Die Verantwortung des Menschen für die Weltentwickelung
durch seinen geistigen Zusammenhang
mit dem Erdplaneten und der Sternenwelt
GA 203
22 Januar 1921, Stuttgart
Sechster Vortrag
[ 1 ] Auf Grundlage derjenigen Dinge, die wir in der letzten Zeit hier besprochen haben, möchte ich nunmehr einzelnes vorbringen, was Ihnen als Angehörige der anthroposophischen Bewegung nützlich sein kann zur Verteidigung da, wo aus dieser oder jener Ecke heraus in besonderen Fällen diese anthroposophische Bewegung mit alledem, was jetzt in ihrem Gefolge auftreten muß, angegriffen wird. In der letzten Zeit sieht man überall Angriffe auftreten — es sind ja Angriffe genug da, aber ich will heute nur eine bestimmte Sorte charakterisieren —, welche sich richten gegen unsere praktischen Unternehmungen, gegen das, was an Lebenspraxis herauswachsen muß aus der anthroposophischen Bewegung. Ja, man kann hören, wirklich in ausgedehntem Maße: Die Leute gründen einen «Kommenden Tag», die Leute gründen ein «Futurum», was wollen sie damit? — Sie wollen durch diese Begründungen ja doch nichts anderes, als auch solche praktische Dinge für Menschen einrichten, die sich zur anthroposophischen Weltanschauung bekennen. — Also es würden gewissermaßen auch ökonomische Begründungen deshalb unternommen, um gerade denen, die sich zur anthroposophischen Weltanschauung bekennen, eine gewisse Macht, wenn auch zunächst eine ökonomische Macht zu verschaffen.
[ 2 ] Wenn man sich genauer bekümmerte um das, was solchen Unternehmungen zugrunde liegt, wie sie hervorgehen aus dem ganzen Geist der anthroposophischen Bewegung, so würde solch ein Vorwurf eben doch nicht aufkommen können. Aber es ist andererseits nicht zu leugnen, daß auch von denjenigen Menschen, die innerhalb der anthroposophischen Bewegung stehen, oftmals Dinge gesagt werden, welche reichlich dazu beitragen, daß solche Mißverständnisse entstehen können. Es ist aber nach der ganzen Art und Weise, wie das, was hier Anthroposophie genannt wird, sich zur Welt stellen will, durchaus unmöglich, daß ein solches Urteil irgendwie berechtigt gefällt werden könnte. Das allerdings wird erst demjenigen klar, der den ganzen Geist gerade dieser anthroposophischen Bewegung ins Auge faßt.
[ 3 ] Diese anthroposophische Bewegung rechnet durchaus mit alledem, was als Kräfte in der Entwickelung der Menschheit liegt. Wie oft ist betont worden, daß die Entwickelung der Menschheit gewisse Wendepunkte durchmacht, und daß man diese Wendepunkte beobachten muß. Ich möchte zunächst auf einen solchen wichtigen Wendepunkt aufmerksam machen, um gerade daran zu zeigen, wie wenig berechtigt das Urteil sein kann, daß wir eine bestimmte Lehrmeinung, eine bestimmte Dogmatik an die Menschen heranbringen wollen.
[ 4 ] Gewiß, es kann, ich möchte sagen, wie eine Art Anomalismus, wie eine Art Auswuchs des Fanatismus sich bei dem einen oder anderen Anthroposophen geltend machen, eine bestimmte Lehrmeinung zu vertreten; vielleicht macht sich diese Anomalie sogar bei vielen geltend; aber im Geiste der anthroposophischen Bewegung liegt das nicht. Denn wenn wir aus dem Geiste dieser Bewegung heraus zurückschauen auf die Menschheitsentwickelung, so finden wir, daß in jenen älteren Zeiten, in denen das instinktive Schauen unter den Menschen verbreitet war, die ganze menschliche Seelenverfassung eine andere war, daß der Mensch sich überhaupt ganz anders in die Welt hineinstellte.
[ 5 ] Was wollten denn eigentlich diejenigen Stätten in den älteren Zeiten der Menschheitsentwickelung, die wir oftmals als Mysterien bezeichnet haben? — Lassen wir alles das, was Einzelheiten sind, weg und fassen wir den Sinn des Mysterienwesens auf.
[ 1 ] Diejenigen, die für reif und geeignet befunden wurden, in die Mysterien aufgenommen zu werden, waren während ihrer Erdenzeit, also in der Zeit zwischen Geburt und Tod, einmal teilhaftig einer gewissen Belehrung, die ihnen gegeben wurde von den Leitern dieser Mysterien und die von dem kam, was diese Leiter der Mysterien über übersinnliche Welten mitzuteilen hatten. Kein solcher Mysterienleiter machte einen Hehl daraus, daß nach seiner Meinung innerhalb der Mysterien die Lehre nicht allein von den Menschen ausging, sondern daß durch die besonderen Kultushandlungen, die in den Mysterien vollzogen wurden, übermenschliche, göttlich-geistige Wesenheiten während der Mysterienhandlung anwesend waren, und daß mit Hilfe dieser, sagen wir anwesenden Götter die Belehrung und alles das, was damit zusammenhing, vollzogen wurde. Das Wesentliche dabei ist also, daß die Einrichtungen der Mysterien so waren, daß sie gewissermaßen anzogen göttlich-geistige Wesenheiten, die durch den Mund derer, die die Leiter der Mysterien waren, den Unterricht abgaben an die, welche die Schüler der Mysterien waren
[ 6 ] Es war alles in den älteren Zeiten innerhalb der Menschheit sozial so eingerichtet, daß nicht nur von denen, die Leiter oder Schüler der Mysterien waren, sondern durchaus auch von denen, die draußen, außerhalb der Mysterien waren und die nicht mitmachen konnten das Leben in den Mysterien, diese ganze Einrichtung als eine soziale Einrichtung akzeptiert wurde. Es war ja durchaus so — man braucht nur an Ägypten zu denken —, daß diejenigen, die die Lenker des Staatswesens waren, ihre Direktiven aus den Mysterien empfingen. Die Mysterien wurden als die selbstverständlichen Leitungsstätten angesehen für alles das, was innerhalb des sozialen Lebens zu geschehen habe.
[ 7 ] Heute kann man ja auch einen esoterischen Unterricht erteilen, welcher in Formen ablaufen kann, die ähnlich diesen alten Mysterieneinrichtungen sind, allein er hat doch einen anderen Sinn. Das ist es eben, daß zwischen unserer Zeit und zwischen der alten Zeit in bezug auf solche Dinge ein bedeutsamer Wendepunkt in der Menschheitsentwikkelung liegt. In dieser alten Zeit war der Mensch durchaus darauf angewiesen, diese Belehrung, die ihm durch die Mysterien gegeben werden sollte, diese Belehrung, durch die er gewissermaßen an göttlich-geistige Wesenheiten selbst herantrat, zu empfangen während der Zeit zwischen Geburt und Tod. Nun ist diese Sache anders geworden. Wir leben eben nach jenem Wendepunkt der Menschheitsentwickelung, in dem die Sache anders geworden ist. Dasselbe, was dazumal der Mensch zwischen der Geburt und dem Tode durch die Mysterien gelernt hatte, das lernt er heute, bevor er durch die Empfängnis oder Geburt in einen physischen Leib herabsteigt. Er lernt es nach seinem Karma, nach den Vorbereitungen in einem früheren Erdenleben. Also das, was der Mensch zwischen der großen Mitternachtsstunde des Daseins und der Geburt durchmacht, das ist etwas, was diese Belehrung zugleich einschließt.
[ 8 ] Sie werden das, was in anderen Zusammenhängen über diese Dinge gesagt werden muß, auch angedeutet finden in einem Zyklus, den ich 1914 in Wien gehalten habe über das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Aber was dort nur angedeutet, worauf dort nur mit ein paar Strichen hingedeutet ist, das will ich nunmehr etwas näher charakterisieren.
[ 9 ] Also etwas dem alten Mysterienunterricht Ähnliches erlebt der Mensch heute, bevor er aus dem präexistenten Zustande in den physischen Leib herabsteigt. Das ist ein Faktum, mit dem derjenige rechnen muß, der durch Geist-Erkenntnis in der Wirklichkeit drinnensteht. Man kann heute nicht über den Menschen, der geboren wird, so denken, wie man in alten Zeiten gedacht hat. In alten Zeiten hat man gewissermaßen den Menschen so betrachtet, daß man sagte: Der Mensch steigt auf die Erde herunter und ist dazu berufen, durch das Mysterienwissen eingeweiht zu werden in das, was er eigentlich als Mensch ist. — So liegen die Dinge heute nicht. Das, was ich gesagt habe, war für Menschen, welche eine geringere Anzahl von Erdenleben durchgemacht hatten als die heutigen Menschen, die in ihren früheren Erdenleben viel in ihre Seele aufgenommen haben, was eben dazu führt, daß sie eine gewisse Unterweisung von seiten der göttlich-geistigen Wesenheiten in dem präexistenten Zustande durchmachen können.
[ 10 ] So etwas muß man heute voraussetzen, wenn man dem Kinde gegenübertritt. Man hat heute nicht mehr die Aufgabe, in das Kind gewissermaßen hineinzugießen, was in alten Zeiten in es hineingegossen werden mußte. Man hat heute die Aufgabe, sich zu sagen: Das Kind :st belehrt, es hat nur seinen physischen Leib um die belehrte Seele herumgelegt, und es muß durch die Hülle durchgedrungen werden, es muß das herausgeholt werden, was vorgeburtliche Götterbelehrung ist. So müssen wir heute pädagogisch denken. Wenn wir im Sinne wirklicher anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft denken, so ist uns klar, daß wir im Grunde durch allen Unterricht nichts anderes tun können, als die Hindernisse hinwegräumen, die sich vorlagern vor dem Herauskommen dessen, was das Kind sich hier in die Welt aus dem vorgeburtlichen Leben mitbringt. Deshalb wird ja in unserer WaldorfschulPädagogik so unendlich großer Wert darauf gelegt, daß der Lehrer wirklich das Kind betrachtet als etwas, was vor ihm steht wie ein Rätsel, das er zu enträtseln hat, bei dem er darauf zu kommen hat, was es in sich birgt. Er hat durchaus nicht den Hauptwert darauf zu legen, irgend etwas, was er sich vorgenommen hat, in das Kind hineinzutrichtern, er hat niemals in irgendeiner Weise dogmatisch vorzugehen, sondern er hat das Kind selber als seinen Lehrmeister zu betrachten, nämlich zuzusehen, wie das Kind durch sein besonderes Verhalten verrät, wie die Hüllen zu durchdringen sind, damit aus dem Kinde selbst die Götterbelehrung herauskommt. So daß diese Waldorfpädagogik und -didaktik ja darinnen besteht, eben gerade dem Kinde die Hüllen hinwegzuschaffen, daß es zu sich selbst kommt, daß es das in sich entdeckt, was Götterbelehrung ist. Deshalb sagen wir uns: Wir haben gar nicht nötig, irgend etwas, was wir ausgedacht haben als Theorie, was noch so schön in Büchern steht, dem Kinde einzupfropfen. Das überlassen wir denjenigen, die in alten traditionellen Religionsbekenntnissen fußen und die Kinder zu Katholiken oder Evangelischen oder zu Juden machen wollen. Aber so ist es nicht. Wir wollen auch nicht eine anthroposophische Pädagogik den Kindern einpfropfen; wir benützen das, was wir als Anthroposophie kennen, nur dazu, uns geschickt zu machen, den lebendigen Geist, der in dem Kinde lebt aus der Präexistenz, zum Dasein zu rufen. Wir wollen eine Handhabung des Unterrichtes aus der Anthroposophie gewinnen, nicht eine Summe von Dogmen, die wir lehrhaft dem Kinde übermitteln. Wir wollen geschickter werden. Wir wollen eine didaktische Kunst entwickeln, um das aus dem Kinde zu machen, was es in der charakterisierten Weise werden soll. Wir sind uns klar darüber, daß alles andere Wissen, das heute von den verschiedensten Seiten her an den Menschen herangebracht wird, zwar den Kopf belehrt, daß es aber nicht den Menschen zum pädagogisch-didaktischen Künstler macht, weil es nicht den ganzen Menschen ergreift, sondern eben nur den Kopf. Anthroposophisches ergreift den ganzen Menschen, macht ihn zu einem Handlanger derjenigen «Kunstgriffe», möchte ich sagen, die in der eben gekennzeichneten Weise mit der Schülerschar vorgenommen werden müssen. Daher benutzen wir Anthroposophie, um geschickte Lehrer zu werden, nicht aber, um sie den Kindern beizubringen. Denn wir sind uns klar darüber: Der Geist ist ein Lebendiges, nicht eine Summe von Begriffen, von Ideen, und er erscheint aus jedem Kinde auf eine individuell besondere Art, wenn wir in der Lage sind, das ins Bewußtsein zu bringen, was es durch die Geburt hereinträgt auf diese Erde. Wir würden diese Erde verarmen machen, wenn wir das, was in einer Summe von Begriffen besteht, dem Kinde beibringen wollten. Dagegen machen wir die Erde reicher, wenn wir in dem Kinde das, was ihm die Götter gegeben haben, was es hier auf die Erde mit herunterbringt, hegen und pflegen. Da erscheint, was lebendiger Geist ist, in so und so viel Menschenindividuen, nicht das, was die eine Anthroposophie an diese Menschenindividuen heranbringt, um sie angeblich zu uniformieren. Also den lebendigen Geist zum Leben zu bringen, das ist es, um was es sich dabei handelt. Daher haben wir gar kein Interesse, irgendeine anthroposophische Dogmatik an die Kinder heranzubringen.
[ 11 ] Das ist die eine praktische Einrichtung, welche hervorgegangen ist aus anthroposophischer Geisteswissenschaft. Diese besondere Didaktik, die didaktische Kunst ist durchaus verschieden von alledem, wovon die Menschen sich bisher Vorstellungen gemacht haben, weil sie sich gar nichts anderes denken können als: Ich glaube an eine bestimmte Dogmatik, also ist es das beste, den Kindern auch diese Dogmatik beizubringen. — Das interessiert uns gar nicht, den Kindern eine Dogmatik beizubringen, weil wir wissen, daß das Kind eine Botschaft mitbringt, wenn es durch die Geburt ins Dasein tritt, und daß man diese Botschaft verderben würde, wenn man ihm eine Dogmatik entgegentrüge. Der Geist braucht nicht in abstrakter Weise kultiviert zu werden. Wenn man imstande ist, ihn durch Anthroposophie zu lösen, ihn zum Dasein zu bringen, dann ist er als lebendiger Geist da, nicht als eine Summe von Lehrmeinungen. Diese Lehrmeinungen sind eben nur als ein Mittel da, um den lebendigen Geist in der Menschheit zu wecken und in fortdauernder Entwickelung zu halten. Deshalb ist es ungerecht, wenn der Glaube verbreitet wird, daß wir in der Waldorfschule oder in irgend etwas, was wir pädagogisch einrichten, dogmatische Anthroposophie treiben wollen. Wir wollen weder dogmatische Anthroposophie treiben, noch den einzelnen Wissenschaften irgendwie Anthroposophie aufdrücken. Im Gegenteil, wir wollen auch in den einzelnen Wissenschaften die Individualität dieser Wissenschaft zur Geltung bringen. Wir sind uns durchaus klar darüber, daß es sich darum handelt, gerade mit der Anthroposophie etwas in die Welt zu schaffen, was alle Dogmatik auslöscht, was gerade überall, auf allen Gebieten die Individualität in die Welt bringt. Von diesem Gesichtspunkte aus mußte dieser aus allen Ecken heraus pfeifende Angriff zunächst zurückgewiesen werden, wenn es sich darum handelt, daß auf irgendeinem Wissenschaftsgebiete oder auf dem Schulgebiete wir Anthroposophie als Lehrmeinung in die Welt hineintragen wollten.
[ 12 ] Was nun unsere praktisch-wirtschaftlichen Betätigungen betrifft, so ist es ja gerade in den letzten Wochen, und zwar mit einer merkwürdigen Einhelligkeit sowohl drüben in Deutschland wie auch in der Schweiz als auch in anderen Orten bei Gelegenheit der letzten Veröffentlichungen des «Kommenden Tages» und des «Futurums» hervorgetreten, daß die Leute sagten: Da sollen lauter Anthroposophen vereinigt werden, damit diese nun auch ökonomische Einrichtungen haben und dergleichen; den anderen Leuten wird höchstens der Zutritt gestattet, aber es wird ihnen keine besonders bedeutsame Stimme in der Verwaltung gelassen und so weiter. — Das widerspräche, wenn wir so etwas wollten, nun gerade dem Prinzip, auf dem wir stehen: daß wir die Entwickelung der Menschheit in allen Einzelheiten wirklich ins Auge fassen und uns darnach richten, nicht etwas absolut Richtiges wollen, sondern uns fragen: Was muß gerade heute geschehen? — Und da müssen wir dann auf den zweiten Wendepunkt in der Entwickelung der Menschheit aufmerksam machen. Okonomische, wirtschaftliche Einrichtungen werden ja heute überall noch aus einem gewissen Trägheitsprinzip in den Menschen herausgeboren. Sie wurden früher aus einem kleinen Kreise herausgeboren in kleine Territorien hinein; sie werden jetzt dadurch, daß die Staaten ökonomische Unternehmungen geworden sind, daß an die Stelle der einzelnen Unternehmungen die Unternehmerimperien getreten sind, ins Riesenhafte ausgedehnt, und werden zu diesen heute nur mehr aus der Trägheit entspringenden Unternehmungen. Man redet heute von «Volkswirtschaft», man schmiedet also zwei Dinge zusammen. Jener eigentümliche Gruppengeist, der ein Volk zusammenhält, er ist ja äußerlich, ich möchte sagen, verleiblicht in dem Blute. Nun sind die Weltenverhältnisse längst solche geworden, daß mit jener Art von Gruppenzusammengehörigkeit, die sich im Blute ausdrückt, das heutige Wirtschaften auch nicht das allergeringste mehr zu tun haben kann, wenn gesunde Verhältnisse walten. Es ist heute etwas, was im eminentesten Sinne krankhafte wirtschaftliche Verhältnisse ausdrückt, wenn, sagen wir, um die Rheingrenze gestritten wird, weil man jenseits des Rheines eine andere Wirtschaftsgemeinschaft haben will als diesseits des Rheines, und zwar aus volkhaften Vorausserzungen heraus. Diese volkhaften Voraussetzungen waren aus ganz anderen Kräften heraus entstanden, sie haben nichts mehr zu tun mit dem, was heute Weltwirtschaft ist. Diese Dinge sind eigentlich erst im Laufe des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts in eine besondere Krise eingetreten. Da wurde erst so recht bemerklich, welcher Wendepunkt in der Entwickelung der Menschheit da eigentlich zugrunde liegt.
[ 13 ] Der Mensch ist, das haben wir ja gerade auseinandergesetzt, in alten Zeiten gewissermaßen unbelehrt von den Göttern in das physische Dasein eingetreten, mußte durch die Mysterien belehrt werden. Heute tritt er belehrt ein, und es muß nur das, was in seiner Seele ist, ihm zum Bewußtsein gebracht werden. In alten Zeiten war in bezug auf das soziale, das wirtschaftliche Zusammenleben eben einfach die Menschheit so eingerichtet, daß der Mensch in den sozialen Zusammenhang, in die Gruppe hineingeboren worden ist. Er war in die Gruppe hineingeboren nach den Kräften, die in ihm gewirkt haben vor der Geburt. Es war nicht allein das Prinzip der physischen Vererbung, das zum Beispiel den ältesten Formen der Menschenungleichheit, den Kasteneinteilungen zugrunde gelegen hat. In den ältesten Kasteneinteilungen war es durchaus so, daß die Leiter der sozialen Ordnung sich gerichtet haben nach der Art und Weise, wie der Mensch vor seiner Geburt oder vor seiner Empfängnis vorbestimmt wurde für eine bestimmte Gruppe unter den Menschen. Der Mensch war wirklich in den Zeiten, in denen noch weniger Erdeninkarnationen in seinem vorhergehenden Dasein lagen, durch diese wenigen Inkarnationen in einer ganz bestimmten Weise in Gruppen hineingeboren, und innerhalb dieser Gruppen nur konnte er sich sozial entfalten. Wer im alten Indien einer bestimmten Kaste angehörte, würde, wenn er in einer anderen Kaste hätte leben sollen, wegen seiner früheren Inkarnation und dessentwegen, was er vor seiner Geburt in der geistigen Welt durchgemacht hatte, zugrunde gegangen sein. Diesen Kasten lag eben nicht nur Blutsvererbung zugrunde, sondern etwas, was auch geistige Prädetermination war. Darüber ist der Mensch hinausgewachsen. Zwischen unserer Zeit und jener Zeit liegt nun wiederum auch in dieser Beziehung ein Wendepunkt. Die Menschen tragen heute eigentlich nur noch als Scheingebilde die Merkmale der Gruppenhaftigkeit an sich. Die Menschen werden in Nationen hineingeboren, sie werden auch noch in eine gewisse Klassenschichtung hineingeboren; aber in dem Maße, in dem sie dann heranwachsen in einem bestimmten Zeitalter, zeigt es sich schon verhältnismäßig früh in der Kindheit, daß eine solche Determination vom vorgeburtlichen Dasein nicht mehr vorhanden ist. Belehrt werden die Menschen heute von den Göttern im vorgeburtlichen Dasein. Der Stempel einer bestimmten Gruppe wird ihnen nicht mehr aufgedrückt. Das ist etwas, was als ein letzter Rest noch in der physischen Vererbung zurückbleibt. Heute einer Nationalität anzugehören mit seinem Bewußtsein, ist gewissermaßen ein Stück Erbsünde, ist etwas, was nicht mehr in das Seelische des Menschen hineinspielen sollte.
[ 14 ] Dagegen spielt in unserer heutigen Zeit eine bestimmte Rolle, daß der Mensch, indem er heranwächst, zugleich herauswächst aus allen Gruppenbildungen. Aber innerhalb des wirtschaftlichen Lebens kann er nun nicht ohne Gruppenbildung bleiben, denn in bezug auf das wirtschaftliche Leben ist niemals der einzelne maßgebend. Was geistiges Leben ist, steigt aus dem tiefsten Inneren des Menschen herauf, worinnen er eine gewisse Harmonisierung seiner Fähigkeiten nicht nur erlangen kann, sondern durch eine gewisse Schule ergänzen, sogar erhalten sollte. Was aber wirtschaftliches Urteil ist, kann heute niemals von einem einzelnen Menschen ausgehen. Ich habe Ihnen Beispiele dafür angeführt, wie das wirtschaftliche Urteil irren muß, wenn es von einem einzelnen Menschen ausgehen soll. Ich mache noch einmal auf ein Beispiel aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufmerksam.
[ 15 ] Ich habe Ihnen gesagt, daß in einem bestimmten Zeitraume, um die Mitte und in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, überall in Parlamenten und in sonstigen Körperschaften die Diskussion auftrat über die Goldwährung. Was die Redner, die dazumal für die Goldwährung eingetreten sind, vorgebracht haben, waren Auseinandersetzungen unter wirklich recht gescheiten Leuten. Ich sage das nicht aus Ironie, sondern weil die Menschen, die damals über die Goldwährung als Praktiker und als Theoretiker in Parlamenten und anderen Körperschaften gesprochen haben, wirklich sehr gescheit waren, und das, was über die Goldwährung in den einzelnen Ländern gesagt worden ist, gehört eigentlich zu den besten Auslebungen des Parlaments. Und fast überall ist auf eines hingewiesen worden. Aus großem Scharfsinn heraus ist darauf hingewiesen worden, die Goldwährung werde den Freihandel auf die Beine bringen und alles Schutzzollwesen hinwegraffen. — Und wenn man heute noch die Dinge, die dazumal über die Wirkungen der Goldwährung auf den Freihandel gesagt worden sind, liest, hat man seine helle Freude darüber, wie gescheit die Menschen dazumal waren. Aber das gerade Gegenteil ist eingetreten von dem, was die allergescheitesten Leute gesagt haben: Es sind als Folge der Goldwährung überall die Schutzzollbestrebungen aufgekommen. Die Gescheitheit im wirtschaftlichen Leben, die aus den einzelnen Persönlichkeiten hervorging, hat den Menschen gar nichts geholfen. Das könnte man auf den verschiedensten Gebieten nachweisen, denn es ist einmal so, daß der Mensch zwar über das, was eine Erkenntnissache ist in bezug auf die Natur oder sonst eine Erkenntnissache des Menschen, kompetent ist als einzelnes Individuum; in bezug auf wirtschaftliche Dinge ist aber der Mensch niemals kompetent als einzelnes Individuum. Man kann nicht ein Urteil haben über wirtschaftliche Dinge im Konkreten als einzelnes Individuum. Ein wirtschaftliches Urteil kann nur entstehen, wenn sich Menschen zusammenschließen, sich assoziieren, und der eine den anderen stützt, wenn Gegenseitigkeit in der Assoziation herrscht. Es ist nicht möglich, daß der einzelne Mensch zu einem solchen wirtschaftlichen Urteil kommt, das dann in die wirtschaftliche Tätigkeit übergehen kann. Es ist das Gegenteil von dem der Fall, was der Mensch bei irgendeinem Wissensurteil hat. Bei einem Wissensurteil soll er aus dem ganzen Menschen heraus ein umfassendes Urteil abgeben; im konkreten wirtschaftlichen Urteil und Handeln handelt es sich darum, daß der einzelne etwas Partielles weiß, der zweite wieder etwas, der dritte wieder etwas; der Produzent auf einem Gebiete weiß etwas, der Konsument auf diesem selben Gebiete weiß etwas. Das muß zusammenfließen; es muß ein Gruppenurteil, ein Kollektivurteil entstehen. Mit anderen Worten: die alten Gruppenbildungen sind abgetan; aus dem wirtschaftlichen Leben müssen durch die Menschen selbst Gruppenbildungen entstehen. Das müssen die Assoziationen des wirtschaftlichen Lebens sein.
[ 16 ] Es geht aus dem Begriff einer notwendigen Entwickelungskraft hervor, daß das assoziative Leben die Menschen ergreifen muß; dieses assoziative Leben muß die alten Gruppenzusammenhänge ablösen, die sich heute nur noch wie eine Erbsünde durch die Menschheit hindurch fortpflanzen.
[ 17 ] Wenn wir das bedenken, so werden wir uns ja auch sagen: In bezug auf das Wissen sind in alten Zeiten die Menschen unbelehrt auf die Erde herabgestiegen; in den Mysterien haben sie das Wissen empfangen. Sie steigen heute belehrt herab, und wir haben unsere Didaktik so einzurichten, daß wir das, was die Menschen von den Göttern gelernt haben, aus ihnen herausholen. In bezug auf wirtschaftliche Einrichtungen waren die Menschen früher determiniert; es war ihnen gewissermaßen von den Göttern der Stempel aufgedrückt. Sie wurden in irgendeine Kaste, in irgendeine Gruppe hineingeboren. Das ist vorbei. Die Menschen werden ohne Stempel geboren, die Menschen werden gewissermaßen als einzelne Individualitäten hineingestellt in die Menschheit. Die Gruppenbildungen müssen sie selber vollziehen aus ihrer Geistigkeit heraus.
[ 18 ] Es handelt sich ja wirklich nicht darum, solche Menschen zusammenzufassen, welche sich zur Anthroposophie bekennen; ob sie sich zur Anthroposophie bekennen oder nicht, das wird davon abhängen, was sie die Götter gelehrt haben vor ihrer Geburt, ob sie durch ihre früheren Inkarnationen reif waren zu dieser Götterbelehrung und jetzt so herunterkommen, daß wir aus ihnen Anthroposophie hervorholen können. Sie ist in viel mehr Menschen drinnen, als man heute glaubt, und eine große Anzahl ist nur zu faul, um das, was in ihr ist, aus sich herauszuholen, oder aber auch, es ist der Schulunterricht nicht so eingerichtet, daß die Hüllen gelöst werden und die Menschen wirklich zu ihrem Bewußtsein kommen. Auf dem praktischen, namentlich auf dem wirtschaftlichen Gebiete wäre es geradezu sinnlos, die Menschen zusammenzufassen deshalb, weil sie Anthroposophen sind; sondern man faßt das, was Anthroposophie ist, wiederum in dem Sinne auf, um Einsichten zu bekommen in die Art und Weise, wie die Menschen aus ihrem Bewußtsein heraus die Gruppierungen suchen, suchen müssen nach ihren früheren Inkarnationen. Es handelt sich darum, den Menschen Gelegenheit zu geben, die Gruppenbildungen vorzunehmen, also dasjenige auszuführen, was ganz in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit veranlagt ist. Also auch da kommt nicht in Frage, Menschen, die unter einer bestimmten Dogmatik leben, zusammenzugruppieren, sondern Menschen, die durch ihre vorhergehenden Erdenleben dazu berufen sind, die Möglichkeit zu geben, in Gruppen sich zusammenzufinden. In diesen Dingen stecken ja, sobald man aus dem Abstrakten ins Konkrete übergeht, außerordentlich viele Rätsel, und, ich möchte sagen, außerordentlich viel geheimnisvolle Dinge. Denn ob Menschen zu der einen oder zu der anderen Gruppe gehören, das ist durchaus nicht eine Sache von großer Einfachheit.
[ 19 ] Die Sehnsucht, die die Menschen nach großer Einfachheit haben, tritt ja in einer merkwürdigen Weise auf. Da wurde mir eben eine kleine Mitteilung über einen Vortrag gegeben, den der löbliche Frohnmeyer wiederum über Theosophie und Anthroposophie gehalten hat, und da wird gesagt: «Die am Schlusse angebrachte, rein persönliche Gegenüberstellung zum Christentum erinnerte an die bekannte Tatsache, «daß es leider diese Leute verdrießt, wie das Große so einfach is.» Er meint offenbar, die Anthroposophen verdrieße es, daß das Große so einfach ist, wie es die Faulheit des Pfarrers Frohnmeyer gern haben möchte, weil er sich nicht anstrengen möchte, das Große in seiner Differenziertheit zu kennen. Man muß nur die Dinge immer in die richtige Sprache übersetzen! Das ist es, was wir gerade als Aufgabe haben: die Dinge in die richtige Sprache zu übersetzen.
[ 20 ] Selbstverständlich kann es sich ja nicht darum handeln, jedem die Lehre von dem Belehrtwerden der Menschen vor ihrer Geburt, die Lehre von dem Hineingeborenwerden in Gruppen früher und Nichthineingeborenwerden in Gruppen jetzt, gleich an den Kopf zu werfen; aber wir selbst können uns von diesen Wahrheiten durchdringen lassen und werden dann die Möglichkeit finden, aus der Art und Weise, wie vorgegangen wird, den Leuten zu zeigen, daß wir ebenso weit davon entfernt sind, Dogmatik in die Schule einzuführen, wie davon, Leute, die sich zu einer bestimmten Dogmatik bekennen, in wirtschaftlichen Gruppen, in wirtschaftlichen Assoziationen zusammenzufassen.
[ 21 ] Das ist auch bei unserer Stuttgarter Waldorfschule eingehalten worden, wo Sie sehen, daß wir gar kein Interesse daran hatten, etwa den Kindern Anthroposophie beizubringen. Wir wollen eine solche Unterrichtsmethode haben, die man eben nur durch Anthroposophie gewinnen kann. Und das ist etwas rein Sachliches. Aber für diejenigen Kinder, die es wollen oder deren Eltern wollen, daß sie in der katholischen Religionslehre unterrichtet werden, kommt ein katholischer Pfarrer, und für diejenigen, die evangelischen Religionsunterricht bekommen sollen, kommt der evangelische Pfarrer in die Waldorfschule. Wir legen diesen Menschen kein Hindernis entgegen. Nur war es nötig in der heutigen Zeit, wo so viele Eltern, namentlich Eltern aus dem Proletariat, überhaupt nicht mehr daran denken, ihre Kinder in den katholischen oder evangelischen Religionsunterricht zu schicken, diese Leute zu fragen, ob sie vielleicht einen freien, aus anthroposophischer Erziehung herausgeborenen Religionsunterricht haben wollen. Und da zeigte es sich allerdings, daß diejenigen, die sonst religionslos erzogen würden, die überhaupt in gar keinen Bekenntnisunterricht heute mehr hineingehen würden, sehr zahlreich zum sogenannten anthroposophischen Religionsunterricht kommen, der aber nicht Anthroposophie lehrt, sondern der eben nur aus Anthroposophie herausgeboren ist. Daß nun diese Kinder eifriger bei ihrem Religionsunterricht sind als die beim katholischen oder evangelischen Pfarrer, dafür können wir ja nichts, sondern vermutlich der katholische oder der evangelische Pfarrer. Daß die Sache so weit getrieben worden ist, daß nach und nach eine Anzahl Kinder zum anderen Religionsunterricht herübergegangen ist, und daß es so weit gekommen ist, daß dann, ich glaube, der evangelische Religionslehrer gesagt hat: Nächstens werde ich überhaupt niemanden hier haben in meiner Klasse, weil mir alle davonlaufen —, das ist auch ganz gewiß nicht unsere Schuld. Aber das war schon im vorigen Jahre. War es uns etwa darum zu tun, irgendwelche Dogmatik an die Kinder heranzubringen? Wir: haben gar kein Interesse daran. Wir wissen, wenn es unserer Methode gelingt, die Hülle — wie ich es ausgeführt habe — hinwegzuschaffen, werden die Kinder den besten Unterricht haben, nämlich denjenigen, den sie vor ihrem Heruntersteigen auf die Erde in der geistigen Welt empfangen haben.
[ 22 ] Allerdings, diesen Unterricht zu trüben, diesen Unterricht ja nicht herauszulassen, das liegt sehr stark im Interesse gewisser Religionsbekenntnisse. Denn wer zum Beispiel vergleichen kann das merkwürdige Verhältnis, in dem päpstliche Enzykliken heute zu dem stehen, was in der geistigen Welt vorgeht, der weiß allerdings, daß der göttliche Religionsunterricht, den die Kinder vorher, bevor sie heruntersteigen in die Welt, genießen, durchaus nicht der ist, den man ihnen von gewissen Religionsbekenntnissen her in der Welt heute geben möchte. Insbesondere an der katholischen Kirche ist das zu bemerken, weil die katholische Kirche durch ihren Kultus, durch ihre Zeremonien, im Gegensatz zu der evangelischen Kirche, immer noch übersinnlichen Einfluß hat; aber der übersinnliche Einfluß kann in verschiedenster Weise zutage treten, und man kann schon sagen: Es kann etwas ein Irrtum dadurch sein, daß es in einer gewissen Weise abweicht von der Wahrheit; es kann etwas ein Irrtum auch dadurch sein, daß es das Gegenteil von der Wahrheit ist.
[ 23 ] Und was nun die praktischen Dinge betrifft: die Dinge, die in unseren Sitzungen, die manchmal bis halb drei Uhr nachts, manchmal noch länger dauern, besprochen werden, kann ich Ihnen ja selbstverständlich hier nicht verraten; denn was innerhalb solcher Sitzungen besprochen wird, das gilt eben nur als in diesen Sitzungen besprochen. Aber ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß bei den Sitzungen, die in Angelegenheiten vom «Futurum» und vom «Kommenden Tag» in dieser Weise gehalten werden, nicht über Anthroposophie verhandelt wird, sondern daß da über Dinge verhandelt wird, die ganz anderer Natur sind. Da gibt es Dinge, die durchaus nur in der allerpraktischsten Weise verhandelt werden sollen: wie man am besten das oder jenes Gebiet bewirtschaftet, was mit dem oder jenem zu geschehen hat und so weiter. Da spielt dasjenige, was irgendwie anthroposophisch, theoretisch-anthroposophisch ist, keine Rolle. Sondern was da besprochen wird, soll eben in so geschickter Weise das wirtschaftliche Leben erfassen, wie man es erfaßt, wenn einem die Gedanken in jene Beweglichkeit, in jenes Wirklichkeitsgemäße hineingebracht werden, in die sie hineingebracht werden können bei einer lebendigen Erfassung des Geistes durch Anthroposophie.
[ 24 ] Man braucht ja dann nur die Leute darauf hinzuweisen, daß weder in den Statuten des «Kommenden Tages» noch in denen des «Futurums» anthroposophische Lehrsätze stehen, sondern daß da nur wirtschaftliche Dinge drinnenstehen, und daß es sich ja nur darum handeln kann, daß diese wirtschaftlichen Dinge besser sind als die wirtschaftlichen Dinge der anderen heutigen ähnlichen Unternehmungen. Aber es ist das einer der Punkte, die verteidigt werden müssen, denn, wie gesagt, es ist einer der Angriffe; und diese Angriffe pfeifen ja jetzt aus allen Ecken heraus und werden in der nächsten Zeit, wenn es uns nicht gelingt, unsere Sache in klarer und energischer Weise vor die Welt hinzustellen, sich zusammenballen in einer furchtbaren Weise. Dazu schickt sich alles an. Denn es ist wahr, was ich neulich in Stuttgart sagen mußte: Das, was innerhalb der anthroposophischen Bewegung noch nicht gelernt worden ist, das ist, aufmerksam zu sein auf die Realitäten, wirklich lebendig zusammenzuhalten und die Dinge, um die es sich handelt, in der Welt wirklich geltend zu machen. Die Gegner, das habe ich neulich in Stuttgart ausgesprochen, sind in dieser Beziehung «andere Kerle!». Die organisieren sich und die werden ihre Organisation zeigen. Wir müssen unbedingt unterliegen, wenn man sich nicht bewußt wird, daß diese Gegner andere Kerle sind, und daß man in bezug auf das Gute doch nun schließlich auch so Anstrengungen machen kann, wie heute Anstrengungen gemacht werden für das Schlechte,
[ 25 ] So wollte ich Ihnen heute gerade den einen Punkt vor Augen führen, in bezug auf welchen Sie ganz bestimmt formulierte Angriffe wegen unserer praktischen Unternehmungen hören werden. Wenn Sie die Ohren aufmachen, und das ist natürlich notwendig — im figürlichen Sinne meine ich das —, dann können Sie sie hören, und dann wird es heute auch in dieser Richtung vieles zu verteidigen geben. Ich wollte Ihnen heute das sagen, was Ihnen, ich möchte sagen, die Seele begeistern kann, nach dieser Richtung hin, wenn es nötig ist, Verteidigung zu pflegen. Und dieses «die Seele in Begeisterung versetzen» kann kommen, wenn wir wissen, was es bedeutet hat in alten Zeiten, daß der Mensch unbelehrt durch die Götter auf die Erde herabstieg, daß er jetzt vor der Geburt im präexistenten Zustande belehrt wird und danach das ganze Leben eingerichtet werden muß, und andererseits, was es bedeutet, daß der Mensch in früheren Zeiten determiniert gemäß dem Willen der Götter in Kasten, in Klassen, in Völker, in Stämme und so weiter hineingeboren worden ist, daß das aber nach dem Wendepunkt, der hinter uns liegt, verschwunden ist, daß der Mensch aber aufgefordert wird, aus den wirtschaftlichen Notwendigkeiten heraus selber Gruppen zu bilden im Erdenleben. Das geschieht in den wirtschaftlichen Assoziationen. Gerade die richtige Erkenntnis der Erdenentwikkelung und der geistigen Entwickelung des Menschen und des Zusammenhanges beider zeigt, wie das, was wir «Dreigliederung» nennen, durchaus nicht etwa bloß ein politisches Programm ist, sondern das Ergebnis dessen, was aus einer wirklichen Erkenntnis der menschlichen Entwickelung fließt, was aus einer wirklichen Erkenntnis als eine Notwendigkeit sich in der Gegenwart und für die nächste Zukunft ergibt. Davon wollen wir morgen weiter sprechen.
