Die Brücke zwischen der Weltgeistigkeit
und dem Physischen des Menschen
Die Suche nach der neuen Isis,
der göttlichen Sophia
GA 202
10 Dezember 1920, Dornach
Sechster Vortrag
[ 1 ] Es hat sich bei unseren letzten Auseinandersetzungen hier gehandelt um die Möglichkeit, auf der einen Seite im Reiche des Natürlichen dasjenige zu sehen, was in einer gewissen Weise zusammenhängt mit dem Moralischen, mit dem Seelischen, und auf der anderen Seite im Seelischen wiederum zu sehen, was im Natürlichen vorhanden ist. Gerade auf diesem Gebiete steht ja eigentlich die Menschheit der Gegenwart vor einem, man möchte sagen, beunruhigenden Rätsel. Nicht nur, daß vorliegt, was ich jetzt auch in öffentlichen Vorträgen öfter zur Sprache gebracht habe, daß der Mensch auf der einen Seite, wenn er die Naturgesetze auf das Weltenall anwendet und hinsieht auf die Vergangenheit, sich sagen muß: Hervorgegangen ist alles, was wir in unserer Umgebung haben, aus irgendeinem Urnebelzustande, also etwas rein Materiellem, das sich dann in irgendeiner Weise differenziert, umgestaltet hat, und aus dem die Wesen des mineralischen, des pflanzlichen, des tierischen Reiches hervorgegangen sind, aus dem auch der Mensch hervorgegangen ist. Dieses wird in einer gewissen Weise, wenn auch in anderer Form als im Anfange, als rein Physisches, auch am Ende des Weltenalls wiederum da sein. Dann aber wird das, was in uns als Moral geboren wird, unsere Ideale, im Grunde genommen verklungen und vergessen sein und da sein wird der große Kirchhof des Physischen, und keine Bedeutung wird innerhalb dieses physischen Endzustandes das haben, was als seelische Entwickelung in dem Menschen aufgestiegen ist, weil es ja nur eben eine ArtSchaumblase war. Das einzige Reale wäre dann dasjenige, was physisch aus einem Urnebel zur stärksten Differenzierung der verschiedenen Wesen sich entwickelt, um dann wiederum zurückzukehren in den allgemeinen schlackenartigen Weltzustand.
[ 2 ] Solch eine Anschauung, zu der doch derjenige kommen muß, der in ehrlicher Weise, das heißt, daß er ehrlich gegen sich selbst ist, zur natürlichen Weltanschauung der Gegenwart sich bekennt, solch eine Anschauung kann niemals eine Brücke bauen zwischen dem Physischen und dem Moralisch-Seelischen. Daher braucht solch eine Anschauung immer, wenn sie nicht ganz materialistisch sein und eigentlich in den materiellen Vorgängen das einzige der Welt sehen will, immer eine Art gewissermaßen aus der Abstraktion hervorgeholter zweiter Welt, die, wenn man als für die Wissenschaft gegeben nur die erste Welt anerkennt, dann dem Glauben allein gegeben wäre. Und dieser Glaube, der ergeht sich ja darinnen, daß er seinerseits wiederum denkt: Dasjenige, was in der Menschenseele als Gutes ersteht, das kann doch nicht ohne Ausgleich in der Welt bleiben; es muß gewisse Mächte geben, welche wenn man das auch noch so philosophisch denkt, so kommt es dann auf dasselbe heraus — das Gute belohnen und das Böse bestrafen und so weiter. Es gibt ja durchaus in unserer Zeit Menschen, welche sich zu den beiden Anschauungen bekennen, trotzdem sie ohne Brücke nebeneinander dastehen. Es gibt Menschen, welche auf der einen Seite sich alles dasjenige sagen lassen, was die rein naturwissenschaftliche Weltanschauung darbietet, die mitgehen mit der Kant-Laplaceschen Theorie vom Urnebel, mitgehen mit alledem, was vorgebracht wird für einen schlackenartigen Endzustand unserer Entwickelung, und die dann auch wiederum sich zu irgendeiner religiösen Weltanschauung bekennen: daß gute Werke irgendwie ihre Belohnung finden, böse Sünder bestraft werden und dergleichen. Es rührt die Tatsache, daß es in unserer Zeit zahlreiche Menschen gibt, die sowohl das eine wie das andere ihrer Seele darbieten lassen, davon her, daß in unserer Zeit so wenig wirkliche Aktivität der Seelen da ist, denn wenn diese innere Aktivität der Seelen da wäre, so könnte man nicht einfach aus derselben Seele heraus auf der einen Seite eine Weltordnung annehmen, welche ausschließt die Realität des Moralischen, und doch auf der anderen Seite wiederum irgendwelche Mächte annehmen, welche das Gute belohnen und das Böse bestrafen.
[ 3 ] Vergleichen Sie mit dem, was aus der Denk- und Empfindungsbequemlichkeit zahlreicher Menschen der Gegenwart dasteht ohne Brücke, die moralische und die physische Weltanschauung, vergleichen Sie mit dem so etwas, wie ich es das letzte Mal hier auseinandersetzte als ein Ergebnis der Geisteswissenschaft. Ich konnte hinweisen darauf, daß wir um uns herum zunächst die Welt der Lichterscheinungen erblicken, daß wir also in der äußeren Natur hinschauen auf alles das, was durch dasjenige uns erscheint, was wir als Licht ansprechen. Ich konnte Sie darauf hinweisen, wie man zu sehen hat in alledem, was als Licht ringsherum um uns existiert, das, was sterbende Weltgedanken sind, also Weltgedanken, die einstmals in urferner Vergangenheit Gedankenwelten bestimmter Wesenheiten waren, Gedankenwelten, aus denen heraus dazumal Weltwesenheiten erkannt haben ihre damaligen Weltengeheimnisse. Was dazumal Gedanken waren, das leuchtet uns heute entgegen, indem es gewissermaßen Gedankenleiche ist, eben Weltgedanke ist, der stirbt: das leuchtet uns entgegen als Licht. — Sie brauchen nur meine «Geheimwissenschaft im Umriß» aufzuschlagen und die entsprechenden Seiten zu lesen, um zu wissen, daß, indem wir in urferne Vergangenheiten zurückblicken, der Mensch so, wie wir ihn heute als Wesen auffassen, nicht vorhanden war. Es war ja nur eine Art Sinnesautomat zum Beispiel während der Saturnzeit vorhanden von dem Menschen. Sie wissen aber auch, daß dazumal das Weltenall bewohnt war, wie es jetzt auch ist. Aber dazumal eben haben andere Wesen, die dieses Weltenall bewohnten, den Rang innerhalb dieses Weltenalles eingenommen, den heute der Mensch einnimmt. Wir wissen ja, daß diejenigen Geister, die wir Archai nennen oder Urbeginne, daß diese Wesenheiten während der alten Saturnzeit auf der Menschheitsstufe gestanden haben. Sie waren Menschen nicht so, wie die Menschen heute sind, aber sie standen auf der Menschheitsstufe. Bei einer ganz anderen Konstitution standen sie eben doch auf der Menschheitsstufe. Erzengel standen auf der Menschheitsstufe während der alten Sonnenzeit und so weiter.
[ 4 ] Wir blicken also zurück in urferne Vergangenheiten und sagen uns: Wie wir jetzt als denkende Wesen durch die Welt gehen, so gingen diese Wesenheiten dazumal als denkende Wesen mit dem Menschheitscharakter durch die Welt. Was in ihnen dazumal gelebt hat, ist aber äußerer Weltengedanke geworden. Und das, was in ihnen dazumal gedanklich gelebt hat, so daß es von außen nur zu sehen gewesen wäre als ihre Lichtaura, das wird dann im Weltenumkreis gesehen, erscheint in den Lichttatsachen, so daß wir in den Lichttatsachen sterbende Gedankenwelten zu sehen haben. In diese Lichttatsachen spielt ja nun hinein die Finsternis, und gegenüber dem Lichte lebt sich allerdings in der Finsternis dasjenige aus, was seelisch-geistig der Wille genannt werden kann, was auch mit einer mehr orientalischen Wendung der Sache die Liebe genannt werden kann. So daß, wenn wir in die Welt hinaussehen, wir auf der einen Seite die Leuchtewelt sehen, wenn ich so sagen darf; aber wir würden diese Leuchtewelt, die ja den Sinnen immer durchsichtig wäre, nicht sehen, wenn sich nicht in ihr die Finsternis wahrnehmbar machte. Und in dem, was als Finsternis nun die Welt durchdringt, haben wir auf der ersten Stufe des Seelischen das zu suchen, was in uns als Wille lebt. So wie die Welt draußen als ein Zusammenklang angesehen werden kann von Finsternis und Licht, so kann auch unser eigenes Inneres, insoweit es im Raume zunächst sich ausbreitet, als Licht und Finsternis angesehen werden. Nur für unser eigenes Bewußtsein ist das Licht Gedanke, Vorstellung, die Finsternis in uns Wille, wird zur Güte, zur Liebe und so weiter.
[ 5 ] Sie sehen, da bekommen wir eine Weltanschauung, in der nicht das, was in der Seele ist, nur seelisch ist, und das, was draußen in der Natur ist, nur natürlich ist, da bekommen wir eine Weltanschauung, innerhalb welcher das, was draußen in der Natur ist, das Ergebnis ist früherer moralischer Vorgänge, wo das Licht sterbende Gedankenwelten sind. Daraus aber ergibt sich auch für uns: Wenn wir unsere Gedanken in uns tragen, so sind diese zunächst ja auch, indem sie als Gedanken in uns leben, der Kraft nach ausgelöst von unserer Vorzeit. Aber wir durchdringen fortwährend von unserem übrigen Organismus aus die Gedanken mit dem Willen. Denn gerade das, was wir reinste Gedanken nennen, sind Reste aus alter Vergangenheit, durchdrungen vom Willen. So daß auch das reine Denken — ich habe das in der Neuauflage meiner «Philosophie der Freiheit» sehr energisch ausgesprochen — vom Willen durchzogen ist. Das aber, was wir da in uns tragen, das geht in ferne Zukünfte hinüber, und in fernen Zukünften wird das, was jetzt in uns als erster Keim veranlagt ist, in den äußeren Erscheinungen leuchten. Es werden dann Wesen sein, welche so in die Welt hinausblicken, wie wir jetzt von der Erde in die Welt hinausblicken, und diese Wesen werden sagen: Uns erglänzt um uns herum eine Natur. Warum erglänzt sie uns so, wie sie uns erglänzt? Weil auf der Erde in einer bestimmten Weise von Menschen Taten vollbracht worden sind, denn das, was wir jetzt um uns herum erblicken, das ist das Ergebnis desjenigen, was die Erdenmenschen in sich als Keim getragen haben. — Wir stehen jetzt da, blicken in die äußere Natur hinaus. Wir können dastehen wie trockene, nüchterne Abstraktlinge, können, so wie die Physiker es tun, das Licht und seine Erscheinungen analysieren: wir werden diese Erscheinungen innerlich kalt als Laboratoriumsmenschen analysieren; dadurch wird manches sehr Schöne, Geistreiche herauskommen, aber wir stehen dann nicht als Vollmenschen der äußeren Welt gegenüber. Wir stehen nur als Vollmenschen der äußeren Welt gegenüber, wenn wir empfinden können das, was uns in der Morgenröte, was uns im blauen Himmelsfirmament, was uns in der grünen Pflanze erscheint, wenn wir empfinden können das, was wir in der plätschernden Welle wahrnehmen — denn es bezieht sich ja das Licht nicht nur auf das durch das Auge wahrnehmbare Licht, sondern ich gebrauche den Ausdruck Licht hier für alle Sinneswahrnehmungen. In dem, was wir da um uns herum wahrnehmen, was sehen wir da? Wir sehen eine Welt, die allerdings unsere Seele erheben kann, die in einer gewissen Weise für unsere Seele sich als die offenbart, die wir haben müssen, damit wir überhaupt in eine sinnvolle Welt sinnvoll hinausblicken können. Wir stehen nicht als Vollmensch da, wenn wir dieser Welt bloß gegenüberstehen so, daß wir sie trocken als Physiker analysieren. Wir stehen als Vollmensch dieser Welt erst gegenüber, wenn wir uns sagen: Das, was da leuchtet, was da tönt, das ist im letzten Abnehmen dasjenige, was vor langen Zeiten in urferner Vergangenheit Wesen in ihren Seelen ausgebildet haben; denen müssen wir dankbar sein. — Wir blicken dann nicht hinaus wie trockene Physiker in die Welt, wir blicken hinaus mit Dankesgefühlen gegenüber denjenigen Wesenheiten, die so und so viele Jahrmillionen, sagen wir, während der alten Saturnzeit so gelebt haben als Menschen, wie wir heute als Menschen leben, und die so gedacht und empfunden haben, daß wir heute die herrliche Welt um uns herum haben. Das ist ein bedeutsames Ergebnis einer wirklichkeitsgesättigten Weltanschauung, indem sie uns dazu führt, in die Welt nicht nur hinauszusehen als trockener Nüchterling, sondern voller Dankbarkeit für diejenigen Wesen, die in grauester Vergangenheit durch ihr Denken, durch ihre Taten bewirkt haben, was für uns in unserem Umkreise die uns erhebende Welt ist. Man stelle sich das nur mit der nötigen Intensität vor, man erfülle sich mit dieser Vorstellung des Verpflichtetseins zum Danke für die urfernen Vormenschen, darum, weil sie uns unsere Umgebung gemacht haben. Man erfülle sich mit diesem Gedanken, und man bringe es dann noch über die Seele, sich zu sagen: Wir müssen unsere Gedanken und Empfindungen in der entsprechenden Weise einrichten, in einer Weise, die uns als moralisches Ideal vorschwebt, damit diejenigen Wesen, die nach uns kommen, auf eine Umwelt sehen können, für die sie uns ebenso dankbar sein müssen, wie wir dankbar sein können unseren urfernen Vorfahren, die jetzt im buchstäblichen Sinne in bezug auf ihre Wirkungen als Leuchtegeister uns umgeben. Wir sehen heute eine leuchtende Welt; sie war vor Jahrmillionen eine moralische Welt. Wir tragen in uns eine moralische Welt; sie wird nach Jahrmillionen eine Leuchtewelt sein.
[ 6 ] Sehen Sie, zu dieser Weltempfindung führt eine vollwertige Weltanschauung. Eine nicht vollwertige Weltanschauung, sie führt zwar zu allerlei Ideen und Begriffen, zu allerlei Theorien über die Welt, aber sie füllt den vollen Menschen nicht aus, denn sie läßt seine Empfindung leer. Dies hat allerdings seine recht praktische Seite, obwohl der heutige Mensch die Praxis davon noch kaum einsieht. Aber derjenige, der es mit der heutigen Welt ehrlich meint, der weiß, daß er sie nicht in den Niedergang hineinfahren lassen darf; der möchte hinblicken auf eine Schule und Hochschule der Zukunft, wo die Menschen nicht um acht Uhr morgens hineingehen mit einem gewissen lässig gleichgültigen Gefühl, und um elf oder zwölf oder ein Uhr herauskommen mit demselben lässig gleichgültigen Gefühl, höchstens mit einem kleinen Stolz darüber, daß sie wieder einmal so und so viel gescheiter geworden sind — nehmen wir an, sie seien es geworden. Nein, man kann den Blick lenken in eine Zukunftsperspektive, in welcher diejenigen, die da herausgehen um elf oder zwölf oder ein Uhr, zu gleicher Zeit mit ins Universelle hinausgehenden Gefühlen gegenüber der Welt die Lehrstätten verlassen, indem in ihre Seelen gepflanzt wird neben der Gescheitheit das Gefühl gegenüber der werdenden Welt, das Dankbarkeitsgefühl gegenüber der urfernen Vergangenheit, in der Wesen gewirkt haben, die unsere uns umgebende Natur so gestaltet haben, wie sie ist, und das Gefühl der großen Verantwortlichkeit, die wir haben, weil unsere moralischen Impulse in uns später scheinende Welten werden. Es bleibt selbstverständlich ein Glaube, wenn man den Leuten sagen will: Real ist der Urnebel, real ist die Zukunftsschlacke, dazwischen machen sich Wesen moralische Illusionen, die als Schaum in ihnen aufsteigen. Das letztere sagt dann der Glaube nicht; er müßte es sagen, wenn er ehrlich wäre. Ist es nicht etwas wesentlich anderes, wenn der Mensch sich sagt: Ja, dasjenige, was Vergeltung ist, das gibt es, denn die Natur ist selber so angelegt, daß diese Vergeltung eintritt: deine Gedanken werden scheinendes Licht. Es offenbart sich die moralische Weltordnung. Das, was zu der einen Zeit moralische Weltordnung ist, ist zu der anderen Zeit physische Weltordnung, und was in irgendeiner Zeit physische Weltordnung ist, war in einer anderen Zeit moralische Weltordnung. Alles Moralische ist dafür bestimmt, ins Physische herauszutreten. Braucht der Mensch, der die Natur geistig ansieht, noch extra einen Beweis für eine moralische Weltordnung? Nein, in der geistig durchschauten Natur liegt selber die Rechtfertigung der moralischen Weltordnung. Zu diesem Bilde steigt man auf, wenn man eben den Menschen, ich möchte sagen, in seinem Vollmenschentum betrachtet.
[ 7 ] Gehen wir aus von einer Erscheinung, durch die wir alle jeden Tag hindurchgehen. Wir wissen, Einschlafen und Aufwachen beruhen darauf, daß der Mensch in seinem Ich und seinem astralischen Leibe sich loslöst von dem physischen Leib und dem Ätherleib. Was bedeutet denn das eigentlich mit Bezug auf den Kosmos? Stellen wir uns vor, physischen Leib, Ätherleib, astralischen Leib und Ich miteinander für das Wachen verbunden. Nun stellen wir sie uns für das Schlafen getrennt vor: Was ist nun der, ich möchte sagen, kosmische Unterschied zwischen beiden? Sehen Sie, wenn Sie auf den Schlafzustand sehen, dann erleben Sie in diesem Schlafzustande das Licht. Dadurch, daß Sie das Licht erleben, erleben Sie die sterbende Gedankenwelt der Vorzeit. Und indem Sie gewissermaßen erleben die sterbende Gedankenwelt der Vorzeit, werden Sie geneigt, eine Empfänglichkeit zu haben, das Geistige, wie es in die Zukunft hinein sich erstreckt, wahrzunehmen. Daß der Mensch heute nur eine dumpfe Wahrnehmung davon hat, das ändert ja nichts an der Sache. Das, was uns jetzt wesentlich ist, das ist, daß wir in diesem Zustande empfänglich sind für das Licht.
[ 8 ] Wenn wir nun untertauchen in den Leib, da werden wir jetzt innerlich seelisch — wenn ich sage innerlich seelisch, so bedeutet das, daß wir eben Seelen sind und keine Waagen —, seelisch werden wir empfänglich, indem wir in den Leib untertauchen, im Gegensatz zum Lichte, für die Finsternis. Aber dies ist nicht ein bloß Negatives, sondern wir werden noch für etwas anderes empfänglich. So wie wir imSchlafen empfänglich waren für das Licht, so werden wir im Aufwachen empfänglich für die Schwere. Ich sagte, wir sind keine Waage; wir werden nicht empfänglich für die Schwere, indem wir unsere Körper abwiegen, aber indem wir in unsere Körper untertauchen, werden wir innerlich seelisch empfänglich für die Schwere. Wundern Sie sich nicht, daß das zunächst etwas Unbestimmtes hat, wenn es ausgesprochen wird. Für das eigentliche seelische Erleben ist das gewöhnliche Bewußtsein ebenso schlafend im Wachen, wie es schlafend ist im Schlafe. Im Schlafe nimmt der Mensch im heutigen normalen Bewußtsein nicht wahr, wie er im Lichte lebt. Im Wachen nimmt er nicht wahr, wie er in der Schwere lebt. Aber so ist es: das Grunderlebnis des schlafenden Menschen ist das Leben im Lichte. Er ist im Schlafe seelisch nicht empfänglich für das Schwere, für die Tatsache der Schwere. Die Schwere ist gewissermaßen von ihm genommen. Er lebt in dem leichten Lichte. Er weiß nichts von der Schwere. Er lernt die Schwere erkennen erst innerlich, zunächst unterbewußt. Aber der Imagination ergibt sich das sogleich: er lernt die Schwere erkennen, indem er in seinen Leib untertaucht.
[ 9 ] Das zeigt sich für das geisteswissenschaftliche Forschen in der folgenden Weise. Wenn Sie zur Erkenntnisstufe der Imagination sich hinauferhoben haben, dann können Sie den Ätherleib einer Pflanze beobachten. Sie werden, wenn Sie den Ätherleib einer Pflanze beobachten, das innere Erlebnis haben: Dieser Ätherleib der Pflanze, der zieht sie fortwährend hinauf, der ist schwerelos. Wenn Sie dagegen den Atherleib eines Menschen betrachten, so hat der Schwere, auch für die imaginative Vorstellung. Sie haben einfach das Gefühl: er ist schwer. Und von da aus kommt man dann dazu, zu erkennen, daß zum Beispiel der Artherleib des Menschen etwas ist, was, wenn die Seele darinnen ist, dieser Seele die Schwere überträgt. Aber es ist ein übersinnliches Urphänomen. Schlafend lebt die Seele im Lichte, lebt daher in Leichtigkeit. Wachend lebt die Seele in der Schwere. Der Leib ist schwer. Diese Kraft überträgt sich auf die Seele. Die Seele lebt in der Schwere. Das bedeutet etwas, was nun sich ins Bewußtsein überträgt. Denken Sie an den Moment des Aufwachens, worin besteht er? Wenn Sie schlafend sind — Sie liegen im Bette, Sie rühren sich nicht, der Wille ist abgelähmt. Allerdings, es sind auch die Vorstellungen abgelähmt, aber die Vorstellungen sind auch nur deshalb abgelähmt, weil der Wille abgelähmt ist, weil der Wille nicht in Ihren eigenen Leib schießt, nicht sich der Sinne bedient, deshalb sind die Vorstellungen abgelähmt. Die Grundtatsache ist die Ablähmung des Willens. Wodurch wird der Wille regsam? Dadurch, daß die Seele Schwere fühlt durch den Leib. Dieses Zusammenleben mit der Seele, das gibt im irdischen Menschen die Tatsache des Willens. Und das Aufhören des Willens vom Menschen selber, es tritt ein, wenn der Mensch im Lichte ist.
[ 10 ] Damit haben Sie die zwei kosmischen Kräfte, Licht und Schwere, als die großen Gegensätze im Kosmos hingestellt. In der Tat, Licht und Schwere sind kosmische Gegensätze. Wenn Sie sich den Planeten vorstellen: die Schwere zieht zum Mittelpunkte, das Licht weist vom Mittelpunkte hinweg in das Weltenall hinaus [Pfeile]. Man denkt sich das Licht nur ruhend. In Wahrheit ist es vom Planeten hinausweisend. Wer die Schwere eben als eine Kraft denkt der Anziehung, also newtonisch, der denkt ja eigentlich ziemlich stark materialistisch, denn er denkt sich, daß eigentlich so irgend etwas von einem Dämon oder dergleichen da drinnen in der Erde sitzt, mit einem Strick, den man allerdings nicht sieht, und der zieht den Stein an. Man spricht ja von einer Anziehungskraft, die wohl niemand jemals woanders nachweisen kann als in der Vorstellung. Aber man spricht von dieser Anziehungskraft. Nun, versinnlichen mögen sich ja die Leute diese Sache nicht, aber sie mögen also newtonisch von der Anziehungskraft sprechen. In der westlichen Kultur wird das einmal so sein, daß dasjenige, was da überhaupt da ist, in irgendeiner Weise sinnlich vorgestellt sein muß. Also einer könnte den Leuten sagen: Nun, ihr mögt die Anziehungskraft vorstellen so, wie einen unsichtbaren Strick; dann aber müßt ihr wenigstens das Licht vorstellen wie solch ein Abschwingen, wie ein Abschleudern. Man müßte das Licht dann als eine Abschleuderkraft vorstellen. Für denjenigen, der mehr in der Realität stehenbleiben will, für den genügt es, wenn er einfach den Gegensatz, den kosmischen Gegensatz von Licht und Schwere einsehen kann.
[ 11 ] Und nun, sehen Sie, auf dem, was ich jetzt sagte, beruht vielerlei gerade mit Bezug auf den Menschen. Wenn wir auf das alltägliche Ereignis des Einschlafens und Aufwachens gesehen haben, so sagen wir: Beim Einschlafen begibt sich der Mensch aus dem Felde der Schwere heraus in das Feld des Lichtes. Indem er in dem Felde des Lichtes lebt, bekommt er, wenn er lange genug ohne Schwere gelebt hat, wiederum eine lebhafte Sehnsucht, von der Schwere sich umfangen zu lassen, und er kehrt zu der Schwere wiederum zurück, er wacht auf. Es ist ein fortwährendes Oszillieren zwischen Leben im Lichte und Leben in der Schwere, Aufwachen und Einschlafen. Wenn jemand seine Empfindungsfähigkeiten feiner entwickelt, so wird er unmittelbar als ein persönliches Erlebnis dieses empfinden können, das gewissermaßen Aufsteigen aus der Schwere in das Licht, und das wiederum InAnspruchgenommen-Werden von der Schwere beim Aufwachen.
[ 12 ] Aber jetzt stellen Sie sich doch etwas anderes vor, jetzt stellen Sie sich vor, der Mensch ist als Wesen zwischen Geburt und Tod an die Erde gebunden. Er ist dadurch an die Erde gebunden, daß in diesem Zustande zwischen Geburt und Tod seine Seele, wenn sie eine Zeitlang im Lichte gelebt hat, immer wiederum den Hunger nach der Schwere bekommt, zurückkehrt in den Zustand der Schwere. Wenn — wir werden davon noch weiter sprechen — ein Zustand eingetreten ist, durch den dieser Hunger nach Schwere nicht mehr da ist, dann wird der Mensch immer mehr und mehr dem Lichte folgen. Das tut er bis zu einer gewissen Grenze [siehe Zeichnung, rot]. Er folgt bis zu einer gewissen Grenze dem Lichte, und wenn er an der äußersten Peripherie des Weltenalls angekommen ist, dann hat er verbraucht, was ihm die Schwere gegeben hat zwischen Geburt und Tod, dann beginnt eine neue Sehnsucht nach der Schwere, und er tritt seinen Weg wiederum zurück an [siehe Zeichnung, weiß] zu einer neuen Verkörperung. So daß also auch in jener Zwischenzeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, um die Mitternachtsstunde des Daseins, eine Art Hunger nach der Schwere auftaucht. Das ist zunächst der allgemeinste Begriff für das, was der Mensch erlebt als Sehnsucht, zu einem neuen Erdenleben zurückzukehren. Nun aber, während der Mensch zu einem neuen Erdenleben zurückkehrt, wird er durchzugehen haben durch die Sphäre der benachbarten, der anderen Himmelskörper. Die wirken auf ihn in der verschiedensten Weise, und das Resultat dieser Wirkungen bringt er sich dann, indem er durch die Empfängnis in dieses physische Leben eintritt, in dieses physische Leben mit. Daraus ersehen Sie, daß es schon eine Bedeutung hat, danach zu fragen: Wie stehen die Sterne in den Sphären, durch die der Mensch zurückschreitet? — Denn je nachdem der Mensch seine Sternensphäre durchschreitet, formt sich in verschiedener Weise seine Sehnsucht nach der Erdenschwere. Nicht nur die Erde strahlt gewissermaßen eine bestimmte Schwere aus, nach der sich der Mensch wieder zurücksehnt, sondern auch die anderen Himmelskörper, deren Sphäre er durchschreitet, indem er gegen ein neues Leben sich hinbewegt, sie wirken auf ihn mit ihrer Schwere. So daß der Mensch, indem er zurückkehrt, allerdings in verschiedene Lagen kommen kann, die es rechtfertigen, daß man zum Beispiel folgendes ausspricht: Der auf die Erde zurückkehrende Mensch sehnt sich wiederum danach, zu leben in der Erdenschwere. Aber er passiert zunächst die Sphäre des Jupiter. Jupiter strahlt auch eine Schwere aus, aber eine solche, welche geeignet ist, der Sehnsucht nach der Erdenschwere ein gewisses Freudiges hinzuzustimmen. Es wird also nicht nur die Sehnsucht nach der Erdenschwere in der Seele leben, sondern diese Sehnsucht wird eine freudige Stimmungsnuance empfangen, Der Mensch passiert die Sphäre des Mars. Er sehnt sich nach der Erdenschwere. Eine freudige Stimmung ist bereits in ihm. Mars wirkt auch mit seiner Schwere auf ihn, pflanzt ein, impft ein gewissermaßen der nach der Erdenschwere sich freudig sehnenden Seele die Aktivität, in diese Erdenschwere sich hineinzubegeben, um das nächste physische Leben zwischen Geburt und Tod kraftvoll zu benutzen. Jetzt ist die Seele schon so weit, daß sie in ihren unterbewußten Tiefen den Impuls hat, deutlich sich zu sehnen nach der Erdenschwere und die irdische Inkarnation kraftvoll zu benützen, so daß die sich sehnende Freude, die freudige Sehnsucht mit Intensität zum Ausdrucke kommt. Der Mensch passiert noch die Sphäre der Venus. Es mischt sich diesem nach Kraft tendierenden freudigen Sehnen ein liebevolles Erfassen der Lebensaufgaben bei.
[ 13 ] Sie sehen, wir sprechen von verschiedenen Schweren, die von Weltenkörpern ausgehen, und bringen sie in Zusammenhang mit dem, was in der Seele leben kann. Wir suchen wiederum, indem wir in den Weltenraum hinausblicken, das räumlich-physisch Ausgebreitete zu gleicher Zeit moralisch anzusprechen. Wenn wir wissen, daß in der Schwere Willenhaftes lebt und wenn wir auf der anderen Seite wissen, daß dem Willen das Licht entgegengesetzt ist, dürfen wir sagen: Vom Mars strahlt Licht zurück, vom Jupiter strahlt Licht zurück, von der Venus strahlt Licht zurück; in den Schwerekräften lebt zu gleicher Zeit die Modifikation durch das Licht. Wir wissen, im Lichte leben sterbende Weltgedanken, in den Schwerekräften leben werdende Welten durch Willenskeime. Das alles durchstrahlt die Seelen, indem sie durch den Raum sich bewegen. Wir betrachten die Welt physisch, wir betrachten sie zu gleicher Zeit moralisch. Es ist ein Physisches und ein Moralisches nicht nebeneinander vorhanden, sondern nur in seiner Beschränktheit ist der Mensch geneigt, zu sagen: Auf der einen Seite ist das Physische, auf der anderen Seite das Moralische. — Nein, das sind nur verschiedene Anblicke, das ist in sich einheitlich. Die Welt, die sich zum Lichte hin entwickelt, entwickelt sich zu gleicher Zeit zur Vergeltung, zur sich offenbarenden Vergeltung hin. Sinnvolle Weltenordnung offenbart sich aus der natürlichen Weltenordnung heraus.
[ 14 ] Man muß sich klar sein darüber, daß man zu einer solchen Weltanschauung nicht durch eine philosophische Interpretation kommt, sondern daß man hineinwächst, indem man allmählich lernt, durch Geisteswissenschaft die physischen Begriffe zu vergeistigen; dadurch moralisiert sie sich von selber. Und wenn man lernt, hindurchzusehen durch die Welt des Physischen in die Welt, in welcher das Physische aufgehört hat und das Geistige vorhanden ist, so erkennt man: da ist das Moralische darinnen.
[ 15 ] Sehen Sie, es könnten wirklich aus gewissen Vorstellungen Menschen heute schon darauf kommen — ich will das jetzt nur zum Schlusse Ihnen vorführen, obwohl es außerhalb der Denkweise der meisten von Ihnen liegt —, ich möchte sagen, ganz gelehrt sich das vor die Seele zu führen, was ich eben gesagt habe. Sie haben also diese Linie, die keine Ellipse ist, sondern die sich von der Ellipse dadurch unterscheidet, daß sie hier mehr ausgebogen ist [Zeichnung links] — am Bau sehen Sie häufig diese Linie —, die Ellipse wäre ja etwa so [punktiert]. Das ist aber nur eine spezielle Gestalt dieser Linie; diese Linie kann nämlich auch, wenn man die mathematische Gleichung verändert, diese Form annehmen [Lemniskate]. Das ist dieselbe Linie wie die andere. Das eine Mal fahre ich so herum und schließe hier; nun, unter gewissen Voraussetzungen fahre ich aber nicht so hinauf bis zum obersten, sondern so herum und kehre dann wiederum zurück und schließe unten. Aber dieselbe Linie hat noch eine andere Form. Da muß ich, wenn ich hier anfange, auch hier nur scheinbar schließen; jetzt muß ich aus der Ebene heraus, aus dem Raum heraus, muß hier herüber, komme hier wiederum zurück. Jetzt muß ich wiederum aus dem Raum heraus, muß sie hier fortsetzen, die Linie, und schließe sie unten. Es ist nur die Linie etwas modifiziert. Das sind nicht zwei Linien, das ist nur eine Linie, es hat auch nur eine mathematische Gleichung; das ist eine einzige Linie, nur daß ich aus dem Raume herausgehe. Wenn man diese Vorstellung fortsetzt, so ist nämlich noch das andere möglich: ich kann einfach diese Linienehmen [Lemniskate], aber diese Linie kann ich mir auch so vorstellen, daß ihre Hälfte im Raume herinnen liegt; indem ich hier herumkomme, muß ich aus dem Raume heraus. Ich muß aus dem Raume heraus, dann mache ich es so fertig: hier ist die andere Hälfte, aber nur ist sie außerhalb des gewöhnlichen Raumes, sie liegt nicht im gewöhnlichen Raum herinnen. Sie ist auch da. Und wenn man diese Vorstellungsweise, die durchaus heute zum Beispiel Mathematiker haben könnten, wenn sie wollten, wenn man diese Vorstellungsweise ausbilden würde, so würde man zu der anderen Vorstellung kommen vom Hinausgehen aus dem Raum und vom Wiederhineinkommen in den Raum. Das ist durchaus etwas, was der Realität entspricht. Denn jedesmal, wenn Sie sich etwas vornehmen, so denken Sie das Vorgenommene; bevor Sie wollen, gehen Sie aus dem Raum heraus, und wenn Sie die Hand bewegen, gehen Sie wiederum in den Raum herein. Zwischendurch sind Sie aus dem Raum heraußen, da sind Sie auf der anderen Seite des Raumes.
[ 16 ] Diese Vorstellung muß man durchaus entwickeln — von der anderen Seite des Raumes. Dann kommt man zu der Vorstellung des wirklich Übersinnlichen, dann kommt man vor allen Dingen aber zur Vorstellung des Moralischen in seiner Realität. Das Moralische in seiner Realität kann von der heutigen Weltanschauung so schwer vorgestellt werden, weil die Leute durchaus alles, was sie vorstellen wollen, im Raume vorstellen wollen, nach Maß, Gewicht und Zahl bestimmen wollen, während in der Tat die Wirklichkeit an jedem Punkte, möchte ich sagen, des Raumes über den Raum hinausgeht und wiederum zum Raum zurückkehrt. Es gibt Leute, die stellen sich ein Sonnensystem vor, im Sonnensystem Kometen, da sagen sie: Der Komet erscheint, dann macht er eine riesige lange Ellipse durch und dann kommt er nach langer Zeit wieder. — Das ist für viele Kometen nicht wahr. Das ist so, daß Kometen erscheinen, sie gehen hinaus, zerstieben hier, hören auf, bilden sich aber von der anderen Seite wiederum, bilden sich von hier wiederum und kommen von daher zurück, beschreiben überhaupt Linien, die gar nicht zurückkehren. Warum? Weil die Kometen aus dem Raume hinausgehen und an einer ganz anderen Stelle wiederkommen. Das ist durchaus im Kosmos möglich, daß irgendwie aus dem Raume hinaus die Kometen zerstieben und an einer anderen Stelle im Raum wiederkommen.
[ 17 ] Ich werde Sie in der Fortsetzung dieser Betrachtungen morgen nicht etwa weiter quälen mit den Vorstellungen, die ich Ihnen in den letzten zehn Minuten vorgeführt habe, weil ich weiß, daß sie dem Vorstellungskreis einer großen Anzahl von Ihnen ferne liegen würden. Aber ich muß doch manchmal darauf hinweisen, daß diese Geisteswissenschaft, wie sie hier gepflegt wird, rechnen könnte mit den allerausgebildetsten wissenschaftlichen Vorstellungen, wenn dazu die Gelegenheit vorhanden wäre, wenn mit anderen Worten die Möglichkeit vorhanden wäre, dasjenige, was heute geistlos betrieben wird, namentlich in den sogenannten exakten Wissenschaften, mit Geist wirklich zu durchdringen. Diese Möglichkeit ist leider nicht vorhanden; insbesondere die Dinge wie die Mathematik und so weiter werden heute zumeist in der geistlosesten Weise betrieben. Und daher ist schon einmal Geisteswissenschaft, wie ich neulich beim öffentlichen Vortrag in Basel auch betonte, vorläufig darauf angewiesen — was ihr viele zum Vorwurf machen, die nun gelehrt sein wollen —, vor gebildeten Laien sich geltend zu machen. Würden die Gelehrten nicht so faul sein gegenüber geistigen Betrachtungen, so hätte Geisteswissenschaft nicht nötig, sich bloß vor gebildeten Laien geltend zu machen, denn sie kann mit den höchsten wissenschaftlichen Vorstellungen rechnen und rechnet bis zu diesen höchsten wissenschaftlichen Vorstellungen auch mit voller Exaktheit, weil sie sich ihrer Verantwortlichkeit bewußt ist.
[ 18 ] Allerdings, die Wissenschafter, die benehmen sich ja diesen Dingen gegenüber in einer höchst eigentümlichen Weise. Sehen Sie, da ist ein gelehrter Herr — ich habe neulich schon im öffentlichen Vortrag auf ihn aufmerksam gemacht —, der hat offenbar gehört, daß hier in Dornach Hochschulkurse gehalten worden sind. Vorher hat er nämlich etwas von der Waldorfschule gehört und hat, wie es scheint, in den «WaldorfNachrichten» meine Eröffnungsrede für die Waldorfschule und noch einen anderen Aufsatz gelesen. In der Eröffnungsrede habe ich aus dem Zusammenhange heraus einen Pädagogen genannt, der für vieles ein Gesinnungsgenosse jenes Gelehrten ist. Bei solch einer Gelegenheit werden die Herren, die so oftmals der Anthroposophie vorwerfen, sie könnte zu Suggestion oder Autosuggestion führen, gleich hypnotisiert, weil sie hören: Da wurde einer erwähnt, der ist ein wissenschaftlicher Gesinnungsgenosse von mir. — Da wurde denn der Herr ganz aufmerksam. Nun wurde es ihm offenbar schwül von alledem, was an den Dornacher Hochschulkursen geleistet wurde. Deshalb konnte er sich doch nicht entwehren, folgendes zu schreiben: «Auf den Hochschulkursen der Anthroposophen in Dornach bei Basel, die im Herbst d. J. stattgefunden haben, ist die Hoffnung ausgesprochen worden, daß von hier aus große, starke Ideen eine neue Entwickelung unseres Volkes einleiten und ihm neues Leben einhauchen würden. Wer die ethischen Grundlagen dieser Bewegung auf ihren wahren Wert prüft, kann diese Hoffnung nicht teilen, falls nicht diese Grundlagen einer kritischen Prüfung unterworfen werden, wozu die vorstehenden Zeilen Veranlassung geben wollen.»
[ 19 ] Nun, warum sind diese «vorstehenden Zeilen» eigentlich geschrieben? Also die Hochschulkurse, ihre ethische Grundlage muß geprüft, einer Kritik unterzogen werden, denn die müssen irgend etwas zu tun haben mit dem, was nun solch ein Herr zu deklamieren hat, was er nennt den moralischen Tiefstand, denn er beginnt seinen Aufsatz, den er überschrieben hat «Ethische Irrlehre»: «In Zeiten eines moralischen Tiefstandes, wie ihn das deutsche Volk wohl noch nicht erlebt hat, ist es doppelt not, die großen Landmarken der Moral, wie sie von Kant und Herbart aufgerichtet worden sind, zu verteidigen und sie nicht zugunsten relativistischer Neigungen verrücken zu lassen. Das Wort des Freiherrn von Stein, daß ein Volk nur stark bleiben kann durch die Tugenden, durch welche es groß geworden ist, lebendig zu halten, muß heute zu den ersten Aufgaben inmitten der Auflösung aller moralischer Begriffe gerechnet werden.»
[ 20 ] Nun datiert der Mann die Auflösung der moralischen Begriffe seit dem Kriege und findet eines sehr bemerkenswert: «Daß an dieser Auflösung eine Schrift des Führers der Anthroposophen in Deutschland, des Dr. Rudolf Steiner, beteiligt ist, muß besonders beklagt werden, da man den idealistischen Grundzug dieser Bewegung, die auf eine starke Verinnerlichung des Einzelmenschen hinzielt» — das hat er nämlich aus ein paar Aufsätzen der «Waldorf-Nachrichten» entnommen —, «nicht leugnen, und in seinem Plan der Dreigliederung des sozialen Körpers, der in Nr. 222 des «Tags besprochen wurde, gesunde, das Volkswohl fördernde Gedanken finden kann. Aber in der Schrift «Die Philosophie der Freiheit» (Berlin 1918) überspannt er seine individualistische Einstellung in einer Weise, die zur Auflösung der sozialen Gemeinschaft führen und deshalb bekämpft werden muß.»
[ 21 ] Also Sie werden sehen: 1918 ist aus dem moralischen Tiefstand, der sich aus dem Krieg ergeben hat, die «Philosophie der Freiheit» geschrieben worden! Der gute Mann hat selbstverständlich jahrzehntelang, als die «Philosophie der Freiheit» da war, sich nicht darum gekümmert, nur die letzte Auflage, nämlich 1918, gelesen, so genau, daß er nicht entnahm, wie alt dieses Buch ist, daß es ganz gewiß aus der Zeit stammt, in der er davon geredet hat, wie herrlich weit wir es gebracht haben, zu welcher Klärung, wo er noch lange nicht von moralischem Tiefstand gesprochen hat: Nun also! So weit ist die Gewissenhaftigkeit dieser Jugendbildner. Der Mann ist nicht nur Professor für Philosophie, sondern vor allen Dingen Pädagoge. Er hat also nicht bloß an Universitäten zu unterrichten, sondern Kinder pädagogisch zu erziehen. Und er ist selber so gut erzogen, daß er die Schrift als 1918 geschrieben empfindet, die «Philosophie der Freiheit». Daher ist es ihm auch ein Leichtes, über den Zweck dieser Schrift zu berichten. Bedenken Sie doch die Situation: 1893 erscheint die «Philosophie der Freiheit». Die Ideen entstehen also damals. Wenn man also annimmt, daß damals die «Philosophie der Freiheit» erschienen ist, welchen Sinn haben dann die folgenden Worte, die geradezu die Kulmination des ganzen Aufsatzes bilden: «Diese freien Menschen des Dr. Steiner sind aber bereits keine Menschen mehr. Sie sind in die Welt der Engel schon auf Erden eingetreten. Die Anthroposophie hat ihnen dazu verholfen.»
[ 22 ] Nun bitte ich Sie: 1893 erscheint die «Philosophie der Freiheit», veröffentlicht mit der Absicht, für die Menschen eine Ethik zu liefern, zu der ihnen die Anthroposophie verhilft: «Müßte es nicht eine unsagbare Wohltat mitten in den mannigfachen Wirrnissen des Erdenlebens sein, sich in solche Umgebung versetzen zu lassen? Angenommen, daß es einer kleinen Schar gelingt, alles Menschliche von sich abzustreifen und in ein reineres Dasein einzugehen, in dem volles Ausleben den wahrhaft Freien jenseits von Gut und Böse erlaubt ist — was bleibt für die breite Masse des Volkes, die mit den materiellen Nöten und Sorgen des Lebens aufs engste verflochten ist, übrig?» Sie sehen also, die Sache wird so dargestellt, als ob die «Philosophie der Freiheit» erschienen wäre in Berlin 1918, und die Anthroposophie dazu da wäre, um jene Menschen, die in der «Philosophie der Freiheit» dargestellt sind, auszubilden!
[ 23 ] Mit dieser Gewissenhaftigkeit schreiben unsere Gelehrten heute über die Dinge. Es ist dieselbe Gewissenhaftigkeit, mit der ein Doktor der Theologie schreibt, daß hier eine neun Meter hohe Christus-Statue fabriziert würde, oben mit luziferischen Zügen und unten mit tierischen Merkmalen, wogegen die Tatsache steht, daß jene Christus-Statue oben ein rein menschliches ideales Gesicht hat und unten noch ein Holzklotz ist, nämlich überhaupt noch nicht da ist. Das wird nicht nur so beschrieben, als ob es ihm von irgend jemand mitgeteilt worden wäre, diesem Doktor der Theologie, sondern so schreibt er, als ob er diese Tatsache konstatiert hätte, wie wenn er selber dagewesen wäre. Da wird man eben erinnert an jene Anekdote, die ich in Basel im Vortrage öffentlich erwähnt habe, wie jemand konstatiert, abends, wenn er nach Hause kommt, ob er nüchtern oder betrunken ist: Man legt sich ins Bett und einen Zylinder vor sich auf die Bettdecke; sieht man ihn einfach, ist man nüchtern, sieht man ihn doppelt, so ist man betrunken. Man muß mindestens in jenem Zustande sein, wenn man dasjenige, was hier als Christus-Statue gemacht wird, so sieht, wie es jener Doktor der Theologie gesehen hat.
[ 24 ] Aber man kann, abgesehen von diesen Angriffen, in diesem Falle doch die Frage aufwerfen: Was sind das für Theologen? Was sind das für Christen? Was sind das für Jugendbildner, die solch eine Beziehung zur Wahrheit und Wahrhaftigkeit haben, und wie muß eine Wissenschaft aussehen, die mit einem solchen Gefühl für Wahrheit und Wahrhaftigkeit versehen ist? Solche Wissenschaft wird aber heute eigentlich von den meisten Menschen auf Lehrkanzeln und in Büchern vertreten, von solcher Wissenschaft lebt die Menschheit.
[ 25 ] Unter allen anderen Aufgaben, die sie hat, hat Geisteswissenschaft auch die Aufgabe, unsere geistige Atmosphäre zu reinigen von jenen Dünsten der Unwahrhaftigkeit, der Verlogenheit, die nicht etwa bloß im äußeren Leben herrscht, die heute bewiesen werden kann bis in die Tiefe der einzelnen Wissenschaften hinein. Und wiederum von diesen Tiefen geht dann dasjenige aus, was im sozialen Leben so verheerend wirkt. Der Mut muß aufgebracht werden, um in diese Dinge mit dem richtigen Lichte hineinzuleuchten. Dazu ist aber allerdings notwendig, daß man sich erst erwärmen kann für eine Weltanschauung, die nun wirklich die Brücke schlägt zwischen der moralischen Weltordnung und der physischen Weltordnung, indem die leuchtende Sonne zugleich angesehen werden kann wie die Konzentration untergehender Gedankenwelten, und dasjenige, was aus den Tiefen der Erde heraufsprudelt, zugleich angesehen werden kann als die Vorbereitung dessen, was in die Zukunft hinüberlebt, keimhaft, willensmäßig, die Welt willensmäßig durchdringend.
