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The Rudolf Steiner Archive

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The Bridge Between the Spiritual and
Physical Realms of Human Beings
GA 202

12 December 1920, Dornach

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Achter Vortrag

Eighth Lecture

[ 1 ] Es obliegt mir in diesen Betrachtungen, die ja nächsten Freitag fortgesetzt werden, ein möglichst umfassendes Bild zu geben auf der einen Seite von dem Zusammenhang des Menschen mit dem ganzen Universum, mit dem Kosmos, sowohl mit dem physischen wie mit dem geistigen Kosmos, und auf der anderen Seite zu zeigen, wie man allmählich durch eine geisteswissenschaftliche Betrachtung zu einer wirklichen Brücke kommen kann zwischen dem, was man Naturordnung nennt und dem, was man geistig-moralische Weltordnung nennen kann. Ich möchte heute gewissermaßen ein Intermezzo geben, das zeigen soll, wie in bezug auf die Menschheit selber das Geistige verbunden werden muß mit dem Physischen, wenn es zu einer Totalbetrachtung auch der menschheitlichen Entwickelung kommen soll. Denn dasjenige, was eben verhindert, in der universellen Weltbetrachtung die Brücke zu bauen zwischen dem Physischen und dem Geistigen, das verhindert auch für die traditionelle Weltanschauung in ihren verschiedenen Formen, zu einer Totalauffassung dessen zu kommen, was in der Menschheitsentwickelung wirksam ist. Wir können ja Geisteswissenschaft nicht so nehmen, daß sie eine abstrakte Theorie ist, eine Summe von Vorstellungen nur ist, welche aufklären soll über die Frage des Ewigen im Menschen, über die Frage der wiederholten Erdenleben eben in abstrakter Form. So können wir Geisteswissenschaft nicht aufnehmen. Wir würden sie mißverstehen, wenn wir sie so nehmen würden. Wir müssen uns Geisteswissenschaft durchaus als das Leben durchdringend vorstellen, und wir müssen dazu kommen, dasjenige, was ja allerdings auch auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft in einer gewissen abstrakten Form, in einer theoretischen Manier gegeben werden muß, ganz konkret im Leben anzuwenden. Und davon will ich Ihnen zunächst ein Beispiel geben, das allerdings hergenommen ist aus wirklichen geisteswissenschaftlichen Untersuchungen, über die man eigentlich zunächst nur referieren kann, die aber am Leben selber verifiziert werden können.

[ 1 ] In these reflections—which will continue next Friday—it is my task to provide, on the one hand, as comprehensive a picture as possible of the connection between human beings and the entire universe, the cosmos—both the physical and the spiritual cosmos— and, on the other hand, to show how, through a spiritual-scientific perspective, one can gradually build a true bridge between what is called the natural order and what might be called the spiritual-moral world order. Today I would like to offer, so to speak, an interlude intended to show how, with regard to humanity itself, the spiritual must be connected with the physical if we are to arrive at a holistic view of human development as well. For whatever prevents us from building a bridge between the physical and the spiritual in a universal view of the world also prevents the traditional worldview, in its various forms, from arriving at a comprehensive understanding of what is at work in human development. After all, we cannot regard spiritual science as merely an abstract theory, a mere sum of ideas intended to shed light on the question of the eternal in the human being or on the question of repeated earthly lives—all in abstract form. We cannot approach spiritual science in this way. We would misunderstand it if we took it that way. We must conceive of spiritual science as something that permeates life, and we must learn to apply in a very concrete way in life that which, admittedly, must also be presented in the field of spiritual science in a certain abstract form, in a theoretical manner. And I would like to give you an example of this right away—one that is, admittedly, taken from actual spiritual scientific research, which one can initially only discuss, but which can be verified in life itself.

[ 2 ] Der Vorgang würde der sein: Dem Geistesforscher ergeben sich gewisse Zusammenhänge. Er spricht diese Zusammenhänge aus. Er wendet sie auf das Leben an. Das Leben in seinem Verlaufe kann von jedem Menschen äußerlich betrachtet werden. Einer unbefangenen Betrachtung des Lebens bewahrheitet sich dann, was der Geistesforscher aus seinen schauenden Betrachtungen gibt. So etwa wird es sich verhalten müssen mit einem solchen Beispiel geisteswissenschaftlicher Betrachtung, wie ich es Ihnen heute referierend darstellen will.

[ 2 ] The process would be as follows: Certain connections become apparent to the spiritual researcher. He articulates these connections. He applies them to life. The course of life can be observed externally by anyone. An unbiased observation of life then confirms what the spiritual researcher conveys from his intuitive insights. This is roughly how it will be with an example of spiritual scientific observation such as the one I intend to present to you today.

[ 3 ] Man findet heute eine geschichtliche Betrachtungsweise, die eigentlich schon sehr stark beeinflußt ist von dem, was man naturwissenschaftliche Denkweise nennen kann. Die Geschichtsbetrachtung hat allmählich in einer gewissen Weise kapituliert vor der naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise, und man denkt sich auch das geschichtliche Werden der Menschheit so, daß man Wirkungen aufsucht, diese auf Ursachen zurückführt und dann einen gewissen Kausalzusammenhang des geschichtlichen Lebens dem Kausalzusammenhang im Naturgeschehen nachbildet. Wenn auch erst vereinzelte historische Betrachter in dieser Beziehung radikal sind, so ist immerhin die Tendenz vorhanden, die Geschichte, allmählich wenigstens, einer der naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise ähnlichen Methodik zuzuführen.

[ 3 ] Today, we find a historical perspective that is, in fact, already very strongly influenced by what might be called a scientific way of thinking. The study of history has, in a certain sense, gradually capitulated to the scientific approach, and people now conceive of the historical development of humanity in such a way that they seek out effects, trace them back to causes, and then model a certain causal relationship in historical life after the causal relationships found in natural phenomena. Even if only a few historians are radical in this regard, the tendency nevertheless exists to subject history—at least gradually—to a methodology similar to that of the natural sciences.

[ 4 ] Insbesondere dann, wenn man das alltägliche Leben in seinem Werden betrachtet und den einzelnen Menschen hineinstellt in dieses Werden der Menschheit von Generation zu Generation, kommt man immer mehr und mehr dazu, die Dinge bloß äußerlich, ich möchte sagen, am Faden naturwissenschaftlicher Notwendigkeit zu betrachten. Wie ist es für viele Menschen heute etwas Bedrückendes, aber doch wieder ihnen notwendig Erscheinendes, Eigenschaften, die der Mensch an sich trägt, zurückzuführen auf die physische Vererbung. Wir reden alle Augenblicke davon, daß der Mensch diese oder jene mehr oder weniger äußere oder innerliche, physische oder seelische Merkmale einfach von seinen Vorfahren vererbt hat, und wir übertragen auch das, was wir uns so im alltäglichen Leben bilden, auf das Geschichtliche. Wir dehnen es aus auf das Geschichtliche. Wir blicken gewissermaßen darauf hin, wie wir selbst innerhalb der gegenwärtigen Generation leben, wie diese abstammt von den vorhergehenden, diese wieder von den vorhergehenden und so weiter. Und man gewöhnt sich daran, das geschichtliche Werden so zu betrachten, daß man eigentlich die Generationenfolge betrachtet.

[ 4 ] Especially when one considers everyday life in its unfolding and places the individual human being within this unfolding of humanity from generation to generation, one is increasingly led to view things merely from the outside—I would say, through the lens of scientific necessity. For many people today, it is somewhat distressing—yet at the same time seems necessary to them—to attribute the characteristics that human beings possess to physical heredity. We speak constantly of how human beings have simply inherited this or that—whether more or less external or internal, physical or psychological—from their ancestors, and we also project what we form in this way in everyday life onto history. We extend it to history. In a sense, we look at how we ourselves live within the present generation, how this generation descends from the preceding ones, which in turn descended from the ones before them, and so on. And one becomes accustomed to viewing historical development in such a way that one is actually observing the succession of generations.

[ 5 ] Nehmen wir irgendein Stück der Erde, nehmen wir Mitteleuropa. Man betrachtet es so, daß man die Eigenschaften der mitteleuropäischen Menschen in den letzten Jahrzehnten betrachtet. Man geht dann zurück zu den früheren Jahrzehnten und versucht womöglich in Anlehnung an das, was man gewöhnt ist in der sinngemäßen Betrachtung, sagen wir die Eigenschaften der heutigen Deutschen, die Eigenschaften der heutigen Franzosen, zurückzuführen auf die Eigenschaften der Deutschen im 18. Jahrhundert, der Franzosen im 18. Jahrhundert und so weiter. Man betrachtet gewissermaßen in geradliniger Strömung die Entwickelung der Menschheit, und man ist befriedigt. Naturwissenschafter würden sagen: Das Kausalitätsbedürfnis ist befriedigt, wenn man dasjenige, was sich als seelisch-geistige Qualitäten bei einer bestimmten Menschenart der Gegenwart findet, zurückführen kann auf geistig-seelische Qualitäten früherer Generationen desselben Volkes, derselben Rasse und so weiter, wenn man also einen gewissen Ursachenzusammenhang im geradlinigen Zeitenverlauf herstellen kann.

[ 5 ] Let’s take any part of the world—let’s take Central Europe. One approaches this by examining the characteristics of Central Europeans over the past few decades. We then go back to earlier decades and, perhaps drawing on what we are accustomed to in such analyses, try to trace—let’s say—the characteristics of today’s Germans and the characteristics of today’s French back to the characteristics of the Germans in the 18th century, the French in the 18th century, and so on. In a sense, one views the development of humanity as a linear progression, and one is satisfied. Natural scientists would say: The need for causality is satisfied when one can trace what are found to be psychological and spiritual qualities in a particular human group of the present back to the psychological and spiritual qualities of earlier generations of the same people, the same race, and so on—that is, when one can establish a certain causal connection in a linear progression of time.

[ 6 ] Wie sollte denn auch eine Weltanschauung wie diejenige, die sich in dem Lauf der letzten drei bis vier Jahrhunderte und schon länger herausgebildet hat und die, selbst wenn sie noch so religiös-spiritualistisch ist, doch, sobald sie vom Abstrakten loskommt, praktisch das seelisch-geistige Leben eng an das physische gebunden fühlt, wie sollte denn eine solche Betrachtungsweise hinauskommen über dieses bloße Verfolgen der Generationenreihe, der Generationenentwickelung! Aber hier ist es gerade, wo Ernst gemacht werden muß mit dem, was uns die anthroposophischen Erkenntnisse geben. Von diesem Gesichtspunkte aus müssen wir ja nicht bloß hinblicken auf den Menschen oder auf eine Anzahl von Menschen der Gegenwart, insofern dieser Mensch oder diese Menschen die von den unmittelbar vorangehenden Generationen vererbten Merkmale haben, sondern wir müssen uns praktisch klar sein darüber, daß in jedem einzelnen Menschen ein Seelisch-Geistiges vorhanden ist, das ja eine lange Zeit in der geistig-seelischen Welt durchlebt hat, bevor es in diesen physischen Leib hereingekommen ist. So daß, wenn wir einen gegenwärtigen Menschen vor uns haben, wir uns sagen müssen: Wir sehen ihn leiblich an; da trägt er allerdings die vererbten Merkmale, von den früheren Generationen herrührend. Aber wir sehen ihn auch geistig-seelisch an. Da trägt er in sich eine Seele, die ja zunächst gar nichts zu tun hat mit den unmittelbar vorangehenden Generationen, die auch mit weiter zurückliegenden Generationen nicht viel zu tun hat, die in einer sehr viel früheren Zeit als die jetzige hier auf der Erde war, die also, während eine ganze Reihe von Generationen sich entwickelt hat, gar nicht im unmittelbaren Zusammenhange mit der Erdenentwickelung gestanden hat, die, während diese Generationen abgelaufen sind, in der geistig-seelischen Welt war. Es ist ja einmal eine Einseitigkeit, den Menschen nur nach den in der Generationenfolge vererbten Merkmalen zu betrachten. Es ist ja schließlich auch nur eine Illusion, wenn man den Menschen oder das geschichtliche Werden so betrachtet. Man redet sich eigentlich nur ein, daß man die Dinge verstünde; man versteht sie in Wirklichkeit gar nicht. Man theoretisiert darüber, das oder jenes, was die Menschen in der Gegenwart machen, wie sie sich darleben, das rühre von den oder jenen vererbten Qualitäten her. Aber würde man unbefangen genug sein dazu, so würde man an unzähligen Stellen, ja überall sich sagen müssen: Was man da annimmt als von Generation zu Generation sich fortentwickelnde physische Qualitäten, das erklärt irgendeine Lage der Gegenwart durchaus nicht, weder beim einzelnen Menschen, noch bei irgendeinem volks- oder rassenmäßigen Zusammenhang der Menschen. Wenn man zur Wirklichkeit kommen will, wenn man nicht in dieser Abstraktion stehenbleiben will, die, wenn sie auch materialistisch ist, dennoch nur eine Abstraktion ist — eben eine materialistische Abstraktion —, dann muß man Rücksicht darauf nehmen, wie dasjenige, was sich in der Gegenwart darlebt, neben dem, was in der Blutsströmung zurückliegt, sich erklärt aus dem, was in den Kräften der Seelen liegt, die eine lange Zeit hindurch in der geistigen Welt gelebt haben, bevor sie zur Wiederverkörperung in diese Leiber heruntergestiegen sind.

[ 6 ] How, after all, could a worldview such as the one that has taken shape over the course of the last three to four centuries—and even longer—and which, no matter how religious and spiritual it may be, nevertheless, as soon as it moves away from the abstract, feels that spiritual-soul life is closely bound to the physical—how could such a perspective go beyond this mere tracing of the succession of generations and their development! But this is precisely where we must take seriously what anthroposophical insights offer us. From this perspective, we must not merely look at a single person or a group of people of the present, insofar as this person or these people possess the characteristics inherited from the immediately preceding generations; rather, we must be practically clear about the fact that within every single human being there exists a soul-spiritual essence that has, after all, lived through a long period in the spiritual-soul world before entering this physical body. So that when we have a contemporary human being before us, we must say to ourselves: We look at them physically; there, they certainly bear the inherited characteristics stemming from earlier generations. But we also look at them in terms of their soul and spirit. There, they carry within them a soul that, at first, has nothing to do with the immediately preceding generations, that also has little to do with generations further back—a soul that was here on Earth at a time much earlier than the present one, and which, while a whole series of generations was developing, was not at all in direct connection with Earth’s evolution; it existed in the spiritual-soul world while those generations were passing. It is, after all, a one-sided view to regard human beings solely in terms of the characteristics inherited through the succession of generations. Ultimately, it is merely an illusion to view human beings or historical development in this way. In reality, one merely convinces oneself that one understands these things; in truth, one does not understand them at all. One theorizes that this or that—what people do in the present, how they conduct themselves—stems from these or those inherited qualities. But if one were open-minded enough, one would have to admit in countless instances—indeed, everywhere—that what is assumed to be physical qualities evolving from generation to generation does not in the least explain any present-day situation, neither in the case of the individual human being nor in any ethnic or racial context. If one wishes to arrive at reality, if one does not wish to remain stuck in this abstraction—which, though materialistic, is nonetheless merely an abstraction—namely, a materialistic abstraction— then one must take into account how what is manifesting in the present, alongside what lies in the bloodline, can be explained by the forces of the souls that lived in the spiritual world for a long time before descending into these bodies for reincarnation.

[ 7 ] Nun habe ich in bezug auf diese Dinge ja im Laufe der Jahre schon Andeutungen gemacht. Ich habe Andeutungen gemacht, wie in unserer Zeit, insbesondere in der Zeit, die vor den katastrophalen Ereignissen gelegen hat, namentlich die europäische Bevölkerung mit Menschen durchmischt worden ist, die Seelen in sich tragen aus den ersten christlichen Jahrhunderten. Die Welt ist jedoch kompliziert, und indem man solche Angaben macht, trifft man eigentlich immer nur ein Partielles. Solche Angaben müssen immer wieder erweitert werden, damit man allmählich einer totalen Ansicht näher rückt. Das darf durchaus nicht so aufgefaßt werden, als wenn irgend etwas Früheres, was gesagt worden ist und was durchaus richtig ist, sich aber eben auf eine Anzahl von Menschen bezieht, korrigiert werden sollte; sondern zur Ergänzung soll das Folgende gesagt werden.

[ 7 ] Well, I have, of course, made some references to these matters over the years. I have hinted at how, in our time—especially in the period preceding the catastrophic events—the European population, in particular, has been intermingled with people who carry within them souls from the early Christian centuries. The world, however, is complex, and when one makes such statements, one is actually always capturing only a partial picture. Such statements must be continually expanded so that one gradually approaches a comprehensive view. This should by no means be taken to mean that anything said earlier—which is certainly correct but refers only to a certain group of people—needs to be corrected; rather, the following should be added by way of supplement.

[ 8 ] Es ist ein verhältnismäßig nicht allzugroßer Teil der mitteleuropäischen Bevölkerung, welcher unmittelbar Seelen birgt, die in diesen ersten christlichen Jahrhunderten, so wie wir uns diese ersten christlichen Jahrhunderte nach der landläufigen Geschichte vorstellen, gelebt haben. Die Dinge sind viel komplizierter. Da zeigt sich der geisteswissenschaftlichen Forschung etwas, was in mancher Beziehung paradox erscheinen wird; aber es ist schon einmal so, daß die Dinge, die für die geisteswissenschaftliche Forschung erscheinen sollen, eben nur aus der wirklichen Anschauung, aus der wirklichen übersinnlichen Erfahrung gewonnen werden müssen, und daß man in der Regel Irrtum auf Irrtum häuft, wenn man bloß spekuliert, wenn man sich bloß philosophischen oder sonstigen Spekulationen über die Dinge hingibt. Die Erfahrungstatsachen sprechen dann immer anders, und das ist ja gerade etwas, was der Geistesforscher so intensiv empfindet: daß er selber von seinen Resultaten eigentlich überrascht wird. Er erwartet zunächst durchaus nicht, daß dies oder jenes herauskommt, sondern er wird überrascht von seinen Resultaten.

[ 8 ] It is a relatively small portion of the Central European population that directly embodies souls who lived during those early Christian centuries—as we imagine them based on conventional history. Things are much more complicated. Here, something emerges for spiritual scientific research that will seem paradoxical in some respects; but the fact is that the insights intended for spiritual scientific research must be derived solely from true intuition, from genuine supersensible experience, and that one generally piles error upon error when one merely speculates, when one merely indulges in philosophical or other speculations about these matters. The facts of experience always tell a different story, and this is precisely what the researcher in the humanities feels so intensely: that he is actually surprised by his own results. At first, he does not expect this or that to emerge at all, but is surprised by his results.

[ 9 ] Um Ihnen einige von solchen Resultaten vorzuführen, möchte ich Ihren Seelenblick hinlenken auf diejenige Bevölkerung, welche in Amerika war in den Zeiten, als die Europäer die Eroberung Amerikas begonnen und dann immer fortgesetzt haben. Sie wissen, es war eine Bevölkerung, die man von dem zivilisierten Standpunkte Europas aus als eine wilde Bevölkerung bezeichnete. Aber eine solche wilde Bevölkerung, wie sie in Amerika war, die indianische, ist zwar wild in bezug — auf das, was in den letzten Jahrhunderten innerhalb der europäischen Welt als Zivilisation bezeichnet worden ist, aber es lebt doch in ihr in bezug auf andere Seelenkräfte, die nicht der Intellekt sind, zuweilen etwas, was sich der sogenannte zivilisiertere Mensch wohl zurückwünschen könnte. Vor allen Dingen lebte in der indianischen Bevölkerung eine Anschauung von den geistigen Mächten der Welt, welche eigentlich, wenn man näher auf sie eingehen kann, etwas Imponierendes hat. Diese Bevölkerung verehrte einen Großen Geist. Es war allerdings bei der Eroberung die Sache schon in der Dekadenz, aber diese dekadenten Erscheinungen weisen zurück auf die Verehrung eines Großen Geistes, der alles durchflutet, durchwebt, der in den einzelnen elementarischen Geistern seine Unterkräfte hat.

[ 9 ] To illustrate some of these results, I would like to direct your spiritual gaze toward the people who lived in America during the time when Europeans began—and then continued—their conquest of the continent. As you know, from the civilized European perspective, these people were considered “savage.” But such a “savage” population as existed in America—the Native Americans—is indeed “savage” in relation to what has been called “civilization” within the European world over the past few centuries; yet, in terms of other spiritual powers—those beyond the intellect—there lives within them something that the so-called more “civilized” person might well wish to reclaim for themselves. Above all, the Native American people held a view of the spiritual powers of the world which, when examined more closely, is actually quite impressive. This people worshipped a Great Spirit. Admittedly, by the time of the conquest, the tradition was already in decline, but these decadent manifestations point back to the veneration of a Great Spirit that permeates and interweaves everything, and whose subordinate forces are found in the individual elemental spirits.

[ 10 ] Mit diesen, ich möchte sagen, religiös-pantheistischen Vorstellungen lebte diese amerikanische Bevölkerung. Vor allen Dingen aber müssen wir festhalten: Diese amerikanische Bevölkerung hatte im äußeren Sinne nichts mitgemacht von dem, was die europäischen Bevölkerungen mitgemacht hatten im Laufe der sogenannten christlichen Entwickelung. Was das Christentum der europäischen Bevölkerung gebracht hat, das haben die Generationen dieser amerikanischen indianischen Bevölkerung nicht mitgemacht. Die ganze Seelenkonstitution dieser Bevölkerung war so, daß sie intensiv pantheistische Gefühle entwickelte und aus Impulsen heraus, die mit diesen Gefühlen zusammenhingen, handelten auch diese Menschen. Aber es entwickelten sich diese Seelen so, daß sie verhältnismäßig nur kurze Zeit zubringen konnten zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Keiner langen Zeitdauer bedurfte dasjenige, was zwar intensiv, aber ungeheuer einfach, elementar diese Seelen durchlebten zur Verarbeitung in der geistigen Welt. So sind nicht nur die Seelen der indianischen Bevölkerung, wie sie gelebt haben zur Zeit der ersten Eroberungen des Westen — diese fast alle —, sondern auch spätere Seelen jetzt schon wiedergekommen, und zwar im wesentlichen in der westeuropäischen Bevölkerung.

[ 10 ] This Native American population lived according to these—I would say—religious-pantheistic concepts. Above all, however, we must note: In an external sense, this Native American population had not experienced any of what the European populations had experienced in the course of so-called Christian development. What Christianity brought to the European population, the generations of this Native American population did not experience. The entire spiritual constitution of this population was such that they developed intense pantheistic feelings, and these people also acted on impulses connected with these feelings. But these souls developed in such a way that they could spend only a relatively short time between death and a new birth. What these souls experienced—though intensely, yet immensely simple and elemental—required no long period of time to be processed in the spiritual world. Thus, not only the souls of the Native American population—as they lived at the time of the first conquests of the West (almost all of them)—but also later souls have already returned, primarily among the population of Western Europe.

[ 11 ] Wir können also die Generationenfolgen betrachten von der jetzigen Zeit ab bis ins Mittelalter zurückgehend; da bekommen wir die physisch vererbten Merkmale. Aber wenn wir das als die volle Wirklichkeit betrachten, wiegen wir uns in Illusionen. Wir haben ein Abstraktum, wenn wir die gegenwärtigen Westvölker Europas bis sehr weit herein in das Mitteleuropäische und, immer wiederum alles durchsetzend, sogar bis nach Osteuropa hinüber, nur so betrachten, daß wir sagen: Diese Nationen haben ihre Merkmale von den vorhergehenden Generationen und so weiter. Das ist eben nicht allein der Fall, sondern es sind in diese Leiber, die das Blut der Vorfahren in sich tragen, namentlich in das Gros der Bevölkerung eingezogen die westlichen Seelen; Seelen also, welche durch ihre innere Entwickelung noch nichts von dem christlichen Impuls hatten, die im wesentlichen eine Art pantheistischen Impulses in sich trugen. Durch die Erziehung in den ersten Wochen schon, die sie in ihrer Umgebung verbrachten — denn gerade die äußere Kultur, die äußere Zivilisation pflanzt sich in geradliniger Weise von Generation zu Generation fort, nicht aber die inneren Impulse der Seele —, nahmen diese Menschen von außen her das Christentum an; von außen her wurden sie geformt zu dem, als was sie uns heute oftmals einzig und allein erscheinen. Wer aber unbefangen ist und auf die Menschen hinsieht, wer sie betrachtet so, daß er mit seinem Blick sie wirklich charakterologisch durchdringt, der sieht in ihnen pulsieren, was mit den Seelen in sie herübergekommen ist.

[ 11 ] We can thus trace the succession of generations from the present day back to the Middle Ages; there we find the physically inherited characteristics. But if we regard this as the whole truth, we are deluding ourselves. We are dealing with an abstraction if we view the present-day Western peoples of Europe—extending very far into Central Europe and, permeating everything once again, even reaching over into Eastern Europe—merely by saying: These nations have inherited their characteristics from previous generations, and so on. That is not the whole story, however; for into these bodies, which carry the blood of their ancestors—particularly among the majority of the population—Western souls have entered; souls, that is, which, through their inner development, had not yet been touched by the Christian impulse, but essentially carried within themselves a kind of pantheistic impulse. Already through the upbringing they received during the first few weeks they spent in their environment—for it is precisely the external culture, the external civilization, that is passed down in a linear fashion from generation to generation, whereas the inner impulses of the soul are not—these people adopted Christianity from the outside; they were shaped from the outside into what often appears to us today as their sole and only reality. But anyone who is unbiased and looks at these people—who observes them in such a way that his gaze truly penetrates their character—will see pulsating within them what has come over to them with their souls.

[ 12 ] Ich sagte, die Dinge, die die geisteswissenschaftliche Forschung ergibt, sind vielfach paradox. Ausspekulieren kann man diese Dinge nicht. Sie müssen erfahrungsgemäß durch die Ihnen oftmals geschilderten und auch in der Literatur niedergelegten Methoden zustande kommen. Aber wer sie dann äußerlich verifiziert, der wird finden, wie die äußere Welt erklärlich wird dadurch, daß man solche Erkenntnisse zugrunde legt.

[ 12 ] I said that the findings of spiritual scientific research are often paradoxical. These things cannot be deduced through speculation alone. They must be arrived at through experience, using the methods that have often been described to you and are also set forth in the literature. But anyone who then verifies them externally will find that the external world becomes explicable when such insights are taken as a basis.

[ 13 ] Wir finden Menschen, welche zu der Zeit, die man in der Geschichte gewöhnlich die Zeit der Völkerwanderung nennt, in Europa gelebt haben und ausgewandert sind. Die Seelen dieser Bevölkerungen waren denen ähnlich, die das sich vom Süden nach dem Norden ausbreitende Christentum angenommen haben, Seelen also, die äußerlich in die Christianisierung hineinwuchsen. Diese Seelen, die das Christentum so angenommen haben, wie es in den ersten Jahrhunderten in Europa gelebt hat — und das ist sehr verschieden von dem, wie das Christentum heute lebt —, verkörperten sich nicht etwa wiederum in einer mitteleuropäischen Bevölkerung. Es waren Seelen, die allerdings länger brauchten, um von dem Tode zu einer neuen Geburt zu leben als die amerikanischen Indianerseelen; aber wir haben es ja dafür auch mit Seelen zu tun, die ihr physisches Dasein früher hier durchgemacht haben als jene anderen, die wir als die letzten Indianerseelen, eben die Indianerseelen zur Zeit der Eroberungen, betrachteten. So weit gehen wir dabei zurück. Was das Schicksal der früheren Indianerseelen war, das wollen wir dabei nicht berühren. Diejenigen Seelen aber, die in den ersten christlichen Jahrhunderten in Europa verkörpert waren, die dabei waren, als das Christentum sich kulturell ausgebreitet hat vom Süden nach Norden, die verkörperten sich jetzt mehr nach Asien hinüber. Es zeigt sich das, was ich jetzt beschreibe, besonders deutlich in den Zeiten, in denen die furchtbare Katastrophe des zweiten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts herangenaht ist. Und von ganz besonderer Bedeutung erscheint es der Betrachtungsweise unserer gegenwärtigen Erdenzivilisation, wenn wir sehen, daß namentlich im Japanervolke solche Seelen verkörpert sind; Seelen also, die die besondere Art der Christianisierung in Europa einmal durchgemacht haben, die aber jetzt von Kindheit auf keinen Laut vom Christentum hören, die nur aus dem Unterbewußten heraus eine gewisse Nuancierung des dekadenten Asiatentums durch die damaligen christlichen Impulse in sich tragen, die auch all das heute in sich tragen, was gegen das heutige Europa sich wendet. Es ist ja im wesentlichen ein Ergebnis der ganz in die Dekadenz verfallenen orientalischen Weisheit — die einstmals eine so große war, wie ich es Ihnen geschildert habe — im Zusammenklingen mit den ersten primitiven christlichen Impulsen, wie sie eben entstanden, als in Europa sich das Christentum vom Süden nach dem Norden unter den barbarischen Völkerschaften ausbreitete. So war es im wesentlichen in bezug auf das Gros der Bevölkerung. Allerdings kompliziert sich die Sache dadurch, daß in diese so entstandene Bevölkerung — die Seelen der amerikanischen Urbevölkerung sowie der mitteleuropäischen Bevölkerung zogen beide ostwärts — sich hineinmischten viele einzelne Leiber, die bewohnt wurden von Seelen, die in den ersten christlichen Jahrhunderten mehr südwärts lebten. Die sind nun auch mitten drinnen in der Bevölkerung, die auf diese Weise entstanden ist, wie ich es jetzt beschrieben habe.

[ 13 ] We find people who lived in Europe during the period commonly referred to in history as the Migration Period and who migrated from there. The souls of these peoples were similar to those who embraced Christianity as it spread from the south to the north—souls, in other words, who outwardly grew into the Christian faith. These souls, who embraced Christianity as it was lived in Europe during the first centuries—and this is very different from how Christianity is lived today—did not, however, reincarnate into a Central European population. These were souls who, admittedly, took longer to pass from death to a new birth than the souls of the American Indians; but we are, after all, dealing with souls who had lived out their physical existence here earlier than those others whom we regarded as the last Indian souls—namely, the Indian souls at the time of the conquests. That is how far back we go. We do not wish to address here what the fate of the earlier Native American souls was. But those souls that were incarnated in Europe during the first Christian centuries—who were present as Christianity spread culturally from south to north—are now incarnating more toward Asia. What I am now describing becomes particularly evident in the times leading up to the terrible catastrophe of the second decade of the 20th century. And it seems of very special significance for our understanding of our present-day earthly civilization when we see that such souls are incarnated, notably, among the Japanese people; souls, that is, who once underwent the particular form of Christianization in Europe, but who now hear not a word of Christianity from childhood onward; who carry within themselves, arising solely from the subconscious, a certain nuance of decadent Asianism shaped by the Christian impulses of that time; and who also carry within themselves today everything that is now turning against contemporary Europe. It is, in essence, a result of Oriental wisdom—which had once been so great, as I have described to you—having fallen entirely into decadence, in harmony with the earliest primitive Christian impulses, just as they arose when Christianity spread in Europe from the south to the north among the barbarian peoples. This was essentially the case with regard to the bulk of the population. However, the matter is complicated by the fact that into this population thus formed—the souls of the Native American peoples as well as those of the Central European peoples both moved eastward—many individual bodies were intermingled, inhabited by souls who, in the early Christian centuries, lived further south. They, too, are now found right in the midst of the population that came into being in the manner I have just described.

[ 14 ] Dann haben wir, wenn wir die gegenwärtige Zivilisation betrachten, es zu tun mit einer großen Anzahl von Seelen, welche gerade in den Jahrhunderten, die der Begründung des Christentums vorangegangen sind, in Asien, in Vorderasien, oder überhaupt über das ganze Asien hin gelebt haben. Es war das natürlich schon nicht mehr die große Blütezeit orientalischer Weisheitskultur, aber es war diejenige Zeit, aus der sich herausgebildet haben die Begriffe, die Ideen, mit denen das Mysterium von Golgatha dann verstanden worden ist. Ich rede also jetzt von Seelen, die dem Mysterium von Golgatha ferne standen, die aber eine gewisse Weisheitskultur hatten, die sich dann nach dem Westen herüber verpflanzte, und von welcher das Mysterium von Golgatha zunächst aus dem Griechentum, aus dem Römertum heraus verstanden worden ist.

[ 14 ] When we consider present-day civilization, we are dealing with a large number of souls who lived in Asia, in the Near East, or indeed throughout all of Asia, precisely during the centuries preceding the founding of Christianity. Of course, this was no longer the great heyday of Eastern wisdom culture, but it was the period from which emerged the concepts and ideas through which the Mystery of Golgotha was subsequently understood. So I am now speaking of souls who were distant from the Mystery of Golgotha, but who possessed a certain culture of wisdom that was then transplanted to the West, and through which the Mystery of Golgotha was initially understood within Greek and Roman civilization.

[ 15 ] Wir müssen ja immer unterscheiden zwischen dem Mysterium von Golgatha, wie es als Tatsache dasteht, und den verschiedenen Interpretationen, die es im Laufe der Jahrhunderte erfahren hat. Denn diese Tatsache kann von jedem Zeitalter in einer neuen Weise interpretiert werden, und es wäre Unsinn, irgendeine Lehre über das Mysterium von Golgatha zu identifizieren mit dem Tatsächlichen des Mysteriums von Golgatha. Ich brauche Ihnen das nur durch einen Vergleich klarzumachen. Denken Sie sich, wir hätten einen sehr genialen Menschen. Dann wäre da ein Kind, ferner ein mittelmäßiger, alles nivellierender, etwas spießiger Mensch, eben ein Mittelmensch, und drittens ein auch zur Genialität veranlagter Mensch. Alle drei haben dasselbe vor sich: Die reale Wirklichkeit des genialen Menschen. Das Kind wird irgendeine Erklärung haben für das, was der geniale Mensch tut. Der Philister, der alles nivellieren will, wird auch eine Erklärung haben, und der ebenfalls mit genialen Eigenschaften veranlagte Mensch wird eine andere Erklärung haben. Sie haben alle drei mit derselben Wirklichkeit zu tun, ihre Erklärungen sind aber ganz verschieden, und man ist nicht berechtigt, das eine oder das andere zu identifizieren mit der tatsächlichen Wirklichkeit. Ebenso darf man nicht die Lehren des ersten Christentums identifizieren mit der Tatsächlichkeit des Christentums. Diese Lehren der ersten christlichen Jahrhunderte waren herübergekommen aus dem Orient. Man hat eigentlich gelernt, was orientalische Weisheitslehren waren, und hat diese benützt, um das Mysterium von Golgatha zu erklären. Es ist natürlich nur eine furchtbare Tyrannis, wenn die sich fortentwickelnde Kirche diese Lehren als die allein gültigen ansieht, denn sie sind nichts anderes als das, wonach ein Zeitalter nach seinen Vorbedingungen das Mysterium von Golgatha erklärt hat. Andere Zeiten können dieses Mysterium von Golgatha anders erklären. Wir müssen es geisteswissenschaftlich erklären, um den Anforderungen der Gegenwart gerecht zu werden.

[ 15 ] We must always distinguish between the Mystery of Golgotha, as it stands as a fact, and the various interpretations it has undergone over the centuries. For this fact can be interpreted in a new way by every age, and it would be nonsense to equate any doctrine about the Mystery of Golgotha with the actual reality of the Mystery of Golgotha. I need only illustrate this to you with a comparison. Imagine we have a truly brilliant person. Then there would be a child; furthermore, a mediocre, everything-leveling, somewhat narrow-minded person—in short, an average person; and thirdly, a person also predisposed to brilliance. All three are faced with the same thing: the actual reality of the brilliant person. The child will have some explanation for what the brilliant person does. The philistine, who wants to level everything, will also have an explanation, and the person who is likewise predisposed to brilliance will have a different explanation. All three are dealing with the same reality, but their explanations are quite different, and one is not justified in identifying one or the other with the actual reality. Likewise, one must not equate the teachings of early Christianity with the actual reality of Christianity. These teachings from the first Christian centuries had come over from the East. People had essentially learned what Eastern wisdom teachings were and used them to explain the mystery of Golgotha. It is, of course, nothing short of a terrible tyranny when the evolving Church regards these teachings as the only valid ones, for they are nothing more than the way in which an era, according to its own preconditions, explained the Mystery of Golgotha. Other eras may explain this Mystery of Golgotha differently. We must explain it from the perspective of spiritual science in order to meet the demands of the present.

[ 16 ] Was also in den Lehren über den Christus-Impuls in den ersten Jahrhunderten lebte, das finden wir — aber nicht auf das Christentum angewendet, sondern mehr oder weniger absehend vom Mysterium von Golgatha — bei den damaligen Gebildeten mehr, bei dem damaligen überwiegenden Gros der Bevölkerung natürlich sehr viel weniger, im Orient ausgebildet. Diejenigen Seelen, die da unmittelbar vor dem Verlauf und auch während des Verlaufs des Mysteriums von Golgatha gelebt haben, die also orientalische Seelen waren, die haben eine lange Zeit durchzumachen gehabt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, weil die orientalische Kultur selbst noch in Dekadenz außerordentlich komplizierte Vorstellungen an die Seelen heranbrachte.

[ 16 ] What was alive in the teachings about the Christ Impulse during the first centuries—we find this—not as applied to Christianity, but more or less in anticipation of the Mystery of Golgotha—developed among the educated classes of that time, and naturally to a much lesser extent among the vast majority of the population at that time, in the East. Those souls who lived immediately before and during the unfolding of the Mystery of Golgotha—that is, Oriental souls—had to endure a long period between death and a new birth, because Oriental culture, even in its state of decadence, still presented the souls with extraordinarily complex concepts.

[ 17 ] Diese Seelen, sie erscheinen namentlich in derjenigen Bevölkerung, die die Bevölkerung Amerikas wird, als Erobererbevölkerung allmählich Amerika von Europa aus überflutend. Die ganze amerikanische Kultur, die eine materialistische Nuance hat, geht im wesentlichen daraus hervor, daß da Seelen erscheinen, die eigentlich orientalische Seelen waren in der Zeit, die ich charakterisiert habe, und die nun untertauchen in Leiber so, daß ihnen diese Leiblichkeit fremd ist, daß sie sich, ich möchte sagen, mit ihren damals schon sehr in der Dekadenz befindlichen Begriffen hineinsaugen in die Leiblichkeit, daß sie die Leiblichkeit nicht verstehen, sondern sie ziemlich primitiv materialistisch nehmen, mehr oder weniger eben an dem Menschen vorbeigehen, der ihnen fremd wird dadurch, daß sie im grunde genommen nach starken Abstraktionen gestrebt haben in ihrem vorigen Erdenleben. Sie können sich nicht hineinfinden in die gegenwärtige Inkarnation, tragen aber aus ihrem vorigen Erdenleben all das herauf, was dann lebt in der von der äußeren Naturbetrachtung abgesonderten, oftmals sektiererischen Religiosität. Das lebt sogar in der Leugnung der Materie bei der Mrs. Eddy, bei den Scientisten und so weiter. Alles das, was in der äußeren Welt hervortrat, kann diese Dinge verifizieren, wenn wir es nur unbefangen genug betrachten.

[ 17 ] These souls appear, in particular, among the people who will become the population of America—a conquering people gradually flooding into America from Europe. The entire American culture, which has a materialistic nuance, essentially arises from the fact that souls appear there who were actually Oriental souls during the period I have described, and who now enter bodies in such a way that this physicality is foreign to them—so that, I might say, are drawn into physicality with concepts that were already in a state of great decadence at that time, that they do not understand physicality but instead view it in a rather primitive, materialistic way, more or less passing right by the human being who becomes alien to them because, fundamentally, they had strived for powerful abstractions in their previous earthly life. They cannot find their way into their present incarnation, but carry over from their previous earthly life everything that then lives on in a religiosity separated from the observation of external nature—a religiosity that is often sectarian. This even manifests in the denial of matter found in the teachings of Mrs. Eddy, among Scientologists, and so on. Everything that has come to the fore in the external world can verify these things, if only we observe it with sufficient impartiality.

[ 18 ] Sie sehen, wenn man hinzufügt, was anthroposophische Geisteswissenschaft geben kann, zu demjenigen, was nur die äußere anthropologische Betrachtungsweise liefert, dann gewinnt man ein Bild der Wirklichkeit. Aber man muß Ernst machen mit dem, was anthroposophische Geisteswissenschaft geben kann. Man darf sich nicht genügen lassen mit dem Theoretischen, das nur auseinandersetzt, daß wir eben wiederholte Erdenleben haben. Man muß die Wirklichkeit, die äußere Wirklichkeit praktisch im Sinne dieser Erkenntnis anschauen, dann können diese Erkenntnisse auch allmählich in das sozial-praktische Leben hinein ihre rechten Früchte tragen. Es wird durchaus so sein müssen, daß diejenigen Menschen, die sich an eine Weltanschauung klammern, die nur auf die äußere Naturordnung Rücksicht nimmt, die also die Menschheit dazu führt, bloß anthropologisch zu sein, bloß dasjenige in Betracht zu ziehen, was von Generation zu Generation physisch sich weitervererbt, daß solche Menschen immer mehr und mehr vor Rätseln stehen werden. Man kann sich lange Zeit Illusionen hingeben über diese Rätsel. Man kann glauben, daß man irgend etwas versteht von dem Menschheitsverlaufe; aber man gibt sich solchen Illusionen nur hin, weil man die Theorien hat, die einem eingepaukt worden sind seit der frühesten Jugend, so daß man gewissermaßen nur auf das hinschaut, nur für das Augen hat, was in der physischen Vererbungsfolge sich äußert. Aber es werden doch die Menschen nach und nach dazu kommen, sich zu sagen: Ja, aber da gibt es doch Tatsachen, die nicht hinwegzuleugnen sind, und die durchaus nicht erklärbar sind im Sinne dieser rein anthropologischen Ursächlichkeiten. — Wir müssen eben darauf Rücksicht nehmen, daß in irgendeiner Generation irgendeines Volkes der Gegenwart Seelen sind, die von ganz woanders herkommen, als etwa von den Urururgroßvätern desselben Volkes. Dem Volksegoismus mag das nicht gerade außerordentlich angenehm klingen, aber dieser Volksegoismus muß ja ohnedies schwinden, wenn die Menschheit eine entsprechende Entwickelung in die Zukunft durch machen soll. Und es muß schon darauf hingewiesen werden, daß ein großer Teil der europäischen Bevölkerung allerdings das Blut der mittelalterlichen Vorfahren fortpflanzt, aber Indianerseelen in sich trägt, daß diejenigen Seelen, die hier in Europa gelebt haben — ein großer Teil derselben zu Attilas Zeiten —, und die damals das Christentum angenommen haben, daß die uns nun in Asien drüben entgegentreten. Bis in gewisse gebildete Seelen hinein kann ja das bei unbefangener Beobachtung durchschaut werden. Allerdings, so geradlinig, so pedantisch abstrakt, wie man es heute gewohnt ist, darf man die Dinge nicht anschauen, wenn man auf Wirklichkeiten, wie sie hier gemeint sind, kommen will. Aber wenn man eben nicht seine Begriffe so abstrakt bildet, wie man es heute gewöhnt ist, sondern wenn man auf die Wirklichkeit kommen will, dann muß man von solchen Gesichtspunkten ausgehen, wie sie hier erwähnt worden sind. Dann wird man Verschiedenes herausfinden, was zwar wiederum paradox erscheint, was aber eben doch diese Wirklichkeit erklärt.

[ 18 ] You see, when one adds what anthroposophical spiritual science can offer to what the purely external anthropological approach provides, one gains a picture of reality. But one must take seriously what anthroposophical spiritual science can offer. One must not be content with mere theory, which merely explains that we have repeated earthly lives. One must view reality—outer reality—practically in the light of this insight; then these insights can gradually bear their true fruit in practical social life. It will certainly be the case that those people who cling to a worldview that takes into account only the external order of nature—a worldview that thus leads humanity to be merely anthropological, to consider only what is physically passed down from generation to generation—will find themselves faced with more and more mysteries. One can indulge in illusions about these mysteries for a long time. One may believe that one understands something about the course of human history; but one indulges in such illusions only because one holds the theories that have been drummed into one since early childhood, so that, in a sense, one looks only at, and has eyes only for, what manifests itself in the physical chain of inheritance. But people will gradually come to say to themselves: Yes, but there are facts that cannot be denied, and which are by no means explainable in terms of these purely anthropological causes. — We must simply take into account that in any given generation of any present-day people there are souls that come from somewhere entirely different than, say, the great-great-great-grandfathers of that same people. This may not sound particularly pleasant to national egoism, but this national egoism must fade away anyway if humanity is to undergo a corresponding development in the future. And it must be pointed out that a large part of the European population does indeed carry on the blood of its medieval ancestors, yet harbors Native American souls within itself; that those souls who lived here in Europe—a large portion of them in Attila’s time—and who embraced Christianity back then are the very ones we now encounter over in Asia. Even in certain educated souls, this can be discerned through unbiased observation. However, one must not view things in such a straightforward, pedantically abstract manner as is customary today if one wishes to grasp realities such as those referred to here. But if one does not form one’s concepts as abstractly as is customary today, but rather seeks to grasp reality, then one must proceed from the perspectives mentioned here. Then one will discover various things that, while they may seem paradoxical, nevertheless explain this reality.

[ 19 ] Es ist zum Beispiel eigentümlich, auch in den zum Teil koketten Äußerungen des Rabindranath Tagore dieses eigentümliche Aroma wahrzunehmen. Man hat dann, ich möchte sagen, die Möglichkeit, mit geistigen Händen zu greifen die christliche Abstammung der Seele und die orientalische Abstammung des Leibes. Diese liefert die orientalisierende Koketterie. Und dasjenige, was insbesondere dem Europäer als etwas warm Wohltuendes in die Seele träufelt gerade bei Rabindranath Tagore, das ist von einer ins Christentum einstmals hineinsegelnden Seele, die nur in dieser Inkarnation nicht christlich geworden ist, weil sie in einer äußeren, nicht christlichen Zivilisation lebt.

[ 19 ] It is peculiar, for example, to perceive this distinctive flavor even in some of Rabindranath Tagore’s—at times coquettish—remarks. One then has, I would say, the opportunity to grasp, with spiritual hands, the Christian lineage of the soul and the Eastern lineage of the body. This is provided by the Orientalizing coquetry. And what, especially for Europeans, trickles into the soul as something warm and soothing—precisely in the case of Rabindranath Tagore—comes from a soul that once sailed into Christianity but has not become Christian in this incarnation because it lives in an external, non-Christian civilization.

[ 20 ] Der griechische Gedenkspruch «Erkenne dich selbst» ist eben nicht nur an den einzelnen Menschen gerichtet und vor allen Dingen nicht bloß für eine triviale Selbstschau bestimmt, sondern er ist auch an die Menschheit gerichtet. Nur findet die Menschheit seine Beobachtung in der Regel unbequem. Aber wir kommen nicht vorwärts in unserer Zivilisation, wir kommen immer mehr und mehr abwärts, wenn wir nicht endlich mit dem Apollinischen Worte «Erkenne dich selbst» auch als Menschheit Ernst machen. Es hat ja allerdings etwas Unbequemes — solche Leute wie Kurt Leese, den ich im öffentlichen Basler Vortrage erwähnt habe, würden das «ärgerlich» und «aufreizend» finden —, wenn man den Menschen nicht bloß so kennenlernen soll, wie seine Nase aussieht, wie sein Mund aussieht, wie seine Augen aussehen, sondern wenn man ihn so kennenlernen soll, wie seine Seele aussieht. Aber würde sich denn der Einzug einer geistigen Weltanschauung in die Menschheit praktisch verwirklichen, wenn wir phrasenhaft in Abstraktionen reden würden von wiederholten Erdenleben und von dem sich durch die wiederholten Erdenleben verwirklichenden Schicksal, und dann zurückschrecken würden vor der praktischen Anwendung im Leben, wenn wir doch nichts anderes vom Menschen kennenlernen wollten, als ob er blonde oder schwarze Haare hat, ob er diese oder jene Form der Augenbrauen, diese oder jene Nasenform hat und so weiter? Wollen wir damit Ernst machen, daß eine geistige Weltanschauung sich in der Welt verbreite, dann muß dasjenige, was «Kennenlernen des Menschen» heißt, auch durchdrungen sein mit geistig-seelischen Impulsen, dann müssen wir uns nicht zurückhalten lassen von der Unbequemlichkeit, auch das Seelische des Menschen, unser eigenes und das der anderen Menschen, wirklich kennenzulernen. Dann müssen wir ebenso, wie auf die Nase, auf die seelischen Eigenschaften schauen, und darauf wird gerade der Menschheitsfortschritt von der Gegenwart aus in die nächste Zukunft beruhen, daß man nicht bloß auf die äußere Form der Nase sieht, sondern daß man von Seele zu Seele Beziehungen zwischen den Menschen gerade auf Seelenerkenntnis einrichtet. Was man die soziale Frage nennt, ist etwas viel Tieferes, als sich zahlreiche Menschen heute vorstellen. Diese Soziale Frage kann im Grunde genommen gar nicht einmal von ferne berührt werden, wenn man eine Menschenbetrachtung fortsetzen will, wie ich sie Ihnen gestern am Ende der Stunde angeführt habe, wo der Mensch völlig herausfällt und man nur redet von dem Privateigentum, das er bewirtschaftet, und von den wirtschaftenden Automaten. Weil man seit dem Rückgang der instinktiven Seelenerkenntnis verlernt hat, überhaupt hinzuschauen auf den Menschen, lebt sich heute das soziale Leben in dem menschlich Äußerlichsten aus. Das aber treibt an die Oberfläche gerade die Instinkte, die wildesten Instinkte. Die Menschheit würde in ein Leben der wildesten Instinkte verfallen, wenn nicht Geistig-Seelisches unser unmittelbares Menschenleben durchzöge. Dazu ist eben notwendig, daß wir neben der äußerlichen historischen Kausalität auch dasjenige sehen, was einfach in der Wirklichkeit der Erdenmenschheit dadurch da ist in der Gegenwart, daß die Nachkommen nicht bloß ihre physischen Vorfahren darleben, sondern auch die Seelen, die als diese oder jene seelisch-geistigen Entitäten zu dieser oder jener Zeit früher auf der Erde gelebt haben. In dieser Resultierenden, die sich ergibt durch die Eigenschaften der wiederverkörperten Seelen und der physischen Merkmale, lebt sich die menschliche Zivilisationswirklichkeit der Gegenwart wahrhaftig aus.

[ 20 ] The Greek maxim “Know thyself” is not directed solely at the individual—and above all, it is not intended merely for trivial self-reflection—but is also directed at humanity as a whole. However, humanity generally finds this self-examination uncomfortable. But we will not make progress in our civilization; we will slide further and further downhill if we do not finally take the Apollonian words “Know thyself” seriously—even as humanity. Admittedly, there is something uncomfortable about it—people like Kurt Leese, whom I mentioned in my public lecture in Basel, would find it “annoying” and “provocative”—when one is supposed to get to know a person not merely by what their nose looks like, what their mouth looks like, what their eyes look like, but rather by what their soul looks like. But would the establishment of a spiritual worldview among humanity actually come to pass if we were to speak in abstract, clichéd terms about repeated earthly lives and the destiny realized through those repeated earthly lives, and then shy away from applying it practically in life, if all we wanted to know about a person was whether they have blond or black hair, whether they have this or that shape of eyebrows, this or that shape of nose, and so on? If we are serious about spreading a spiritual worldview throughout the world, then what is called “getting to know human beings” must also be imbued with spiritual and soulful impulses; then we must not allow ourselves to be deterred by the discomfort of truly getting to know the soul of human beings—our own and that of others. Then we must look just as much at the soul’s qualities as we do at the nose, and the progress of humanity from the present into the near future will rest precisely on this: that we do not merely look at the external form of the nose, but that we establish relationships between people from soul to soul based precisely on an understanding of the soul. What is called the “social question” is something far deeper than many people today imagine. This social question cannot, in essence, even be remotely addressed if one wishes to continue an observation of human beings such as I presented to you yesterday at the end of the lecture—where the human being is completely left out of the picture and one speaks only of the private property he manages and of the economic automatons. Because, since the decline of instinctive insight into the soul, we have forgotten how to look at the human being at all, social life today plays itself out in the most outwardly human aspects. But this brings to the surface precisely the instincts—the wildest instincts. Humanity would sink into a life governed by the wildest instincts if the spiritual-soul aspect did not permeate our immediate human existence. To this end, it is necessary that, alongside external historical causality, we also perceive what is simply present in the reality of humanity on Earth—namely, that descendants do not merely re-enact their physical ancestors, but also the souls that lived on Earth in the past as this or that spiritual-soul entity at this or that time. It is in this synthesis—arising from the qualities of the reincarnated souls and the physical characteristics—that the reality of present-day human civilization truly unfolds.

[ 21 ] Die Reaktion, die vorläufige Reaktion gegen eine geistige Weltanschauung macht sich ja nicht nur aus der mechanisch-materialistischen Denkweise der Naturwissenschaft auf dem Gebiete theoretischer Betrachtung geltend; die geht viel tiefer. Die macht sich heute auch dadurch geltend, daß man geradezu eine Weltenordnung einrichten will, welche absieht von allem Geistig-Seelischen und nur nach dem Physisch-Anthropologischen der Generationenfolge sich richtet. Eine Karte von Europa soll entstehen rein nach den Blutszusammenhängen der Völker, rein nach chauvinistischen, nach volksegoistischen Impulsen. Das ist die praktisch-soziale Reaktion gegen das Hereinkommen einer geistig-seelischen Weltanschauung. Man möchte sagen: Indem Europa die Deklamationen des Wilsonismus annimmt, die auf die Selbstverwaltung der blutsverwandten Völker gehen, erklärt es: Wir wollen nichts wissen von seelisch-geistigen Impulsen. — Es ist eine Opposition gegen das Hereinkommen des Seelisch-Geistigen.

[ 21 ] The reaction—the preliminary reaction against a spiritual worldview—does not merely assert itself through the mechanistic-materialistic mindset of the natural sciences in the realm of theoretical consideration; it runs much deeper. Today, it also manifests itself in the desire to establish a world order that disregards everything spiritual and psychological and is guided solely by the physical and anthropological aspects of generational succession. A map of Europe is to be created based purely on the blood ties of the peoples, purely on chauvinistic, national-egoistic impulses. This is the practical-social reaction against the emergence of a spiritual-psychic worldview. One might say: By adopting the proclamations of Wilsonism, which advocate for the self-governance of blood-related peoples, Europe is declaring: We want nothing to do with spiritual-psychic impulses. — It is an opposition to the emergence of the spiritual-psychic.

[ 22 ] Das ist nicht eine Kritik, das ist einfach eine Beschreibung der Tatbestände; denn, was sich da geltend macht, ist eben die praktisch-soziale, die rassenmäßige Opposition gegen das Sich-Geltendmachen des Geistig-Seelischen. Dieses Geistig-Seelische aber, indem es ergreift die Gesinnung der Menschen, wird auch das praktische Leben ergreifen. Und das ist eine dringende Notwendigkeit, das ist eine Notwendigkeit, die gar nicht schnell genug die Seelen der Gegenwartsmenschen ergreifen kann: Diejenigen, die anfangen so etwas zu verstehen, die anfangen etwas zu verstehen von der praktischen Bedeutung anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft, von dem Umwandeln der Ideen gerade dieser Geisteswissenschaft in lebendige Handlungsimpulse für den Menschen, die müßten sich alle Mühe geben, wo sie nur immer können, entgegenzuwirken demjenigen, was das bloße Anthropologische ist. Wir sehen, wie heute die Welt durch Anthropologie — natürlich in dem weitesten Sinne — in den Niedergang hineinrasselt. Sie muß durch Anthroposophie vor diesem Niedergange bewahrt werden.

[ 22 ] This is not a criticism; it is simply a description of the facts; for what is asserting itself here is precisely the practical-social, racial opposition to the assertion of the spiritual-psychic. But this spiritual-psychic realm, by taking hold of people’s attitudes, will also take hold of practical life. And this is an urgent necessity—a necessity that cannot take hold of the souls of people today quickly enough: Those who are beginning to understand such things, who are beginning to grasp the practical significance of anthroposophically oriented spiritual science—and the transformation of the ideas of this very spiritual science into living impulses for human action—must do everything in their power, wherever they can, to counteract what is merely anthropological. We see how today the world is hurtling toward decline through anthropology—in the broadest sense, of course. It must be saved from this decline through anthroposophy.

[ 23 ] Es sind das tatsächlich die zwei Strömungen der Menschheitsentwickelung, die heute einen harten Kampf miteinander führen müssen, die rein anthropologische, die auch diejenige ist, die durch die politischen Maßnahmen geht, wenn auch in den verschiedensten Formen, und die anthroposophische, die heute noch verpönt wird. Man sieht ja überall, wie der heutige Mensch sich erst nach und nach wird dazu entwickeln müssen, die starke innere Initiative zu gewinnen, durch die er sich aufgerufen fühlt zu einer Entscheidung nach der einen oder nach der anderen Seite hin. Das darf nicht bloß, ich möchte sagen, im Theorienkämmerlein, im Weltanschauungskämmerlein abgemacht werden, das muß durchaus bei der praktischen Weltbetrachtung seine Anwendung finden. Und da wird es ja insbesondere demjenigen übelgenommen, der nun wirklich nicht stehenbleibt als anthroposophischer Weltenbetrachter in einer gewissen Höhe, sondern der die Bedeutung des Geistigen gerade darin sieht, daß der Geist die Materie beherrschen lernt, untertauchen lernt in die Materie, so daß auch das alltägliche Leben von demselben Gesichtspunkte aus betrachtet wird. Ein wirkliches Erwachen der Menschheit — ich habe es oftmals gesagt — ist nötig, ein solches Erwachen, daß der Mensch den Mut innerlich in sich entwickelt, zu Entscheidungen zu kommen. Das ist der heutigen Menschheit notwendig.

[ 23 ] These are, in fact, the two currents of human development that are currently locked in a fierce struggle with one another: the purely anthropological current—which is also the one that manifests itself through political measures, albeit in a wide variety of forms—and the anthroposophical current, which is still frowned upon today. One sees everywhere how modern human beings will have to develop, little by little, the strong inner initiative that compels them to make a decision in favor of one side or the other. This must not merely—I would say—be settled away in the “theoretical back room” or the “worldview back room”; it must definitely find its application in the practical observation of the world. And in this context, people take particular offense at those who do not merely remain at a certain level as anthroposophical observers of the world, but who see the significance of the spiritual precisely in the fact that the spirit learns to master matter, learns to immerse itself in matter, so that even everyday life is viewed from the same perspective. A true awakening of humanity—as I have often said—is necessary, an awakening in which people develop the inner courage to make decisions. This is what humanity needs today.

[ 24 ] In dieser Beziehung stecken allerdings in den Untergründen der heutigen sogenannten zivilisierten Menschheit recht, recht bedrückende Impulse. Wir haben reichlich Gelegenheit in der gegenwärtigen Zeit, zu sehen, wie zunächst noch alles zurückgewiesen wird, was vom Menschen fordert, daß er innerlich sich für irgend etwas entscheidet. Man braucht ja nicht ins Parteimäßige zu verfallen, wenn man ins alltägliche Leben einführt, was eben auch ins alltägliche Leben eingeführt werden muß, denn das wird die Signatur der Entwickelung in die Zukunft hinein sein, daß man auch dasjenige, was man unmittelbar vor sich hat, von einem höheren Gesichtspunkte aus betrachten kann.

[ 24 ] In this regard, however, there are some very, very distressing tendencies lurking beneath the surface of today’s so-called civilized humanity. We have ample opportunity in the present age to see how, at first, everything that demands that a person make an inner decision about anything is rejected. After all, there is no need to fall into partisan thinking when introducing into everyday life what must indeed be introduced into everyday life, for this will be the hallmark of future development: the ability to view even what is immediately before us from a higher perspective.

[ 25 ] Haben wir nicht eigentlich jetzt wiederum ein Ereignis gesehen, welches im Grunde genommen recht gründlich hineinleuchtet in den Schlafcharakter der gegenwärtigen Seelen? Ich habe mich ja nicht geniert, seit vielen Jahren hinzuweisen darauf, wie die Liebe für das Abstrakte einen großen Teil der Menschheit zu Wilsonianern gemacht hat, und ich habe charakterisiert, was das eigentlich in der Gegenwart bedeutet. Nun, wir haben ja neuestens, wenn auch nur bei einem kleineren Volke, das aber auch gewissermaßen zur Zivilisation gehört, erlebt, daß es Entscheidungen hätte treffen sollen. Es stand gegenüber einem vielleicht in vieler Beziehung problematischen Charakter, der aber dieses Volk genötigt hätte, aufzuwachen in einer gewissen Weise. Und wir haben es erlebt, daß, ich möchte sagen, auch wie durch ein reales Paradoxon diese Persönlichkeit eliminiert worden ist und das Volk sich entschlossen hat, eine Null, einen Menschen, der sich reichlich als Null erwiesen hat, wiederum an ihre Spitze zu rufen.

[ 25 ] Have we not, in fact, just witnessed yet another event that, when you get right down to it, sheds quite a thorough light on the slumbering nature of contemporary souls? I have not hesitated, for many years now, to point out how the love of the abstract has turned a large part of humanity into Wilsonians, and I have described what that actually means in the present day. Well, we have recently witnessed—albeit only among a smaller people, one that nonetheless belongs, in a sense, to civilization—that it should have made certain decisions. They were faced with a figure who was perhaps problematic in many respects, but who would have compelled this people to wake up in a certain way. And we have witnessed—I would say, as if by a real paradox—how this personality was eliminated, and the people decided to call once again to their leadership a nobody, a person who has amply proven himself to be a nobody.

[ 26 ] Diese Dinge berühren allerdings das Alltäglichste, aber das ist es gerade, was einem heute so nahe geht, daß man diese Dinge nicht als Symptome ins Auge faßt, daß man kalten Herzens über diese Dinge hinweggeht und nicht sieht, was für Niedergangssymptome sie in der Menschheit sind, und wie es notwendig ist, daß die Kräfte aufgerufen werden, damit die Menschheit in den Seelen zum Wachen kommt. Es wäre schon notwendig, daß mit größerer innerer Lebendigkeit die gebildete Menschheit heute auch die äußeren Zeitereignisse verfolgte und Anteil nähme an dem, was sich innerlich abspielt.

[ 26 ] These things, however, touch upon the most mundane aspects of daily life, but that is precisely what makes them so close to us today—so much so that we do not perceive them as symptoms, that we pass over them cold-heartedly and fail to see what signs of decline they represent for humanity, and how necessary it is to call upon the forces that will awaken humanity in the depths of the soul. It would indeed be necessary for educated people today to follow current events with greater inner vitality and to take an interest in what is happening within themselves.

[ 27 ] Man ist wahrhaftig nicht dadurch ein großer Geist, daß man an dem, was so tief symptomatisch zeigt, wohin die Ereignisse laufen, gleichgültig vorbeigeht, denn an den äußeren Ereignissen zeigt sich, was innerlich wirkt. Wie oft habe ich darauf hingewiesen, wie die ahrimanischen Kräfte gegenwärtig durch die Menschheit gehen. Dieses Gehen der ahrimanischen Kräfte durch die Menschheit, man kann es äußerlich sehen, wenn man nur unbefangen ist. Aber wie soll denn die Wahrheit durchdringen, wenn man an den historischen Ereignissen, die gerade die Wahrheit äußerlich verifizieren können, gleichgültig, schläfrig vorbeigeht und von ihnen Notiz nimmt, wie die Menschheit eben heute gewöhnt ist, von diesen Dingen Notiz zu nehmen. Geisteswissenschaft will gewiß nicht parteimäßig werden; aber Geisteswissenschaft muß Lebenswirklichkeit in sich tragen. Heute muß gesehen werden, wie die Welt starke ahrimanische Kräfte in Opposition aufstellt gegen alles, was den Geist betont. Aber es muß sich in diesen Tagen die natürlich Jahre umfassen — entscheiden, ob die Väter recht gehabt haben, die 869 am achten allgemeinen ökumenischen Konzil den Geist abgeschafft haben, ob es dabei bleiben soll, oder ob der Geist wiederum eingeführt werden soll in die Entwickelung der Menschheit. Das aber wird nicht durch bloße theoretische Betrachtungen in der Menschheit lebendig werden können, sondern allein dadurch, daß es Lebenspraxis wird.

[ 27 ] One is truly not a great spirit simply by passing indifferently by what so profoundly reveals the direction in which events are heading, for what is at work inwardly is manifested in outward events. How often have I pointed out how the Ahrimanic forces are currently passing through humanity. This passage of the Ahrimanic forces through humanity can be seen externally, provided one is open-minded. But how can the truth break through if one passes by historical events—which can precisely verify the truth externally—with indifference and apathy, taking note of them just as humanity is accustomed to doing today? Spiritual science certainly does not wish to become partisan; but spiritual science must embody the reality of life. Today we must see how the world is pitting powerful Ahrimanic forces in opposition to everything that emphasizes the spirit. But in these days—which naturally span several years—a decision must be made as to whether the Fathers were right to have abolished the spirit at the Eighth Ecumenical Council in 869, whether things should remain as they are, or whether the spirit should once again be introduced into the development of humanity. This, however, will not be able to come to life within humanity through mere theoretical considerations, but only by becoming a living practice.