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The Rudolf Steiner Archive

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Die Verantwortung des Menschen für die Weltentwickelung
durch seinen geistigen Zusammenhang
mit dem Erdplaneten und der Sternenwelt
GA 203

21 Januar 1921, Stuttgart

Fünfter Vortrag

[ 1 ] Unsere Betrachtungen in der Zeit, bevor ich abgereist bin und schon Wochen vorher, liefen alle darauf hinaus, zu zeigen, wie das, was wir Geisteswissenschaft nennen, in das wirkliche Leben übergehen, hineingreifen kann, wie das, was wir die Welt nennen, in einem gewissen innigen Zusammenhang steht mit dem, was wir innerlich im Menschen erleben. Und indem Sie diese Betrachtungen überblicken, die wir gerade über diese Sachen angestellt haben, bitte ich Sie, einmal sich gründlich die Frage vorzulegen, was es bedeuten würde für die Gesamtentwickelung der Menschheit, wenn die eindringlichsten, die bedeutsamsten Ergebnisse anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft eindringen würden in das Leben der sozial miteinander arbeitenden Menschen. Man würde wissen, daß der Mensch, indem er zu seinem Bewußtsein kommt im physischen Leib, in diesem physischen Leib etwas bewahrt, was hinweist auf die Zeiten vor der Geburt beziehungsweise vor der Empfängnis, daß er da in einem Zustande war, der die Begierde nach diesem Leben zwischen der Geburt und dem Tode in sich trug, der in sich trug die Empfindung davon, daß die Seele, die lange Zeit nur in geistigen Welten gelebt hat, das Anschauen der Welt durch die leiblichen Sinne, aber auch das Handeln aus dem physischen Leibe heraus braucht, um weiterzukommen.

[ 2 ] Dieses bewußte Hinblicken auf die Präexistenz der Seele würde gar nicht bloß, wenn es richtig verstanden würde, eine theoretische Ansicht bleiben, sondern es würde Gefühl und Wille ergreifen und damit unmittelbar eine Lebenskraft werden.

[ 3 ] Wir können es ja sehen an den Menschen der Gegenwart. Sie zeigen uns alle etwas von Mangel an Initiative im Großen. Dieser Mangel an Initiative im Großen, der so lähmend wirkt auf alle Kräfte, die notwendig sind, um das absteigende Leben wiederum zu einem Aufstieg zu bringen, diese Lähmung kann nur gebessert werden dadurch, daß der Mensch sich bewußt wird seiner Zugehörigkeit zur geistigen Welt. Das läßt sich aber nicht durch theoretische Erwägungen in die Seele hereinbringen, sondern allein durch die lebendige Anschauung desjenigen, was der Mensch war, bevor er heruntergestiegen ist in die physische Welt.

[ 4 ] Wenn das, was hinüberblickt über die Zeit, die der Mensch hier zwischen Geburt und Tod zubringt, nicht Gegenstand eines unbestimmten Glaubens ist, sondern wenn es Gegenstand eines hellen Wissens ist, dann wirkt es nicht so abstrakt im Menschen, wie heute das religiöse Bekenntnis wirkt, sondern konkret als unmittelbare Kraft im Menschen. Der Mensch arbeitet so, daß dies, was in seiner Arbeit liegt, über den Tod hinausreicht. Aber es wird dadurch, daß der Mensch solche Vorstellungen in sich aufnimmt, Leben hineingegossen in alles, was sonst der Mensch wissen kann.

[ 5 ] Bedenken Sie doch nur einmal, daß wir heute ein ausgebreitetes Naturwissen haben. In bezug auf das äußere Wissen müssen wir sagen: Die Menschheit ist ungeheuer fortgeschritten. Die letzten blutigen Jahre haben gezeigt, daß dieser Fortschritt die Menschheit nicht bessern konnte in moralischer Beziehung. Und eigentlich haben durchaus solche Menschen wie Wallace, auf den ich früher oftmals hingewiesen habe, wenn ich gerade das betonen wollte, Recht behalten, die gesagt haben: Wir haben einen ungeheuren Fortschritt in bezug auf die Erkenntnis der Außenwelt erlebt, aber in bezug auf die moralische Verfassung ist die Menschheit so wie in den Urzeiten, sie ist gar nicht fortgeschritten.

[ 6 ] Dieser Fortschritt muß heute in diesem historischen Zeitalter doch kommen, denn so wie die Menschen in ihrer Seelenverfassung jetzt sind, können sie nicht bleiben. Aber wie muß sich das vollziehen? Wie muß belebt werden die mehr theoretische Anschauung von der Welt? Nehmen Sie ein anscheinend grobes Beispiel. Wir benützen zum menschlichen Leben die Steinkohle. Wir wissen, diese Steinkohle bildet die Überreste alter Wälder, ist also im Grunde genommen pflanzliche Substanz. Wie hängt aber die pflanzliche Substanz, wie hängt die ganze Pflanzenwelt mit dem Menschen als solchem zusammen? — Wenn über wenige Jahrtausende hin ausgerechnet wird, wieviel Kohlensäure die Luft enthalten würde dadurch, daß wir Kohlensäure ausatmen, daß wir mit jedem Ausatmungszuge der Luft Kohlensäure abgeben, so ist das eine ungeheuer große Menge. Diese Kohlensäure würde im Laufe von Jahrtausenden die Menschheit dahinschwinden machen, sie würde das Leben tilgen. Aber die Pflanzen nehmen die Kohlensäure auf, scheiden den Kohlenstoff ab, machen ihren eigenen Leib aus dem, was sie aufnehmen aus den abgeschiedenen Produkten des Menschen, und die Pflanzen, die einstmals die Erde bedeckt haben, sie bilden wiederum das, was nun unsere Steinkohlenflöze, unsere Steinkohlenlager sind.

[ 7 ] Sie sehen, es ist eine merkwürdige Wanderung. Zunächst kommt mehr das Qualitative in Betracht; denn selbstverständlich sind von unserem Atmen nicht unsere Steinkohlen entstanden, sondern von anderen Wesen, aber es kommt dieses qualitativ in Betracht. Was wir gewissermaßen von uns ausscheiden, das bildet die Grundlage dessen, was wir wiederum von der Erde benutzen. So weit kann man denken nach den theoretischen Ergebnissen, zu denen die Naturwissenschaft gekommen ist.

[ 8 ] Geisteswissenschaft führt uns weiter. Ich erinnere Sie daran, wie ich Ihnen gesagt habe: Der Mensch legt seinen physischen Leib ab, indem er mit seinem Seelisch-Geistigen in geistige Welten geht. — Aber ich habe Ihnen auch gesagt: Dieser physische Leib, der abgelegt wird, bedeutet das, was die Erde wiederaufbaut.

[ 9 ] So wie wir im Ausatmen der Pflanzenwelt die Kohle geben, so geben wir der ganzen Erde unseren Leib. Und das, was wir um uns herum sehen, ist durchaus das Produkt solcher Wesen, wie wir selber sind, solcher Wesen, die unsere Vorgänger waren während der Monden-, Sonnen-, Saturnzeit, den drei ersten vorirdischen Verkörperungen unseres Planetensystems. Sie haben der Erde das abgegeben, was heute diese ganze Erde bildet. Und wenn künftige Welten kommen werden, so wird das in ihnen leben von uns, was wir als unser Leibliches absondern. Es ist ein Gedanke von ungeheurer Tragweite, wenn man ihn verfolgt. Denn aus unserem Naturerkennen heraus, das sonst nur halb bleibt, gewinnen wir einen Zusammenhang des Menschen mit der ganzen Umwelt. Das ist außerordentlich wichtig, daß wir das gewinnen. Denn wenn wir das zusammennehmen, was wir unseren Betrachtungen zugrunde gelegt haben, so müssen wir uns sagen: In unserem ganzen Menschen, nicht bloß in unserem Denken, sondern in unserem ganzen Menschen bis in die äußerste Leiblichkeit hinein lebt das, was wir in unsere sittlichen Ideale hinein verarbeiten. Jene dualistische Anschauungsweise, welche keine Brücke schlagen kann zwischen dem natürlichen Weltbilde und der moralischen Weltordnung, kann sich auch nicht vorstellen, wie sich das, was wir in unseren moralischen Idealen haben, mit unseren Muskelvorgängen verbindet. Sieht man die Welt so an, wie wir es in den letzten Betrachtungen gemacht haben, dann sieht man, wie sich einverleibt das, was wir in unseren moralischen Idealen denken, in unsere leiblichen Vorgänge. Man sieht einheitlich verwoben die geistigen und die leiblichen Vorgänge.

[ 10 ] Diese Anschauungsweise müßte allgemein werden. Würde sie aufgenommen in unsere Kindererziehung, so würden Menschen heranwachsen, die nicht auf der einen Seite im Sinne der Kant-Laplaceschen Theorie eine Welt haben, welche aus Nebelzuständen heraus sich gebildet hat, aus denen sich Sterne und Sonnen und Planeten abgeballt haben, aus denen dann durch Zusammenschweißen von moralischwesenlosen Materien die Menschen sich gebildet haben, die dann wiederum sich zurückverwandeln in rein Natürliches, sondern das, was in uns aufschießt als moralisches Ideal, würde eins sein mit dem, was am Ausgangspunkte unserer Weltentwickelung gestanden hat im rein natürlichen Dasein. Und wir Menschen würden uns erkennen als berufen, einzupflanzen dem natürlichen Dasein das, was wir als moralisches Ideal erleben. In künftigen Welten würden wir erkennen, daß als Naturgesetze auftritt, was wir jetzt moralisch erleben.

[ 11 ] Würden die Kinder unter dem Einfluß einer solchen Anschauung aufwachsen, dann würden sie sich so in die Welt hineinstellen, daß sie sich als ein Glied des Kosmos empfinden und dadurch Lebensgefühle haben würden aus jenen Kräften, die sie mit dem Erkennen des Kosmos in sich einsaugen. Ja, sie würden, indem sie zum Handeln erzogen werden, wissen, daß das, was sie tun, eingeprägt wäre in das Weltenganze. Wenn das Gefühl wäre, wie anders würden die Menschen leben als heute, wo es möglich ist, daß der Mensch, der sich frägt: Was bin ich eigentlich hier auf dieser Welt? — sich einsam stehend hier sieht, entsprungen aus unbestimmten Naturkräften, mit moralischen Idealen durchsetzt wie mit Seifenblasen. Solch ein Mensch kann gelähmt werden in bezug auf sein Lebensgefühl. Wenn er hinaufsieht in die Sternenwelten, sieht er die Sterne durch den Weltenraum gehen, hat aber keine Beziehung dazu; sie sind ja selber nur natürlich entstehende, in sich zerfallende Welten ohne Sinn und ohne innerliche Geistigkeit.

[ 12 ] Das muß man ins Auge fassen, was als Lebenskraft Geistesanschauung der Menschheit werden könnte. Auf das muß man immer wieder und wieder hinweisen, denn gerade das verstehen die Menschen der Gegenwart am allerwenigsten. Sie sprechen davon, daß die Geistesanschauung weltflüchtig wäre. Weltflüchtig ist die gegenwärtige Anschauung. Warum? Sie arbeitet mit den Dogmen der Vergangenheit, die in der Vergangenheit einen guten Sinn hatten, weil sie entsprungen sind aus einem gewissen instinktiven Hellsehen. Dieses instinktive Hellsehen ist verschwunden, die Menschen haben keinen Bezug mehr dazu. Die Dogmen, die sich erhalten haben, werden nicht mehr verstanden. Nicht darum handelt es sich, daß die Dogmen falsch sind, sondern daß die heutige Menschheit keinen Bezug zu ihnen hat. Und außer demjenigen, was als Dogmen erhalten geblieben ist, hat die Menschheit heute eine geistlose Naturwissenschaft. Anthroposophie will eine geisterfüllte Naturwissenschaft geben, eine den Menschen belebende Naturwissenschaft, und was da hereinträufelt als Erkenntnis des Geistes in der Natur, das verwandelt sich im Menschen, genauso wie sich die Nahrungsmittel in physischer Beziehung im Menschen verwandeln, in soziale Kraft. Man würde es erleben, wenn man ernsthaftig auf diese Dinge eingehen wollte, daß Geist-Erkenntnis als Nahrung der Seele aufgenommen, verdaut würde — wenn ich mich dieses Ausdruckes bedienen darf —, um als sozial wirksame Kraft aufzutreten. Wir werden auf keine andere Weise soziale Impulse gewinnen als dadurch, daß wir geistige Erkenntnisse aus der uns umgebenden Natur aufnehmen. Wer heute glaubt, soziale Reformen aus irgendeinem anderen Impuls heraus nehmen zu können, denkt über die Dinge der Welt so nach, wie ungefähr der nachdenkt über den Menschen, der ihm, um ihn möglichst gut zu ernähren, das Essen verbietet. Wer heute von sozialen Gestaltungen spricht und nicht mitspricht von geistiger Erkenntnis, will dasselbe tun mit Bezug auf die soziale Ordnung in der Menschheit, wie einer, der den Menschen ernähren will und ihm eine Hungerkur vorschreibt. Das steckt als tiefe Absurdität in den heutigen Anschauungen der Menschheit, und diese kann es durchaus nicht durchschauen. Was wir hereintragen aus geistigen Welten, indem wir in dieses Leben kommen zwischen Geburt und Tod, das ist ja durchaus nur wie ein Bild. Und im Grunde genommen ist unser Seelenleben ein Bildleben, und dieses Bildleben, es wurde in früheren Zeiten belebt von dem, was als Geistiges schon in der Naturanschauung vorhanden war. Es gab in alten Zeiten keine Naturanschauung ohne Geistanschauung. Die heutigen Menschen lesen nach über ältere Naturanschauungen; sie lesen da nichts von einer Naturwissenschaft, die ohne Geist war. Wer noch ins 13., 14. Jahrhundert zurückgeht und die Dinge liest, die damals über die Natur gesprochen wurden — mag er auch höhnen über das Kindische, über das Abergläubische —, der findet als das Wesentliche, daß alle diese Dinge, die geschildert worden sind, von Geist durchzogen geschildert sind. Heute bemühen wir uns so stark als möglich, die Naturerscheinungen ohne Geist zu sehen. Ja, wir sehen darin gerade die Vollkommenheit der Betrachtungen, alles ohne Geist zu sehen.

[ 13 ] Das aber, was wir aus der Natur ohne Geist aufnehmen, kann durchaus nicht mehr in das Bilddasein heute belebend eingreifen. Wir bleiben dann dabei stehen und wollen es uns nicht gestehen, Bild zu sein, bloßes Bild zu sein, Bild eines vergangenen Lebens, das nicht befruchtet sein will von dem Gegenwartsleben. Denn dieses Gegenwartsleben soll befruchten das vergangene Leben, damit es hinaufgetragen werden kann wiederum durch die Pforte des Todes in geistige Welten hinein. Nur so lebendig angeschaut kann eben Geisteswissenschaft dem Menschen das geben, was sie ihm geben soll.

[ 14 ] Nehmen Sie zum Beispiel die Dogmen der alten Religionswissenschaftsbücher. Es gibt heute viele Menschen, die kämpfen einfach gegen diese Dogmen, weil sie sie unsinnig finden. Sie sind keineswegs unsinnig, selbst nicht ein solches Dogma wie die Trinität, es hat sogar den allertiefsten Sinn. Mit den Mitteln der alten instinktiven Hellseherkunst wurde es von den Menschen abgelesen von der Natur selber. Und es gab Jahrtausende in der menschlichen Entwickelung, in denen dieses Dogma der Menschheit ungeheuer viel gab. Die äußeren Kirchen haben solche Dogmen bewahrt. Diese sind heute kaum mehr als etwas anderes vorhanden, denn als ein gewisser Wortlaut. Die Menschen haben kein Bedürfnis heute, ein Verhältnis zu dem zu entwickeln, was Gegenstand eines alten Hellsehens war. Es bleibt etwas, was gar keinen Bezug auf die Menschen hat vermöge ihrer heutigen Natur, während es einstmals lebendige Seelennahrung war. Außer diesen Dogmen haben wir die äußere Naturwissenschaft, die geistentblößte Naturwissenschaft, die uns die Seele tötet, wenn sie nicht durchgeistigt wird.

[ 15 ] Das sind die beiden Grundübel, welche die Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, im Auge hat. Sie will der Seele wiederum etwas geben, was diese Seele beleben kann, was dieser Seele Kraft einimpfen kann, so daß die Seele unmittelbar sich erfühlt als ein Glied des ganzen Kosmos und in ihrem sozialen Wirken jene Verantwortlichkeit fühlt, die davon herrührt, daß unser kleines Wirken als einzelner Mensch eine kosmische Bedeutung für die ganze Entwickelung der Zukunft hat. Hinausblicken müssen wir über den engen Kreis, den wir uns heute durch eine geistentblößte Bildung ziehen. Denn diese Einengung hat die Menschheit selbst vollzogen und will sie immer mehr und mehr vollziehen. Deshalb hat es Geisteswissenschaft so schwer, weil sie im Grunde genommen eben gerade das sein will, was nicht bloß in den Worten, nicht in den Gedanken, nicht in den Ideen liegt, sondern was wie ein geistig-seelisches Lebensblut erst durch die Gedanken, durch die Ideen, durch die Worte durchfließt und unmittelbar in des Menschen Seele hineinträufelt. Daher kommt es auch bei Vertretung der Geisteswissenschaft viel mehr darauf an, wie gesprochen wird, denn was gesprochen wird. Wir sehen heute den heftigen Streit zwischen Materialismus und Spiritualismus. Dieser heftige Streit rührt ja nur davon her, daß die Menschen nicht einsehen wollen, daß eine tiefe Begründung der Ausspruch hat: Zwischen zwei entgegengesetzten Behauptungen liegt die Wahrheit mittendrinnen.

[ 16 ] Ist es wahr, daß Gott in uns ist? — Es ist eine Wahrheit, daß Gott in uns ist. — Ist es wahr, daß wir in Gott sind? — Es ist wahr, daß wir in Gott sind. — Die beiden Behauptungen sind entgegengesetzt. Beide sind wahr, Gott ist in uns, wir sind in Gott. Die beiden Behauptungen sind entgegengesetzt. Die wirkliche, die ganze Wahrheit liegt mittendrinnen. Und das Wesen alles Streites der Ideen in der Welt beruht darauf, daß immer die Menschen nach einer Einseitigkeit gehen, die wahr ist, aber eben eine einseitige Wahrheit ist, während die wirkliche Wahrheit zwischen zwei entgegengesetzten Behauptungen drinnenliegt. Man muß beides kennen, wenn man an die Wahrheit herankommen will. Man muß zum Beispiel heute, so wie die Weltentwickelung einmal liegt, den ernstesten Willen haben, das materielle Dasein kennenzulernen, man darf ja nicht in die Sucht jener Leute verfallen, welche sagen: Wir wollen uns mit dem Geiste beschäftigen, wir wollen die Materie nicht kennenlernen. — Soviel als möglich die Materie als solche kennenzulernen, das ist die eine Seite des menschlichen Erkenntnis- und Willensstrebens, die andere Seite ist es, auch den Geist kennenzulernen. Denn zwischen beiden drinnen liegt, was wir eigentlich anstreben sollen, und beide Parteien haben unrecht, diejenigen, die sagen, die Welt sei nur Materie, und diejenigen, die sagen, die Welt sei nur Geist. Denn, was ist Materie? Materie, so wie der Mensch sie kennt, ist das, was von dem Geiste zurückgeblieben ist, nachdem der Geist wieder Geist geworden ist. Ihre eigene Menschenform ist nichts anderes als das, was einstmals Gottesgedanke war (siehe Zeichnung, links), was einstmals göttliche Gedankenwirkungen waren. Denken Sie sich, wie ein Wasser, das gefriert, Form bekommt; so bekommt dieser Gottesgedanke Form und wird Menschenhülle. Und ein neuer Gedanke, ein neuer Gottesgedanke macht sich in des Menschen Inneren geltend, der dann wiederum hinausgeht, und dieser Gottesgedanke hier (links) war wiederum umgewandelt von einer Form, die in älteren Zeiten Gedanke war. Was wir als Materie anschauen, es ist ja nichts anderes als festgewordener Geist, und das, was wir als Menschengeist anschauen, ist junge Form, ist in der Entstehung begriffene Gestalt. Geist und Materie sind ja nur nach den Lebensaltern in der Welt verschieden. Und der Fehler ihnen gegenüber besteht nicht darin, daß wir uns der Materie zuwenden oder daß wir uns dem Geiste zuwenden, sondern daß wir das, was wir im Leben erhalten sollten, was wir befruchten sollten, damit es Zukunft werden kann, in der Gegenwart erhalten wollen.

[ 17 ] Wenn wir das, was wir aus unserer Präexistenz in die Gegenwart hereingetragen haben, was wir also als seelisch-geistiges Leben haben, nur durchdringen mit der trockenen, äußeren geistentblößten Naturwissenschaft, dann verhärten wir es, lassen es nicht keimfähig sein, lassen es nicht auswachsen zu künftigen Welten, wir verahrimanisieren es.

[ 18 ] Und wenn wir das, was Form ist, was altgewordene Gottheit ist, was in Formen sich kristallisiert hat, erfassen wollen durch eine nebulose Mystik, in die wir alles mögliche hineinträumen, dann stützen wir uns nicht auf das, was uns als unsere Stütze, als unsere körperliche Stütze die Gottheit gegeben hat, sondern wir verluziferisieren das Materielle. Was ist nebulose Mystik? — Der Mensch sollte in sich hineinschauen, er sollte aus dem Kosmos heraus in seinem physischen Organismus das erkennen, was er in diesem Leben zwischen Geburt und Tod ist. Statt dessen phantasiert er, daß er in sich selber eine Gottheit habe. Er hat sie in sich; aber er erlangt das nicht durch mystische Phantasterei. Er verluziferisiert das, was er in der späteren Gestalt der leiblichen Hülle sehen sollte. Es sind falsche Anschauungen vom Materiellen und vom Geistigen, durch die die Menschen miteinander in Streit kommen; denn das Materielle und das Geistige sind dasselbe, nur in verschiedenen Lebensaltern.

[ 19 ] Das ist es, was der Gegenwart ganz besonders notwendig ist zu durchschauen. Sie kommt sonst nicht zu einer Erfassung des sozialen Lebens. Man muß heute schon den Versuch machen, wirklich hineinzudringen mit seinen Gedanken in die reale Wirklichkeit. Das wollen die Menschen heute nicht. Sie wollen an der Oberfläche bleiben.

[ 20 ] Mir wurde vor einigen Tagen eine nette kleine Geschichte, die vor ganz kurzer Zeit in Zürich passiert ist, erzählt. Einer unserer Freunde sprach in Zürich bei einer Universitätsfeier über die wissenschaftliche Bedeutung der Anthroposophie. Darauf hat ein sozialistisch denkender Mann geantwortet, man solle doch heute nicht die Menschen zu solch mystisch Phantastischem erziehen, sondern zu exakter Wissenschaft, habe doch Goethe schon gesagt: «Ins Innre der Natur dringt kein erschaffner Geist.»

[ 21 ] Was dieser schweizerische Abgeordnete vorgebracht hat, rührt doch nur her aus einem oberflächlichen Anschauen der Dinge, die Goethe gesagt hat. Denn indem Goethe diesen Ausspruch Hallers zitiert, sagt er: «Das hör’ ich sechzig Jahre wiederholen und fluche drauf...» So wird heute mit dem geistigen Leben verfahren, so kennt man die Dinge und so ist man heute in einem gewissen Grade doch eine Autorität. In dieser Form ungefähr strebt man aber überhaupt heute an, die Welt kennenzulernen. Ob nun einer glaubt, Goethe habe den Ausspruch getan, auf den er sechzig Jahre «geflucht» hat, oder ob einer als Volkswirtschafter sich das Folgende leistet, das ist schon schließlich einerlei. Ein sehr gelehrt arbeitender Volkswirtschafter, Nationalökonom, hat ein Buch geschrieben über die gebundene und offene Preisbildung. Da hatte er viel nachzuforschen über die Art und Weise, wie, ich möchte sagen, die Volkswirtschaft sozial gemacht werden könnte. Unter den verschiedenen Dingen, die er da bespricht, ist auch dieses. Er sagt: Schon Georg Brandes habe gesagt, das Volk werde in seinen sozialen, in seinen wirtschaftlichen Handlungen nicht durch Vernunft, sondern durch Instinkte geleitet. Daher müsse man das Volk aufklären. Man müsse Aufklärungen unter das Volk bringen.

[ 22 ] Nun ist Georg Brandes kein tiefdenkender Mann; aber man kann da erwidern: An so und so vielen Universitäten sind so und so viele Volkswirtschafter; die sind aufgeklärt. Aber wenn sie miteinander wirtschaften, dann arbeiten unter ihnen die Instinkte genau so wie unter den anderen, durchaus nicht anders. Denn so wie die Dinge heute sich gestaltet haben, gerade durch die hochentwickelte Intelligenz, sind für das soziale Leben nur die Instinkte geblieben. Die Instinkte wirken. Aber jetzt muß man weitergehen. Jetzt muß man sich fragen: Wie bringt man Licht in dieses Wirken der Instinkte hinein? — Denn einzig und allein das kann eine soziale Bedeutung haben. Es ist einfach Unsinn, zu glauben, daß eine Mehrheit von Menschen durch diese Instinkte geleitet werden kann. Das kann sie nicht. Die Instinkte rühren einfach vom Zusammenleben der Menschen her. Da muß etwas hinein, was diese Instinkte verwandelt, was in diese Instinkte hinein kann. Vernunft kann nicht in die Instinkte hinein. Wir haben uns zu erinnern an das alte instinktive Schauen; es hat sich entwickelt in unseren Intellektualismus. Aber dieser Intellektualismus lebt ja nur in dem inneren geistigen Dasein des Menschen. Dagegen sind die äußeren sozialen Wirkenskräfte vom Instinkt durchtränkt. In diesen Instinkt muß wiederum etwas eindringen, was verwandt ist mit diesem instinktiven Schauen, aber einen Einschlag aus der Geistigkeit hat: es muß die Imagination eindringen. Wir haben also: Altes instinktives Schauen — Intellekt — Imagination. Nur die Imagination, wie wir sie nennen in der Geisteswissenschaft, gibt die Kraft, in das instinktive Leben Licht hineinzubringen.

[ 23 ] Was uns befähigt, rein äußerlich die Dinge wissenschaftlich zu begreifen, Botanik, Zoologie, Mathematik zu schaffen, das kann vom Intellekt gespeist werden, nicht aber das, was menschliches Zusammenwirken bedeutet. Was wir Imagination genannt haben, das muß hinein. Die Imagination muß das soziale Leben durchdringen. Das ist es, worauf es ankommt. In allem sozialen Leben, das bis in die neueste Zeit herauf aus alten Zeiten sich entwickelt hatte, lebten menschliche Instinkte. Im Grunde genommen hat erst im zweiten, im dritten Drittel des 19. Jahrhunderts die Menschheit den Eintritt in das Zeitalter vollzogen, das nicht mehr alte Instinkte will. Sie können es ganz genau nachweisen, daß noch um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert in dem sozialen Dasein durchaus noch alte Instinkte lebten. Die Unsicherheit dieser Instinkte ist erst in dem Zeitalter eingetreten, in dem gerade der Intellekt am glänzendsten sich entwickelt hat. Das soziale Leben blieb dann Tradition.

[ 24 ] Denken Sie doch nur einmal, welche Riesenmühe die Menschen gehabt haben im 19. Jahrhundert, um überhaupt noch sittliche Anschauungen zu haben. Sie haben in der abstraktesten Weise konservieren müssen, was aus alten Zeiten erhalten war. Und es ging ja nur notdürftig, die alten moralischen Ideale als Petrefakte fortzupflanzen. Wir brauchen heute eine Neugeburt des Moralischen, denn nur das kann wiederum auch das Soziale hervorbringen. Das kann aber nicht hervorgehen aus dem Intellekt, sondern einzig und allein aus der moralischen Intuition. Die Phantasie, die moralische Phantasie muß sich zur geistigen Welt erheben, um sich aus der geistigen Welt zu befruchten. Darauf kommt es heute an, sonst geht die Menschheit in den Verlust der moralischen Impulse hinein.

[ 25 ] Jene abstrakten Bekenntnisse, die nur nach dem Glauben hintendieren, können aus diesem Glauben heraus keine Kraft für das Leben finden. Glaube allein gibt zwar etwas dem Seelenegoismus; aber mit dem Seelenegoismus kann man eben zur Not noch als einzelner Mensch leben. Will man ins Handeln eingreifen, und das bedeutet ja, im Sozialen sich betätigen, dann ist notwendig, daß geistig-seelisches Lebensblut uns durchdringt. Das aber kann nur vom konkreten geistigen Leben kommen. Das muß durch die anthroposophische Bewegung fließen, dieses Bewußtsein von der Lebenskraft anthroposophischer Weltanschauung.

[ 26 ] Pantheismus ist ein beliebter Vorwurf, der gerade auch gegen so etwas wie anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft erhoben wird. Pantheismus ist vor den gegenwärtigen Bekenntnissen Kerzerei, ist die Verirrung, daß in den Dingen, die uns umgeben, das Göttliche lebe. Aber warum nennen die gegenwärtigen Bekenntnisse unsere anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft eine Ketzerei? — Weil diese Bekenntnisse ganz von Materialismus durchsetzt sind! — Gewiß, wenn der Jesuit die Welt ringsherum nur für eine Materie ansieht, dann ist es eine Gotteslästerung, zu sagen, diese Materie sei Gott. Aber kann denn anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft etwas dafür, daß der Jesuit X die Welt ringsherum nur für Materie anschauen kann? — Sie ist nicht Materie, sie ist Geist, und das, was der Jesuit X in der Welt ringsherum als Materie erkennt, das zeigt anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft als Illusion. Man erklärt gar nicht die Welt, die man da für Illusion erklärt, als das göttliche Sein, selbstverständlich nicht. Allein es ist etwas anderes, das, was einen umgibt, für göttlich zu erklären, wenn man zu gleicher Zeit das äußere sinnliche Dasein als Illusion erkennt, als wenn man es als grobklotzige Materie ansieht und dann diese grobklotzige Materie für das Göttliche erklären wollte.

[ 27 ] Sie sehen, wie weit auseinander die Dinge sind, die der andere meint, und die hier wirklich innerhalb unserer anthroposophischen Geisteswissenschaft da sind. Aber wir dürfen nicht müde werden, diese Dinge tatsächlich vor der Welt geltend zu machen. Sonst kann das vorkommen, was jüngst hier in einer Schweizer Zeitung gestanden hat als ein Einwand gegen meine Methode, zur Geist-Erkenntnis zu kommen. Da wird ungefähr gesagt, ich behauptete, man könne den Geist schauen; aber das ginge doch nicht, denn der Geist sei doch nichts Sinnliches, und nur das Sinnliche könne man schauen. Den Geist könne man nicht greifen, also könne doch niemand den Geist schauen.

[ 28 ] Sie sehen, es ist wirklich eine trostlose Art, die da auftritt, die in nichts Geringerem wurzelt als eben darin, daß der Betreffende sagt, er könne nicht den Geist schauen, also könne niemand irgend etwas vom Geist sagen; vom Geist könne man nichts wissen, denn den Geist könne man nicht greifen. Und in solcher Variante spielt sich der Gedankengang eines ganzen Feuilletons ab. Das ist es, was in der Gegenwart so furchtbar verheerend wirkt, daß die Menschen eben nicht das Bewußtsein haben, zu Ende lesen zu müssen oder überhaupt sich mit den Dingen bekanntmachen zu müssen. «Ins Innre der Natur dringt kein erschaffner Geist», so heißen die zwei ersten Zeilen bei Goethe. Bei ihnen bleibt man stehen und merkt nicht, daß Goethe gleich anschließend sagt: «Drauf fluche ich seit sechzig Jahren!»

[ 29 ] Was wir in der Gegenwart überall feststellen müssen, das ist die Oberflächlichkeit; man kann nicht oft genug darauf aufmerksam machen. Wir müssen überall diesen furchtbaren Hang zur Oberflächlichkeit aufspüren. Er äußert sich ja heute vorzugsweise, wo er auch äußerlich furchtbar schädlich wirkt, auf dem Gebiete des sozialen, des ökonomischen Denkens. Da will man nicht in die Dinge untertauchen, nicht in das untertauchen, was in der Natur der Dinge liegt.

[ 30 ] Es wurde mir zum Beispiel heute mitgeteilt, daß Menschen eines gewissen Gebietes sagen — es wird ja häufig gesagt — die «Kernpunkte der sozialen Frage» seien so schwer zu fassen. Ich denke mir, wenn jemand sagt: Etwas ist schwer zu fassen —, dann will er etwas Leichtes haben, etwas, was er leicht fassen kann. Wenn man aber mit dem, was einer leicht fassen kann, im sozialen Leben nichts anfangen kann, wenn man damit eben nur pfuscht, wenn es eben nötig ist, das gerade zu fassen, was einem ein bißchen schwer wird, wobei man sich ein bißchen anstrengen muß, weil es gerade das Notwendige für ein heutiges soziales Denken ist, etwas Schwereres zu denken, wenn das gerade der ungeheure Schaden der neuesten Zeit gewesen wäre, daß die Leute das soziale Leben mit leicht faßlichen Gedanken durchdringen wollten und es daher ruiniert haben, dann wäre der Ausspruch, eine Sache sei schwer auf diesem Gebiete, geradezu frivol! Und das ist er im Grunde genommen auch. Es handelt sich darum, daß man eben gar nicht diesen innerlich frivolen Gedanken hegt, die Sache sei schwer. Denn wenn die Gedanken eben so gegeben würden, wie man sie haben will, dann taugen sie zu nichts anderem als zum Pfuschen. Zum sachgemäßen Arbeiten wird es eben notwendig sein, diese scheinbare Schwierigkeit wirklich zu überwinden und sich auf die Sache einzulassen. Das ist es, worauf es ankommt. In dieser ernsten Weise sollte man sich mit den Angelegenheiten des Lebens in dieser ernsten Zeit befassen.

[ 31 ] Davon wollen wir dann morgen weiterreden.