Healing Factors for the Social Organism
GA 198
2 July 1920, Dornach
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Healing Factors for the Social Organism, tr. SOL
Neunter Vortrag
Ninth Lecture
[ 1 ] Wer heute in Deutschland sich ein wenig umsieht und nicht auf Äußerlichkeiten geht, sondern mit dem Auge der Seele sieht, wer also nicht allein ins Auge faßt, was sich etwa dem Besucher darbietet, der ja in der Regel die Verhältnisse während seines Besuches gar nicht kennenlernt, wer nicht dabei stehenbleibt, daß wiederum einige Schornsteine rauchen, daß die Eisenbahnzüge zur rechten Zeit an ihrem Bestimmungsorte ankommen, sondern wer etwas in die geistige Verfassung hineinzuschauen vermag, dem bietet sich heute ein Bild, das symptomatisch ist nicht für dieses Territorium allein — denn das könnte vielleicht noch von der einen oder von der anderen Seite weniger bedenklich beleuchtet werden —, sondern für den ganzen Verfall unserer Weltkultur im gegenwärtigen Zyklus der Menschheit. Ich möchte heute gerade auf ein geistig-seelisches Symptom Sie einleitend hinweisen, das bedeutsamer ist, als viele schlafende Seelen auch in Deutschland sich träumen lassen.
[ 1 ] Anyone who looks around a bit in Germany today and does not focus on outward appearances, but rather sees with the eye of the soul—that is, anyone who does not merely take in what presents itself to the visitor, who, as a rule, does not even get to know the actual conditions during their visit; anyone who does not stop at the fact that a few chimneys are smoking again, that the trains arrive at their destinations on time, but who is able to look into the spiritual state of mind—to such a person a picture presents itself today that is symptomatic not only of this territory—for that might perhaps be viewed in a less alarming light from one side or the other—but of the entire decline of our world culture in the present cycle of humanity. I would like to begin today by drawing your attention to a spiritual-psychic symptom that is more significant than many slumbering souls, even in Germany, would care to imagine.
[ 2 ] Innerhalb des alten Deutschland herrscht ja heute Verfall, Niedergang, und die äußerlichen Dinge, die ich natürlich nur zum Teil aufgezählt habe, können nicht über diesen Niedergang täuschen. Aber das alles ist in geistig-seelischer Beziehung nicht das, worauf ich jetzt hinweisen möchte, denn Verfall sehen wir vielfach im Laufe der Weltgeschichte auftreten, und aus dem Verfall sehen wir dann wiederum die Aufgangsimpulse herausquellen. Aber wer zunächst äußerlich urteilt, wer von dem, was oftmals erfahren worden ist, aus einem Gewohnheitsurteil heraus sich sagt: Nun, das wird schon auch hier in derselben Weise wiederum so sein wie früher —, der sieht doch nicht auf gewisse tieferliegende Symptome. Ein solches Symptom, aber eben nur eines von vielen, ein geistig-seelisches, das ich hervorheben möchte, ist der merkwürdige Eindruck, den ein Buch hervorgerufen hat, ich meine das Buch «Der Untergang des Abendlandes» von Oswald Spengler, welches schon dadurch symptomatisch ist, daß es in unserer Zeit hat entstehen können. Es ist ein dickes Buch und es ist ein vielgelesenes Buch, ein namentlich unter der jungen Generation des heutigen deutschen Territoriums außerordentlich eindrucksvolles Buch. Und das Merkwürdige ist: der Verfasser erzählt ausdrücklich, daß er die Grundidee dieses Buches nicht etwa gefaßt habe während des Krieges oder nach dem Kriege, sondern daß er diese Grundidee schon einige Jahre vor der Katastrophe vom Jahre 1914 gefaßt hat.
[ 2 ] Today, old Germany is indeed in a state of decay and decline, and the external factors—which, of course, I have listed only in part—cannot hide this decline. But in spiritual and psychological terms, that is not what I wish to point out now, for we see decay occurring frequently throughout world history, and from that decay we then see the impulses of renewal spring forth. But anyone who judges primarily on the basis of outward appearances, anyone who, based on what has often been experienced and out of a habitual judgment, says to themselves: “Well, things will surely be the same here again as they were before”—such a person fails to see certain deeper symptoms. One such symptom—though just one of many—a spiritual-psychological one that I would like to highlight, is the remarkable impression made by a book; I am referring to Oswald Spengler’s *The Decline of the West*, which is symptomatic simply by virtue of the fact that it was able to come into being in our time. It is a thick book and a widely read one, a book that has made an extraordinary impression, particularly among the younger generation in what is now Germany. And what is remarkable is this: the author explicitly states that he did not conceive the basic idea of this book during the war or after the war, but rather that he had already conceived this basic idea several years before the catastrophe of 1914.
[ 3 ] Das Buch macht einen sehr bedeutsamen Eindruck gerade auf die junge Generation. Und wenn man in seinen Empfindungen versucht, aus dem heraus zu sprechen, was da vorhanden ist, so tritt einem, ich möchte sagen, unter den Imponderabilien des Lebens, so zwischen den Zeilen des Lebens dies ganz besonders stark entgegen. Ich hatte einen Vortrag zu halten vor den Stuttgarter Studenten der Technischen Hochschule, und ich ging eigentlich zu diesem Vortrage durchaus unter dem Eindrucke des Buches von Oswald Spengler «Der Untergang des Abendlandes». Es ist ein sehr dickes Buch. Dicke Bücher sind jetzt in Deutschland teuer; dennoch wird es viel gelesen. Daß sie teuer sind, das kann ich Ihnen daran veranschaulichen, daß ein Reclam-Heftchen, das 1914 noch zwanzig Pfennig gekostet hat, jetzt eine Mark und fünfundvierzig Pfennig kostet. Bücher sind ja nicht in demselben Verhältnisse gestiegen wie Bier, das wohl das Zehnfache des Preises von 1914 kostet, Fett sogar das Dreißigfache. Bücher müssen sich immer in bescheidenen Grenzen halten, selbst wenn solch unhaltbare wirtschaftliche Verhältnisse zugrunde liegen. Aber immerhin zeigt auch der Preisaufschlag der Bücher, was in den wirtschaftlichen Untergründen der letzten Jahre sich vollzogen hat.
[ 3 ] The book makes a very profound impression, especially on the younger generation. And when one tries to express, through one’s feelings, what is present there, it strikes one—I would say—among the imponderables of life, so to speak, between the lines of life, with particular intensity. I was scheduled to give a lecture to the students at the Technical University in Stuttgart, and I actually went to that lecture still deeply under the influence of Oswald Spengler’s book *The Decline of the West*. It is a very thick book. Thick books are expensive in Germany these days; yet they are widely read. I can illustrate just how expensive they are by pointing out that a Reclam paperback, which cost twenty pfennigs in 1914, now costs one mark and forty-five pfennigs. Books, of course, have not risen in price at the same rate as beer, which now costs about ten times what it did in 1914, or lard, which costs thirty times as much. Books must always remain within modest limits, even when such untenable economic conditions prevail. But at any rate, the price increase of books also reveals what has been taking place in the economic undercurrents of recent years.
[ 4 ] Das Buch von Oswald Spengler habe ich bei einem meiner öffentlichen Vorträge in Stuttgart sehr ernst genommen, aber auch sehr ernst bekämpft. Dieses Buch ist im Grunde genommen seinem Inhalte nach bald charakterisiert. Es stellt dar, wie die Kultur des Abendlandes heute an einem Punkte angekommen ist, an welchem die untergegangenen Kulturen, wenn man sie nacheinander studiert, im alten Morgenlande, in Griechenland und Rom, auch einmal in einem gewissen Zeitabschnitte angekommen waren; und Spengler rechnet aus, daß dieses völlige Untergehen der gesamten abendländischen Kultur nach strenger historischer Rechnung mit dem Jahre 2200 vollendet sein müsse. Aber heute kommt es nicht nur auf den Inhalt einer solchen Sache an, sondern ebenso stark wie auf den Inhalt auf die geistig-seelischen Qualitäten eines Buches. Heute kommt es darauf an, ob der Verfasser, gleichgültig welcher Weltanschauungstendenz er angehört, geistige Qualitäten hat, ob er eine geistig ernst zu nehmende und vielleicht sogar geistig hoch einzuschätzende Persönlichkeit ist. Das ist ohne Zweifel der Verfasser des Buches, denn der Mann beherrscht, man darf sagen vielleicht zehn bis fünfzehn gegenwärtige Wissenschaften vollstänständig. Der Mann hat ein eindringliches Urteil über das, was im historischen Werden, so weit die Geschichte reicht, sich ereignet hat, und er hat auch, was ja die jetzigen Menschen eigentlich fast gar nicht haben, einen gesunden Blick für die Niedergangserscheinungen der gegenwärtigen Zivilisationen. Es ist im Grunde genommen ein großer Unterschied zwischen einem Spengler und all denjenigen Leuten, die heute gar nicht fühlen, was Niedergangsimpulse sind und alle möglichen Veranstaltungen treffen, um aus den Niedergangsurteilen heraus, was ja unmöglich ist, irgendeine Aufgangserscheinung abzuleiten. Wäre es nicht zum Herzschmerzbekommen, so wäre es eigentlich humoristisch, wie sehr die Menschen heute mit den altgewohnten, aber eben von Niedergangsimpulsen durchzogenen Ideen sich versammeln und glauben, aus dem Niedergange heraus durch allerlei Programme Aufgangserscheinungen schaffen zu können. Solch einem Wahnaberglauben gibt sich aber ein Mensch, der nun wirklich etwas weiß, wie Oswald Spengler, eben nicht hin, sondern er rechnet gewissermaßen — ich möchte sagen als strenger Mathematiker — die Geschwindigkeit der Niedergangserscheinungen aus, und mit einem Urteil, das wahrhaftig mehr als eine vage Prophetie ist, kommt er dazu, abzuleiten, wie bis zum Jahre 2200 diese abendländische Kultur in die vollständige Barbarei verfallen sein müsse.
[ 4 ] I took Oswald Spengler’s book very seriously during one of my public lectures in Stuttgart, but I also vigorously opposed it. The book’s content can essentially be summarized quite quickly. It describes how Western culture has now reached a point that the vanished cultures—when studied in succession—in the ancient East, in Greece, and in Rome had also once reached during certain periods of their history; and Spengler calculates that, according to a strict historical reckoning, this complete decline of the entire Western culture must be completed by the year 2200. But today, it is not only the content of such a work that matters, but just as much—if not more—the spiritual and emotional qualities of a book. Today, what matters is whether the author—regardless of his ideological leanings—possesses intellectual qualities, whether he is a personality to be taken seriously intellectually and perhaps even held in high intellectual esteem. The author of this book is undoubtedly such a person, for the man has a complete command of—one might say—perhaps ten to fifteen contemporary fields of scholarship. He has a penetrating judgment regarding what has transpired in the course of history, as far back as history extends, and he also possesses—something that people today almost entirely lack—a sound insight into the signs of decline in contemporary civilizations. Fundamentally, there is a great difference between someone like Spengler and all those people today who have no sense at all of what the impulses of decline are, and who go to all sorts of lengths to derive some sign of renewal from these judgments of decline—which is, of course, impossible. If it weren’t so heartbreaking, it would actually be humorous to see how people today cling to their old, familiar ideas—ideas that are, in fact, permeated by impulses of decline—and believe they can create signs of renewal out of decline through all sorts of programs. But a person who truly knows something—such as Oswald Spengler—does not succumb to such delusional superstition; rather, he calculates, so to speak—I would say as a rigorous mathematician—the rate of these signs of decline, and with a judgment that is truly more than a vague prophecy, he concludes that by the year 2200, this Western culture must have fallen into complete barbarism.
[ 5 ] Es ist dieses Zusammentreffen des äußerlich, namentlich auf geistig-seelischem Gebiete überall auftretenden Niederganges mit der Auffassung eines ernst zu nehmenden Theoretikers, daß dieser Niedergang ein notwendiger sei, ein solcher, der sich mit einer gewissen natürlichhistorischen Gesetzmäßigkeit vollzieht, es ist dieses Zusammentreffen das Merkwürdige an diesem Buche und es ist dieses Zusammentreffen dasjenige, was eigentlich auf die junge Generation einen besonderen Eindruck macht. Man hat heute nicht-nur Niedergangserscheinungen, man hat auch schon Theorien, welche diesen Niedergang als notwendig bezeichnen, ihn als streng wissenschaftlich erweislich darstellen. Man hat mit anderen Worten nicht nur den Niedergang, man hat eine Theorie des Niederganges, und zwar eine sehr ernst zu nehmende Theorie. Und man möchte fragen: Woher sollen die Kräfte kommen, jene innerlichen Willenskräfte, welche die Menschen anspornen, aus sich heraus zu einem Aufstieg zu kommen, wenn die Besten aus ihren Theorien heraus, aus einem umfassenden Überblicke über zehn bis fünfzehn Wissenschaften der Gegenwart heraus dahin kommen, mit alledem, was diese Wissenschaften enthüllen wollen über den Gang der Natur und der Menschheit, zu sagen: Dieser Niedergang ist nicht nur da, dieser Niedergang läßt sich beweisen wie irgendein physikalischer Vorgang! — Das heißt, es beginnt bereits die Zeit, wo der Glaube an den Niedergang nicht von den Schlechtesten vertreten wird. Man muß immer wieder und wiederum betonen, wie ernst eigentlich die Zeit ist, und wie fehlerhaft es ist, diesen Ernst der Zeit zu verschlafen, zu verträumen.
[ 5 ] It is this convergence of the decline that is evident everywhere—particularly in the intellectual and spiritual realms—with the view of a serious theorist that this decline is a necessary one, one that unfolds according to a certain natural-historical law, it is this convergence that makes this book so remarkable, and it is this convergence that actually makes a particular impression on the younger generation. Today we have not only signs of decline; we also already have theories that describe this decline as necessary and present it as strictly scientifically provable. In other words, we have not only the decline itself, but also a theory of decline—and a theory that must be taken very seriously. And one might ask: Where are the forces to come from—those inner forces of will that spur people on to rise up from within themselves—when the best minds, based on their theories and a comprehensive overview of ten to fifteen contemporary sciences, arrive at the conclusion, with all that these sciences seek to reveal about the course of nature and humanity, to say: “This decline is not merely a matter of perception; it can be proven just like any physical process!” — In other words, the time is already beginning when belief in decline is no longer held only by the worst among us. One must emphasize again and again just how serious the times actually are, and how mistaken it is to sleep through this gravity of the times, to let it slip away in a dreamlike state.
[ 6 ] Man kann nicht anders, wenn man sich den ganzen Ernst dieser Lage vor Augen führt, als sich doch die Frage aufzuwerfen: Wie muß eigentlich unser Denken orientiert werden, damit der Pessimismus gegenüber der abendländischen Zivilisation nicht als etwas Selbstverständliches erscheine und der Glaube an den Aufstieg als ein Aberglaube sich offenbare? Man muß fragen: Gibt es etwas, das aus diesem Pessimismus noch herausführen kann? Gerade die Art und Weise, wie Spengler zu seinen Resultaten kommt, ist für den Geisteswissenschafter im höchsten Grade interessant. Spengler betrachtet die einzelnen Kulturen nicht so scharf abgegrenzt, wie wir es zum Beispiel für die nachatlantische Zeit tun, indem wir unterscheiden: urindische, urpersische, chaldäisch-ägyptische, griechisch-lateinische und neuzeitliche Kulturen. Es steht ihm eben Geisteswissenschaft nicht zur Verfügung; aber er betrachtet doch in einer gewissen Weise auch solche Kulturen. Und er betrachtet sie mit dem Blicke des Naturforschers. Er betrachtet sie mit denjenigen Methoden, welche im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte in der abendländischen Zivilisation heraufgezogen sind und welche im weitesten Umkreise diejenigen Geister ergriffen haben, die nicht am altherkömmlichen traditionellen, katholischen, evangelischen, mosaischen und so weiter Glaubensbekenntnis in Engigkeit befangen bleiben. Oswald Spengler ist sozusagen ein Mensch, der ganz und gar durchsetzt ist mit der materialistischen modernen Naturforschung. Und nun betrachtet er in seiner Art das Auf- und Absteigen der Kulturen — orientalische, indische, persische, griechische, römische Kultur, Kultur des jetzigen Abendlandes — wie bei einem Organismus, der eine gewisse Kindheit durchmacht, ein gewisses Reifezeitalter erlebt, dann ein Altern durchmacht, und nachdem er gealtert ist, stirbt. So betrachtet Spengler die einzelnen Kulturen: sie machen ihre Kindheit durch, ein Reifezeitalter, eine Zeit des Alterns und sterben dann ab. Und der Todestag unserer abendländischen gegenwärtigen Zivilisation wäre eben das Jahr 2200.
[ 6 ] When one considers the full gravity of this situation, one cannot help but ask: How, exactly, must our thinking be oriented so that pessimism toward Western civilization does not appear to be a matter of course, and so that belief in progress is revealed as superstition? One must ask: Is there anything that can still lead us out of this pessimism? It is precisely the way in which Spengler arrives at his conclusions that is of the utmost interest to the scholar of the humanities. Spengler does not view individual cultures as sharply delineated as we do, for example, in the post-Atlantic era, when we distinguish between Proto-Indian, Proto-Persian, Chaldean-Egyptian, Greco-Latin, and modern cultures. He simply does not have the humanities at his disposal; yet, in a certain sense, he does consider such cultures as well. And he examines them through the eyes of a natural scientist. He examines them using the methods that have emerged in Western civilization over the course of the last three to four centuries and that have taken hold, in the broadest sense, among those minds that are not confined by the narrow bounds of the traditional, Catholic, Protestant, Mosaic, and so on creeds. Oswald Spengler is, so to speak, a man who is thoroughly imbued with modern, materialistic natural science. And now, in his own way, he views the rise and fall of cultures—Oriental, Indian, Persian, Greek, Roman, and the culture of the present-day West—as if they were organisms that go through a certain childhood, experience a certain age of maturity, then undergo aging, and, after they have aged, die. This is how Spengler views individual cultures: they go through a childhood, an age of maturity, a period of aging, and then die out. And the day of death for our current Western civilization would be the year 2200.


[ 7 ] Das Buch ist zunächst nur im ersten Bande vorliegend. Wer nun diesen ersten Band auf sich wirken läßt, findet eine streng theoretische Rechtfertigung des Niederganges, den streng theoretischen Beweis des Niederganges, aber nirgends irgendeinen Lichtfunken, der hinwiese auf irgendeinen Aufgang, nirgends etwas, was auf irgendeinen Aufstieg hindeutete. Und man kann nicht einmal sagen, daß für den naturwissenschaftlichen Betrachter dies eine unrichtige Denk weise sei. Denn betrachtet man das heutige Leben — obwohl alle möglichen Fragen auftauchen, die Fragen, über die Nietzsche sich schon lustig gemacht hat —, und gibt man sich nicht dem Wahne hin, daß aus wesenlosen Programmen Zukunftsfrüchte reifen können, dann sieht man auch zunächst in dem, was die Mehrzahl der Menschen in der Außenwelt anerkennt, nirgends einen Aufstieg erscheinen. Betrachtet man also die aufsteigende und niedergehende Kultur wie Organismen und betrachtet man dann auch unsere Kultur als einen Organismus, unsere ganze abendländische Zivilisation, dann kann man nicht anders, als sagen: Das Abendland geht zugrunde, geht in die Barbarei hinein. Nichts vermag zu entscheiden, wo irgendein neuer Aufstieg, irgendein anderes Zentrum der Welt sich wiederum erzeigen werde.
[ 7 ] The book is currently available only as Volume 1. Anyone who now allows this first volume to sink in will find a strictly theoretical justification for the decline, the strictly theoretical proof of the decline, but nowhere any glimmer of light pointing to any rise, nowhere anything that hinted at any ascent. And one cannot even say that, for the observer of the natural sciences, this is an incorrect way of thinking. For if one considers life today—even though all manner of questions arise, the very questions Nietzsche has already mocked—and does not succumb to the delusion that the fruits of the future can ripen from insubstantial programs, then one sees, at first glance, no sign of ascent in what the majority of people recognize in the external world. If, then, one regards rising and declining cultures as organisms, and if one also regards our culture as an organism—our entire Western civilization—then one cannot help but say: The West is perishing, descending into barbarism. Nothing can determine where any new rise, any other center of the world, will emerge again.
[ 8 ] Es ist das Spenglersche Buch ein Buch mit geistigen Qualitäten, aus scharfer Beobachtung herrührend und aus einem wirklichen Durchdrungensein mit der heutigen Wissenschaftlichkeit heraus geschrieben, und nur der gewöhnliche Lebensleichtsinn kann über solche Dinge oberflächlich hinwegsehen. Wenn solch eine Erscheinung kommt, dann tritt eben jene historische Sorge auf in dem Weltenbetrachter, von welcher ich hier des öfteren gesprochen habe und welche ich mit den folgenden Worten kurz zusammenfassend charakterisieren kann. Wer heute sich wirklich bekanntmacht mit dem inneren Wesen dessen, was im sozialen, im politischen, im geistigen Leben wirkt, wer da sieht, wie alles das, was wirkt, nach dem Niedergang hinstrebt, der muß sich sagen, wenn er nun Geisteswissenschaft kennt, wie sie hier gemeint ist: Eine Heilung kann es nur geben, wenn dasjenige, was man die Weisheit der Initiation nennt, in die Menschheitsentwickelung hineinfließt. — Denn denken wir uns einmal diese Weisheit der Initiation fort, denken wir einmal, das, was wir hier in gutem Sinne geistige Anschauung nennen, würde von der Menschheit vollständig außer acht gelassen, würde verbannt, würde keine Rolle spielen im weiteren Fortgange der Menschheitsentwickelung, — was würde die notwendige Folge sein müssen? Sehen Sie, wenn wir hinschauen auf die alte indische Kultur, so hat sie wie ein Organismus einen Kindheitszustand, Reife, Altern, Verfall, Tod; dann setzt sie sich fort. Aber das, was sie fortsetzt, lebt ja nicht in Wirklichkeit mehr. Wir haben dann die persische, die chaldäischägyptische, die griechisch-lateinische, unsere Zeit; aber immer haben wir etwas, was Oswald Spengler nicht berücksichtigt hat, was er eigentlich als streng naturwissenschaftlicher Beobachter nicht berücksichtigen konnte. Es ist ihm das vorgeworfen worden von einigen seiner Gegner. Denn einiges ist auch schon gegen das Buch von Spengler geschrieben worden, sogar manches, was gescheiter ist als der außerordentlich einfältige Artikel, den Benedetto Croce geschrieben hat gegen das Spenglersche Buch. Croce, der sonst immer Gescheites geschrieben hat, ist an dem Spenglerschen Buche plötzlich zum Toren geworden. Es ist Spengler also vorgeworfen worden, daß ja die Kulturen immer nicht nur Kindheit, Reife, Verfall, Tod haben, sondern daß sie sich fortsetzen, und so werde es auch mit der unsrigen sein: wenn sie eines seligen Todes sterbe im Jahre 2200, so werde sie sich schon wiederum fortsetzen. — Es ist dabei nur das Eigentümliche zu beachten, daß Spengler eben ein guter naturwissenschaftlicher Beobachter ist und deshalb keine Fortsetzungsmomente findet, daß er daher nicht von einem Samen sprechen kann, der etwa in unserer Kultur drinnen ist, sondern nur von den Niedergangserscheinungen, die sich ihm, dem naturwissenschaftlichen Beobachter, darbieten. Und diejenigen, die davon sprechen, daß sich die Kulturen fortsetzen, haben auch nichts besonders Gescheites gerade über dieses Buch zu sagen gewußt. Ein ganz junger Mann hat eine etwas verschwommene Mystik vorgebracht, in der er von «Weltrhythmus» spricht; aber auch damit ist eben nur eine verschwommene Mystik geschaffen, nicht irgend etwas, was den bewiesenen Pessimismus in einen Optimismus verwandelt hätte. So geht eigentlich aus dem Spenglerschen Buche nur hervor, daß der Untergang kommen wird, nicht aber ein Aufstieg erfolgen könne.
[ 8 ] Spengler’s book is a work of intellectual merit, born of keen observation and written from a genuine immersion in contemporary scholarship; only the casual indifference of everyday life can overlook such things superficially. When such a phenomenon arises, precisely that historical concern emerges in the observer of the world—the one I have often spoken of here—which I can briefly characterize with the following words. Anyone today who truly familiarizes themselves with the inner nature of what is at work in social, political, and spiritual life—anyone who sees how everything that is active is striving toward decline—must say to themselves, if they now know spiritual science as it is meant here: There can be healing only if what is called the wisdom of initiation flows into human evolution. — For let us imagine for a moment that this wisdom of initiation were to cease to exist; let us imagine that what we here call, in the best sense, spiritual insight were to be completely disregarded by humanity, banished, and play no role in the further course of human development—what would the inevitable consequence have to be? You see, when we look at ancient Indian culture, it has, like an organism, a state of childhood, maturity, aging, decay, and death; then it continues. But what it continues is, in reality, no longer alive. We then have the Persian, the Chaldean-Egyptian, the Greco-Latin, and our own era; but there is always something that Oswald Spengler did not take into account—something he, as a strictly scientific observer, could not have taken into account. He has been criticized for this by some of his opponents. For quite a bit has already been written against Spengler’s book—even some of it more intelligent than the extraordinarily simplistic article Benedetto Croce wrote against Spengler’s book. Croce, who otherwise always wrote intelligently, suddenly became a fool when it came to Spengler’s book. Spengler has thus been accused of failing to recognize that cultures do not merely undergo childhood, maturity, decline, and death, but that they continue on, and so it will be with ours as well: if it were to die a blessed death in the year 2200, it would simply continue on once again. — The only peculiar thing to note here is that Spengler is, in fact, a keen scientific observer and therefore finds no signs of continuity; consequently, he cannot speak of a seed that might be present within our culture, but only of the signs of decline that present themselves to him, the scientific observer. And those who speak of cultures continuing have not had anything particularly insightful to say about this book in particular. A very young man has put forward a somewhat vague mysticism in which he speaks of a “world rhythm”; but even this merely creates a vague mysticism, not anything that would have transformed the proven pessimism into optimism. Thus, what actually emerges from Spengler’s book is only that decline will come, but that an ascent cannot take place.
[ 9 ] Was Spengler tut, ist, daß er naturwissenschaftlich betrachtet: Kindheitsalter des Kultur- oder Zivilisationsorganismus, Reifezeit, Verfall, Altern, Tod in den verschiedenen Zeitaltern betrachtet er so, wie man auch naturwissenschaftlich im Grunde genommen einzig und allein betrachten kann. Aber wer etwas weiter auszuschauen vermag, der weiß, daß im alten indischen Leben außer dem Außerlichen der Zivilisation die Mysterienweisheit, die Initiationsweisheit der Urzeiten gelebt hat. Und diese Initiationsweisheit der Urzeiten, die in Indien noch mächtig war, sie hat wiederum den neuen Keim in die persische Kultur hineingetrieben. Die persischen Mysterien waren schon schwächer, aber sie konnten noch den Keim in die ägyptisch-chaldäische Zeit hineintreiben. Es konnte auch noch der Keim in die griechisch-lateinische Zeit hineingetrieben werden. Dann setzte sich gleichsam die Kulturströmung fort nach dem Gesetze der Trägheit bis in unsere Zeit herein, und da versiegt sie.
[ 9 ] What Spengler does is view things from a scientific perspective: he examines the childhood, maturity, decline, aging, and death of the cultural or civilizational organism across the various eras in the only way that is fundamentally possible from a scientific standpoint. But anyone capable of looking a little further knows that in ancient Indian life, beyond the outward aspects of civilization, the wisdom of the mysteries—the initiatory wisdom of primeval times—was still alive. And this initiatory wisdom of primeval times, which was still powerful in India, in turn planted a new seed within Persian culture. The Persian mysteries were already weaker, but they were still able to plant the seed in the Egyptian-Chaldean era. The seed was also able to be planted in the Greek-Latin era. Then, as it were, the cultural current continued, following the law of inertia, right into our own time, and there it dries up.


[ 10 ] Das muß man fühlen! Diejenigen, die zu unserer Geisteswissenschaft gehören, die könnten das seit nahezu zwanzig Jahren fühlen. Denn eine der ersten Bemerkungen, die ich gleich bei der Begründung unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung gemacht habe, ist diese: Wenn man dasjenige, was das Kulturleben der Menschheit äußerlich hervorbringt, was eben so weitertreibt, vergleichen will mit etwas, so kann man es vergleichen mit dem Stamm, den Blättern und Blüten und so weiter eines Baumes. Dasjenige aber, was wir hineinversetzen wollen in diese fortgehende Strömung, das läßt sich vergleichen mit dem Mark des Baumes, das muß verglichen werden mit den im Marke sich betätigenden Wachstumskräften. Ich wollte darauf aufmerksam machen, daß durch Geisteswissenschaft wiederum gesucht werden müsse, was, einst aus alter atavistischer Urweisheit überliefert, heute versiegt ist. Dieses Bewußtsein, so hineingestellt zu sein in die Welt, das ist es, was im Grunde genommen das Bewußtsein derjenigen ausmachen soll, die sich zur anthroposophischen Bewegung zählen. Aber noch eine andere Bemerkung habe ich gemacht, allerdings in den letzten Jahren besonders hier, sehr häufig aber auch an anderen Orten. Ich habe gesagt: Wenn man alles dasjenige, was man aus der heutigen Wissenschaft aufnehmen kann, nimmt und sich daraus eine Anschauungsweise bildet und diese Anschauungsweise anwendet zum Beispiel auf das soziale oder namentlich auch auf das geschichtliche Leben, so kann man dadurch nur die Niedergangserscheinungen fassen. Mit dem, was Naturwissenschaft uns lehrt als Betrachtungsweise, trifft man, wenn man Geschichte betrachtet, nur das, was in der Geschichte niedergeht, und wenn man es auf das soziale Leben anwendet, schafft man nur Niedergangserscheinungen.
[ 10 ] You have to feel this! Those who belong to our spiritual science have been able to feel this for nearly twenty years. For one of the first remarks I made right at the outset of our spiritual science movement was this: If one wants to compare what human cultural life produces outwardly—what drives it forward—to something, one can compare it to the trunk, the leaves, the blossoms, and so on of a tree. But what we wish to infuse into this ongoing current can be compared to the sap of the tree; it must be compared to the growth forces at work within the sap. I wanted to draw attention to the fact that spiritual science must once again seek out what was once handed down from ancient, atavistic primordial wisdom but has now dried up. This awareness of being placed within the world in this way—that is what, in essence, should constitute the consciousness of those who count themselves among the anthroposophical movement. But I have made yet another remark—admittedly, particularly here in recent years, but very frequently in other places as well. I have said: If one takes everything that can be gleaned from modern science, forms a perspective from it, and applies this perspective, for example, to social life or, in particular, to historical life, one can thereby grasp only the phenomena of decline. When one applies the approach taught by the natural sciences to history, one captures only what is in decline in history; and when one applies it to social life, one creates only phenomena of decline.
[ 11 ] Was ich da im Laufe der Jahre gesagt habe, hätte im Grunde keine bessere Illustration finden können als die jetzt durch das Spenglersche Buch gegebene. Ein echt naturwissenschaftlich Betrachtender tritt auf, schreibt Geschichte und entdeckt durch diese Geschichtsschreibung, daß die Zivilisation des Abendlandes im Jahre 2200 stirbt. Er konnte im Grunde genommen nichts anderes entdecken. Denn erstens kann man mit naturwissenschaftlicher Betrachtungsweise überhaupt nur Niedergangserscheinungen schaffen oder entdecken, zweitens aber ist das ganze Abendland mit Bezug auf sein geistiges, politisches und soziales Leben ganz durchtränkt mit naturwissenschaftlichen Impulsen und ist dadurch in einer Niedergangsepoche drinnen. Um was es sich handelt, das ist, daß das, was bisher eine Kultur aus der anderen hervorgetrieben hat, versiegt ist, und daß im 3. Jahrtausend aus unserer niedergehenden abendländischen Zivilisation keine neue Zivilisation hervorgetrieben wird.
[ 11 ] What I have said on this subject over the years could not, in essence, have found a better illustration than that now provided by Spengler’s book. A true scientist steps forward, writes history, and discovers through this historiography that Western civilization will die in the year 2200. In essence, he could not have discovered anything else. For, first of all, a scientific approach can only create or discover signs of decline; secondly, the entire Western world—in terms of its intellectual, political, and social life—is thoroughly permeated by scientific impulses and is thus in an era of decline. The crux of the matter is that what has hitherto driven one culture out of another has dried up, and that in the third millennium, no new civilization will emerge from our declining Western civilization.
[ 12 ] Sie können noch so viele Nuancen sozialer Fragen aufwerfen, noch so viele Nuancen von Frauenfragen aufwerfen, noch so viele Versammlungen für diese oder jene Fragen halten, wenn Sie aus dem heraus, was aus Altem übertragen ist, Ihr Programm prägen, dann schaffen Sie etwas, was nur scheinbar ein Schaffen ist, und für das durchaus anwendbar sind die Ideen des Oswald Spengler.
[ 12 ] No matter how many nuances of social issues you raise, no matter how many nuances of women’s issues you raise, no matter how many meetings you hold on this or that issue—if you shape your program based on what has been handed down from the past, then you are creating something that is only seemingly a creation, and to which Oswald Spengler’s ideas are entirely applicable.
[ 13 ] Die Sorge, von der ich gesprochen habe, von ihr muß deshalb gesprochen werden, weil es notwendig ist, daß nun eine ganz neue Initiationsweise beginnt aus dem menschlichen Willen, aus der menschlichen Freiheit heraus; weil in der Tat, wenn wir uns bloß auf die Außenwelt und auf das Überkommene verlassen, wir untergehen im Abendlande, wir in die Barbarei verfallen und wir nur aufwärtskommen können aus dem Willen heraus, aus dem Schöpferischen des Geistes heraus. Eine neue Initiationsweisheit muß einsetzen. Diese Initiationsweisheit, die in unserer Epoche ihren Anfang nehmen muß, wird ebenso wie die alte Initiationsweisheit, die nur allmählich dem Egoismus, der Selbstsucht und dem Vorurteil verfallen ist, ausgehen müssen von Sachlichkeit und Vorurteilslosigkeit und von Selbstlosigkeit. Sie wird von da aus alles durchdringen müssen.
[ 13 ] The concern I have spoken of must be addressed because it is necessary that a completely new form of initiation now begin, arising from human will and human freedom; because, in fact, if we rely solely on the external world and on tradition, we will perish in the West, we will sink into barbarism, and we can rise again only through the will, through the creative power of the spirit. A new wisdom of initiation must take hold. This wisdom of initiation, which must begin in our era, will—just like the old wisdom of initiation, which only gradually succumbed to egoism, selfishness, and prejudice—have to spring from objectivity, impartiality, and selflessness. From there, it will have to permeate everything.
[ 14 ] Dies kann man als eine Notwendigkeit einsehen. Man muß es als eine Notwendigkeit einsehen, wenn man tiefer hineinschaut in den heutigen unglückseligen Gang dieser abendländischen Zivilisation. Sieht man aber so hinein, so bemerkt man eben noch etwas anderes; man bemerkt, daß ein berechtigter Ruf in die Karikatur verzerrt wird. Und nun liegt die besondere Notwendigkeit vor, das Zur-Karikatur-Verzerrtwerden eines berechtigten Rufes gründlich einzusehen. Gewiß ist kein Ruf berechtigter in unserer Gegenwart als der nach Demokratie. Aber er wird zur Karikatur verzerrt, solange die Demokratie nicht erkannt wird als ein bloß für das rein politische, staatlichrechtliche Leben notwendiger Impuls, und solange nicht erkannt wird, daß davon abgegliedert werden muß das wirtschaftliche und das geistige Leben. Er wird zur Karikatur verzerrt, indem im Grunde genommen statt Sachlichkeit, das heißt Vorurteilslosigkeit und Selbstlosigkeit, heute Unsachlichkeit, nämlich persönliche Willkür sowohl über Wissenschaft wie im sozialen Leben, und Selbstsucht zu Kulturfaktoren gemacht werden. Alles wird in das Gebiet hineingezogen, das man gewöhnlich das politische nennt, in das Gebiet, in dem herrschen soll das Recht. Geschieht aber das, so verschwinden allmählich Sachlichkeit und Vorurteilslosigkeit, denn das geistige Leben kann nicht gedeihen, wenn es seine Richtung empfängt von dem politischen Leben. Es wird immer dadurch in das Vorurteil eingespannt. Und Selbstlosigkeit kann nicht gedeihen, wenn das wirtschaftliche Leben innerhalb des politischen steht, denn dann wird es notwendigerweise in die Selbstsucht hineingetrieben. Wird nun dasjenige, was Selbstlosigkeit auf wirtschaftlichem Gebiete erzeugen kann, das assoziative Leben, verdorben, so tendiert alles darauf hin, heute die Menschen in Vorurteilen und in Selbstsucht ihre Wege wandeln zu lassen. Und die Folge davon ist, daß sie gerade das abweisen, was Sachlichkeit und Selbstlosigkeit basieren muß: die Wissenschaft der Initiation. Im äußeren Leben ist heute alles dazu angetan, zurückzuweisen diese Wissenschaft der Initiation, die einzig und allein über das Jahr 2200 hinausführen kann.
[ 14 ] One can see this as a necessity. One must see it as a necessity if one looks more deeply into the current unfortunate course of this Western civilization. But when one looks at it this way, one notices something else as well; one notices that a legitimate call is being distorted into a caricature. And now there is a particular need to thoroughly understand how a legitimate call is being distorted into a caricature. Certainly, no call is more legitimate in our time than the call for democracy. But it is distorted into a caricature as long as democracy is not recognized as an impulse necessary solely for purely political and constitutional life, and as long as it is not recognized that economic and spiritual life must be separated from it. It is distorted into a caricature because, fundamentally, instead of objectivity—that is, impartiality and selflessness—today subjectivity, namely personal arbitrariness in both science and social life, and selfishness are being elevated to the status of cultural factors. Everything is drawn into the realm commonly called the political, the realm in which the rule of law is supposed to prevail. But when this happens, objectivity and impartiality gradually disappear, for intellectual life cannot flourish if it derives its direction from political life. It is thereby always bound up in prejudice. And selflessness cannot flourish if economic life is subsumed within the political, for then it is necessarily driven into selfishness. If, then, that which can generate selflessness in the economic sphere—associative life—is corrupted, everything tends today toward allowing people to walk their paths in prejudice and selfishness. And the consequence of this is that they reject precisely what objectivity and selflessness must be based upon: the science of initiation. In outer life today, everything is geared toward rejecting this science of initiation, which alone can lead us beyond the year 2200.


[ 15 ] Das ist die große Kultursorge, die einen überkommen kann, wenn man einen unbefangenen, nicht schläfrigen oder träumerischen Blick hineinwirft in die Geschehnisse der Gegenwart. Denn ich betrachte auf diesem Boden das Spenglersche Buch auch nur als ein Symptom. Gibt es denn eine Möglichkeit, heute etwa zu sagen: Nun ja, der Spengler hat sich geirrt, Kulturen sind gekommen, sind untergegangen, unsere wird untergehen, es wird aus ihr wiederum eine neue entstehen? — Nein, solch eine Widerlegung einer Anschauung wie der Spenglerschen gibt es überhaupt nicht. Sie ist ganz falsch gedacht. Denn die Zuversicht auf einen Aufstieg kann heute nicht auf dem Glauben aufgebaut werden, daß sich aus den Kulturen des Abendlandes etwas schon herausentwickeln werde. Nein, gerade wenn man auf diesem Glauben aufbaut, wird sich nichts herausentwickeln. Denn es ist einfach im Objektiven zunächst nichts vorhanden, was wie ein Same dasteht über den Beginn des 3. Jahrtausends hinaus, sondern da wir in Wirklichkeit in der fünften nachatlantischen Kulturepoche leben, muß erst ein Same geschaffen werden. Man kann daher zu den Leuten nicht sagen: Glaubt an die Götter, glaubt an das, glaubt an jenes, es wird schon gut gehen! — Das ist heute keine Widerlegung, sondern man muß heute zu den Leuten sagen: Diejenigen, die von Niedergangserscheinungen sprechen und sie sogar beweisen, die haben gegenüber dem, was in der Außenwelt lebt, recht. Aber daß sie nicht recht behalten, dafür muß jeder einzelne sorgen. Denn der Aufstieg kommt nicht aus dem Objektiven, der Aufstieg kommt aus dem Subjektiven des Willens. Ein jeder muß wollen und muß den Geist neu aufnehmen, und muß aus dem neu aufgenommenen Geiste der untergehenden Zivilisation selber einen neuen Antrieb geben, sonst geht sie unter. — Man kann also heute nicht an ein objektives Gesetz appellieren, man kann einzig und allein an den guten Willen der Menschen appellieren. Hier [in der Schweiz] ist ja, weil selbstverständlich die Dinge sich anders abgespielt haben, kaum von dem wirklichen Gang der Ereignisse etwas zu merken, obwohl er auch hier vorhanden ist. Kommt man aber über die Grenze nach Deutschland, dann tritt in allem, was man erleben kann, wenn man mit geistig-seelischem Auge schaut, das auf, was ich Ihnen eben jetzt charakterisiert habe. Dann tritt einem der große, furchtbar schmerzliche Kontrast vor die Seele zwischen der Notwendigkeit, die Initiationsweisheit einzuverleiben dem geistigen, dem rechtlichen, dem wirtschaftlichen Leben, und zwischen den perversen Instinkten, alles, was von dieser Seite kommt, zurückzuweisen. Es ist so, daß man heute, wenn man diesen Kontrast empfindet, wirklich lange nachdenkt, wie man ihn charakterisieren soll; und wer nicht leichtsinnig nach den Worten greift, dem werden heute die Worte gar nicht besonders leicht.
[ 15 ] This is the great cultural anxiety that can overcome one when one casts an unbiased, alert—rather than sleepy or dreamy—glance at current events. For, in this context, I regard Spengler’s book as nothing more than a symptom. Is there any way today to say, for example: “Well, Spengler was wrong; cultures have risen and fallen, ours will fall, and a new one will emerge from it? — No, there is no such refutation of a view like Spengler’s at all. It is based on a completely false premise. For confidence in an ascent cannot today be built on the belief that something will already develop out of the cultures of the West. No, it is precisely when one builds on this belief that nothing will develop. For objectively speaking, there is simply nothing present at this point that stands as a seed beyond the beginning of the third millennium; rather, since we are in fact living in the fifth post-Atlantean cultural epoch, a seed must first be created. One cannot therefore say to people: Believe in the gods, believe in this, believe in that—it will all work out! — That is no refutation today; rather, one must say to people today: Those who speak of signs of decline and even prove them are right with regard to what exists in the external world. But it is up to each individual to ensure that they are not proven right. For the ascent does not come from the objective; the ascent comes from the subjective realm of the will. Each person must will and must take up the spirit anew, and must, from the newly taken-up spirit of the declining civilization itself, provide a new impetus; otherwise, it will perish. — So today one cannot appeal to an objective law; one can appeal solely to the good will of human beings. Here [in Switzerland], since things have naturally unfolded differently, there is hardly any sign of the actual course of events, even though it is present here as well. But when one crosses the border into Germany, everything one experiences—if one looks with the spiritual-soul eye—reveals precisely what I have just described to you. Then the great, terribly painful contrast presents itself to one’s soul: between the necessity of incorporating the wisdom of initiation into spiritual, legal, and economic life, and the perverse instincts to reject everything that comes from this side. The fact is that today, when one senses this contrast, one really has to think long and hard about how to characterize it; and for those who do not resort to words lightly, finding the right words is by no means an easy task today.
[ 16 ] Ich habe in Stuttgart über das Spenglersche Buch und im Zusammenhange damit über allerlei Erscheinungen der Gegenwart gesprochen und habe auch diesen Ausdruck im Sinne von «perversen Instinkten der Gegenwart» gebraucht; und ich muß sagen: Ich habe ihn heute wiederum gebraucht, weil ich ihn als den einzig angemessenen empfinde. Als ich damals vom Podium herabstieg, sprach mich einer von denjenigen Leuten an, die ja das Wort «pervers» in seiner terminologischen Bedeutung am besten verstehen, ein Arzt. Er war sehr betroffen, daß ich just dieses Wort gebrauchte. Aber die Betroffenheit ging, ich möchte sagen, aus sehr merkwürdigen Untergründen hervor. Man setzt im Grunde genommen heute gar nicht mehr voraus, daß jemand, der nur aus den Untergründen der Tatsachenwelt der Wirklichkeit heraus charakterisiert, mit Schmerz seine Worte wählt, sondern man setzt voraus, daß jeder die Worte so prägt, wie sie heute aus der Oberflächlichkeit des Zeitbewußtseins heraus geprägt werden. Und ich hatte dann ein Zwiegespräch mit jenem Arzte und sagte ihm dies und jenes, und er sagte dann dazu: Nun ja, dann bin ich froh, daß wenigstens der Ausdruck «pervers» nicht feuilletonistisch, belletristisch gemeint war! — Ich konnte nur sagen: Ganz gewiß ist das nicht der Fall, denn ich bin überhaupt nicht gewohnt, irgend etwas belletristisch oder feuilletonistisch zu meinen.
[ 16 ] In Stuttgart, I spoke about Spengler’s book and, in that context, about all sorts of contemporary phenomena, and I also used this term to mean “the perverse instincts of the present”; and I must say: I used it again today because I feel it is the only appropriate one. When I stepped down from the podium that day, one of those people who best understand the word “perverse” in its technical sense—a doctor—approached me. He was very taken aback that I had used precisely this word. But his consternation, I would say, stemmed from very peculiar underlying reasons. Basically, people today no longer assume that someone who characterizes things solely from the depths of the factual world of reality chooses his words with care; rather, they assume that everyone shapes their words the way they are shaped today out of the superficiality of contemporary consciousness. And I then had a conversation with that doctor and told him this and that, and he replied: “Well, then I’m glad that at least the term ‘perverse’ wasn’t meant in a sensationalist or literary sense!” — I could only say: “That is certainly not the case, for I am not at all accustomed to meaning anything in a literary or sensationalist way.”
[ 17 ] Es handelte sich also darum, daß in der gegenwärtigen Verständigung der heutigen Menschen zunächst gar nicht mehr vorausgesetzt wird, daß es so etwas wie ein Schöpfen-aus-dem-Geiste geben könne, und daß jeder einfach glaubt, wenn man so etwas sagt wie «perverse Instinkte», daß man aus denselben Untergründen heraus redet wie der letztbeste Belletrist oder Feuilletonist. Denn, was heute belletristisch oder feuilletonistisch geredet wird, das beherrscht im Grunde genommen heute die Gemüter, und die Gemüter bilden sich daran. Und die Schwere der Ausdrücke prägen aus der Sache heraus — das wird dem Menschen gar nicht mehr bewußt. Gerade an einer solchen Erscheinung tritt einem der Kontrast entgegen zwischen dem, was so notwendig ist der heutigen Menschheit: einer wirklichen Vertiefung, die aber zurückgehen muß bis in die Untergründe der Initiationsweisheit, und dem, was heute durch die Karikatur der Demokratie auch als geistiges Leben zum Vorschein kommt. Die Leute sind viel zu bequem, erst irgend etwas in sich heraufzuholen von verborgenen Bewußtseinskräften. Jeder feuilletonisiert und belletristisiert darauf los, sei es bei Kaffeeklatsch, sei es beim Dämmerschoppen, sei es in der politischen Versammlung, sei es in den Parlamenten. Das hängt mit dem zusammen, was ich öfters gesagt habe, daß heute der Wortlaut nichts ist, daß aber dasjenige, was als Kraft des Geistes im Wortlaut zu verspüren ist, die Hauptsache ist. Geistreiche Dinge auszusprechen, ist heute das leichteste von der Welt, denn wir leben eben in einer sterbenden Kultur, wo die Geistreichigkeit den Leuten nur so zufließt. Aber den Geist, den wir brauchen, den Geist der Initiationsweisheit, den müssen die Menschen aus dem Willen herausholen. Und den werden sie nicht finden, wenn die Kraft dieser Initiationsweisheit nicht über sie, das heißt, über ihre Seelen kommt. Daher kann man nicht sagen: Man widerlegt solche Bücher wie das Spenglersche. — Man kann ein solches Buch natürlich charakterisieren: es ist aus naturwissenschaftlichem Geiste heraus geboren. — Aber das, was die anderen aus naturwissenschaftlichem Geiste heraus gebären, ist ja schließlich dasselbe. Also Spengler hat recht — wenn nicht hineinfährt in die Willenssphäre der Menschen dasjenige, was erst dieses Recht zum Unrecht macht! Man hat heute nicht die Bequemlichkeit mehr, zu beweisen, daß der Beweis des Unterganges falsch ist, sondern man muß das, was richtig ist, durch die Kraft des Willens zum Unrichtigen machen.
[ 17 ] The point, then, is that in the current way of thinking among people today, it is no longer even assumed that there could be such a thing as “creating from the spirit,” and that when someone says something like “perverse instincts,” everyone simply assumes they are speaking from the same underlying assumptions as the run-of-the-mill fiction writer or feature columnist. For what is discussed today in fiction or in the arts and culture sections essentially dominates people’s minds, and their minds are shaped by it. And the weight of these expressions shapes people’s understanding of the matter itself—a fact of which people are no longer even aware. It is precisely in such a phenomenon that one encounters the contrast between what is so necessary for humanity today—a genuine deepening that must, however, go back to the depths of initiatory wisdom—and what emerges today as “spiritual life” through the caricature of democracy. People are far too complacent to even attempt to draw up within themselves any of these hidden powers of consciousness. Everyone goes on and on, turning everything into sensationalized gossip or fiction—whether at coffee parties, at happy hour, in political meetings, or in parliaments. This ties in with what I have often said: that today the wording itself is meaningless, but what can be felt as the power of the spirit within the wording is the main thing. To utter witty remarks is the easiest thing in the world today, for we live in a dying culture where wit simply flows to people. But the spirit we need—the spirit of initiatory wisdom—people must draw from their own will. And they will not find it unless the power of this initiatory wisdom comes upon them—that is, upon their souls. Therefore, one cannot say: “One refutes books such as Spengler’s.”—One can, of course, characterize such a book: it is born of the spirit of the natural sciences.—But what others bring forth from the spirit of the natural sciences is, after all, the same thing. So Spengler is right—unless that which turns this right into wrong penetrates into the sphere of human will! Today, one no longer has the luxury of proving that the argument for decline is false; rather, one must use the power of the will to turn what is true into falsehood.
[ 18 ] Sie sehen, daß man scheinbar in ganz paradoxen Sätzen sprechen muß. Aber wir leben in dem Zeitalter, in dem die alten Vorurteile zertrümmert werden müssen, und in dem erkannt werden muß, daß wir aus den alten Vorurteilen heraus keine neue Welt schaffen können. Ist es nicht ganz selbstverständlich, daß die Leute an die Geisteswissenschaft herankommen und sich sagen: Das verstehen wir nicht? — Es ist so selbstverständlich wie irgend etwas. Denn, was sie verstehen, das haben sie gelernt, und was sie gelernt haben, ist Niedergang, das führt also in den Niedergang hinein. Es handelt sich also darum, nicht dasjenige aufzunehmen, was man ohne weiteres aus Niedergangserscheinungen heraus versteht, sondern das aufzunehmen, zu dessen Verständnis man sich erst heraufleben muß. Solcherart ist eben die Initiationsweisheit. Aber wie sollte man von denen, die heute Volkslehrer, Volksleiter oder dergleichen sein wollen, erwarten, daß sie einsehen, daß der Mensch das, was ihn heute urteilsfähig macht, erst heraufholen muß aus den unterbewußten Tiefen des Seelenlebens, daß das nicht schon da oben sitzt im Kopfe! Was aber in Wirklichkeit da oben sitzt im Kopfe, ist zerstörerisches Element.
[ 18 ] You see that one apparently has to speak in completely paradoxical terms. But we live in an age in which old prejudices must be shattered, and in which we must recognize that we cannot create a new world based on those old prejudices. Isn’t it perfectly natural for people to encounter spiritual science and say to themselves: “We don’t understand this”? — It is as self-evident as anything. For what they understand is what they have learned, and what they have learned is decline; it therefore leads into decline. The point, then, is not to take in what one readily understands from manifestations of decline, but to take in that which one must first rise up to in order to understand. Such is the nature of initiatory wisdom. But how can one expect those who today wish to be teachers of the people, leaders of the people, or the like, to realize that what enables a person today to exercise judgment must first be drawn up from the subconscious depths of the soul’s life—that it is not already sitting up there in the head! What actually sits up there in the head, however, is a destructive element.
[ 19 ] Das sind die Dinge, die einem überall da entgegentreten, wo schon die Konsequenzen gezogen sind des Niederganges, wo diese Konsequenzen des Niederganges schon an der Oberfläche liegen. Selbstverständlich, daß da, wo zunächst Scheinerfolge da sind, wo man nur nötig hat, auf diese Scheinerfolge zunächst hinzuschauen, daß da das, Bewußtsein von dem Niedergang der abendländischen Zivilisation ganz und gar nicht leicht auftreten kann, das ist ja begreiflich. Und so steht man heute durchaus gerade unter dem Eindrucke dieses Ihnen charakterisierten Kontrastes von der Notwendigkeit eines Einflusses der Initiationsweisheit in die ganze Zivilisation auf der einen Seite, und auf der anderen Seite von der Zurückweisung dieses Impulses. Es kann einfach nicht besser werden, wenn nicht in einer genügend großen Anzahl von Menschen das Bewußtsein auftritt von der Notwendigkeit dieses Einschlages von seiten der Initiationsweisheit. Gerade wenn man auf zeitweilige Besserung großen Wert legt, wird man die großen Linien des Niederganges nicht bemerken, wird sich darüber täuschen und wird um so mehr diesem Niedergange entgegengehen, indem man nicht das einzige Mittel ergreift, das es gibt: anzufachen einen neuen Geist aus dem Willen der Menschen heraus. Dieser Geist muß aber alles ergreifen. Dieser Geist darf vor allen Dingen nicht stehenbleiben bei irgendwelchen theoretischen Weltanschauungsfragen. Das wäre sogar eine sehr herbe Täuschung, wenn eine große Anzahl von Menschen, vielleicht gerade diejenigen, denen die neue Initiationsweisheit ein wenig gefällt und ein wenig innere seelische Wollust macht, wenn die glauben würden, es genüge, wenn man bloß als etwas seelisch-wohlbehagliches Gutes diese Initiationsweisheit treiben würde. Denn dadurch würde man es gerade erreichen, daß alles übrige äußerliche wirkliche Leben immer mehr und mehr in den Barbarismus hineingeht, und das bißchen Mystik, das auf diesem Wege erzielt werden könnte bei einer Anzahl von Menschen, die einen gewissen seelischen Hang zu unklarer Mystik haben, das würde gegenüber dem allgemeinen Barbarismus sehr, sehr bald verschwinden müssen. Überall hinein und vor allen Dingen in allem Ernste hinein in die einzelnen Zweige der Wissenschaft und des Unterrichtes muß dasjenige, was Initiationsweisheit ist, und vor allen Dingen auch in die wesentlichsten Gebiete des praktischen Lebens, insbesondere des praktischen Wollens. Im Grunde genommen ist alles verlorene Zeit, was heute nicht aus dem Impulse der Initiationsweisheit heraus gewollt wird. Denn alle Kraft, die man auf anderes Wollen verwendet, hält im Grunde genommen nur auf, weil man sich zufrieden gibt mit solchem Willenssurrogat. Statt Zeit und Kraft in dieser Weise zu verschwenden, sollte man alles, was man an Zeit und Kraft hat, anwenden, um den Impuls der Initiationsweisheit in die verschiedenen Zweige des Erkennens und Lebens hineinzutragen.
[ 19 ] These are the things one encounters everywhere where the consequences of decline have already been drawn, where these consequences of decline are already evident on the surface. Of course, it is understandable that where there are initial apparent successes—where one need only look at these apparent successes at first glance—the awareness of the decline of Western civilization cannot easily arise at all. And so today we are very much under the impression of this contrast I have described to you: on the one hand, the necessity of the influence of initiatory wisdom on the entire civilization, and on the other hand, the rejection of this impulse. Things simply cannot get better unless a sufficiently large number of people become aware of the necessity of this influence from initiatory wisdom. Precisely when one attaches great importance to temporary improvements, one fails to notice the broad outlines of decline, is deceived by them, and moves all the more toward this decline by failing to seize the only means available: to kindle a new spirit arising from the will of human beings. But this spirit must take hold of everything. Above all, this spirit must not remain stuck in theoretical questions of worldview. It would indeed be a very bitter delusion if a large number of people—perhaps precisely those who find the new wisdom of initiation somewhat appealing and who derive a little inner spiritual pleasure from it—were to believe that it is enough simply to pursue this wisdom of initiation as something spiritually comforting and pleasant. For this would lead precisely to the rest of external, real life sinking deeper and deeper into barbarism, and the little bit of mysticism that might be achieved in this way among a number of people who have a certain spiritual inclination toward vague mysticism would very, very soon have to disappear in the face of general barbarism. What constitutes initiatory wisdom must permeate everywhere—and above all, in all seriousness—the individual branches of science and education, and above all the most essential areas of practical life, especially practical volition. Fundamentally, anything that is not willed today out of the impulse of initiatory wisdom is a waste of time. For all the energy one expends on other forms of will is, in essence, merely a hindrance, because one is content with such a surrogate for true will. Instead of wasting time and energy in this way, one should devote all one’s time and energy to carrying the impulse of initiatory wisdom into the various branches of knowledge and life.
[ 20 ] Was mit den Impulsen des Alten rollt — niemand wird es in seinem Rollen aufhalten, und man sollte schon ein wenig hinschauen, wie in der Jugend, zunächst der der besiegten Länder, noch fortwallt eine ganz undefinierbare Erfülltheit mit alten Schlagworten, alten Chauvinismen oder dergleichen. Diese Jugend kommt schon gar nicht in Betracht. Aber die Jugend kommt in Betracht, auf der heute der ganze Schmerz des Niederganges ruht. Und sie ist vorhanden. Sie ist es, deren Wollen zunächst gebrochen werden könnte durch solche Theorien wie die des Spenglerschen Buches. Daher nannte ich in Stuttgart dieses Oswald Spenglersche Buch ein geistvolles, aber furchtbares Buch, ein Buch, das die furchtbarsten Gefahren birgt, denn es ist so geistvoll, daß es in der Tat vor den Menschen einen Nebel hinzaubert, insbesondere vor die Jugend.
[ 20 ] Whatever is set in motion by the impulses of the old—no one will be able to stop it in its tracks, and one should take a closer look at how, among the youth—especially in the defeated countries—an indefinable sense of fulfillment still surges, fueled by old slogans, old chauvinism, or the like. That youth is certainly out of the question. But the youth upon whom the full weight of the pain of decline rests today is worth considering. And they exist. It is their will that could first be broken by theories such as those in Spengler’s book. That is why, in Stuttgart, I called this book by Oswald Spengler a brilliant but terrible book, a book that harbors the most terrible dangers, for it is so brilliant that it indeed conjures up a fog before people’s eyes—especially before the eyes of the youth.
[ 21 ] Die Widerlegungen müssen aus einem ganz anderen 'Ton heraus kommen als dem, an den man gewöhnt ist, wenn man von solchen Sachen spricht, und niemals kann es ein Glaube an das oder jenes sein, was retten könnte. Man verweist ja heute billigerweise die Menschen an einen solchen Glauben und sagt ihnen: Glaubt nur an die guten Kräfte der Menschen und so weiter, dann wird schon auch die neue Kultur wie mit einer neuen Jugend kommen. — Nein, heute kann es sich nicht um den Glauben handeln, heute handelt es sich um das Wollen, und zum Wollen spricht die Geisteswissenschaft. Daher versteht sie derjenige nicht, der sie bloß durch einen Glauben oder als eine Theorie aufnehmen will. Der nur versteht sie, der da weiß, wie sie an das Wollen appelliert, an das Wollen in der tiefsten Herzenskammer, wenn der Mensch still in Einsamkeit mit sich ist, und an das Wollen, wenn der Mensch im Lebenskampfe steht und im Lebenskampfe seinen Menschen zu stellen hat. Nicht ohne daß das Wollen angestrebt wird, kann die Geisteswissenschaft begriffen werden. Ich sagte Ihnen, wer meine «Geheimwissenschaft im Umriß», liest, so wie man heute einen Roman liest oder ein anderes Buch, wer nur passiv sich hingeben will, für den ist diese «Geheimwissenschaft» ein Gestrüpp von Worten, sind es im Grunde genommen auch meine anderen Bücher. Nur demjenigen, der weiß, daß in jedem Augenblick, wo er sich der Lektüre hingibt, er aus seinen eigenen Seelentiefen heraus durch sein intimstes Wollen etwas schaffen muß, wozu die Bücher der anregende Impuls sein wollen, nur dem gelingt es, diese Bücher wie Partituren zu betrachten und das eigentliche Musikstück aus ihnen erst zu gewinnen im eigenen Erleben der Seele. Dieses eigene aktive Erleben der Seele aber brauchen wir.
[ 21 ] The rebuttals must be presented in a completely different “tone” than the one we are accustomed to when discussing such matters, and it can never be a belief in this or that which might save us. After all, people today are often told, quite reasonably, to place their faith in such things and are told: Just believe in the good forces within people and so on, and then the new culture will surely come, as if with a new generation. — No, today it cannot be a matter of faith; today it is a matter of will, and spiritual science speaks to the will. That is why it is not understood by those who wish to accept it merely as a matter of faith or as a theory. It is understood only by those who know how it appeals to the will—to the will in the deepest chamber of the heart, when a person is quietly alone with themselves, and to the will when a person is in the struggle of life and must face their humanity in that struggle. Spiritual science cannot be understood without striving for this will. I told you that for anyone who reads my *Outline of Esoteric Science* the way one reads a novel or any other book today—for anyone who merely wishes to surrender to it passively—this *Outline of Esoteric Science* is a tangle of words; and, in essence, so are my other books as well. Only those who know that in every moment they devote themselves to reading, they must create something from the depths of their own soul through their most intimate will—for which the books are meant to serve as a stimulating impulse—only they succeed in viewing these books as musical scores and in deriving the actual piece of music from them through their own soul’s experience. But it is this active experience of the soul that we need.
