist. Kommt man aber über die Grenze nach Deutschland, dann tritt in allem, was man erleben kann, wenn man mit geistig-seelischem Auge schaut, das auf, was ich Ihnen eben jetzt charakterisiert habe. Dann tritt einem der große, furchtbar schmerzliche Kontrast vor die Seele zwischen der Notwendigkeit, die Initiationsweisheit einzuverleiben dem geistigen, dem rechtlichen, dem wirtschaftlichen Leben, und zwischen den perversen Instinkten, alles, was von dieser Seite kommt, zurückzuweisen. Es ist so, daß man heute, wenn man diesen Kontrast empfindet, wirklich lange nachdenkt, wie man ihn charakterisieren soll; und wer nicht leichtsinnig nach den Worten greift, dem werden heute die Worte gar nicht besonders leicht.

[ 16 ] Ich habe in Stuttgart über das Spenglersche Buch und im Zusammenhange damit über allerlei Erscheinungen der Gegenwart gesprochen und habe auch diesen Ausdruck im Sinne von «perversen Instinkten der Gegenwart» gebraucht; und ich muß sagen: Ich habe ihn heute wiederum gebraucht, weil ich ihn als den einzig angemessenen empfinde. Als ich damals vom Podium herabstieg, sprach mich einer von denjenigen Leuten an, die ja das Wort «pervers» in seiner terminologischen Bedeutung am besten verstehen, ein Arzt. Er war sehr betroffen, daß ich just dieses Wort gebrauchte. Aber die Betroffenheit ging, ich möchte sagen, aus sehr merkwürdigen Untergründen hervor. Man setzt im Grunde genommen heute gar nicht mehr voraus, daß jemand, der nur aus den Untergründen der Tatsachenwelt der Wirklichkeit heraus charakterisiert, mit Schmerz seine Worte wählt, sondern man setzt voraus, daß jeder die Worte so prägt, wie sie heute aus der Oberflächlichkeit des Zeitbewußtseins heraus geprägt werden. Und ich hatte dann ein Zwiegespräch mit jenem Arzte und sagte ihm dies und jenes, und er sagte dann dazu: Nun ja, dann bin ich froh, daß wenigstens der Ausdruck «pervers» nicht feuilletonistisch, belletristisch gemeint war! — Ich konnte nur sagen: Ganz gewiß ist das nicht der Fall, denn ich bin überhaupt nicht gewohnt, irgend etwas belletristisch oder feuilletonistisch zu meinen.

[ 17 ] Es handelte sich also darum, daß in der gegenwärtigen Verständigung der heutigen Menschen zunächst gar nicht mehr vorausgesetzt wird, daß es so etwas wie ein Schöpfen-aus-dem-Geiste geben könne, und daß jeder einfach glaubt, wenn man so etwas sagt wie «perverse Instinkte», daß man aus denselben Untergründen heraus redet wie der letztbeste Belletrist oder Feuilletonist. Denn, was heute belletristisch oder feuilletonistisch geredet wird, das beherrscht im Grunde genommen heute die Gemüter, und die Gemüter bilden sich daran. Und die Schwere der Ausdrücke prägen aus der Sache heraus — das wird dem Menschen gar nicht mehr bewußt. Gerade an einer solchen Erscheinung tritt einem der Kontrast entgegen zwischen dem, was so notwendig ist der heutigen Menschheit: einer wirklichen Vertiefung, die aber zurückgehen muß bis in die Untergründe der Initiationsweisheit, und dem, was heute durch die Karikatur der Demokratie auch als geistiges Leben zum Vorschein kommt. Die Leute sind viel zu bequem, erst irgend etwas in sich heraufzuholen von verborgenen Bewußtseinskräften. Jeder feuilletonisiert und belletristisiert darauf los, sei es bei Kaffeeklatsch, sei es beim Dämmerschoppen, sei es in der politischen Versammlung, sei es in den Parlamenten. Das hängt mit dem zusammen, was ich öfters gesagt habe, daß heute der Wortlaut nichts ist, daß aber dasjenige, was als Kraft des Geistes im Wortlaut zu verspüren ist, die Hauptsache ist. Geistreiche Dinge auszusprechen, ist heute das leichteste von der Welt, denn wir leben eben in einer sterbenden Kultur, wo die Geistreichigkeit den Leuten nur so zufließt. Aber den Geist, den wir brauchen, den Geist der Initiationsweisheit, den müssen die Menschen aus dem Willen herausholen. Und den werden sie nicht finden, wenn die Kraft dieser Initiationsweisheit nicht über sie, das heißt, über ihre Seelen kommt. Daher kann man nicht sagen: Man widerlegt solche Bücher wie das Spenglersche. — Man kann ein solches Buch natürlich charakterisieren: es ist aus naturwissenschaftlichem Geiste heraus geboren. — Aber das, was die anderen aus naturwissenschaftlichem Geiste heraus gebären, ist ja schließlich dasselbe. Also Spengler hat recht — wenn nicht hineinfährt in die Willenssphäre der Menschen dasjenige, was erst dieses Recht zum Unrecht macht! Man hat heute nicht die Bequemlichkeit mehr, zu beweisen, daß der Beweis des Unterganges falsch ist, sondern man muß das, was richtig ist, durch die Kraft des Willens zum Unrichtigen machen.

[ 18 ] Sie sehen, daß man scheinbar in ganz paradoxen Sätzen sprechen muß. Aber wir leben in dem Zeitalter, in dem die alten Vorurteile zertrümmert werden müssen, und in dem erkannt werden muß, daß wir aus den alten Vorurteilen heraus keine neue Welt schaffen können. Ist es nicht ganz selbstverständlich, daß die Leute an die Geisteswissenschaft herankommen und sich sagen: Das verstehen wir nicht? — Es ist so selbstverständlich wie irgend etwas. Denn, was sie verstehen, das haben sie gelernt, und was sie gelernt haben, ist Niedergang, das führt also in den Niedergang hinein. Es handelt sich also darum, nicht dasjenige aufzunehmen, was man ohne weiteres aus Niedergangserscheinungen heraus versteht, sondern das aufzunehmen, zu dessen Verständnis man sich erst heraufleben muß. Solcherart ist eben die Initiationsweisheit. Aber wie sollte man von denen, die heute Volkslehrer, Volksleiter oder dergleichen sein wollen, erwarten, daß sie einsehen, daß der Mensch das, was ihn heute urteilsfähig macht, erst heraufholen muß aus den unterbewußten Tiefen des Seelenlebens, daß das nicht schon da oben sitzt im Kopfe! Was aber in Wirklichkeit da oben sitzt im Kopfe, ist zerstörerisches Element.

[ 19 ] Das sind die Dinge, die einem überall da entgegentreten, wo schon die Konsequenzen gezogen sind des Niederganges, wo diese Konsequenzen des Niederganges schon an der Oberfläche liegen. Selbstverständlich, daß da, wo zunächst Scheinerfolge da sind, wo man nur nötig hat, auf diese Scheinerfolge zunächst hinzuschauen, daß da das, Bewußtsein von dem Niedergang der abendländischen Zivilisation ganz und gar nicht leicht auftreten kann, das ist ja begreiflich. Und so steht man heute durchaus gerade unter dem Eindrucke dieses Ihnen charakterisierten Kontrastes von der Notwendigkeit eines Einflusses der Initiationsweisheit in die ganze Zivilisation auf der einen Seite, und auf der anderen Seite von der Zurückweisung dieses Impulses. Es kann einfach nicht besser werden, wenn nicht in einer genügend großen Anzahl von Menschen das Bewußtsein auftritt von der Notwendigkeit dieses Einschlages von seiten der Initiationsweisheit. Gerade wenn man auf zeitweilige Besserung großen Wert legt, wird man die großen Linien des Niederganges nicht bemerken, wird sich darüber täuschen und wird um so mehr diesem Niedergange entgegengehen, indem man nicht das einzige Mittel ergreift, das es gibt: anzufachen einen neuen Geist aus dem Willen der Menschen heraus. Dieser Geist muß aber alles ergreifen. Dieser Geist darf vor allen Dingen nicht stehenbleiben bei irgendwelchen theoretischen Weltanschauungsfragen. Das wäre sogar eine sehr herbe Täuschung, wenn eine große Anzahl von Menschen, vielleicht gerade diejenigen, denen die neue Initiationsweisheit ein wenig gefällt und ein wenig innere seelische Wollust macht, wenn die glauben würden, es genüge, wenn man bloß als etwas seelisch-wohlbehagliches Gutes diese Initiationsweisheit treiben würde. Denn dadurch würde man es gerade erreichen, daß alles übrige äußerliche wirkliche Leben immer mehr und mehr in den Barbarismus hineingeht, und das bißchen Mystik, das auf diesem Wege erzielt werden könnte bei einer Anzahl von Menschen, die einen gewissen seelischen Hang zu unklarer Mystik haben, das würde gegenüber dem allgemeinen Barbarismus sehr, sehr bald verschwinden müssen. Überall hinein und vor allen Dingen in allem Ernste hinein in die einzelnen Zweige der Wissenschaft und des Unterrichtes muß dasjenige, was Initiationsweisheit ist, und vor allen Dingen auch in die wesentlichsten Gebiete des praktischen Lebens, insbesondere des praktischen Wollens. Im Grunde genommen ist alles verlorene Zeit, was heute nicht aus dem Impulse der Initiationsweisheit heraus gewollt wird. Denn alle Kraft, die man auf anderes Wollen verwendet, hält im Grunde genommen nur auf, weil man sich zufrieden gibt mit solchem Willenssurrogat. Statt Zeit und Kraft in dieser Weise zu verschwenden, sollte man alles, was man an Zeit und Kraft hat, anwenden, um den Impuls der Initiationsweisheit in die verschiedenen Zweige des Erkennens und Lebens hineinzutragen.

[ 20 ] Was mit den Impulsen des Alten rollt — niemand wird es in seinem Rollen aufhalten, und man sollte schon ein wenig hinschauen, wie in der Jugend, zunächst der der besiegten Länder, noch fortwallt eine ganz undefinierbare Erfülltheit mit alten Schlagworten, alten Chauvinismen oder dergleichen. Diese Jugend kommt schon gar nicht in Betracht. Aber die Jugend kommt in Betracht, auf der heute der ganze Schmerz des Niederganges ruht. Und sie ist vorhanden. Sie ist es, deren Wollen zunächst gebrochen werden könnte durch solche Theorien wie die des Spenglerschen Buches. Daher nannte ich in Stuttgart dieses Oswald Spenglersche Buch ein geistvolles, aber furchtbares Buch, ein Buch, das die furchtbarsten Gefahren birgt, denn es ist so geistvoll, daß es in der Tat vor den Menschen einen Nebel hinzaubert, insbesondere vor die Jugend.

[ 21 ] Die Widerlegungen müssen aus einem ganz anderen 'Ton heraus kommen als dem, an den man gewöhnt ist, wenn man von solchen Sachen spricht, und niemals kann es ein Glaube an das oder jenes sein, was retten könnte. Man verweist ja heute billigerweise die Menschen an einen solchen Glauben und sagt ihnen: Glaubt nur an die guten Kräfte der Menschen und so weiter, dann wird schon auch die neue Kultur wie mit einer neuen Jugend kommen. — Nein, heute kann es sich nicht um den Glauben handeln, heute handelt es sich um das Wollen, und zum Wollen spricht die Geisteswissenschaft. Daher versteht sie derjenige nicht, der sie bloß durch einen Glauben oder als eine Theorie aufnehmen will. Der nur versteht sie, der da weiß, wie sie an das Wollen appelliert, an das Wollen in der tiefsten Herzenskammer, wenn der Mensch still in Einsamkeit mit sich ist, und an das Wollen, wenn der Mensch im Lebenskampfe steht und im Lebenskampfe seinen Menschen zu stellen hat. Nicht ohne daß das Wollen angestrebt wird, kann die Geisteswissenschaft begriffen werden. Ich sagte Ihnen, wer meine «Geheimwissenschaft im Umriß», liest, so wie man heute einen Roman liest oder ein anderes Buch, wer nur passiv sich hingeben will, für den ist diese «Geheimwissenschaft» ein Gestrüpp von Worten, sind es im Grunde genommen auch meine anderen Bücher. Nur demjenigen, der weiß, daß in jedem Augenblick, wo er sich der Lektüre hingibt, er aus seinen eigenen Seelentiefen heraus durch sein intimstes Wollen etwas schaffen muß, wozu die Bücher der anregende Impuls sein wollen, nur dem gelingt es, diese Bücher wie Partituren zu betrachten und das eigentliche Musikstück aus ihnen erst zu gewinnen im eigenen Erleben der Seele. Dieses eigene aktive Erleben der Seele aber brauchen wir.