Die Brücke zwischen der Weltgeistigkeit
und dem Physischen des Menschen
Die Suche nach der neuen Isis,
der göttlichen Sophia
GA 202
14 Dezember 1920, Dornach
Neunter Vortrag
[ 1 ] Heute wollen wir unseren Ausgangspunkt davon nehmen, den Fortgang der Seele durch die aufeinanderfolgenden Erdenleben etwas zu betrachten. Die äußeren Erscheinungen, die da auftreten, die kennen Sie ja aus Ihrer übrigen Beschäftigung mit der Anthroposophie; wir wollen aber heute auf einige Dinge zu sprechen kommen, die eines genaueren Eingehens doch durchaus noch bedürftig sind.
[ 2 ] Sie wissen: Wenn der Mensch durch des Todes Pforte geht, so ist ja das erste, daß er seinen physischen Leib ablegt; er hat zunächst dasjenige, was wir das Ich nennen, mit seinem ganzen Inhalte, dann dasjenige, was wir den astralischen Leib nennen, und zunächst auch noch den ätherischen Leib, wenn auch nur für kurze Zeit. Diese Zeit, in welcher der Mensch den ätherischen Leib noch hat, ist für ihn eine Zeit der Rückschau auf das letzte Erdenleben: In einer bildhaften Art tritt sein letztes Leben vor seine Seele. Diese Zeit endet damit, daß dieser ätherische Leib, man möchte sagen, ebenso nach oben, nach dem Weltenraum zu abgestoßen wird, wie der physische Leib nach unten, nach der Erde zu abgestoßen wird. Dann ist also der Mensch mit seinem astralischen Leib zusammen. In diesem astralischen Leib haben wir durchaus noch die Nachwirkungen des ätherischen Leibes, also alles dasjenige, was dieser astralische Leib dadurch erlebt hat, daß er mit dem ätherischen und auch übrigens mit dem physischen Leibe im letzten Erdenleben zusammen war. Sie wissen, daß es ja eine längere Zeit dauert, bis dieser Astralleib nun auch abgestreift wird.
[ 3 ] Ich habe wohl sogar schon in unserer Literatur darauf aufmerksam gemacht, daß man nicht etwa von einer radikalen Auflösung des ätherischen und des astralischen Leibes sprechen darf, sondern diese Auflösung ist in Wirklichkeit ein Heraustreten derjenigen Kräfte, die der Mensch in sich hat, in das Weltenall. Der Ätherleib trägt ja in sich gewissermaßen die Einprägungen von alledem, was der Mensch im Leben durchgemacht hat. Das ist eine Summe von, ich möchte sagen, Formgebilden. Diese Summe von Formgebilden, die breitet sich immer mehr und mehr aus, prägt sich in der Tat dem Kosmos ein; so daß dasjenige, was sich abgespielt hat als unser Leben und was sich einprägt dem ätherischen Leibe, tatsächlich kräftemäßig im Weltenall weiterwirkt. Wir übergeben die Art und Weise, wie wir uns gegenüber dem ÄAtherleib benommen haben, dem Kosmos. Unser Leben ist nicht bedeutungslos für das ganze Weltenall. Gerade dadurch kommt durch die Erkenntnis der anthroposophischen Geisteswissenschaft an den Menschen ein starkes Verantwortlichkeitsgefühl heran, daß er denken muß, wie dasjenige, was er dem Ätherleib einverleibt durch sein intellektuelles Leben, durch sein Gefühlsleben, durch sein Willensleben, also durch seine Moralität, sich durchaus dem ganzen Kosmos mitteilt. Im Kosmos sind enthalten, ja, wenn ich so sagen darf, die Aufführungen der Menschen, welche in vergangenen Zeiten gelebt haben. Es sondert sich in einer gewissen Weise dasjenige, was von unserer Lebensführung bis hinein in die Gestaltung des ätherischen Leibes mitwirkt, und sammelt sich in der ganzen großen Welt an. Wir machen im Grunde genommen die Welt mit. Und wenn wir wissen, daß wir die Welt mit machen, müssen wir dieses Verantwortlichkeitsgefühl bekommen, welches sich dadurch ausdrückt, daß wir uns fühlen als Mitschöpfer der Welt. Auch dasjenige, was wir weitertragen als unseren astralischen Leib, dürfen wir nicht einfach so ansehen, als ob es sich dann zerstreute im Weltenall, als ob es sich auflöste im Weltenall. Das ist nicht der Fall, sondern auch dies teilt sich dem Weltenall mit, allerdings dem geistig-seelischen Teil des Weltenalls.
[ 4 ] Und wenn sich das Ich losgelöst hat von diesem astralischen Leib, nachdem der Durchgang durch die Seelenwelt vollendet ist, dann ist gewissermaßen dasjenige, was wir unserem astralischen Leib einverleibt haben, draußen im Weltenall, man geht nur getrennte Wege. Der astralische Leib geht abgesondert vom Ich seine eigenen Wege, das Ich auch seine eigenen Wege. Aber man kann nicht von einer Vernichtung des astralischen Leibes sprechen. Im Gegenteil, dieser astralische Leib entwickelt sich weiter, und es wird durch seine Wechselbeziehung zum Weltenall etwas aus ihm, einfach dadurch, daß wir ihm die Wirkungen gewisser moralischer Impulse eingepflanzt haben und er nun mit der Gestalt, die er bekommen hat von dieser Wirkung der moralischen Impulse, sich dem Weltenall mitteilt, gewissermaßen sich hineinschiebt in das geistig-seelische Weltenall. Dadurch entsteht eine Wechselwirkung zwischen ihm und dem geistig-seelischen Weltenall. Man kann dann allerdings sogar so sagen — wenn das auch halb bildlich ist, so entspricht es doch den Tatsachen: Dieser astralische Leib dehnt sich immer mehr und mehr aus, aber er kommt mit seiner Ausdehnung an eine gewisse Grenze. Über die kann er sich nicht ausdehnen, er beginnt sich dann wieder zusammenzuziehen. Und die Schnelligkeit oder Langsamkeit, mit der er sich entwickelt oder zusammenzieht, die hängt wesentlich ab von dem, was ihm einverleibt worden ist durch den Lebenslauf. So daß man sagen kann: Es teilt sich der astralische Leib dem Weltenall mit; er stößt gewissermaßen, wenn ich mich so ausdrücken darf, an das Ende unseres geistig-seelischen Kosmos an und wird wiederum zurückgeworfen.
[ 5 ] Das Ich geht nun seine Wege in einer eigentlich wesentlich anderen Welt, als dieser astralische Leib ist. Aber dieses Ich entwickelt innerlich eine Art von, man möchte sagen Begierde, wie ich das ja selbst im gestrigen Öffentlichen Vortrage ausdrückte. Und diese Begierde ist es im wesentlichen, welche sich hingezogen fühlt gerade zu diesem zurückkehrenden astralischen Leib, der allerdings jetzt etwas anderes geworden ist. Es findet in der Tat wiederum eine Art Verbindung statt zwischen dem metamorphosierten, zwischen dem umgeänderten astralischen Leib und dem Ich. Dadurch, daß dies geschieht, bekommt der Mensch nach den verschiedensten Seiten hin gewisse Neigungen, möchte ich sagen, indem er dem Zeitpunkt sich nähert, in welchem er wiederum auf die Erde zurückkehren soll.
[ 6 ] Ich habe angedeutet, wie der astralische Leib hinaus sich dehnt in das Weltenall, wiederum zurückkehrt, wie das Ich ihn gewissermaßen wiederum findet. Wir können das an der äußeren Gestalt des Menschen verfolgen, wenn wir den Menschen als ganzes Wesen, in seiner Totalität eben ansehen.
[ 7 ] Wir müssen uns nämlich vorstellen, daß der Mensch, so wie er auf der Erde auftritt, wenn er durch eine Geburt geht, wirklich von zwei Seiten her gebildet wird. Jener astralische. Leib, von dem ich Ihnen eben geschildert habe, wie er ins Weltenall hinaus sich ausgedehnt hat und wiederum zurückgekehrt ist, der begegnet sich gewissermaßen mit dem Ich. Bildlich gesprochen kommt er wie eine Art von Hohlkugel an das Ich heran, einer Hohlkugel, die immer kleiner und kleiner wird; er hat seine Verwandtschaft mit dem planetarischen System. Das Ich entwickelt auf seinem Weg zwischen Tod und neuer Geburt, obwohl die Sehnsucht nach dem astralischen Leib auch vorhanden ist, doch noch mehr eine Sehnsucht nach einem bestimmten Punkte der Erde hin, in ein Volk, in eine Familie hinein. Aber auf der anderen Seite zieht sich zusammen, was als der umgewandelte astralische Leib von außen kommt und vereinigt sich mit dem, was das Ich jetzt ist nach dem Durchmachen der Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt und was eine starke Anziehungskraft nach dem Irdischen hin hat, nach Volk, Familie und so weiter. Das, was den Kräften dieses umgewandelten astralischen Leibes ausgesetzt ist, das sehen wir wiederum, wenn wir den nun geborenen Menschen in bezug auf die äußere Oberfläche seiner Leiblichkeit ansehen: Dasjenige, was gewissermaßen von unserer Haut nach innen hin, einschließlich der Sinneswerkzeuge, organisiert wird, das wird uns aus dem großen Kosmos heraus organisiert. Dasjenige aber, was organisch dadurch entsteht, daß das Ich sich mit der Erde verbunden fühlt, sich zur Erde hingezogen fühlt, das bewirkt die Organisation von innen heraus, entgegen der anderen Organisation, das bewirkt mehr die Knochen-, Muskelorganisation und so weiter, das also, was von innen gewissermaßen dem entgegenstrahlt, was von der Haut und von den Sinnen nach innen strahlt. Wir sind gewissermaßen aus dem Makrokosmos heraus organisiert in bezug auf den äußeren Umfang unserer Leiblichkeit, und wir sind von der Erde aus organisiert mit Bezug auf dasjenige, was das eigentliche Ich durchströmt, was von innen heraus entgegenwächst der Haut-Sinnesbildung.
[ 8 ] So ist der Mensch eigentlich aus dem Weltenall heraus geboren. Und der Aufenthalt im mütterlichen Leibe, der bildet ja nur, ich möchte sagen, die Gelegenheit dazu, daß sich diese zwei Kräfte, eine makrokosmische und eine irdische Kraft, miteinander verbinden. Der Mensch ist aber durchaus ein Wesen, das nicht etwa aus einem Punkte heraus wächst, aus der Keimanlage, sondern der Mensch ist ein Zusammenfluß von auf der einen Seite äußeren, nicht tellurischen, außerirdischen Kräften, die eben durch seinen umgewandelten astralischen Leib zusammengehalten werden, und von demjenigen, was diesen außerirdischen Kräften, von der Erde beeinflußt, entgegenwächst. Innig zusammenhängend mit dem, was uns vom Kosmos heraus anwächst, innig verwandt mit dem ist das, was wir unseren Verstand, unseren Intellekt, unser Vorstellungsvermögen nennen. Dieses unser Vorstellungsvermögen weist uns in der Tat zurück auf unser früheres Erdenleben. Dieses unser Vorstellen bekommen wir dadurch, daß dasjenige, was wir unserem astralischen Leib im früheren Erdenleben einverwoben haben, in den Kosmos hinaus sich gedehnt hat und wiederum zurückgekommen ist, und jetzt gewissermaßen als Hauptorgan unseren Kopf aufsucht, der ja im wesentlichen von außen als ein Haut-Sinnesorgan gebildet ist. Das übrige ist gewissermaßen als Haut-Sinnesorganisation nur Anhängsel zum Haupte. In dem dagegen, was mit den irdischen Kräften verwandt ist, weil das menschliche Ich, wenn es wiederum zur Geburt geht, sich zu einem Punkte der Erde hingezogen fühlt, kommt mehr unsere Willensorganisation zum Ausdruck. So daß wir sagen können: Wenn wir wieder geboren werden, gibt uns der Himmel unseren Verstand, die Erde unseren Willen. Zwischen beiden liegt dann das Fühlen, das uns weder die Erde gibt, noch der Himmel, das auf einer Art von fortwährendem Ausschlagen zwischen Erde und Himmel beruht, und das im wesentlichen sein äußeres Organ in dem rhythmischen System des Menschen hat, in dem Atmungssystem, in Blutzirkulation und so weiter. Das steht mitten drinnen zwischen der eigentlichen Hauptesorganisation, die im wesentlichen eben das Ergebnis des Makrokosmos ist auf dem Umwege des früheren Astralleibes, und demjenigen, was uns von der Erde zukommt, unserer Willensorganisation. Zwischen drinnen steht unser rhythmisches System, steht unser Gefühlsleben, das auf dem Boden dieses rhythmischen Systems sich entwickeln kann, und das wir ja, ich möchte sagen, auch äußerlich sichtbarlich vollbringen zwischen Himmel und Erde. Unser Haupt weist uns mehr nach unserem außerirdischen Ursprung; unser Wille ist innig verwandt mit dem, was wir von der Erde haben. Zwischen beiden steht unser Gefühlsleben, und physisch betrachtet, unsere Zirkulation, unser Atmungsleben. Es ist durchaus so, daß eine durchgreifende, eine totale Betrachtung des Menschen weder einseitig seelisch noch einseitig physisch ist, sondern daß die beiden, Physisches und Seelisches, ineinandergreifen bei dieser totalen Betrachtung.
[ 9 ] Auf der anderen Seite können wir aber daraus auch sehen, daß wir, indem wir mit dem ganzen Makrokosmos zusammenhängen und gewissermaßen gerade in unserer Hauptesorganisation etwas in uns tragen, was aus dem Makrokosmos heraus gebildet ist, daß wir dadurch zurückgewiesen werden auf unsere Vergangenheit, daß wir mit unserem Intellekt überhaupt auf unsere Vergangenheit zurückgewiesen werden; nur daß wir mit unserem gewöhnlichen Bewußtsein diese Erkenntnis nicht gewinnen, wie wir da zurückgewiesen werden auf unsere früheren Erdenleben.
[ 10 ] Im alten orientalischen Weisheitsstreben versuchten diejenigen Menschen, welche Schüler der Eingeweihten waren, einen Zusammenhang zwischen ihrem rhythmischen Leben und zwischen ihrem Hauptesleben zunächst herzustellen. Für jenes Zeitalter, für die alte orientalische Weisheitsentwickelung, war es etwas Natürliches, eine höhere menschliche Entwickelung dadurch zu suchen, daß man den Atmungsprozeß und damit auch den Zirkulationsprozeß zu etwas Bewußtem machte, daß man in gesetzmäßiger Weise einatmete und dadurch Atmung und Zirkulation in das Bewußtsein heraufhob. Das konnte der alte Orientale aus dem Grunde machen, weil sein Seelisch-Geistiges noch nicht so intensiv mit seinem Leiblichen verbunden war, wie das beim heutigen Menschen der Fall ist. Würde man einfach heute, ich möchte sagen, durch eine Art praktischen Anachronismus diese altorientalische Methode, zu höheren Erkenntnissen zu kommen, praktizieren, so würde man den menschlichen Leib mehr oder weniger ruinieren; denn man würde dadurch zu tief eingreifen in die Gesundheit des physischen Leibes, weil heute ja der Mensch inniger verbunden ist, intensiver verbunden ist mit seinem Leibe, als es zum Beispiel in der Zeit des alten indischen Weisheitsstrebens der Fall war.
[ 11 ] Aber was erlangte derjenige, der im alten Indien solche Übungen durchmachte? Er machte den Atmungsprozeß zu etwas Bewußtem; er atmete also bewußt ein: Dadurch erlangte er die Möglichkeit, allmählich den Vorgang zu verfolgen, der sich abspielt, indem die Einatmungsluft drückt, so daß allmählich das Hirnwasser durch den Rückenmarkskanal nach dem Gehirn hin pendelt, gewissermaßen an das Gehirn anschlägt. Aber in diesem Zusammenschlagen desjenigen, was als Gehirnwasser aufwärts schießt beim Einatmen, was wiederum sinkt beim Ausatmen, in dem Zusammenschlagen des Gehirnwassers mit den festen Partien des Gehirns entstehen eigentlich die Vorstellungen. Dieses Vorstellungsentstehen ist etwas viel Komplizierteres, als man es sich heute, wo alles materialistisch ausgedacht ist, vorstellt. Man denkt sich heute — oder wenigstens dachte man es bis vor kurzem, heute verzichtet man ja wiederum auf genauere Vorstellungen —, man denkt sich irgendwelche Evolutionen, läßt irgendwelche Nerven eben dem Vorstellen zugrunde liegen. Das ist Unsinn. Es handelt sich vielmehr darum, daß tatsächlich ein fortlaufendes Anschlagen des Gehirnwassers an das Nervensystem stattfindet, und daß dann diejenigen Vorgänge im Nervensystem sich abspielen, die den Kräften des Nervensystems zugrunde liegen. Das brachte der alte indische Weisheitsschüler sich zum Bewußtsein. Was erfuhr er, indem er diesen ganzen Prozeß bewußt verfolgte? Er erfuhr dadurch, wie dasjenige, was sein Gehirn geformt hat, eigentlich zurückweist in frühere Erdenleben. Er empfand gewissermaßen mit seinem jetzigen rhythmischen System sein früheres Erdenleben: das wurde für ihn zu einer Gewißheit. Dadurch war es einfach selbstverständlich für einen solchen Weisheitsschüler, daß er ein früheres Erdenleben hatte. Er nahm es ja wahr, aber indem er den Atmungsprozeß zu einem bewußten erhob. Heute muß dieses auf andere Weise bewirkt werden. Heute kann es nicht bewirkt werden durch eine so geartete Meditation, wie ich es ja auch im öffentlichen Vortrag ausführte, die ausgeht von einer besonderen Formung des Atmungsprozesses, welche eben für den heutigen Menschen nicht durchgeführt werden darf, sondern die ausgeht von einem Ruhen auf Vorstellungen, die also von der entgegengesetzten Seite ausgeht und daher Rücksicht nimmt darauf, daß der Mensch heute intensiver mit seinem physischen Leib verbunden ist. Dadurch aber, daß der Mensch im Vorstellen ruht, dadurch lernt er von der anderen, von der geistig-seelischen Seite her diese Nuance des rhythmischen Systems kennen. Er lernt den Prozeß von der anderen Seite her kennen; nur so, daß er nun nicht, wie es beim alten indischen Menschen der Fall war, tiefer in seinen Leib hineindringt — das darf er nicht, weil er ohnedies schon tief genug drinnen ist —, sondern indem er sich frei macht vom Leiblichen, also im Geistig-Seelischen den ganzen Kosmos verfolgt, der ihm klarmacht, wie das frühere Erdenleben mit diesem Erdenleben zusammenhängt.
[ 12 ] Was in der Anthroposophie ausgesprochen wird, sind nicht irgendwelche abstrakten fanatischen Angaben, sondern das beruht schon auf einer durchdringenden Erkenntnis der menschlichen Organisation von innen aus. Nicht indem man den Organismus von außen untersucht als Leiche — oder auch nicht als Leiche, aber eben von außen —, sondern dadurch, daß man ihn von innen kennenlernt, daß man wirklich diese Wechselwirkung kennenlernt zwischen dem rhythmischen System und dem Nerven-Sinnessystem, und auf der anderen Seite die Wechselwirkung zwischen dem rhythmischen System und dem Stoffwechselsystem — denn an den Stoffwechsel als solchem schlägt nun auch das rhythmische System an —, aus dem innigen Kontakte der beiden [lernt man das menschliche Wesen kennen]. Und lernt man kennen dieses Zusammenfallen des rhythmischen Systems mit dem Stoffwechselsystem, so wird man gewiß, daß in uns schon der Keim zu dem nächsten Erdenleben steckt, indem einfach der Stoffwechsel nach seiner geistigen Seite hin die Keime enthält für das nächste Erdenleben. Wenn er auch zunächst das Niederste in der menschlichen Organisation für dieses Erdenleben ist, nach der geistigen Seite hin enthält er eben die Keime für das nächste Erdenleben. Man steigt so auf zu einem Betrachten des ganzen Menschen.
[ 13 ] Sehen Sie, in dieser Beziehung stehen eigentlich die im abendländischen Zivilisationsleben drinnen steckenden Menschen wirklich vielfach wie der Blinde vor der Farbe. Vielleicht liegt es manchem von Ihnen fern, aber ich möchte doch darauf aufmerksam machen: Alles dasjenige, was wir mathematisch aufnehmen, was also durch Linienformen, Winkelformen, Senkrechtes, Waagerechtes spielt, was wir auch messen, alles dasjenige, was wir mathematisch aufnehmen, das entwickeln wir eigentlich aus unserem Inneren heraus, das liegt unserem Inneren zugrunde. In dem Augenblicke, wo man anschauen lernt, was da unserem Inneren zugrunde liegt, redet man nicht kantisch, wo man einfach in eine Art unverstandenes Wort dasjenige gießt, was da im Inneren des Menschen aufsprießt: Man sagt dann nicht mehr, die Mathematik sei eine Erkenntnis a priori. «A priori» heißt, etwas ist von vornherein da. Lernt man aber innerlich schauen, dann weiß man, woher man dieses merkwürdige Mathematische hat: es ist der astralische Leib durchgegangen durch die Mathematik des ganzen Weltalls, es hat sich das wieder zusammengezogen. Wir lassen einfach auftauchen aus unserer Seele dasjenige, was wir in einer früheren Inkarnation erlebt haben, was dann durchgegangen ist durch den ganzen Kosmos und was dann in der Feinheit der mathematisch-geometrischen Linien wiederum auftaucht. Da sehen Sie, daß also einfach in dem a priori sich etwas ausspricht, was schon einem Anschauen der Welt entspricht, wie es der Blinde von der Farbe hat! Man müßte sonst sagen: Dasjenige, was im Kantschen Sinne a priori genannt ist, das ist herrührend aus unseren früheren Inkarnationen und taucht in dieser Inkarnation in einer verwandelten Gestalt, allerdings durchgegangen durch den Makrokosmos, wiederum auf.
[ 14 ] Ich habe Ihnen damit von der Gesetzmäßigkeit gesprochen, die dem ganzen Menschen zugrunde liegt, und die sich verrät, wenn man das Leben betrachtet, wie es durch die wiederholten Erdendaseine hindurchgeht. Unsere heutige Zeit ist sehr abgeneigt, auf solche Dinge überhaupt Rücksicht zu nehmen. Daher bleibt unsere heutige Weltbetrachtung auch wirklich an der Außenseite der Dinge haften. Und das möchte ich Ihnen auch an einem Beispiele veranschaulichen.
[ 15 ] Nehmen wir an, wir betrachten heute nach der Methode, die einmal üblich ist, irgendein Volk auf einem bestimmten Grund und Boden der Erde. Nun ja, was tun wir heute als Geschichtsforscher? Wir sagen: Da lebt die heutige Generation; ihr ging eine andere voran; einer weiteren Generation ging wieder eine weitere voran. Wir kommen dann in frühere Jahrhunderte zurück, wir kommen in das Mittelalter zurück, und verfolgen da, ich möchte sagen, die Blutströmungen durch die Generationen herunter, verfolgen die äußeren Vererbungen und sagen: Was in dem jetzigen Volke lebt, das führt sein Dasein zurück auf frühere Entwickelungsphasen dieses Volkes.
[ 16 ] So betrachtet man heute die Geschichte. Wenn heute so ein richtiger Historiker, sagen wir, deutsche Geschichte oder französische Geschichte oder englische Geschichte möglichst weit zurückverfolgen will, dann verfolgt er sie durch die Vorfahrenkette hindurch nach den physisch vererbbaren Merkmalen. Man redet dann wohl auch so, daß das, was eine Generation der Gegenwart, die einem Volke angehört, darlebt, begriffen werden soll aus dem, was frühere Generationen dieses Volkes erlebt haben; aus dem also, was physisch vererbt ist. Aber das ist ja doch nur eine ins Geschichtliche übertragene materialistische Denkweise. Denn betrachten Sie einmal dasjenige, was Ihnen anthroposophische Geisteswissenschaft gibt, nicht als eine bloße Theorie, sondern als etwas, was auf das Leben wirklich angewendet wird, was man in die Lebensbetrachtung überführt: dann müssen Sie doch nicht nur über die wiederholten Erdenleben spekulieren, müssen gewissermaßen nicht nur isoliert betrachten, daß Ihre Seele frühere Erdenleben durchgemacht hat und künftige durchmachen wird, sondern man muß auch wirklich unter diesem Gesichtspunkte betrachten, was sich in der Welt ausbreitet. Denn betrachten wir irgendeine jetzt lebende Generation, gewiß, wir führen sie blutsmäßig zurück, äußerlich, physisch vererbbaren Merkmalen gemäß, auf frühere Generationen, die meinetwillen auf demselben Boden gelebt haben, oder die wir auf irgendwelche Vorfahren auf einem früheren anderen Boden zurückführen können, indem wir über Völkerwanderungsströme und dergleichen gehen, aber wir bleiben dabei eben durchaus im Physisch-Materiellen stecken.
[ 17 ] Es ist aber doch nicht so. Wir haben eine Generation in der jetzigen Zeit vor uns, die in bezug auf ihre physische Leiblichkeit von den Vorfahren abstammt; aber die Seelen, die in jedem einzelnen Menschen leben, die brauchen ja gar nichts zu tun zu haben mit den Vorfahren. Die Seele hat ja auch dasjenige, was durch viele Generationen hindurch verlaufen ist und was äußerlich das Schicksal der Vorfahren darstellt, durchaus nicht auf der Erde miterlebt; das hat ja diese Seele im Leben zwischen Tod und neuer Geburt in der geistig-seelischen Welt miterlebt.
[ 18 ] Nicht wahr, wir blicken hinauf zu unserem Großvater, Urgroßvater, Ururgroßvater. Nun, als die lebten, waren wir noch nicht geboren, unsere Seele war in der geistigen Welt. Unser Leib hat von ihnen geerbt, aber unsere Seele, hat von denen allen nichts geerbt! Die hat ja während der Zeit in einer ganz anderen Welt gelebt, die braucht ja gar nichts zu tun zu haben in ihren eigenen Erlebnissen mit dem, was unser Körper von unseren Vorfahren geerbt hat. Und wenn dann auf dem Gebiete der Geistesforschung diesen Dingen nachgeforscht wird, dann stellt sich allerdings vielfach für die äußerliche Betrachtung Parodoxes heraus. Man muß sich überhaupt klar sein darüber, daß wenn man über die wahren Tatsachen des Lebens anfängt zu spekulieren, zu philosophieren, so kommt in der Regel ein Unsinn heraus! Das Anschauen gibt einzig und allein das Richtige. Und derjenige, der ein Geistesforscher ist, fühlt sich selber oftmals überrascht von seinen Resultaten. Ja,er kann geradezu in dieser Überraschung, die er von seinen Resultaten fühlt, eine Art Bewahrheitung finden; denn wenn er sich schon vorher die Sache gedacht hätte, würde er nicht in der Stärke die Bewahrheitung finden. Aber gerade dadurch, daß die Sachen zumeist anders sind, als sie wären, wenn man sie sich ausdenken möchte, kann man in der Regel sehen, daß man nicht im Subjektiven, sondern im Objektiven sich bewegt, wenn man sich der wirklichen Geistesforschung hingibt.
[ 19 ] Sehen Sie, da stellt sich mit Bezug auf dieses Geschichtliche in der Menschheit etwas heraus. Ich habe auch früher schon darauf hingedeutet; das soll allerdings nicht korrigiert, sondern nur ergänzt werden, denn wir bewegen uns ja auf einem sehr komplizierten Gebiete. Wir haben früher gesagt, und das ist auch bis zu einem gewissen Grade eine durchaus richtige Tatsache, daß wir zum Beispiel unter der europäischen Bevölkerung zahlreiche Persönlichkeiten haben, die als Seelen früher im Süden gelebt haben in den ersten christlichen Jahrhunderten, und jetzt mehr im Norden, oder überhaupt in Europa verkörpert sind, aber mehr im Norden; das ist durchaus wahr. Aber es ist eigentlich nicht das Gros der Bevölkerung. Da muß man schon woanders suchen, wenn man die wirkliche Realität kennenlernen will. Beim Gros der heutigen, namentlich der westlichen, aber auch der mitteleuropäischen Bevölkerung und bis nach Rußland hinein, da wird man nämlich in geisteswissenschaftlicher Forschung nach denjenigen Zeiten geführt, wo die damalige europäische Bevölkerung aufgetreten ist als Erobererbevölkerung gegenüber den damaligen Ureinwohnern Amerikas. Diese indianische Bevölkerung, sie hat ja merkwürdige innere seelische Qualitäten gehabt. Man wird solchen Dingen in der Regel nicht gerecht, wenn man — bloß egoistisch pochend auf seine «höhere» Kultur — das alles als ein bloßes Barbarentum anschaut, wenn man nicht das ganz Andersartige solcher Menschen, wie diejenigen, die erobert und ausgerottet worden sind nach der Entdeckung Amerikas, berücksichtigt, wenn man diese nicht in ihrer besonderen Eigenart betrachtet, sondern sie einfach von der Vogelperspektive einer höheren Kultur herunter ins Auge faßt. Diese Urbevölkerung Amerikas, diese indianische Bevölkerung, hatte zum Beispiel merkwürdige pantheistische Gefühle. Sie verehrten einen Großen Geist, der durch alles Werden wehte. Die Seelen waren intensiv erfüllt von dem Glauben an den alles durchwehenden Großen Geist. Durch alles das, was damit im Gefühlsleben dieser Menschen zusammenhing, waren diese Seelen dazu prädestiniert, vorherbestimmt, ein verhältnismäßig kurzes Dasein zwischen Tod und neuer Geburt zu führen. Aber jenes Verhältnis, das sich herausgebildet hatte zwischen ihnen und ihrem Grund und Boden und ihrer ganzen Umgebung, und zwischen diesem Schicksal, das sie dadurch hatten, daß sie ausgerottet wurden, das alles war maßgebend für das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Und das hat dazu geführt, daß in der Tat das Gros, so paradox es eben klingt, es ist einfach die Tatsache so, daß das Gros der westeuropäischen, mitteleuropäischen Bevölkerung, noch in den Osten hinein — nicht ganz, sondern nur zum großen Teil, aber eben doch zum großen Teil —, daß dieses Gros der Bevölkerung zwar dem Blute nach von den physischen Vorfahren des Mittelalters abstammt, daß aber die Seelen diejenigen sind, welche in alten Indianerleibern gelebt haben. So paradox es klingt, es ist in bezug auf das Gros der europäischen Bevölkerung dies der Fall! Dieses Erleben im Gefühl gegenüber dem Großen Geiste, das ging eine Wechselwirkung ein mit dem, was ja allerdings im äußerlichen geradlinigen geschichtlichen Werden da ist, und was man aufnimmt mit der ersten kindlichen Liebe, namentlich wenn man diese von innen heraus in Nachahmung wieder praktiziert. Dasjenige, was wir da aufnehmen, ist zum großen Teil eben von außen Aufgenommenes; das geht eine Wechselwirkung ein mit dem, was eigentlich in der Seele aus früheren Inkarnationen herrührt. Und man versteht das europäische Leben nicht, wenn man es nur einseitig nach dem betrachtet, was ja gar keine Wirklichkeit ist: nach den von den Vorfahren vererbten Merkmalen, sondern wenn man weiß, woher die Seelen kommen, die sich dann mit diesen vererbten Merkmalen untermischt haben zur Wechselwirkung. Und erst als solches Resultat des Zusammenwirkens zwischen dem, was die Seelen sind aus ihren früheren Erdenleben, und dem, was diese Seelen angenommen haben durch Vererbung und auch durch Erziehung — Erziehung im weitesten Sinne —, bildete sich das heraus, was jetzt geschichtlich gewordene europäische Wirklichkeit ist.
[ 20 ] Diese Bevölkerungen sind allerdings stark durchmischt worden von Seelen, die in den ersten Jahrhunderten des Christentums im Süden gelebt haben, und die dann auch wiederum in diesem West- und Osteuropa sich inkarniert haben; aber alles dasjenige, was überhaupt im sozialen Leben sich abgespielt hat, und was sich namentlich immer mehr und mehr in der jetzigen katastrophalen Zeit abspielt, das weist hin darauf, daß die Wirklichkeit dieses europäischen Lebens eine komplizierte ist. Und der Geistesforscher kommt darauf, daß sie kompliziert namentlich dadurch gemacht wird, daß eben wiederverkörperte Indianerseelen sich mit dem verbinden, was die vererbten Merkmale sind, was an vererbten Merkmalen in den einzelnen Nationalitäten und dergleichen auftritt.
[ 21 ] Dem entgegen müssen wir dann eine gewisse europäische Bevölkerung stellen, die wir in den ersten christlichen Jahrhunderten antreffen, in der Zeit, in der wir, der äußeren Geschichte nach, von den Völkerwanderung sprechen: diejenige Bevölkerung vom Europa von einstmals, die als barbarische Bevölkerung das vom Süden kommende Christentum aufgenommen und in einer ganz anderen Weise gestaltet hat, als dieses Christentum etwa im Griechentum oder im Römertum in den allerersten Jahrhunderten sich ausgebildet hat. Diese Seelen der Völkerwanderungszeit und noch der folgenden Jahrhunderte waren durchaus so geformt, daß sie sich stark beeindruckt zeigten von dem, was da als Christentum vom Süden nach dem Norden stieß, neben dem, was die ursprünglichen Anlagen dieser Bevölkerung waren. Man muß durchaus sich klar darüber sein, daß diese Bevölkerung Europas, die das Christentum angenommen hat zur Völkerwanderungszeit, ganz besondere Eigenschaften an die Oberfläche brachte. Namentlich war ja in dieser Bevölkerung eine starke Hinneigung, die physische Organisation so zu gestalten, daß das Ich-Bewußtsein mit einer besonderen Vehemenz auftrat. Und dieses Ich-Bewußtsein, das da auftrat, das wurde zusammengebracht mit der Selbstlosigkeit des Christentums, dadurch formte sich die Seele in einer bestimmten Art. Es waren also Seelen, die sozusagen das Christentum ein paar Jahrhunderte nach seinem Entstehen in sich aufgenommen haben. Während das Gros der europäischen Bevölkerung jetzt Seelen verkörpert, die eigentlich das Christentum von außen kennenlernen, durch Erziehung, auch durch dasjenige, was von Gefühlen in der Vererbung liegen kann, hatten diese Seelen in ihrem früheren Leben drüben in Amerika nichts von dem Christentum aufgenommen. Man soll sich nur einmal vorstellen, wie unendlich einleuchtend das Verhältnis der gegenwärtigen europäischen Bevölkerung zum Christentum ist, wenn man entdeckt hat, daß die Seelen zum großen Teile in ihren früheren Inkarnationen gar nichts erfahren haben vom Christentum, sondern daß das Christentum bei ihnen etwas Anerzogenes ist, eine gerade eben in der Generationenfolge fortgepflanzte Tradition, etwas fortgepflanztes Anerzogenes ist. Diejenigen dagegen, die in Europa das erste Christentum, also das Christentum in seinen ersten Zeiten kennengelernt haben, die verkörpern sich, indem die Zeit der Gegenwart zurückte, gerade in der Gegenwart mehr nach dem Osten hin, mehr nach Asien hinein. So daß in der Tat diese einmal etwas durchchristeten Seelen jetzt nach der anderen Seite hin pendeln, dasjenige aufnehmen, was im Orient aus den alten orientalischen Traditionen geblieben und da in die Dekadenz gekommen ist. Die Japaner, geisteswissenschaftlich studiert, sind vielfach gerade charakteristische wiederverkörperte Seelen, die in Europa zur Zeit der Völkerwanderung gelebt haben.
[ 22 ] Ja, wir können gegenüber hervorragenden Persönlichkeiten dann Verständnis entwickeln, wenn wir solches wissen. Versuchen Sie gerade diese merkwürdige Persönlichkeit des Rabindranath Tagore von diesem Gesichtspunkte aus zu verstehen: Dasjenige, was ihm anerzogen worden ist aus dem Orientalismus heraus, namentlich aus dem Indertum heraus, das hat er durch Vererbung. Was er also von da her hat, das hat er durch Vererbung, das ist ihm anerzogen worden, das ist ihm von außen zugeflossen. Es ist ja dies im wesentlichen Dekadenz, daher hat es einen so koketten Charakter. Denn in einer gewissen Weise ist das, was man von Rabindranath Tagore hört, in einer außerordentlich koketten Weise geformt. Aber der Europäer fühlt darinnen wiederum etwas, das bei Tagore warm durchglüht das, was in einer koketten Weise auftritt. Und das rüht davon her, daß diese Seele in einer früheren Inkarnation eben unter einem das Christentum annehmenden Volke gelebt hat.
[ 23 ] Sie sehen, man betrachtet die äußere Welt nicht weniger abstrakt, wenn man sie bloß materiell betrachtet, als wenn man irgendwie sonst eine lebensfremde Lebensauffassung entwickelt. Was sieht man von der Menschheit der Gegenwart, wenn man nur ihre Blutsverwandtschaft, ihre Blutsabstammung weiß, wenn man keine Rücksicht zu nehmen vermag auf dasjenige, was die Seelen aus einer früheren Inkarnation mitgebracht haben? Dies verbindet sich ja mit dem, was in der äußeren Vererbung, der äußeren Erziehung auftritt, zu einem Ganzen.
[ 24 ] Diese Seelen, die da in Mitteleuropa zur Völkerwanderungszeit gelebt haben, die waren durch ihre ganze Seelenkonfiguration, vor allen Dingen dadurch, daß sie innerlich durchchristet waren, zum Beispiel für ein längeres Verweilen zwischen Tod und neuer Geburt vorherbestimmt, so daß sie diese Zeit länger durchmachten.
[ 25 ] Dann wird der Geist-Erforscher, wenn er die Gegenwart untersucht, in jene Zeiten geführt, die etwas vor oder gleichzeitig mit dem Mysterium von Golgatha waren, gleichzeitig oder etwas nachher. In Asien drüben, da hat ja die Bevölkerung nichts angenommen gehabt von dem Mysterium von Golgatha. Aber allerdings, aus orientalischer Weisheit, aus dem, was im orientalischen Wesen ja durch Hingebung sich als Weisheit entfaltet hatte, wurde gewissermaßen dasjenige angelegt, was man in der ersten Zeit als Verständnis dem Christentum entgegenbrachte. Das Mysterium von Golgatha steht eben als eine Tatsache für sich da. Es kann von den verschiedensten Zeitaltern in der verschiedensten Weise begriffen werden. Die ersten Jahrhunderte der griechischen und römischen Entwickelung haben dieses Mysterium von Golgatha so begriffen, daß sie die ihnen vom Oriente herüberkommende Weisheit anwendeten auf dieses Mysterium von Golgatha. Wie sie die Einkörperung des Christus in den Menschen Jesus von Nazareth verstanden, dafür bekamen sie die Begriffe von der orientalischen Weisheit.
[ 26 ] Aber drüben in Asien waren die Menschen, die vor und zur Zeit und nach dem Mysterium von Golgatha lebten, allerdings auch schon mit einer etwas verschwommeneren, aber doch noch weit lebendigeren Gestaltungskraft begabt, als was Sie jetzt im Oriente finden. Diese Menschen, die also zu jener Zeit in Asien wohnten, wenigstens ein großer Teil davon, sind heute gerade in der amerikanischen Bevölkerung vielfach verkörpert, in dem Gros der amerikanischen Bevölkerung. Gerade dieser Teil der Menschheit hatte durch seine besonders ausgebildete orientalische Kultur eine lange Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt durchzumachen, so daß dies im Grunde genommen alte Seelen sind. Sie werden in Amerika geboren, in Leiber hinein, in denen sie sich eigentlich nicht — wenn ich mich so ausdrücken darf — ganz wohl fühlen, und die sie daher gerade mehr von außen anzusehen belieben als von innen. Daher ist dort heute die besondere Neigung nach äußerlicher Lebensbetrachtung. Das Kuriose, das Paradoxe tritt einem da zutage, daß jene Seelen, die da im Oriente drüben gelebt haben, die damals noch kein Christentum angenommen, aber eine feine geistige Kultur hatten, jetzt in amerikanischen Leibern leben. Allerdings, ein Teil zeigt, ich möchte sagen, an einem abgesonderten Phänomen ganz deutlich, wie das ist. Der Orientale war zugeneigt dem Spirituellen der Welt. Indem diese Seelen in Amerika heute wieder erscheinen, entwickelt sich in ihnen ein, allerdings heute abstrakt gewordenes, nicht mehr innerlich lebendiges Hinneigen zur spirituellen Welt. Dieses Erleben der spirituellen Welt war in verflossenen Zeiten — eben in früheren Inkarnationen — verbunden mit einem Übersehen der physischen Welt, mit einem Nichthinblicken auf sie. Es tritt bei den Anhängern der «Christian Science» eben in einer dekadenten Weise auf: es wird die Materie geleugnet, man will nicht hinsehen auf die Materie. Man fühlt sich gewissermaßen, als wenn man die alte, aber lebendige Spiritualität nun in einer abgetöteteren Form, in einer leichnamhaften, geistig leichnamhaften Form anbetete. Doch das ist ja nur ein, ich möchte sagen, herausgesonderter Teil. Im ganzen kann man in der amerikanischen Auffassung sehen, wie Seelen nicht ganz voll in ihrem Leibe sitzen, wie sie daher den Leib von außen erfassen wollen, wie selbst die Seelenwissenschaft in Amerika einen Charakter annimmt, in dem man im Grunde genommen keinen rechten Begriff vom Ich hat. Weil die Seele mehr gewöhnt war, im Überirdischen sich zu fühlen, wird diese Ich-Einkörperung, wie sie jetzt im Westen geschieht, nicht recht ausgebildet. Daher tritt das auf, was den einen Gedanken mit dem anderen nicht zusammensetzen läßt. Man nennt das dann «Assoziations-Psychologies. Da wird der Mensch etwas wie der Spielball der Gedanken, die sich so assoziieren. Es erscheint da kurioserweise etwas, das man mit einem Worte bezeichnen könnte, mit dem verleumderisch oftmals uns gegenüber die Lehre von den wiederholten Erdenleben bezeichnet wird: man redet von Seelenwanderung. Aber in bezug auf die wiederholten Erdenleben darf bei uns nicht von Seelenwanderung gesprochen werden, wenn es nicht von verleumderischer Seite geschieht. Denn in bezug auf die wiederholten Erdenleben haben wir es mit einer Evolution, mit einer Entwickelung der Seele zu tun, nicht mit dem, was uns vorgeworfen wird; aber in anderem Sinne kann man von Seelenwanderungen sprechen, indem in der Tat die Seelen, die in einem bestimmten Zeitalter einen Teil der Erde bevölkern, im nächsten Zeitalter doch nicht wiederum auf demselben Fleck der Erde verweilen, sondern auf einem ganz anderen Fleck. So findet man die in den ersten christlichen Jahrhunderten im Süden verkörperten Seelen allerdings jetzt in Mittel-, West- und Osteuropa, mehr im Norden, findet aber diese Bevölkerung durchsetzt mit denjenigen Seelen, welche in Indianerleibern waren. In Asien drüben findet man die Seelen, die zur Völkerwanderungszeit und auch vor- und nachher in Europa gelebt haben; in Amerika die Seelen, die in Asien gerade zur Zeit des Geschehens des Mysteriums von Golgatha gelebt haben.
[ 27 ] Wir stehen unbedingt vor einer Zeit, in welcher man die Sehnsucht nach einem Durchschauen der ganzen Wirklichkeit entwickeln wird. Heute ist noch eine scharfe Opposition gegen dieses Durchschauen der ganzen Wirklichkeit, nicht etwa bloß auf theoretischem Gebiete, sondern auch auf dem Gebiete des äußeren Lebens. Bedenken Sie nur, wie ich von den verschiedensten Seiten her immer wieder und wiederum diese intellektualistische Krankheit, die aufgetreten ist in den letzten Jahren, kennzeichnen mußte: dieses Betörtsein durch den Wilsonismus. Ich mußte oftmals, auch in öffentlichen Vorträgen, mit scharfen Worten auf dieses Betörtsein eines großen Teils der Menschheit durch den Wilsonismus hindeuten. In diesem Wilsonismus haben wir auch — aber in einer schon ganz abstrakten Form — etwas angedeutet, was aber natürlich langsam heraufgekommen ist als die äußere, im sozialen Denken auftretende Folge des Materialismus: langsam heraufgekommen ist im Laufe des 19. Jahrhunderts das Nationalitätsprinzip, dieses Pochen auf die Nationalität, dieses nur leben wollen in der Nationalität. Das ist die Opposition gegen das Geistig-Seelische, denn dieses Geistig-Seelische, das kümmert sich nicht um die Nationalität. Die Seelen, die heute in Europa leben, sind vielfach früher in Amerika gewesen; die Seelen, die heute namentlich in japanischen Leibern leben, die dürften gar nicht seelisch hinweisen auf ihre Vorfahren, sondern auf die Völkerwanderungszeit Europas. Ja, die Amerikaner müßten ja nicht etwa stolz sein auf ihre Vorfahren, ihre Blutsvorfahren oder Ahnen in Europa, sondern müßten hinweisen darauf, wie sie gelebt haben zur Zeit des Mysteriums von Golgatha gerade in Asien drüben und da eine noch nicht durchchristete Kultur durchgemacht haben, so daß sie es auch sind, welche das Christentum durch äußere Tradition und äußere Erziehung annehmen. Es ist noch eine scharfe Opposition auch von dieser Seite aus gegen das geistig-seelische Auffassen der Welt.
[ 28 ] Nicht nur in der Wissenschaft hat man diesen Materialismus, man hat ihn auch durchaus in der äußeren Zivilisation. Und das, was man heute aus Europa machen will, diese neue Karte von Europa, die ist durchaus aus materialistischem Empfinden, materialistischen Impulsen heraus geformt. Die Menschheit wird erst aufwachen, wenn sie zu diesen nationalistischen Impulsen, die materialistisch sind, die bloß auf ein Beobachten der äußeren Generationenfolge beruhen, hinzufügt die Betrachtung des sozialgeschichtlichen Lebens in seiner wahren Wirklichkeit. So daß man auch die Seelen sieht, die in den gegenwärtigen Leibern leben und die nur als eine äußere Hülle dasjenige haben, was in der Generationenfolge sich durch physische Vererbung fortpflanzt, oder was in der Tradition sich als geistige Kultur fortpflanzt und durch die Erziehung bloß angenommen wird.
[ 29 ] In den Untergründen herrschen schon bei den Menschen solche Sehnsuchten, hinauszugehen über das, was eine bloß materialistische Betrachtungsweise liefern kann. Natürlich nimmt sich gegenüber dem, was man heute gewohnt ist zu denken, vielfach das paradox aus, was aus der wirklichen Geistesforschung stammt. Aber wer nur hineinschauen will in das Leben, namentlich in das heutige Leben, das ja in Nöten absolviert wird, der wird zum Beispiel sehen, daß vieles ihm verständlich wird, gerade wenn er so hinhört auf das, was der Geistesforscher aus seiner gewissenhaften, exakten Forschung heraus gibt. Der Mensch ist gewohnt, etwas auf das zu geben, was ihm mitgeteilt wird, sagen wir von den Sternwarten oder dergleichen. Wenn irgendwo eine astronomische Entdeckung gemacht wird, so sagen die Menschen nicht, daß sie das auf Autorität hin annehmen. Sie werden sich nicht bewußt, daß sie es allerdings auf Autorität annehmen, aber im Zusammenhange mit dem gesunden Menschenverstand, der überschaut, daß das nicht töricht ist, was da von irgendeiner Sternwarte aus auf die übrige Welt übertragen wird; daß es ja vernünftig eingerichtet ist, so daß man schon einen Grund hat, nicht zu zweifeln, daß das, was einem da mitgeteilt wird, auf Wahrheit beruht. Der Lebenszusammenhang, der ist schon so, daß man durchaus nicht sprechen kann, man nehme etwas bloß auf Autorität hin an. So müßte man aber auch denken, wenn vereinzelte Geistesforscher nur wie vereinzelte Astronomen auftreten und dasjenige verkündigen, was aus der Geistesforschung heraus ist: man wird das aber überall im Leben bewahrheitet finden, wenn man eben seinen gesunden Menschenverstand anwenden will.
[ 30 ] Anthroposophische Geisteswissenschaft würde eben durchaus nur etwas Theoretisches, Abgezogenes im Leben bleiben, wenn sie nicht alles durchdringen würde, was einzelne Zweige dieses menschlichen Lebens sind. Sie müssen sich auch nicht vorstellen, daß zum Beispiel die Geschichte von der Geisteswissenschaft aus so beeinflußt werden solle, daß man nun auch wiederum nur Epochengeschichte entwickle, Generationengeschichte, nur etwas tiefsinniger; das ist nicht der Fall. Sondern die geistigen Forschungen selber sollen vereinigt werden mit dem äußeren Material der pragmatischen oder sonstigen Geschichte, und daraus soll sich die Anschauung der vollen Wirklichkeit ergeben. So groß heute in den unterbewußten Tiefen des menschlichen Lebens die Sehnsucht ist nach einer solchen, der Wirklichkeit gemäßen Auffassung des Lebens, so stark ist eben auch auf der anderen Seite, und zwar aus dem mehr bewußten Teil des menschlichen Lebens, noch die Opposition. Und diese Opposition sucht alle möglichen Dinge auf, um eben sich den Schein einer Rechtfertigung zu geben. Sie schreckt nicht zurück vor jeder Art der Verleumdung. Ich habe Ihnen gestern an einem Beispiel gezeigt, wie unwahrhaftig diese Opposition wird, indem sie einfach lügt, die objektive Unwahrheit sagt. Man kann ganz absehen davon, daß dies Angriffe auf die anthroposophische Geisteswissenschaft sind, darauf kommt es nicht an; aber auf was für menschliche Eigenschaften werden wir hingewiesen, wenn ein Mensch, der ein großes «D» vor seinem Namen hat, der also Doktor der 'Theologie ist, so durch und durch verlogen ist, daß er nicht etwa hinschreibt: Mir hat einer erzählt, in Dornach hat er ein Bild des Christus gesehen, der oben luziferische Züge hat und unten tierische Merkmale —, während dort ein Idealkopf steht, der oben allerdings zum großen Teile fertig ist, unten aber nur ein Holzklotz ist; von dem sagt er, daß das tierische Merkmale hat! Man muß also wirklich sagen: Da liegt eine solche moralische Niedrigkeit vor, daß man zurückschließen muß von diesem Mangel an Wahrheitsgefühl auf die ganze Wissenschaft, die solch ein Mensch vertritt, denn die wird ja natürlich nicht von einer größeren Wahrhaftigkeit durchzogen sein in bezug auf das Wahrheitsgefühl.
[ 31 ] Es stellt sich auf der anderen Seite heraus, daß Menschen, die durchaus nicht ins Geistige hinein, sondern bei den abstrakten Begriffen stehenbleiben wollen, wenn sie nun durchaus etwas Positives vorbringen wollen, auch auf merkwürdige Abwege geraten. Da ist zum Beispiel ein Mensch, der heute aus leeren Begriffshülsen heraus eine Weltanschauung formen will, die sogar auf manche Menschen Eindruck macht: das ist der Graf Hermann Keyserling. Man versuche nur einmal, sich etwas Substantielles zu vergegenwärtigen bei den leeren, abstrakten Begriffshülsen des Hermann Keyserling, man wird es nicht können. Er ist ein vielgelesener Mann — Inhalt ist nicht in seinen Schriften; da, wo er den Inhalt sucht, da wird er auch danach. Er kritisiert und kanzelt ab auch die anthroposophische Weltanschauung. Dasjenige, was er von seinen Phrasen aus drechselt, das könnte natürlich großen Eindruck nicht machen; so ist er angewiesen darauf, wo er etwas Positives sagen will, die Unwahrheit zu sagen. So zum Beispiel weiß ja jeder, der meine Schriften verfolgt, daß ich in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Anlehnung an Goethes Naturwissenschaftliche Schriften durchaus vom Goetheanismus ausgegangen bin. Daß ich mich dann auseinandergesetzt habe mit dem Haeckelismus, das ist eine Sache, die jedenfalls nicht zu meinem Ausgangspunkt gehört. Graf Keyserling lügt, indem er sagt, meine ganze Betrachtungsweise ginge von Haeckel aus — und einfach alles übersieht, was wirklicher Ausgangspunkt ist. Und so kann man zahlreiche wirkliche Lügenhaftigkeiten bei so vielgelesenen Männern der Gegenwart finden. Wenn diese Menschen positiv werden wollen, so müssen sie die Unwahrheit sagen, denn sonst ergehen sie sich einfach in ihrer Phrasenhaftigkeit.
[ 32 ] Man käme wirklich in recht wenig erquickliche Gebiete hinein, wenn man das, was der anthroposophischen Geisteswissenschaft gegenübersteht, seiner Wahrheit gemäß charakterisieren wollte. Aber betrachten Sie die ganze Sache einmal von einer anderen Seite. Dieser Zweig gehört nun auch schon zu den älteren Zweigen, ist vor vielen Jahren gegründet worden. Die Sache hat sich hier nicht viel anders entwickelt als sonst. Man sehe nur einmal zurück, ob jemals diese anthroposophische Geisteswissenschaft an die Menschen anders herangetreten ist, als zunächst vorsichtig an diejenigen, die sie haben wollten. Es war durchaus nichts Aufdringliches. Und es waren zunächst kleine Kreise, an die diese Geisteswissenschaft herangetreten ist. Denn ihre Aufgaben werden nicht so erfaßt, wie die Aufgaben äußerer Agitatoren, sondern die Aufgaben der geisteswissenschaftlichen Bewegung werden innerhalb der geistigen Welt erfaßt. Und man weiß — ob man nun eine große oder geringe Anhängerschaft hat —, daß es sich um geistige Aufgaben handelt, die allerdings ihre Wirkungen für die Erde haben müssen, die aber durchaus in der geistigen Welt selbst erkannt werden.
[ 33 ] Und dann verfolgen Sie die Sache weiter. Verfolgen Sie einmal, wie wenig getan worden ist, um geradezu in äußerlicher Weise die Sache zu propagieren. Es wurde ja nichts getan, als öffentliche Vorträge gehalten. Zu denen können die Leute gehen, sie können sich sympathisch oder unsympathisch berührt fühlen, können wegbleiben, wenn sie sich unsympathisch berührt fühlen. Eine irgendwie aufdringliche Agitation ist gewiß nicht getrieben worden. Man kann schließlich auch nicht sagen, daß wir unsere Bücher in einer besonders aufdringlichen Weise verbreitet haben; denn wir haben den PhilosophischAnthroposophischen Verlag begründet, der nicht den gewöhnlichen Weg zu den Sortimentern gesucht hat, sondern der den mehr intimen Weg gesucht hat zu der Bevölkerung der zivilisierten Welt. Wir haben aber auch einen großen Teil desjenigen, um das es sich handelt, in Schriften erscheinen lassen, die gar nicht einmal für die Öffentlichkeit bestimmt sind, die nur unrechtmäßigerweise an die Öffentlichkeit gekommen sind. Der Pfarrer Kully in Arlesheim hat allerdings alle diese Zyklen, aber sie sind ihm gewiß niemals auf einem richtigen Wege zugekommen. Und viele andere haben sie unrechtmäßig. Daß unsere Bewegung allmählich eine große geworden ist, daß wir heute allerdings sehen können, wie rasch sie sich ausbreitet, das ist nicht von uns auf dem Wege einer gewöhnlichen Agitation gesucht worden. Und das hat im Grunde genommen gar nicht einmal etwas dazu getan. Betrachten Sie einzelne Dinge: Einige Protestanten und einige evangelische Pfarrer haben gefunden, daß sie nicht mehr zurechtkommen mit denjenigen Begriffen, die ihnen ihre evangelische Theologie gegeben hat. Sie lernten — weil eben Anthroposophie nicht aufzuhalten war — die anthroposophische Weltanschauung kennen, schrieben jetzt ihrerseits etwas von Auseinandersetzungen zwischen ihrem evangelischen Pfar rertum und der anthroposophischen Weltanschauung. Die Opposition, die dann bei anderen evangelischen Pfarrern und auch Universitätsprofessoren, wie zum Beispiel bei Traub, entstanden ist, die ist eigentlich zunächst entstanden als eine interne unter den Pfarrern. Wir sind mehr oder weniger das Opfer geworden desjenigen, was die Leute zunächst untereinander auszumachen hatten. Das, was sich abspielt als Opposition, das spielt sich eigentlich dadurch ab, daß die Leute zunächst ganz abgesehen von uns untereinander sich in die Haare geraten sind. Nun werden wir natürlich zuletzt angegriffen, selbstverständlich! Wer studieren würde, wie sich die Dinge innerlich abgespielt haben, der würde sehen, daß wir nirgends irgendwie die Angreifer waren, geradesowenig wie von uns die evangelischen Pfarrer irgendwie attackiert worden sind, oder wir irgendwelche Schritte gemacht haben, um in der evangelischen Welt, die treu dem kirchlichen Bekenntnis ist, Anthroposophie zu propagieren.
[ 34 ] Wo wir wirklich etwas zu leisten haben, verhalten wir uns nach dieser Richtung anders: In der Waldorfschule bekommen die katholischen Schüler vom katholischen Pfarrer den Religionsunterricht, die evangelischen Schüler vom evangelischen. Nur diejenigen Schüler, die das nicht wollen, die lassen wir dann unterrichten von solchen, die einen freien Religionsunterricht geben. Aber wir haben keine Weltanschauungsschule gemacht. Und so besteht eigentlich das, was sich als Kampf jetzt um uns abspielt, darin, daß wir treulich gesagt haben, was uns aus der geistigen Welt heraus zu sagen zuerteilt ist, und daß durch dasjenige, was sich fortgepflanzt hat aus den Gemütern der anderen heraus, die Streitigkeiten entstanden sind, die nun uns aufgeladen werden. Und es besteht eine gewisse Neigung, den Dingen nicht nachzugehen, sondern überall die Schuld bei der anthroposophischen Bewegung als solcher zu suchen. Würde man da auf die wahren Tatsachen sehen, so würde das sehr lehrreich sein, insbesondere wenn Sie sich den Kampf ansehen, der geführt wird in der evangelischen Pfarrerwelt. Denn Sie können ganz sicher sein: Gegen uns bestand zunächst keine Opposition unter den evangelischen Pfarrern, sondern die Opposition hat sich erhoben, nachdem evangelische Pfarrer, die nicht ihre Befriedigung in ihrer Theologie gefunden haben, ihrerseits herübergekommen sind zur Anthroposophie. Dagegen erhob sich dann die Opposition. Und dann kommen jene, die es nachher sehr profitabel finden, wie Herr Traub in Tübingen, Bücher über mich persönlich zu schreiben, weil es dann eine Möglichkeit gibt, Bücher abzusetzen und so weiter. Jetzt ist ja die anthroposophische Bewegung schon so groß, daß man Geschäfte machen kann mit Büchern, die man über sie schreibt.
[ 35 ] Aber die Art und Weise, wie gekämpft wird, und namentlich die Ursache des, ich möchte sagen, um die Anthroposophie tobenden Kampfes, das sollte man schon genauer studieren! Da sollte man wahrhaftig Gewissenhaftigkeit darauf anwenden. Und dann würde man sehen, was da weiter herauskommt, wenn man in die Disharmonien innerhalb der gegenwärtigen Weltanschauungsströmungen hineinsehen kann, und wie im Grunde genommen Anthroposophie durchaus nicht Veranlassung gegeben hat zu irgendeiner der oppositionellen Strömungen, sondern lediglich ihre Mission ausführen wollte, so wie sie ihr aus der geistigen Welt gegeben ist. Und das, was sonst geschrieben worden ist, das ist höchstens aus Haß geschrieben von denen, die eine Zeitlang in der anthroposophischen Bewegung waren, die ihre persönliche Eitelkeit darin befriedigt sehen wollten und die man nicht brauchen konnte.
[ 36 ] Da wäre es auch sehr interessant, die innerlichen Zusammenhänge zu studieren. Vor einiger Zeit ist hier einer in der Schweiz aufgetreten, der heftige Angriffe gegen die Anthroposophie und gegen mich persönlich in Vorträgen vorgebracht hat. Dieser Mann sagte unter anderem, daß er besonders wissenschaftlich sein will, und daß Anthroposophie phantastisch, nicht wissenschaftlich sei. Dann erzählte er allerlei Märchen. Im Beschreiben von Illusionen und allerlei Märchen sind ja nicht gerade wir Anthroposophen besonders groß, sondern gerade unsere Gegner, die uns Phantastik vorwerfen. — Aber ich kann Ihnen eine andere Geschichte erzählen, nachdem ich Sie aufmerksam gemacht habe auf den Herrn, der hier in der Schweiz herumgegangen ist und weidlich über Anthroposophie und über mich geschimpft hat. Es ist etwa dreizehn, vierzehn Jahre her, da meldete sich in Frankfurt, als ich zu einer Reihe von Vorträgen in Frankfurt war, bei mir im Hotel ein Mann, der, weil ich das gerade einrichten konnte, auch von mir empfangen worden ist. Der Mann redete und schwätzte mir allerlei Zeug vor und erzählte mir: Ich reise Ihnen jetzt schon eine lange Zeit überall hin nach, konnte niemals von Ihnen empfangen werden; aber jetzt ist es mir endlich gelungen. — Und er zeigte sich sehr geneigt, sein Streben in das Streben der anthroposophischen Bewegung einströmen zu lassen. Ich sah: Purster Dilettant, purste Scharlatanerie! Also weg! So etwas ist oft vorgekommen, denn man konnte eben nicht anders, als diejenigen Menschen, die bloß aus persönlicher Eitelkeit und persönlicher Ambition heran wollten, wegzustoßen; das konnte man nicht ändern. Sehen Sie, das ist derselbe Mann. Er hat dann ein paar Jahre gewartet, dann wurde er der schweizerische Gegenpart, lebte allerdings, wie gesagt wurde, hier als Refraktär und wurde nun Gegner.
[ 37 ] Aber so sind sehr viele Zusammenhänge, man muß den Dingen nur nachgehen: Sie würden sehen, aus welch trüben Quellen oftmals dasjenige schöpft, was sich als Opposition gegen die Anthroposophie geltend macht.
[ 38 ] Wir müssen aus solchen Quellen Kraft schöpfen, die uns ein Weltbild geben, wie es die Menschheit für die Gegenwart, und namentlich für die nächste Zukunft braucht, wie es namentlich diejenigen brauchen werden, die heute noch etwas jünger sind, denn sie werden gar nicht mehr leben können mit dem alten Weltbilde! Dennoch sollten wir Kraft gewinnen gerade aus einem solchen Weltbilde, das nun zum Beispiel die geschichtliche Betrachtungsweise ausdehnt, das über den Ursprung der Seelen redet, nicht bloß über den Ursprung der Leiber. Aber wir sollten dazu die Kraft gewinnen, überall da, wo wir können, einzutreten für die Anthroposophie! Anthroposophie wird Leute brauchen, die für sie eintreten. Dasjenige, was heute als Opposition auftritt, es wird nicht kleiner werden, und es wird in der Zukunft nicht weniger schlimme Formen annehmen. Es wird im Gegenteil schlimmere und immer schlimmere Formen annehmen! Derjenige, der sich dessen bewußt wird, was an Anthroposophie liegt, er wird auch imstande sein, aus diesem Bewußtsein heraus wirklich den Boden zu finden, wo er eben in der entsprechenden Weise an seinem Platze wirkt. Denn das, was aus der Anthroposophie heraus gewirkt wird, wirkt wahrhaftig nicht zu irgendwelchen persönlichen Zielen: es wird zum Heile der Menschheit gewirkt. Und man soll sich nicht abschrecken lassen davon, daß die Gegnerschaft immer größer und größer und immer häßlicher werden wird, daß heute schon viel Schmutziges drinnen ist — es wird noch viel Schmutzigeres in dieser Gegnerschaft drinnen sein. Verliert man deshalb den Mut, so versteht man eigentlich doch nicht dasjenige, was für die zukünftige Entwickelung der Menschheit Anthroposophie ist.
[ 39 ] Ich wollte mit diesen letzten Worten einmal auf etwas aufmerksam machen, worauf man hinsehen sollte in unserer Bewegung. Ich wollte diese letzten Worte gerade an eine so wichtige Betrachtung anknüpfen, wie wir sie heute angestellt haben über den Fortgang der Seelen durch die wiederholten Erdenleben, über die Art und Weise, wie wir von zwei Seiten her — von dem großen Weltenall und von der Erde her — in unserer Organisation aufgebaut werden. Dasjenige, was heute die äußere Wissenschaft von diesen Dingen weiß, ist ja so wenig! Es hat sich diese äußere Wissenschaft darauf beschränkt, bloß das allein zu betrachten, was schließlich das letzte Bild ist von dem, was an Kräften eigentlich da wirkt: äußeres Keimblatt, inneres Keimblatt und so weiter, ohne zu wissen, welchen makrokosmischen Sinn das äußere Keimblatt hat, welchen tellurischen Sinn das innere Keimblatt hat, wie das wiederum zusammenhängt mit Vorstellung und Wille. Ohne auf diese großen Zusammenhänge hinzusehen, betrachtet eine materialistische Anschauungsweise eben nur die ÄAußerlichkeiten, die letzten Äußerlichkeiten. Und ebenso in bezug auf das Geschichtliche, wo man bloß dasjenige ins Auge faßt, was, ich möchte sagen, durch das Blut der Generationen rinnt, und was durch die Tradition im Laufe der geradlinigen Fortströmung des geschichtlichen Werdens auf irgendeinem Boden zu beobachten ist. Während die ganze Wirklichkeit verstanden werden kann, wenn man sich nicht nur frägt, was für Blut in diesen oder jenen Adern fließt, sondern: Woher kommt die Seele, die sich dieses Blutes nur bedient? Nach totaler Menschheitsbetrachtung, nach wahrer Wirklichkeitsbetrachtung müssen wir streben, denn das fordert die Welt, und wird es immer mehr und mehr fordern. Anthroposophie will das geben.
[ 40 ] Das ist dasjenige, was ich heute zu Ihnen sprechen wollte. Wir wollen hoffen, daß wir uns nach einiger Zeit wieder sehen und solche Betrachtungen fortsetzen können, die zum Verständnisse der Gegenwart und Zukunft, zum Verstehen der Menschennatur und zum Verständnis des Weltenalls, insofern der Mensch aus ihm heraus geboren ist, weiterleiten können.
