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Perspectives on Human Evolution
The Materialistic Impulse toward Knowledge
and the Task of Anthroposophy
GA 204

5 June 1921, Dornach

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Siebzehnter Vortrag

Siebzehnter Vortrag

[ 1 ] Wir haben im Laufe der letzten Tage durch das spezielle Beispiel der Persönlichkeit des Johannes Scotus Erigena noch einmal hinweisen können auf jenen Wendepunkt, der in der abendländischen Zivilisation eingetreten ist um das 4. nachchristliche Jahrhundert. Und gerade in unserer Gegenwart, wo sich so viele Dinge wenden sollen, ist es außerordentlich notwendig, sich klarzumachen, was eigentlich dazumal geschah mit der ganzen Seelenverfassung der Menschen. Denn es ist schon einmal so, daß wir in der Gegenwart wiederum in einen außerordentlich wichtigen Momente der Menschheitsentwickelung leben, daß wir nötig haben, gewissermaßen auf die Zeichen der Zeit, auf die Stimmen der geistigen Welt hinzuschauen und hinzuhorchen, damit wir aus dem Chaos der Gegenwart heraus einen Weg in die Zukunft finden können.

[ 1 ] Wir haben im Laufe der letzten Tage durch das spezielle Beispiel der Persönlichkeit des Johannes Scotus Erigena noch einmal hinweisen können auf jenen Wendepunkt, der in der abendländischen Zivilisation eingetreten ist um das 4. nachchristliche Jahrhundert. Und gerade in unserer Gegenwart, wo sich so viele Dinge wenden sollen, ist es außerordentlich notwendig, sich klarzumachen, was eigentlich dazumal geschah mit der ganzen Seelenverfassung der Menschen. Denn es ist schon einmal so, daß wir in der Gegenwart wiederum in einen außerordentlich wichtigen Momente der Menschheitsentwickelung leben, daß wir nötig haben, gewissermaßen auf die Zeichen der Zeit, auf die Stimmen der geistigen Welt hinzuschauen und hinzuhorchen, damit wir aus dem Chaos der Gegenwart heraus einen Weg in die Zukunft finden können.

[ 2 ] In diesem 4. nachchristlichen Jahrhundert sind Veränderungen mit den Menschenseelen, die den führenden Völkern und Volksstämmen angehörten, geschehen, wie sie eben durchaus in unserem Jahrhunderte sich zum Teil schon wieder angebahnt haben, zum Teil wieder geschehen werden. Und in Johannes Scotus Erigena hat sich uns eine Persönlichkeit gezeigt, die in gewisser Weise unter den Nachwirkungen desjenigen gestanden hat, was noch vor dem 4. nachchristlichen Jahrhundert als menschliche Anschauung vorhanden war.

[ 2 ] In diesem 4. nachchristlichen Jahrhundert sind Veränderungen mit den Menschenseelen, die den führenden Völkern und Volksstämmen angehörten, geschehen, wie sie eben durchaus in unserem Jahrhunderte sich zum Teil schon wieder angebahnt haben, zum Teil wieder geschehen werden. Und in Johannes Scotus Erigena hat sich uns eine Persönlichkeit gezeigt, die in gewisser Weise unter den Nachwirkungen desjenigen gestanden hat, was noch vor dem 4. nachchristlichen Jahrhundert als menschliche Anschauung vorhanden war.

[ 3 ] Nun wollen wir uns einmal andere Dinge vergegenwärtigen, an denen man den Charakterumschwung auch sehen kann. Betrachten wir einmal von diesem Gesichtspunkte aus, soweit das, ich möchte sagen, in mehr äußerlicher Weise geschehen kann, die Entwickelung des Naturkundlichen, vor allem der Anschauungen des Menschen über Gesundheit und Krankheit. Wir wollen damit zunächst innerhalb der geschichtlichen Zeit stehenbleiben und kommen dann, wenn wir uns fragen, wie sich die Ansichten über die Natur, namentlich die Natur des Menschen in Zusammenhang mit Gesundheit und Krankheit für den Menschen selbst darstellen, in die ältere ägyptische Zeit zurück. Daß man überhaupt von einer Ähnlichkeit der Anschauungen mit den unsrigen sprechen kann in bezug auf die angedeutete Frage, ist eigentlich doch erst bei den alten Ägyptern der Fall. Aber diese alten Ägypter hatten dann namentlich über Gesundheit und Krankheit und deren natürliche Grundlagen ganz andere Anschauungen, als wir sie heute haben, weil sie den Zusammenhang mit der Naturumgebung ganz anders dachten, als wir das heute denken. Der alte Ägypter hatte im Grunde genommen gar nicht das volle Bewußtsein davon, daß er von der Erde allmählich abgesondert ist. Er stellte den eigenen Leib — und der Ägypter sah ja zunächst auf dasjenige, was wir Leib nennen, beim Menschen hin —, er stellte den menschlichen Leib in inniger Verbindung mit den Kräften der Erde dar. Wir haben schon vorigen Freitag davon gesprochen, wie eine solche Vorstellung zustande kommt, daß sich der Mensch mit der Erde gewissermaßen leiblich innig verbunden denkt. Ich habe Sie auf die alten Kräfte hingewiesen, um Ihnen das zu veranschaulichen. Aber der alte Ägypter war sich ganz und gar klar darüber, daß er sich doch in einer gewissen ähnlichen Beziehung zur Erde rechnen müsse, wie, sagen wir, die Pflanzen zur Erde gerechnet werden müssen. Wie man in der Pflanze mehr oder weniger sichtbarlich die Säfte oder wenigstens die Kräfteverhältnisse von der Erde in die Pflanze hineinverfolgen kann, so fühlte man im alten Ägypten im Menschen gewisse Kräfte walten, die zu gleicher Zeit in der Erde walteten. Man rechnete den menschlichen Leib zur Erde.

[ 3 ] Nun wollen wir uns einmal andere Dinge vergegenwärtigen, an denen man den Charakterumschwung auch sehen kann. Betrachten wir einmal von diesem Gesichtspunkte aus, soweit das, ich möchte sagen, in mehr äußerlicher Weise geschehen kann, die Entwickelung des Naturkundlichen, vor allem der Anschauungen des Menschen über Gesundheit und Krankheit. Wir wollen damit zunächst innerhalb der geschichtlichen Zeit stehenbleiben und kommen dann, wenn wir uns fragen, wie sich die Ansichten über die Natur, namentlich die Natur des Menschen in Zusammenhang mit Gesundheit und Krankheit für den Menschen selbst darstellen, in die ältere ägyptische Zeit zurück. Daß man überhaupt von einer Ähnlichkeit der Anschauungen mit den unsrigen sprechen kann in bezug auf die angedeutete Frage, ist eigentlich doch erst bei den alten Ägyptern der Fall. Aber diese alten Ägypter hatten dann namentlich über Gesundheit und Krankheit und deren natürliche Grundlagen ganz andere Anschauungen, als wir sie heute haben, weil sie den Zusammenhang mit der Naturumgebung ganz anders dachten, als wir das heute denken. Der alte Ägypter hatte im Grunde genommen gar nicht das volle Bewußtsein davon, daß er von der Erde allmählich abgesondert ist. Er stellte den eigenen Leib — und der Ägypter sah ja zunächst auf dasjenige, was wir Leib nennen, beim Menschen hin —, er stellte den menschlichen Leib in inniger Verbindung mit den Kräften der Erde dar. Wir haben schon vorigen Freitag davon gesprochen, wie eine solche Vorstellung zustande kommt, daß sich der Mensch mit der Erde gewissermaßen leiblich innig verbunden denkt. Ich habe Sie auf die alten Kräfte hingewiesen, um Ihnen das zu veranschaulichen. Aber der alte Ägypter war sich ganz und gar klar darüber, daß er sich doch in einer gewissen ähnlichen Beziehung zur Erde rechnen müsse, wie, sagen wir, die Pflanzen zur Erde gerechnet werden müssen. Wie man in der Pflanze mehr oder weniger sichtbarlich die Säfte oder wenigstens die Kräfteverhältnisse von der Erde in die Pflanze hineinverfolgen kann, so fühlte man im alten Ägypten im Menschen gewisse Kräfte walten, die zu gleicher Zeit in der Erde walteten. Man rechnete den menschlichen Leib zur Erde.

[ 4 ] Man konnte das nur aus dem Grunde tun, weil man über die Erde eine ganz andere Anschauung hatte, als man über diese Erde heute hat. Die Erde sich so als einen mineralischen Körper vorzustellen, wie wir das heute tun, das wäre einem alten Ägypter gar nicht eingefallen. Er stellte sich gewissermaßen die Erde als ein großes organisches Wesen vor, als ein Wesen, das zwar nicht ganz so organisiert ist wie ein Tier oder wie ein Mensch, das aber doch in einer gewissen Beziehung ein Organismus ist, und er stellte sich vor unter den Gesteinsmassen der Erde etwas wie eine Art Knochensystem der Erde. Er stellte sich vor, daß in der Erde Vorgänge geschähen, die einfach sich in den menschlichen Leib hinein fortsetzten.

[ 4 ] Man konnte das nur aus dem Grunde tun, weil man über die Erde eine ganz andere Anschauung hatte, als man über diese Erde heute hat. Die Erde sich so als einen mineralischen Körper vorzustellen, wie wir das heute tun, das wäre einem alten Ägypter gar nicht eingefallen. Er stellte sich gewissermaßen die Erde als ein großes organisches Wesen vor, als ein Wesen, das zwar nicht ganz so organisiert ist wie ein Tier oder wie ein Mensch, das aber doch in einer gewissen Beziehung ein Organismus ist, und er stellte sich vor unter den Gesteinsmassen der Erde etwas wie eine Art Knochensystem der Erde. Er stellte sich vor, daß in der Erde Vorgänge geschähen, die einfach sich in den menschlichen Leib hinein fortsetzten.

[ 5 ] Sehen Sie, der alte Ägypter empfand ja etwas dabei, wenn er den menschlichen Leichnam, nachdem er abgelegt war von der Seele, mumifizierte, wenn er Mumien bildete, wenn er gewissermaßen die Form des menschlichen Leibes erhalten wollte. Er sah gewissermaßen in den formbildenden Kräften, die von der Erde ausgehen und einen menschlichen Leib plastisch gestalten, er sah in ihnen etwas wie den Willen der Erde, und er wollte, daß dieser Wille der Erde dauernd zum Ausdrucke kommt. Er hatte über das Seelische Anschauungen, dieser Ägypter, die dem heutigen Menschen wiederum etwas ferne liegen. Wir müssen sie heute einmal charakterisieren.

[ 5 ] Sehen Sie, der alte Ägypter empfand ja etwas dabei, wenn er den menschlichen Leichnam, nachdem er abgelegt war von der Seele, mumifizierte, wenn er Mumien bildete, wenn er gewissermaßen die Form des menschlichen Leibes erhalten wollte. Er sah gewissermaßen in den formbildenden Kräften, die von der Erde ausgehen und einen menschlichen Leib plastisch gestalten, er sah in ihnen etwas wie den Willen der Erde, und er wollte, daß dieser Wille der Erde dauernd zum Ausdrucke kommt. Er hatte über das Seelische Anschauungen, dieser Ägypter, die dem heutigen Menschen wiederum etwas ferne liegen. Wir müssen sie heute einmal charakterisieren.

[ 6 ] Sehen Sie, wir müssen ja betonen, daß wir, wenn wir zurückkommen in die älteren ägyptischen Zeiten, aber namentlich in die urpersischen und in die urindischen Zeiten, daß wir da weit verbreitet finden aus der instinktiven alten Weisheit heraus die Lehre von der Reinkarnation, von der Wiederkehr der eigentlichen menschlichen Wesenheit in aufeinanderfolgenden Erdenleben. Aber wir tun Unrecht, wenn wir glauben, daß etwa diese alten Menschen der Meinung gewesen wären, dasjenige, was uns heute als Seele bewußt ist, das wäre dasjenige, was immer wiederkehrt. Gerade die ägyptische Anschauung zeigt es uns, daß diese Anschauung nicht so bestand, sondern wir müssen uns vorstellen, das Geistig-Seelische des Menschen lebt in geistigen Welten zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Wenn die Zeit heranrückt für das Geistig-Seelische, wo es heruntersteigen soll auf die physische Erde, dann wirkt es von sich aus gestaltend dasjenige, was hervorgeht durch die Vererbung in den Generationen als menschlicher Leib. Aber während des Lebens zwischen Geburt und Tod stellten sich diese alten Menschen nicht vor, daß dasjenige, was sie in ihrem Bewußtsein tragen, die eigentlich geistig-seelische Wesenheit sei, welche zwischen dem Tod und einer neuen Geburt lebt und dann zwischen der Geburt und dem Tode formt an dem menschlichen Leibe. Nein, sie stellten sich die Sache anders vor, diese alten Menschen. Sie sagten sich: Wenn ich im vollen Wachzustande bin vom Morgen bis zum Abend, weiß ich überhaupt nichts von den geistig-seelischen Angelegenheiten, die auch meine Angelegenheiten als Mensch sind. Ich muß abwarten, bis mir im Halbschlaf oder, wie es ja in diesen alten Zeiten der Fall war, in dem von Bildern erfüllten Schlafe mein eigenes wahres Wesen erscheint, welches an mir gebaut hat, als ich hereingetreten bin in das irdische Dasein durch die Geburt.

[ 6 ] Sehen Sie, wir müssen ja betonen, daß wir, wenn wir zurückkommen in die älteren ägyptischen Zeiten, aber namentlich in die urpersischen und in die urindischen Zeiten, daß wir da weit verbreitet finden aus der instinktiven alten Weisheit heraus die Lehre von der Reinkarnation, von der Wiederkehr der eigentlichen menschlichen Wesenheit in aufeinanderfolgenden Erdenleben. Aber wir tun Unrecht, wenn wir glauben, daß etwa diese alten Menschen der Meinung gewesen wären, dasjenige, was uns heute als Seele bewußt ist, das wäre dasjenige, was immer wiederkehrt. Gerade die ägyptische Anschauung zeigt es uns, daß diese Anschauung nicht so bestand, sondern wir müssen uns vorstellen, das Geistig-Seelische des Menschen lebt in geistigen Welten zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Wenn die Zeit heranrückt für das Geistig-Seelische, wo es heruntersteigen soll auf die physische Erde, dann wirkt es von sich aus gestaltend dasjenige, was hervorgeht durch die Vererbung in den Generationen als menschlicher Leib. Aber während des Lebens zwischen Geburt und Tod stellten sich diese alten Menschen nicht vor, daß dasjenige, was sie in ihrem Bewußtsein tragen, die eigentlich geistig-seelische Wesenheit sei, welche zwischen dem Tod und einer neuen Geburt lebt und dann zwischen der Geburt und dem Tode formt an dem menschlichen Leibe. Nein, sie stellten sich die Sache anders vor, diese alten Menschen. Sie sagten sich: Wenn ich im vollen Wachzustande bin vom Morgen bis zum Abend, weiß ich überhaupt nichts von den geistig-seelischen Angelegenheiten, die auch meine Angelegenheiten als Mensch sind. Ich muß abwarten, bis mir im Halbschlaf oder, wie es ja in diesen alten Zeiten der Fall war, in dem von Bildern erfüllten Schlafe mein eigenes wahres Wesen erscheint, welches an mir gebaut hat, als ich hereingetreten bin in das irdische Dasein durch die Geburt.

[ 7 ] Also der alte Mensch war sich bewußt, er habe im eigentlichen Wachzustande gar nicht sein wirkliches Seelisches zu erleben, sondern er müsse dieses wirkliche Seelische wie ein Äußeres anschauen als Bild, das ihn überkommt, wenn er in die Ihnen öfter geschilderten traumhaft-hellseherischen Zustände übergehe. Sein eigenes Wesen empfand der alte Mensch in einer gewissen Weise als etwas, das ihm wie ein Erzengel oder wie ein Engel erschien. Und daß man in einer gewissen Weise dieses menschliche Innere im Wachzustande als zum Seelenhaften unmittelbar gehörend betrachtete, das war eigentlich erst im alten Ägypten der Fall. Aber wenn wir charakterisieren sollen, wie der alte Ägypter sich das vorstellte, so müssen wir das Folgende sagen.

[ 7 ] Also der alte Mensch war sich bewußt, er habe im eigentlichen Wachzustande gar nicht sein wirkliches Seelisches zu erleben, sondern er müsse dieses wirkliche Seelische wie ein Äußeres anschauen als Bild, das ihn überkommt, wenn er in die Ihnen öfter geschilderten traumhaft-hellseherischen Zustände übergehe. Sein eigenes Wesen empfand der alte Mensch in einer gewissen Weise als etwas, das ihm wie ein Erzengel oder wie ein Engel erschien. Und daß man in einer gewissen Weise dieses menschliche Innere im Wachzustande als zum Seelenhaften unmittelbar gehörend betrachtete, das war eigentlich erst im alten Ägypten der Fall. Aber wenn wir charakterisieren sollen, wie der alte Ägypter sich das vorstellte, so müssen wir das Folgende sagen.

[ 8 ] Er dachte sich: Mein Geistig-Seelisches, das erscheint mir im Traumbilde, wie es ist zwischen Tod und neuer Geburt. Das baut sich seinen Leib auf. Wenn ich den Leib ansehe in seiner Form, dann sehe ich, wie dieses Geistig-Seelische als Künstler an dem Leibe gearbeitet hat. Ich habe eigentlich an meinem Leibe viel mehr einen Ausdruck meines Geistig-Seelischen, als wenn ich in mein Inneres hineinschaue. Deshalb will ich auch diesen Leib konservieren. Deshalb soll er als Mumie in seiner Form erhalten bleiben, denn dasjenige, was zwischen dem letzten Tode und dieser Geburt die Seele sich erbaut hat an diesem Leibe, das ist in dieser Form enthalten. Das erhalte ich, wenn ich den Leib konserviere und als Mumie das Bild festhalte, an dem Jahrhunderte das Geistig-Seelische gearbeitet hat. Dagegen von dem, was der Mensch im Wachzustande erlebte zwischen Geburt und Tod, sagte sich der Ägypter: Das ist eigentlich etwas wie eine Flamme, das ist etwas, was entzündet wird in mir, aber das hat sehr wenig zu tun mit meinem eigentlichen Ich. Dieses Ich ist eigentlich etwas, was sich außerhalb hält, mehr oder weniger außerhalb meiner seelischen Erlebnisse im Wachzustande zwischen Geburt und Tod. Diese seelischen Erlebnisse im Wachzustande zwischen Geburt und Tod, sie sind eigentlich eine vorübergehende Flamme. Sie werden angefacht in meinem Leibe durch mein höheres Seelisches; aber sie erlöschen wiederum mit dem Tode, und dann erst leuchtet mein wahrhaft Geistig-Seelisches auf. Dann lebe ich in meinem Geistig-Seelischen bis zu der neuen Geburt.

[ 8 ] Er dachte sich: Mein Geistig-Seelisches, das erscheint mir im Traumbilde, wie es ist zwischen Tod und neuer Geburt. Das baut sich seinen Leib auf. Wenn ich den Leib ansehe in seiner Form, dann sehe ich, wie dieses Geistig-Seelische als Künstler an dem Leibe gearbeitet hat. Ich habe eigentlich an meinem Leibe viel mehr einen Ausdruck meines Geistig-Seelischen, als wenn ich in mein Inneres hineinschaue. Deshalb will ich auch diesen Leib konservieren. Deshalb soll er als Mumie in seiner Form erhalten bleiben, denn dasjenige, was zwischen dem letzten Tode und dieser Geburt die Seele sich erbaut hat an diesem Leibe, das ist in dieser Form enthalten. Das erhalte ich, wenn ich den Leib konserviere und als Mumie das Bild festhalte, an dem Jahrhunderte das Geistig-Seelische gearbeitet hat. Dagegen von dem, was der Mensch im Wachzustande erlebte zwischen Geburt und Tod, sagte sich der Ägypter: Das ist eigentlich etwas wie eine Flamme, das ist etwas, was entzündet wird in mir, aber das hat sehr wenig zu tun mit meinem eigentlichen Ich. Dieses Ich ist eigentlich etwas, was sich außerhalb hält, mehr oder weniger außerhalb meiner seelischen Erlebnisse im Wachzustande zwischen Geburt und Tod. Diese seelischen Erlebnisse im Wachzustande zwischen Geburt und Tod, sie sind eigentlich eine vorübergehende Flamme. Sie werden angefacht in meinem Leibe durch mein höheres Seelisches; aber sie erlöschen wiederum mit dem Tode, und dann erst leuchtet mein wahrhaft Geistig-Seelisches auf. Dann lebe ich in meinem Geistig-Seelischen bis zu der neuen Geburt.

[ 9 ] Es war schon so, daß der alte Ägypter sich vorstellte, er komme im Leben zwischen der Geburt und dem Tode gar nicht so recht zum Erleben seines Seelischen. Er sah in diesem Seelischen gewissermaßen etwas, was über ihm stand, was sein zeitliches Seelisches anfachte und auch wieder auslöschte, und was aus der Erde heraus den Erdenstaub nimmt, um den Leib zu formen; diese Form wollte er dann erhalten in der Mumie.

[ 9 ] Es war schon so, daß der alte Ägypter sich vorstellte, er komme im Leben zwischen der Geburt und dem Tode gar nicht so recht zum Erleben seines Seelischen. Er sah in diesem Seelischen gewissermaßen etwas, was über ihm stand, was sein zeitliches Seelisches anfachte und auch wieder auslöschte, und was aus der Erde heraus den Erdenstaub nimmt, um den Leib zu formen; diese Form wollte er dann erhalten in der Mumie.

[ 10 ] Der alte Ägypter legte auf das Seelische, das im Wachzustande zwischen Geburt und Tod sich erlebte, eigentlich keinen besonderen Wert, denn er sah über dieses Seelische hinaus auf ein ganz anderes Geistig-Seelisches, das Leiber immer wieder aufbaut, das dann die Zeit durchmacht zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Und so sah er ein Wechselspiel der Kräfte zwischen dem, was höheres Menschliches ist, und der Erde. Er sah eigentlich auf die Erde hin; die Erde war ihm ja auch das Haus des Osiris. Er sah über dasjenige, was inneres Bewußtsein war, hinweg.

[ 10 ] Der alte Ägypter legte auf das Seelische, das im Wachzustande zwischen Geburt und Tod sich erlebte, eigentlich keinen besonderen Wert, denn er sah über dieses Seelische hinaus auf ein ganz anderes Geistig-Seelisches, das Leiber immer wieder aufbaut, das dann die Zeit durchmacht zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Und so sah er ein Wechselspiel der Kräfte zwischen dem, was höheres Menschliches ist, und der Erde. Er sah eigentlich auf die Erde hin; die Erde war ihm ja auch das Haus des Osiris. Er sah über dasjenige, was inneres Bewußtsein war, hinweg.

[ 11 ] Und darinnen besteht gerade die griechische Entwickelung, die im 8. vorchristlichen Jahrhunderte begann, daß der Mensch immer mehr und mehr Wert legte auf dieses zwischen Geburt und Tod auflebende Seelische, das der alte Ägypter noch wie eine angefachte und auslöschende Flamme ansah. Dem Griechen wurde wert dieses Seelische. Nur hatte er noch ein Gefühl, der Grieche, daß mit diesem Seelischen wirklich im Tode etwas wie ein Auslöschen geschieht. Daher das berühmte griechische Wort, das ich ja öfter von diesem Gesichtspunkte aus schon charakterisiert habe: Lieber ein Bettler auf der Erde, als ein König im Reiche der Schatten. — Diesen Ausspruch machte der Grieche, indem er auf das Seelische sah. Ihm wurde das Seelische wichtig, während es für den Ägypter noch weniger wichtig war. Und damit hing dann bei den Ägyptern zusammen die Ansicht, die sie über Gesundheit und Krankheit hatten, daß sie sich sagten, von dem eigentlich Geistig-Seelischen, das gar nicht recht hereinkommt in den bewußten Menschen zwischen Geburt und Tod, von diesem Geistig-Seelischen wird der menschliche Leib aus dem Erdenelemente entnommen, aus dem Wasser der Erde, der Luft, aus dem Festen der Erde, aus der Wärme der Erde. Da sich der alte Ägypter so sagte, daß dieser menschliche Leib aus der Erde gebildet wird, so hielt er darauf, diesen menschlichen Leib rein zu halten. Und in der Blütezeit der ägyptischen Kultur war daher das Reinhalten des Leibes etwas, was ganz besonders kultiviert wurde. Der Ägypter hielt viel auf diesen Leib, und er sagte sich: Wenn der Leib krank wird, so ist in einer gewissen Weise sein Verhältnis zur Erde gestört, so setzt er sich nicht in das richtige Verhältnis zum Wasser der Erde namentlich, und es muß dieses Verhältnis zum Wasser der Erde hergestellt werden. In Ägypten gab es daher ganze Scharen von Ärzten, welche das Verhältnis des Irdischen zum menschlichen Leibe studierten, und welche damit beschäftigt waren, die Gesundheit der Menschen zu erhalten und herzustellen, wenn sie gestört war, gerade durch die Anwendung von Wasserkuren, von Luftkuren. Spezialärzte waren in der Blütezeit der ägyptischen Kultur schon tätig, und diese Tätigkeit der Ärzte bezog sich ganz besonders darauf, den menschlichen Leib in das richtige Verhältnis zu dem irdischen Elemente zu bringen.

[ 11 ] Und darinnen besteht gerade die griechische Entwickelung, die im 8. vorchristlichen Jahrhunderte begann, daß der Mensch immer mehr und mehr Wert legte auf dieses zwischen Geburt und Tod auflebende Seelische, das der alte Ägypter noch wie eine angefachte und auslöschende Flamme ansah. Dem Griechen wurde wert dieses Seelische. Nur hatte er noch ein Gefühl, der Grieche, daß mit diesem Seelischen wirklich im Tode etwas wie ein Auslöschen geschieht. Daher das berühmte griechische Wort, das ich ja öfter von diesem Gesichtspunkte aus schon charakterisiert habe: Lieber ein Bettler auf der Erde, als ein König im Reiche der Schatten. — Diesen Ausspruch machte der Grieche, indem er auf das Seelische sah. Ihm wurde das Seelische wichtig, während es für den Ägypter noch weniger wichtig war. Und damit hing dann bei den Ägyptern zusammen die Ansicht, die sie über Gesundheit und Krankheit hatten, daß sie sich sagten, von dem eigentlich Geistig-Seelischen, das gar nicht recht hereinkommt in den bewußten Menschen zwischen Geburt und Tod, von diesem Geistig-Seelischen wird der menschliche Leib aus dem Erdenelemente entnommen, aus dem Wasser der Erde, der Luft, aus dem Festen der Erde, aus der Wärme der Erde. Da sich der alte Ägypter so sagte, daß dieser menschliche Leib aus der Erde gebildet wird, so hielt er darauf, diesen menschlichen Leib rein zu halten. Und in der Blütezeit der ägyptischen Kultur war daher das Reinhalten des Leibes etwas, was ganz besonders kultiviert wurde. Der Ägypter hielt viel auf diesen Leib, und er sagte sich: Wenn der Leib krank wird, so ist in einer gewissen Weise sein Verhältnis zur Erde gestört, so setzt er sich nicht in das richtige Verhältnis zum Wasser der Erde namentlich, und es muß dieses Verhältnis zum Wasser der Erde hergestellt werden. In Ägypten gab es daher ganze Scharen von Ärzten, welche das Verhältnis des Irdischen zum menschlichen Leibe studierten, und welche damit beschäftigt waren, die Gesundheit der Menschen zu erhalten und herzustellen, wenn sie gestört war, gerade durch die Anwendung von Wasserkuren, von Luftkuren. Spezialärzte waren in der Blütezeit der ägyptischen Kultur schon tätig, und diese Tätigkeit der Ärzte bezog sich ganz besonders darauf, den menschlichen Leib in das richtige Verhältnis zu dem irdischen Elemente zu bringen.

[ 12 ] Das wurde dann, vom 8. vorchristlichen Jahrhundert angefangen, namentlich für die griechische Zivilisation anders. Da wurde das Seelische, das man bewußt erlebt, wirklich wichtig. Aber man sah dieses Seelische nicht mehr so in Verbindung mit der Erde wie der alte Ägypter es gesehen hatte. Gewissermaßen war schon für den alten Ägypter der menschliche Leib etwas Pflanzenhaftes, das aus der Erde herauswuchs. Für den Griechen war das Geistig-Seelische dasjenige, was zusammenhielt die Elemente, und er kümmerte sich mehr um dieses Zusammenhalten der im Leibe befindlichen Elemente durch das Geistig-Seelische des Menschen. Und daraus entstanden dann die naturwissenschaftlichen Anschauungen des Griechentums, die wir insbesondere stark ausgeprägt finden bei dem Zeitgenossen des Phidias, Sokrates, Platos: bei Hippokrates, dem berühmten griechischen Arzt. Bei ihm, der im 4. vorchristlichen Jahrhunderte gelebt hat, sehen wir schon klar ausgebildet dieses Wichtighalten des menschlichen Seelischen, wie es seiner selbst bewußt wird zwischen Geburt und Tod.

[ 12 ] Das wurde dann, vom 8. vorchristlichen Jahrhundert angefangen, namentlich für die griechische Zivilisation anders. Da wurde das Seelische, das man bewußt erlebt, wirklich wichtig. Aber man sah dieses Seelische nicht mehr so in Verbindung mit der Erde wie der alte Ägypter es gesehen hatte. Gewissermaßen war schon für den alten Ägypter der menschliche Leib etwas Pflanzenhaftes, das aus der Erde herauswuchs. Für den Griechen war das Geistig-Seelische dasjenige, was zusammenhielt die Elemente, und er kümmerte sich mehr um dieses Zusammenhalten der im Leibe befindlichen Elemente durch das Geistig-Seelische des Menschen. Und daraus entstanden dann die naturwissenschaftlichen Anschauungen des Griechentums, die wir insbesondere stark ausgeprägt finden bei dem Zeitgenossen des Phidias, Sokrates, Platos: bei Hippokrates, dem berühmten griechischen Arzt. Bei ihm, der im 4. vorchristlichen Jahrhunderte gelebt hat, sehen wir schon klar ausgebildet dieses Wichtighalten des menschlichen Seelischen, wie es seiner selbst bewußt wird zwischen Geburt und Tod.

[ 13 ] Aber wir würden ganz fehlgehen, wenn wir glauben wollten, daß in dem griechischen Bewußtsein dieses Geistig-Seelische so lebte, wie wit es heute im Bewußtsein haben. Bedenken Sie nur, wie arm eigentlich für den heutigen Menschen, wie abstrakt arm für den heutigen Menschen dasjenige ist, was er seine Seele nennt. Denken, Fühlen, Wollen — es sind recht nebelhafte Gebilde, die sich der Mensch vorstellt, wenn er von Denken, Fühlen, Wollen spricht. Es ist etwas, was gar nicht mehr inhaltsvoll auf den Menschen wirkt. Bei dem Griechen hat es inhaltsvoll gewirkt, weil er ein Bewußtsein davon hatte, daß dieses Geistig-Seelische eigentlich die Elemente des Leibes zusammenhält, durcheinanderbrodeln macht. Er hatte gar nicht ein solches abstrakt Seelisches im Auge, wie der Mensch es heute hat, sondern er hatte im Auge ein recht vollinhaltliches Kräftesystem, das namentlich das flüssige Element formt, das dem flüssigen Element die Menschenform gibt. Der Ägypter sagte sich: Diesem flüssigen Element gibt das Geistig-Seelische, das von dem Tod zu einer neuen Geburt sich lebt, die Form. — Der Grieche sagte sich: Dasjenige, was ich bewußt erlebe, dieses Seelische, das gibt dem Wasser die Form, das ist dasjenige, was sein Bedürfnis nach Luft hat und was die Zirkulationsorgane dann einformt, was die Wärmeverhältnisse des Körpers bewirkt, und was auch Salz und sonstiges Irdische im Körper ablagert. — So stellte sich der Grieche die Seele eigentlich nicht getrennt vom Körper vor, sondern er stellte sie sich vor, wie sie den wässerigen Leib bildet, wie sie in dem Leib die Luft, das Ein- und Ausatmen macht, wie sie in dem Leib die Wärmeverhältnisse bewirkt, dieses Warm- und Kaltwerden des Leibes, dieses Atmen, dieses überhaupt Bewegen der Säfte, dieses Durchsetzen der Säfte mit den festen Bestandteilen, die ja nur etwa acht Prozent im menschlichen Leibe ausmachen — das stellte sich der Grieche in voller Lebendigkeit vor. Und insbesondere auch auf dieses Gestalten der Säfte legte er einen großen Wert. Er stellte sich vor, daß auch in diesen Säften selbst, durch alles dasjenige, was in den vier Elementen Wasser, Erde, Luft und Wärme wirkt, wiederum ein Vierfaches wirkt. Das stellte er sich zunächst vor, der Grieche. Im Winter muß der Mensch sich gewissermaßen abschließen von der äußeren Welt, da kann er nicht mit der äußeren Welt in innigem Kontakt leben; da ist er auf sich selbst zurückgewiesen. Während des Winters macht sich insbesondere der Kopf mit seinen Säften geltend. Da ist es dasjenige in den Säften, was am meisten wasserähnlich ist, was im Menschen innerlich wirkt. Mit anderen Worten ist das für den Griechen dasjenige, was als Phlegma, als Schleim wirkt. Dieses Schleimige im menschlichen Organismus, das sah er, seelisch durchsetzt, namentlich im Winter wirksam. Dann kam der Frühling und der Grieche fand: da macht sich das Blut in größerer Regsamkeit geltend, da kommt das Blut in stärkere Erregung als während des Winters, da ist vorzugsweise sanguinische Zeit für den Menschen; da ist es dasjenige, was in den Adern zum Herzen hin sich zentralisiert, was im Menschen besonders als Säftebewegung tätig ist. Im Winter die schleimige Bewegung des Kopfes, weshalb der Mensch da auch zu allerlei Erkrankungen gerade der Schleimsäfte neigt; im Frühling die Blutbewegung in besonderer Erregung.

[ 13 ] Aber wir würden ganz fehlgehen, wenn wir glauben wollten, daß in dem griechischen Bewußtsein dieses Geistig-Seelische so lebte, wie wit es heute im Bewußtsein haben. Bedenken Sie nur, wie arm eigentlich für den heutigen Menschen, wie abstrakt arm für den heutigen Menschen dasjenige ist, was er seine Seele nennt. Denken, Fühlen, Wollen — es sind recht nebelhafte Gebilde, die sich der Mensch vorstellt, wenn er von Denken, Fühlen, Wollen spricht. Es ist etwas, was gar nicht mehr inhaltsvoll auf den Menschen wirkt. Bei dem Griechen hat es inhaltsvoll gewirkt, weil er ein Bewußtsein davon hatte, daß dieses Geistig-Seelische eigentlich die Elemente des Leibes zusammenhält, durcheinanderbrodeln macht. Er hatte gar nicht ein solches abstrakt Seelisches im Auge, wie der Mensch es heute hat, sondern er hatte im Auge ein recht vollinhaltliches Kräftesystem, das namentlich das flüssige Element formt, das dem flüssigen Element die Menschenform gibt. Der Ägypter sagte sich: Diesem flüssigen Element gibt das Geistig-Seelische, das von dem Tod zu einer neuen Geburt sich lebt, die Form. — Der Grieche sagte sich: Dasjenige, was ich bewußt erlebe, dieses Seelische, das gibt dem Wasser die Form, das ist dasjenige, was sein Bedürfnis nach Luft hat und was die Zirkulationsorgane dann einformt, was die Wärmeverhältnisse des Körpers bewirkt, und was auch Salz und sonstiges Irdische im Körper ablagert. — So stellte sich der Grieche die Seele eigentlich nicht getrennt vom Körper vor, sondern er stellte sie sich vor, wie sie den wässerigen Leib bildet, wie sie in dem Leib die Luft, das Ein- und Ausatmen macht, wie sie in dem Leib die Wärmeverhältnisse bewirkt, dieses Warm- und Kaltwerden des Leibes, dieses Atmen, dieses überhaupt Bewegen der Säfte, dieses Durchsetzen der Säfte mit den festen Bestandteilen, die ja nur etwa acht Prozent im menschlichen Leibe ausmachen — das stellte sich der Grieche in voller Lebendigkeit vor. Und insbesondere auch auf dieses Gestalten der Säfte legte er einen großen Wert. Er stellte sich vor, daß auch in diesen Säften selbst, durch alles dasjenige, was in den vier Elementen Wasser, Erde, Luft und Wärme wirkt, wiederum ein Vierfaches wirkt. Das stellte er sich zunächst vor, der Grieche. Im Winter muß der Mensch sich gewissermaßen abschließen von der äußeren Welt, da kann er nicht mit der äußeren Welt in innigem Kontakt leben; da ist er auf sich selbst zurückgewiesen. Während des Winters macht sich insbesondere der Kopf mit seinen Säften geltend. Da ist es dasjenige in den Säften, was am meisten wasserähnlich ist, was im Menschen innerlich wirkt. Mit anderen Worten ist das für den Griechen dasjenige, was als Phlegma, als Schleim wirkt. Dieses Schleimige im menschlichen Organismus, das sah er, seelisch durchsetzt, namentlich im Winter wirksam. Dann kam der Frühling und der Grieche fand: da macht sich das Blut in größerer Regsamkeit geltend, da kommt das Blut in stärkere Erregung als während des Winters, da ist vorzugsweise sanguinische Zeit für den Menschen; da ist es dasjenige, was in den Adern zum Herzen hin sich zentralisiert, was im Menschen besonders als Säftebewegung tätig ist. Im Winter die schleimige Bewegung des Kopfes, weshalb der Mensch da auch zu allerlei Erkrankungen gerade der Schleimsäfte neigt; im Frühling die Blutbewegung in besonderer Erregung.

[ 14 ] Das alles stellte sich der Grieche so vor, daß für ihn die Stoffe nicht gesondert waren vom Seelischen. Es war gewissermaßen ein halb Seelisches, das Blut, der Schleim, und ein halb Körperliches die Seele selbst in ihren Kräften, wie sie da die Säfte bewegte.

[ 14 ] Das alles stellte sich der Grieche so vor, daß für ihn die Stoffe nicht gesondert waren vom Seelischen. Es war gewissermaßen ein halb Seelisches, das Blut, der Schleim, und ein halb Körperliches die Seele selbst in ihren Kräften, wie sie da die Säfte bewegte.

[ 15 ] Kam dann der Sommer heran, stellte sich der Grieche vor, daß die Gallentätigkeit insbesondere — er nannte sie gelbe Galle —, welche in der Leber ihren Mittelpunkt hat, in besondere Erregung kommt. Der Grieche hatte noch eine besondere Anschauung, wie das bei dem Menschen selber ist. Diese Anschauung haben ja die Menschen schon zum großen Teil verloren. Sie sehen nicht mehr, wie sich die Haut verfärbt im Frühling von dieser Bluterregung, sie sehen nicht mehr den eigentlichen gelben Schimmer, der von der Leber kommt, in welcher die gelbe Galle ihren Mittelpunkt hat. Der Grieche sah in dem, was sich da rosig färbte im Frühling, gelblich im Sommer, in dem sah er eine Seelentätigkeit.

[ 15 ] Kam dann der Sommer heran, stellte sich der Grieche vor, daß die Gallentätigkeit insbesondere — er nannte sie gelbe Galle —, welche in der Leber ihren Mittelpunkt hat, in besondere Erregung kommt. Der Grieche hatte noch eine besondere Anschauung, wie das bei dem Menschen selber ist. Diese Anschauung haben ja die Menschen schon zum großen Teil verloren. Sie sehen nicht mehr, wie sich die Haut verfärbt im Frühling von dieser Bluterregung, sie sehen nicht mehr den eigentlichen gelben Schimmer, der von der Leber kommt, in welcher die gelbe Galle ihren Mittelpunkt hat. Der Grieche sah in dem, was sich da rosig färbte im Frühling, gelblich im Sommer, in dem sah er eine Seelentätigkeit.

[ 16 ] Und wenn der Herbst kam, dann sagte er: Da sind insbesondere diejenigen Säfte in Tätigkeit, die in der Milz ihren Mittelpunkt haben, die Säfte der schwarzen Galle. Und so sah der Grieche im Menschen eine Säftebewegung, eine Säftewirkung unmittelbar unter dem Einfluß des Seelischen. Er nahm gewissermaßen den menschlichen Leib gegenüber den Ägyptern aus dem Erdganzen heraus. Er betrachtete ihn für sich selber. Er kam dadurch mehr zu dem Innerseelischen des Menschen, wie es sich äußert zwischen Geburt und Tod.

[ 16 ] Und wenn der Herbst kam, dann sagte er: Da sind insbesondere diejenigen Säfte in Tätigkeit, die in der Milz ihren Mittelpunkt haben, die Säfte der schwarzen Galle. Und so sah der Grieche im Menschen eine Säftebewegung, eine Säftewirkung unmittelbar unter dem Einfluß des Seelischen. Er nahm gewissermaßen den menschlichen Leib gegenüber den Ägyptern aus dem Erdganzen heraus. Er betrachtete ihn für sich selber. Er kam dadurch mehr zu dem Innerseelischen des Menschen, wie es sich äußert zwischen Geburt und Tod.

[ 17 ] Aber als dann diese Zivilisation weiter vorrückte, als namentlich sich mehr geltend machte das westliche Element, das lateinische, das römische Element, da ging bis zu einem gewissen Grad verloren diese Anschauung, die wir besonders bei Hippokrates finden, der darauf seine Heilkunde basierte. Er sagte sich, das GeistigSeelische des Menschen, wie es sich äußert zwischen Geburt und Tod, bewirkt so diese Mischungen und Entmischungen des Säftesystems; wenn das nun nicht so weit geht, wie es das Geistig-Seelische will, so ist die Krankheit da. Aber das Geistig-Seelische, das hat eigentlich immer das Bestreben, normal diesen Gang zu gestalten. Daher hat der Arzt die besondere Aufgabe, dieses Geistig-Seelische in seinem Kräfteeinflusse auf die Säftewirkungen zu studieren und die Krankheit zu beobachten. Ist irgendwie die Bestrebung im menschlichen Leibe, die Säftemischung unnormal zu machen, dann greift das Seelische ein, greift ein bis zur Krisis, wo es auf der Kippe steht, ob das Leibliche oder das Seelisch-Geistige siege. Der Arzt muß die Sache so wenden, daß es zu dieser Krisis kommt. Dann zeigt sich das an irgendeiner Stelle, daß heraus will, was schlechte Säftemischung ist. Dann muß man in der Krisis, die man eingeleitet hat, in der richtigen Weise eingreifen, entweder dadurch, daß man die Säfte, die sich in dieser Weise zusammengezogen haben, und die nicht dulden den Einfluß von seiten des Geistig-Seelischen, daß man diese entweder durch Purgieren entfernt, oder durch Aderlaß im richtigen Moment herausbringt.

[ 17 ] Aber als dann diese Zivilisation weiter vorrückte, als namentlich sich mehr geltend machte das westliche Element, das lateinische, das römische Element, da ging bis zu einem gewissen Grad verloren diese Anschauung, die wir besonders bei Hippokrates finden, der darauf seine Heilkunde basierte. Er sagte sich, das GeistigSeelische des Menschen, wie es sich äußert zwischen Geburt und Tod, bewirkt so diese Mischungen und Entmischungen des Säftesystems; wenn das nun nicht so weit geht, wie es das Geistig-Seelische will, so ist die Krankheit da. Aber das Geistig-Seelische, das hat eigentlich immer das Bestreben, normal diesen Gang zu gestalten. Daher hat der Arzt die besondere Aufgabe, dieses Geistig-Seelische in seinem Kräfteeinflusse auf die Säftewirkungen zu studieren und die Krankheit zu beobachten. Ist irgendwie die Bestrebung im menschlichen Leibe, die Säftemischung unnormal zu machen, dann greift das Seelische ein, greift ein bis zur Krisis, wo es auf der Kippe steht, ob das Leibliche oder das Seelisch-Geistige siege. Der Arzt muß die Sache so wenden, daß es zu dieser Krisis kommt. Dann zeigt sich das an irgendeiner Stelle, daß heraus will, was schlechte Säftemischung ist. Dann muß man in der Krisis, die man eingeleitet hat, in der richtigen Weise eingreifen, entweder dadurch, daß man die Säfte, die sich in dieser Weise zusammengezogen haben, und die nicht dulden den Einfluß von seiten des Geistig-Seelischen, daß man diese entweder durch Purgieren entfernt, oder durch Aderlaß im richtigen Moment herausbringt.

[ 18 ] Es war ein ganz besonderes, eben mit dieser Anschauung des Menschen zusammenhängendes Heilen des Hippokrates, und es ist interessant, wie da ein inniges Zusammendenken von Geistig-Seelischem, wie es sich äußert zwischen Geburt und Tod, und dem Säftesystem, als Anschauung da war. Aber das wurde anders, als dann das lateinisch-römische Element diese Entwickelung fortsetzte.

[ 18 ] Es war ein ganz besonderes, eben mit dieser Anschauung des Menschen zusammenhängendes Heilen des Hippokrates, und es ist interessant, wie da ein inniges Zusammendenken von Geistig-Seelischem, wie es sich äußert zwischen Geburt und Tod, und dem Säftesystem, als Anschauung da war. Aber das wurde anders, als dann das lateinisch-römische Element diese Entwickelung fortsetzte.

[ 19 ] Dieses römische Element, das hatte weniger Sinn für das plastische Erfassen der Form, für das plastische Erfassen der Säftemischung. Bei einem Arzt wie Galen, der im 2. nachchristlichen Jahrhundert lebte, sieht man es schon ganz genau, ihm ist dieses Säftesystem, das Hippokrates eben gesehen hat, nicht mehr so durchsichtig. Sehen Sie, man muß sich das schon so vorstellen: Wenn Sie heute im chemischen Laboratorium eine Retorte sehen, unter der die Flamme ist und Sie sehen da das Produkt der Stoffe darinnen so durchsichtig in der Wirkung des Geistig-Seelischen in den Säften des Leibes, so durchsichtig, sinnlich-übersinnlich durchsichtig war für Hippokrates dasjenige, was im Menschen vorging. Aber für dieses Plastisch-Anschauliche hatten die Römer keinen Sinn mehr. Sie wendeten dasjenige, was als Geistig-Seelisches im Menschen lebte, nicht mehr nach dem Leibe hin, sondern nach dem Abstrakten, nach dem Geistigen. Aber nur so erfaßten sie es, wie eben das Geistig-Seelische zwischen Geburt und Tod dieses Geistige in sich erleben kann. So wie der Grieche hinschaut auf den Leib, wie er in der Säftemischung und Entmischung das Geistig-Seelische geschaut hat, wie für ihn die sinnliche Anschauung in ihrer Plastik das Wesentliche war, so wurde für den Römer dasjenige, als was der Mensch sich fühlt, das Wesentliche: das seelische Sich-Fühlen. Für den Griechen war es das Anschauen dessen, wie Phlegma, wie Blut, wie schwarze und gelbe Galle durcheinandergehen, wie diese im Menschen gewissermaßen der Ausdruck sind des Irdischen, von Luft, Feuer, Wasser, Erde, das, was man im Menschen als ein Kunstwerk anschaut. Während der Ägypter die Mumie anschaute, schaute der Grieche das lebendige Kunstwerk an. Bei dem Römer war kein Sinn da für das, sondern für das Sich-auf-seine-Beine-Stellen, innerliches Bewußtsein entwickeln, den Geist sprechen lassen, nicht den Leib anschauen, den Geist sprechen lassen aus dem Seelischen zwischen Geburt und Tod.

[ 19 ] Dieses römische Element, das hatte weniger Sinn für das plastische Erfassen der Form, für das plastische Erfassen der Säftemischung. Bei einem Arzt wie Galen, der im 2. nachchristlichen Jahrhundert lebte, sieht man es schon ganz genau, ihm ist dieses Säftesystem, das Hippokrates eben gesehen hat, nicht mehr so durchsichtig. Sehen Sie, man muß sich das schon so vorstellen: Wenn Sie heute im chemischen Laboratorium eine Retorte sehen, unter der die Flamme ist und Sie sehen da das Produkt der Stoffe darinnen so durchsichtig in der Wirkung des Geistig-Seelischen in den Säften des Leibes, so durchsichtig, sinnlich-übersinnlich durchsichtig war für Hippokrates dasjenige, was im Menschen vorging. Aber für dieses Plastisch-Anschauliche hatten die Römer keinen Sinn mehr. Sie wendeten dasjenige, was als Geistig-Seelisches im Menschen lebte, nicht mehr nach dem Leibe hin, sondern nach dem Abstrakten, nach dem Geistigen. Aber nur so erfaßten sie es, wie eben das Geistig-Seelische zwischen Geburt und Tod dieses Geistige in sich erleben kann. So wie der Grieche hinschaut auf den Leib, wie er in der Säftemischung und Entmischung das Geistig-Seelische geschaut hat, wie für ihn die sinnliche Anschauung in ihrer Plastik das Wesentliche war, so wurde für den Römer dasjenige, als was der Mensch sich fühlt, das Wesentliche: das seelische Sich-Fühlen. Für den Griechen war es das Anschauen dessen, wie Phlegma, wie Blut, wie schwarze und gelbe Galle durcheinandergehen, wie diese im Menschen gewissermaßen der Ausdruck sind des Irdischen, von Luft, Feuer, Wasser, Erde, das, was man im Menschen als ein Kunstwerk anschaut. Während der Ägypter die Mumie anschaute, schaute der Grieche das lebendige Kunstwerk an. Bei dem Römer war kein Sinn da für das, sondern für das Sich-auf-seine-Beine-Stellen, innerliches Bewußtsein entwickeln, den Geist sprechen lassen, nicht den Leib anschauen, den Geist sprechen lassen aus dem Seelischen zwischen Geburt und Tod.

[ 20 ] Das aber ist verbunden damit, daß bei den Ägyptern in der Blütezeit ihrer Kultur namentlich vier Wissenszweige in der alten Form ganz besonders lebten, das waren die Geometrie, die Astrologie, die Arithmetik und die Musik. Indem der Ägypter auf dasjenige hinschaute, was gewissermaßen als ein Überirdisches aus der Erde heraus den Leib bildete, stellte er sich vor: Dieser Leib wird gebildet in seinen Raumesformen nach dem Gesetz der Geometrie; er steht unter dem Sterneneinflusse nach dem Gesetze der Astrologie; er betätigt sich von innen heraus nach dem Gesetz der Arithmetik, und er ist innerlich harmonisch gebaut nach dem Gesetz der Musik, wobei das Musikalische nicht bloß das Tonlich-Musikalische ist, sondern überhaupt das in Harmonien sich Auslebende. Im Menschen selber, der da eine Wirkung der Erde war, in diesem Mumienmenschen sah der Ägypter das Ergebnis von Geometrie, Astrologie, Arithmetik und Musik. Das trat für den Griechen zurück. Der Grieche setzte an die Stelle des, ich möchte sagen, Leblosen, Mumienhaften, das man begreifen kann durch Geometrie, Astrologie, Arithmetik und Musik, er setzte das lebendige, das seelisch-lebendige, innerliche, plastisch Sich-Gestalten, künstlerische Sich-Formen des menschlichen Leibes.

[ 20 ] Das aber ist verbunden damit, daß bei den Ägyptern in der Blütezeit ihrer Kultur namentlich vier Wissenszweige in der alten Form ganz besonders lebten, das waren die Geometrie, die Astrologie, die Arithmetik und die Musik. Indem der Ägypter auf dasjenige hinschaute, was gewissermaßen als ein Überirdisches aus der Erde heraus den Leib bildete, stellte er sich vor: Dieser Leib wird gebildet in seinen Raumesformen nach dem Gesetz der Geometrie; er steht unter dem Sterneneinflusse nach dem Gesetze der Astrologie; er betätigt sich von innen heraus nach dem Gesetz der Arithmetik, und er ist innerlich harmonisch gebaut nach dem Gesetz der Musik, wobei das Musikalische nicht bloß das Tonlich-Musikalische ist, sondern überhaupt das in Harmonien sich Auslebende. Im Menschen selber, der da eine Wirkung der Erde war, in diesem Mumienmenschen sah der Ägypter das Ergebnis von Geometrie, Astrologie, Arithmetik und Musik. Das trat für den Griechen zurück. Der Grieche setzte an die Stelle des, ich möchte sagen, Leblosen, Mumienhaften, das man begreifen kann durch Geometrie, Astrologie, Arithmetik und Musik, er setzte das lebendige, das seelisch-lebendige, innerliche, plastisch Sich-Gestalten, künstlerische Sich-Formen des menschlichen Leibes.

[ 21 ] Daher sehen wir in einer gewissen Weise untergehen in der griechischen Kultur Geometrie, wie sie vorhanden war bei den Ägyptern. Sie wird zur bloßen Wissenschaft; sie ist nicht mehr Offenbarung. Ebenso verhält es sich mit der Astrologie, ebenso mit der Arithmetik. Höchstens das innere Harmonische, das dem Lebendigen zugrunde liegt, bleibt noch in der griechischen Auffassung der Musik.

[ 21 ] Daher sehen wir in einer gewissen Weise untergehen in der griechischen Kultur Geometrie, wie sie vorhanden war bei den Ägyptern. Sie wird zur bloßen Wissenschaft; sie ist nicht mehr Offenbarung. Ebenso verhält es sich mit der Astrologie, ebenso mit der Arithmetik. Höchstens das innere Harmonische, das dem Lebendigen zugrunde liegt, bleibt noch in der griechischen Auffassung der Musik.

[ 22 ] Und als dann das Lateinische an die Stelle trat, da, wie gesagt, stellte sich der Römer sein Geistig-Seelisches vor, wie es ist zwischen Geburt und Tod, mit dem innerlichen Geistigen, aber so wie es sich ausdrückt jetzt nicht innerlich anschaubar, sondern innerlich erlebbar, sich selber auf die Erde hinstellend durch Grammatik, durch Dialektik und dutch Rhetorik. Daher glänzte auf in den Zeiten, in denen das Griechische überging in das Lateinische, Grammatik: das Sich-Darstellen des Menschen als Geist durch das Wort; Rhetorik: das Sich-Darstellen des Menschen durch das Schöne des Wortes, durch das Formen des Wortes; Dialektik: das Sich-Darstellen der Seele durch das Formen des Gedankens. Und nur wie eine alte Erbschaft zur Wissenschaft geworden waren noch Arithmetik, Geometrie, Astrologie und Musik. Diese Dinge, die im alten Ägypten sehr lebendig waren, die wurden abstrakte Wissenschaften. Dagegen lebendig wurde das, was an dem Menschen haftet: Grammatik, Rhetorik, Dialektik. Es ist ein großer Unterschied zwischen dem, wie im alten Ägypten der voreuklidischen Zeit ein Dreieck empfunden wurde, und dem, wie es später, nach Euklid, empfunden wurde. Das abstrakte Dreieck, das haben die nicht so empfunden, wie es nachher empfunden wurde. Euklid bedeutet die Dekadenz der ägyptischen Arithmetik und Geometrie. Da empfand man Weltenkräfte, wenn man sich ein Dreieck vorstellte. Da war das Dreieck eine Wesenheit. Jetzt wurde das alles Wissenschaft. Und lebendig wurden Dialektik und Grammatik und Rhetorik.

[ 22 ] Und als dann das Lateinische an die Stelle trat, da, wie gesagt, stellte sich der Römer sein Geistig-Seelisches vor, wie es ist zwischen Geburt und Tod, mit dem innerlichen Geistigen, aber so wie es sich ausdrückt jetzt nicht innerlich anschaubar, sondern innerlich erlebbar, sich selber auf die Erde hinstellend durch Grammatik, durch Dialektik und dutch Rhetorik. Daher glänzte auf in den Zeiten, in denen das Griechische überging in das Lateinische, Grammatik: das Sich-Darstellen des Menschen als Geist durch das Wort; Rhetorik: das Sich-Darstellen des Menschen durch das Schöne des Wortes, durch das Formen des Wortes; Dialektik: das Sich-Darstellen der Seele durch das Formen des Gedankens. Und nur wie eine alte Erbschaft zur Wissenschaft geworden waren noch Arithmetik, Geometrie, Astrologie und Musik. Diese Dinge, die im alten Ägypten sehr lebendig waren, die wurden abstrakte Wissenschaften. Dagegen lebendig wurde das, was an dem Menschen haftet: Grammatik, Rhetorik, Dialektik. Es ist ein großer Unterschied zwischen dem, wie im alten Ägypten der voreuklidischen Zeit ein Dreieck empfunden wurde, und dem, wie es später, nach Euklid, empfunden wurde. Das abstrakte Dreieck, das haben die nicht so empfunden, wie es nachher empfunden wurde. Euklid bedeutet die Dekadenz der ägyptischen Arithmetik und Geometrie. Da empfand man Weltenkräfte, wenn man sich ein Dreieck vorstellte. Da war das Dreieck eine Wesenheit. Jetzt wurde das alles Wissenschaft. Und lebendig wurden Dialektik und Grammatik und Rhetorik.

[ 23 ] Und nun gestaltete es sich so, daß die Schulen in der Weise gebildet wurden, daß man sagte: Derjenige, der ein gebildeter Mensch werden will, der muß das Geistige in dem vorausgehenden GeistigSeelischen des eigenen Menschen ausbilden. Er muß zunächst absolvieren als erste Stufe des gebildeten Unterrichts Grammatik, Rhetorik, Dialektik; dann dasjenige, was nur als Erbschaft da ist, was Gegenstand des höheren Unterrichts bildete, aber was doch eben als Erbschaft, als Überlieferung da ist: Geometrie, Astrologie, Arithmetik, Musik. Und das waren dann auch noch später durch das ganze Mittelalter hindurch die sieben freien Künste: Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Geometrie, Astrologie, Arithmetik und Musik. Dasjenige, was mehr hervortrat: Grammatik, Rhetorik, Dialektik, dasjenige, was mehr im Hintergrunde war, was der alte Ägypter noch lebendig erfaßte, als er mit der Erde im Zusammenhang stand, das war damals das höhere Unterrichten, Gegenstand des höheren Unterrichtens, und das war das Wesentliche, was sich ausbildet zwischen dem 8. vorchristlichen und dem 4. nachchristlichen Jahrhundert. Schauen Sie noch auf Griechenland hin im 4. nachchristlichen Jahrhundert oder auch weiter hinaus im 3., im 5. Jahrhundert, schauen Sie hinüber nach dem heutigen Italien. Sie finden überall, daß da in der Hochblüte steht dieses Wissen von dem Menschen als einem plastischen äußeren Kunstwerke, einem Ergebnis des Geistig-Seelischen, einem Leben des Geistigen durch Dialektik, Rhetorik, Grammatik. So etwa ist Julian Apostata in der athenischen Philosophenschule gebildet worden. So sah er das Menschenwesen an.

[ 23 ] Und nun gestaltete es sich so, daß die Schulen in der Weise gebildet wurden, daß man sagte: Derjenige, der ein gebildeter Mensch werden will, der muß das Geistige in dem vorausgehenden GeistigSeelischen des eigenen Menschen ausbilden. Er muß zunächst absolvieren als erste Stufe des gebildeten Unterrichts Grammatik, Rhetorik, Dialektik; dann dasjenige, was nur als Erbschaft da ist, was Gegenstand des höheren Unterrichts bildete, aber was doch eben als Erbschaft, als Überlieferung da ist: Geometrie, Astrologie, Arithmetik, Musik. Und das waren dann auch noch später durch das ganze Mittelalter hindurch die sieben freien Künste: Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Geometrie, Astrologie, Arithmetik und Musik. Dasjenige, was mehr hervortrat: Grammatik, Rhetorik, Dialektik, dasjenige, was mehr im Hintergrunde war, was der alte Ägypter noch lebendig erfaßte, als er mit der Erde im Zusammenhang stand, das war damals das höhere Unterrichten, Gegenstand des höheren Unterrichtens, und das war das Wesentliche, was sich ausbildet zwischen dem 8. vorchristlichen und dem 4. nachchristlichen Jahrhundert. Schauen Sie noch auf Griechenland hin im 4. nachchristlichen Jahrhundert oder auch weiter hinaus im 3., im 5. Jahrhundert, schauen Sie hinüber nach dem heutigen Italien. Sie finden überall, daß da in der Hochblüte steht dieses Wissen von dem Menschen als einem plastischen äußeren Kunstwerke, einem Ergebnis des Geistig-Seelischen, einem Leben des Geistigen durch Dialektik, Rhetorik, Grammatik. So etwa ist Julian Apostata in der athenischen Philosophenschule gebildet worden. So sah er das Menschenwesen an.

[ 24 ] In diese Zeit schlug hinein der Anfang des Christentums. Aber er schlug hinein, als das schon alles in gewissem Sinne im Abglimmen doch war. Im 4. Jahrhunderte war es ja auf seinem Höhepunkte, und wir haben gesehen, wie schon bei Johannes Scotus Erigena nur eine Erbschaft davon vorhanden war. Es ist ja dasjenige, was da gelebt hat zum Beispiel im Griechen aus einer solchen Anschauung heraus, wie ich sie Ihnen charakterisiert habe, es ist ja das dann übergegangen auf Plato, auf Aristoteles, die das philosophisch ausgesprochen haben. Aber als das 4. nachchristliche Jahrhundert heranrückte, verstand man immer weniger den Plato und den Aristoteles. Man konnte höchstens das Logische, das Abstrakte herübernehmen. Man lebte in Grammatik, in Rhetorik, in Dialektik. Arithmetik, Geometrie, Astrologie und Musik waren Wissenschaften geworden. Man lebte sich immer mehr und mehr schon herein in eine Art Abstraktionselement, man lebte sich schon hinein in ein Element, wo dasjenige, was früher lebendig war, nur wie eine Erbschaft noch da sein sollte. Und als die Jahrhunderte weitergingen, da wurde es immer mehr Erbschaft. Diejenigen, die dann sich innerhalb der lateinischen Sprache ausbildeten, sie behielten zurück, ich möchte sagen, mehr oder weniger verknöchert, Grammatik, Rhetorik, Dialektik, während vorher der Mensch gelacht hätte darüber, wenn man ihn gefragt hätte, ob denn dasjenige, was er denkt, auf etwas Reales hinweist; er würde gelacht haben, denn er sagte: Ich treibe ja Dialektik, ich treibe doch nicht die Kunst der Begriffe, um irgend etwas Irreales zu treiben. Da lebt doch in mir die geistige Realität. Indem ich Grammatik treibe, spricht in mir der Logos. Indem ich Rhetorik treibe, ist es die Weltensonne, die in mich hereinwirkt. — Das Bewußtsein, so zusammenzuhängen mit der Welt, das ging immer mehr und mehr verloren. Die Dinge wurden abstrakte Seelenerlebnisse, wie sie es ja schon vollends sind bei Johannes Scotus Erigena. Und dasjenige, was erhalten geblieben war aus den älteren Zeiten der Plato, Aristoteles —, sie wurden eben nur mehr oder weniger noch logisch aufgefaßt. Man fand nicht das Lebendige in ihnen.

[ 24 ] In diese Zeit schlug hinein der Anfang des Christentums. Aber er schlug hinein, als das schon alles in gewissem Sinne im Abglimmen doch war. Im 4. Jahrhunderte war es ja auf seinem Höhepunkte, und wir haben gesehen, wie schon bei Johannes Scotus Erigena nur eine Erbschaft davon vorhanden war. Es ist ja dasjenige, was da gelebt hat zum Beispiel im Griechen aus einer solchen Anschauung heraus, wie ich sie Ihnen charakterisiert habe, es ist ja das dann übergegangen auf Plato, auf Aristoteles, die das philosophisch ausgesprochen haben. Aber als das 4. nachchristliche Jahrhundert heranrückte, verstand man immer weniger den Plato und den Aristoteles. Man konnte höchstens das Logische, das Abstrakte herübernehmen. Man lebte in Grammatik, in Rhetorik, in Dialektik. Arithmetik, Geometrie, Astrologie und Musik waren Wissenschaften geworden. Man lebte sich immer mehr und mehr schon herein in eine Art Abstraktionselement, man lebte sich schon hinein in ein Element, wo dasjenige, was früher lebendig war, nur wie eine Erbschaft noch da sein sollte. Und als die Jahrhunderte weitergingen, da wurde es immer mehr Erbschaft. Diejenigen, die dann sich innerhalb der lateinischen Sprache ausbildeten, sie behielten zurück, ich möchte sagen, mehr oder weniger verknöchert, Grammatik, Rhetorik, Dialektik, während vorher der Mensch gelacht hätte darüber, wenn man ihn gefragt hätte, ob denn dasjenige, was er denkt, auf etwas Reales hinweist; er würde gelacht haben, denn er sagte: Ich treibe ja Dialektik, ich treibe doch nicht die Kunst der Begriffe, um irgend etwas Irreales zu treiben. Da lebt doch in mir die geistige Realität. Indem ich Grammatik treibe, spricht in mir der Logos. Indem ich Rhetorik treibe, ist es die Weltensonne, die in mich hereinwirkt. — Das Bewußtsein, so zusammenzuhängen mit der Welt, das ging immer mehr und mehr verloren. Die Dinge wurden abstrakte Seelenerlebnisse, wie sie es ja schon vollends sind bei Johannes Scotus Erigena. Und dasjenige, was erhalten geblieben war aus den älteren Zeiten der Plato, Aristoteles —, sie wurden eben nur mehr oder weniger noch logisch aufgefaßt. Man fand nicht das Lebendige in ihnen.

[ 25 ] Und als nun der Kaiser Konstantin das Römische zum Herrschenden machte unter dem Vorwande, daß er das Christentum zum Herrschenden machen wollte, da wurde vollends alles abstrakt, da wurde es so abstrakt, daß man verstummte, wie der in der athenischen Philosophenschule gebildete Julian der Apostat, der mit blutendem Herzen hinschaute auf dasjenige, was Konstantin angerichtet hatte an Verknöcherung der Begriffe, Verknöcherung des alten Lebendigen; und er, der Julian Apostata, nahm sich vor, dieses Leben zu erhalten, das ihm noch erschienen ist in den athenischen Philosophenschulen.

[ 25 ] Und als nun der Kaiser Konstantin das Römische zum Herrschenden machte unter dem Vorwande, daß er das Christentum zum Herrschenden machen wollte, da wurde vollends alles abstrakt, da wurde es so abstrakt, daß man verstummte, wie der in der athenischen Philosophenschule gebildete Julian der Apostat, der mit blutendem Herzen hinschaute auf dasjenige, was Konstantin angerichtet hatte an Verknöcherung der Begriffe, Verknöcherung des alten Lebendigen; und er, der Julian Apostata, nahm sich vor, dieses Leben zu erhalten, das ihm noch erschienen ist in den athenischen Philosophenschulen.

[ 26 ] Aber von jenem Byzanz und von jenem Konstantinopel aus, das von Konstantin begründet ist, herrschte später Justinian, der die letzten Reste dieser athenischen Philosophenschulen, wo noch ein Nachklang war lebendigen Menschenwissens, aufgehoben hat, so daß die sieben weisen Athener — Athener waren sie nicht, sie waren eigentlich ganz international, Damasker, Syrier und andere, sie waren aus aller Welt hier zusammen —, die sieben weisen Männer fliehen mußten auf das Gebot des Justinian. Sie flüchteten hinüber nach Asien zum König der Perser, wohin sich vorher schon Philosophen flüchten mußten, als Zeno der Isaurier eine ähnliche Akademie aufgelöst hatte. Und wir sehen, wie in Asien drüben Zuflucht sucht dasjenige, was in Europa, namentlich in seinem Besten nicht mehr verstanden werden konnte: das lebendige Erleben, wie es im Griechentum war.

[ 26 ] Aber von jenem Byzanz und von jenem Konstantinopel aus, das von Konstantin begründet ist, herrschte später Justinian, der die letzten Reste dieser athenischen Philosophenschulen, wo noch ein Nachklang war lebendigen Menschenwissens, aufgehoben hat, so daß die sieben weisen Athener — Athener waren sie nicht, sie waren eigentlich ganz international, Damasker, Syrier und andere, sie waren aus aller Welt hier zusammen —, die sieben weisen Männer fliehen mußten auf das Gebot des Justinian. Sie flüchteten hinüber nach Asien zum König der Perser, wohin sich vorher schon Philosophen flüchten mußten, als Zeno der Isaurier eine ähnliche Akademie aufgelöst hatte. Und wir sehen, wie in Asien drüben Zuflucht sucht dasjenige, was in Europa, namentlich in seinem Besten nicht mehr verstanden werden konnte: das lebendige Erleben, wie es im Griechentum war.

[ 27 ] Dasjenige, was als Griechentum dann später in Europa tradiert worden ist, das ist ja nur der Schatten des Griechentums. Goethe hat ihn auf sich wirken lassen und hat selber als ein vollebendiger Mensch eine solche Sehnsucht bekommen, daß er hätte herausfahren wollen aus dem, was ihm da als der Schatten des Griechentums dargeboten worden ist. Er ging hinunter nach dem Süden, um wenigstens die Nachklänge noch erleben zu können.

[ 27 ] Dasjenige, was als Griechentum dann später in Europa tradiert worden ist, das ist ja nur der Schatten des Griechentums. Goethe hat ihn auf sich wirken lassen und hat selber als ein vollebendiger Mensch eine solche Sehnsucht bekommen, daß er hätte herausfahren wollen aus dem, was ihm da als der Schatten des Griechentums dargeboten worden ist. Er ging hinunter nach dem Süden, um wenigstens die Nachklänge noch erleben zu können.

[ 28 ] Und drüben in Asien, da empfingen die Leute, die dazu fähig waren, dasjenige, was ihnen hinübergebracht war von Plato und Aristoteles. Und da kam es dann dazu, daß, als das 6. Jahrhundert herangerückt war, man aus asiatisch-arabischem Geiste heraus den Aristoteles übersetzt hatte. Da hatte der Aristoteles eine andere Gestalt bekommen.

[ 28 ] Und drüben in Asien, da empfingen die Leute, die dazu fähig waren, dasjenige, was ihnen hinübergebracht war von Plato und Aristoteles. Und da kam es dann dazu, daß, als das 6. Jahrhundert herangerückt war, man aus asiatisch-arabischem Geiste heraus den Aristoteles übersetzt hatte. Da hatte der Aristoteles eine andere Gestalt bekommen.

[ 29 ] Was war da eigentlich versucht worden? Es war versucht worden, dasjenige, was der Grieche erlebt hatte als den Zusammenhang zwischen dem Geistig-Seelischen und dem Säftesystem des Leibes in voller geistig-seelisch-leiblicher Plastizität und Gestaltungskraft, was der Grieche so gesehen hatte, dahin hinaufzuheben, wo die Ichheit voll erfaßt werden konnte. Und dadurch entstand dann jene arabisierende Wissenschaft, welche besonders gepflegt wurde in der Akademie von Gondishapur und in der ganzen niedergehenden Zeit des 4. nachatlantischen Zeitraums, und die auch durch Avicenna, durch Averroës herübergebracht worden ist in den späteren Jahrhunderten über Spanien nach Europa, und die dann auf solche Leute wie Roger Bacon und so weiter einen großen Einfluß ausgeübt hat. Aber es war ein völlig neues Element, was in einer Weise, die nicht bestehen konnte, die Akademie von Gondishapur der Menschheit geben wollte auf dem Umwege durch die Übersetzung des Aristoteles und durch gewisse Mysterienweisheiten, die aber dann Wege genommen haben, von denen wir ein andermal sprechen wollen. Und was dann durch Avicenna, durch Averroës herübergebracht worden ist, es war das Ringen um dasjenige, was dann vom Beginn des 15. Jahrhunderts an in die Zivilisation der Menschheit eintreten sollte; es war das Ringen um die Bewußtseinsseele, denn die Griechen haben es nur bis zur Verstandes- oder Gemütsseele gebracht. Und dasjenige, was dann Avicenna und Averroës herübergebracht haben, was gewissermaßen der Aristoteles in Asien geworden war, das ringt mit dem Verständnis des menschlichen Ich, das auf eine ganz andere Art — ich habe es in den öffentlichen Vorträgen hier während des Kurses dargestellt —, durch die germanischen Völkerschaften von unten nach oben sich durchzuringen hat. In Asien drüben wurde es als eine Mysterienweisheit wie eine Offenbarung von oben empfangen und es entstand jene Ansicht, welche in Europa so lange so schwerwiegende Disputationen hervorgerufen hat: daß das Ich des Menschen eigentlich nicht eine selbständige Wesenheit ist, sondern daß es im Grunde genommen mit dem göttlichen Allsein vereinigt ist. Das Ich wollte man ergreifen. Das Ich sollte sein in dem, was der Grieche angeschaut hat als leiblich-seelisch-geistige Wesenheit.

[ 29 ] Was war da eigentlich versucht worden? Es war versucht worden, dasjenige, was der Grieche erlebt hatte als den Zusammenhang zwischen dem Geistig-Seelischen und dem Säftesystem des Leibes in voller geistig-seelisch-leiblicher Plastizität und Gestaltungskraft, was der Grieche so gesehen hatte, dahin hinaufzuheben, wo die Ichheit voll erfaßt werden konnte. Und dadurch entstand dann jene arabisierende Wissenschaft, welche besonders gepflegt wurde in der Akademie von Gondishapur und in der ganzen niedergehenden Zeit des 4. nachatlantischen Zeitraums, und die auch durch Avicenna, durch Averroës herübergebracht worden ist in den späteren Jahrhunderten über Spanien nach Europa, und die dann auf solche Leute wie Roger Bacon und so weiter einen großen Einfluß ausgeübt hat. Aber es war ein völlig neues Element, was in einer Weise, die nicht bestehen konnte, die Akademie von Gondishapur der Menschheit geben wollte auf dem Umwege durch die Übersetzung des Aristoteles und durch gewisse Mysterienweisheiten, die aber dann Wege genommen haben, von denen wir ein andermal sprechen wollen. Und was dann durch Avicenna, durch Averroës herübergebracht worden ist, es war das Ringen um dasjenige, was dann vom Beginn des 15. Jahrhunderts an in die Zivilisation der Menschheit eintreten sollte; es war das Ringen um die Bewußtseinsseele, denn die Griechen haben es nur bis zur Verstandes- oder Gemütsseele gebracht. Und dasjenige, was dann Avicenna und Averroës herübergebracht haben, was gewissermaßen der Aristoteles in Asien geworden war, das ringt mit dem Verständnis des menschlichen Ich, das auf eine ganz andere Art — ich habe es in den öffentlichen Vorträgen hier während des Kurses dargestellt —, durch die germanischen Völkerschaften von unten nach oben sich durchzuringen hat. In Asien drüben wurde es als eine Mysterienweisheit wie eine Offenbarung von oben empfangen und es entstand jene Ansicht, welche in Europa so lange so schwerwiegende Disputationen hervorgerufen hat: daß das Ich des Menschen eigentlich nicht eine selbständige Wesenheit ist, sondern daß es im Grunde genommen mit dem göttlichen Allsein vereinigt ist. Das Ich wollte man ergreifen. Das Ich sollte sein in dem, was der Grieche angeschaut hat als leiblich-seelisch-geistige Wesenheit.

[ 30 ] Aber man konnte den Einklang nicht finden zwischen dem und nun auch noch dem Ich. Daher bei Avicenna die Vorstellung: Dasjenige, was individuelle Seele ist, entsteht mit der Geburt, es endet mit dem Tode. Der Grieche hatte ja, wie wir sahen, damit gerungen. Der Ägypter stellte es sich überhaupt so vor, daß es mit der Geburt aufglimmt, mit dem Tode erlischt. Mit dieser Vorstellung rang man noch immer, wenn man das eigentliche Seelische zwischen Geburt und Tod, das wahre Seelische ansah. Aber das Ich konnte nicht in dieser Weise vergänglich sein. Daher sagte sich Avicenna: das Ich ist eigentlich in allen Menschen eines nur, und es ist im Grunde der eine Strahl der Gottheit, und es geht wiederum in die Gottheit zurück, wenn der Mensch stirbt. Es ist real, aber es ist nicht individuell-real. Ein pneumatischer Pantheismus entstand, als ob das Ich keine Selbständigkeit hätte, sondern als ob das Ich gewissermaßen nur ein Strahl der Gottheit sei, der hineinstrahlt zwischen Geburt und Tod in dasjenige, was der Grieche als geistig-seelisch angesehen hat. Gewissermaßen wird das vergängliche Seelische des Menschen durch den Strahl der Gottheit mit dem Ewigen durchseelt zwischen Geburt und Tod. So dachte man sich das.

[ 30 ] Aber man konnte den Einklang nicht finden zwischen dem und nun auch noch dem Ich. Daher bei Avicenna die Vorstellung: Dasjenige, was individuelle Seele ist, entsteht mit der Geburt, es endet mit dem Tode. Der Grieche hatte ja, wie wir sahen, damit gerungen. Der Ägypter stellte es sich überhaupt so vor, daß es mit der Geburt aufglimmt, mit dem Tode erlischt. Mit dieser Vorstellung rang man noch immer, wenn man das eigentliche Seelische zwischen Geburt und Tod, das wahre Seelische ansah. Aber das Ich konnte nicht in dieser Weise vergänglich sein. Daher sagte sich Avicenna: das Ich ist eigentlich in allen Menschen eines nur, und es ist im Grunde der eine Strahl der Gottheit, und es geht wiederum in die Gottheit zurück, wenn der Mensch stirbt. Es ist real, aber es ist nicht individuell-real. Ein pneumatischer Pantheismus entstand, als ob das Ich keine Selbständigkeit hätte, sondern als ob das Ich gewissermaßen nur ein Strahl der Gottheit sei, der hineinstrahlt zwischen Geburt und Tod in dasjenige, was der Grieche als geistig-seelisch angesehen hat. Gewissermaßen wird das vergängliche Seelische des Menschen durch den Strahl der Gottheit mit dem Ewigen durchseelt zwischen Geburt und Tod. So dachte man sich das.

[ 31 ] Das ist etwas von dem, was Ihnen zeigt, wie da rang die Zeit mit dem Hereinkommen des Ich, des Bewußtseins vom Ich, der Bewußtseinsseele. sehen Sie, das ist es, was sich zugetragen hat in dem Zeitraume zwischen dem 8. vorchristlichen und dem 15. nachchristlichen Jahrhundert, wovon die Mitte das 4. nachchristliche Jahrhundert war. Da waren die Menschen hineingestellt in die Ablösung des Konkreten, das noch ganz gelebt hat in der Säftemischung und Entmischung, das im leiblichen Wesen das Seelische geschaut hat, in dem Ablösen dieses plastischen Elementes durch ein nur Abstraktes, durch ein mehr Auf-das-Innere-Gerichtetes. Man kann schon sagen: bis zum 4. nachchristlichen Jahrhundert hat im Römertum noch das Griechentum geherrscht. Eigentlich wurde das Römertum erst herrschend, als es schon untergegangen war. Es war in gewissem Sinne dazu prädestiniert, in seinem Toten erst zu wirken, in seiner toten lateinischen Sprache, in der es dann vorbereitet hatte dasjenige, was hereinkam in die menschliche Entwickelung im 15. Jahrhundert. Man muß den Gang der Zivilisation in dieser Weise ansehen. Denn jetzt stehen wir ja wieder davor, daß wir uns den Weg suchen sollen zum Wissen des Hereinkommens von geistigen Offenbarungen aus höheren Welten. Wir müssen lernen wiederum zu ringen, wie dazumal gerungen worden ist.

[ 31 ] Das ist etwas von dem, was Ihnen zeigt, wie da rang die Zeit mit dem Hereinkommen des Ich, des Bewußtseins vom Ich, der Bewußtseinsseele. sehen Sie, das ist es, was sich zugetragen hat in dem Zeitraume zwischen dem 8. vorchristlichen und dem 15. nachchristlichen Jahrhundert, wovon die Mitte das 4. nachchristliche Jahrhundert war. Da waren die Menschen hineingestellt in die Ablösung des Konkreten, das noch ganz gelebt hat in der Säftemischung und Entmischung, das im leiblichen Wesen das Seelische geschaut hat, in dem Ablösen dieses plastischen Elementes durch ein nur Abstraktes, durch ein mehr Auf-das-Innere-Gerichtetes. Man kann schon sagen: bis zum 4. nachchristlichen Jahrhundert hat im Römertum noch das Griechentum geherrscht. Eigentlich wurde das Römertum erst herrschend, als es schon untergegangen war. Es war in gewissem Sinne dazu prädestiniert, in seinem Toten erst zu wirken, in seiner toten lateinischen Sprache, in der es dann vorbereitet hatte dasjenige, was hereinkam in die menschliche Entwickelung im 15. Jahrhundert. Man muß den Gang der Zivilisation in dieser Weise ansehen. Denn jetzt stehen wir ja wieder davor, daß wir uns den Weg suchen sollen zum Wissen des Hereinkommens von geistigen Offenbarungen aus höheren Welten. Wir müssen lernen wiederum zu ringen, wie dazumal gerungen worden ist.

[ 32 ] Nun muß man sich eben klar sein darüber: dasjenige, was wir in der Naturwissenschaft haben, das haben wir auf dem Umwege durch die Araber bekommen, und wir müssen hinaufheben dasjenige, was wit durch die Naturwissenschaften bekommen haben, zur Imagination, Inspiration und Intuition. Wir müssen gewissermaßen aber auch unsere Kraft stählen an der Beobachtung desjenigen, was vergangen ist, damit wir sie haben zum Erringen dessen, was wir brauchen für die Zukunft. Das ist die Aufgabe anthroposophischer Geisteswissenschaft. An das müssen wir immer von neuem uns erinnern, meine lieben Freunde, und wir sollen ganz anschauliche Vorstellungen bekommen von dem, wie ein Grieche ganz anders von dem Seelischen und von dem Leiblichen dachte. Ihm wäre es lächerlich erschienen, wenn man ihm zweiundsiebzig oder sechsundsiebzig chemische Elemente aufgezählt hätte. Er sah das lebendige Wirken von den Elementen draußen, von den Säften drinnen.

[ 32 ] Nun muß man sich eben klar sein darüber: dasjenige, was wir in der Naturwissenschaft haben, das haben wir auf dem Umwege durch die Araber bekommen, und wir müssen hinaufheben dasjenige, was wit durch die Naturwissenschaften bekommen haben, zur Imagination, Inspiration und Intuition. Wir müssen gewissermaßen aber auch unsere Kraft stählen an der Beobachtung desjenigen, was vergangen ist, damit wir sie haben zum Erringen dessen, was wir brauchen für die Zukunft. Das ist die Aufgabe anthroposophischer Geisteswissenschaft. An das müssen wir immer von neuem uns erinnern, meine lieben Freunde, und wir sollen ganz anschauliche Vorstellungen bekommen von dem, wie ein Grieche ganz anders von dem Seelischen und von dem Leiblichen dachte. Ihm wäre es lächerlich erschienen, wenn man ihm zweiundsiebzig oder sechsundsiebzig chemische Elemente aufgezählt hätte. Er sah das lebendige Wirken von den Elementen draußen, von den Säften drinnen.

[ 33 ] Der Mensch lebt mit in den Elementen. Der Mensch lebt schon mit seinem Leibe, insofern der Leib von Seele durchdrungen ist, in den vier Elementen, von denen der Grieche sprach, und man ist dazu gekommen, den Menschen zu verlieren, weil man ihn nicht mehr so ansehen kann, weil man hinschaut auf dasjenige, was die Chemie an abstrakten Elementen heute liefert.

[ 33 ] Der Mensch lebt mit in den Elementen. Der Mensch lebt schon mit seinem Leibe, insofern der Leib von Seele durchdrungen ist, in den vier Elementen, von denen der Grieche sprach, und man ist dazu gekommen, den Menschen zu verlieren, weil man ihn nicht mehr so ansehen kann, weil man hinschaut auf dasjenige, was die Chemie an abstrakten Elementen heute liefert.