Die Verantwortung des Menschen für die Weltentwickelung
durch seinen geistigen Zusammenhang
mit dem Erdplaneten und der Sternenwelt
GA 203
5 Februar 1921, Stuttgart
Zehnter Vortrag
[ 1 ] Im Novemberheft des katholisierenden «Hochlandes» ist ein Aufsatz erschienen, betitelt «Drei Welten», mit dem Verfassernamen Hsi-Lung. Er ist über die Zivilisation und Zivilisationsimpulse der Gegenwart vom chinesischen Standpunkte aus geschrieben. Es kann uns hier weniger interessieren, wie dieser Aufsatz innerhalb der chinesischen Zivilisation wurzelt und was er aus ihr heraus bedeutet; es muß uns vielmehr interessieren, daß er auftaucht innerhalb unserer eigenen europäischen Welt, und die Zivilisation der Gegenwart von einem gewissen Gesichtspunkte aus betrachtet. Zunächst handelt es sich bei der Gliederung in drei Welten um die drei, wie der Verfasser meint, bedeutsamsten Kulturimpulse der Gegenwart. Der erste Kulturimpuls, den er unterscheidet, ist die moderne abendländische Zivilisation, der er dann als den zweiten Kulturimpuls gegenüberstellt die östliche, asiatische Kultur, und über das dritte werden wir nachher zu sprechen haben. Die moderne europäische Zivilisation betrachtet er vom asiatischen Gesichtspunkte aus, von dem Gesichtspunkte aus, wo der Mensch in Vorstellungen wurzelt, die einer alten Erdenzivilisation entspringen. Sie leben sich in einer gewissen Weise in der Empfindungswelt von Menschen aus, welche drinnenstehen in dem, was bis heute noch besteht als asiatische Kultur, herkommend von alten, großen, gewaltigen Weistümern, die aber in die Dekadenz gekommen sind.
[ 2 ] In diesen Empfindungen lebt mit einer ungeheuren Intensität sehr viel von dem, was man nennen kann eine eindringliche Kritik gerade der modernen europäischen Zivilisation. Der Asiate von heute — man sieht das ja auch bei Rabindranath Tagore — spricht von dem Gesichtspunkte einer uralten Kultur über die europäische Zivilisation, und er kritisiert von diesem Gesichtspunkte aus in lauter Negationen, was diese europäische Zivilisation darbietet. Wir brauchen nur solche Sätze uns vor Augen zu führen, die da in diesem Aufsatze auftreten, um sofort zu sehen, aus welchem kritischen Geiste heraus dasjenige entspringt, was da von Asien herübertönen kann gegenüber der europäischen Zivilisation: «Ja, die modern-europäische Gelehrsamkeit hat selbst etwas vom mühseligen Knechtsgeist, vom Kärrnertum des technischen Zeitalters angenommen. Als haarspaltende Spezialisierung, umwölkt und umrauscht von Tausenden von Zitaten oder umpanzert mit Statistik und kleinlichen Experimenten, ergießt sie sich ins Weite. Keine Tiefe, keine Weisheit, kein Leben mehr! Wohl lassen sich ihre Ergebnisse, an ihrem eigenen Maßstabe gemessen, sehr hoch bewerten; aber eine andere Wertung wurde auch nicht mehr zugelassen, und wer sie ersehnte, lief Gefahr, für rückständig und mittelalterlich zu gelten. Nicht anders war es auf dem wirtschaftlichen Gebiete. Wo die Maschine das Leben verdrängte, füllte die Konkurrenz der Industrie die Lücken durch neue Bedürfnisse und Mittel und Wege zu ihrer Befriedigung aus, und gänzlich Enterbte schleppte die Organisation der Gesellschaft noch eine Weile mit. So schienen auch die breiten Massen schließlich gefügig. Ja, das Zeitalter des weltumspannenden Handels, der nie rastenden Fabriken, der stehenden Heere, der Kinematographen, Maschinengewehre, Wolkenkratzer, Grammophone- und Welträtselwarf sich in dieBrust: Dies alles ist mir untertänig! Grollend aber kündeten die empörten Elemente und Menschenatome ein unheimliches Echo an, welches sich in Krieg und Revolution noch am heutigen Tage bestätigt und ausspricht. Durch alle Rastlosigkeit klingt es: — «und auf Vernichtung läufts hinaus.»
[ 3 ] Also eine scharfe Kritik desjenigen, was da als europäische moderne Zivilisation innerhalb der neuzeitlichen Menschheitsentwickelung entsprungen ist! Versuchen wir einmal, uns — was ja alles handgreiflich sein wird — das eigentliche Charakteristikum dieser europäischen Zivilisation vor Augen zu stellen. Eigentlich wurzelt sie in dem, was heraufgebracht worden ist — und von uns oftmals charakterisiert worden ist — in den letzten drei bis vier Jahrhunderten, in denen auf der einen Seite die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse sich in einer gewissen Weise emanzipiert haben von dem, was historische Tradition aus dem religiösen Leben früherer Zeitalter in Europa war. Und diese moderne Zivilisation wurzelt weiter in alledem, was sich verbunden hat mit diesen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen als die moderne Technik. Alles, was da herausgekommen ist, das hat sich, ich möchte sagen, aus menschlichen Untergründen heraus entwickelt in einem gewissen Gegensatze zu der historischen Tradition. Es stehen die Persönlichkeiten, die am Ausgangspunkte dieser modernen Zivilisation stehen, geradezu charakteristisch in unserem europäischen Leben drinnen.
[ 4 ] Betrachten wir zum Beispiel eine Persönlichkeit wie Kopernikus, auf den ein großer Teil desjenigen eben zurückgeht, was in dieser europäischen Zivilisation nach der eben charakterisierten Richtung hin lebt. Er ist katholischer Priester. Er lebt also zunächst mit den Vorstellungen, die ihm anerzogen worden sind als katholischem Priester. Aber er lebt in einem Zeitalter, in dem sich in seiner Seele neben dem, was ihm seine Erziehung gegeben hat, dasjenige hinstellt, was dann die mechanische Himmelsanschauung der neueren Zeit geworden ist, aus der im wesentlichen auch entsprungen ist — oder es ist wenigstens aus demselben Quell heraus entsprungen —, was die mechanische Weltanschauung der neueren Zeit überhaupt ist, ja auch die mechanische Weltordnung in Politik und wirtschaftlichem Leben.
[ 5 ] Das alles lebt nun so, indem es immer mehr und mehr die weitesten Kreise der westlichen Zivilisation ergreift, daß es dem Morgenländer erscheint, es habe nur Leib, nur Körper, aber keine Seele. Es fehlt überall die Seele. Und es erscheint dem Morgenländer so, als ob durch diese Seelenlosigkeit, durch dieses Aufgehen im Denken des rein Mechanischen auch alles dasjenige bewirkt würde, was dem Morgenländer an dem Europäer erscheint, wenn dieser Europäer eben dem Morgenländer entgegentritt. Der Morgenländer fühlt sich durchaus unverstanden von dem Europäer in seinem ganzen Empfinden und in dem, was er seine Weisheit nennt.
[ 6 ] Einiges darf da wiederum als charakteristisch angeführt werden. Es wird nämlich zum Ausdruck gebracht, wie Japan ja etwas von der westeuropäischen Zivilisation angenommen hat, wie aber Japan gerade nach morgenländischer Ansicht dadurch einer gewissen Gefahr entgegenläuft: «Freilich läuft Japans Volk jetzt Gefahr, seinen tief begründeten Patriotismus und seinen Rittersinn mit europäischem Piratentum und Ausbeutungsgeist zu verwechseln. Aber trotzdem wird jenes Ferment nicht so bald unwirksam werden, welches die alten Werke konservieren hilft und Ostasien mit dem Süden zu einer gewissen Einheit zusammenschließt: der Buddhismus.»
[ 7 ] Also dasjenige, was der Asiate sieht in dem, was ihm von den Europäern entgegentritt, ist praktisches Piratentum und Ausbeutungsgeist. Und der Asiate sieht die Sache durchaus so, daß mit der mechanischen Weltauffassung, mit alldem was da hereingezogen ist im Gegensinn gegen die ältere Tradition, auch dieser Piratengeist, dieser Ausbeutungssinn gekommen sei. Dieser Asiate meint, der Europäer habe nach und nach vergessen, in das, was er überhaupt als Kultur oder als Zivilisation darlebt, Seele hineinzutragen. Der Asiate hat die Vorstellung, der Europäer wisse überhaupt gar nicht mehr, was Seele ist. Charakteristisch ist die folgende Stelle: «Und was tat Europa selbst?» — er meinte, innerhalb der neueren Zeit. «Wo sind seine heiligsten Güter geblieben? Begraben, vergessen, verschoben oder in Museen aufgestapelt, etikettiert.»
[ 8 ] Also dasjenige, was im Grunde genommen doch da ist, sieht nur der Asiate, ich möchte sagen, in scharfen Konturen. Alles das, was früher Leben war, was gewirkt hat auf die Menschen, indem sie aus dazu geeigneten Architekturen und aus den Wandmalereien den Geist entgegengenommen haben, indem sie gehört haben denselben Geist, der ihnen aus Architektur und aus Malerei entgegentönte, alles das — so meint der Asiate — ist im Grunde genommen für die moderne europäische Zivilisation in Museen untergebracht, aufgestapelt, etikettiert, so daß es nur wie Antiquitäten angeschaut wird. Und der Asiate empfindet stark, daß, was Seele einer früheren Zivilisation war, eben im Grunde genommen auch so etikettiert ist, und daß der Europäer eigentlich gar nicht mehr dasjenige kennt, was innerhalb der Welt Seele in seinem Sinne ist. So sieht der Asiate im Europäer vorzugsweise die Seelenlosigkeit.
[ 9 ] Eine Szene wird da vorgeführt, die in einer gewissen Weise ausspricht, wie der Asiate denkt: «Und die Völker des Ostens, dieser zweiten Welt? Hatten die überhaupt heilige Güter? Wie konnten sie es wagen, dutzendmal von verbündeten europäischen Kanonaden niedergeschmettert, sich noch selbständig zu regen, und nun gar geistig? Das war am Ende doch etwas, was der europäischen Zivilisation gefährlich werden konnte! — Lohnt es sich überhaupt, das kennenzulernen?»
[ 10 ] Also der Asiate frägt, ob, wenn man in vollem Sinne des Wortes Mensch sein will, wenn man die Welt nicht nur vom Standpunkte des körperlichen Mechanismus, sondern vom Standpunkte des SeeleHabens betrachtet, ob es denn da sich überhaupt lohnt, viel Interesse dem zuzuwenden, was dem Europäer vor allen Dingen besonders wichtig ist.
[ 11 ] «Angesichts der ragenden Mauern des Sommerpalastes auf dem «Berge der zehntausend Glückseligkeiten> ruhte sich die fast siebzigjährige Kaiserinwitwe an einem Nachmittage aus. Sie hatte einen gelbseidenen Thronsessel an ihrem Lieblingsplatze auf dem kunstvollen Marmorschiff im großen See aufstellen lassen. Inmitten der vollendeten Pracht fielen zerstörte Skulpturen, Gemälde und Glasmalereien des Pavillons doppelt auf, und zu einer neuen Hofdame gewendet, sagte Tzu-hsi: «Das taten die europäischen Soldaten (1900), und ich bin nicht gewillt, alles wiederherstellen zu lassen und ihre Lehre zu vergessen.» Sie gedachte aller bitteren Erfahrungen, und wie schon vor beinahe vierzig Jahren ein treuer Staatsbeamter ihr den Geist der Europäer geschildert hatte: «Sie haben einige zwanzig Verträge mit China abgeschlossen, die wenigstens zehntausend geschriebene Zeichen enthalten. Steht in einem einzigen von diesen auch nur ein Wort, das sich auf Ehrfurcht vor den Eltern und auf die Pflege der Tugend, ein Wort, das sich auf Beobachtung der Zeremonien, Pflichten, Lauterkeit und richtiges Schamgefühl, die vier Grundsätze unseres Volkes, bezieht? Nein und wiederum nein! Alles, wovon sie sprechen, ist: Materieller Vorteil» (Wu-ko-tau an Tzu-hsi, 1873). Die Kaiserin konnte auch unmöglich die ideale Kehrseite europäischer Expansion, die christliche Mission, achten, denn sie lernte als Staatsoberhaupt ihr ganzes Leben lang nur die materiellen Vorteile kennen, welche die europäischen Mächte aus der Beschützung der Missionare herausholten. Sie hatte einen scharfen Blick für die ganze geistige Unbeholfenheit und Anmaßung der Europäer, die sich zu ihr drängten, und würdigte gegen Ende ihres Lebens wohl die technischen Hilfsmittel, wie Eisenbahn, Bergbau, Heer und Flotte, aber eben nur als Mittel. Vielfach verleumdet, war sie ein ganzer und großer Mensch. An jedem Tage gehörten die Morgenstunden den vortragenden Ministern, dem großen Rate, Ausstellungsfragen, und den Berichten der Vizekönige, Examinatoren und Zensoren, deren freimütiges, häufig unbequemes Urteil gleichwohl oft von ihr gehört wurde» und so weiter.
[ 12 ] Nun, das ist, möchte ich sagen, asiatische Kritik. Sie würde ja immer in einem solchen Ton gehalten sein, wenn wir sie hören würden aus dem Munde einer Persönlichkeit, welche heute in dem drinnensteht, was in Asien geblieben ist aus der alten Weisheitskultur heraus. Der europäischen Zivilisation stellt natürlich jeder Asiate gegenüber die zweite Welt, diejenige, die er selbst hat, wobei er wenig darauf sieht, daß diese Welt wohl an ihrem Ausgangspunkte eine für den Europäer gegenwärtig unbegreifliche Weisheitsinspiration und -intuition und -imagination hatte, daß sie aber eben in die Dekadenz gekommen ist. Der Asiate als solcher, derjenige Asiate, der in unserem Sinne gebildet ist, spricht so, daß er ein Gefühl davon hat: diese Erde ist Menschenwohnplatz, auf dieser Erde haben einstmals Wesen, die höherer Art sind als diejenigen Wesen, welche wir Menschen nennen, eine Zivilisation begründet, die Menschen haben diese Zivilisation angenommen. Die Menschen haben darinnen gelebt, und der Asiate meint noch darinnen zu leben in dieser Götterzivilisation. Die Erde hat gewissermaßen das Erbstück übernommen eines uralten Weisheitsgutes, das zu dem ganzen Menschen, nicht bloß zu dem Intellekt spricht wie die europäische mechanistische Kultur. Und dieser Asiate hat kein Interesse dafür, was etwa aus der Erde werden könnte, abgesehen davon, daß sie der Träger ist dessen, was sie als ein altes Erbgut übernommen hat.
[ 13 ] Für diese ganze Denk- und Vorstellungsweise, für das Empfinden von einem solchen Standpunkte aus ist im Grunde genommen dem Europäer jedes Verständnis innerhalb der heutigen Zivilisation abhanden gekommen; das muß schon zugegeben werden. Der Europäer von heute liest seinen Homer, liest von seinem Achilles, er schätzt sie in gewissem Sinne, aber man kann sagen, er nimmt sie schon vom Anfange an nicht eigentlich ernst. Und das kann er nicht, indem er herauswächst aus der Zivilisation der Gegenwart. Wie kann der Europäer das, was ihm da herauftönt aus alten europäischen Zeiten, ernst nehmen, wenn er zum Beispiel bei Homer liest und das dann versteht in seinem gegenwärtigen Geiste: «Singe mir, o Muse, vom Zorn des Peliden Achilles»? Homer erzählt nicht selbst, er sagt, daß die Muse erzählt, daß also ein geistiges Wesen in seinem Inneren erzählt. Das nimmt der Europäer nicht ernst. Er nimmt es als eine Phrase. Er nimmt es als etwas, nun ja, was eben gesagt wird. Er hat im Grunde genommen doch keine rechte Empfindung davon, daß der Grieche sich beseelt wußte von Götterwesen, die in seiner Seele wirklich sprachen, daß er nicht glaubte, sein Mund verkünde das, was sein Intellekt, sein Verstand geprägt habe, sondern sein Mund verkünde, was ein göttliches Wesen in ihm spreche. Wer empfindet heute tief und gründlich, daß der Grieche, der so sang, sich als die Umhüllung dieses Götterwesens fühlte?
[ 14 ] Wie fühlte dieser Grieche eigentlich? Nun, er fühlte so, daß er eben auch in diesem Götterwesen dasjenige sah, was einstmals eine Zivilisation auf der Erde begründet hat für die Wesen, die man Menschen nennt, was aber nicht selber in dem Sinne, wie wir heute vom Menschen sprechen, ein Mensch war, was geblieben ist innerhalb der Menschheit, was als göttlich-geistiges Wesen die Menschen durchinspirieren kann; so daß es also nicht so aufgefaßt werden darf, als ob es bloß menschliche Stimmen im eigenen menschlichen Inneren wären. Und merkt man denn heute jenen tiefen Gegensatz, der uns entgegentritt, wenn wir die griechische Epik mit der griechischen Dramatik vergleichen, wenn wir vergleichen den Homer mit dem Äschylos? Homer singt, indem er die Muse singen läßt; er singt als Epiker, als erzählender Dichter. Das hängt durchaus mit der Anschauung der alten Griechen zusammen, daß alte Wesen, die von den geistigen Welten auf die Erde herabgestiegen sind, sich heute noch in den Menschen betätigen und singen von dem, was einstmals war, woraus die Erde hervorgegangen ist, woraus alles, innerhalb dessen wir leben, geworden ist.
[ 15 ] Wenn man so erzählend sich ergeht über dasjenige, was die gegenwärtige Zivilisation hervorgebracht hat, dann muß man sich jenen göttlichen Wesenheiten übergeben, die einmal heruntergestiegen sind aus höheren geistigen Welten, und die nunmehr den Menschen beseelen können. Darin sah der Grieche das Wesen der Epik, daß sie ausgesprochen wurde von den Wesen, die von vorhergehenden Verkörperungen der Erde zu dieser Erde gekommen sind. Daneben erkannte der Grieche, daß in dem Menschen nun schon etwas lebt, was seine richtige Ausbildung erst in der Zukunft erfahren wird, was heute noch im Menschen untermenschlich ist. Der Grieche empfand es als dionysisch. Er drückte das aus durch diejenigen Göttergestalten, denen er immer, wenn auch beim Dionysischen nur leise, etwas tierische Merkmale beigab. Was sich aus den Untergründen der menschlichen Impulsivität, der menschlichen Emotion, der menschlichen Willenskraft heraufdrängt, das empfand der Grieche als etwas, was jetzt noch beim Menschen chaotisch und ungeordnet ist, was erst in künftigen Welten, in die sich die Erde hineinverkörpern wird, einen ebenso ruhigen Ausdruck finden wird, wie das, was der Mensch heute in ruhiger Kontemplation, in ruhiger Betrachtung erzählen kann. Und dem, was sich ja aus dem Menschen noch geistig-tierisch herausdrängt, und was das Dionysische ist, dem schrieb der Grieche die Dramatik zu. Daher sehen wir noch in Aschylos durchleuchten, daß in einem Urdrama Griechenlands zunächst eine Hauptperson nur da war, der Gott Dionysos, um den herum sich der Chor entwickelte und sich geltend machte und dasjenige sang, was sich auf diesen Dionysos bezog. Wenn der Grieche nach innen schaute, sagte er sich: In mir lebt etwas Höheres als das, was Mensch ist, etwas, was aus uralten Welten auf die Erde herübergekommen ist. Gebe ich mich ihm hin, so gebe ich mich einem Übermenschlichen hin, und ich sage: «Singe mir, o Muse, vom Zorn des Peliden Achilles.» Da wandte sich der Grieche an die göttlich-geistige Vergangenheit, aus der heraus der Mensch entsprungen ist. Da wurde der Grieche Epiker. Wenn der Grieche sich nach der Zukunft wandte, da sah er, was zukünftig einmal, wenn die Erde abgelöst wird von anderen Welten, erst Mensch werden soll, da sah er das in der dionysischen tierisch-geistigen Gestalt, im dramatischen Wühlen, im dramatischen Bewegen. Er sah den Menschen von außen an und sprach nicht von der Muse, sondern von dem Dionysos, und da wurde er dramatisch.
[ 16 ] Und das eigentlich Menschliche in der Poesie sah der Grieche nur in der Lyrik. Das Übermenschliche sah er in der Epik. Das Untermenschliche, sich Dramatisierende und aus seiner Kraft heraus den Keim für die Zukunft Schaffende, sah er in der Dramatik. Das, was menschlich-rhythmisch auf und ab wogt in der menschlichen Natur selber, das sah der Grieche in der Lyrik.
[ 17 ] So stellte sich der Grieche seelenhaft in die geist-physische Welt hinein, so empfand er sich im Zusammenhang mit seiner geist-physischen Welt. Und die Anrufung der Muse muß man ernst nehmen, wenn man wirklich das Gedankenleben des Griechen darstellen will. Und den Umstand, daß die Urdramatik eigentlich nicht etwas darstellte, was nur menschliche Ereignisse waren, sondern was das Wirken des Dionysos im Menschen war, den muß man wiederum ernst nehmen. Denn man muß hinweisen darauf, daß der Grieche etwa sagte: Wenn man den Menschen nicht innerlich ansieht, sondern ihn nur äußerlich anschaut, so tritt er einem in der dionysischen Gestalt entgegen. Apollo und Dionysos — Apollo, der Führer der Musen, der Konservator dessen, was als das Vergangene in die Gegenwart der Erde sich hereinlebt, und Dionysos, der wühlende, wüstende Keim, der erst in der Zukunft sich abklären wird —, das sind die beiden großen Gegensätze. Und in die Mitte hinein stellte sich der Lyrismus der Griechen.
[ 18 ] Man muß schon auf solche Zustände europäischer Urkultur zurückschauen, wo sich hineingestellt hat dieses Sich-Erfühlen als Mensch im Kosmos gegenüber den Göttern der Vergangenheit, gegenüber den Göttern der Zukunft, wenn man die richtige Empfindung verbinden will mit dem, was heute geworden ist; man muß schon dieses Ältere der europäischen Kultur kontrastieren mit dem, was heute als mechanistische Weltanschauung lebt, was heute eben dasjenige ist, was der Asiate so scharf kritisiert. Und man muß ein Gefühl dafür haben, wie ein moderner Mensch wie Goethe, der ja nicht in jenen Mechanismus, in dem wir heute drinnenstehen, hineingestellt war, sondern noch in das Zeitalter, in dem dieser Mechanismus erst seine ersten Triebe entfaltete, wie Goethe sich mit jeder Faser seiner Seele heraussehnte aus diesem europäischen Leben und zurücksehnte nach dem, was die europäische Zivilisation einmal gewesen ist. Das ist es ja, was in den Gefühlen Goethes lag, als er in den achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts sich nach Italien sehnte, um durch das, was da in der Dekadenz noch vorhanden war, zu erahnen dasjenige, woraus eigentlich die europäische Zivilisation entsprungen ist.
[ 19 ] Man muß sich klarmachen, daß zwar der Asiate in der Dekadenz dieser uralten Weisheitskultur drinnen lebt, aber man muß sich auch klarmachen, daß er, trotzdem diese seine Kultur, diese seine Zivilisation in der Dekadenz ist, doch ein scharfes Gefühl dafür hat, was innerhalb Europas geworden ist aus dem, was dieses Europa einmal war. Daher seine scharfe Kritik, die mit so intensiven Schatten arbeitet und davon abhebt die Lichter, die immerhin noch nach seiner Anschauung im Orient zu sehen sind, der ja äußerlich schmutzig und alles mögliche sein mag, der aber nach seiner Ansicht Seele hat, und der, wenn er auf seine Seele blickt, gar keine Nötigung empfindet für ein Interesse, das da quillt aus der Bewunderung von Eisenbahnen, Dampfschiffen, von Kinematographen, Grammophonen, von Haeckelschen Welträtseln und so weiter. Solches Denken über die Welträtsel ist dem Asiaten völlig fremd, denn das beruht auf Kombination dessen, was nur die Sinne beobachten, während er weiß, daß es eine Wirklichkeit war, daß die Menschheit von höheren Geistern dasjenige empfangen hat, was dann in die Seele sich einlebt und den Menschen eigentlich zum Menschen macht.
[ 20 ] Man ist heute in dieser Beziehung außerordentlich kleinlich geworden, indem man glaubt, groß zu sein, und das, was da früher in der europäischen Urkultur gelebt hat, als einem geschichtlichen Zeitalter angehörig betrachtet, während eben einzig und allein dasjenige als groß gilt, was diese europäische Menschheit namentlich im 19. Jahrhundert hervorgebracht hat. Heute, wo wir im Zeitalter der großen Entscheidungen leben, müßten die Menschen hinauskommen über diese Kleinlichkeit, müßten sie sich aufschwingen können, einzusehen, daß es doch etwas heißt, wenn es da drüben in Asien Menschen gibt, die in ihrer Seele noch etwas lebendig haben von dem Bewußtsein von Geist und Seele, und die mit einer scharfen, vernichtenden, ätzenden Kritik auf alles das schauen, was der Europäer seine Größe nennt. Man müßte sich klarwerden, daß das etwas bedeutet. Man müßte sich sagen: Was da in den asiatischen Seelen lebt, das wird eines Tages geeignet sein, zur europäischen Katastrophe zu führen, denn das hat eine starke Impulsivität für die Seelen, namentlich deshalb, weil es gegenübersteht der Seelenverfassung des Europäers, die verödet worden ist im mechanistischen Zeitalter, und die sich nicht aufschwingen kann dazu, nun aus sich heraus etwas Geistiges und Seelisches aufzubauen. Diejenigen Europäer, welche die Ode des europäischen, mechanistischen Lebens empfinden, wollen ja viel lieber, als daß sie nach etwas hinschauen, was aufgebaut wird, dem dekadenten Orient dasjenige entnehmen, was ihnen als Geistigkeit wiederum notwendig ist. Daher möchten sie nicht hören, was heute schon ganz deutlich herübertönt aus Asien, und was immer so klingt: «Und was tat Europa selbst? Wo sind seine heiligsten Güter geblieben? Begraben, vergessen, verschoben oder in Museen aufgestapelt, etikettiert. Soweit das Auge reicht, es erblickt draußen nur noch Geschmacklosigkeiten. Und wenn Europa sich wieder zusammenfindet aus dem Wust von Haß und Betrug, Kraftvergeudung und Elend, wird es wohl weiter fabrizieren, streiken, kolonisieren, militarisieren, wird es weiter die ganze Welt gewinnen, aber seine Seele verlieren.»
[ 21 ] Und dann wird hingewiesen auf etwas, was eben ein Europäer sagt. Ein Europäer bringt es doch im Grunde genommen nur, ich möchte sagen, zu einer lendenlahmen Kritik. Hier hören wir weiter: «Oder sollen wir ein neues Heil von Amerika erwarten? Ein so berufener Beurteiler, wie Kühnemann, kommt zu dem Resultat (Deutschland und Amerika, Kap.13): «Niemand wußte vor 1914, was Amerika wirklich ist. Jetzt aber wissen wir es: Amerika bedeutet keinen Fortschritt und keine Lehre für die sittliche Welt. Es lebt uns keine neuen Gedanken einer höheren Menschlichkeit vor. Im Gegenteil! Die Sünde, die an der neueuropäischen Kultur haftet, erscheint nirgends so schreckhaft nackt und ungehemmt wie hier: die gewissenlose blinde Selbstsucht der Geldgier als der alles beherrschende Gedanke. Sie trägt nirgends offener und verletzender als hier das Kleid ihrer Häßlichkeit in der Heuchelei, die den Dienst der Menschlichkeit im Munde führt, wo kalter Vorteilssinn denkt und handelt. »
[ 22 ] Das hat der Asiate angeführt. Aber es ist dennoch etwas, was — wenn man es erfühlt, so muß man es sagen — im Grunde genommen aus einer kleinlichen Auffassung entspringt. Denn es ist — ich spreche es etwas scharf aus — ein professorales europäisches Keifen gegenüber dem, was natürlich auf flacher Hand offen daliegt, ein Keifen, das durchaus gerechtfertigt ist, ja zehnmal durchaus gerechtfertigt ist; aber es steht hinter dieser Kühnemannschen Kritik Amerikas nicht dasjenige, was hinter der asiatischen Kritik der modernen europäischen Zivilisation steht. Was da hinter der asiatischen Kritik der modernen europäischen Zivilisation steht, das ist eben etwas, was so spricht, wie einstmals für Homer die Muse gesprochen hat. Das ist etwas, was aber auch eine solche Kraft gibt, wie sie einstmals der griechische Dramatiker gehabt hat, als er, anschauend den Menschen von außen, seine dionysischen Emotionen dramatisierte. Es spricht gewissermaßen doch aus dem Kosmos heraus, wenn der Asiate die europäische Zivilisation kritisiert.
[ 23 ] Das ist es, was sich der Europäer auch heute sagen sollte. Er sollte sich mit einer großen Intensität diesen Kontrast vor Augen stellen, den wir heute empfinden müssen, wenn wir das, was in unserer Literatur, in unserem Schrifttum lebt, was in unserer sogenannten Bildung lebt, hinstellen neben ein Zeitalter, das da glaubte, daß es aus Götterseelen heraus die irdisch-kosmischen Verhältnisse künden müsse.
[ 24 ] Und nun sehen wir auf mancherlei Leute, die anfangen, aber eben gerade anfangen, aus dem Geiste dieser europäischen Zivilisation heraus etwas zu empfinden von dem, was da eigentlich ist innerhalb dieser Zivilisation. In demselben Hefte, das geradezu grandios zusammengestellt ist mit Bezug auf das, was da gewollt wird, was die meisten Menschen heute noch gar nicht sehen, was aber kleine, und zwar zumeist dämonische «Koterien» praktizieren —, in diesem Hefte, das geradezu meisterhaft zusammengestellt ist, finden Sie auch eine Besprechung eines Buches von Hans Ehrenberg. Der Aufsatz, der dieses Buch bespricht, heißt «Wege und Irrwege nach Rom». Da sehen wir, wie in seinem Buche, das da heißt «Die Heimkehr des Ketzers. Eine Wegweisung», von Hans Ehrenberg, dieser Ehrenberg, der als Universitätsdozent der Gegenwart in einem gewissen Sinne eine repräsentative Persönlichkeit ist, alle professoralen Eigenschaften an sich hat. Ich habe es selbst an ihm kennenlernen können. Wir sehen, wie er gewissermaßen unwillig wird über das trostlos Ode, das in der modernen Wissenschaftlichkeit und in der modernen Bildung lebt. Es tritt gewissermaßen das Unerlöste dieser modernen Wissenschaft und modernen Bildung heraus. Er sagt ein scharfes Nein zu alledem, was da in den letzten drei bis vier Jahrhunderten im europäischen Leben, im Leben der ganzen modernen Zivilisation hervorgetreten ist. Und er möchte gern, daß religiöser Geist, wirklicher religiöser Geist wiederum einziehe in das moderne Fühlen, in die moderne Zivilisation. Dazu will er die Wege nach Rom weisen. Und er macht aufmerksam darauf, daß es ja neben der Petrus- eine Johanneseinsetzung gibt, und daß Johannes zugeschrieben werden die Worte: «Kindlein, liebet einander.» — Es ist sehr charakteristisch, daß derjenige, der in diesem Hefte der Zeitschrift dieses kritisiert, daß der dem «Kindlein, liebet einander» ein anderes Johanneswort entgegensetzt. Er sagt gegenüber Ehrenberg: «Ich kenne noch ein anderes Johanneswort: Wenn jemand zu euch kommt und diese Lehre nicht bringt, nehmt ihn nicht auf ins Haus und einen Gruß sagt ihm nicht!»
[ 25 ] Das ist der Kundige, der tief im Katholizismus drinnenstehende Religiöse, der ganz aus römischem Geiste heraus spricht, während Ehrenberg im römischen Geist dilettiert. Denn derjenige, der das hinzufügt zu dem anderen Johanneswort «Kindlein, liebet einander», der weiß — wenn ich mich jetzt allegorisch ausdrücken darf —, daß der Mensch Muskeln und Knochen braucht, daß er nicht bloß Muskeln und Sehnen und Bänder, sondern eben Knochen braucht. Ohne Allegorie, in Wirklichkeit gesprochen, heißt das, daß der Mensch eine Lehre, einen Inhalt, ein Vorstellungsleben braucht, das ihn trägt, und daß auf dem Grunde dieses Vorstellungslebens, aus diesem Vorstellungsleben heraus, gewissermaßen wie die Muskeln und Sehnen und Bänder an den Knochen angeheftet sind, so die Liebe angeheftet werden muß an das, was das Knochenskelett des menschlichen geist-seelischen Lebens ist: die Lehre, der Inhalt. Das ist das Charakteristische an solchen modernen Menschen, wie Hans Ehrenberg einer ist, daß sie da kommen und sagen: die Wissenschaft enthält nichts, die Wissenschaft trocknet uns aus, die Wissenschaft ist unerlöst, die Wissenschaft läßt unsere Seele kalt und leer. Wir müssen der Liebe pflegen. — Das würde aber etwa heißen: Wir müssen in der menschlichen Organisation verzichten auf eine gesunde Knochenbildung, denn es ist nicht einzusehen, wozu man Knochen braucht; der Mensch wird viel weicher, viel anschmiegsamer sein, sich viel mehr in die Verhältnisse hineinschmiegen, wenn er rachitisch ist. So daß wir auf der einen Seite den Mechanismus, und auf der anderen Seite etwas sehen, was mit einem' gewissen Rechte heraus will aus diesem Mechanismus, aber nach einer rachitischen Bildung strebt. Denn es bleibt die Liebe eine Phrase, wenn sie in dieser Weise ohne den Hintergrund der geistigen Lehre dastehen will. Da ist sie nur entsprungen aus der Verzweiflung dessen, der, weil er zu einem Knochensystem der Kultur unserer Zivilisation nicht den Mut hat, stehenbleiben will bei der Rachitis der Zivilisation.
[ 26 ] In einem solchen Europäer, der sich sehnt nach der Kulturrachitis, kann natürlich der Asiate, in dem noch etwas lebt von der Starkknochigkeit der uralten orientalischen Weisheit, nicht irgend etwas Zukunftsicheres sehen. So blickt der Asiate auf dieses Europa, in dem sich kundgibt auf der einen Seite die mechanistische Kultur, deren ethisches Ausleben der Asiate Piratentum und Ausbeutungsgeist nennt, und in dem sich auf der anderen Seite auslebt das, was sich nur gewissermaßen mit den Muskeln an irgend etwas anschmiegen möchte, was sich aber nicht auf die strammen Knochen stellen möchte.
[ 27 ] Indem der Asiate das übersieht, kommt er dann zu einer merkwürdigen Ansicht, die aber innerhalb gewisser europäischer Kreise mit wahrer Wollust propagiert wird, denn diese Kreise wissen, was sie wollen; das muß durchaus betont werden. Und das, worauf das Ganze hinausläuft, das möchte ich lieber jetzt noch wörtlich vorlesen. Dieser Aufsatz, die «Drei Welten», der also vom asiatischen, chinesischen Standpunkte aus geschrieben wird, der charakterisiert, wie ich es Ihnen eben dargestellt habe, die Welt der neueren europäischen Zivilisation, die Welt der alten asiatischen Kultur, und er stellt dann die «dritte Welt» hin. Und diese drei Dinge charakterisiert er in folgender Weise, gewissermaßen nach Europa hineinschreiend dasjenige, was der Asiate denken muß, was da noch als Zukunftsfähiges lebt außerhalb Europas. Wenn Europa nicht sterben will, was muß es tun? — so etwa frägt der Asiate. Und darauf antwortet er: «In Wahrheit muß ja die Synthese etwas Drittes sein, eine dritte Welt. Und diese dritte Welt tut sich auf über und zwischen den beiden anderen, ja mitten unter ihnen, ohne ihnen allen Eigenwert abzusprechen, und sei es wenigstens den, Erziehungsfaktoren zu sein. Die allerälteste ist sie selbst, die von der Übernatur her inspirierte Geisteswelt, die durch Jahrtausende hin sich erhielt im kleinen Reiche des auserwählten Volkes inmitten übermächtiger Kulturen und in vielfacher Knechtschaft, dann als christlicher Sauerteig die Antike umwandelnd und als gewaltiger Baum aufwachsend, unter dem die Völker wohnen. Die Welt der katholischen Kirche ist es, in welcher der prachtvolle mittelalterliche Mensch gebildet wurde, der eigentliche und einzig harmonische Europäer. Die katholische Kirche istes, die allen Anfeindungen zum Trotz sich erhielt, und deren Stimme auch im Tumult der modernen Zerrüttung nicht verstummte, ja als die einzig edle und menschliche in unserer Zeit erklang, wie tiefer Glockenton über Lärm und Unzucht einer Großstadt hinsingend. Wo sonst ist die viel angerufene Richterin der Weltgeschichte, wo sonst das Weltgewissen, wo sonst die Hüterin der Sittlichkeit zu finden? Diese Welt allein sah alles kommen und gehen, sie allein ist die Welt der Autorität. Der Welt des Ostens gegenüber wird sie den Eroberungszug des heiligen Franz Xavier und seiner Jünger machtvoll wieder aufnehmen. Allem Trotz der Moderne gegenüber zeigt sie, daß mehr Kraft und Selbstbeherrschung zur Demut als zum Herrenbewußtsein gehört. Sie vermag den Bettler mit königlicher Würde zu umkleiden. Sie ist die Religion der Pracht und Entsagung, der Harmonie von Bejahen und Verneinen, der Freiheit in der Frömmigkeit und der Gebundenheit im Dogma, der
[ 28 ] Je weniger verschwommen die Töne sind, um so reiner und befreiender wird schließlich der Ausklang eines Liedes sein nach allen Dissonanzen. O felix culpa! Darum tut es gut, Thesis, Antithesis und Synthesis scharf herauszuarbeiten. Volles und reiches Menschentum wird sich dann ergeben. Im Leben ist ja doch alles verwoben, und alle drei Welten bestehen zusammen.»
[ 29 ] Dasjenige also, worauf hier vom asiatisch-chinesischen Standpunkte einzig und allein die Hoffnung für Europa gesetzt wird, das ist die katholische Kirche, und wir finden in einer Zeitschrift, die, wie gesagt, musterhaft zusammengestellt ist, die Leuten entspringt, die ganz gut wissen, wie die gegenwärtigen Impulse laufen, wir finden in dieser Zeitschrift diese Anschauung propagiert, was uns viel mehr interessiert als die Provenienz dieses Aufsatzes als solchem. Wir finden hier, daß gesagt wird, es gebe drei Welten in der neuen Zeit: Die Welt der modernen europäischen Zivilisation, welche keine Seele enthält, und die alte asiatische Kultur, die Europa ja nicht ohne weiteres annehmen kann, denn beide verstehen sich nicht; aber in Europa lebt ein Drittes, wird gesagt, das ewige Rom, die katholische Kirche. Auf sie muß gebaut werden. — Und wir sehen heute viele, viele Europäer durchaus nach diesem Ziele hin tendieren.
[ 30 ] Dasjenige, was sich hinter alldem verbirgt, was in alldem lebt, das sieht eine große Anzahl der Menschen nicht, weil eine große Anzahl der Menschen nicht teilnehmen will an dem, was eigentlich wallt und wogt innerhalb dieser heutigen modernen Welt. Man sieht auf der einen Seite nicht, wozu die allerdings seelenleere moderne mechanistische Zivilisation auffordert, man sieht auf der anderen Seite nicht, welche gewaltige Kraft der Vernichtung herausströmt aus dem, was im Asiatischen sich geltend macht, und man sieht nicht, mit welcher ungeheuren Kraft von Rom aus gearbeitet wird in der gegenwärtigen chaotischen Zeit, und mit welchen aussichtsvollen Kräften gearbeitet wird. Man will es nicht sehen, weil es unbequem ist, weil es notwendig ist, sich auf einen gewissen Gesichtspunkt zu stellen, auf dem emsig und energisch geistig, seelisch und leiblich gearbeitet werden muß, wenn man auf diesem Gebiete zur Klarheit kommen will.
