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Die Brücke zwischen der Weltgeistigkeit
und dem Physischen des Menschen
Die Suche nach der neuen Isis,
der göttlichen Sophia
GA 202

12 Dezember 1920, Dornach

Achter Vortrag

[ 1 ] Es obliegt mir in diesen Betrachtungen, die ja nächsten Freitag fortgesetzt werden, ein möglichst umfassendes Bild zu geben auf der einen Seite von dem Zusammenhang des Menschen mit dem ganzen Universum, mit dem Kosmos, sowohl mit dem physischen wie mit dem geistigen Kosmos, und auf der anderen Seite zu zeigen, wie man allmählich durch eine geisteswissenschaftliche Betrachtung zu einer wirklichen Brücke kommen kann zwischen dem, was man Naturordnung nennt und dem, was man geistig-moralische Weltordnung nennen kann. Ich möchte heute gewissermaßen ein Intermezzo geben, das zeigen soll, wie in bezug auf die Menschheit selber das Geistige verbunden werden muß mit dem Physischen, wenn es zu einer Totalbetrachtung auch der menschheitlichen Entwickelung kommen soll. Denn dasjenige, was eben verhindert, in der universellen Weltbetrachtung die Brücke zu bauen zwischen dem Physischen und dem Geistigen, das verhindert auch für die traditionelle Weltanschauung in ihren verschiedenen Formen, zu einer Totalauffassung dessen zu kommen, was in der Menschheitsentwickelung wirksam ist. Wir können ja Geisteswissenschaft nicht so nehmen, daß sie eine abstrakte Theorie ist, eine Summe von Vorstellungen nur ist, welche aufklären soll über die Frage des Ewigen im Menschen, über die Frage der wiederholten Erdenleben eben in abstrakter Form. So können wir Geisteswissenschaft nicht aufnehmen. Wir würden sie mißverstehen, wenn wir sie so nehmen würden. Wir müssen uns Geisteswissenschaft durchaus als das Leben durchdringend vorstellen, und wir müssen dazu kommen, dasjenige, was ja allerdings auch auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft in einer gewissen abstrakten Form, in einer theoretischen Manier gegeben werden muß, ganz konkret im Leben anzuwenden. Und davon will ich Ihnen zunächst ein Beispiel geben, das allerdings hergenommen ist aus wirklichen geisteswissenschaftlichen Untersuchungen, über die man eigentlich zunächst nur referieren kann, die aber am Leben selber verifiziert werden können.

[ 2 ] Der Vorgang würde der sein: Dem Geistesforscher ergeben sich gewisse Zusammenhänge. Er spricht diese Zusammenhänge aus. Er wendet sie auf das Leben an. Das Leben in seinem Verlaufe kann von jedem Menschen äußerlich betrachtet werden. Einer unbefangenen Betrachtung des Lebens bewahrheitet sich dann, was der Geistesforscher aus seinen schauenden Betrachtungen gibt. So etwa wird es sich verhalten müssen mit einem solchen Beispiel geisteswissenschaftlicher Betrachtung, wie ich es Ihnen heute referierend darstellen will.

[ 3 ] Man findet heute eine geschichtliche Betrachtungsweise, die eigentlich schon sehr stark beeinflußt ist von dem, was man naturwissenschaftliche Denkweise nennen kann. Die Geschichtsbetrachtung hat allmählich in einer gewissen Weise kapituliert vor der naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise, und man denkt sich auch das geschichtliche Werden der Menschheit so, daß man Wirkungen aufsucht, diese auf Ursachen zurückführt und dann einen gewissen Kausalzusammenhang des geschichtlichen Lebens dem Kausalzusammenhang im Naturgeschehen nachbildet. Wenn auch erst vereinzelte historische Betrachter in dieser Beziehung radikal sind, so ist immerhin die Tendenz vorhanden, die Geschichte, allmählich wenigstens, einer der naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise ähnlichen Methodik zuzuführen.

[ 4 ] Insbesondere dann, wenn man das alltägliche Leben in seinem Werden betrachtet und den einzelnen Menschen hineinstellt in dieses Werden der Menschheit von Generation zu Generation, kommt man immer mehr und mehr dazu, die Dinge bloß äußerlich, ich möchte sagen, am Faden naturwissenschaftlicher Notwendigkeit zu betrachten. Wie ist es für viele Menschen heute etwas Bedrückendes, aber doch wieder ihnen notwendig Erscheinendes, Eigenschaften, die der Mensch an sich trägt, zurückzuführen auf die physische Vererbung. Wir reden alle Augenblicke davon, daß der Mensch diese oder jene mehr oder weniger äußere oder innerliche, physische oder seelische Merkmale einfach von seinen Vorfahren vererbt hat, und wir übertragen auch das, was wir uns so im alltäglichen Leben bilden, auf das Geschichtliche. Wir dehnen es aus auf das Geschichtliche. Wir blicken gewissermaßen darauf hin, wie wir selbst innerhalb der gegenwärtigen Generation leben, wie diese abstammt von den vorhergehenden, diese wieder von den vorhergehenden und so weiter. Und man gewöhnt sich daran, das geschichtliche Werden so zu betrachten, daß man eigentlich die Generationenfolge betrachtet.

[ 5 ] Nehmen wir irgendein Stück der Erde, nehmen wir Mitteleuropa. Man betrachtet es so, daß man die Eigenschaften der mitteleuropäischen Menschen in den letzten Jahrzehnten betrachtet. Man geht dann zurück zu den früheren Jahrzehnten und versucht womöglich in Anlehnung an das, was man gewöhnt ist in der sinngemäßen Betrachtung, sagen wir die Eigenschaften der heutigen Deutschen, die Eigenschaften der heutigen Franzosen, zurückzuführen auf die Eigenschaften der Deutschen im 18. Jahrhundert, der Franzosen im 18. Jahrhundert und so weiter. Man betrachtet gewissermaßen in geradliniger Strömung die Entwickelung der Menschheit, und man ist befriedigt. Naturwissenschafter würden sagen: Das Kausalitätsbedürfnis ist befriedigt, wenn man dasjenige, was sich als seelisch-geistige Qualitäten bei einer bestimmten Menschenart der Gegenwart findet, zurückführen kann auf geistig-seelische Qualitäten früherer Generationen desselben Volkes, derselben Rasse und so weiter, wenn man also einen gewissen Ursachenzusammenhang im geradlinigen Zeitenverlauf herstellen kann.

[ 6 ] Wie sollte denn auch eine Weltanschauung wie diejenige, die sich in dem Lauf der letzten drei bis vier Jahrhunderte und schon länger herausgebildet hat und die, selbst wenn sie noch so religiös-spiritualistisch ist, doch, sobald sie vom Abstrakten loskommt, praktisch das seelisch-geistige Leben eng an das physische gebunden fühlt, wie sollte denn eine solche Betrachtungsweise hinauskommen über dieses bloße Verfolgen der Generationenreihe, der Generationenentwickelung! Aber hier ist es gerade, wo Ernst gemacht werden muß mit dem, was uns die anthroposophischen Erkenntnisse geben. Von diesem Gesichtspunkte aus müssen wir ja nicht bloß hinblicken auf den Menschen oder auf eine Anzahl von Menschen der Gegenwart, insofern dieser Mensch oder diese Menschen die von den unmittelbar vorangehenden Generationen vererbten Merkmale haben, sondern wir müssen uns praktisch klar sein darüber, daß in jedem einzelnen Menschen ein Seelisch-Geistiges vorhanden ist, das ja eine lange Zeit in der geistig-seelischen Welt durchlebt hat, bevor es in diesen physischen Leib hereingekommen ist. So daß, wenn wir einen gegenwärtigen Menschen vor uns haben, wir uns sagen müssen: Wir sehen ihn leiblich an; da trägt er allerdings die vererbten Merkmale, von den früheren Generationen herrührend. Aber wir sehen ihn auch geistig-seelisch an. Da trägt er in sich eine Seele, die ja zunächst gar nichts zu tun hat mit den unmittelbar vorangehenden Generationen, die auch mit weiter zurückliegenden Generationen nicht viel zu tun hat, die in einer sehr viel früheren Zeit als die jetzige hier auf der Erde war, die also, während eine ganze Reihe von Generationen sich entwickelt hat, gar nicht im unmittelbaren Zusammenhange mit der Erdenentwickelung gestanden hat, die, während diese Generationen abgelaufen sind, in der geistig-seelischen Welt war. Es ist ja einmal eine Einseitigkeit, den Menschen nur nach den in der Generationenfolge vererbten Merkmalen zu betrachten. Es ist ja schließlich auch nur eine Illusion, wenn man den Menschen oder das geschichtliche Werden so betrachtet. Man redet sich eigentlich nur ein, daß man die Dinge verstünde; man versteht sie in Wirklichkeit gar nicht. Man theoretisiert darüber, das oder jenes, was die Menschen in der Gegenwart machen, wie sie sich darleben, das rühre von den oder jenen vererbten Qualitäten her. Aber würde man unbefangen genug sein dazu, so würde man an unzähligen Stellen, ja überall sich sagen müssen: Was man da annimmt als von Generation zu Generation sich fortentwickelnde physische Qualitäten, das erklärt irgendeine Lage der Gegenwart durchaus nicht, weder beim einzelnen Menschen, noch bei irgendeinem volks- oder rassenmäßigen Zusammenhang der Menschen. Wenn man zur Wirklichkeit kommen will, wenn man nicht in dieser Abstraktion stehenbleiben will, die, wenn sie auch materialistisch ist, dennoch nur eine Abstraktion ist — eben eine materialistische Abstraktion —, dann muß man Rücksicht darauf nehmen, wie dasjenige, was sich in der Gegenwart darlebt, neben dem, was in der Blutsströmung zurückliegt, sich erklärt aus dem, was in den Kräften der Seelen liegt, die eine lange Zeit hindurch in der geistigen Welt gelebt haben, bevor sie zur Wiederverkörperung in diese Leiber heruntergestiegen sind.

[ 7 ] Nun habe ich in bezug auf diese Dinge ja im Laufe der Jahre schon Andeutungen gemacht. Ich habe Andeutungen gemacht, wie in unserer Zeit, insbesondere in der Zeit, die vor den katastrophalen Ereignissen gelegen hat, namentlich die europäische Bevölkerung mit Menschen durchmischt worden ist, die Seelen in sich tragen aus den ersten christlichen Jahrhunderten. Die Welt ist jedoch kompliziert, und indem man solche Angaben macht, trifft man eigentlich immer nur ein Partielles. Solche Angaben müssen immer wieder erweitert werden, damit man allmählich einer totalen Ansicht näher rückt. Das darf durchaus nicht so aufgefaßt werden, als wenn irgend etwas Früheres, was gesagt worden ist und was durchaus richtig ist, sich aber eben auf eine Anzahl von Menschen bezieht, korrigiert werden sollte; sondern zur Ergänzung soll das Folgende gesagt werden.

[ 8 ] Es ist ein verhältnismäßig nicht allzugroßer Teil der mitteleuropäischen Bevölkerung, welcher unmittelbar Seelen birgt, die in diesen ersten christlichen Jahrhunderten, so wie wir uns diese ersten christlichen Jahrhunderte nach der landläufigen Geschichte vorstellen, gelebt haben. Die Dinge sind viel komplizierter. Da zeigt sich der geisteswissenschaftlichen Forschung etwas, was in mancher Beziehung paradox erscheinen wird; aber es ist schon einmal so, daß die Dinge, die für die geisteswissenschaftliche Forschung erscheinen sollen, eben nur aus der wirklichen Anschauung, aus der wirklichen übersinnlichen Erfahrung gewonnen werden müssen, und daß man in der Regel Irrtum auf Irrtum häuft, wenn man bloß spekuliert, wenn man sich bloß philosophischen oder sonstigen Spekulationen über die Dinge hingibt. Die Erfahrungstatsachen sprechen dann immer anders, und das ist ja gerade etwas, was der Geistesforscher so intensiv empfindet: daß er selber von seinen Resultaten eigentlich überrascht wird. Er erwartet zunächst durchaus nicht, daß dies oder jenes herauskommt, sondern er wird überrascht von seinen Resultaten.

[ 9 ] Um Ihnen einige von solchen Resultaten vorzuführen, möchte ich Ihren Seelenblick hinlenken auf diejenige Bevölkerung, welche in Amerika war in den Zeiten, als die Europäer die Eroberung Amerikas begonnen und dann immer fortgesetzt haben. Sie wissen, es war eine Bevölkerung, die man von dem zivilisierten Standpunkte Europas aus als eine wilde Bevölkerung bezeichnete. Aber eine solche wilde Bevölkerung, wie sie in Amerika war, die indianische, ist zwar wild in bezug — auf das, was in den letzten Jahrhunderten innerhalb der europäischen Welt als Zivilisation bezeichnet worden ist, aber es lebt doch in ihr in bezug auf andere Seelenkräfte, die nicht der Intellekt sind, zuweilen etwas, was sich der sogenannte zivilisiertere Mensch wohl zurückwünschen könnte. Vor allen Dingen lebte in der indianischen Bevölkerung eine Anschauung von den geistigen Mächten der Welt, welche eigentlich, wenn man näher auf sie eingehen kann, etwas Imponierendes hat. Diese Bevölkerung verehrte einen Großen Geist. Es war allerdings bei der Eroberung die Sache schon in der Dekadenz, aber diese dekadenten Erscheinungen weisen zurück auf die Verehrung eines Großen Geistes, der alles durchflutet, durchwebt, der in den einzelnen elementarischen Geistern seine Unterkräfte hat.

[ 10 ] Mit diesen, ich möchte sagen, religiös-pantheistischen Vorstellungen lebte diese amerikanische Bevölkerung. Vor allen Dingen aber müssen wir festhalten: Diese amerikanische Bevölkerung hatte im äußeren Sinne nichts mitgemacht von dem, was die europäischen Bevölkerungen mitgemacht hatten im Laufe der sogenannten christlichen Entwickelung. Was das Christentum der europäischen Bevölkerung gebracht hat, das haben die Generationen dieser amerikanischen indianischen Bevölkerung nicht mitgemacht. Die ganze Seelenkonstitution dieser Bevölkerung war so, daß sie intensiv pantheistische Gefühle entwickelte und aus Impulsen heraus, die mit diesen Gefühlen zusammenhingen, handelten auch diese Menschen. Aber es entwickelten sich diese Seelen so, daß sie verhältnismäßig nur kurze Zeit zubringen konnten zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Keiner langen Zeitdauer bedurfte dasjenige, was zwar intensiv, aber ungeheuer einfach, elementar diese Seelen durchlebten zur Verarbeitung in der geistigen Welt. So sind nicht nur die Seelen der indianischen Bevölkerung, wie sie gelebt haben zur Zeit der ersten Eroberungen des Westen — diese fast alle —, sondern auch spätere Seelen jetzt schon wiedergekommen, und zwar im wesentlichen in der westeuropäischen Bevölkerung.

[ 11 ] Wir können also die Generationenfolgen betrachten von der jetzigen Zeit ab bis ins Mittelalter zurückgehend; da bekommen wir die physisch vererbten Merkmale. Aber wenn wir das als die volle Wirklichkeit betrachten, wiegen wir uns in Illusionen. Wir haben ein Abstraktum, wenn wir die gegenwärtigen Westvölker Europas bis sehr weit herein in das Mitteleuropäische und, immer wiederum alles durchsetzend, sogar bis nach Osteuropa hinüber, nur so betrachten, daß wir sagen: Diese Nationen haben ihre Merkmale von den vorhergehenden Generationen und so weiter. Das ist eben nicht allein der Fall, sondern es sind in diese Leiber, die das Blut der Vorfahren in sich tragen, namentlich in das Gros der Bevölkerung eingezogen die westlichen Seelen; Seelen also, welche durch ihre innere Entwickelung noch nichts von dem christlichen Impuls hatten, die im wesentlichen eine Art pantheistischen Impulses in sich trugen. Durch die Erziehung in den ersten Wochen schon, die sie in ihrer Umgebung verbrachten — denn gerade die äußere Kultur, die äußere Zivilisation pflanzt sich in geradliniger Weise von Generation zu Generation fort, nicht aber die inneren Impulse der Seele —, nahmen diese Menschen von außen her das Christentum an; von außen her wurden sie geformt zu dem, als was sie uns heute oftmals einzig und allein erscheinen. Wer aber unbefangen ist und auf die Menschen hinsieht, wer sie betrachtet so, daß er mit seinem Blick sie wirklich charakterologisch durchdringt, der sieht in ihnen pulsieren, was mit den Seelen in sie herübergekommen ist.

[ 12 ] Ich sagte, die Dinge, die die geisteswissenschaftliche Forschung ergibt, sind vielfach paradox. Ausspekulieren kann man diese Dinge nicht. Sie müssen erfahrungsgemäß durch die Ihnen oftmals geschilderten und auch in der Literatur niedergelegten Methoden zustande kommen. Aber wer sie dann äußerlich verifiziert, der wird finden, wie die äußere Welt erklärlich wird dadurch, daß man solche Erkenntnisse zugrunde legt.

[ 13 ] Wir finden Menschen, welche zu der Zeit, die man in der Geschichte gewöhnlich die Zeit der Völkerwanderung nennt, in Europa gelebt haben und ausgewandert sind. Die Seelen dieser Bevölkerungen waren denen ähnlich, die das sich vom Süden nach dem Norden ausbreitende Christentum angenommen haben, Seelen also, die äußerlich in die Christianisierung hineinwuchsen. Diese Seelen, die das Christentum so angenommen haben, wie es in den ersten Jahrhunderten in Europa gelebt hat — und das ist sehr verschieden von dem, wie das Christentum heute lebt —, verkörperten sich nicht etwa wiederum in einer mitteleuropäischen Bevölkerung. Es waren Seelen, die allerdings länger brauchten, um von dem Tode zu einer neuen Geburt zu leben als die amerikanischen Indianerseelen; aber wir haben es ja dafür auch mit Seelen zu tun, die ihr physisches Dasein früher hier durchgemacht haben als jene anderen, die wir als die letzten Indianerseelen, eben die Indianerseelen zur Zeit der Eroberungen, betrachteten. So weit gehen wir dabei zurück. Was das Schicksal der früheren Indianerseelen war, das wollen wir dabei nicht berühren. Diejenigen Seelen aber, die in den ersten christlichen Jahrhunderten in Europa verkörpert waren, die dabei waren, als das Christentum sich kulturell ausgebreitet hat vom Süden nach Norden, die verkörperten sich jetzt mehr nach Asien hinüber. Es zeigt sich das, was ich jetzt beschreibe, besonders deutlich in den Zeiten, in denen die furchtbare Katastrophe des zweiten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts herangenaht ist. Und von ganz besonderer Bedeutung erscheint es der Betrachtungsweise unserer gegenwärtigen Erdenzivilisation, wenn wir sehen, daß namentlich im Japanervolke solche Seelen verkörpert sind; Seelen also, die die besondere Art der Christianisierung in Europa einmal durchgemacht haben, die aber jetzt von Kindheit auf keinen Laut vom Christentum hören, die nur aus dem Unterbewußten heraus eine gewisse Nuancierung des dekadenten Asiatentums durch die damaligen christlichen Impulse in sich tragen, die auch all das heute in sich tragen, was gegen das heutige Europa sich wendet. Es ist ja im wesentlichen ein Ergebnis der ganz in die Dekadenz verfallenen orientalischen Weisheit — die einstmals eine so große war, wie ich es Ihnen geschildert habe — im Zusammenklingen mit den ersten primitiven christlichen Impulsen, wie sie eben entstanden, als in Europa sich das Christentum vom Süden nach dem Norden unter den barbarischen Völkerschaften ausbreitete. So war es im wesentlichen in bezug auf das Gros der Bevölkerung. Allerdings kompliziert sich die Sache dadurch, daß in diese so entstandene Bevölkerung — die Seelen der amerikanischen Urbevölkerung sowie der mitteleuropäischen Bevölkerung zogen beide ostwärts — sich hineinmischten viele einzelne Leiber, die bewohnt wurden von Seelen, die in den ersten christlichen Jahrhunderten mehr südwärts lebten. Die sind nun auch mitten drinnen in der Bevölkerung, die auf diese Weise entstanden ist, wie ich es jetzt beschrieben habe.

[ 14 ] Dann haben wir, wenn wir die gegenwärtige Zivilisation betrachten, es zu tun mit einer großen Anzahl von Seelen, welche gerade in den Jahrhunderten, die der Begründung des Christentums vorangegangen sind, in Asien, in Vorderasien, oder überhaupt über das ganze Asien hin gelebt haben. Es war das natürlich schon nicht mehr die große Blütezeit orientalischer Weisheitskultur, aber es war diejenige Zeit, aus der sich herausgebildet haben die Begriffe, die Ideen, mit denen das Mysterium von Golgatha dann verstanden worden ist. Ich rede also jetzt von Seelen, die dem Mysterium von Golgatha ferne standen, die aber eine gewisse Weisheitskultur hatten, die sich dann nach dem Westen herüber verpflanzte, und von welcher das Mysterium von Golgatha zunächst aus dem Griechentum, aus dem Römertum heraus verstanden worden ist.

[ 15 ] Wir müssen ja immer unterscheiden zwischen dem Mysterium von Golgatha, wie es als Tatsache dasteht, und den verschiedenen Interpretationen, die es im Laufe der Jahrhunderte erfahren hat. Denn diese Tatsache kann von jedem Zeitalter in einer neuen Weise interpretiert werden, und es wäre Unsinn, irgendeine Lehre über das Mysterium von Golgatha zu identifizieren mit dem Tatsächlichen des Mysteriums von Golgatha. Ich brauche Ihnen das nur durch einen Vergleich klarzumachen. Denken Sie sich, wir hätten einen sehr genialen Menschen. Dann wäre da ein Kind, ferner ein mittelmäßiger, alles nivellierender, etwas spießiger Mensch, eben ein Mittelmensch, und drittens ein auch zur Genialität veranlagter Mensch. Alle drei haben dasselbe vor sich: Die reale Wirklichkeit des genialen Menschen. Das Kind wird irgendeine Erklärung haben für das, was der geniale Mensch tut. Der Philister, der alles nivellieren will, wird auch eine Erklärung haben, und der ebenfalls mit genialen Eigenschaften veranlagte Mensch wird eine andere Erklärung haben. Sie haben alle drei mit derselben Wirklichkeit zu tun, ihre Erklärungen sind aber ganz verschieden, und man ist nicht berechtigt, das eine oder das andere zu identifizieren mit der tatsächlichen Wirklichkeit. Ebenso darf man nicht die Lehren des ersten Christentums identifizieren mit der Tatsächlichkeit des Christentums. Diese Lehren der ersten christlichen Jahrhunderte waren herübergekommen aus dem Orient. Man hat eigentlich gelernt, was orientalische Weisheitslehren waren, und hat diese benützt, um das Mysterium von Golgatha zu erklären. Es ist natürlich nur eine furchtbare Tyrannis, wenn die sich fortentwickelnde Kirche diese Lehren als die allein gültigen ansieht, denn sie sind nichts anderes als das, wonach ein Zeitalter nach seinen Vorbedingungen das Mysterium von Golgatha erklärt hat. Andere Zeiten können dieses Mysterium von Golgatha anders erklären. Wir müssen es geisteswissenschaftlich erklären, um den Anforderungen der Gegenwart gerecht zu werden.

[ 16 ] Was also in den Lehren über den Christus-Impuls in den ersten Jahrhunderten lebte, das finden wir — aber nicht auf das Christentum angewendet, sondern mehr oder weniger absehend vom Mysterium von Golgatha — bei den damaligen Gebildeten mehr, bei dem damaligen überwiegenden Gros der Bevölkerung natürlich sehr viel weniger, im Orient ausgebildet. Diejenigen Seelen, die da unmittelbar vor dem Verlauf und auch während des Verlaufs des Mysteriums von Golgatha gelebt haben, die also orientalische Seelen waren, die haben eine lange Zeit durchzumachen gehabt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, weil die orientalische Kultur selbst noch in Dekadenz außerordentlich komplizierte Vorstellungen an die Seelen heranbrachte.

[ 17 ] Diese Seelen, sie erscheinen namentlich in derjenigen Bevölkerung, die die Bevölkerung Amerikas wird, als Erobererbevölkerung allmählich Amerika von Europa aus überflutend. Die ganze amerikanische Kultur, die eine materialistische Nuance hat, geht im wesentlichen daraus hervor, daß da Seelen erscheinen, die eigentlich orientalische Seelen waren in der Zeit, die ich charakterisiert habe, und die nun untertauchen in Leiber so, daß ihnen diese Leiblichkeit fremd ist, daß sie sich, ich möchte sagen, mit ihren damals schon sehr in der Dekadenz befindlichen Begriffen hineinsaugen in die Leiblichkeit, daß sie die Leiblichkeit nicht verstehen, sondern sie ziemlich primitiv materialistisch nehmen, mehr oder weniger eben an dem Menschen vorbeigehen, der ihnen fremd wird dadurch, daß sie im grunde genommen nach starken Abstraktionen gestrebt haben in ihrem vorigen Erdenleben. Sie können sich nicht hineinfinden in die gegenwärtige Inkarnation, tragen aber aus ihrem vorigen Erdenleben all das herauf, was dann lebt in der von der äußeren Naturbetrachtung abgesonderten, oftmals sektiererischen Religiosität. Das lebt sogar in der Leugnung der Materie bei der Mrs. Eddy, bei den Scientisten und so weiter. Alles das, was in der äußeren Welt hervortrat, kann diese Dinge verifizieren, wenn wir es nur unbefangen genug betrachten.

[ 18 ] Sie sehen, wenn man hinzufügt, was anthroposophische Geisteswissenschaft geben kann, zu demjenigen, was nur die äußere anthropologische Betrachtungsweise liefert, dann gewinnt man ein Bild der Wirklichkeit. Aber man muß Ernst machen mit dem, was anthroposophische Geisteswissenschaft geben kann. Man darf sich nicht genügen lassen mit dem Theoretischen, das nur auseinandersetzt, daß wir eben wiederholte Erdenleben haben. Man muß die Wirklichkeit, die äußere Wirklichkeit praktisch im Sinne dieser Erkenntnis anschauen, dann können diese Erkenntnisse auch allmählich in das sozial-praktische Leben hinein ihre rechten Früchte tragen. Es wird durchaus so sein müssen, daß diejenigen Menschen, die sich an eine Weltanschauung klammern, die nur auf die äußere Naturordnung Rücksicht nimmt, die also die Menschheit dazu führt, bloß anthropologisch zu sein, bloß dasjenige in Betracht zu ziehen, was von Generation zu Generation physisch sich weitervererbt, daß solche Menschen immer mehr und mehr vor Rätseln stehen werden. Man kann sich lange Zeit Illusionen hingeben über diese Rätsel. Man kann glauben, daß man irgend etwas versteht von dem Menschheitsverlaufe; aber man gibt sich solchen Illusionen nur hin, weil man die Theorien hat, die einem eingepaukt worden sind seit der frühesten Jugend, so daß man gewissermaßen nur auf das hinschaut, nur für das Augen hat, was in der physischen Vererbungsfolge sich äußert. Aber es werden doch die Menschen nach und nach dazu kommen, sich zu sagen: Ja, aber da gibt es doch Tatsachen, die nicht hinwegzuleugnen sind, und die durchaus nicht erklärbar sind im Sinne dieser rein anthropologischen Ursächlichkeiten. — Wir müssen eben darauf Rücksicht nehmen, daß in irgendeiner Generation irgendeines Volkes der Gegenwart Seelen sind, die von ganz woanders herkommen, als etwa von den Urururgroßvätern desselben Volkes. Dem Volksegoismus mag das nicht gerade außerordentlich angenehm klingen, aber dieser Volksegoismus muß ja ohnedies schwinden, wenn die Menschheit eine entsprechende Entwickelung in die Zukunft durch machen soll. Und es muß schon darauf hingewiesen werden, daß ein großer Teil der europäischen Bevölkerung allerdings das Blut der mittelalterlichen Vorfahren fortpflanzt, aber Indianerseelen in sich trägt, daß diejenigen Seelen, die hier in Europa gelebt haben — ein großer Teil derselben zu Attilas Zeiten —, und die damals das Christentum angenommen haben, daß die uns nun in Asien drüben entgegentreten. Bis in gewisse gebildete Seelen hinein kann ja das bei unbefangener Beobachtung durchschaut werden. Allerdings, so geradlinig, so pedantisch abstrakt, wie man es heute gewohnt ist, darf man die Dinge nicht anschauen, wenn man auf Wirklichkeiten, wie sie hier gemeint sind, kommen will. Aber wenn man eben nicht seine Begriffe so abstrakt bildet, wie man es heute gewöhnt ist, sondern wenn man auf die Wirklichkeit kommen will, dann muß man von solchen Gesichtspunkten ausgehen, wie sie hier erwähnt worden sind. Dann wird man Verschiedenes herausfinden, was zwar wiederum paradox erscheint, was aber eben doch diese Wirklichkeit erklärt.

[ 19 ] Es ist zum Beispiel eigentümlich, auch in den zum Teil koketten Äußerungen des Rabindranath Tagore dieses eigentümliche Aroma wahrzunehmen. Man hat dann, ich möchte sagen, die Möglichkeit, mit geistigen Händen zu greifen die christliche Abstammung der Seele und die orientalische Abstammung des Leibes. Diese liefert die orientalisierende Koketterie. Und dasjenige, was insbesondere dem Europäer als etwas warm Wohltuendes in die Seele träufelt gerade bei Rabindranath Tagore, das ist von einer ins Christentum einstmals hineinsegelnden Seele, die nur in dieser Inkarnation nicht christlich geworden ist, weil sie in einer äußeren, nicht christlichen Zivilisation lebt.

[ 20 ] Der griechische Gedenkspruch «Erkenne dich selbst» ist eben nicht nur an den einzelnen Menschen gerichtet und vor allen Dingen nicht bloß für eine triviale Selbstschau bestimmt, sondern er ist auch an die Menschheit gerichtet. Nur findet die Menschheit seine Beobachtung in der Regel unbequem. Aber wir kommen nicht vorwärts in unserer Zivilisation, wir kommen immer mehr und mehr abwärts, wenn wir nicht endlich mit dem Apollinischen Worte «Erkenne dich selbst» auch als Menschheit Ernst machen. Es hat ja allerdings etwas Unbequemes — solche Leute wie Kurt Leese, den ich im öffentlichen Basler Vortrage erwähnt habe, würden das «ärgerlich» und «aufreizend» finden —, wenn man den Menschen nicht bloß so kennenlernen soll, wie seine Nase aussieht, wie sein Mund aussieht, wie seine Augen aussehen, sondern wenn man ihn so kennenlernen soll, wie seine Seele aussieht. Aber würde sich denn der Einzug einer geistigen Weltanschauung in die Menschheit praktisch verwirklichen, wenn wir phrasenhaft in Abstraktionen reden würden von wiederholten Erdenleben und von dem sich durch die wiederholten Erdenleben verwirklichenden Schicksal, und dann zurückschrecken würden vor der praktischen Anwendung im Leben, wenn wir doch nichts anderes vom Menschen kennenlernen wollten, als ob er blonde oder schwarze Haare hat, ob er diese oder jene Form der Augenbrauen, diese oder jene Nasenform hat und so weiter? Wollen wir damit Ernst machen, daß eine geistige Weltanschauung sich in der Welt verbreite, dann muß dasjenige, was «Kennenlernen des Menschen» heißt, auch durchdrungen sein mit geistig-seelischen Impulsen, dann müssen wir uns nicht zurückhalten lassen von der Unbequemlichkeit, auch das Seelische des Menschen, unser eigenes und das der anderen Menschen, wirklich kennenzulernen. Dann müssen wir ebenso, wie auf die Nase, auf die seelischen Eigenschaften schauen, und darauf wird gerade der Menschheitsfortschritt von der Gegenwart aus in die nächste Zukunft beruhen, daß man nicht bloß auf die äußere Form der Nase sieht, sondern daß man von Seele zu Seele Beziehungen zwischen den Menschen gerade auf Seelenerkenntnis einrichtet. Was man die soziale Frage nennt, ist etwas viel Tieferes, als sich zahlreiche Menschen heute vorstellen. Diese Soziale Frage kann im Grunde genommen gar nicht einmal von ferne berührt werden, wenn man eine Menschenbetrachtung fortsetzen will, wie ich sie Ihnen gestern am Ende der Stunde angeführt habe, wo der Mensch völlig herausfällt und man nur redet von dem Privateigentum, das er bewirtschaftet, und von den wirtschaftenden Automaten. Weil man seit dem Rückgang der instinktiven Seelenerkenntnis verlernt hat, überhaupt hinzuschauen auf den Menschen, lebt sich heute das soziale Leben in dem menschlich Äußerlichsten aus. Das aber treibt an die Oberfläche gerade die Instinkte, die wildesten Instinkte. Die Menschheit würde in ein Leben der wildesten Instinkte verfallen, wenn nicht Geistig-Seelisches unser unmittelbares Menschenleben durchzöge. Dazu ist eben notwendig, daß wir neben der äußerlichen historischen Kausalität auch dasjenige sehen, was einfach in der Wirklichkeit der Erdenmenschheit dadurch da ist in der Gegenwart, daß die Nachkommen nicht bloß ihre physischen Vorfahren darleben, sondern auch die Seelen, die als diese oder jene seelisch-geistigen Entitäten zu dieser oder jener Zeit früher auf der Erde gelebt haben. In dieser Resultierenden, die sich ergibt durch die Eigenschaften der wiederverkörperten Seelen und der physischen Merkmale, lebt sich die menschliche Zivilisationswirklichkeit der Gegenwart wahrhaftig aus.

[ 21 ] Die Reaktion, die vorläufige Reaktion gegen eine geistige Weltanschauung macht sich ja nicht nur aus der mechanisch-materialistischen Denkweise der Naturwissenschaft auf dem Gebiete theoretischer Betrachtung geltend; die geht viel tiefer. Die macht sich heute auch dadurch geltend, daß man geradezu eine Weltenordnung einrichten will, welche absieht von allem Geistig-Seelischen und nur nach dem Physisch-Anthropologischen der Generationenfolge sich richtet. Eine Karte von Europa soll entstehen rein nach den Blutszusammenhängen der Völker, rein nach chauvinistischen, nach volksegoistischen Impulsen. Das ist die praktisch-soziale Reaktion gegen das Hereinkommen einer geistig-seelischen Weltanschauung. Man möchte sagen: Indem Europa die Deklamationen des Wilsonismus annimmt, die auf die Selbstverwaltung der blutsverwandten Völker gehen, erklärt es: Wir wollen nichts wissen von seelisch-geistigen Impulsen. — Es ist eine Opposition gegen das Hereinkommen des Seelisch-Geistigen.

[ 22 ] Das ist nicht eine Kritik, das ist einfach eine Beschreibung der Tatbestände; denn, was sich da geltend macht, ist eben die praktisch-soziale, die rassenmäßige Opposition gegen das Sich-Geltendmachen des Geistig-Seelischen. Dieses Geistig-Seelische aber, indem es ergreift die Gesinnung der Menschen, wird auch das praktische Leben ergreifen. Und das ist eine dringende Notwendigkeit, das ist eine Notwendigkeit, die gar nicht schnell genug die Seelen der Gegenwartsmenschen ergreifen kann: Diejenigen, die anfangen so etwas zu verstehen, die anfangen etwas zu verstehen von der praktischen Bedeutung anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft, von dem Umwandeln der Ideen gerade dieser Geisteswissenschaft in lebendige Handlungsimpulse für den Menschen, die müßten sich alle Mühe geben, wo sie nur immer können, entgegenzuwirken demjenigen, was das bloße Anthropologische ist. Wir sehen, wie heute die Welt durch Anthropologie — natürlich in dem weitesten Sinne — in den Niedergang hineinrasselt. Sie muß durch Anthroposophie vor diesem Niedergange bewahrt werden.

[ 23 ] Es sind das tatsächlich die zwei Strömungen der Menschheitsentwickelung, die heute einen harten Kampf miteinander führen müssen, die rein anthropologische, die auch diejenige ist, die durch die politischen Maßnahmen geht, wenn auch in den verschiedensten Formen, und die anthroposophische, die heute noch verpönt wird. Man sieht ja überall, wie der heutige Mensch sich erst nach und nach wird dazu entwickeln müssen, die starke innere Initiative zu gewinnen, durch die er sich aufgerufen fühlt zu einer Entscheidung nach der einen oder nach der anderen Seite hin. Das darf nicht bloß, ich möchte sagen, im Theorienkämmerlein, im Weltanschauungskämmerlein abgemacht werden, das muß durchaus bei der praktischen Weltbetrachtung seine Anwendung finden. Und da wird es ja insbesondere demjenigen übelgenommen, der nun wirklich nicht stehenbleibt als anthroposophischer Weltenbetrachter in einer gewissen Höhe, sondern der die Bedeutung des Geistigen gerade darin sieht, daß der Geist die Materie beherrschen lernt, untertauchen lernt in die Materie, so daß auch das alltägliche Leben von demselben Gesichtspunkte aus betrachtet wird. Ein wirkliches Erwachen der Menschheit — ich habe es oftmals gesagt — ist nötig, ein solches Erwachen, daß der Mensch den Mut innerlich in sich entwickelt, zu Entscheidungen zu kommen. Das ist der heutigen Menschheit notwendig.

[ 24 ] In dieser Beziehung stecken allerdings in den Untergründen der heutigen sogenannten zivilisierten Menschheit recht, recht bedrückende Impulse. Wir haben reichlich Gelegenheit in der gegenwärtigen Zeit, zu sehen, wie zunächst noch alles zurückgewiesen wird, was vom Menschen fordert, daß er innerlich sich für irgend etwas entscheidet. Man braucht ja nicht ins Parteimäßige zu verfallen, wenn man ins alltägliche Leben einführt, was eben auch ins alltägliche Leben eingeführt werden muß, denn das wird die Signatur der Entwickelung in die Zukunft hinein sein, daß man auch dasjenige, was man unmittelbar vor sich hat, von einem höheren Gesichtspunkte aus betrachten kann.

[ 25 ] Haben wir nicht eigentlich jetzt wiederum ein Ereignis gesehen, welches im Grunde genommen recht gründlich hineinleuchtet in den Schlafcharakter der gegenwärtigen Seelen? Ich habe mich ja nicht geniert, seit vielen Jahren hinzuweisen darauf, wie die Liebe für das Abstrakte einen großen Teil der Menschheit zu Wilsonianern gemacht hat, und ich habe charakterisiert, was das eigentlich in der Gegenwart bedeutet. Nun, wir haben ja neuestens, wenn auch nur bei einem kleineren Volke, das aber auch gewissermaßen zur Zivilisation gehört, erlebt, daß es Entscheidungen hätte treffen sollen. Es stand gegenüber einem vielleicht in vieler Beziehung problematischen Charakter, der aber dieses Volk genötigt hätte, aufzuwachen in einer gewissen Weise. Und wir haben es erlebt, daß, ich möchte sagen, auch wie durch ein reales Paradoxon diese Persönlichkeit eliminiert worden ist und das Volk sich entschlossen hat, eine Null, einen Menschen, der sich reichlich als Null erwiesen hat, wiederum an ihre Spitze zu rufen.

[ 26 ] Diese Dinge berühren allerdings das Alltäglichste, aber das ist es gerade, was einem heute so nahe geht, daß man diese Dinge nicht als Symptome ins Auge faßt, daß man kalten Herzens über diese Dinge hinweggeht und nicht sieht, was für Niedergangssymptome sie in der Menschheit sind, und wie es notwendig ist, daß die Kräfte aufgerufen werden, damit die Menschheit in den Seelen zum Wachen kommt. Es wäre schon notwendig, daß mit größerer innerer Lebendigkeit die gebildete Menschheit heute auch die äußeren Zeitereignisse verfolgte und Anteil nähme an dem, was sich innerlich abspielt.

[ 27 ] Man ist wahrhaftig nicht dadurch ein großer Geist, daß man an dem, was so tief symptomatisch zeigt, wohin die Ereignisse laufen, gleichgültig vorbeigeht, denn an den äußeren Ereignissen zeigt sich, was innerlich wirkt. Wie oft habe ich darauf hingewiesen, wie die ahrimanischen Kräfte gegenwärtig durch die Menschheit gehen. Dieses Gehen der ahrimanischen Kräfte durch die Menschheit, man kann es äußerlich sehen, wenn man nur unbefangen ist. Aber wie soll denn die Wahrheit durchdringen, wenn man an den historischen Ereignissen, die gerade die Wahrheit äußerlich verifizieren können, gleichgültig, schläfrig vorbeigeht und von ihnen Notiz nimmt, wie die Menschheit eben heute gewöhnt ist, von diesen Dingen Notiz zu nehmen. Geisteswissenschaft will gewiß nicht parteimäßig werden; aber Geisteswissenschaft muß Lebenswirklichkeit in sich tragen. Heute muß gesehen werden, wie die Welt starke ahrimanische Kräfte in Opposition aufstellt gegen alles, was den Geist betont. Aber es muß sich in diesen Tagen die natürlich Jahre umfassen — entscheiden, ob die Väter recht gehabt haben, die 869 am achten allgemeinen ökumenischen Konzil den Geist abgeschafft haben, ob es dabei bleiben soll, oder ob der Geist wiederum eingeführt werden soll in die Entwickelung der Menschheit. Das aber wird nicht durch bloße theoretische Betrachtungen in der Menschheit lebendig werden können, sondern allein dadurch, daß es Lebenspraxis wird.