Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Heilfaktoren für den sozialen Organismus
GA 198

3 Juli 1920, Dornach

Zehnter Vortrag

[ 1 ] Gestern versuchte ich darzulegen, in welch einem Zeitenernste wir eigentlich drinnenstehen, an einer Betrachtung oder durch eine Betrachtung, die anknüpfte an das Oswald Spenglersche Buch «Der Untergang des Abendlandes». Ich bemerkte, daß denjenigen, der solche Dinge heute mit dem dazu nötigen Ernst zu nehmen weiß, eine große Kultursorge überkommen müsse, jene Kultursorge, die sich in einer ganz bestimmten Weise charakterisieren läßt, nämlich die Sorge, die daraus hervorgeht, daß unsere Zivilisation nicht weiter sich entwickeln kann ohne einen Einschlag, der von seiten der Initiationswissenschaft der Welt wird, daß es also nötig sei, daß alles Tun, alles Wollen der Menschen befruchtet werde durch dasjenige, was heute geistig erschaut werden kann. Dann, wenn die Schwelle, die da ist zwischen der physischen und überphysischen Welt, überschritten wird aus jenem Wissen, das nichts entnehmen kann der physischen Welt, das aber durch und durch aufklärend wirkt für diese physische Welt, müssen aus diesem Wissen auch die Antriebe kommen zum sozialen Leben in der Gegenwart und in der nächsten Zukunft. Und es ist eigentlich heute der Mensch veranlaßt, alles als antiquiert zu betrachten, was hereinragt aus der althergebrachten Kulturströmung; er ist veranlaßt, tatsächlich alle Fragen, die es heute geben kann, in den Gesichtswinkel hineinzurücken, der gegeben ist durch diese Initiationswissenschaft. Die Kultursorge ergibt sich dann, wenn man daneben sieht, wie von allen Seiten gegen dasjenige, was sich geltend machen will als solche Initiationsweisheit, angestürmt wird, und wie alle äußeren Zivilisationskräfte in der Gegenwart eigentlich darauf gerichtet sind, solche Initiationswissenschaft nicht zu einem realen Faktor in unserer Zivilisation werden zu lassen. Da stehen sich eben Notwendigkeit und Ablehnung in der denkbar schroffsten Weise fast auf allen Gebieten unseres heutigen Lebens gegenüber, und man möchte gerade an diejenigen immer wieder erneut Appelle richten, welche es wenigstens in ihrem Herzen ernst nehmen können mit der Forderung nach einem Neuaufbau unseres Kultur- und Zivilisationslebens. Statt dessen sehen wir, daß wegen der Schläfrigkeit gerade der fortgeschrittensten Teile der gegenwärtigen Menschheit jene allerdings wachenden Persönlichkeiten und Gruppen immer die Oberhand gewinnen, welche ganz bestimmte spirituelle Impulse aus der Vergangenheit in die Gegenwart wie Schatten herübertragen und welche trotz allem genau wissen, was sie eigentlich wollen. Während also diejenigen, die sich heute fortschrittlich nennen, sich zersplittern in einzelnen Fragen, sich zersplittern in den oder jenen Programmen, die kaum weitersehen, als die Nase gewachsen ist, sehen wir überall die alten spirituellen Strömungen, die bereits hinlänglich gezeigt haben, wie sie die moderne Zivilisation in eine Katastrophe hineinführen mußten, überall am Werke, und wir sehen sie, ich möchte sagen, «glücklich» am Werke. Das ist etwas, das nicht hinlänglich genug von allen Seiten eigentlich betrachtet werden kann, und auf das man immer wiederum und wiederum von neuem zurückkommen sollte.

[ 2 ] Ich habe Ihnen öfters eine Bemerkung bei verschiedenen Gelegenheiten gemacht. Ich habe gesagt: Wenn man heute bekannt wird mit dem, was aus der heutigen Initiation heraus sich ergeben kann, was man heute wissen kann, aus den Entwickelungsbedingungen der Menschheit heraus wissen kann über die geistige Welt und ihren Zusammenhang mit der physischen Welt, so gerät man eigentlich erst in das rechte Erstaunen gegenüber dem, was überliefert worden ist als die Urweisheit der Menschheit. Diese Urweisheit der Menschheit in ihrer eigentlichen Gestalt ist ja verlorengegangen, und nur ihre späteren Spuren haben sich in den verschiedensten Dokumenten, Denkmälern und so weiter erhalten. Das Allerwichtigste hat die Kirche, als sie sich im Abendlande ausbreitete, über Afrika und Vorderasien ausbreitete, aus Berechnung mit aller Wucht zerstört. Aber dasjenige, was sich erhalten hat, das wird heute von der Gelehrsamkeit gesammelt und ist in allerlei Schriften heute zu lesen, allerdings schwierig zu lesen, weil die gegenwärtige philologische Gelehrsamkeit die Dinge, die sie der Welt mitzuteilen hat, möglichst durch Kommentierungen, durch die Art und Weise, wie die Dinge der Welt übergeben werden, unlesbar macht. Aber die Dinge werden mitgeteilt. Man kann jedoch sagen, sie können ja nicht gelesen werden, denn die wichtigsten Dinge können nur herausgelesen werden, wenn man den verlorengegangenen Leseschlüssel wieder entdeckt. Und man kann ihn nicht durch eine historische Forschung auf dem Wege unserer Gelehrsamkeit entdecken. Da kann man im Grunde genommen nur die Worte heraufbringen. Den eigentlichen tieferen Sinn kann man heute nicht mehr anders finden, als wenn man unabhängig von dem, was überliefert ist, aus der geistigen Welt selbst heraus die Wahrheiten, die Tatsachen wieder entdeckt und dann aus der heutigen, ganz bewußten Initiationswissenschaft heraus Einsicht gewinnen kann in dasjenige, was in der alten atavistischen, von den Göttern überlieferten Urweisheit enthalten war. Man kann nur mit dem, was heute ganz ursprünglich aus den Kräften des geistigen Forschens heraus erforscht wird, mit dem nur kann man herangehen an die alte Urweisheit und auch die äußeren Urkunden kann man eigentlich nur mit dem in Wirklichkeit lesen.

[ 3 ] So wird zum Beispiel überliefert auch von der Gelehrsamkeit, wie in den alten Mysterien eine Art Sonnenkult war, wie in diesen alten Mysterien dasjenige, was eben die heutige Wissenschaft mit dem Worte «Sonne» bezeichnet, oder wofür sie, besser gesagt, nur das Wort «Sonne» hat, wie das als eine Art höchster Gottheit verehrt worden ist. Aber man bekommt keinen Begriff von dem, was eigentlich in den alten Mysterien mit der Sonne, womit man ja im Grunde genommen belegt das, was man sich als zentralen Himmelskörper unseres Planetensystems vorstellt, was man mit diesem Wort «Sonne» ursprünglich ausdrücken wollte. In jenen alten Mysterien wurde die Sonne, diese physische Sonne, die das physische Auge schaut, nur angesehen als eine Art Rückspiegelung desjenigen, was die geistige Sonne ist. Diese geistige Sonne war nicht an einen Ort gebunden. Sie war etwas Außerräumliches. Sie war dasjenige, was der Initiierte in sich aufnahm, was der Initiierte als die zentrale Geistigkeit der Welt aufnahm und zu seinem eigenen Wesen machte. Und nur dann, wenn man wirklich aus heutiger Initiationserkenntnis heraus einen Begriff bekommt von dem, was da als Sonnenwesen verehrt worden ist, was da als Sonnenwesen erlebt worden ist, wenn in den Mysterien von diesem Sonnenwesen in Ritualien gelehrt worden ist, erst dann bekommt man auch eine richtige Vorstellung, wie diese alten Menschen sich gesagt haben: Willst du Erdenbewohner dich zu demjenigen erheben, was der Ursprung deines eigenen Wesens in Wahrheit ist, dann darfst du gar nicht auf dieser Erde bleiben. Du siehst auf dieser Erde Mineralien, Pflanzen, Tiere, du siehst auch deine physischen Mitmenschen. Das alles ist ja irdisch. Aber in dir lebt etwas, was nicht irdisch ist, und wenn du alles dasjenige weißt, was man wissen kann über die Mineralien, über die Pflanzen, über die Tiere und über den physischen Menschen, so weißt du noch lange nicht dasjenige, was dich führt zu einer Erkenntnis des Wesens des Menschen, denn dieses Wesen des Menschen kann niemals gewußt werden durch ein Wissen, das sich bezieht auf Irdisches, weil dieses Wesen des Menschen überhaupt nicht verwandt ist mit dem Irdischen, sondern verwandt ist mit dem Überirdischen, das sich abspielt zunächst in dem Lichte der Sonne.

[ 4 ] So also wurden aufgefordert die Mysteriendiener des grauen Altertums, um ihr eigenes Wesen zu erkennen, um das «Erkenne dich selbst» bei sich zu erfüllen, den geistigen Blick hinaufzuwenden zu der Sonne, zu der Sonne im geistigen Sinne, weil auf der Erde nichts zu finden war von dem, was den Menschen konstituiert, was des Menschen Wesen ausmacht. Erst wenn man die ganze Fülle dieser zentralen Vorstellungen jener alten Mysterien, die in einem gewissen Zeitabschnitt ebenso in Vorderasien zu finden waren wie auf dem irischen Eiland, erst wenn man diese geheimnisvolle Verbindung der Menschenseele mit dem Sonnenwesen durchschaut und sich sagen kann: Die Menschen des grauen Altertums mußten über die Erde hinausgehen, um ihr eigenes Wesen zu finden —, dann erst bekommt man auch eine richtige Vorstellung von der ganzen Bedeutung des Mysteriums von Golgatha für das Erdenleben, denn nur dann kann man einsehen, daß eben da ein großes kosmisches Ereignis sich abgespielt hat, das für die Erde eine fundamentale, eine zentrale Bedeutung hatte. Erst dadurch konnte man einsehen, daß dasjenige Wesen, zu dem aufgeschaut haben die Sonnenanbeter, diejenigen, die ihr Antlitz, ihr geistiges Antlitz zur Sonne gerichtet haben, um das Wesen des Menschen zu erleben, daß die nun, wenn sie im rechten Sinne die Zeitenströmung miterlebten, sich sagten: Jenes Wesen, das in den alten Mysterien gesucht worden ist außer der Erde, das ist nun herabgestiegen und hat sich mit der Erdenentwickelung verbunden, — Wie sollte man denn eine Vorstellung von dem Wesen des Christus, von dem ganzen Vorgange des Mysteriums von Golgatha erkunden anders als dadurch, daß man sah, wie das Wesen, das vorerst nicht auf der Erde war, das nur in außerirdischen Regionen zu suchen war, wie das Wesen von dem Mysterium von Golgatha an gefunden werden kann in der Welt der Menschen, wenn es auf die rechte Weise in der Welt der Menschen gesucht wird.

[ 5 ] So eigentlich bekommt erst dasjenige, was wir vom anthroposophischen Standpunkte aus über das Mysterium von Golgatha zu sagen haben, seine richtige Schattierung, wenn wir es abmessen an demjenigen, was gedacht wurde von den alten Mysteriendienern, wenn wir wissen, was Sonnenverehrung und Sonnenweisheit in diesen alten Mysterien war. Dann erst wissen wir recht zu würdigen, was es heißt, wenn von Christus, dem Sonnengeiste gesprochen wird in der Gegenwart. So wurde versucht in meinen Vorträgen, die dann wiedergegeben sind in dem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache», zu zeigen, wie alles vorchristliche Leben war ein Hinaufstieg zu dem Mysterium von Golgatha, und wie das Mysterium von Golgatha auf den welthistorischen Plan herausruft als ein Mysterium für die ganze Menschheit dasjenige, was sich im einzelnen symbolisch und allegorisch, wenn wir so sprechen wollten, aber verdichtet zum Ritual in den alten Mysterien eben nur abspielte im Abbilde, jetzt Wirklichkeit wurde als das Mysterium von Golgatha für die ganze Menschheit. So ist gerade schon im Ausgangspunkt — denn diese Vorträge gehören zu den allerersten, die ich im Laufe unserer anthroposophischen Strömung gehalten habe —, so ist innerhalb unserer anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft von allem Anfange an der Ton erklungen, welcher vor allen Dingen darauf sieht, daß in der richtigen Weise in die Erdenentwickelung hineingestellt werde das Mysterium von Golgatha. In einer entsprechenden Weise ist ja immer versucht worden, jenen eigentümlichen Fortschritt zu charakterisieren, welcher vom Vorchristlichen über das Christliche hinein von unserer Zeit erst im rechten Sinne begriffen werden muß.

[ 6 ] Nun handelt es sich darum, daß man richtig versteht, wie diejenigen Strömungen, die eine gewisse Spiritualität aus alten Zeiten in die Gegenwart heraufbringen, wie diese zu diesen Dingen eigentlich gestellt sind. Da möchte ich heute — und morgen soll das weiter ausgeführt werden — auf das Folgende hinweisen. Wenn Sie sich bekanntmachen mit dem, was sich erhalten hat in den christlichen Bekenntnissen als Ritualien — im Evangelischen hat sich das ja zum großen Teile sehr abgedämpft, in den katholischen Ritualien finden Sie noch vieles, aber es ist auch in die evangelischen Gebete manches übergegangen —, wenn Sie all das nehmen, so finden Sie wenig, mit dem Sie eigentlich eine ganz ernsthafte Anschauung verbinden können, wenn Sie nicht wiederum von der Geisteswissenschaft ausgehen und dasjenige, was als Worthülsen überliefert ist, mit diesen geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen durchdringen.

[ 7 ] Wenn Sie zum Beispiel das Meßritual oder ein anderes Ritual der katholischen Kirche nehmen, so finden Sie Worte, viele Worte. Sie finden aber, wenn Sie ehrlich diese Dinge anschauen, daß Sie zwar diese Worte aufnehmen können, respektive die Gläubigen diese Worte aufnehmen können, daß aber nur, wenn man mit vollem Ernste an die Sache geht, mit diesen Worten ein wirklicher Sinn zu verbinden ist. Im Evangelischen ist es ja nicht anders. Woher kommt denn das? Sehen Sie, wenn man tatsächlich und vor allen Dingen mit den Mitteln der Geisteswissenschaft nachforscht über so etwas wie das katholische Meßritual, und für andere Ritualien ist es ähnlich, dann kommt man darauf, daß diese Dinge weit älter sind als die Begründung des Christentums. Wenn man das Meßritual nimmt, so wird man, um seinen Inhalt zu verstehen, zurückgehen müssen in sehr alte Formen der alten Mysterien. In einer gewissen ähnlichen Weise ist in den alten Mysterien ritualiter vorgegangen worden, wie beim Ablauf des Meßrituals vorgegangen wird. Und die Sache ist diese, daß, als das Mysterium von Golgatha sich innerhalb der Erdenentwickelung ereignete, gewissermaßen die Weisen, die wirklich Weisen aller Mysterienrichtungen, die ja biblisch repräsentiert sind durch die «Drei Weisen aus dem Morgenlande», gewissermaßen zum Opfer dargebracht haben ihr Ritual, ihre Anschauung und ihre Erkenntnisse, um das Mysterium von Golgatha zu ehren und zu begreifen. Es wurde gewissermaßen übertragen dasjenige, was den alten Göttern dargebracht wurde, auf den neuen Gott, der durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist. So daß, wenn man nun, ich möchte sagen, mit geistigem Saft durchdringen will die Formeln der heutigen Kirche, man zu einem solchen geistigen Saft nur kommt, wenn man zurückschaut auf den Sinn, der in den Mysterien mit diesen Dingen verbunden worden ist. Sonst bleiben sie leer, sonst bleiben sie ohne Inhalt. Wenn sie leer bleiben, ohne Inhalt, dann kann man allerdings Gemeinden damit einschläfern, einlullen, aber man kann sie nicht erwecken, man kann sie nicht zur wirklichen Verbindung mit der geistigen Welt bringen, man kann nur dafür sorgen, daß die Gemeinde in ihren Gliedern seelisch sanft schläft.

[ 8 ] Wir leben heute in einer Zeit, in der eigentlich die Geister aufgeweckt werden müssen. Das können Sie ja aus einer solchen Betrachtung entnehmen wie die, die wir gestern angestellt haben. Man hat aber durch viele Jahrhunderte hindurch die Geister eingeschläfert, indem man heraufgebracht hat als Tradition, als Überlieferung dasjenige, was eigentlich aus den alten Mysterien stammt und wofür der inhaltliche Sinn verlorengegangen ist. In solchen Dingen, die dem Wortlaute nach entlehnt sind den alten Mysterien, in denen man nicht bloß den Wortlaut hatte, sondern den inneren Sinn, in solchen Dingen haben die Religionsbekenntnisse ein mächtiges, man darf sagen magisch wirkendes Mittel, um auf weite Kreise der Gemeinden seeleneinschläfernd zu wirken, denn den Worthülsen bleibt in einem gewissen Sinne die Wirkung. Und diese Wirkung möchten sich die Bekenntnisse bewahren, möchten nicht diese Wirkungsmöglichkeit verlieren. Wenn daher heute eine Geistesströmung auftritt, welche wiederum aus ursprünglicher Erkenntnis heraus hinweist auf den Inhalt dieser Dinge, dann ist das selbstverständlich niemandem fataler als denjenigen, die nur den leeren Wortschwall, die leere Worthülse bewahren möchten. Man kann leicht sagen: Die Kirchen bewahren diese leeren Worthülsen. — Aber der moderne Sinn, jener moderne Sinn, der sich heute in allen möglichen Bewegungen eben modernster Art auch geltend macht, der kümmert sich nicht um diese Bekenntnisse. Vor allen Dingen kann man großtun und vom Gesichtspunkte moderner Wissenschaftlichkeit aus erklären, man sei hinaus über diese Worthülsen, man sei aufgeklärt. Man ist aber nicht aufgeklärt, wenn man zum Beispiel im Sinne der modernen Naturwissenschaft eine Weltanschauung begründet, wie es die modernen monistischen Weltanschauungen sind, wie es die Weltanschauungen sind, die die modernen sozialen Einrichtungen bewirken möchten. Man ist aus dem Grunde nicht aufgeklärt, weil diese moderne Wissenschaft nichts anderes ist als die Fortsetzung jener Worthülsen. Ohne daß sie es weiß, ist sie das. Sie studieren heute Naturwissenschaft, und in dem Augenblicke, wo Sie zu den Naturgesetzen aufsteigen, haben Sie nur die Destillate der mittelalterlichen Worthülsen, in denen sogar im Mittelalter noch viel mehr war von dem alten Sinn, als heute in der Wissenschaft ist. Kein Wunder, daß wir in der Niedergangszeit leben!

[ 9 ] Aber auf der anderen Seite können Sie daraus ersehen, wie sehr es den Trägern solcher Erkenntnisse darum zu tun sein muß, daß ihr Ursprung nicht enthüllt werde. Ein großer Teil der neuesten Bemühungen der verschiedenen Bekenntnisse, die das Abendland in die Katastrophe hineingeritten haben, geht dahin, alles das mit allen möglichen Mitteln zu bekämpfen, was gerade auf den Ursprung desjenigen hinweist, was in den Wortformeln der einzelnen christlichen Bekenntnisse enthalten ist. Gerade die offiziellen Vertreter der christlichen Bekenntnisse sind am allermeisten bemüht, nicht aufkommen zu lassen, was auf den Ursprung ihrer Wortformeln hinweist, weil sie dadurch außerstande werden würden, die Seelen ihrer Gemeinden schlafend zu erhalten. Denn in dem Augenblicke, wo man hineingießt in diese Wortformeln wirklichen Geist, in dem Augenblick, wo sich die Menschen bereit finden, solchen Geist aufzunehmen, in diesem Augenblicke sieht man, wie es mit dem Schlafenlassen der Seelen nicht weitergeht. Die Seelen können sich allerdings verschließen, weiterschlafen, aber sie finden dann doch nicht die nötige Ruhe in diesem Schlafe; sie fangen wenigstens an, von allerlei zu träumen. Jedenfalls aber sieht nur derjenige die heutigen Bekenntnisse richtig an, der sich sagt: In diesen Bekenntnissen stecken die Worthülsen für große Weltengeheimnisse. Aber die Träger dieser Worthülsen sind heute bestrebt, diesen Ursprung abzuleugnen und zu verfolgen diejenigen, die auf diesen Ursprung hinweisen.

[ 10 ] Nehmen Sie ein konkretes Beispiel. Sei es auf seiten der evangelischen Professoren oder Pastoren, sei es auf seiten der katholischen, sei es auf seiten der Universitäts-«Pastoren» der Naturgeschichte, der Physiologie, der Mathematik oder dergleichen, der Astronomie, kurz, sei es auf seiten des Pfaffentums jeglicher Richtung, des atheistischen oder des theistischen, Sie werden heute finden, daß man sich lustig macht darüber, und man weiß nicht, wie sehr man dabei nach dem Spruche verfährt: Man spottet seiner selbst und weiß nicht wie! — Denn alle diese Bekenntnisse, woher haben sie denn dasjenige, was sie aus ihren verschiedenen Religionsbüchern ihren schlafenden gläubigen Seelen geben? Aus der Akasha-Chronik! Nur soll die Spur verwischt werden. Es soll verwischt werden, daß im alten atavistischen Hellsehen aus der Akasha-Chronik dasjenige geschöpft worden ist, was in allen religiösen Urkunden einschließlich der Bibel steckt. Wenn daher in der heutigen Zeit jemand kommt und auf diese Akasha-Chronik hinweist und sagt: Das ist Unsinn! — dann sagt er damit selbstverständlich, daß auch dasjenige, was er selbst lehrt, Unsinn ist, denn es hat dieselbe Quelle. Diese selbe Quelle wird damit verleugnet; es wird über diese Quelle gelogen, nur ist es von Amts wegen, daß über diese Quelle gelogen wird. Das ist das Korrumpierende in unserer Zeit, denn das schläfert die Seelen ein. Das bringt die Menschen überall auf die konfusesten Urteile auch im alltäglichen Leben. Das bewirkt schon, daß man selbst heute Anhänger anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft sein kann und noch immer nicht so weit gekommen ist, daß man mit offenen Augen die Dinge sieht, die sich abspielen, daß man auf gewisse Zusammenhänge gar nicht hinschauen will. Und wenn man hinschaut, so interpretiert man sie in der Regel ins Gegenteil um.

[ 11 ] Ich möchte Sie da auf eine heutige Zeiterscheinung aufmerksam machen, von der ich schon jetzt sage, daß sie noch in den mannigfaltigsten Farben schillern wird, weil diejenigen, denen sie zupaß kommt, sich noch lange katzbalgen werden. Aber heute weist diese Zeiterscheinung schon auf tiefere Zusammenhänge hin. Vielleicht ist es Ihnen aufgefallen, daß die Welt heute überall sagt: Die Entente lenkt ein, sie geht etwas ab von den furchtbaren Bestimmungen des Versailler Friedens. Man weist mit einer gewissen Befriedigung von Mitteleuropa aus auf solche Dinge hin; man bespricht solches in neutralen Ländern. Aber man bringt das nicht in Zusammenhang mit derjenigen Erscheinung, mit der es im Zusammenhang steht. Wenn auch die Mächte sich noch katzbalgen werden und der Zusammenhang wiederum verdeckt werden wird, heute steht es im Zusammenhang. Fehrenbach ist deutscher Reichskanzler; er gehört dem Zentrum an. Der römische Klerikalismus ist daran, ungeheure Eroberungen in der Welt zu machen, und man denkt anders jetzt, wo die Chancen von Rom besser stehen, als sie vor Wochen gestanden haben, über die Revision des Versailler Friedens, als man etwa gedacht hat. Es macht nichts aus, daß diejenigen im ehemaligen Deutschland, die immer die gescheiten Politiker sind, gesagt haben: Die Entente wird ja keine Freude haben gerade an Fehrenbach, dem Reaktionär!

[ 12 ] Wenn man diese Dinge durchschauen will, dann muß man ganz andere Dinge noch ins Auge fassen, um ein wenig zu beurteilen, was eigentlich in den Strömungen der Zivilisationsentwickelung liegt. Es dürfte Ihnen bekannt sein, daß fast jede zwölfte Predigt, gering gerechnet, irgendwo in dem Felde der katholischen Kirche gegen das Freimaurertum wettert. Es ist Ihnen ja wohl eine ganz bekannte Erscheinung. Nun, dieses Wettern gegen das Freimaurertum, es darf heute gegenüber gewissen Strömungen, die wohl wissen, was siettun und die zum Beispiel vom westlichen Zentrum ausgehen, die Menschen interessieren. Denn wir haben es da zu tun auf der einen Seite mit der römischen Kirchenströmung; ich sage jetzt nicht, mit dem Christentum, sondern mit der römischen Kirchenströmung, denn Christen gibt es wenige, Anhänger der römischen Kirche viele. Wir haben es auf der anderen Seite zu tun mit einer ganzen Reihe von geheimen Gesellschaften, die in den englisch-amerikanischen Ländern sind, und ich habe ja während des Krieges auf die Tendenzen, die Ziele solcher Geheimgesellschaften hingewiesen. Es gibt solche Geheimgesellschaften der verschiedensten Färbung. Diejenigen, die in den sogenannten unteren Graden solcher Geheimgesellschaften sind, wissen in der Regel sehr wenig von dem, was die obersten Leiter eigentlich beabsichtigen; aber auch innerhalb der obersten Leitungen gibt es die mannigfaltigsten Strömungen. Von einer solchen Strömung, die sich aber wiederum hineinstellt in ein Ganzes, das wir heute nicht betrachten wollen — wir wollen uns beschränken auf eine solche Strömung —, von einer solchen Strömung möchte ich heute sprechen. Sehen Sie, da gibt es solche Strömungen, welche aufbauen auf dem Freimaurertum. Das Freimaurertum hat zunächst für seine Angehörigen drei Grade, die heute auch schon im Grunde genommen Worthülsen, Wortformeln, rituelle Hülsen, rituelle Formeln geworden sind, aus denen heraus der Sinn nur gefunden werden kann, wenn man mit moderner Geist-Erkenntnis, moderner Geistesschau in diese Dinge hineinleuchtet. Aber immerhin, bei allen solchen Gesellschaften sind die drei untersten Grade so geformt, daß immerhin überschaut werden kann von dem, der Geist genug hat, um das Ritual richtig zu verfolgen, wie dieses Ritual auf uralten Zeremonien, Mysterienzeremonien beruht. Und es kann in einem gewissen Sinne — allerdings nicht, wenn man dieses Ritual bloß auf sich wirken läßt, sondern wenn man es beleuchtet mit geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen —, es kann so etwas erahnt werden, wie es der Zusammenhang zwischen dem ist, was sich in den Mysterien vollzog vor dem Mysterium von Golgatha und zwischen dem, was die Aufgabe der Menschheit ist nach dem Mysterium von Golgatha. Aber nun ist in vielen solcher maurerischen Strömungen daraufgesetzt worden auf diese drei Grade eine ganze Summe von höheren Graden. Ich rede jetzt, das will ich noch einmal bemerken, nicht im allgemeinen von den Hochgraden, sondern von gewissen Hochgraden gewisser freimaurerischer Orden und anderer okkulter Gesellschaften, des Oddfellows-Orden und so weiter, wiederum nicht von allen, denn auf diesem Gebiete ist immer das Echte von dem Unechten außerordentlich schwer zu unterscheiden; aber ich rede von gewissen sehr verbreiteten Strömungen auf diesem Gebiete. Da wird aufgebaut auf den drei niedersten Graden, in denen die Menschen eingeweiht werden in das Menschsein, in das «Erkenne dich selbst», in das Geheimnis des Todes und seinen Zusammenhang mit dem Lauf des Kosmos, da wird aufgebaut ein ganzes System von hohen Graden. Mancher dieser Orden hat fünfundneunzig Grade. Sie können sich denken, wie stolz man sein kann, wenn man in fünfundneunzig Graden eingeweiht ist. Nur können Sie sich nicht denken, wie mager diese Einweihungen sind, weil man sich gewöhnlich etwas außerordentlich Tiefes und Bedeutsames hinter jenen leeren Worthülsen vorstellt, aber sie sind da. Sie haben allerdings, ich möchte sagen, gewisse Ranken dieser ganzen Dinge, der Worthülsen, zu ihren Inhalten. Es steckt eben in diesen Worthülsen doch manches, und es wird immer dann gerechnet von denen, die solche Worthülsen geben, daß es doch einige Menschen gibt, die dann nachdenken, die daran denken, daß da auch etwas drinnenstecken müßte,

[ 13 ] Nun ergibt sich etwas sehr Eigentümliches. Wenn nun wirklich Menschen kommen, die nachdenken, was in diesen Hochgraden drinnensteckt, die ihnen verliehen worden sind, oder in die sie eingeweiht worden sind — es gibt Menschen, die dann anfangen nachzudenken —, dann stellt sich ein ganz bestimmter Erfolg ein. Wenn diese Menschen auch schon nachgedacht haben in den drei niederen Graden und irgendwie wenigstens etwas geahnt haben in den drei niederen Graden, dann wird das, was sie in den drei niederen Graden erahnt haben, vollständig kaputtgemacht durch dasjenige, was ihnen eingepflanzt wird bei den Hochgraden. Da wird ein furchtbarer Nebel ausgegossen über dasjenige, was in den drei niederen Graden etwa erahnt werden kann. Und ohne daß die Menschen meistens in ihrem Bewußtsein irgendwelche Klarheit darüber haben, werden sie in diesen Hochgraden benebelt. Woher kommt das? Das kommt davon her, daß in gewissen Zeiträumen, Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts, aber bis in unsere Zeiten herein, gewisse Leute sich eingeschlichen haben in jene maurerischen Orden, drinnen waren und diese Hochgrade hineingetragen haben, diese Hochgrade innerhalb des Maurertums ausgebildet haben, so daß in einer Anzahl dieser Hochgrad-Maurerorden diese Fremdkörper drinnen sind; Hochgrade, ausgebaut von fremden Persönlichkeiten, die sich hineingeschlichen haben. Die Menschen sind ja leichtgläubig, auch dann oftmals, wenn sie eingeweiht sind in die Sachen. Und diejenigen, die sich eingeschlichen haben, das sind die Mitglieder der «Gesellschaft Jesu», das sind die Jesuiten. In einem bestimmten Zeitpunkte, vom Ende des 18. Jahrhunderts ab, wimmelte es in den Freimaurerorden von Jesuiten, und die machten für gewisse Orden die Hochgrade. So daß Sie Jesuitismus nicht etwa nur da finden, wo über Freimaurertum geschimpft wird oder gegen das Freimaurertum gepredigt wird, sondern Sie finden in den Hochgraden sehr, sehr viel reinsten Jesuitismus. Das schadet ja alles nichts nach Ansicht des Jesuitismus, daß man über dasjenige, was man selber eingerichtet hat, herfällt, denn das gehört auf diesem Gebiete zur Politik, zur richtigen Menschenlenkung. Wenn man die Menschen einem bestimmten Ziele zuführen will, einem klaren, einem dem Menschen klaren Ziel, nicht bloß dem Leitenden, dem Führenden klaren Ziel, dann ist es gut, wenn man sie bloß von einer Seite her anfaßt und ihnen einen Weg zu diesem Ziele zeigt. Wenn man aber sie möglichst dumpf und schläfrig halten will, zeigt man ihnen zwei Wege oder vielleicht sogar mehrere, aber zunächst genügen zwei. Einer geht so, und einer geht so (siehe Zeichnung). Man ist Jesuit, indem man der Gesellschaft Jesu offiziell angehört, und nimmt diesen Weg, oder man ist Jesuit, indem man irgendeinem Hochgrad-Freimaurerorden angehört und nimmt diesen Weg. Dann guckt der Mensch hin. Er wird sich sehr schwer zurechtfinden. Man kann ihn sehr leicht verwirren.

Diagram 1

[ 14 ] Unser öffentliches Leben ist in der mannigfaltigsten Weise durchzogen von solchen verwirrenden Strömungen. Die Menschen hätten heute alle Ursache, eben aufzuwachen und die Dinge sich anzusehen, denn man braucht nicht den Dingen zu verfallen. Aber die meisten verfallen heute diesen Dingen. Man braucht ja nur auf ein etwas längeres Leben hinzusehen, um zu wissen, wie Menschen, mit denen zusammen man jung war, und die noch leben, statt sich irgendwelcher geisteswissenschaftlichen Richtung zuzuwenden, ganz in den Schoß der katholischen Kirche zurückgegangen sind. Solche Beispiele sind mir viele bekannt. Sie weisen nur hin auf manches, was eben in unserer Zeit sich vollzieht, und es geht nicht an, auf diese Dinge nicht aufmerksam zu machen, nicht hinzuweisen. Namentlich gegenwärtig ist es von allerdringlichster Notwendigkeit, daß unsere anthroposophischen Freunde hingewiesen werden auf solche Dinge, wenn es auch vielleicht nur bei einem recht kleinen Teil irgendwie zum wirklich nötigen Ernst die Veranlassung sein kann. Denn gerade an diesem Ernste fehlt es ja in der Gegenwart, an diesem Ernst, den man so sehr herbeisehnen möchte. Sie müssen sich einmal bekanntmachen damit, daß wir es auf dem Boden der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft zu tun haben mit einer wichtigen Wendung. Selbstverständlich mußte zunächst diese geistige Bewegung beginnen — ich will diese Dinge morgen noch genauer ausführen, ich will heute nur einiges fadenzeichnen und werde morgen genauer auf einige Dinge gerade auf diesem Gebiete eingehen —, es mußte zunächst eine Summe von geistigen Wahrheiten vermittelt werden. Jetzt stehen wir vor der Notwendigkeit, vor der unbedingten Notwendigkeit, diese geistigen Wahrheiten praktisch zu machen. Diese Wendung sollte unter uns tüchtig ernst berücksichtigt werden. Solange die anthroposophische Bewegung bloß eine geisteswissenschaftliche Bewegung war, eine Bewegung der Lehre, der Ideenverbreitung, so lange war sie eben etwas, das gewissermaßen forttrug wie in einem Flußbette eine Strömung, die geistig war. Da mochten sich Cliquen, da mochten sich viel Tändelei, Spielerei, nebulose Mystik unter den Anhängern geltend machen, der Geist schafft sich immer seinen Weg und er geht über Cliquenwesen, über Vorurteile, über Selbstsucht hinweg. In dem Augenblicke, wo die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft ins soziale Leben eingreifen will, wo sie praktisch werden will, wie sie es seit mehr als einem Jahre tut, da ist das nicht mehr angängig, da stehen wir wirklich vor neuen seelischen Aufgaben, und diese neuen seelischen Aufgaben müssen mit Ernst erfaßt werden. Da muß tatsächlich einmal verstanden werden, daß es mit dem Cliquenwesen, mit alledem, was als Tändelei, als Spielerei, als falsche Mystik eingezogen ist in unsere Reihen, nicht weitergehen kann, weil das zerstörerisch wirken würde. Man muß sich eben das sagen: Die Dinge werden ernst gegenüber dem, was in der Gegenwart durch die Welt wallt. — Und demgegenüber habe ich ja so oftmals gesagt: Man möchte noch etwas ganz anderes in seine Worte legen können, als man gemeiniglich legen kann, um eine Resonanz hervorzurufen in den Seelen für dasjenige, was man eigentlich zu sagen hat gegenüber den Angelegenheiten der Gegenwart. Dasjenige, was gesagt wird, findet ja so wenig Echo; verzeihen Sie schon eben, daß ich das so trocken und unverhohlen ausspreche, aber es findet wenig Echo. Immer wieder und wiederum wird darauf hingewiesen, daß die Dinge nicht gleich durchschaut werden können, daß man erst eine Weile vorwärtskommen will und so weiter. Aber würde man sich nicht von Vorurteilen täuschen lassen, würde man nicht Vorurteile sogar lieben, so würde man viel eher ergriffen werden von dem eigentlichen Impuls, der in diesem hier gemeinten geisteswissenschaftlichen Leben liegt. Auf seiten der Gegner wird das durchaus gewußt und erkannt, und ich möchte sagen: Die Gegner zeigen, daß man wahrhaftig kein Genie zu sein braucht, um die wirksamen Mittel zu finden.

[ 15 ] Ich habe hier, bevor ich abgereist bin, einen öffentlichen Vortrag gehalten: «Die Wahrheit über die Anthroposophie und deren Verteidigung wider die Unwahrheit.» Ich habe in jenem Vortrage, selbstverständlich nur als eine Redewendung, gesagt, die Angriffe, welche von dem sogenannten «Spektator» erschienen sind, könne ich nicht zuschreiben einem gebildeten Menschen, denn ein gebildeter Mensch könne unmöglich so etwas von sich geben, wie dort wiedergegeben ist; ich könne auch nicht annehmen, daß es irgend jemand von sich gegeben hat, der irgend etwas an Bildung, eine Gymnasial- oder eine akademische Schulung hinter sich hat, denn Stil und Haltung wiesen eben auf einen durchaus ungebildeten Menschen hin. — Es war, wie gesagt, nur eine Redewendung, und so bin ich überrascht worden von dem Titelblatte der nun als Broschüre vereinigten Aufsätze. Die Broschüre heißt «Das Geheimnis des Tempels von Dornach. Erster Teil», ein zweiter kommt also noch: «Geschichtliches über die Theosophie und ihre Ableger», von Max Kully, Pfarrer von Arlesheim. Es scheint also doch, wenn Arlesheim nicht einen Pfarrer hat, der ohne Gymnasiumsund Theologiestudium ist, es scheint also doch ein gebildeter Mensch zu sein, der diese Dinge geschrieben hat.

[ 16 ] Nun — das andere folgt noch —, versprochen wird der zweite Teil dieser Broschüre, die bereits angefangen ist: es wird sehr genau berichtet über diese Dinge. Gesagt wird, sie wird eine Aufklärung bieten über Steiner-Methode, okkultes Schulen und Lehrgebäude. Steiner im Urteil ehemaliger "Theologen. Steiner als Finanzmann und in seiner allerneuesten Rolle als Soziologe. — Also Sie sehen, es werden noch mancherlei Dinge da nachkommen!

[ 17 ] Und immerhin, einiges Interessante ist auch in diesem Broschürchen, das mir heute in die Hand gegeben worden ist mit einem Pack von Angriffen, die in der letzten Zeit gekommen sind. Sie sehen, es ist ein nettes Päckchen! Ich habe.die Dinge nur so etwas durchgeflogen, aber immerhin, interessant ist doch die Art und Weise, wie jener «gebildete Mann» schreibt. Ich brauche Sie ja nicht zu erinnern daran, was ich hier gesagt habe über die Kenntnis dieses Mannes von der AkashaChronik. Er hat so darüber geschrieben, wie wenn das ein Buch wäre, das man in der Bibliothek hat und aus dem man abschreibt. Jetzt sagt er in einem Nachtrage zu seinem Artikel: «Steiner kam in seinem Vortrag» — es ist jener Vortrag über «Die Wahrheit über die Anthroposophie...» — «auch auf die Akasha-Chronik zu sprechen. Er bestritt und bespöttelte das, was Spektator im «Katholischen Sonntagsblatt> über diese Sache brachte.»

[ 18 ] Also jener «gebildete Mann» hat etwas über die Akasha-Chronik aus den ihm überlieferten Vorträgen von Stuttgart und Düsseldorf und aus der Vaterunser-Erklärung entnommen, und, weil nötig war zu sagen, daß der «Tropf» nicht imstande ist, so etwas zu verstehen, weil er aber glaubt, daß die Unfehlbarkeit der Kirche selbstverständlich auch in ihm wirke, er nicht fehlbar sein kann, so findet er es nötig, zu sagen, ich verleugnete meine eigenen Schriften, er sagt das, obwohl bloß dasjenige verleugnet werden mußte, was der Pfarrer von Arlesheim sagt!

[ 19 ] Sie sehen, die Dinge gehen etwas weit in bezug auf dasjenige, was hier genügend gekennzeichnet worden ist in jenem Vortrage, bevor ich abgereist bin. Nun aber, was jetzt kommt, das ist doch einigermaßen auffallend; mir nicht, denn ich werde nicht zurückschrecken, auch wenn solche Dinge nicht erlogen sein sollten, doch dasjenige zu sagen, was ich im Sinne der heutigen Zeit notwendig erachte, daß es gesagt werden muß. Aber ich bitte Sie doch, mit einiger Aufmerksamkeit den folgenden Sätzen zuzuhören: «Seither wurden wir in diesem Punkte von autoritativer Seite eingeweiht. Unter Akasha-Chronik versteht der Theosoph eine angeblich in der geistigen Welt vorhandene» und so weiter. Es wäre doch ganz nützlich, wenn Sie hinhören würden darauf und vor allen Dingen ein wenig Ihre Augen daraufhin einrichten würden, daß von dieser Seite gesagt werden kann: «Seither» — also seit dem 5. Juni 1920 — «wurden wir in diesem Punkte von autoritativer Seite eingeweiht.» Das heißt, wenn es nicht erlogen ist, so ist diesem Pfarrer von irgend jemandem, der die Vorträge hier hört, gesagt worden, was er nach den Zyklen unter Akasha-Chronik zu verstehen hat. Ich möchte doch auf diese Tatsache eben, wie gesagt, falls es nicht erlogen ist, Ihre Aufmerksamkeit ein wenig richten; denn es könnte doch sein, daß unter uns sich Leute fänden, welche über einen solchen Satz einfach leichtsinnig hinweglesen. Es geschehen ja allerlei Dinge. In dem Päckchen finde ich zum Beispiel auch einen netten Artikel, der nun von evangelisch-klerikaler Seite geschrieben ist. Eben setzt sich die ganze Sache aus dem katholischen Lager in das evangelische hinein fort, und wir haben es bereits mit einer Fortsetzung eines Artikels zu tun im «Evangelischen Schulblatt», das übrigens sehr merkwürdige Eigentümlichkeiten hat. Jenes «Schweizerisches Evangelisches Schulblatt», Organ des evangelischen Schulvereins der Schweiz, Wochenblatt für christliche Erziehung in Haus und Schule, hat im «Büchertisch» angekündigt «Flugschriften», darunter «Der Kampf um die neue Kunst» von dem Jesuitenpater Kreitmaier! Das nur so nebenbei. Sie sehen aber, die Leute finden sich merkwürdig doch zusammen!

[ 20 ] Aber ich möchte Ihnen doch ein Stückchen vorlesen von jener Kritik, die in diesem «Evangelischen Schulblatt» enthalten ist. Es ist da über alles mögliche die Rede; aber wir wollen besonders jene Kritik lesen, welche die Dreigliederung betrifft, die «Kernpunkte» betrifft, und ich bitte Sie, jetzt ein wenig achtzugeben:

[ 21 ] «Die hochgepriesene Städtekultur soll also nach dem dreiteiligen Steinerschen Sozialismus aufs Land verpflanzt werden! Die Bauersfrau muß endlich Musikstunden bekommen und Kurse nehmen, wie sie ihre Stube schmücken soll. Der Bauernsohn wird einem eurythmischen Tanzkränzchen angehören, wo er «sich bewegen; lernt, falls er einmal in eine feinere Familie kommt. Seine Schwester wird Präludien des «wohltemperierten Klaviers tanzen, oder, wenn sie nicht so begabt ist, wenigstens den Schlager «das haben die Mädchen so gerne. Warum sind die Landleute von diesen herrlichen Errungenschaften schnöde ausgeschlossen? Nun — «weil der politische Staat das nicht für nötig finder... Wie wird dieses arme, vernachlässigte Volk einst glücklich sein, wenn dieser Städteparfum in Konkurrenz tritt mit den entsetzlichen Misthaufen und dem Hühnerdreck vor den Häusern! Wie wird diese Poesie der sauberen Wäsche mit Stehkragen und Lackschuhen die bäuerliche Prosa der Stall-Atmosphäre endlich verdrängen! Und erst die russische Sauberkeit, die uns endlich Badanstalten bringen wird, die man in Deutschland noch nicht einmal findet, wie der arme enttäuschte russische Kriegsgefangene rührend erzählt hat... Welch einem Paradies gehen wir entgegen!! Statt daß nach Feierabend der Bauer vor seinem Häuschen sitzt und gemütlich seine Pfeife raucht, oder gar frevelhaft bei einem Glase Bier seinen Jaß klopft, wird er also in den «gründlichen und demokratischen» Vortragszyklen seinen Bildungshunger an der Steinerschen Phraseologie stillen. Wie aber reimt sich das, wenn es gleich nachher heißt, diese biederen Landleute würden sich, nachdem die «wahre Bildung sie tüchtig gemacht har, niemals «besonders nach Städtekultur sehnen, die dem Volke lediglich den Nachteil unhygienischen Lebens bieten könnte? Ja, da steht sogar, die sozialen Explosionszentren würden dadurch entvölkert, indem man die Städtekultur aufs Land bringt. Sie, die man eben noch in den höchsten Tönen gepriesen hat, soll gleichzeitig die Dörfler abschrecken, Städter werden zu wollen. Das ist doch ein Widerspruch, und die ganze Annahme steht auf so schwachen Füßen, daß ein Säugling sie umblasen kann.

[ 22 ] «Wir werden also konfus und fragen uns, was denn eigentlich Steiner will. Wir müssen vor allen Dingen einmal Steiner lesen lernen. Vielleicht kommen wir dann auf die Spur. In diesen Fabriken mit Bildungsgenossenschaften, Fachbibliotheken, Badanstalten, Heimstätteschmükkungskursen und so weiter, ist natürlich auch der — selbstverständlich vom Fabrikanten zu speisende — Fonds nicht vergessen, der nicht nur das alles bezahlt, sondern — aufpassen! — «zugleich durch ausreichende Mittel die Möglichkeit besitzt, die besten Vertreter des Geisteslebens zu Vortragskursen zu gewinnen». Da liegt wohl (es gibt ja etwas zu gewinnen) der Hase im Pfeffer, und es ist gar nicht nötig, daß dahinter noch extra steht «dadurch ist beiden geholfen». Herr Steiner vermutet eben ganz richtig, daß diese Fabrikarbeiter-Bildungsgenossenschaften Geldmittel flüssig machen, die er doch so gerne «verdienen» möchte. Er nennt das klassisch «der Wissenschaft die nötigen Mittel zur weiteren Entwicklung zufließen lassen». Diese Absichten sind doch so durchsichtig und alles so plump, wenn wir nur unsere Nase ein bißchen zwischen die Zeilen stecken.

[ 23 ] «Sollen wir denn wirklich die Hand zu den überall frech aufstrebenden Nivellierungstendenzen (dazu gehört vor allem auch der Ausschluß jeglichen Religionsunterrichts aus der Schule) bieten, dadurch, daß wir den Bildungsbrei selbst auf das Land und in die Fabriken hineinschmieren? Das ganze Leben sollte es uns doch lehren, daß es ein heller Unsinn ist, alle Menschen auf die gleiche Bildungsstufe bringen zu wollen. Generation auf Generation scheitert an diesem widernatürlichen Problem, aber nirgends will man davon lernen, selbst nicht im Naheliegendsten: der Natur! Wir brauchen nur einen Blick in die Tier- oder gar in die Pflanzenwelt zu werfen, um überall die gewaltigsten Verschiedenheiten ihrer Geschöpfe zu erkennen. Nie wird das Menschengeschlecht eine Ausnahme machen, die ganze Vergangenheit lehrt uns die Tatsache, daß eine kleine Minderheit einer großen Vielheit gegenüber steht, daß immer nur einzelne Befähigte hervorragen. Dürfte denn nicht auch einmal ein bißchen Qualitätsgefühl für diese Verschiedenheiten (vor allem in Rassen- und Nationalitätenfragen) in einem Schulprogramm Platz finden? Wir würden wohl bald dahinterkommen, wo das Volk krank ist! Sicher nicht auf dem Lande.

[ 24 ] «Doch genug! Ich habe den beabsichtigten Umfang meiner Entgegnung längst überschritten. Sie ließe sich bequem aufs Doppelte und Dreifache ausdehnen, wollte ich den ganzen Komplex von Weltfremdheit und Mangel an Wirklichkeitssinn, der in dem Artikel sich geltend macht, unter die Sonde nehmen. ([Fußnote:] Wenn gewünscht, kann ich darüber in weiteren Artikeln erschöpfend Auskunft geben, und werde dabei die Gelegenheit nicht versäumen, die ganze Steinerei in das ihr gebührende Licht zu rücken!) Aber eines darf ich wohl noch fragen: Woher nimmt Herr Pfarrer Ernst die kühne Behauptung, daß «wir im Keim erstreben, was Steiner im Großen wilb?... »

[ 25 ] Nun, ich las das und ich fragte mich; woher denn eigentlich das, was da widerlegt wird als die Tendenz, «die Städtekultur aufs Land zu bringen zu dem Mist und Hühnerdreck auf das Land» und so weiter, komme, ich fragte mich: Ja, wo steht denn das in den «Kernpunkten» oder in unserer Literatur über die Dreigliederung, wenn das hier angegriffen wird? — Endlich kam ich darauf, daß mir nicht nur zwei Nummern von diesem «schönen» Blatte übergeben worden sind, sondern auch noch ein drittes. Diese «schönen» Angriffe mit dem Titel «Ein falscher Prophet»- die ich vorgelesen habe, die stehen in Nummer 26 und Nummer 27, und in der Nummer 23, da steht ein Artikel: «Das Verhältnis von Schule und Staat nach Dr. Steiner», und dieser Artikel enthält all die Dinge als Ausflüsse, als notwendig im Sinne der Dreigliederung, die in Nummer 26 und 27 weiter ausgemalt und angegriffen werden. Dieser Artikel ist von Pfarrer Ernst in Salez geschrieben und ist außerordentlich wohlwollend geschrieben, aber eben so geschrieben, daß Dreigliederung da sein soll, um «die Städtekultur aufs Land zu tragen» und so weiter. Sie sehen also, man kommt nicht nur zu Schaden, wenn man von Pfarrern angegriffen wird, sondern erst recht, wenn man von Pfarrern verteidigt wird! Man braucht gar nicht so ungeheuer froh zu sein, wenn man Anhänger hat auf dieser Seite, denn die Anhänger machen es im Grunde genommen noch schlimmer als die Gegner.

[ 26 ] Nun, einige von unseren Freunden könnten auch daran etwas lernen; denn ich muß mich bei solchen Sachen doch immer wieder erinnern, wie oft ich hören konnte: Da und dort war ich wieder in einer Kirche, und da hat einer ganz anthroposophisch oder theosophisch gepredigt. — Ich habe oftmals aufmerksam gemacht, wie man auf solche Dinge nicht hereinfallen sollte, und wie die Dinge eigentlich stehen. Aber ich konnte Sie heute wenigstens mit dem Interessanten überraschen, daß man nun bereits solche Anhänger hat, die dann Widerlegungen hervorrufen, in denen man sich überhaupt nicht mehr auskennt!

[ 27 ] Wir wollen morgen in etwas noch ernsterer Weise über die Noten, die heute angeschlagen worden sind, weitersprechen.