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Human-Becoming, World-Soul and World-Spirit II
Human Beings as Physical and Spiritual Entities
in the Course of History
GA 206

5 August 1921, Dornach

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Menschenwerden, Weltenseele und Weltengeist II
  1. Human-Becoming, World-Soul and World-Spirit II, tr. SOL

Siebzehnter Vortrag

Siebzehnter Vortrag

[ 1 ] Um unser neuzeitliches Geistesleben und seine Entwickelungsmöglichkeiten für die Zukunft zu verstehen, habe ich in den letzten Betrachtungen hier einiges vorgebracht, und im Verlaufe dieser Betrachtungen sagte ich, daß es notwendig scheint, den Hergang zu beachten, der sich abgespielt hat im Laufe der Menschheitsentwickelung und der dann zu der Seelenverfassung geführt hat, in welcher dieses neuzeitliche Geistesleben sich befindet.

[ 1 ] Um unser neuzeitliches Geistesleben und seine Entwickelungsmöglichkeiten für die Zukunft zu verstehen, habe ich in den letzten Betrachtungen hier einiges vorgebracht, und im Verlaufe dieser Betrachtungen sagte ich, daß es notwendig scheint, den Hergang zu beachten, der sich abgespielt hat im Laufe der Menschheitsentwickelung und der dann zu der Seelenverfassung geführt hat, in welcher dieses neuzeitliche Geistesleben sich befindet.

[ 2 ] Fassen wir noch einmal einiges ins Auge, das dieses neuzeitliche Geistesleben charakterisiert. Aus den verschiedensten Untergründen heraus haben wir uns ja wohl zu der Überzeugung durchgerungen, daß der Grundton dieses Geisteslebens der Intellektualismus ist, das intellektuelle, verstandesmäßige Sich-Verhalten zur Welt und zum Menschen selbst. Es widerspricht dem nicht, daß in der neuesten Zeit das Wesentliche der gegenwärtigen Weltanschauung in der Beobachtung und in der Verarbeitung der äußeren, mit den Sinnen zu beobachtenden Erscheinungen gesucht wird. Das insbesondere soll sich uns noch in diesen Tagen zeigen. Der Intellektualismus als solcher ist zunächst im Verlaufe der Menschheitsentwickelung hervorgetreten,man kann sagen, in dem Zeitraume, der dreihundert Jahre umfaßt vor dem Mysterium von Golgatha, und er hat sich dann allmählich heraufentwickelt zu einer Höhe, über die er eigentlich nicht mehr weiter fortgeschritten ist in den drei Jahrhunderten nach dem Mysterium von Golgatha. Im Laufe der sechs Jahrhunderte etwa, kann man sagen, ist die Menschheit in diesem Intellektualismus erzogen worden. Und er hat sich herausentwickelt aus einer spirituellen Weltanschauung, aus jener spirituellen Weltanschauung, die in diesem Zeitalter, in diesen sechs Jahrhunderten zum Abfluten kommt. Man kann mit äußeren Dokumenten — darauf machte ich ja schon aufmerksam — das Abfluten dieser Weltanschauung kaum studieren, da die spätere Ausbreitung des Christentums es sich hat angelegen sein lassen, mit wenigen Ausnahmen die gnostischen Urkunden zu vernichten. Diese gnostischen Urkunden, sie sind dasjenige in der menschlichen Weltanschauungsentwickelung, das auf der einen Seite etwas aufgenommen hat aus älteren Traditionen, aus dem, was an alter Weisheit vorhanden war in Asien, in Afrika, in Südeuropa; aus dem, was eben in diesen späteren Zeiten nach den Fähigkeiten der Menschen, die ins übersinnliche Schauen nicht mehr weit hinaufgingen, da noch erreichbar war. Jene ältere Weisheit, die noch ihre letzten Nachklänge hat in den vorsokratischen griechischen Philosophen und die noch etwas hereinscheint in den Ausführungen des Plato, diese Weltanschauung, sie hat nicht mit Intellektualismus gearbeitet. Sie hat ihren Inhalt im wesentlichen, wenn auch auf instinktive Art, so doch durch übersinnliches Schauen gewonnen. Dieses übersinnliche Schauen gibt ja zu gleicher Zeit dasjenige mit, was man nennen könnte eine innere logische Systematik. Man braucht nicht die intellektualistische Verarbeitung, wenn man den Inhalt des übersinnlichen Schauens in sich trägt, denn er hat die logische Struktur durch seine eigene Wesenheit in sich.

[ 2 ] Fassen wir noch einmal einiges ins Auge, das dieses neuzeitliche Geistesleben charakterisiert. Aus den verschiedensten Untergründen heraus haben wir uns ja wohl zu der Überzeugung durchgerungen, daß der Grundton dieses Geisteslebens der Intellektualismus ist, das intellektuelle, verstandesmäßige Sich-Verhalten zur Welt und zum Menschen selbst. Es widerspricht dem nicht, daß in der neuesten Zeit das Wesentliche der gegenwärtigen Weltanschauung in der Beobachtung und in der Verarbeitung der äußeren, mit den Sinnen zu beobachtenden Erscheinungen gesucht wird. Das insbesondere soll sich uns noch in diesen Tagen zeigen. Der Intellektualismus als solcher ist zunächst im Verlaufe der Menschheitsentwickelung hervorgetreten,man kann sagen, in dem Zeitraume, der dreihundert Jahre umfaßt vor dem Mysterium von Golgatha, und er hat sich dann allmählich heraufentwickelt zu einer Höhe, über die er eigentlich nicht mehr weiter fortgeschritten ist in den drei Jahrhunderten nach dem Mysterium von Golgatha. Im Laufe der sechs Jahrhunderte etwa, kann man sagen, ist die Menschheit in diesem Intellektualismus erzogen worden. Und er hat sich herausentwickelt aus einer spirituellen Weltanschauung, aus jener spirituellen Weltanschauung, die in diesem Zeitalter, in diesen sechs Jahrhunderten zum Abfluten kommt. Man kann mit äußeren Dokumenten — darauf machte ich ja schon aufmerksam — das Abfluten dieser Weltanschauung kaum studieren, da die spätere Ausbreitung des Christentums es sich hat angelegen sein lassen, mit wenigen Ausnahmen die gnostischen Urkunden zu vernichten. Diese gnostischen Urkunden, sie sind dasjenige in der menschlichen Weltanschauungsentwickelung, das auf der einen Seite etwas aufgenommen hat aus älteren Traditionen, aus dem, was an alter Weisheit vorhanden war in Asien, in Afrika, in Südeuropa; aus dem, was eben in diesen späteren Zeiten nach den Fähigkeiten der Menschen, die ins übersinnliche Schauen nicht mehr weit hinaufgingen, da noch erreichbar war. Jene ältere Weisheit, die noch ihre letzten Nachklänge hat in den vorsokratischen griechischen Philosophen und die noch etwas hereinscheint in den Ausführungen des Plato, diese Weltanschauung, sie hat nicht mit Intellektualismus gearbeitet. Sie hat ihren Inhalt im wesentlichen, wenn auch auf instinktive Art, so doch durch übersinnliches Schauen gewonnen. Dieses übersinnliche Schauen gibt ja zu gleicher Zeit dasjenige mit, was man nennen könnte eine innere logische Systematik. Man braucht nicht die intellektualistische Verarbeitung, wenn man den Inhalt des übersinnlichen Schauens in sich trägt, denn er hat die logische Struktur durch seine eigene Wesenheit in sich.

[ 3 ] Aber eben die Fähigkeit, zu diesem übersinnlichen Inhalte zu kommen, die ging allmählich der Menschheit verloren. Und die letzte Phase war dasjenige, was in der Gnostik erhalten ist. Aber die Gnostik ist nun schon durchsetzt von Intellektualismus. So daß man sagen kann, daß für die Menschheitsentwickelung in gewisser Beziehung der Intellektualismus aus der Gnostik herausgeboren wird. Er wird geboren aus übersinnlichem, aus spirituellem Inhalte. Der spirituelle Inhalt versiegt und das Intellektuelle bleibt zurück.

[ 3 ] Aber eben die Fähigkeit, zu diesem übersinnlichen Inhalte zu kommen, die ging allmählich der Menschheit verloren. Und die letzte Phase war dasjenige, was in der Gnostik erhalten ist. Aber die Gnostik ist nun schon durchsetzt von Intellektualismus. So daß man sagen kann, daß für die Menschheitsentwickelung in gewisser Beziehung der Intellektualismus aus der Gnostik herausgeboren wird. Er wird geboren aus übersinnlichem, aus spirituellem Inhalte. Der spirituelle Inhalt versiegt und das Intellektuelle bleibt zurück.

[ 4 ] Der in erster Linie tonangebende Geist, der nun schon ganz mit Intellektualismus arbeitet und bei dem man schon klar sieht — bei Plato tritt das noch nicht hervor —, wie die ältere Spiritualität aufgehört hat und der Mensch versucht, zu einer Weltanschauung zu kommen durch intellektuelle innere Arbeit, das ist Aristoteles. Aristoteles ist gewissermaßen der erste wirklich intellektualistisch arbeitende Mensch in der Menschheitsentwickelung selber. Überall treten einem noch bei ihm solche Aufstellungen entgegen, die zeigen, wie traditionell lebendig noch die Erinnerung war an alte, auf übersinnliche Weise gewonnene Erkenntnisse. Aristoteles weiß von diesen Erkenntnissen. Er führt sie an da, wo er von seinen Vorgängern spricht; aber er ist nicht mehr in der Lage, mit dem, was er da anführt, einen wirklichen, innerlich erlebten Inhalt zu verbinden. Man sieht schon in einem hohen Grade bei ihm zum bloßen Worte werden dasjenige, was vorher intensives Erlebnis war. Dagegen arbeitet er im eminenten Sinne intellektualistisch.

[ 4 ] Der in erster Linie tonangebende Geist, der nun schon ganz mit Intellektualismus arbeitet und bei dem man schon klar sieht — bei Plato tritt das noch nicht hervor —, wie die ältere Spiritualität aufgehört hat und der Mensch versucht, zu einer Weltanschauung zu kommen durch intellektuelle innere Arbeit, das ist Aristoteles. Aristoteles ist gewissermaßen der erste wirklich intellektualistisch arbeitende Mensch in der Menschheitsentwickelung selber. Überall treten einem noch bei ihm solche Aufstellungen entgegen, die zeigen, wie traditionell lebendig noch die Erinnerung war an alte, auf übersinnliche Weise gewonnene Erkenntnisse. Aristoteles weiß von diesen Erkenntnissen. Er führt sie an da, wo er von seinen Vorgängern spricht; aber er ist nicht mehr in der Lage, mit dem, was er da anführt, einen wirklichen, innerlich erlebten Inhalt zu verbinden. Man sieht schon in einem hohen Grade bei ihm zum bloßen Worte werden dasjenige, was vorher intensives Erlebnis war. Dagegen arbeitet er im eminenten Sinne intellektualistisch.

[ 5 ] Durch die besondere Konfiguration der griechischen Kultur ist Aristoteles nicht Gnostiker. Aber in der damals noch reichlich vorhandenen Gnostik, die sich ja bis in die nachchristlichen Jahrhunderte hinein fortgepflanzt hat, ist ein intellektualistisches Erfassen des alten spirituellen, aber nicht mehr erlebten Inhaltes vorhanden. Man hat gewissermaßen ein Schattenbild der alten spirituellen Weisheit in demjenigen, was die Gnostiker darstellen. Und im Grunde kann man sehen, wie nach und nach der Menschheit überhaupt die Möglichkeit verlorengeht, noch einen Sinn zu verbinden mit dem, was einmal übersinnlich gegeben war. Vollständig ist dieser Punkt, daß man mit dem alten Spirituellen keinen Sinn mehr verbinden kann, eben im 4. nachchristlichen Jahrhunderte erreicht. Und gerade bei einem solchen Geiste wie Augustinus zeigt sich im eminentesten Sinne klar, wie er aus allen Tiefen der menschlichen Seele heraus nach einer Weltanschauung ringt, wie er aber unmöglich zu einer solchen kommen kann aus irgendeiner Spiritualität heraus, und wie er daher zuletzt landet bei der Annahme desjenigen, was ihm dogmatisch von der katholischen Kirche dargeboten wird.

[ 5 ] Durch die besondere Konfiguration der griechischen Kultur ist Aristoteles nicht Gnostiker. Aber in der damals noch reichlich vorhandenen Gnostik, die sich ja bis in die nachchristlichen Jahrhunderte hinein fortgepflanzt hat, ist ein intellektualistisches Erfassen des alten spirituellen, aber nicht mehr erlebten Inhaltes vorhanden. Man hat gewissermaßen ein Schattenbild der alten spirituellen Weisheit in demjenigen, was die Gnostiker darstellen. Und im Grunde kann man sehen, wie nach und nach der Menschheit überhaupt die Möglichkeit verlorengeht, noch einen Sinn zu verbinden mit dem, was einmal übersinnlich gegeben war. Vollständig ist dieser Punkt, daß man mit dem alten Spirituellen keinen Sinn mehr verbinden kann, eben im 4. nachchristlichen Jahrhunderte erreicht. Und gerade bei einem solchen Geiste wie Augustinus zeigt sich im eminentesten Sinne klar, wie er aus allen Tiefen der menschlichen Seele heraus nach einer Weltanschauung ringt, wie er aber unmöglich zu einer solchen kommen kann aus irgendeiner Spiritualität heraus, und wie er daher zuletzt landet bei der Annahme desjenigen, was ihm dogmatisch von der katholischen Kirche dargeboten wird.

[ 6 ] Inhalt hat nun dieses abendländische Geistesleben — von dem wollen wir zunächst sprechen — namentlich in denjenigen Jahrhunderten bekommen, die auf die ersten vier nach dem Mysterium von Golgatha folgen; Inhalt hat es bekommen durch dasjenige, was von christlicher Seite her überliefert wurde, was allmählich in Dogmen, das heißt, in intellektualistische Gedankenformen geprägt worden ist, was aber bezogen wurde auf einen Inhalt, der einmal im übersinnlichen Schauen erlebt worden war, der aber eben nur noch als Erinnerung vorhanden war. Aber es war nicht mehr die Möglichkeit vorhanden, die Verbindung des Menschen mit diesem übersinnlichen Inhalte zu durchschauen, das heißt, den Sinn dieses übersinnlichen Inhaltes irgendwie an den Menschen heranzubringen. Und so gestaltete sich denn in den folgenden Jahrhunderten, bis ins 15. herein, wesentlich die Erziehung der Menschheit zum Intellektualismus aus.

[ 6 ] Inhalt hat nun dieses abendländische Geistesleben — von dem wollen wir zunächst sprechen — namentlich in denjenigen Jahrhunderten bekommen, die auf die ersten vier nach dem Mysterium von Golgatha folgen; Inhalt hat es bekommen durch dasjenige, was von christlicher Seite her überliefert wurde, was allmählich in Dogmen, das heißt, in intellektualistische Gedankenformen geprägt worden ist, was aber bezogen wurde auf einen Inhalt, der einmal im übersinnlichen Schauen erlebt worden war, der aber eben nur noch als Erinnerung vorhanden war. Aber es war nicht mehr die Möglichkeit vorhanden, die Verbindung des Menschen mit diesem übersinnlichen Inhalte zu durchschauen, das heißt, den Sinn dieses übersinnlichen Inhaltes irgendwie an den Menschen heranzubringen. Und so gestaltete sich denn in den folgenden Jahrhunderten, bis ins 15. herein, wesentlich die Erziehung der Menschheit zum Intellektualismus aus.

[ 7 ] Wer das Geistesleben vom 4., 5. nachchristlichen Jahrhundert bis ins 15. hinein verfolgt mit alldem, was da durchgemacht war zunächst unter den ersten Kirchenlehrern bis herauf zu Scotus Erigena, bis zu Thomas von Aguino und Albertus Magnus, mit dem, was da durchlebt worden ist, ihn kann es ja wirklich weniger interessieren durch den Inhalt, der vermittelt wird, als durch die durch und durch bedeutungsvolleErziehung, welche da durchgemacht worden ist zu jenem Intellektualistischen in der Seelenverfassung. In bezug auf die Intellektualität, auf die Verarbeitung des Begrifflichen haben es ja die christlichen Philosophen aufs höchste gebracht. Und wenn man sagen kann auf der einen Seite: Die Geburt des Intellektualismus war vollendet im 4. nachchristlichen Jahrhundert —, so kann man sagen: Dieser Intellektualismus als Technik, als Denktechnik, wurde ausgebildet bis in das 15. Jahrhundert hinein. — Daß überhaupt das Element des Intellektualismus vom Menschen erfaßt werden konnte, das spielte sich ab im 4. Jahrhundert. Aber der Intellektualismus mußte zunächst innerlich durchgearbeitet werden. Und es ist ja wirklich bewundernswert, was nach dieser Richtung hin geleistet worden ist bis in die Zeit der Hochscholastik hinein.

[ 7 ] Wer das Geistesleben vom 4., 5. nachchristlichen Jahrhundert bis ins 15. hinein verfolgt mit alldem, was da durchgemacht war zunächst unter den ersten Kirchenlehrern bis herauf zu Scotus Erigena, bis zu Thomas von Aguino und Albertus Magnus, mit dem, was da durchlebt worden ist, ihn kann es ja wirklich weniger interessieren durch den Inhalt, der vermittelt wird, als durch die durch und durch bedeutungsvolleErziehung, welche da durchgemacht worden ist zu jenem Intellektualistischen in der Seelenverfassung. In bezug auf die Intellektualität, auf die Verarbeitung des Begrifflichen haben es ja die christlichen Philosophen aufs höchste gebracht. Und wenn man sagen kann auf der einen Seite: Die Geburt des Intellektualismus war vollendet im 4. nachchristlichen Jahrhundert —, so kann man sagen: Dieser Intellektualismus als Technik, als Denktechnik, wurde ausgebildet bis in das 15. Jahrhundert hinein. — Daß überhaupt das Element des Intellektualismus vom Menschen erfaßt werden konnte, das spielte sich ab im 4. Jahrhundert. Aber der Intellektualismus mußte zunächst innerlich durchgearbeitet werden. Und es ist ja wirklich bewundernswert, was nach dieser Richtung hin geleistet worden ist bis in die Zeit der Hochscholastik hinein.

[ 8 ] In dieser Beziehung könnten ja moderne Denker außerordentlich viel lernen, wenn sie ihre Begriffsbildungsfähigkeit wiederum heranschulen würden an demjenigen, was da an Begriffstechnik die Scholastiker der katholischen Kirche entwickelt haben. Wenn man an das verlotterte Denken, das innerhalb der heutigen Wissenschaft gang und gäbe ist, denkt, wenn man daran denkt, wie gewisse Begriffe, ohne die man zu einer Weltanschauung überhaupt nicht kommen kann — zum Beispiel der Begriff der Subsistenz gegenüber der Existenz —, geradezu ihrem innerlichen Gehalte nach verlorengegangen sind, daß Begriffe wie Hypothese einen Charakter angenommen haben, der ganz verschwommen ist, während er bei den Scholastikern ein streng umrissenes Gedankengebilde darstellte, und wenn man vieles andere in dieser Richtung anführen wollte, so würde man eben sehen, wie heute eigentlich eine Beherrschung der Gedankentechnik gar nicht vorhanden ist im üblichen Geistesleben, und wieviel gelernt werden könnte dadurch, daß sich die Menschen wiederum bekanntmachten mit dem, was bis ins 15. Jahrhundert hinein an Denktechnik, das heißt, an Technik des Intellektualismus ausgebildet worden ist. Der Grund, warum auf diesem Gebiete geschulte Denker so voraus sind auch den modernen Philosophen, ist ja, daß diese Denker eben das scholastische Element in sich aufgenommen haben.

[ 8 ] In dieser Beziehung könnten ja moderne Denker außerordentlich viel lernen, wenn sie ihre Begriffsbildungsfähigkeit wiederum heranschulen würden an demjenigen, was da an Begriffstechnik die Scholastiker der katholischen Kirche entwickelt haben. Wenn man an das verlotterte Denken, das innerhalb der heutigen Wissenschaft gang und gäbe ist, denkt, wenn man daran denkt, wie gewisse Begriffe, ohne die man zu einer Weltanschauung überhaupt nicht kommen kann — zum Beispiel der Begriff der Subsistenz gegenüber der Existenz —, geradezu ihrem innerlichen Gehalte nach verlorengegangen sind, daß Begriffe wie Hypothese einen Charakter angenommen haben, der ganz verschwommen ist, während er bei den Scholastikern ein streng umrissenes Gedankengebilde darstellte, und wenn man vieles andere in dieser Richtung anführen wollte, so würde man eben sehen, wie heute eigentlich eine Beherrschung der Gedankentechnik gar nicht vorhanden ist im üblichen Geistesleben, und wieviel gelernt werden könnte dadurch, daß sich die Menschen wiederum bekanntmachten mit dem, was bis ins 15. Jahrhundert hinein an Denktechnik, das heißt, an Technik des Intellektualismus ausgebildet worden ist. Der Grund, warum auf diesem Gebiete geschulte Denker so voraus sind auch den modernen Philosophen, ist ja, daß diese Denker eben das scholastische Element in sich aufgenommen haben.

[ 9 ] Es ist geradezu ein Wohltuendes, möchte ich sagen, wenn man aus dem verlotterten Denken der neueren Wissenschaftsliteratur zu einem solchen Buche greift, wie die «Geschichte des Idealismus» von Willmann ist, mit dem man selbstverständlich dem Inhalte nach heute nicht einverstanden sein kann, der einem seinem Inhalte nach völlig widerstrebt; aber es zeigt sich darinnen eine Denktätigkeit, in der man sich eben als solcher gegenüber dem eben Charakterisierten außerordentlich wohlbefinden kann. Diese «Geschichte des Idealismus» von Otto Willmann sollte auch von denjenigen gelesen werden, die auf einem ganz andern Gesichtspunkte stehen. Denn wie da die Probleme seit Plato behandelt werden mit einer völligen Beherrschung der scholastischen Denktätigkeit, das kann zum mindesten nur außerordentlich disziplinierend für einen modernen Menschen wirken.

[ 9 ] Es ist geradezu ein Wohltuendes, möchte ich sagen, wenn man aus dem verlotterten Denken der neueren Wissenschaftsliteratur zu einem solchen Buche greift, wie die «Geschichte des Idealismus» von Willmann ist, mit dem man selbstverständlich dem Inhalte nach heute nicht einverstanden sein kann, der einem seinem Inhalte nach völlig widerstrebt; aber es zeigt sich darinnen eine Denktätigkeit, in der man sich eben als solcher gegenüber dem eben Charakterisierten außerordentlich wohlbefinden kann. Diese «Geschichte des Idealismus» von Otto Willmann sollte auch von denjenigen gelesen werden, die auf einem ganz andern Gesichtspunkte stehen. Denn wie da die Probleme seit Plato behandelt werden mit einer völligen Beherrschung der scholastischen Denktätigkeit, das kann zum mindesten nur außerordentlich disziplinierend für einen modernen Menschen wirken.

[ 10 ] Es war also im wesentlichen dem 4. Jahrhunderte bis zum 15. Jahrhunderte gegeben, diese Denktechnik auszubilden. Nun ist zunächst diese Denktätigkeit eingelaufen in ein ganz bestimmtes Verhalten der menschlichen Erkenntnisfähigkeit zu dem Weltinhalte. Man kann sagen: Solche Geister wie Albertus Magnus, Thomas Aquinas, sie haben die Stellung der Denktätigkeit zu dem Weltinhalte in dem Punkte, bis zu dem sie damals ausgebildet war, in einer für die damalige Zeit durchaus einwandfreien Weise klar dargestellt.

[ 10 ] Es war also im wesentlichen dem 4. Jahrhunderte bis zum 15. Jahrhunderte gegeben, diese Denktechnik auszubilden. Nun ist zunächst diese Denktätigkeit eingelaufen in ein ganz bestimmtes Verhalten der menschlichen Erkenntnisfähigkeit zu dem Weltinhalte. Man kann sagen: Solche Geister wie Albertus Magnus, Thomas Aquinas, sie haben die Stellung der Denktätigkeit zu dem Weltinhalte in dem Punkte, bis zu dem sie damals ausgebildet war, in einer für die damalige Zeit durchaus einwandfreien Weise klar dargestellt.

[ 11 ] Wie tritt uns diese Darstellung entgegen? Diese Denker hatten zunächst dasjenige, was ich auf diese Weise eben charakterisiert habe, herrührend aus alten Traditionen, aus alten Überlieferungen, aber seinem Sinne nach nicht mehr verstanden, als Dogmatik erhalten. Das hatten sie zunächst zu schützen als den Inhalt einer übernatürlichen, einer — was dazumal ziemlich gleichbedeutend war — übersinnlichen Offenbarung. Diese Offenbarung bewahrte die Kirche durch ihr Lehramt. Dasjenige, was zu sagen war über die übersinnlichen Welten, das glaubte man enthalten in der Dogmatik der Kirche. Und das, was man in dieser Dogmatik hatte, das sollte hingenommen werden als Offenbarung, an die menschliche Vernunft, also menschliche Intellektualität nicht heran kann.

[ 11 ] Wie tritt uns diese Darstellung entgegen? Diese Denker hatten zunächst dasjenige, was ich auf diese Weise eben charakterisiert habe, herrührend aus alten Traditionen, aus alten Überlieferungen, aber seinem Sinne nach nicht mehr verstanden, als Dogmatik erhalten. Das hatten sie zunächst zu schützen als den Inhalt einer übernatürlichen, einer — was dazumal ziemlich gleichbedeutend war — übersinnlichen Offenbarung. Diese Offenbarung bewahrte die Kirche durch ihr Lehramt. Dasjenige, was zu sagen war über die übersinnlichen Welten, das glaubte man enthalten in der Dogmatik der Kirche. Und das, was man in dieser Dogmatik hatte, das sollte hingenommen werden als Offenbarung, an die menschliche Vernunft, also menschliche Intellektualität nicht heran kann.

[ 12 ] Auf der einen Seite also war es für diese Zeit des Mittelalters ganz selbstverständlich, daß man die im hohen Grade ausgebildete intellektuelle Technik anwandte; auf der andern Seite war es klar, daß diese Intellektualität nicht irgendwie etwas ausmachen durfte über den Inhalt der Dogmatik. Es wurden die höchsten Wahrheiten, deren der Mensch bedurfte, in dieser Dogmatik gesucht. Sie mußten aus der übernatürlichen Theologie entnommen werden, und es war darinnen im wesentlichen alles enthalten, was sich eigentlich auf die höheren Schicksale des menschlichen Seelenlebens bezieht. Dagegen waren diese Anschauungen durchdrungen davon, daß mit Hilfe der ausgebildeten Intellektualität die Natur begriffen und erklärt werden könne, daß man auch noch aus der Ratio, also der Intellektualität heraus dazu kommen könne, mit einer gewissen Abstraktion Weltenanfang und Weltenende zu begreifen, daß man auch noch das Dasein Gottes begreifen kann und so weiter. Diese Dinge wurden durchaus, aber in einer gewissen abstrakten Form, zu denjenigen gerechnet, die sich noch erreichen lassen durch die intellektualistische Technik. Es war also im Grunde genommen die menschliche Erkenntnis gespalten in die zwei Gebiete: in das Gebiet des Übersinnlichen, das nur durch Offenbarung an die Menschheit hat herankommen können und das bewahrt worden ist in der christlichen Dogmatik, und das andere Gebiet, das Naturerkenntnis enthielt, soweit man sie dazumal hatte, das aber erreicht werden sollte seinem ganzen Umfange nach durch intellektualistische Technik.

[ 12 ] Auf der einen Seite also war es für diese Zeit des Mittelalters ganz selbstverständlich, daß man die im hohen Grade ausgebildete intellektuelle Technik anwandte; auf der andern Seite war es klar, daß diese Intellektualität nicht irgendwie etwas ausmachen durfte über den Inhalt der Dogmatik. Es wurden die höchsten Wahrheiten, deren der Mensch bedurfte, in dieser Dogmatik gesucht. Sie mußten aus der übernatürlichen Theologie entnommen werden, und es war darinnen im wesentlichen alles enthalten, was sich eigentlich auf die höheren Schicksale des menschlichen Seelenlebens bezieht. Dagegen waren diese Anschauungen durchdrungen davon, daß mit Hilfe der ausgebildeten Intellektualität die Natur begriffen und erklärt werden könne, daß man auch noch aus der Ratio, also der Intellektualität heraus dazu kommen könne, mit einer gewissen Abstraktion Weltenanfang und Weltenende zu begreifen, daß man auch noch das Dasein Gottes begreifen kann und so weiter. Diese Dinge wurden durchaus, aber in einer gewissen abstrakten Form, zu denjenigen gerechnet, die sich noch erreichen lassen durch die intellektualistische Technik. Es war also im Grunde genommen die menschliche Erkenntnis gespalten in die zwei Gebiete: in das Gebiet des Übersinnlichen, das nur durch Offenbarung an die Menschheit hat herankommen können und das bewahrt worden ist in der christlichen Dogmatik, und das andere Gebiet, das Naturerkenntnis enthielt, soweit man sie dazumal hatte, das aber erreicht werden sollte seinem ganzen Umfange nach durch intellektualistische Technik.

[ 13 ] Diese Zweiheit des Erkenntniswesens für das Mittelalter muß man durchaus durchdringen, wenn man die neuzeitliche Geistesentwickelung verstehen will; denn mit dem 15. Jahrhundert kamen langsam und dann immer schneller die Gebiete herauf, die dann den Inhalt der modernen naturwissenschaftlichen Weltanschauung bildeten. Der Intellekt hatte sich für sich selbst in seiner Technik bis ins 15. Jahrhundert ausgebildet, aber er hatte in dieser Zeit wesentlich sich bereichert durch inhaltliches Naturwissen. Was an Naturwissen vorhanden war, war bis zu dieser Zeit Altüberliefertes, wenig mehr Verstandenes. Der Intellekt hatte sich gewissermaßen nicht erprobt an einem unmittelbaren elementaren Inhalt.

[ 13 ] Diese Zweiheit des Erkenntniswesens für das Mittelalter muß man durchaus durchdringen, wenn man die neuzeitliche Geistesentwickelung verstehen will; denn mit dem 15. Jahrhundert kamen langsam und dann immer schneller die Gebiete herauf, die dann den Inhalt der modernen naturwissenschaftlichen Weltanschauung bildeten. Der Intellekt hatte sich für sich selbst in seiner Technik bis ins 15. Jahrhundert ausgebildet, aber er hatte in dieser Zeit wesentlich sich bereichert durch inhaltliches Naturwissen. Was an Naturwissen vorhanden war, war bis zu dieser Zeit Altüberliefertes, wenig mehr Verstandenes. Der Intellekt hatte sich gewissermaßen nicht erprobt an einem unmittelbaren elementaren Inhalt.

[ 14 ] Das geschah erst, als die Taten Kopernikus, Galileis und so weiter in die neuzeitliche Wissensentwickelung eintraten. Da kam die Zeit, wo nun der Intellekt nicht mehr bloß seine Technik ausbildete, sondern wo dieser Intellekt sich zu schaffen machte mit der äußeren Welt. Man kann ja insbesondere sehen, wie solch ein Geist wie Galilei mit der ausgebildeten Gedankentechnik zuerst herangeht an den äußeren sinnenfälligen Weltinhalt. Das ist nun dasjenige, was dann im Laufe der nächsten Jahrhunderte bis ins 19. Jahrhundert herauf vorzugsweise die Beschäftigung der nach Wissen strebenden Menschheit geworden ist: die Auseinandersetzung des Intellektes mit dem Naturwissen.

[ 14 ] Das geschah erst, als die Taten Kopernikus, Galileis und so weiter in die neuzeitliche Wissensentwickelung eintraten. Da kam die Zeit, wo nun der Intellekt nicht mehr bloß seine Technik ausbildete, sondern wo dieser Intellekt sich zu schaffen machte mit der äußeren Welt. Man kann ja insbesondere sehen, wie solch ein Geist wie Galilei mit der ausgebildeten Gedankentechnik zuerst herangeht an den äußeren sinnenfälligen Weltinhalt. Das ist nun dasjenige, was dann im Laufe der nächsten Jahrhunderte bis ins 19. Jahrhundert herauf vorzugsweise die Beschäftigung der nach Wissen strebenden Menschheit geworden ist: die Auseinandersetzung des Intellektes mit dem Naturwissen.

[ 15 ] Was aber lebte fort in dieser Auseinandersetzung des Intellektes mit dem Naturwissen? Man muß da nur nicht nach vorgefaßten Begriffen, sondern nach psychologischen, historischen Tatsachen gehen. Man muß sich völlig klarwerden darüber, daß ja die Menschheit nicht nur Theorien von einem Zeitalter in das andere hineinträgt, sondern daß sich in einer ganz außerordentlich starken Weise festgesetzt hatte durch die christliche Philosophenentwickelung hindurch der Drang, das intellektuelle Element nur auf die Sinneswelt anzuwenden und das Übersinnliche nicht davon berührt werden zu lassen. Als Sünde hätte es gegolten für einen nach Erkenntnis Strebenden, wenn er das übersinnliche Gebiet hätte berühren wollen mit der Intellektualität.

[ 15 ] Was aber lebte fort in dieser Auseinandersetzung des Intellektes mit dem Naturwissen? Man muß da nur nicht nach vorgefaßten Begriffen, sondern nach psychologischen, historischen Tatsachen gehen. Man muß sich völlig klarwerden darüber, daß ja die Menschheit nicht nur Theorien von einem Zeitalter in das andere hineinträgt, sondern daß sich in einer ganz außerordentlich starken Weise festgesetzt hatte durch die christliche Philosophenentwickelung hindurch der Drang, das intellektuelle Element nur auf die Sinneswelt anzuwenden und das Übersinnliche nicht davon berührt werden zu lassen. Als Sünde hätte es gegolten für einen nach Erkenntnis Strebenden, wenn er das übersinnliche Gebiet hätte berühren wollen mit der Intellektualität.

[ 16 ] Das gibt eine gewisse Gewohnheit. Solche Gewohnheiten leben fort. Die Menschen werden sich ihrer nicht voll bewußt, aber sie handeln unter dem Einflusse dieser Gewohnheiten. Und aus dieser Gewohnheit — also aus einer durch den Einfluß der christlichen Dogmatik erzeugten Gewohnheit — ist der Trieb entstanden in den dem 19. vorangehenden Jahrhunderten, sich mit der Intellektualität nur an die äußere sinnliche Beobachtung zu halten. Geradeso wie die Hochschulen im allgemeinen Fortsetzungen waren der von der Kirche eingerichteten Schulen, so war die Wissenschaft, die an diesen Hochschulen getrieben wurde, in bezug auf das Naturwissen durchaus eine Fortsetzung desjenigen, was als das Richtige auf dem Gebiete des Naturwissens von der Kirche anerkannt worden ist. Das Streben, nur äußere sinnliche Empirie hereinzunehmen in das Wissen, ist durchaus ein Nachklang einer aus der christlichen Dogmatik hervorgehenden Seelengewohnheit.

[ 16 ] Das gibt eine gewisse Gewohnheit. Solche Gewohnheiten leben fort. Die Menschen werden sich ihrer nicht voll bewußt, aber sie handeln unter dem Einflusse dieser Gewohnheiten. Und aus dieser Gewohnheit — also aus einer durch den Einfluß der christlichen Dogmatik erzeugten Gewohnheit — ist der Trieb entstanden in den dem 19. vorangehenden Jahrhunderten, sich mit der Intellektualität nur an die äußere sinnliche Beobachtung zu halten. Geradeso wie die Hochschulen im allgemeinen Fortsetzungen waren der von der Kirche eingerichteten Schulen, so war die Wissenschaft, die an diesen Hochschulen getrieben wurde, in bezug auf das Naturwissen durchaus eine Fortsetzung desjenigen, was als das Richtige auf dem Gebiete des Naturwissens von der Kirche anerkannt worden ist. Das Streben, nur äußere sinnliche Empirie hereinzunehmen in das Wissen, ist durchaus ein Nachklang einer aus der christlichen Dogmatik hervorgehenden Seelengewohnheit.

[ 17 ] Parallel mit diesem Hinlenken des Intellektes auf die äußerliche sinnliche Welt ging immer mehr und mehr das Abblassen desjenigen, was von der Seele aus nach dem Inhalte der übersinnlichen Dogmatik hin gerichtet war. Man hatte eben wiederum eine Möglichkeit, selbst zu forschen; wenn auch nur einen sinnlichen Inhalt zu bekommen für die Intellektualität, so doch eben einen Wissensinhalt zu bekommen.

[ 17 ] Parallel mit diesem Hinlenken des Intellektes auf die äußerliche sinnliche Welt ging immer mehr und mehr das Abblassen desjenigen, was von der Seele aus nach dem Inhalte der übersinnlichen Dogmatik hin gerichtet war. Man hatte eben wiederum eine Möglichkeit, selbst zu forschen; wenn auch nur einen sinnlichen Inhalt zu bekommen für die Intellektualität, so doch eben einen Wissensinhalt zu bekommen.

[ 18 ] Unter dem Einflusse, ich möchte sagen, des immer positiver und positiver werdenden Wissensinhaltes aus der Sinnenwelt, verblaßte der dogmatische Inhalt. Man konnte nun nicht einmal mehr diejenige Beziehung der Menschenseele zu diesem übersinnlichen Inhalt gewinnen, die eben nach dem 4. nachchristlichen Jahrhunderte noch da war wie eineErinnerung an etwas, was einmal in uralten Zeiten von der Menschheit erlebt worden war. Das was sich auf die übersinnlichen Welten bezog, verblaßte eben allmählich ganz und gar, und es ist ja nur ein künstliches Forterhalten des übersinnlichen Inhaltes, was wir erleben in den Geistesentwickelungen der letzten drei, vier Jahrhunderte. Der aus der Sinneswelt entlehnte und mit dem Intellekt bearbeitete Inhalt wird immer reichlicher und reichlicher. Die Menschenseele durchdringt sich damit; das Hinweisen zu dem übersinnlichen Inhalte verblaßt immer mehr und mehr. Auch das ist durchaus ein Ergebnis der christlich-dogmatischen Entwickelung.

[ 18 ] Unter dem Einflusse, ich möchte sagen, des immer positiver und positiver werdenden Wissensinhaltes aus der Sinnenwelt, verblaßte der dogmatische Inhalt. Man konnte nun nicht einmal mehr diejenige Beziehung der Menschenseele zu diesem übersinnlichen Inhalt gewinnen, die eben nach dem 4. nachchristlichen Jahrhunderte noch da war wie eineErinnerung an etwas, was einmal in uralten Zeiten von der Menschheit erlebt worden war. Das was sich auf die übersinnlichen Welten bezog, verblaßte eben allmählich ganz und gar, und es ist ja nur ein künstliches Forterhalten des übersinnlichen Inhaltes, was wir erleben in den Geistesentwickelungen der letzten drei, vier Jahrhunderte. Der aus der Sinneswelt entlehnte und mit dem Intellekt bearbeitete Inhalt wird immer reichlicher und reichlicher. Die Menschenseele durchdringt sich damit; das Hinweisen zu dem übersinnlichen Inhalte verblaßt immer mehr und mehr. Auch das ist durchaus ein Ergebnis der christlich-dogmatischen Entwickelung.

[ 19 ] Dann kam das 19. Jahrhundert, für das eine elementare Beziehung der Menschenseele zum übersinnlichen Inhalt völlig verblaßt war, und für das es immer mehr und mehr notwendig wurde, künstlich, man möchte sagen, sich einzureden, daß die Annahme einer übersinnlichen Welt dennoch eine Bedeutung habe. Und so bildete sich namentlich im 19. Jahrhundert die allerdings schon vorher gut vorbereitete Lehre heraus von den zwei Erkenntniswegen: dem Wege des Wissens und dem Wege des Glaubens. Eine ganz und gar auf bloße subjektive Überzeugung gebaute Glaubenserkenntnis sollte noch dasjenige stützen, was sich traditionell von der alten Dogmatik erhalten hatte. Daneben war man immer mehr und mehr, ich möchte sagen, überwältigt von demjenigen, was die Sinneswelt an Erkenntnissen dargeboten hat. So war im Grunde genommen die Lage der Entwickelung der europäischen Geisteswelt gerade um die Mitte des 19. Jahrhunderts: reich fließende Erkenntnis der Sinneswelt, problematische Stellung zu der übersinnlichen Welt. Während man beim Forschen in der Sinneswelt überall Grund und Boden unter den Füßen hatte, während man überall hinweisen konnte auf die Tatsachen, die sich eben aus der äußeren Beobachtung ergaben und die man zusammenfassen konnte zu einer Art von Weltbild, das allerdings nur sinnliche Inhalte enthielt, das aber doch sich immer mehr und mehr vervollständigte mit Bezug auf diese sinnlichen Inhalte, war es eine Art krampfhaften Bestrebens, eine Glaubensübersicht festzuhalten von dem Übersinnlichen. Und besonders bemerkenswert in dieser Beziehung ist die Entwickelung der Theologie im 19. Jahrhundert, namentlich der Christologie, bei der man sieht, wie nach und nach eigentlich aller übersinnlicher Inhalt des ChristusBegriffes verlorengeht und zuletzt nichts anderes übrig bleibt als der in der Sinneswelt anwesende Jesus von Nazareth, dasjenige, was also im gewöhnlichen Sinnes- und im intellektualistischen Sinnenleben als ein Mitglied der Menschheitsentwickelung betrachtet werden konnte. Und es entstanden diejenigen Bestrebungen, die nun versuchten, das Christentum auch gegenüber der modernen Aufklärung und Wissenschaftlichkeit zu halten, indem sie es ja durchkritisierten, bei dieser Durchkritisierung auflösten, den Evangelieninhalt siebten und dadurch in gewisser Weise wenigstens eine Berechtigung herausdefinierten für den Glaubenshinweis auf eine übersinnliche Welt.

[ 19 ] Dann kam das 19. Jahrhundert, für das eine elementare Beziehung der Menschenseele zum übersinnlichen Inhalt völlig verblaßt war, und für das es immer mehr und mehr notwendig wurde, künstlich, man möchte sagen, sich einzureden, daß die Annahme einer übersinnlichen Welt dennoch eine Bedeutung habe. Und so bildete sich namentlich im 19. Jahrhundert die allerdings schon vorher gut vorbereitete Lehre heraus von den zwei Erkenntniswegen: dem Wege des Wissens und dem Wege des Glaubens. Eine ganz und gar auf bloße subjektive Überzeugung gebaute Glaubenserkenntnis sollte noch dasjenige stützen, was sich traditionell von der alten Dogmatik erhalten hatte. Daneben war man immer mehr und mehr, ich möchte sagen, überwältigt von demjenigen, was die Sinneswelt an Erkenntnissen dargeboten hat. So war im Grunde genommen die Lage der Entwickelung der europäischen Geisteswelt gerade um die Mitte des 19. Jahrhunderts: reich fließende Erkenntnis der Sinneswelt, problematische Stellung zu der übersinnlichen Welt. Während man beim Forschen in der Sinneswelt überall Grund und Boden unter den Füßen hatte, während man überall hinweisen konnte auf die Tatsachen, die sich eben aus der äußeren Beobachtung ergaben und die man zusammenfassen konnte zu einer Art von Weltbild, das allerdings nur sinnliche Inhalte enthielt, das aber doch sich immer mehr und mehr vervollständigte mit Bezug auf diese sinnlichen Inhalte, war es eine Art krampfhaften Bestrebens, eine Glaubensübersicht festzuhalten von dem Übersinnlichen. Und besonders bemerkenswert in dieser Beziehung ist die Entwickelung der Theologie im 19. Jahrhundert, namentlich der Christologie, bei der man sieht, wie nach und nach eigentlich aller übersinnlicher Inhalt des ChristusBegriffes verlorengeht und zuletzt nichts anderes übrig bleibt als der in der Sinneswelt anwesende Jesus von Nazareth, dasjenige, was also im gewöhnlichen Sinnes- und im intellektualistischen Sinnenleben als ein Mitglied der Menschheitsentwickelung betrachtet werden konnte. Und es entstanden diejenigen Bestrebungen, die nun versuchten, das Christentum auch gegenüber der modernen Aufklärung und Wissenschaftlichkeit zu halten, indem sie es ja durchkritisierten, bei dieser Durchkritisierung auflösten, den Evangelieninhalt siebten und dadurch in gewisser Weise wenigstens eine Berechtigung herausdefinierten für den Glaubenshinweis auf eine übersinnliche Welt.

[ 20 ] Es ist nun merkwürdig, welche Gestalt diese Entwickelung gerade in der Mitte des 19. Jahrhunderts angenommen hat. Gerade derjenige, der sich mit moderner Geisteswissenschaft beschäftigt, darf dieses Entwickelungsstadium menschlicher Erkenntnis nicht übersehen. Bei denen, die in der neueren Zeit vielfach über Geist und Geistesleben sprachen, wird in dilettantischer Weise abgefertigt, was in der Mitte des 19. Jahrhunderts in der Menschheitsentwickelung heraufgekommen ist als Materialismus. Gewiß, bei diesem Materialismus stehenzubleiben, ist eine Oberflächlichkeit; aber eine noch größere Oberflächlichkeit ist, sich zu diesem Materialismus dilettantisch zu verhalten. Es ist ja verhältnismäßig leicht, sich einige Begriffe von Geist und Geistesleben anzueignen und dann abzusprechen über dasjenige, was im Materialismus des 19. Jahrhunderts heraufgezogen ist; aber man muß die Sache von einem andern Gesichtspunkte aus betrachten.

[ 20 ] Es ist nun merkwürdig, welche Gestalt diese Entwickelung gerade in der Mitte des 19. Jahrhunderts angenommen hat. Gerade derjenige, der sich mit moderner Geisteswissenschaft beschäftigt, darf dieses Entwickelungsstadium menschlicher Erkenntnis nicht übersehen. Bei denen, die in der neueren Zeit vielfach über Geist und Geistesleben sprachen, wird in dilettantischer Weise abgefertigt, was in der Mitte des 19. Jahrhunderts in der Menschheitsentwickelung heraufgekommen ist als Materialismus. Gewiß, bei diesem Materialismus stehenzubleiben, ist eine Oberflächlichkeit; aber eine noch größere Oberflächlichkeit ist, sich zu diesem Materialismus dilettantisch zu verhalten. Es ist ja verhältnismäßig leicht, sich einige Begriffe von Geist und Geistesleben anzueignen und dann abzusprechen über dasjenige, was im Materialismus des 19. Jahrhunderts heraufgezogen ist; aber man muß die Sache von einem andern Gesichtspunkte aus betrachten.

[ 21 ] Wahr ist es, daß zum Beispiel ein solcher Denker — und er ist in der Reihe der materialistischen Denker vielleicht einer der allerhervorragendsten — wie Heinrich Czolbe 1855 in seinem Buch «Neue Darstellung des Sensualismus. Ein Entwurf» diesen Sensualismus geradezu dadurch definiert hat, daß er sagte: Dieser Sensualismus bedeutet ein Erkenntnisstreben, das von vorneherein das Übersinnliche ausschließt. — So daß man also in dem Czolbeschen System des Sensualismus etwas vor sich hat, was aus dem rein in der sinnlichen Beobachtung Gegebenen die Welt und auch die Menschen erklären will. Gerade dieses System des Sensualismus ist, man möchte sagen, auf der einen Seite oberflächlich, auf der andern Seite außerordentlich scharfsinnig. Es wird wirklich da der Versuch gemacht, von der Wahrnehmung angefangen bis herauf in die Politik, alles in das Zeichen des Sensualismus zu rücken, alles so darzustellen, als wenn man es eben erklären könnte aus dem, was Sinne beobachten können und was der Intellekt aus diesen Sinnesbeobachtungen sich erkombinieren kann. 1855 ist dieses Buch erschienen, also in der Zeit, in der es noch nicht einen ausgesprochenen Darwinismus gegeben hat, denn Darwins erstes epochemachendes Werk ist ja erst 1859 erschienen.

[ 21 ] Wahr ist es, daß zum Beispiel ein solcher Denker — und er ist in der Reihe der materialistischen Denker vielleicht einer der allerhervorragendsten — wie Heinrich Czolbe 1855 in seinem Buch «Neue Darstellung des Sensualismus. Ein Entwurf» diesen Sensualismus geradezu dadurch definiert hat, daß er sagte: Dieser Sensualismus bedeutet ein Erkenntnisstreben, das von vorneherein das Übersinnliche ausschließt. — So daß man also in dem Czolbeschen System des Sensualismus etwas vor sich hat, was aus dem rein in der sinnlichen Beobachtung Gegebenen die Welt und auch die Menschen erklären will. Gerade dieses System des Sensualismus ist, man möchte sagen, auf der einen Seite oberflächlich, auf der andern Seite außerordentlich scharfsinnig. Es wird wirklich da der Versuch gemacht, von der Wahrnehmung angefangen bis herauf in die Politik, alles in das Zeichen des Sensualismus zu rücken, alles so darzustellen, als wenn man es eben erklären könnte aus dem, was Sinne beobachten können und was der Intellekt aus diesen Sinnesbeobachtungen sich erkombinieren kann. 1855 ist dieses Buch erschienen, also in der Zeit, in der es noch nicht einen ausgesprochenen Darwinismus gegeben hat, denn Darwins erstes epochemachendes Werk ist ja erst 1859 erschienen.

[ 22 ] Dieses Jahr 1859 war überhaupt, wie ich schon öfter angedeutet habe, außerordentlich einschneidend in der neueren Geistesentwickelung. Wir haben um diese Zeit erscheinend Darwins «Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl». Wir haben in dieser Zeit heraufkommend in der Menschheitsentwickelung die Spektralanalyse, von der ja die Anschauung ausgegangen ist, daß aus denselben Materialsubstanzen, aus denen das irdische Dasein besteht, das Weltenall auch besteht. Wir haben dann den Versuch, dasjenige zu erfassen, was früher immer auf geistig-intellektuelle Weise behandelt worden ist, das ästhetische Gebiet, durch äußerliche, sinnliche Empirie. Gustav Theodor Fechners «Vorschule der Ästhetik» erschien 1876. Und endlich, wir haben den Versuch, diese Denkweise, die in all dem Angeführten liegt, zu übertragen auf das soziale Leben. Karl Marxens erstes größeres ökonomisches Werk erschien ebenfalls in diesem Jahre 1859. Diese vierte Erscheinung des neuzeitlichen materialistischen Geisteslebens, sie fällt bis auf das Jahr in dieselbe Zeit. Aber wie gesagt, vorangegangen ist schon so etwas, wie Czolbes System des Sensualismus war.

[ 22 ] Dieses Jahr 1859 war überhaupt, wie ich schon öfter angedeutet habe, außerordentlich einschneidend in der neueren Geistesentwickelung. Wir haben um diese Zeit erscheinend Darwins «Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl». Wir haben in dieser Zeit heraufkommend in der Menschheitsentwickelung die Spektralanalyse, von der ja die Anschauung ausgegangen ist, daß aus denselben Materialsubstanzen, aus denen das irdische Dasein besteht, das Weltenall auch besteht. Wir haben dann den Versuch, dasjenige zu erfassen, was früher immer auf geistig-intellektuelle Weise behandelt worden ist, das ästhetische Gebiet, durch äußerliche, sinnliche Empirie. Gustav Theodor Fechners «Vorschule der Ästhetik» erschien 1876. Und endlich, wir haben den Versuch, diese Denkweise, die in all dem Angeführten liegt, zu übertragen auf das soziale Leben. Karl Marxens erstes größeres ökonomisches Werk erschien ebenfalls in diesem Jahre 1859. Diese vierte Erscheinung des neuzeitlichen materialistischen Geisteslebens, sie fällt bis auf das Jahr in dieselbe Zeit. Aber wie gesagt, vorangegangen ist schon so etwas, wie Czolbes System des Sensualismus war.

[ 23 ] Wenn dann versucht worden ist, alles dasjenige, was seit jener Zeit reichlich an Tatsachen des äußeren Sinneslebens erkundet worden ist, mit materialistischen Weltanschauungen zu durchdringen, so darf man sagen: Diese materialistische Weltanschauung ist nicht geschaffen worden etwa durch den Darwinismus oder durch die Spektralanalyse, sondern dasjenige, was Darwin so sorgfältig zusammengetragen hat, das, was durchschaut werden konnte bis zu einem gewissen Grade in der Spektralanalyse, das, was erforscht werden konnte von Dingen selbst, die man früher nur auf ganz anderem Wege erforschen wollte, wie es durch Fechners «Vorschule der Ästhetik» geschehen ist, das ist getaucht worden in die schon vorhandene Anschauung des Sensualismus. Und der Materialismus, er war im Grunde genommen schon da; aber er ist hervorgegangen aus der Fortpflanzung jener Denkgewohnheit, die eigentlich ein Kind der scholastischen Denkweise ist. Man versteht diese neuzeitliche Geistesentwickelung und man versteht auch den Materialismus nicht, wenn man sich nicht klar darüber ist, daß er nichts anderes ist als eine Fortsetzung mittelalterlichen Denkens, nur mit Weglassung der Anschauung, daß man aufsteigen müsse vom Denken zu dem, was übersinnlich ist, eben nicht durch menschliche Vernunft und menschliche Beobachtung, sondern durch Offenbarung, die in der Dogmatik gegeben ist.

[ 23 ] Wenn dann versucht worden ist, alles dasjenige, was seit jener Zeit reichlich an Tatsachen des äußeren Sinneslebens erkundet worden ist, mit materialistischen Weltanschauungen zu durchdringen, so darf man sagen: Diese materialistische Weltanschauung ist nicht geschaffen worden etwa durch den Darwinismus oder durch die Spektralanalyse, sondern dasjenige, was Darwin so sorgfältig zusammengetragen hat, das, was durchschaut werden konnte bis zu einem gewissen Grade in der Spektralanalyse, das, was erforscht werden konnte von Dingen selbst, die man früher nur auf ganz anderem Wege erforschen wollte, wie es durch Fechners «Vorschule der Ästhetik» geschehen ist, das ist getaucht worden in die schon vorhandene Anschauung des Sensualismus. Und der Materialismus, er war im Grunde genommen schon da; aber er ist hervorgegangen aus der Fortpflanzung jener Denkgewohnheit, die eigentlich ein Kind der scholastischen Denkweise ist. Man versteht diese neuzeitliche Geistesentwickelung und man versteht auch den Materialismus nicht, wenn man sich nicht klar darüber ist, daß er nichts anderes ist als eine Fortsetzung mittelalterlichen Denkens, nur mit Weglassung der Anschauung, daß man aufsteigen müsse vom Denken zu dem, was übersinnlich ist, eben nicht durch menschliche Vernunft und menschliche Beobachtung, sondern durch Offenbarung, die in der Dogmatik gegeben ist.

[ 24 ] Dieses Zweite hat man einfach weggelassen. Aber die Grundüberzeugung für den einen Teil des Erkennens, für den auf die Sinneswelt bezüglichen, hat man beibehalten. Und im Verlaufe des 19. Jahrhunderts verwandelte sich dasjenige, was sich da herausgebildet hatte, dann so, daß es erschien zum Beispiel in dem berühmten «Ignorabimus» von Du Bois-Reymond aus dem Anfang der siebziger Jahre. Der Scholastiker sagte: Die menschliche Erkenntnis, von Intellekt durchdrungen, bezieht sich nur auf die äußere Sinneswelt. Alles dasjenige, was der Mensch über das Übersinnliche erkennen soll,muß ihm gegeben werden durch Offenbarung, die in der Dogmatik bewahrt ist. — Diese Offenbarung, die in der Dogmatik bewahrt ist, verblaßt; aber die andere Grundüberzeugung wird beibehalten. Sie spricht Du BoisReymond, allerdings in neuzeitlichem Gewande, scharf aus. Und er wendet dann dasjenige, was in der Scholastik so geklungen hat, wie ich es eben jetzt gesagt habe, in der Art an, daß er sagt: Man kann nur das Sinnliche erkennen, soll nur das Sinnliche erkennen, denn ein Erkennen des Übersinnlichen gibt es nicht.

[ 24 ] Dieses Zweite hat man einfach weggelassen. Aber die Grundüberzeugung für den einen Teil des Erkennens, für den auf die Sinneswelt bezüglichen, hat man beibehalten. Und im Verlaufe des 19. Jahrhunderts verwandelte sich dasjenige, was sich da herausgebildet hatte, dann so, daß es erschien zum Beispiel in dem berühmten «Ignorabimus» von Du Bois-Reymond aus dem Anfang der siebziger Jahre. Der Scholastiker sagte: Die menschliche Erkenntnis, von Intellekt durchdrungen, bezieht sich nur auf die äußere Sinneswelt. Alles dasjenige, was der Mensch über das Übersinnliche erkennen soll,muß ihm gegeben werden durch Offenbarung, die in der Dogmatik bewahrt ist. — Diese Offenbarung, die in der Dogmatik bewahrt ist, verblaßt; aber die andere Grundüberzeugung wird beibehalten. Sie spricht Du BoisReymond, allerdings in neuzeitlichem Gewande, scharf aus. Und er wendet dann dasjenige, was in der Scholastik so geklungen hat, wie ich es eben jetzt gesagt habe, in der Art an, daß er sagt: Man kann nur das Sinnliche erkennen, soll nur das Sinnliche erkennen, denn ein Erkennen des Übersinnlichen gibt es nicht.

[ 25 ] Im Grunde genommen ist kein Unterschied zwischen dem einen Gebiete des Erkennens der Scholastik und demjenigen, was da, allerdings in neuzeitlichem Gewande, bei den modernen Naturforschern — und DuBois-Reymond war gewiß einer der modernsten — hervorgetreten ist. Es ist wirklich ganz besonders wichtig, dieses Hervorgehen der neueren Naturanschauung aus der Scholastik ernsthaft anzuschauen, weil man immer glaubt, diese neuere Naturwissenschaft hätte sich im Gegensatze zur Scholastik gebildet. Wirklich, ebensowenig wie die neueren Universitäten in ihrer Struktur verleugnen können ihr Hervorgehen aus christlichen Unterrichtsanstalten des Mittelalters, ebensowenig kann die Struktur des neueren wissenschaftlichen Denkens ihr Hervorgehen aus der Scholastik verleugnen, von der sie nur etwas abgestreift hat, wie ich vorhin sagte, eine bis ins höchst Anerkennenswerte gehende Ausarbeitung der Begriffe und der Denktechnik.

[ 25 ] Im Grunde genommen ist kein Unterschied zwischen dem einen Gebiete des Erkennens der Scholastik und demjenigen, was da, allerdings in neuzeitlichem Gewande, bei den modernen Naturforschern — und DuBois-Reymond war gewiß einer der modernsten — hervorgetreten ist. Es ist wirklich ganz besonders wichtig, dieses Hervorgehen der neueren Naturanschauung aus der Scholastik ernsthaft anzuschauen, weil man immer glaubt, diese neuere Naturwissenschaft hätte sich im Gegensatze zur Scholastik gebildet. Wirklich, ebensowenig wie die neueren Universitäten in ihrer Struktur verleugnen können ihr Hervorgehen aus christlichen Unterrichtsanstalten des Mittelalters, ebensowenig kann die Struktur des neueren wissenschaftlichen Denkens ihr Hervorgehen aus der Scholastik verleugnen, von der sie nur etwas abgestreift hat, wie ich vorhin sagte, eine bis ins höchst Anerkennenswerte gehende Ausarbeitung der Begriffe und der Denktechnik.

[ 26 ] Diese Denktechnik ist auch verlorengegangen; daher werden gewisse Dinge, die sich da ergeben und die für den wirklichen Denker unbefriedigend sind, in der modernen naturwissenschaftlichen Erwägungsweise mit Eleganz übergangen. Aber dasjenige, was als Geist, als Sinn lebt in dieser modernen Naturerkenntnis, ist Kind der Scholastik.

[ 26 ] Diese Denktechnik ist auch verlorengegangen; daher werden gewisse Dinge, die sich da ergeben und die für den wirklichen Denker unbefriedigend sind, in der modernen naturwissenschaftlichen Erwägungsweise mit Eleganz übergangen. Aber dasjenige, was als Geist, als Sinn lebt in dieser modernen Naturerkenntnis, ist Kind der Scholastik.

[ 27 ] Nun war eben die Gewohnheit, sich auf das Sinnliche zu beschränken, da. Aber diese Gewohnheit hat ja auch durchaus Gutes gestiftet, denn’ sie brachte die Neigung hervor, sich nun eingehend mit den Tatsachen der sinnlichen Welt zu beschäftigen. Man braucht nur zu bedenken, daß ja für die neuere Geisteswissenschaft, für die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft die sinnliche Welt ein Abbild ist der übersinnlichen, daß wirklich in demjenigen, was einem in der sinnlichen Welt entgegentritt, die Bilder des Übersinnlichen enthalten sind, dann wird man die Tragweite des Eindringens in die sinnlichmaterielle Welt durchaus würdigen können. Während man immer wieder betonen muß, daß jene andere Art des Materialismus, die als Spiritismus hervorgetreten ist und die auf materielle Art den Geist erkennen möchte, etwas Unfruchtbares ist, weil der Geist natürlich niemals sinnlich anschaulich werden kann und daher die ganze Methodik schon ein Humbug ist, muß man sich klar sein darüber, daß dasjenige, was mit den gewöhnlichen normalen Sinnen des Menschen beobachtet und mit dem in der Menschheitsentwickelung herangebildeten Intellekt erkombiniert worden ist aus dem sinnlichen Beobachten, durchaus eben Abbild der übersinnlichen Welt ist, und daß daher ein Studium dieses Abbildes in einer gewissen Beziehung durchaus besser in die übersinnliche Welt hineinführt als zum Beispiel der Spiritismus. Ich habe das in früheren Zeiten oftmals so ausgedrückt, daß ich sagte: Da setzen sich die Menschen um einen Tisch herum und zitieren Geister und sehen ganz ab davon, daß so und so viel Geister ja um den Tisch herumsitzen! Sie sollen sich bewußt sein ihres eigenen Geistes: der stellt ganz gewiß dasjenige dar, was sie suchen sollen. Aber weil sie diesen eigenen Geist vergessen, weil sie nicht diesen eigenen Geist erfassen mögen, suchen sie den Geist auf eine äußerlich materielle Weise durch allerlei den Laboratoriumsversuchen nachgeäffte spiritistische Experimente. — Dieser Materialismus, der also arbeitet in den Bildern des Übersinnlichen, ohne daß er sich dessen bewußt ist, daß er es mit Bildern des Übersinnlichen zu tun hat, dieser Materialismus hat mit Bezug auf seine Forschungsmethodik eben doch Großes geleistet, Großes und Gewaltiges geleistet.

[ 27 ] Nun war eben die Gewohnheit, sich auf das Sinnliche zu beschränken, da. Aber diese Gewohnheit hat ja auch durchaus Gutes gestiftet, denn’ sie brachte die Neigung hervor, sich nun eingehend mit den Tatsachen der sinnlichen Welt zu beschäftigen. Man braucht nur zu bedenken, daß ja für die neuere Geisteswissenschaft, für die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft die sinnliche Welt ein Abbild ist der übersinnlichen, daß wirklich in demjenigen, was einem in der sinnlichen Welt entgegentritt, die Bilder des Übersinnlichen enthalten sind, dann wird man die Tragweite des Eindringens in die sinnlichmaterielle Welt durchaus würdigen können. Während man immer wieder betonen muß, daß jene andere Art des Materialismus, die als Spiritismus hervorgetreten ist und die auf materielle Art den Geist erkennen möchte, etwas Unfruchtbares ist, weil der Geist natürlich niemals sinnlich anschaulich werden kann und daher die ganze Methodik schon ein Humbug ist, muß man sich klar sein darüber, daß dasjenige, was mit den gewöhnlichen normalen Sinnen des Menschen beobachtet und mit dem in der Menschheitsentwickelung herangebildeten Intellekt erkombiniert worden ist aus dem sinnlichen Beobachten, durchaus eben Abbild der übersinnlichen Welt ist, und daß daher ein Studium dieses Abbildes in einer gewissen Beziehung durchaus besser in die übersinnliche Welt hineinführt als zum Beispiel der Spiritismus. Ich habe das in früheren Zeiten oftmals so ausgedrückt, daß ich sagte: Da setzen sich die Menschen um einen Tisch herum und zitieren Geister und sehen ganz ab davon, daß so und so viel Geister ja um den Tisch herumsitzen! Sie sollen sich bewußt sein ihres eigenen Geistes: der stellt ganz gewiß dasjenige dar, was sie suchen sollen. Aber weil sie diesen eigenen Geist vergessen, weil sie nicht diesen eigenen Geist erfassen mögen, suchen sie den Geist auf eine äußerlich materielle Weise durch allerlei den Laboratoriumsversuchen nachgeäffte spiritistische Experimente. — Dieser Materialismus, der also arbeitet in den Bildern des Übersinnlichen, ohne daß er sich dessen bewußt ist, daß er es mit Bildern des Übersinnlichen zu tun hat, dieser Materialismus hat mit Bezug auf seine Forschungsmethodik eben doch Großes geleistet, Großes und Gewaltiges geleistet.

[ 28 ] Gewiß, es war niemals bei den eigentlichen Sensualisten oder Materialisten das Bestreben vorhanden — und bei Czolbe sieht man das schon ganz genau —, das Sinnenfällig-Gegebene auf ein Übersinnliches irgendwie zu beziehen; aber es war das Bestreben vorhanden, das Sinnliche als solches in seiner Struktur, in seiner Gesetzmäßigkeit zu erkennen. Wenn man vergleicht, was noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vorhanden ist an Zusammenfassung von sinnlichen Tatsachen, so muß man sagen, es ist noch Stückwerk gegen die Arbeit, die etwa von den vierziger Jahren im 19. Jahrhundert ab geleistet wird. Und als dann gar mit einem großen Gesichtspunkt der Darwinismus auftrat, der Darwinismus, der jedenfalls in der Person Darwins selbst das gebracht hat, daß eine Fülle von Tatsachen unter gewissen Gesichtspunkten zusammengegliedert worden ist, da zeigte sich, daß zunächst ein Prinzip des Suchens, eine Methode desSuchens dadurch gegeben war.

[ 28 ] Gewiß, es war niemals bei den eigentlichen Sensualisten oder Materialisten das Bestreben vorhanden — und bei Czolbe sieht man das schon ganz genau —, das Sinnenfällig-Gegebene auf ein Übersinnliches irgendwie zu beziehen; aber es war das Bestreben vorhanden, das Sinnliche als solches in seiner Struktur, in seiner Gesetzmäßigkeit zu erkennen. Wenn man vergleicht, was noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vorhanden ist an Zusammenfassung von sinnlichen Tatsachen, so muß man sagen, es ist noch Stückwerk gegen die Arbeit, die etwa von den vierziger Jahren im 19. Jahrhundert ab geleistet wird. Und als dann gar mit einem großen Gesichtspunkt der Darwinismus auftrat, der Darwinismus, der jedenfalls in der Person Darwins selbst das gebracht hat, daß eine Fülle von Tatsachen unter gewissen Gesichtspunkten zusammengegliedert worden ist, da zeigte sich, daß zunächst ein Prinzip des Suchens, eine Methode desSuchens dadurch gegeben war.

[ 29 ] Es hat vorsichtige Naturforscher im 19. Jahrhundert gegeben, wie zum Beispiel den Naturforscher Gegenbaur. Gegenbaur ist niemals vollständig zum Darwinisten etwa im Haeckelschen Sinne geworden. Aber was Gegenbaur, der ja auch die Arbeit Goethes mit Bezug auf die Umwandelung der Wirbelknochen, Schädelknochen, fortgesetzt hat, ganz besonders betont hat, das ist, daß, wie es auch stehen mag um die Wahrheit, um die absolute Wahrheit des Darwinismus, er eine Methode heraufgebracht hat, durch die man dazu gelangt ist, die Erscheinungen so aneinanderzureihen und miteinander zu vergleichen, daß man tatsächlich bemerkt hat, was man ohne diese Methode, ohne einen Darwinismus eben, nicht bemerkt hätte.

[ 29 ] Es hat vorsichtige Naturforscher im 19. Jahrhundert gegeben, wie zum Beispiel den Naturforscher Gegenbaur. Gegenbaur ist niemals vollständig zum Darwinisten etwa im Haeckelschen Sinne geworden. Aber was Gegenbaur, der ja auch die Arbeit Goethes mit Bezug auf die Umwandelung der Wirbelknochen, Schädelknochen, fortgesetzt hat, ganz besonders betont hat, das ist, daß, wie es auch stehen mag um die Wahrheit, um die absolute Wahrheit des Darwinismus, er eine Methode heraufgebracht hat, durch die man dazu gelangt ist, die Erscheinungen so aneinanderzureihen und miteinander zu vergleichen, daß man tatsächlich bemerkt hat, was man ohne diese Methode, ohne einen Darwinismus eben, nicht bemerkt hätte.

[ 30 ] Gegenbaur meinte etwa: Wenn auch alles dasjenige, was an Darwinistischer Theorie vorhanden ist, einmal verschwindet, diese Darwinistische Theorie hat eine gewisse Art, die Forschung zu handhaben, hervorgebracht, so daß man Tatsachen gefunden hat, die man ohne diese Handhabung nicht gefunden hätte. Es war allerdings eine gewisse praktische Anwendung des «Als-Ob-Prinzips». Allein diese praktische Anwendung des Als-Ob-Prinzips ist ja nicht so töricht wie die philosophische Festsetzung des Als-Ob-Prinzips, wie sie dann in der späteren Zeit aufgetreten ist.

[ 30 ] Gegenbaur meinte etwa: Wenn auch alles dasjenige, was an Darwinistischer Theorie vorhanden ist, einmal verschwindet, diese Darwinistische Theorie hat eine gewisse Art, die Forschung zu handhaben, hervorgebracht, so daß man Tatsachen gefunden hat, die man ohne diese Handhabung nicht gefunden hätte. Es war allerdings eine gewisse praktische Anwendung des «Als-Ob-Prinzips». Allein diese praktische Anwendung des Als-Ob-Prinzips ist ja nicht so töricht wie die philosophische Festsetzung des Als-Ob-Prinzips, wie sie dann in der späteren Zeit aufgetreten ist.

[ 31 ] Und so konnte es kommen, daß in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eigentlich eine merkwürdige Struktur des Geisteslebens sich ergab. Die Philosophie hatte sich ja in der letzteren Zeit — und diese letztere Zeit geht gar nicht weit zurück — im Grunde immer aus dem Theologischen heraus ergeben. Wer in Hume und Kant nicht mehr das theologische Element sieht, der kann eben so etwas nicht durchschauen. Das Philosophische ist durchaus aus dem Theologischen hervorgegangen, hat in einer gewissen Weise in intellektuellen Begriffen dasjenige verarbeitet, was so halb ins Übersinnliche hinaufschillerte. Und weil es noch immer ein ins Übersinnliche Hinaufschillerndes war, was die Philosophie behandelt hat, so machte ihr die Naturwissenschaft von der Mitte des 19. Jahrhunderts an immer mehr und mehr den Krieg. Es war ja einmal verblaßt die Hinneigung zu diesem übersinnlichen Gehalte der menschlichen Erkenntnis. Die Naturwissenschaft hatte Gehalt. Zu ihr mußte man Vertrauen haben. In ihr hatte man etwas Substantielles. Und demgegenüber, was da immer reichlicher in der Naturwissenschaft quoll und was sich allerdings bis zu manchmal skeptisch erfaßten philosophischen Problemen hin entwickelte, demgegenüber stand eigentlich die philosophische Entwickelung machtlos da. Und es ist ja interessant, daß die eindringlichste Philosophie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf das Unbewußte, nicht mehr auf das Bewußte, hinweisen mußte. Also aus dem Intellekt herausgeworfen wurde die Philosophie Eduard von Hartmanns, weil sie überhaupt noch bestehen wollte als Philosophie. Und so haben wir denn das merkwürdige Schauspiel — je mehr das 19. Jahrhundert sich zum Ende neigt, haben wir das merkwürdige Schauspiel —, daß die Philosophie immer inhaltsloser und inhaltsloser wurde, daß sie immer mehr und mehr in das Bestreben verfiel, eigentlich ihr Dasein noch zu rechtfertigen. Denn die scharfsinnigsten Philosophen wie etwa Otto Liebmann, die sind ja vorzugsweise bestrebt, das Dasein der Philosophie noch etwas zu rechtfertigen.

[ 31 ] Und so konnte es kommen, daß in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eigentlich eine merkwürdige Struktur des Geisteslebens sich ergab. Die Philosophie hatte sich ja in der letzteren Zeit — und diese letztere Zeit geht gar nicht weit zurück — im Grunde immer aus dem Theologischen heraus ergeben. Wer in Hume und Kant nicht mehr das theologische Element sieht, der kann eben so etwas nicht durchschauen. Das Philosophische ist durchaus aus dem Theologischen hervorgegangen, hat in einer gewissen Weise in intellektuellen Begriffen dasjenige verarbeitet, was so halb ins Übersinnliche hinaufschillerte. Und weil es noch immer ein ins Übersinnliche Hinaufschillerndes war, was die Philosophie behandelt hat, so machte ihr die Naturwissenschaft von der Mitte des 19. Jahrhunderts an immer mehr und mehr den Krieg. Es war ja einmal verblaßt die Hinneigung zu diesem übersinnlichen Gehalte der menschlichen Erkenntnis. Die Naturwissenschaft hatte Gehalt. Zu ihr mußte man Vertrauen haben. In ihr hatte man etwas Substantielles. Und demgegenüber, was da immer reichlicher in der Naturwissenschaft quoll und was sich allerdings bis zu manchmal skeptisch erfaßten philosophischen Problemen hin entwickelte, demgegenüber stand eigentlich die philosophische Entwickelung machtlos da. Und es ist ja interessant, daß die eindringlichste Philosophie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf das Unbewußte, nicht mehr auf das Bewußte, hinweisen mußte. Also aus dem Intellekt herausgeworfen wurde die Philosophie Eduard von Hartmanns, weil sie überhaupt noch bestehen wollte als Philosophie. Und so haben wir denn das merkwürdige Schauspiel — je mehr das 19. Jahrhundert sich zum Ende neigt, haben wir das merkwürdige Schauspiel —, daß die Philosophie immer inhaltsloser und inhaltsloser wurde, daß sie immer mehr und mehr in das Bestreben verfiel, eigentlich ihr Dasein noch zu rechtfertigen. Denn die scharfsinnigsten Philosophen wie etwa Otto Liebmann, die sind ja vorzugsweise bestrebt, das Dasein der Philosophie noch etwas zu rechtfertigen.

[ 32 ] Aber es ist gar keine so geringe Verwandtschaft zwischen einem solchen Philosophen wie Otto Liebmann, der noch das Dasein der Philosophie rechtfertigen will, und einem solchen Philosophen, der das Buch schrieb: «Das Ganze der Philosophie und ihr Ende», Richard Wahle,der in durchaus scharfsinniger Weise sich zur Aufgabe setzte, zu beweisen, daß es eine Philosophie gar nicht geben konnte, und der deshalb auch eine Lehrkanzel für Philosophie an einer österreichischen Universität erhielt für eine Wissenschaft, die es also, nach seinem Beweise, gar nicht geben kann!

[ 32 ] Aber es ist gar keine so geringe Verwandtschaft zwischen einem solchen Philosophen wie Otto Liebmann, der noch das Dasein der Philosophie rechtfertigen will, und einem solchen Philosophen, der das Buch schrieb: «Das Ganze der Philosophie und ihr Ende», Richard Wahle,der in durchaus scharfsinniger Weise sich zur Aufgabe setzte, zu beweisen, daß es eine Philosophie gar nicht geben konnte, und der deshalb auch eine Lehrkanzel für Philosophie an einer österreichischen Universität erhielt für eine Wissenschaft, die es also, nach seinem Beweise, gar nicht geben kann!

[ 33 ] In den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts haben wir dann ein merkwürdiges Entwickelungsstadium dieses Ergebnisses neuzeitlicher Gedankenerkenntnisentwickelung. Wir haben auf der einen Seite das Bestreben in der Naturwissenschaft, zu einer umfassenden Weltanschauung vorzurücken, alles Offenbarungsmäßige, Übersinnliche abzuweisen, und auf der andern Seite eine ohnmächtige Philosophie.

[ 33 ] In den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts haben wir dann ein merkwürdiges Entwickelungsstadium dieses Ergebnisses neuzeitlicher Gedankenerkenntnisentwickelung. Wir haben auf der einen Seite das Bestreben in der Naturwissenschaft, zu einer umfassenden Weltanschauung vorzurücken, alles Offenbarungsmäßige, Übersinnliche abzuweisen, und auf der andern Seite eine ohnmächtige Philosophie.

[ 34 ] Das trat, man möchte sagen, ganz besonders bedeutsam in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts hervor, ergibt sich aber durchaus als ein notwendiges Resultat der vorangehenden Entwickelung. Wir werden diese Entwickelung dann morgen weiterverfolgen. Ich möchte nur, daß Sie besonders dieses festhalten, daß man ja den neuzeitlichen Materialismus von dem Gesichtspunkte aus betrachten muß, daß dasjenige, was im materiellen Dasein sich zunächst darlebt, ein Abbild des Übersinnlichen ist. Der Mensch selbst, so wie er sich darstellt zwischen Geburt und Tod, ist ein Abbild desjenigen, was er übersinnlich durchgemacht hat zwischen dem letzten Tode und dieser Geburt. Und wer die Seele im Materiellen sucht, sucht eben am falschen Orte.

[ 34 ] Das trat, man möchte sagen, ganz besonders bedeutsam in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts hervor, ergibt sich aber durchaus als ein notwendiges Resultat der vorangehenden Entwickelung. Wir werden diese Entwickelung dann morgen weiterverfolgen. Ich möchte nur, daß Sie besonders dieses festhalten, daß man ja den neuzeitlichen Materialismus von dem Gesichtspunkte aus betrachten muß, daß dasjenige, was im materiellen Dasein sich zunächst darlebt, ein Abbild des Übersinnlichen ist. Der Mensch selbst, so wie er sich darstellt zwischen Geburt und Tod, ist ein Abbild desjenigen, was er übersinnlich durchgemacht hat zwischen dem letzten Tode und dieser Geburt. Und wer die Seele im Materiellen sucht, sucht eben am falschen Orte.

[ 35 ] Das ist die Grundfrage, die aufgeworfen werden muß gegenüber dem Materialismus des 19. Jahrhunderts, wenn man ihn historisch begreifen will: Inwiefern war er berechtigt? — Denn nicht dadurch, daß man ihn bekämpft, versteht man ihn in seinem historischen Werden, sondern dadurch, daß man erfaßt, was ihm allerdings fehlte, was ihm aber in einer gewissen Weise fehlen mußte, weil eine unmittelbar vorhergehende Zeit das Geistig-Seelische am falschen Orte gesucht hat. Man hat geglaubt, man könne das Geistig-Seelische finden, wenn man es im gewöhnlichen Sinne im Sinnlichen drinnen sucht, durch irgendwelche Erwägungen oder dergleichen. Das kann man nicht. Man kann es nur finden, wenn man über das Sinnliche hinausgeht. Über das Sinnliche hinausgehen wollten und konnten der Sensualismus und der Materialismus nicht. Er blieb beim Bilde, und er nahm das Bild für die Wirklichkeit. Das ist sein eigentliches Wesen. Von diesem Wesen wollen wir dann morgen mehr sprechen.

[ 35 ] Das ist die Grundfrage, die aufgeworfen werden muß gegenüber dem Materialismus des 19. Jahrhunderts, wenn man ihn historisch begreifen will: Inwiefern war er berechtigt? — Denn nicht dadurch, daß man ihn bekämpft, versteht man ihn in seinem historischen Werden, sondern dadurch, daß man erfaßt, was ihm allerdings fehlte, was ihm aber in einer gewissen Weise fehlen mußte, weil eine unmittelbar vorhergehende Zeit das Geistig-Seelische am falschen Orte gesucht hat. Man hat geglaubt, man könne das Geistig-Seelische finden, wenn man es im gewöhnlichen Sinne im Sinnlichen drinnen sucht, durch irgendwelche Erwägungen oder dergleichen. Das kann man nicht. Man kann es nur finden, wenn man über das Sinnliche hinausgeht. Über das Sinnliche hinausgehen wollten und konnten der Sensualismus und der Materialismus nicht. Er blieb beim Bilde, und er nahm das Bild für die Wirklichkeit. Das ist sein eigentliches Wesen. Von diesem Wesen wollen wir dann morgen mehr sprechen.