Perspektiven der Menschheitsentwickelung
Der materialistische Erkenntnisimpuls und die Aufgabe der Anthroposophie
GA 116
1 Mai 1921, Dornach
Zwölfter Vortrag
[ 1 ] Dasjenige, was ich versuchte gestern zu zeigen als die verschiedenen Vorbereitungen der verschiedenen Nationen für den wichtigen Punkt der Menschheitsentwickelung, der da liegt in der Mitte des 19. Jahrhunderts, und das, was dann gewissermaßen von diesem Zeitpunkte aus abflutet bis in unsere Zeit, das kann man durch die Schilderungen der Zusammenhänge äußerer Erscheinungen und des inneren Ganges, des geistigen Ganges der Entwickelung illustrieren. Wir wollen heute einiges von dem hier zusammentragen, was auf die eigentliche tiefere Geschichte des 19. Jahrhunderts etwas Licht werfen kann. Es ist ja einmal in der Mitte des 19, Jahrhunderts der Punkt, in welchem die Verstandestätigkeit völlig eine Funktion, eine Betätigungsart des menschlichen physischen Leibes wird. Während diese Verstandestätigkeit im ganzen vorigen Zeitraum, in dem Zeitraume von dem 8. vorchristlichen Jahrhundert bis zu dem 15. nachchristlichen Jahrhundert, eine Tätigkeit des Ätherleibs war, wird sie seit dem Beginne des 15. Jahrhunderts immer mehr eine Tätigkeit des physischen Leibes, und das erreicht einen Höhepunkt eben in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Damit ist der Mensch ja in der Tat geistiger geworden, als er früher war. Die Einsichten in die geistige Welt, die sich früher ergeben hatten, die ja allerdings schon abgedämmert waren seit der neueren Zeit, kamen ja gerade aus der intensiveren Verbindung mit dem physischen Leib und mit dem Ätherleib des Menschen zustande. Jetzt, da der Mensch einfach in die Lage versetzt wurde, mit seinem physischen Leibe ein ganz Unphysisches, die Verstandestätigkeit, auszuüben, wurde er hier in dieser Weise in bezug auf seine Betätigung ein ganz geistiges Wesen. Aber er verleugnete, wie ich schon gestern sagte, diese Geistigkeit. Er bezog das, was er im Geistigen ergriff, nur auf die physische Welt. Und für diesen Punkt in der Entwickelung der neueren Zivilisation waren eben in einer solch verschiedenen Art die verschiedenen Nationen vorbereitet, wie ich das gestern zu charakterisieren versuchte. Es wird Ihnen hervorgegangen sein aus dieser gestrigen Charakteristik, wie grundverschieden die ganze Seelenverfassung des romanisch-lateinischen Teiles der europäischen Bevölkerung von dem angelsächsischen Teil eigentlich ist. Da besteht in der Tat in bezug auf innere Seelenverfassung ein radikaler Unterschied. Diesen radikalen Unterschied kann man am besten charakterisieren, wenn man Strömungen, die in der Menschheitsentwickelung verlaufen sind seit alten Zeiten, die erkannt worden sind seit alten Zeiten, anwendet auf den Gegensatz zwischen Frankreich, Spanien, Italien und den Bewohnern der Britischen Inseln mit ihrem ganzen amerikanischen Nachwuchs. Man kann das so charakterisieren, daß man sagt: Alles, was einstmals in der urpersischen Zeit der Ahura Mazdao-Kultus war, das Aufblicken der Menschheit zum Lichte, was dann abgeschwächt uns entgegentrat in der ägyptisch-chaldäischen Kultur, noch abgeschwächter in der griechischen Kultur, was dann abstrakt geworden war in der romanischen Kultur, das gliedert sich ab in demjenigen, was da durch das Mittelalter und durch die Neuzeit in dem romanischen Teil der europäischen Bevölkerung bleibt. Es ist da gewissermaßen der letzte Ausläufer des Ormuzdtums zurückgeblieben — Ormuzdtum, Ahura-Mazdao —, während auf der anderen Seite als eine neuzeitliche Kultur aufdämmert, was in der alten persischen Weltanschauung als die ahrimanische Strömung angesehen worden ist. Wirklich wie Ormuzd und Ahriman stehen einander gegenüber diese beiden Kulturen in der neueren Zeit. Und in die Ormuzdströmung finden wir hineingegossen alles das, was von der römischen Kirche kommt. Die Formen, die das Christentum angenommen hat, indem es sich umkleidet hat mit den römisch-juristischen Staatsformen, indem es zur Papstkirche in Rom geworden ist, diese Formen sind die letzten Ausläufer. Wir haben auf manches andere hingewiesen, woraus sie hervorgegangen sind. Aber mit alledem sind sie die letzten Ausläufer des Ormuzdkultus. Man kann noch im Meßopfer und in alledem, was da ist, diese letzten Ausläufer des Ormuzdkultus erkennen, und richtig wird man auf das, was da zugrunde liegt, nur hinschauen können, wenn man weniger Wert legt auf das Unbedeutendere gegenüber den großen Menschheitsströmungen und den wahren Wert sucht bezüglich der Betrachtung, bezüglich der Erkenntnis in dem, was als Gedankenform, als Empfindungsform lebt. Äußerlich, in bezug auf die äußerliche Zivilisation hat sich ja das, was neuzeitliche Impulse sind, in der Französischen Revolution am Ende des 18. Jahrhunderts tumultuarisch zum Ausdrucke gebracht. Da lebt, wie ich Ihnen gestern angedeutet habe, in Abstraktionen der Appell an den einzelnen individuellen Bewußtseinsmenschen. Aus der Ideenwelt heraus ist gerade, man möchte sagen wie ein Gegenschlag gegen das, was im Romanentum fortlebt, diese Abstraktion entstanden von der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Aber man muß unterscheiden zwischen dem, was sich da, aus uralten Geistesströmungen kommend, hineinlebte in die romanische Empfindungs- und Gedankenform, und dem, was aus dem Menschentum heraus entstanden ist. Wir müssen ja immer unterscheiden, was Wesenheit der einzelnen Nationalität ist und was als ein fortlaufender Strom des allgemeinen Menschentums geht. Wir werden heute noch sehen, wie sich auch später im 19. Jahrhundert gerade aus dem Franzosentum ein Licht herauskristallisiert, das mit aller Energie hinweist auf diesen charakteristischen Punkt in der Menschheitsentwickelung im 19. Jahrhundert. Aber das Nationale im Franzosentum, im Spaniertum, im Italienertum, das hat in sich die Fortsetzung des Ormuzdtums in der Zeit, in der das Ormuzdtum, natürlich verändert durch die Katholizität des Christentums, als ein Schatten uralter Zivilisation dasteht. Daher sehen wir, wie trotz allen Freiheitsdranges das Romanentum der Träger wird und der Träger geblieben ist desjenigen, was die römische Kirche als Weltherrschaft darstellt.
[ 2 ] Man versteht eigentlich nicht viel von dem Gange europäischer Entwickelung, wenn man sich nicht klar ist, wie in diesem Romanentum das römische Kirchentum bis in unsere Tage hinein weiterlebt. Im Grunde genommen leben sogar in dem Kampfe gegen die Einrichtung der Kirche die Gedankenformen, die selbst wiederum diesem kirchlich-katholischen Denken entnommen sind. Und so müssen wir unterscheiden jenen allgemeinen Strom, der den abstrakten. Charakter angenommen hat, der der allgemeine Menschheitsstrom der Entwickelung ist, der durch die Französische Revolution geht, und den besonderen nationalen Strom, den romanischen Strom, den lateinischen Strom, der eigentlich ganz infiziert ist von der römischen Katholizität.
[ 3 ] Nun steigt auf mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts aus diesem Strom der römischen Katholizität eine großartige Erscheinung, eine Erscheinung, die im Grunde genommen in ihrer ganzen Bedeutung für die europäische Entwickelung viel zuwenig beachtet wird. Die meisten Menschen, die so verschlafen gegenüber den Zivilisationserscheinungen dahinleben, die wissen nichts von dem, was eigentlich ganz tief seit dem Beginne des 19. Jahrhunderts in der europäischen Zivilisation drinnen lebt und ganz und gar fußt in römischer Katholizität. Es ist alles das, was sich, ich möchte sagen, zusammenfaßt dann im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts in dem Wirken der Persönlichkeit de Maistres. De Maistre ist eigentlich der Repräsentant der von den Wogen des Romanismus getragenen Katholizität, die aber die Aspiration hat, ganz Europa wiederum zurückzuführen in den Schoß dieser römischen Katholizität. Und in de Maistre tritt auf eine Persönlichkeit von der denkbar größten Genialität, von der eindringlichsten Geistigkeit, aber durch und durch romanisch-katholisch.
[ 4 ] Wir wollen nur ein wenig hineinschauen in dasjenige, was die protestantisch denkenden Menschen, die evangelisch denkenden Menschen gar nicht kennen, was aber doch in einer verhältnismäßig ziemlich großen Anzahl von Menschen der europäischen Bevölkerung lebt. Man weiß es gewöhnlich nicht, daß es ja eine Geistesströmung gibt, welche ganz fremd ist demjenigen, was sonst heraufgezogen ist seit dem Beginn des 15. Jahrhunderts, welche aber gut bekannt ist mit den Wirkungen dieses neuen Geistes der fünften nachatlantischen Periode.
[ 5 ] Wir wollen ein wenig charakterisieren, was als Weltanschauung in den Köpfen lebt, deren genialer Repräsentant de Maistre ist im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts. Er ist längst tot; der Geist, der ihn beseelt hat, lebt in einer verhältnismäßig großen Anzahl von Menschen innerhalb Europas, und jetzt in unserer Gegenwart ist die Zeit, in der er sich neu belebt, in der er neue Formen annimmt, in der er immer größere und größere Formen zu gewinnen sucht. Wir wollen mit ein paar Sätzen die Weltanschauung, die hier zugrunde liegt, charakterisieren. Sie sagt: Der Mensch, so wie er auf der Erde lebt in der Zeit seit dem Beginn des 15. Jahrhunderts, er ist auf einer abschüssigen Bahn. Seit diesem Beginn des 15. Jahrhunderts haben sich in der europäischen Zivilisation nur Liederlichkeit, Gottlosigkeit, Geistlosigkeit ausgebreitet; der bloße Verstand, der auf das Nützliche gerichtet ist, hat die Menschheit ergriffen. Aber die Wahrheit, die identisch ist mit der Geistigkeit der Welt, die sagt seit Urzeiten etwas anderes. Nur hat dieser moderne Mensch diese uralt heilige Wahrheit vergessen. Diese uralt heilige Wahrheit, die besagt: Der Mensch ist eine gefallene Kreatur, der Mensch hat nur die Veranlassung, zu appellieren an sein Gewissen und an die Reue in seiner Seele, damit er sich erheben kann, und damit seine Seele nicht verfällt der Materialität. Indem aber seit der Mitte des 15. Jahrhunderts die Materialität von der europäischen Bevölkerung angewendet wird, zerfällt die europäische Zivilisation, zerfällt die ganze Menschheit.
[ 6 ] So sagt diese Weltanschauung, deren haupsächlichster Repräsentant de Maistre ist. Die ganze Menschheit zerfällt in zwei Kategorien, in diejenige, die darstellt das Reich Gottes und in diejenige, die darstellt das Reich der Welt. Und die Anhänger dieser Weltanschauung schauen hin auf die Bevölkerung der Erde und unterscheiden die Menschen, von denen sie sagen, sie gehören dem Reiche Gottes an. Das sind diejenigen Menschen, die noch an die uralten Wahrheiten glauben, die verschwunden sind im Grunde genommen in ihrer wahren Gestalt mit dem Beginn des 15. Jahrhunderts, und die man noch erkennen kann in ihren besten Nachklängen in der Erkenntnis des Augustinus, der auch unterscheidet diejenigen Menschen, die vorbestimmt sind zur Seligkeit, und diejenigen Menschen, die vorbestimmt sind zur Verdammnis. Wenn man einen Menschen trifft in dieser Welt — so sagen die Anhänger de Maistres —, so ist er entweder angehörig dem Reiche Gottes oder dem Reiche der Welt. Nur dem Scheine nach sind diese Menschen vermischt. Vor den Augen der Geisterwelt sind sie streng voneinander getrennt, und man kann sie voneinander unterscheiden. Im Altertum haben die Menschen, die angehört haben dem Reiche der Welt, dem Aberglauben gehuldigt, das heißt, sie haben sich falsche Bilder von der Göttlichkeit gemacht; seit dem Beginne des 15. Jahrhunderts hängen sie am Unglauben. — So sagen diese Leute. Was die Mehrzahl der europäischen Bevölkerung verschlafen hat, daß nun wirklich mit dem Beginne des 15. Jahrhunderts ein neues Zeitalter angebrochen ist, die Anhänger de Maistres wissen es gut. Sie weisen hin auf diesen Zeitpunkt; sie weisen aber hin auf diesen Zeitpunkt als den, in welchem die Menschheit vergessen hat, was der Quell, der eigentliche Quell der göttlichen Wahrheit ist. Die Anhänger de Maistres sagen so: Durch den bloßen Gebrauch des schattenhaften Verstandes ist die Menschheit in eine Lage gekommen, in der das Verbindungsband zwischen ihr und dem Quell der ewigen Wahrheit zerrissen ist, und die Vorsehung ist seit jener Zeit der Menschheit nicht mehr die Gnade schuldig, sondern nurmehr die Gerechtigkeit, und diese Gerechtigkeit wird erscheinen am Tage des Gerichts.
[ 7 ] Es ist, wenn man so etwas erzählt, wie wenn man den Leuten Märchen erzählen wollte; und dennoch, es gibt die Menschen in Europa, welche an dieser Anschauung, daß mit dem Beginne des 15. Jahrhunderts die göttliche Weltenregierung eine ganz andere Stellung bekommen hat zu dem Erdenmenschen, welche an diesem Satze ebenso hängen wie die modernen Naturforscher an dem Gesetz der Schwere oder so etwas. Trotzdem das Vorhandensein dieser Lebensauffassung etwas Urbedeutsames ist gerade für die Gegenwart, wollen die Menschen der Gegenwart nicht hinschauen auf so etwas. Den stärksten Abfall von der uralten Wahrheit sieht de Maistre in der Französischen Revolution. Er betrachtet sie nicht so, wie wir sie betrachtet haben, als das abstrakte Aufflattern desjenigen, was den Menschen zur Bewußtseinsseele bringen soll, sondern er betrachtet sie als das stärkste Hineinfallen in den Unglauben, als das Schlimmste, was der neueren Menschheit hat passieren können. Und insbesondere bedeutet ihm die Französische Revolution eben dieses, daß es nun ganz besiegelt ist, daß die göttliche Weltregierung keine Verpflichtung hat, dem Menschen noch irgendwelche Gnade zukommen zu lassen, sondern lediglich die Gerechtigkeit, die sich äußern wird, wenn der Tag des Gerichtes kommen wird. Und schon vorherbestimmt — so nimmt man an in diesen Kreisen — sind diejenigen Menschen, die verfallen müssen den Untergangsmächten, und schon signiert sind diejenigen Menschen, die die Kinder des Reiches Gottes sind, die bestimmt sind, sich zu retten, weil sie noch festhalten an dem, was als uralte Weisheit seinen besonderen Glanz im 4. nachchristlichen Jahrhundert gehabt hat.
[ 8 ] Ein solcher Impuls geht schon dutch die Schrift, die de Maistre 1796 geschrieben hat, als er noch im Piemont war: «Betrachtungen über Frankreich.» Schon da hält er Frankreich, dem Frankreich der Revolution, das Sündenregister vor, schon da verweist er auf die Untergründe des Romanismus, der noch das, was aus alten Zeiten hergekommen ist, in sich birgt. Besonders stark aber tritt das in den späteren Schriften de Maistres hervor, und diese Schriften hängen ja zusammen mit der ganzen welthistorischen Sendung, die de Maistre sich zugeschrieben hat.
[ 9 ] Er suchte sich ja zu dem Schauplatz seines Wirkens Petersburg aus; von Petersburg gingen dann auch seine späteren Schriften aus. De Maistre hatte den grandiosen Gedanken, anzuknüpfen an das Russentum, namentlich an das, was von uralten Zeiten her von Asien herüberlebte in der orthodox-katholischen russischen Religion, und von da aus wollte er die Verbindung schlagen herüber zum Romanismus. Er wollte die große Fusion zustandebringen zwischen dem, was in der orientalischen Denkungsweise lebt bis ins Russentum herein, und dem, was von Rom ausgeht. Schon beseelt von dieser Anschauung ist die Schrift, die er 1810 von Petersburg aus geschrieben hat: «Versuch über den schöpferischen Urgrund der Staatsverfassungen.» Und an dieser Schrift sieht man schon, wie de Maistre zurückgeht auf dasjenige, was das Christentum in bezug auf seine metaphysische Ansicht war vor der scholastischen Zeit, was es war in den ersten Jahrhunderten, aber so war, daß es von Rom akzeptiert worden ist. Römisches, katholisches Christentum wollte er als reale Macht; aber er wies doch in gewissem Sinne zurück, was schon das Mittelalter gewissermaßen als eine Neuerung dadurch gebracht hat, daß es auf Aristoteles gefußt hat. Aristoteles wollte er in einem gewissen Sinne ausschalten; er war ihm schon die Vorbereitung zu dem, was dann seit dem 15. Jahrhundert als die moderne Verstandesfähigkeit heraufgezogen ist. Er wollte durch andere Kräfte des Menschen als durch Logizismus den Zusammenhang mit der Geistigkeit erreichen.
[ 10 ] Aber besonders stark bewegt sich dann jene Schrift in dem Fahrwasser dieser Lebensauffassung, die er im zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts geschrieben hat: «Über den Papst», eine Schrift, von der man sagen möchte, daß sie Klassizität atmet in der Art ihrer Abfassung, die sozusagen den besten Zeiten der französischen Kultur unter Ludwig XIV. angehört und die zugleich so eindringlich wirkt, wie nur irgendeine inspirierte Schrift. Es wird der Papst hingestellt und es ist wichtig, daß das von Petersburg aus gesagt wird — als der rechtmäßige Fürst der modernen Zivilisation. Er wird hingestellt so, daß man zu unterscheiden habe zwischen dem Zeitlichen, dem, was durch einzelne Päpste an Verderblichem in die Welt gekommen ist, was anfechtbar ist bei den verschiedenen Päpsten, und dem ewigen Prinzip des römischen Papsttums. Und es wird gewissermaßen in dem Papst hingestellt die Inkarnation desjenigen, was als der Geist der Erde auf dieser Erde zu herrschen hat. Man möchte sagen: All die Wärme, welche lebt in dieser Schrift über den Papst, sie ist das Aufleuchten von Ormuzd, das geradezu den Ahura-Mazdao selber inkarniert sieht in dem römischen Papste und was daher verlangt, daß die romanisch-katholische Kirche in ihrer Fusion mit alldem, was sich vom Orient herüber nach Rußland gelebt hat — denn das steht doch im Hintergrunde —, herrschen wird und hinwegfegt alles das, was herübergebracht hat die Verstandeskultur seit dem Beginn des 15. Jahrhunderts.
[ 11 ] In dieser Richtung hat de Maistre eigentlich genial gewirkt. Im Jahre 1816 ist von ihm eine Übersetzung Plutarchs erschienen, durch die er zeigen wollte, welche Macht das Christentum hatte, das, wie er meint, sich in die Abhandlungen des Plutarch, der ja noch heidnisch gesinnt ist, dennoch als Gedankenform hineingeschlichen hat. Und dann erscheint als das Letzte, was von de Maistre herrührt, wiederum von Petersburg ausgehend, die «Abendstunden zu St. Petersburg», in zwei Bänden, in denen erstens alles das besonders stark hervortritt, was ich schon charakterisiert habe, aber dann noch ganz besonders hervortritt der radikale Kampf des romanischen Katholizismus gegen dasjenige, was auf den Britischen Inseln auftritt als sein Widerpart.
[ 12 ] Sehen wir auf der einen Seite, wie sich nach einer gewissen Seite hin kristallisiert in alledem der romanische Katholizismus, sehen wir, was sich anknüpft an Persönlichkeiten wie Ignatius von Loyola, Alfonso di Liguori, Franz Xaverius und so weiter an romanischem Katholizismus, verbinden wir das mit dem genialen Kopf de Maistres, sehen wir auf alles das hin, was da lebt, dann sehen wir da, ich möchte sagen, das veraltete, das zurückgebliebene Ormuzdlicht. Und wir sehen auf der anderen Seite dasjenige, was de Maistre aufgehen sieht auf den Britischen Inseln und was er nun scharf und mit beißender Lauge seines durchdringenden Geistes bekämpft. Es ist einer der grandiosesten Geisteskämpfe, die jemals stattgefunden haben, dieser Kampf de Maistres gegen das eigentliche Wesen des Angelsächsischen. Er nimmt sich da besonders aufs Korn die Philosophenpersönlichkeit des Locke und sieht in Locke geradezu die Inkarnation desjenigen Geistes, der die Menschheit in den Niedergang hineinführt. Geistvoll bis zum Exzeß wird die Philosophie von Locke bekämpft. Man muß nur bedenken, was diese Philosophie für eine Bedeutung gehabt hat. Man muß im Hintergrunde sehen auf der einen Seite die romanischen Einweihungsprinzipien, die wie ein fortgesetzter Ormuzddienst sich ausleben; man muß alles dasjenige sehen, was dieser Seite zugeflossen ist durch einen Ignaz von Loyola, durch einen Bossuet, und was dann in grandioser Weise durch de Maistre geflossen ist. Auf der anderen Seite muß man im Gegensatze zu alledem, was seinen Mittelpunkt hat im römischen Katholizismus in Rom selber, was aber durchaus auf Einweihung fußt, was durchaus, ich möchte sagen, die neueste Phase der Ormuzdinitiation ist, alle die Geheimgesellschaften sehen, die sich von Schottland herunter und dutch England ausbreiten, und von denen ein Ausdruck dann dasjenige ist, was englische Philosophie und Politik und so weiter ist, wie ich es zu einer anderen Zeit ja hier dargestellt habe von einem gewissen Gesichtspunkte aus. De Maistre ist ebensogut unterrichtet über das, was ja aus einem ahrimanischen Einweihungsprinzip sich geltend macht, wie erunterrichtet ist über das, was er als die Ormuzdinitiation in der neuen Form geltend machen will für die europäische Zivilisation. De Maistre weiß diese Dinge alle abzuschätzen; er ist geistreich genug, sie auch esoterisch zu treffen, indem er den Philosophen Locke, der gewissermaßen ein Kind, ein äußerliches, exoterisches Kind ist dieser anderen, ahrimanischen Initiation, aufs Korn nimmt. Er nimmt damit ja eine wichtige Persönlichkeit aufs Korn, diejenige Persönlichkeit, die mit jenem epochemachenden Versuch «Über den menschlichen Verstand» aufgetreten ist, der dann seinen großen Einfluß hatte auf das französische Denken. Locke wurde ja von Voltaire vergöttert und hatte einen so großen Einfluß, daß Frau von Sévigné von einem italienischen Schriftsteller, der Locke für Italien schriftstellerisch zurechtrückte, sagte, jener Schriftsteller hätte am liebsten in jeder Fleischbrühe die Floskeln des Lockes gegessen.
[ 13 ] Nun nahm de Maistre den Locke auch unter die Lupe und sagte: Es ist unmöglich, daß zum Beispiel Voltaire, daß die anderen Franzosen diesen Locke auch nur gelesen haben können! — Und er verbreitet sich in seinen «Abendunterhaltungen zu St. Petersburg» ausführlich darüber, wie Schriftsteller eigentlich zu Weltruhm kommen. Er zeigt, wie es durchaus möglich ist, daß Voltaire den Locke überhaupt gar nicht gelesen hat; er könne ihn eigentlich nicht gelesen haben, er würde sonst geistreich genug gewesen sein, ihn nicht zu verteidigen, wie er es tut.
[ 14 ] Trotzdem de Maistre in Voltaire geradezu einen Teufel sieht, wird er ihm doch gerecht, indem er das von ihm sagt. Und um dies zu belegen, gibt er ganze Abhandlungen darüber, wie geschrieben wird, wie gesprochen wird in der Welt über Leute wie Locke, die als große Menschen angesehen werden, ohne daß man sich primär überhaupt um sie in Wirklichkeit kümmert und sie eigentlich nur ganz sekundär aus anderen Quellen kennt. Wie wenn die Menschheit in Irrtum eingekerkert worden wäre, so wirkte Locke auf diese Menschen, und die ganze moderne Denkweise, die dann nach der Anschauung de Maistres zu dem Unglück der Französischen Revolution geführt hat, die geht eigentlich von Locke aus, das heißt, Locke ist der Exponent, das Symptom, das historische Symptom dafür. Von da aus, wovon Locke ausgegangen ist, beherrscht diese Denkweise die Welt. De Maistre nimmt ihn unter die Lupe, diesen Locke, er sagt, eigentlich habe es wenig Schriftsteller gegeben, die einen so absoluten Mangel an Stilgefühl gehabt haben wie Locke, und zeigt das im einzelnen. Er sucht im einzelnen zu beweisen, daß das, was Locke sagt, so trivial, so selbstverständlich ist, daß man eigentlich überhaupt damit nicht zu rechnen habe, oder daß es unnötig ist, sich damit überhaupt in Gedanken zu befassen. Er sagt: Voltaire sage, Locke habe immer definiert, alles klar definiert; aber, sagt de Maistre, was sind diese Definitionen von Locke im Grunde? — Nichts weniger als Wahrheiten, «quatschige Tautologien», wenn ich ein modernes Wort gebrauchen würde, und lächerlich. Die ganze Schreiberei des Locke sei eine Lächerlichkeit ohne Stil, ohne Genie, voller Tautologien, voller Plattheiten.
[ 15 ] So charakterisiert de Maistre dasjenige, was das Wertvollste geworden ist für die moderne Menschheit: daß diese moderne Menschheit Größe sieht in der Plattheit, in der Gemeinverständlichkeit, in der Genielosigkeit, in der Stillosigkeit, in dem, was auf der Straße zu finden ist, sich aber als Philosophie ausstaffiert.
[ 16 ] Dabei ist de Maistre wirklich ein Mensch, der überall auf die tieferen geistigen Prinzipien, auf das geistig Wesenhafte sieht. Man kann solche Dinge, wie sie da vorliegen, dem heutigen Menschen eigentlich nur sehr schwer verständlich machen; denn die Art und Weise, wie eine solche Persönlichkeit, wie de Maistre, denkt, liegt dem heutigen Menschen, der ganz an den schattenhaften Verstand gewöhnt ist, eigentlich fern. De Maistre sieht nicht den einzelnen Menschen bloß, de Maistre' sieht das geistige Wesen, das durch den einzelnen Menschen wirkt. Was dieser Locke geschrieben hat, ist im Sinne de Maistres eben so zu charakterisieren, wie ich es Ihnen jetzt mitgeteilt habe. Nur sagt es de Maistre mit einer außerordentlichen Geistreichigkeit, Genialität. Aber er sagt zugleich: Wenn ich nun wiederum diesen Locke als Person betrachte, so war er doch ein ganz anständiger Mensch; man kann gar nichts gegen ihn haben als Person. Er ist der Verderber der europäischen Menschheit des Westens, aber er ist ein anständiger Mensch, und würde er heute geboren und sehen müssen, wie die Menschen diese Trivialität, nachdem er sie selber kennengelernt hat nach seinem Tode, anwenden, so würde er bittere Tränen darüber weinen, daß die Menschen auf seine Gemeinverständlichkeit, auf seine Plattheit in dieser Weise hereingefallen sind.
[ 17 ] All das sagt de Maistre mit einer riesigen Kraft, mit einleuchtender Stärke. Es lebt in ihm der Impuls, auf diese Weise totzuschlagen, was ihm als der eigentliche Widerpart desjenigen erscheint, was römischer Katholizismus ist, was insbesondere drüben über dem Kanal nach seiner Anschauung lebt. Eine Stelle aus den «Petersburger Abendunterhaltungen» .möchte ich Ihnen wörtlich vorlesen, wo er über die nach seiner Ansicht unglückselige Wirksamkeit des Locke in der Politik spricht: «Diese furchtbaren Keime», sagt er, «wären unter dem Eise seines Stils vielleicht nicht zur Zeitigung gekommen; in dem heißen Schlamme von Paris belebt, haben sie das Ungeheuer der Revolution erzeugt, welches Europa verschlungen hat.» Und nachdem er solche Dinge gegen den Geist sagt, der durch Locke erschienen ist, wendet er sich wiederum zu Locke als Person. Das ist etwas, was man den Menschen der heutigen Zeit so schwer beibringen kann, die die äußere Persönlichkeit mit dem geistigen Prinzip, das sich durch den Menschen ausspricht, immerfort verwechseln und als Einheitliches anschauen. De Maistre unterscheidet immer das, was sich unter der eigentlichen Geistigkeit offenbart, von dem, was der äußere Mensch ist. Wiederum wendet er sich zu der äußeren Persönlichkeit und sagt: Er ist eigentlich ja ein Mann, der alle möglichen Tugenden besessen hat, aber er hat sie ungefähr so besessen, wie, nach Swift, jener Tanzmieister, der so ausgezeichnet war in allen Künsten des Tanzes und bloß den einen Fehler hatte: daß er hinkte. — So habe Locke alle Tugenden besessen. Er sieht ihn geradezu an als eine Inkarnation des bösen Prinzips — das ist nicht meine Redensart, sondern diesen Ausdruck gebraucht de Maistre selbst —, das durch Locke spricht und das übersinnlich waltet seit dem Beginn des 15. Jahrhunderts. Man bekommt schon einigen Respekt vor der eindringlichen Geistigkeit, die in diesem de Maistre lebte. Aber man muß doch auch wissen, daß es wirklich Menschen gibt, die heute wieder an Macht gewinnen, die heute daran sind, ihren Einfluß über die europäische Zivilisation sich zurückzuerobern und die durchaus inspiriert sind von jener Geistigkeit, die de Maistre auf der höchsten Höhe dargestellt hat.
[ 18 ] Dieser de Maistre hatte noch etwas in sich von jenen älteren instinktiven Einsichten in den Zusammenhang von Welt und Mensch. Das geht insbesondere aus jener Abhandlung hervor, die er über das Opfer und über den Opferkultus geschrieben hat. Es lebte so etwas in ihm wie ein Bewußtsein davon, daß dasjenige, was an den physischen Leib geknüpft ist in bezug auf die Bewußtseinsseele, sich selbständig im Menschen geltend machen muß und daß es verkörpert ist im Blute. Und de Maistre sah im Grunde genommen die Göttlichkeit in der Menschenentwickelung nur vorhanden so bis in das 4. nachchristliche Jahrhundert. Den fortwirkenden Christus, den wollte er nicht zugeben. Auslöschen wollte er vor allen Dingen alles das, was seit dem Beginne des 15. Jahrhunderts da war; zurück wollte er in die alten Zeiten, und da bekam die Vorstellung von dem Christus, die er hatte, etwas von der alten Jahve-Art, überhaupt etwas von der Art alter heidnischer Götter; er ging ja zurück bis zum Ormuzdkultus im Grunde. Und von diesem Gesichtspunkte aus sah er ein, wie eigentlich das Göttliche nur jenseits der menschlichen Bewußtseinsseele zu suchen ist, also auch jenseits des Blutes. Aus solchen tiefen Untergründen einer Weltanschauung heraus spricht es de Maistre aus, daß die Götter — also die Götter, von denen er redet — eine gewisse Abneigung haben gegen das Blut, und durch das Blut, durch das Blutsopfer erst versöhnt werden müssen. Das Blut muß sich zum Opfer darbringen.
[ 19 ] Das ist wiederum etwas, worüber selbstverständlich der so furchtbar aufgeklärte heutige Mensch lacht, wenn man es ihm sagt. Das aber ist etwas, was auch übergegangen ist von de Maistre auf die, die seine Anhänger sind und die immerhin einen einst zu nehmenden Teil der Menschheit bilden, die aber auch innig zusammenhängen mit alledem, was nun heute ausgeht vom romanischen Kirchentum. Man darf nicht vergessen, daß man gerade in de Maistre den reinsten und genialsten Repräsentanten vor sich hat desjenigen, was da aus dem Romanismus heraus ins Franzosentum hineingegangen ist, was im Franzosentum auch in einer, man möchte sagen, genialen, aber volkstümlich-genialen Form zum Ausdruck gekommen ist. Was da lebt im Franzosentum, das ist dasjenige, was immerzu bewirkt hat, daß im Laufe des ganzen 19. Jahrhunderts durch alles, was in der französischen Politik lebte, der Klerikalismus eine bedeutsame Rolle gespielt hat. Hart aneinander stießen in Frankreich die abstrakten Impulse von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit immer mit dem, was da als römischer Katholizismus lebte, und man muß eigentlich tief fühlen, was in solch einem Menschen wie Gambetta lebte, dem sich in einem entscheidungsvollen Angenblicke der tiefe Seufzer entrang: «Le cléricalisme, voilà l’ennemi!» Er fühlte diesen Klerikalismus, der heraufpulsierte durch alles das, was die soziale Experimentierkunst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war, was in Napoleon III. lebte, womit selbst die Kommune zu kämpfen hatte, was aber sich bis in die späteren Zeiten hinauflebte, was lebte im Boulangismus in den achtziger Jahren, was lebte in den Kämpfen, die sich um die Persönlichkeit des Dreyfus abspielten, was heute noch lebt. Es lebt da eben dasjenige, was in einem innerlichen, geistigen, urradikalen Gegensatz steht zu alledem, was jenseits des Kanals ist und was im Grunde genommen verkörpert ist in dem, was zurückgeblieben ist von anderem, was zurückgeblieben ist in den verschiedenen Freimaurerorden, -logen. Haben wir auf der einen Seite den eingeweihten römischen Katholizismus, so haben wir auf der anderen Seite diejenigen geheimgesellschaftlichen Strömungen, die ich hier von einem anderen Gesichtspunkte aus schon charakterisiert habe, und die die ahrimanische Strömung darstellen. Es ist ein gewaltiger Unterschied zwischen der Art, wie sich die moderne Frage der individuellen Geltung des einzelnen Menschen, sagen wir, durch die Wahlen zu dem Parlament in Frankreich auslebt, und der Art und Weise, wie sie sich in England drüben auslebt. In Frankreich geht alles aus einer gewissen Theorie hervor, aus gewissen Ideologien. In England drüben geht alles aus den unmittelbar praktischen Verhältnissen des Handels- und Industrielebens hervor, das in Zusammenstoß kommt, wie ich es gestern dargelegt habe, mit den alten patriarchalischen Verhältnissen, die sich insbesondere im Großgrundbesitzerleben ausgestaltet haben. Man sehe hin auf die Art und Weise, wie sich in Frankreich die Dinge abspielen. Man hat eigentlich überall das, was man geistige Kämpfe nennt. Man kämpft um Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, man kämpft um die Abgliederung der Schule von der Kirche, man kämpft, um die Kirche zurückzudrängen. Man vermag sie aber nicht zurückzudrängen, weil sie in den Untergründen des Seelendaseins lebt. Aber es spielt sich alles ab, ich möchte sagen, auf dem Gebiete einer gewissen Dialektik, einer gewissen Diskussion.
[ 20 ] In England drüben spielt sich das ab als Machtfrage. Wir haben da eine gewisse innere Strömung, die insbesondere der anglo-amerikanischen Bevölkerung angehört. Da sagten sich gewisse Leute — ich habe das oft dargestellt —, als die Mitte des 19. Jahrhunderts herannahte: Es geht nicht mehr anders, es müssen die Menschen hingewiesen werden darauf, daß es eine geistige Welt gibt. Mit dem bloßen schattenhaften Verstand geht es nicht. — Aber man konnte sich nicht dazu entschließen, diese Hinneigung zum Geistigen auf eine andere Weise der Welt beizubringen, als durch etwas, was ein «Übermaterialismus» ist, nämlich durch den Spiritismus. Und der Spiritismus, der eine größere Macht wiederum hat, als man glaubt, findet von da seinen Ausgang. Der Spiritismus, der gewissermaßen darauf ausgeht, den Geist äußerlich zu ergreifen, wie man die Materie greift, der eben ein Übermaterialismus ist, ist materialistischer als der Materialismus selber. Locke pflanzt sich fort, möchte man sagen, in diesem Übermaterialismus. Und was da gewissermaßen im inneren Gebiete der modernen Kultutentwickelung lebt, es drückt sich äußerlich aus. Es ist durchaus immer wieder dieselbe Erscheinung. Wir haben ein Hinneigen zu derjenigen Geistesströmung, die de Maistre so radikal bekämpft in den vierziger Jahren drüben jenseits des Kanals: alles soll mit materiellen Entitäten begriffen werden. Wie Locke im Grunde genommen auf den Verstand so hinwies, daß er dem Verstand seine Geistigkeit nahm, daß er gerade das Geistigste im Menschen dazu benützte, um die Geistigkeit im Menschen zu verleugnen, ja, den Menschen nur hinzuweisen auf die Materialität, so wies man jetzt im 19. Jahrhundert auf den Geist und wollte ihn zeigen durch allerlei materielle Manifestationen. Den Geist wollte man dutch Materialismus der Menschheit begreiflich machen. Aber dasjenige, was da lebte in den Eingeweihten der verschiedenen Brüderschaften, das ging über in das äußerliche soziale, politische Leben.
[ 21 ] Und man möchte sagen: Der Baumwollhändler Cobden und der Quäker Bright, indem sie für die Abschaffung der Kornzölle 1846 kämpften und sie auch durchsetzten, sie waren im politischen Leben ebenso die äußeren Agenten dieser inneren Geistesströmung, wie es die beiden blindesten Hühnchen waren, die in der Politik jemals dagewesen sind: Asguith und Grey im Jahre 1914. Gewiß waren Cobden und Bright nicht so blinde Hühnchen wie Asquith und Grey; aber es ist im Grunde genommen dasselbe Hingestelltsein vor die Welt in den äußeren Erscheinungen wie 1846 die Abschaffung der Kornzölle, wo die Industrie siegte über das alte patriarchalische System, nur in einer neuen Etappe, ich habe Ihnen die anderen Etappen, die vorangegangen sind, gestern aufgezählt. Und nun sehen wir, ich möchte sagen, Etappe auf Etappe kommen. Wir sehen die Arbeiter sich organisieren. Wir sehen, wie dann die Whigs eigentlich immer mehr und mehr die Partei der Industrie werden, die Tories die Partei der Grundbesitzer, das heißt des alten patriarchalischen Wesens.. Wir sehen, wie das aber nicht mehr widerstehen kann dem, was da so hart zusammengestoßen ist in der Weise, wie ich es gestern charakterisiert habe: das alte patriarchalische Wesen mit dem, was als moderne Technik, moderner Industrialismus sich mit einem Ruck hineingeschoben hat, so daß Jahrhunderte, ja Jahrtausende übersprungen worden sind und die Geistesverfassung, in der England bis ins 19. Jahrhundert herein war, die zurückgeht bis in vorchristliche Zeiten, einfach sich zusammengeschlossen hat mit dem, was in einer neueren Zeit geworden war.
[ 22 ] Wir sehen dann, wie immer mehr und mehr das Wahlrecht ausgedehnt wird, wie die Tories sich zu Hilfe rufen einen Mann, der ganz gewiß vor ganz kurzer Zeit noch nicht zu ihnen gerechnet worden wäre: Disraeli, Lord Beaconsfield, der ja jüdischer Abkunft war, ein Outsider. Wir sehen, wie endlich das Oberhaus nurmehr zu einem Schatten wird, und das Jahr 1914 herankommt, wo ein ganz neues England heraufzieht. Man wird dieses Heraufkommen des neuen England in späteren Geschichtsschreibungen erst in der richtigen Weise beurteilen können.
[ 23 ] Sehen Sie, so gehen die großen Vorgänge in der Entwickelung des 19. Jahrhunderts ihren Gang. Da sehen wir dann die einzelnen Momente heraufleuchten, welche hinweisen darauf, welch wichtiger Punkt in der Menschheitsentwickelung eigentlich herangekommen ist. Aber nur die erleuchtetsten Geister, möchte ich sagen, können einsehen, welches die wichtigsten Lichtblitze sind. Ich habe oftmals auf eine Erscheinung aufmerksam gemacht, die für das Verständnis der Entwickelung im 19. Jahrhundert im allerhöchsten Grade wichtig ist. Ich habe aufmerksam gemacht auf denjenigen Moment, der sich abspielt im Goethehaus in Weimar, wo Eckermann, nachdem er von der Juli-Revolution in Frankreich gehört hat, bei Goethe erscheint, und Goethe zu ihm sagte: «Es ist in Paris Ungeheures geschehen, alles steht in Flammen!» Selbstverständlich glaubte Eckermann, Goethe rede von der Juli-Revolution. Die interessierte Goethe gar nicht, vielmehr sagte er: «Das meine ich nicht, das ist es nicht, was mich interessiert; aber in der Akademie in Paris ist der große Streit zwischen Cuvier und Geoffroy de Saint-Hilaire ausgebrochen darüber, ob die einzelnen Typen der Tiere selbständig sind, oder ob die einzelnen Typen so zu betrachten sind, daß sie ineinander übergehen.» — Cuvier behauptete das eine, daß man es mit festen, starren Typen zu tun habe, die nicht ineinander übergehen können. — Geoffroy sagte, daß man den Typus als fließend betrachten müsse, das eine in das andere übergehend. Das war für Goethe das eigentliche Weltereignis der neueren Zeit!
[ 24 ] In der Tat, das war es auch. Goethe hatte also ungeheuer tief, ungeheuer lebhaft gefühlt. Denn was war es denn, was Geoffroy de Saint-Hilaire geltend machte gegen Cuvier? — Er ahnte, daß wenn der Mensch hineinschaut in sein Inneres, er diesen schattenhaften Verstand beleben kann; daß dieser schattenhafte Verstand nicht bloß Logik ist, die sich passiv über die äußere Welt hermacht, sondern daß sie etwas wie die lebendige Wahrheit in sich selber über die Dinge in dieser Welt finden kann. — Das Geltendmachen des lebendigen Verstandes, das ahnte Goethe empfindend in dem, was in Geoffroy de Saint-Hilaire lebte, was eben, ich möchte sagen, in der geheimen Entwickelung der modernen Menschheit sich herauflebte und in der Mitte des 19. Jahrhunderts seinen Höhepunkt hatte. Und Goethe ahnte damals wirklich etwas schr Bedeutsames.
[ 25 ] Cuvier, der grundgelehrte große Forscher, behauptete, man müsse die einzelnen Arten unterscheiden, sie nebeneinander stellen. Man könne nicht eine in die andere überführen, am wenigsten zum Beispiel den Vogeltypus in den Säugetiertypus und so weiter. Geoffroy de Saint-Hilaire behauptete, man könne den einen Typus in den anderen überführen.
[ 26 ] Was stand sich da gegenüber? Gewöhnliche Wahrheit und höherer Irrtum? — O nein, so ist die Sache nicht. Man kann das, was Cuvier behauptete, mit der gewöhnlichen abstrakten Logik, mit dem Schattenverstand ebensogut beweisen, wie man beweisen kann, was Geoffroy de Saint-Hilaire behauptet hat. Auf Grundlage des gewöhnlichen Verstandes, der heute noch in unserer Wissenschaft herrscht, ist diese Frage nicht zu entscheiden. Daher hat sie sich auch immer wiederum aufgebaut und daher sehen wir, wie 1830 in Paris gegenübersteht Geoffroy de Saint-Hilaire dem Cuvier, wir sehen, wie in einer anderen Art Weismann und die anderen gegenüberstehen Haeckel; auf dem Wege dieser äußeren Wissenschaft sind diese Fragen nicht zu entscheiden. Da treibt dasjenige, was schattenhafter Verstand geworden ist seit dem Beginn des 15. Jahrhunderts, was de Maistre so verachtete, das treibt dahin, die Geistigkeit selber aufzuheben.
[ 27 ] De Maistre hat hingewiesen auf Rom, sogar darauf, daß der Papst — abgesehen von den zeitlich vorübergehenden päpstlichen Persönlichkeiten — in Rom sitzt als die Inkarnation desjenigen, was berufen ist, die moderne Zivilisation zu beherrschen. Der Schlußpunkt ist zu diesen de Maistreschen Ausführungen gesetzt worden im Jahre 1870, als das Infallibilitätsdogma verkündet worden ist, als die Infallibilität des Papstes erklärt worden ist. Da ist durch den veralteten Ormuzddienst dasjenige heruntergeholt worden, was in geistigen Höhen gesucht werden soll, in die Person des römischen Papstes. Da ist verirdischte Materie geworden, was als Geistigkeit angesehen werden soll; da ist die Kirche zum äußeren Staat gemacht worden, nachdem es der Kirche schon lange gelungen ist, die äußeren Staaten derjenigen Form anzupassen, die sie selber angenommen hat, als sie zur Staatsreligion geworden ist unter Konstantin.
[ 28 ] Da haben wir in dem Romanismus einerseits das, was zum modernen Staate wird, indem sich das Rechtsprinzip selber aufbäumt und gewissermaßen seine eigene Polarität hervorruft in der Französischen Revolution; auf der anderen Seite haben wir den veralteten Ormuzddienst. Dann haben wir das, was aus dem Wirtschaftsleben heraus entsteht, denn alle die Maßnahmen, die jenseits des Kanals getroffen worden sind, entspringen dem Wirtschaftsleben. Wir haben in de Maistre die letzte große Persönlichkeit, welche in die juristische Staatsform hineinprägen will die Geistigkeit, welche hinuntertragen will die Geistigkeit in die irdische Materialität. Das ist es, wogegen anthroposophisch orientierte Geistesanschauung sich wenden muß. Sie will einsetzen die übersinnliche Geistigkeit, sie will zu dem, was dasteht als der verlängerte Ormuzddienst, als der ahrimanische Dienst, hinzusetzen dasjenige, was das Gleichgewicht bringt, sie will den Geist selber zum Erdenregiment machen.
[ 29 ] Das kann nicht anders gemacht werden, als daß, wenn man auf der einen Seite das Irdische geprägt hat in die Staatsrechtsform, auf der anderen Seite in die Wirtschaftsform, man daneben das Geistesleben so aufrichtet, daß dieses Geistesleben nicht den Glauben an einen irdisch gewordenen Gott einsetzt, sondern die Regierung dutch den Geist selbst, der hereinfließt mit jedem neuen Menschen, der sich auf der Erde verkörpert, das freie Geistesleben, das den Geist ergreifen will, der über dem Irdischen steht.
[ 30 ] Wiederum soll geltend gemacht werden, was man nennen könnte die Ausgießung des Geistes.
[ 31 ] Im Jahre 869, auf dem allgemeinen ökumenischen Konzil, wurde die Anschauung von dem Geiste hinuntergedämpft, um die Menschen nicht mit dem Beginn des 15. Jahrhunderts zu der Anerkennung des Geistes kommen zu lassen, der vom Himmel aus die Erde regiert, um de Maistre möglich zu machen noch im 19. Jahrhundert.
[ 32 ] Das aber ist es, daß wir appellieren müssen von dem irdisch verkörpert geglaubten Geist, von der in einer irdischen Kirche fortlebenden Christwesenheit an die geistige Wesenheit, die allerdings mit der Erde verbunden ist, die aber im Geiste erkannt und geschaut werden muß. Weil aber alles, was vom Menschen erlangt werden muß innerhalb des Irdischen, in der sozialen Ordnung errungen werden muß, kann es nicht anders geschehen, als wenn man allein das freie Recht des Geistes anerkennt, das mit jedem neuen Menschenleben heruntersteigt, um sich den physischen Leib zu verschaffen, das niemals souverän werden kann in einer irdischen Persönlichkeit, das lebt in einer überirdischen Wesenheit.
[ 33 ] Das Statuieren des Infallibilitätsdogmas ist ein Abfallen von der Geistigkeit; der letzte Schlußpunkt dessen, was mit dem allgemeinen ökumenischen Konzil von 869 gewollt war, war vollzogen. Es muß zurückgegangen werden zu der Anerkennung, zu dem Glauben, zu der Erkenntnis von dem Geiste. Das kann aber nur geschehen, wenn sich unsere soziale Ordnung mit jener Struktur durchzieht, die möglich macht das freie Geistesleben neben jenen anderen Dingen, die erdgebunden sind als Staatsleben, als Wirtschaftsleben.
[ 34 ] So stellt sich dasjenige, was der Mensch heute verstehen muß, in den Gang der Zivilisation hinein. So muß man es darinnen fühlen. Und wenn man es nicht so darinnen fühlt, dann kann man doch nicht an den Nerv desjenigen kommen, was sich eigentlich aussprechen will in der «Dreigliederung des sozialen Organismus», was wirken will zum Heile der Zivilisation, die sonst in der von Spengler geschilderten Weise in den Niedergang verfallen muß.
