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The Rudolf Steiner Archive

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Nordic and Central European Spiritual Influences
The Feast of the Epiphany
GA 209

12 December 1921, Dornach

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Nordische und mitteleuropäische Geistimpulse, tr. SOL
  1. Nordische und mitteleuropäische Geistimpulse

Der Mensch als Erdenwesen und Himmelswesen I

Human Beings as Earthly and Celestial Beings I

[ 1 ] Wenn man zunächst die geschichtliche Entwickelung der Menschheit überblickt, so bietet sie dasjenige dar, wovon wir gesprochen haben: eine absteigende Linie von der ursprünglich vorhandenen, von dem Menschen instinktiv angenommenen Urweisheit, die zu gleicher Zeit etwas Belebendes für die Menschheit hatte und dann abgelähmt wurde . zur Zeit des Mysteriums von Golgatha. Und dann folgt die aufsteigende Entwickelungsströmung, in der wir drinnenstehen, die eben in der auch schon öfter geschilderten Weise vom Mysterium von Golgatha aus beginnt. Nun handelt es sich darum, das, was da zunächst als ein gewisses inneres Charakteristikum der geschichtlichen Entwickelung zutage tritt, einmal für unsere Zeit, in der wir doch drinnenstehen und die wir verstehen müssen, richtig zu betrachten.

[ 1 ] If we first survey the historical development of humanity, it reveals what we have been discussing: a downward trajectory from the primordial wisdom that originally existed—a wisdom instinctively embraced by human beings, which at the same time served as a source of vitality for humanity—and which was then stifled at the time of the Mystery of Golgotha. And then comes the ascending current of development in which we now find ourselves, which begins—as has already been described on several occasions—with the Mystery of Golgotha. The task now is to properly consider what initially emerges as a certain inner characteristic of historical development, specifically for our own time, in which we are living and which we must understand.

[ 2 ] Es gibt in unserer Zeit die mannigfaltigsten Erscheinungen, die in den Gefühlen, in den Empfindungen der Menschen leben, von denen man sogar sagen kann, daß sie in einer gewissen Weise die Menschen gesund und krank machen, die aber doch nicht zum Bewußtsein gebracht werden, die nicht in der richtigen Weise mit den großen Entwickelungsprinzipien in Zusammenhang gebracht werden. Wir müssen unser Augenmerk auf diese Erscheinungen der Gegenwart richten, denn davon allein hängt eben die Gesundung von manchem innerhalb der menschheitlichen Entwickelung in die Zukunft hinein ab.

[ 2 ] In our time, there are the most diverse phenomena that exist within people’s feelings and sensations; one might even say that, in a certain way, they make people healthy or sick, yet they are not brought to consciousness and are not properly related to the great principles of evolution. We must focus our attention on these contemporary phenomena, for the recovery of many aspects of human development into the future depends solely on them.

[ 3 ] Man könnte da Verschiedenes anführen. Wir wollen heute eines herausheben, das ist die Schwierigkeit, die wir heute haben, ein richtiges Verstehen mit der aufwachsenden Jugend herbeizuführen. Das liegt schließlich auch unseren anthroposophischen pädagogischen Bestrebungen zugrunde, diese Schwierigkeit des Menschen, als Erwachsener sich heute mit der Jugend zu verständigen. Wir sehen heranwachsen heute eine ausgesprochene Jugendbewegung. Sobald die Kinder bis an das Alter der Geschlechtsreife herankommen und dann etwas darüber hinaus, entwickeln sie sich mit einem Empfindungs- und Gefühlsleben, das nur außerordentlich schwierig heute für den Erwachsenen zu verstehen ist, das aber auch noch schwieriger eigentlich zu behandeln ist. Wir sehen, wie geradezu unter der Jugend Agitationsbewegungen auftauchen, revoltierende Empfindungen sich geltend machen gegen alle elterliche oder erzieherische Autorität. Und wenn wir schließlich mit unbefangenem Sinn auf alles das hinschauen, so können wir vielem davon keineswegs die Berechtigung abstreiten. Wir müssen einmal uns sagen: Es lebt heute in dem heranwachsenden Menschen etwas, was den Zusammenhang verloren hat mit dem äußeren Leben und auch mit den Offenbarungen des inneren Lebens bei den Erwachsenen. — Manches erscheint in dieser Beziehung heute dem Philister so, daß er dann, wenn er es bemerkt, einfach anfängt, in einer sonderbaren Weise zu schimpfen. Er meint es vielleicht nicht immer so, aber er fängt an zu schimpfen. Er sagt: Die Jugend hat heute alles Autoritätsgefühl verloren, sie ist fast schon bolschewistisch geworden; sie lehnt sich gegen alles auf, was das Alter vernünftig findet, sie gehorcht nicht. — Das alles sind Dinge, die das heutige Leben aussichtslos machen. Und insbesondere innerhalb der Lehrerschaft, innerhalb desjenigen Teiles der Lehrerschaft, der gern den alten Schlendrian bewahren möchte, findet man solche Aussprüche sehr, sehr häufig. Verstehen kann man eine solche Sache eben wiederum nur aus der Erkenntnis der Entwickelungsimpulse der Menschheit.

[ 3 ] One could cite various examples here. Today we want to highlight one in particular: the difficulty we face in fostering a genuine understanding with the younger generation. After all, this difficulty—that of adults today in communicating with young people—lies at the very foundation of our anthroposophical educational endeavors. We are witnessing a distinct youth movement emerging today. As soon as children approach the age of puberty and move slightly beyond it, they develop an emotional and feeling life that is extraordinarily difficult for adults to understand today—and even more difficult to deal with. We see agitation movements emerging among young people, with rebellious sentiments asserting themselves against all parental or educational authority. And when we finally look at all of this with an unbiased mind, we cannot deny that much of it is entirely justified. We must admit to ourselves: there is something alive today in the adolescent that has lost its connection to external life and also to the manifestations of inner life among adults. — In this regard, some things appear to the philistine today in such a way that, when he notices them, he simply begins to rant in a peculiar manner. He may not always mean it that way, but he begins to rant. He says: “Young people today have lost all sense of authority; they have almost become Bolshevik; they rebel against everything that older people consider reasonable; they do not obey.” — These are all things that make life today seem hopeless. And especially among teachers—among that segment of the teaching profession that would like to preserve the old routine—such remarks are heard very, very frequently. Once again, one can only understand such a thing by recognizing the developmental impulses of humanity.

[ 4 ] Wir haben einmal seit dem 15. Jahrhundert eine Entwickelung der Menschheit zum Intellektualismus hin, zur verstandesmäßigen Auffassung der Welt. Wir sind uns nicht immer bewußt, wie stark wir heute eigentlich in diesem Intellektualismus, in dieser rein verstandesmäßigen, immer mehr und mehr abstrakt werdenden Form der Weltauffassung leben. Trotzdem die Menschen immer glauben, daß sie von Erfahrungen, von der Wirklichkeit, von dem praktischen Leben ausgehen, gehen sie eigentlich in Wirklichkeit doch überall nur von dem Begriffsleben, von Definitionen aus, statt von den Tatsachen. Die Menschen glauben, irgend etwas verstanden zu haben, wenn sie sich einen Begriff von der Sache verschafft haben. Man spricht davon — ich habe ja solche Beispiele öfter erwähnt —, wie man den Tod versteht. Nun, der Tod wird, wenn es auch manchmal recht kompliziert geschieht, aufgefaßt als das Ende eines Wesens, einer Formgestaltung. Wenn diese Formgestaltung in sich zerfließt, wenn sie nicht mehr in sich zusammenbhält, dann sagt man, sie sterbe, und man bildet sich einen Begriff, der die Frage beantworten soll: Was ist denn eigentlich der Tod? Und dann wendet man diesen Begriff, den man gefaßt hat, den man auch säuberlich fein definiert, auf Pflanzen, auf Tiere, auf Menschen an. Man sagt: Pflanzen sterben, Tiere sterben, Menschen sterben. Daß aber dieses zu Endegehen des innerlichen Zusammenhaltes etwas ganz Verschiedenes sein kann bei der Pflanze, beim Tiere, beim Menschen, das beachtet man nicht, weil man eben an der äußeren Seite der Sache hängen bleibt. Es ist eben so, wie ich oftmals sagte: Irgend jemand sagt, ein Messer gehört zum Fleischschneiden —, und dann bekommt er ein Rasiermesser und verwendet es zum Fleischschneiden, Messer ist eben Messer. So etwa verfahren wir auch heute mit dem Begriff Tod, Leben und so weiter. Wir leben in Abstraktionen, im Intellektualismus. Das ist besonders stark im wissenschaftlichen Leben zu bemerken, wo man nicht von Tatsachen ausgeht, sondern von dem Erfassen von Begriffen, von dem Definieren.

[ 4 ] Since the 15th century, humanity has been evolving toward intellectualism—toward a rational conception of the world. We are not always aware of just how deeply we actually live today within this intellectualism, within this purely rational, increasingly abstract form of worldview. Although people always believe that they are proceeding from experience, from reality, from practical life, in reality they actually proceed everywhere solely from conceptual life, from definitions, rather than from facts. People believe they have understood something when they have formed a concept of the matter. People speak—and I have mentioned such examples often—of how one understands death. Well, death is understood—even if this sometimes happens in quite a complicated way—as the end of a being, of a form. When this form dissolves into itself, when it no longer holds itself together, then one says it dies, and one forms a concept intended to answer the question: What, in fact, is death? And then one applies this concept—which one has formed and carefully defined—to plants, to animals, to human beings. One says: Plants die, animals die, human beings die. But the fact that this dissolution of inner cohesion can be something entirely different in plants, animals, and human beings is overlooked, because one gets stuck on the outer aspect of the matter. It is just as I have often said: Someone says that a knife is for cutting meat—and then he takes a razor and uses it to cut meat; a knife is simply a knife. That is more or less how we handle the concepts of death, life, and so on today. We live in abstractions, in intellectualism. This is particularly evident in scientific life, where one does not start from facts, but from the grasping of concepts, from definitions.

[ 5 ] Nun, die Anlagen, die der Mensch braucht, um ein solches Leben in Begriffen zu führen, die kommen nämlich eigentlich erst mit dem vierzehnten, fünfzehnten Jahre, mit der Geschlechtsreife in Wirklichkeit herauf. Es ist geradezu unmöglich, bei unbefangener Anschauung des Lebens schon beim Kinde davon zu sprechen, daß es Anlage haben könne zur intellektualistischen Auffassung der Welt. Das Kind kann eben nicht in einer solchen Weise über die Welt denken, daß es zum Abstrakten hingeht. Das Kind entwickelt ein ganz anderes Leben in der Seele. Das Kind bringt ja Entwickelungskräfte, innerliche Gestaltungskräfte aus seinem vorgeburtlichen Leben, aus dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt mit. Die gestalten, vor allen Dingen in den ersten sieben Lebensjahren, dann aber noch in einem etwas geringeren Maße, aber auch bedeutsam, auch noch bis zur Geschlechtsreife hin am physischen Organismus. Und solange in einer solchen Weise am physischen Organismus gestaltet wird, so lange ist es ganz ausgeschlossen, daß der Mensch sich bis zum reinen Intellektualismus heraufentwickelt. Nun ist die Menschheit in ihrer Entwickelung immer mehr und mehr dahin gekommen, daß alles, was man bekommt aus der Welt, was einem anerzogen wird, intellektualistische Begriffe sind. Wir bekommen gewissermaßen die Seelenkleider so, daß wir erst im vierzehnten, fünfzehnten Jahre in sie hineinwachsen können. Es ist nur Schein, wenn wir zum Beispiel sagen, wir wollen bei den Kindern hauptsächlich beim Anschauen bleiben. Was wir für sie da in der Anschauung entwickeln lassen, in das wachsen sie eigentlich erst mit dem vierzehnten, fünfzehnten Jahre hinein. Die Folge davon ist, daß beim heutigen Erwachsenen kein lebendiger Zusammenhang besteht zwischen dem, was da eigentlich auftritt als Seelenleben nach der Geschlechtsreife und dem, was vorher da war. Man erinnert sich nur äußerlich an das, was man als Kind erlebt hat. Man taucht nicht unter in die kindlichen Erlebnisse. Man taucht nicht so unter in diese kindlichen Erlebnisse, daß man innerlich aufjauchzt bei dem, was man an Freude als Kind erlebt hat, daß man traurig wird in intensivem Maße bei dem, was gegen einen war. Man vergißt eigentlich, zwar nicht für den Verstand, wohl aber für Gefühl und Wille die Kindheit, so daß man nicht in der lebendigen Weise zurückblickt in die Kindheit.

[ 5 ] Well, the faculties that a person needs to lead such a life—in other words, to think in such terms—actually do not emerge until the age of fourteen or fifteen, when sexual maturity is reached. It is virtually impossible, when viewing life with an unbiased perspective, to speak of a child as having the capacity for an intellectualistic conception of the world. A child simply cannot think about the world in a way that leads to the abstract. A child develops an entirely different inner life. After all, the child brings with it developmental forces—inner formative forces—from its prenatal life, from the life between death and a new birth. These forces shape the physical organism, above all during the first seven years of life, and then to a somewhat lesser extent—though still significantly—right up to sexual maturity. And as long as the physical organism is being shaped in this way, it is entirely impossible for a human being to develop to the point of pure intellectualism. Now, in its development, humanity has increasingly come to a point where everything one receives from the world, everything one is taught, consists of intellectualistic concepts. We receive, so to speak, the garments of the soul in such a way that we can only grow into them by the time we are fourteen or fifteen years old. It is only an illusion when we say, for example, that we want to focus primarily on observation with children. What we allow them to develop through observation at that stage is something they actually only begin to grow into by the time they are fourteen or fifteen. The result of this is that in today’s adults there is no living connection between what actually emerges as soul life after puberty and what was there before. One remembers only superficially what one experienced as a child. One does not delve deeply into those childhood experiences. One does not delve so deeply into these childhood experiences as to inwardly rejoice at the joys one experienced as a child, or to feel intense sadness at what was against one. One actually forgets childhood—not intellectually, but emotionally and volitionally—so that one does not look back on childhood in a living way.

[ 6 ] Aber das Kind selbst, das hat noch nicht die Anlage zum Intellektualismus; das hat in sich diejenigen Kräfte, die noch am Organismus arbeiten. Das ist eigentlich dadurch eine ganz andere Rasse von Menschen, und daher die Unmöglichkeit des Verstehens der Erwachsenen und der Kinder. Die Lehrer reden so zu den Kindern, daß sie eben furchtbar gescheit sind, diese Lehrer — aber die Kinder sind weise. Die Lehrer sind gescheit und die Kinder sind weise, und die Gescheitheit kann die Weisheit nicht verstehen, kann keine Brücke schlagen von dem einen zu dem anderen. Wenn wir mit unserer Gescheitheit all das tun müßten, was die Kinder an ihrem inneren Organismus tun, ja, wir würden natürlich ganz und gar nicht damit zurechtkommen.

[ 6 ] But the child itself does not yet possess the predisposition toward intellectualism; it possesses within itself those forces that are still at work on the organism. This actually makes it a completely different kind of human being, and hence the impossibility of adults understanding children. Teachers speak to children as if they were terribly clever—these teachers—but the children are wise. Teachers are clever and children are wise, and cleverness cannot understand wisdom; it cannot build a bridge from one to the other. If we had to do with our cleverness all that children do with their inner organism, well, we would naturally be completely unable to cope with it.

[ 7 ] Jean Paul hat mit Recht gesagt, man lerne in den ersten drei Jahren seines Lebens weit mehr als in den drei akademischen. Wer mit Unbefangenheit seine akademische Zeit durchgemacht hat, und dann in entsprechender Weise zurückschauen kann auf die kindlichen Jahre, der weiß, daß das durchaus wahr ist; denn die drei akademischen Jahre bewegen sich bloß in der Gescheitheit — sagen wir, es sei so —, jedenfalls aber bewegen sie sich nicht in der Weisheit. Die drei kindlichen Jahre aber, die ersten sogar am meisten, bewegen sich wirklich in der Weisheit. Da arbeitet die Weisheit an dem Menschen, wenn sie auch im Unterbewußten bleibt, es arbeitet die Weisheit an dem Menschen. Dann läßt sie ja allerdings später nach, aber sie ist immerhin vorhanden und wir erleben dann das, was wir eben heute erleben: die revoltierenden Empfindungen der Jugend gegenüber den Erwachsenen. Man versteht diese Sache eigentlich erst recht, wenn man zurückblickt in Zeitalter der Menschheit, wo das anders war. Und eben anders war es in derjenigen Entwickelungsperiode der Menschheit, die bis in die vierte nachatlantische Zeit hereingeht. Und ich will etwas schildern, wie das anders war.

[ 7 ] Jean Paul was right when he said that one learns far more in the first three years of life than in the three years of academic study. Anyone who has gone through their academic years with an open mind and can then look back on their childhood years in an appropriate way knows that this is absolutely true; for the three academic years deal merely with cleverness—let’s say that’s the case—but in any event, they do not deal with wisdom. The three childhood years, however—and the very first ones most of all—truly revolve around wisdom. There, wisdom is at work within the human being, even if it remains in the subconscious; wisdom is at work within the human being. It does, of course, subside later on, but it is still present, and we then experience what we are experiencing today: the rebellious feelings of youth toward adults. One really understands this matter all the more when one looks back at eras of human history when things were different. And they were indeed different during that period of human development extending into the fourth post-Atlantean epoch. And I would like to describe how things were different.

[ 8 ] Nehmen wir einen alten Ägypter der früheren Zeit oder einen Angehörigen des chaldäischen Menschheitsstammes: der empfand die mineralische Natur nicht so wie wir. Er empfand sie ganz anders, die mineralische Natur. Er empfand sie so, daß, wenn er den gewöhnlichen Boden sah, er verhältnismäßig neutral empfand; aber schon ganz anders, lebendig empfand er, wenn er ein Gebirge sah, oder wenn er einen Fluß fließen sah. Da regte sich alles Lebendige in ihm. Da bekam er Aufschlüsse über das, was er eigentlich brauchte an Aufschlüssen von der Außenwelt. Er fühlte, sagen wir, wenn er einen Kristall sah, daß der Kristall ihm etwas sagte, daß er ihm ein Geheimnis der Natur enthüllte. Heute werden wir allerdings intellektualistisch herangetrieben an die Mineralogie, an die Kristallographie. Da sollen wir allerlei lernen von Kanten und Winkeln und dergleichen. Schön, es ist ja recht gut, aber es läßt sich gar nicht vergleichen mit dem, was einstmals der Mensch empfand, wenn er einen Kristall ansah. Da sprachen wirklich Elementarwesen zu ihm; da fühlte er, daß er auf der Welt nicht allein ist, daß da etwas in der Natur drinnensteckt, das zu ihm spricht. Und gar, wenn der Mensch an die Pflanzen herantrat. Gewiß, an das uns umgebende Gras trat man auch mehr oder weniger neutral heran. Wenn man aber, sagen wir, eine Bilsenkrautpflanze am Wegrain sah und an ihr vorbeiging, dann hatte man ein bestimmtes Erlebnis. Das Bilsenkraut hat eine bestimmte Form; heute führt der Lehrer, der Botaniker ein Kind an diese Form heran: es wird beschrieben. Das ist eine intellektualistische Art, sich zu der Sache zu stellen, und wenn diese intellektualistische Art eintritt, so bleibt man eigentlich gegenüber fast allen Pflanzen mehr oder weniger neutral. Sie gefallen einem gewiß, ein Asthetisches tritt ein, aber das ganz Lebendige, das früher einmal da war, das tritt nicht ein. Denn wer in älterer Zeit, als alter Ägypter, als alter Chaldäer an einem Bilsenkraut vorbeigegangen wäre, der würde erblaßt sein, der würde etwas blaß geworden sein. Derjenige, der an einer Fingerhutpflanze, an einer Digitalispflanze vorbeiging, der errötete. Wer an Colchicum autumnale, an der Herbstzeitlosen vorbeiging, der fühlte, wie seine Haut steifer wurde. Also man ging nicht gleichgültig durch die Welt. Man fühlte, wie man in der Blutzirkulation und — in der heutigen Sprache können wir das so nennen — in dem nervösen Erleben mitmachte, was äußerlich in der Form sich aussprach. Es war ein lebendiges Mitmachen mit der Natur.

[ 8 ] Let us consider an ancient Egyptian from earlier times or a member of the Chaldean human race: they did not perceive the mineral realm as we do. They perceived it quite differently—the mineral realm. He perceived it in such a way that when he saw ordinary soil, he felt relatively neutral; but he felt quite differently—vividly—when he saw a mountain range or watched a river flow. Then everything alive within him stirred. That is how he gained the insights he actually needed from the outside world. He felt, let’s say, that when he saw a crystal, the crystal spoke to him, revealing a secret of nature. Today, however, we are driven toward mineralogy and crystallography in an intellectualistic way. We are expected to learn all sorts of things about edges and angles and the like. Well, that’s all well and good, but it can’t possibly compare to what people once felt when they looked at a crystal. Back then, elemental beings truly spoke to them; they felt that they were not alone in the world, that there was something within nature that spoke to them. And especially when people approached plants. Certainly, one approached the grass around us more or less neutrally. But if, say, one saw a henbane plant by the wayside and walked past it, then one had a specific experience. Henbane has a specific shape; today, the teacher or botanist introduces a child to this shape: it is described. This is an intellectualistic way of approaching the matter, and when this intellectualistic approach takes hold, one actually remains more or less neutral toward almost all plants. One certainly finds them pleasing—an aesthetic response arises—but that fully living quality that used to be there does not arise. For anyone in ancient times—an ancient Egyptian or an ancient Chaldean—who had passed by a henbane plant would have turned pale; they would have grown somewhat pale. Anyone who passed by a foxglove plant, a digitalis plant, would have blushed. Anyone who passed by Colchicum autumnale, the autumn crocus, would feel their skin grow stiff. So people did not go through the world indifferently. They felt themselves participating—in their blood circulation and, to use today’s terminology, in their nervous experience—in what was expressed outwardly in form. It was a living participation with nature.

[ 9 ] Und wenn erst die Menschen dann Tiere sahen, dann erlebten sie ganz besonders intensiv in der eigenen inneren Gesamtempfindung mit der Form des Tieres mit. Die verstanden daher ganz anders die Natur. Sie verstanden sie unmittelbar mit dem ganzen Menschen. Wer eine Schlange sah, der fühlte etwas wie eine Sucht, sich zu winden im ganzen Organismus und zu entschlüpfen mit der Seele allerlei Dingen, die ihm unangenehm waren. Das ganze, was da ausgedrückt wird in der Bibel: die Schlange war das listigste Tier —, das war ein innerliches Erlebnis beim Anblick der Schlange. Es sprach das mineralische Reich zu dem Menschen von außen. Es sprach das tierische Reich so, daß dieses Sprechen einem Miterleben mit der Form des Tieres gleichkam.

[ 9 ] And when people saw animals, they experienced the animal’s form with particular intensity within their own overall inner sensation. They therefore understood nature in a completely different way. They understood it directly with their whole being. Anyone who saw a snake felt something like an urge to writhe throughout their entire being and to slip away with their soul from all sorts of things that were unpleasant to them. Everything that is expressed in the Bible—that the snake was the most cunning of all animals—was an inner experience upon seeing the snake. The mineral kingdom spoke to human beings from the outside. The animal kingdom spoke in such a way that this speaking was equivalent to a shared experience with the form of the animal.

[ 10 ] Das alles ist der Menschheit entschwunden, und an die Stelle trat eine Art Sich-Weggeworfenfühlen von der Natur, ein Gefühl: die Natur hat ihre Fenster zugemacht. Man sieht nicht mehr in sie hinein. Man steht vereinsamt da. Das liegt in der naturgemäßen Entwickelung der Menschheit. Dasjenige nun, was da eine ältere Menschheit an der Natur erlebte, das ist in einem hohen Maße als Bedürfnis beim Kinde vorhanden. Und man soll nur einmal achtgeben darauf, wie das Kind eigentlich frägt. Es frägt gar nicht so, daß unsere heutigen intellektualistischen Antworten auf dieFragen des Kindes wirklich passen. Sie passen eigentlich gar nicht. Das Kind fühlt sich zumeist unbefriedigt. Und wenn wir an Kinder kommen, die dann Fragen stellen und sich befriedigt fühlen mit intellektualistischen Antworten, so ist das etwas, was heute ganz besonders in einer schiefen und falschen Erziehung zum Schaden der sich entwickelnden Menschheit auftritt. Wenn das Kind nämlich sich befriedigt erklärt bei unseren intellektualistischen Antworten, so entspricht das eigentlich einer gewissen Koketterie, die sich im Kinde entwickelt. In Wirklichkeit fühlt sich das Kind gar nicht befriedigt, wenn man ihm die heute gewohnten Antworten gibt, und wir.dressieren es nur dazu, oftmals sich befriedigt zu fühlen und machen es dadurch eigentlich innerlich unwahr, innerlich kokett. Es kokettiert dann mit der Befriedigung. Das weist uns darauf hin, daß im Kinde etwas lebt, was ähnlich ist dem, was als Miterleben mit dem Kosmos in alten Zeiten die ganze Menschheit hatte, und was abgestumpft worden ist durch das intellektualistische Seelenleben der neueren Zeit. Wenn das einfach so, wie es heute ist, fortgehen würde, so würde die Kluft zwischen den Erwachsenen und den Kindern immer tiefer und tiefer werden.

[ 10 ] All of this has vanished from humanity, and in its place has come a kind of feeling of being cast aside by nature—a sense that nature has closed its windows. We can no longer see into it. We stand there, isolated. This is part of humanity’s natural development. What earlier generations of humanity experienced in relation to nature is present to a high degree as a need in the child. And one need only pay attention to how the child actually asks questions. The child does not ask in such a way that our modern, intellectualistic answers to the child’s questions truly fit. In fact, they do not fit at all. The child usually feels unsatisfied. And when we encounter children who ask questions and claim to be satisfied with intellectualistic answers, this is something that occurs today particularly in a skewed and erroneous upbringing, to the detriment of developing humanity. For when the child declares itself satisfied with our intellectualistic answers, this actually corresponds to a certain coquetry that develops within the child. In reality, the child does not feel satisfied at all when given the answers customary today, and we merely train the child to often feel satisfied, thereby making the child inwardly insincere, inwardly coquettish. The child then flirts with that sense of satisfaction. This points to the fact that something lives within the child that is similar to what all of humanity once experienced as a shared experience with the cosmos in ancient times, and which has been dulled by the intellectualistic spiritual life of modern times. If things were to simply continue as they are today, the gulf between adults and children would grow deeper and deeper.

[ 11 ] Eine bekannte sozialistische Agitatorin hat einmal einen Aufsatz geschrieben, der ihr viel übelgenommen worden ist, über die Revolutionierung der Kinder. Das ist lange vor dem Kriege gewesen—da wurde geradezu verlangt, die Kinder sollen revolutioniert werden. Nun ja, man will ja heute alles revolutionieren, warum nicht auch die Kinder? Aber wenn das alles ohne Verständnis des menschlichen Wesens geschieht, so kann es nur zum größten Unheil führen, führt auch zum größten Unheil. Man muß eben einsehen, daß, so notwendig die intellektuelle Entwickelung, die Entwickelung zum Abstrakten hin für die Menschheit war, sie doch eben den Menschen herausgeworfen hat aus der Natur, und wir wachsen heute auf, indem wir unseren Kopf befriedigen an der Entwickelung des Intellekts, und den übrigen Menschen, namentlich das übrige Seelenleben, das aber im Unterbewußtsein sehr stark arbeitet, unbefriedigt lassen. Das zeigt sich für denjenigen, der nun den ganzen Menschen beobachten kann mit den Mitteln der Geistesforschung, insbesondere heute beim schlafenden Menschen.

[ 11 ] A well-known socialist agitator once wrote an essay—for which she was heavily criticized—about revolutionizing children. That was long before the war—at that time, there were outright demands that children be revolutionized. Well, people want to revolutionize everything these days—so why not children, too? But if all this happens without an understanding of human nature, it can only lead to the greatest calamity—and indeed, it does lead to the greatest calamity. One must simply recognize that, as necessary as intellectual development—the development toward the abstract—was for humanity, it has nevertheless cast human beings out of nature; and today we grow up by satisfying our minds through the development of the intellect, while leaving the rest of the human being—namely, the rest of the soul life, which is nevertheless very active in the subconscious—unsatisfied. This becomes evident to anyone who can now observe the whole human being through the methods of spiritual research, especially today in the sleeping human being.

[ 12 ] Dieser schlafende Mensch von heute hat gewissermaßen gar nichts von dem, was er eigentlich braucht. Er hat den großen Mangel, daß er vom Einschlafen bis zum Aufwachen nicht nur physisch schläft, wie er ja soll, sondern auch seelisch in einer gewissen Weise schläft. Bei dem älteren Menschen war das so der Fall, daß er im Einschlafen seelisch erwachte. Es ging das natürlich nicht in das gewöhnliche Bewußtsein über, aber er erwachte seelisch so, daß er gewisse Kräfte in der Umgebung — er war ja dann mit seiner Umgebung verbunden, nicht mehr mit dem Leibe, aus dem er heraußen war —, daß er gewisse Kräfte durch das Bewußtsein einsog, die er im gewöhnlichen Bewußtsein nicht einsaugen konnte. Diese Kräfte gehen heute dem Menschen verloren. Der Mensch steht in der äußeren Welt drinnen, und doch wiederum mit seiner Seele nicht darinnen. Er kann nicht mehr erröten, wenn er den purpurroten Fingerhut anschaut, er kann nicht mehr erblassen, wenn er das Bilsenkraut ansieht. Er kann nicht mehr so lebendig fühlen, daß es ein Glück ist, in der Nähe von Eichenwäldern geboren zu werden, weil die Eiche mutige Kräfte in den Menschen ergießt, wie das beim alten Germanen der Fall war. Diese Dinge sind nicht bloß in der Abstraktheit zu fassen, wie wir das heute tun, wo wir es nacherzählen, so richtig philiströs nacherzählen, wie der alte Germane die Eichen geliebt hat. Es ist philisterhaft, wie wir das heute erzählen, denn wir wissen gar nicht, wie die Eiche auf ältere Menschen gewirkt hat, wie der siebzehnbis achtzehnjährige Bursche, wenn er beim Erwachen gewisser Kräfte der Eiche gegenübergestanden hat, gar nicht anders konnte, als sich steifen in den Knien, in den Lenden, wie er den Hals straffte, wie das eine Selbstverständlichkeit war.

[ 12 ] This sleeping person of today, in a sense, lacks everything he actually needs. His great shortcoming is that from the moment he falls asleep until he wakes up, he not only sleeps physically—as he is supposed to—but also, in a certain way, sleeps spiritually. For people in the past, it was the case that as they fell asleep, they awoke spiritually. Of course, this did not transition into ordinary consciousness, but they awoke spiritually in such a way that they absorbed certain forces from their surroundings—for they were then connected to their surroundings, no longer to the body they had left behind—and through this consciousness, they absorbed certain forces that they could not absorb in ordinary consciousness. These forces are lost to people today. Human beings are physically present in the outer world, yet their souls are not truly present there. They can no longer blush when they look at the crimson foxglove, nor can they turn pale when they look at henbane. They can no longer feel so vividly that it is a blessing to be born near oak forests, because the oak pours courageous forces into people, as was the case with the ancient Germanic peoples. These things cannot be grasped merely in the abstract, as we do today when we retell—in such a thoroughly philistine way—how the ancient Germanic people loved the oaks. It is philistine the way we tell this story today, for we have no idea what effect the oak had on older people, or how a seventeen- or eighteen-year-old lad, when faced with the oak as certain powers within him awoke, could do nothing but stiffen his knees and loins, how he straightened his neck—as if it were the most natural thing in the world.

[ 13 ] Ich bitte, mich nicht mißzuverstehen; ich meine nicht, daß wir das jetzt heute heranerziehen sollen. Davon kann gar nicht die Rede sein, denn es wäre, wenn wir es heranerziehen wollten, etwas Unnatürliches. Es ist eben das etwas, was der Menschheit geschwunden ist, was nicht mehr vorhanden ist. Aber wir müssen einsehen, daß das Bedürfnis im unterbewußten Seelenleben trotzdem dafür geblieben ist, daß dieses Bedürfnis da ist.

[ 13 ] Please don't misunderstand me; I don't mean that we should bring this up today. That's out of the question, because if we were to bring it up, it would be something unnatural. It is simply something that has been lost to humanity, something that no longer exists. But we must recognize that the need for it has nevertheless remained in the subconscious life of the soul—that this need is still there.

[ 14 ] Wie hat denn also der alte Mensch gegenüber der Natur gesagt? Er hat gesagt: Ich bin geboren — er hat es natürlich nicht so ausgesprochen, aber es lag im Gefühle —, ich bin geboren worden; was in mir lebt, das wurzelt da draußen in den Steinen, die mir etwas sagen, in den Pflanzen, die mich erröten und erblassen machen, mich straff machen und so weiter, in den Tieren, die mich mit innerlichen Kräften erfüllen oder schlaff machen; da wurzle ich drinnen. Da werde ich mit meiner Seele wiederum aufgenommen, wenn mein Körper von mir abfällt. — Und es war das eine Empfindung, wie sie, sagen wir, die Pflanzen haben könnten, wenn sie blühen. Wenn die Pflanze ein Seelenleben entwickeln könnte, wenn sie blüht, so würde sie sagen: ich muß jetzt den Keim entwickeln zur Frucht; da ist es aus mit mir, da geht es nicht weiter, da muß ich meine Blätter welken und zuletzt abfallen lassen. — Aber dann würde sich die Pflanze, wenn sie ihr Seelenleben entwickeln würde, dankbar hinwenden zur Erde und würde sagen: Ja, da ist aber die Erde, die nimmt meine Keime auf, die entwickelt meine Keime. Da lebe ich weiter. — So hat ungefähr der alteMensch gefühlt gegenüber der ganzen Natur. Er hat nicht bloß abgeleitet sein Seelensein von der physischen Vererbung, sondern er wußte sich wurzelnd in der ganzen Natur. Und indem er sich wurzelnd wußte in der ganzen Natur, wußte er auch wiederum, wie er in die ganze Natur aufgenommen wird, wenn sein Körper von ihm abgefallen ist. Er betrachtete die ganze Natur so, wie die blühende Pflanze die Erde betrachtet, die ihren Keim aufnimmt. Diese Welt, die da der alte Mensch um sich fühlte, die ist eigentlich nicht mehr da, die ist erstorben, die ist tot. Und das ist, wenn es eben auch nicht verstanden wird, ein Grundgefühl des modernen Menschen, daß er sich herausgeworfen fühlt aus der Natur.

[ 14 ] So what did the ancient man say about nature? He said: “I was born”—of course, he didn’t put it that way, but that was the sentiment— I was born; what lives within me is rooted out there in the stones that speak to me, in the plants that make me blush and turn pale, make me feel alert and so on, in the animals that fill me with inner strength or make me feel listless; that is where I am rooted. That is where I will be received again with my soul when my body falls away from me. — And it was the kind of sensation that, let’s say, plants might have when they bloom. If a plant could develop a soul life when it blooms, it would say: I must now develop the seed into fruit; that is the end of me, it cannot go on from there, I must let my leaves wither and finally fall off. — But then, if the plant were to develop a spiritual life, it would turn gratefully toward the earth and say: “Yes, there is the earth; it takes in my seeds, it nurtures my seeds. There I live on.” — That is roughly how the ancient human felt toward the whole of nature. He did not merely derive his soul-life from physical heredity; rather, he knew himself to be rooted in the whole of nature. And because he knew himself to be rooted in the whole of nature, he also knew, in turn, how he would be received into the whole of nature once his body had fallen away from him. He viewed all of nature just as a flowering plant views the earth that takes in its seed. This world that the ancient human felt all around him is actually no longer there; it has withered away; it is dead. And this—even if it is not understood—is a fundamental feeling of modern humans: that they feel cast out of nature.

[ 15 ] Und jetzt wollen wir etwas ganz anderes vor unsere Seele hinstellen. Wir wollen uns einmal vorstellen in der vierten nachatlantischen Zeit einen Eingeweihten, der eingeweiht ist in den Beginn des intellektualistischen Lebens. Was heute allgemein intellektualistisches Leben ist, war in gewisser Beziehung für den vierten nachatlantischen Zeitraum Ergebnis einer gewissen Einweihung. Gewisse Einweihungen gingen darauf hin, den Menschen bis zum Begreifen des Intellektualismus zu bringen. Sehen Sie, solch ein Eingeweihter wurde natürlich zu den Konsequenzen des Intellektualismus gebracht, während man heute unter der Furcht vor dem Intellektualismus eben stecken bleibt — man geht nicht bis zu den Konsequenzen. Aber solch ein Eingeweihter, der wurde dazu gebracht, das zu verstehen. In alten Zeiten war es eben so, daß der Mensch das Beseelte der ganzen Natur fühlte. Da lebte er mit seinem Seelenleben so, daß er wußte, im Tode nimmt ihn das Beseelte des Kosmos wiederum auf. Es waltete schon eine tragische Stimmung über vielen Einweihungen des vierten nachatlantischen Zeitraumes und die Eingeweihten dieser Art von Mysterien, die hatten eigentlich gegenüber der Natur alle Hoffnung verloren. Sie erwarteten gar nichts von dem, was die Natur zum Menschen sprechen konnte. Sie sagten, die Natur hat aufgehört, zum Menschen zu sprechen, die Natur hat aufgehört, den Menschen aufzunehmen im Tode. Es muß eine ganz andere Welt kommen, damit der Mensch mit seinem Seelenleben wiederum eine Hoffnung haben könne. Und es wurde diesen Eingeweihten klargemacht: Wer in die Natur schaut, findet in der Natur nichts, was ihm eine solche Hoffnung geben könnte. Er mußte ja sehen in der Natur, daß nichts da ist, was den Menschen seelisch, nicht nur leiblich, wo er Nachkommenschaft hat, aber was den Menschen seelisch rettet. Daß die Weisheit die intellektualistische Form annimmt, das lernten diese Eingeweihten kennen. Bei uns ist es ja schon eine Trivialität, aber diese Eingeweihten lernten kennen, wie die Weisheit sich in intellektualistische Form wandelt. Und das erzeugte in ihnen diese tragische Stimmung, das war es, was sie hoffnungslos machte. Denn eines erfuhren die alten Eingeweihten mit voller Bewußtheit: sie wußten, Weisheit ist nicht bloß etwas abstrakt im Menschen Lebendes, Weisheit ist Licht im Menschen, indem der Mensch denkt, sich innerlich Bilder macht. Denn dasselbe, was da im Menschen innerlich die Bilder sind, das ist äußerlich das Licht, das belebt. Unsere Begriffe können kein Licht schaffen — so etwa sagten sich diese Eingeweihten —, daher haben sie selber die Form des Todes in Anspruch genommen, daher sind sie tot, unsere Begriffe. Und das war die tragische Weisheit eines großen Teiles der Mysterien des vierten nachatlantischen Zeitraumes, daß der Satz gefühlt wurde: Die Weisheit des Menschen kann nicht mehr Licht sein, sie wird dunkel im Menschen; denn Licht ist schaffend. Der abstrakte Gedanke ist unschöpferisch, ist tot.

[ 15 ] And now let us bring something entirely different before our soul. Let us imagine, for a moment, an initiate in the fourth post-Atlantean epoch who has been initiated into the dawn of intellectual life. What is generally regarded today as intellectual life was, in a certain sense, the result of a specific initiation during the fourth post-Atlantean epoch. Certain initiations were aimed at leading human beings to an understanding of intellectualism. You see, such an initiate was naturally led to the consequences of intellectualism, whereas today, out of fear of intellectualism, people simply get stuck—they do not go all the way to the consequences. But such an initiate was led to understand this. In ancient times, it was simply the case that human beings sensed the soulfulness of all of nature. They lived their spiritual lives in such a way that they knew that, in death, the soulfulness of the cosmos would take them back again. A tragic mood already hung over many initiations of the fourth post-Atlantean epoch, and the initiates of this kind of mystery had, in fact, lost all hope in nature. They expected nothing at all from what nature could say to human beings. They said that nature had ceased to speak to human beings, that nature had ceased to receive human beings in death. A completely different world must come into being so that human beings might once again have hope through their soul life. And it was made clear to these initiates: whoever looks into nature finds nothing there that could give them such hope. They had to see in nature that there is nothing there that saves human beings spiritually—not merely physically, where they have offspring—but that saves them spiritually. These initiates came to understand that wisdom takes on an intellectualistic form. For us, this is already a truism, but these initiates came to understand how wisdom transforms into an intellectualistic form. And this gave rise to a tragic mood within them; that was what made them lose all hope. For the ancient initiates experienced one thing with full awareness: they knew that wisdom is not merely something abstract living within a person; wisdom is light within a person, in that the person thinks and forms inner images. For the very same thing that constitutes the inner images within a person is, outwardly, the light that gives life. Our concepts cannot create light—so these initiates told themselves—and that is why they themselves have taken on the form of death; that is why they are dead, our concepts. And that was the tragic wisdom of a large part of the mysteries of the fourth post-Atlantean epoch—that the following statement was deeply felt: Human wisdom can no longer be light; it becomes dark within the human being; for light is creative. The abstract thought is uncreative; it is dead.

[ 16 ] Und nun stellen Sie sich einen solchen Eingeweihten vor, der ganz in dieser Anschauung stehend erzogen ist: es kann erst wiederum einen Trost für den Menschen geben, wenn aus irgendeiner Ecke heraus die Überzeugung kommt: die Weisheit kann wieder leuchten, die Weisheit kann wiederum Licht werden, sie ist nicht tot, sie ist etwas, was man draußen auch sehen kann. Sie kann Licht werden. Sehen Sie, dieser Trost ist Paulus geworden, als er das Ereignis von Damaskus erlebte. Da hatte er erst das Mysterium von Golgatha begriffen. Da hat er erst verstanden: durch Christus ist etwas in die Welt gekommen, was nicht nur gedacht werden kann, was leuchtet, was wiederum Lichtkraft, also schaffende Kraft hat. Und von da an hat er gewußt: zwar die Natur ist für den Menschen erstorben, aber der Christus ist mit seiner Kraft auf der Erde. Er hat sie durchdrungen. Und in dem Christus kann jetzt die Menschheit dasjenige finden, was sie früher in der Natur gefunden hat. Das war das große Erlebnis des Paulus vor Damaskus. Und da verstand er: die Menschen haben die Natur verloren als Trost, die Natur ist ihnen ästhetisch geworden. Aber der Christus tritt ein. Der Christus, richtig verstanden, gibt dasjenige, was da lebte in dem ganzen Komplex der sprechenden Mineralien, der zum Erröten und Erblassen bringenden Pflanzen, der innerlich den Menschen durchsehnenden, durchwühlenden Tierheit. Ein Geistkosmos hat sich mit der Erde verbunden. Die Sonnenkraft, die früher in Mineral, Pflanze und Tier dem Menschen erschien, sie ist da auf moralische Art. Sie ist da für das innerliche Erleben. Das Himmelreich ist nahe herangekommen.

[ 16 ] And now imagine such an initiate, who has been educated entirely within this perspective: comfort can only return to humanity when, from some corner, the conviction arises that wisdom can shine again, that wisdom can once more become light—it is not dead; it is something that can also be seen out there. It can become light. You see, this comfort became a reality for Paul when he experienced the event on the road to Damascus. It was then that he first grasped the mystery of Golgotha. It was then that he first understood: through Christ, something has come into the world that cannot merely be thought of, something that shines, something that possesses the power of light—that is, creative power. And from that moment on, he knew: although nature has died for humanity, Christ is present on earth with his power. He has permeated it. And in Christ, humanity can now find what it once found in nature. That was Paul’s great experience on the road to Damascus. And there he understood: people have lost nature as a source of comfort; nature has become merely aesthetic to them. But Christ steps in. Christ, properly understood, provides what once lived in the entire complex of speaking minerals, of plants that cause one to blush and turn pale, and of the animal kingdom that inwardly penetrates and stirs the human soul. A spiritual cosmos has united with the Earth. The power of the sun, which once appeared to human beings in minerals, plants, and animals, is now present in a moral sense. It is there for inner experience. The Kingdom of Heaven has drawn near.

[ 17 ] Was reden die Menschen alle über die Interpretation dessen, daß der Christus verkündet hat: Das Erdenende ist da, ein neues Reich kommt auf. — Ja, die es so verstanden haben, daß nunmehr die Ähren fünfmal so reich werden auf den Feldern, daß die Trauben fünfmal so groß werden an den Weinstöcken — wir wissen ja, daß das so verstanden worden ist —, die verstehen eben nicht, was da gemeint war; daß tatsächlich eine Durchtränkung des rein natürlichen Daseins mit dem gekommen war, was in dem Herabsenken des Christus auf die Erde liegt. Das hat der Paulus geoffenbart bekommen mit dem Ereignis von Damaskus. Und so müssen wir eben diese zweite Welt sehen, eine zweite, ganz neue Welt ist gekommen mit dem Christus. Es ist nicht bloß dieses Abstraktum, als das man es häufig ansieht, sondern es ist eine ganz neue Welt, eine Welt, die wiederum dasjenige gibt, wenn es richtig verstanden wird, was früher die Natur gegeben hat. Der Intellektualismus lacht, wenn man davon spricht, daß in den Mineralien Gnomen sind, was aber nichts anderes zum Ausdruck bringen soll als das, was ich vorhin gesagt habe: Die Mineralien sprachen zu einem —, oder daß Undinen in den Pflanzen sind. Menschen, die nicht mehr erblassen können, nicht mehr erröten können beim Anblick der Pflanzen, diekönnen natürlich auch von den Undinen nichts wissen; denn die Verstandesbegriffe, die Definitionen, die sagen nichts von den Undinen. Aber das Erröten und Erblassen, das, was im Blute liegt, das spricht davon, sprach einmal davon. Heute spricht es nur unbewußt davon. Aber all das vermag wieder aufzuleben, wenn der Christus wirklich als ein Erlebnis bei der Menschheit eintritt. Und im Christus wird sich das Alter wiederum mit der Jugend verständigen können. Denn der Christus, der kann nicht mit dem Verstande erfaßt werden. Sehen Sie, wie wir heute die Welt verstandesmäßig beurteilen, reden wir von richtig und unrichtig, von wahr und falsch. Aber das hat nur für die physische Welt, in der wir zwischen Geburt und Tod leben, Bedeutung. Die Leute, zu denen man reden muß über die höheren Welten, die wollen nicht eingehen auf das, was das Wesentliche ist. Gewiß, man muß die Begriffe von wahr und falsch, von logisch richtig und unrichtig auch in die höheren Welten hinauftragen. Aber das ist nicht das Wesentliche. Das Wesentliche ist, daß da etwas Lebendiges dazu kommen muß, daß da die Begriffe «gesund» und «krank» zum Beispiel eintreten müssen. Hier für die physische Welt ist etwas eben richtig oder unrichtig, für die höheren Welten ist das Richtige außerdem gesund. Wir empfinden es so lebendig, wie wir hier das Gesundsein am ganzen Menschen empfinden in der physischen Welt. Und das Falsche, das Unrichtige ist dort das Kranke, und wir reden eigentlich besser, wenn wir in der gewöhnlichen Welt die Dinge wirklich treffen wollen, von gesund und krank, als wenn wir von richtig oder unrichtig reden, und wir müssen uns auch aneignen etwas von der Anschauung nach dem Gesunden oder Kranken. Hier urteilen wir logisch nach richtig oder unrichtig, in den höheren Welten empfinden wir: da wächst etwas, es entwickelt sich. Wir reden nicht vom bloßen Richtigen, wir empfinden das als gesund. Und wenn wir einen Begriff darüber fassen, so fühlen wir auch diesen Begriff als etwas Gesundes, nicht bloß als etwas Richtiges. Und ebenso fühlen wir das, was unrichtig ist, in der geistigen Welt als krank. Nun, für die physische Welt reichen wir heute eben aus — wir sind einmal so veranlagt — mit richtig oder unrichtig. Für die Geschichte ist das nicht der Fall. Für die Geschichte kommen wir eben mit dem nicht aus, was die neueren Historiker nach dem Muster der bloßen Physik an Begriffen entwickelt haben. Da müssen wir sprechen von einer Gesundheit am Ausgangspunkte der Menschheit. Wir müssen in der griechisch-lateinischen Zeit sprechen von einer Erkrankung der Kultur. Und wir müssen von der Therapie der Geschichte sprechen, indem wir die Wirksamkeit des Mysteriums von Golgatha entwickeln. Wir müssen also sprechen, wie wir von dem gesunden und kranken Menschen sprechen, wir müssen die Geschichte nach dem Musterbilde einer Erkrankung und einer Heilung darstellen.

[ 17 ] What are people all talking about regarding the interpretation of Christ’s proclamation: “The end of the age is here; a new kingdom is dawning.” — Yes, those who have understood this to mean that the ears of grain in the fields will now be five times as plentiful, that the grapes on the vines will be five times as large—we know, after all, that this is how it has been understood—they simply do not understand what was meant; that in fact, a permeation of purely natural existence had come about through what lies in Christ’s descent to earth. This is what Paul came to realize through the event at Damascus. And so we must see this second world: a second, entirely new world has come with Christ. It is not merely this abstract concept, as it is often viewed, but it is an entirely new world—a world that, when properly understood, restores what nature once provided. Intellectualism scoffs when one speaks of gnomes in minerals—which is meant to express nothing other than what I said earlier: “The minerals spoke to one”—or of undines in plants. People who can no longer turn pale or blush at the sight of plants naturally know nothing of the Undines either; for intellectual concepts and definitions say nothing about the Undines. But blushing and turning pale—that which lies in the blood—speaks of them, once spoke of them. Today it speaks of them only unconsciously. But all of this can come to life again when Christ truly enters humanity as an experience. And in Christ, old age will once again be able to communicate with youth. For Christ cannot be grasped by the intellect. You see, the way we judge the world intellectually today, we speak of right and wrong, of true and false. But that has significance only for the physical world in which we live between birth and death. The people to whom one must speak about the higher worlds do not want to engage with what is essential. Certainly, one must carry the concepts of true and false, of logically correct and incorrect, up into the higher worlds as well. But that is not the essential point. What is essential is that something living must be added to this—that the concepts of “healthy” and “sick,” for example, must come into play. Here in the physical world, something is simply right or wrong; in the higher worlds, what is right is also healthy. We perceive it as vividly as we perceive health in the whole human being here in the physical world. And what is false, what is incorrect, is there what is sick; and if we really want to describe things accurately in the ordinary world, we are actually better off speaking of healthy and sick than of right or wrong, and we must also acquire some sense of what is healthy or sick. Here we judge logically in terms of right or wrong; in the higher worlds we sense: something is growing, it is developing. We do not speak of mere correctness; we perceive that as healthy. And when we form a concept of it, we also feel this concept as something healthy, not merely as something correct. And in the same way, we perceive what is incorrect in the spiritual world as sick. Now, for the physical world, we make do today—such is our nature—with “right” or “wrong.” For history, this is not the case. For history, we cannot make do with the concepts that modern historians have developed based on the model of mere physics. There we must speak of a state of health at the starting point of humanity. In the Greco-Roman era, we must speak of a disease of culture. And we must speak of the therapy of history by developing the efficacy of the Mystery of Golgotha. We must therefore speak of it as we speak of a healthy and a sick human being; we must portray history according to the model of a disease and a healing.

[ 18 ] Unendlich abstrakt ist so etwas wie etwa die Rankesche Geschichte gegenüber der Wirklichkeit. Und diese Rankesche oder andere Geschichte, wie sie heute geschrieben wird, die ist ungefähr so, wie wenn ein Arzt an ein Krankenbett treten oder einem gesunden Menschen gegenübertreten würde und da bloß logizieren wollte. An die Geschichte müssen wir mit dem Blick für Gesundheit, Krankheit und Heilung herantreten. Und das geschieht eben, wenn wir die Geschichte so betrachten, daß wir von der Gesundheit in der Urzeit ausgehen, allmählich eine wirkliche Kulturerkrankung sehen, und den großen Therapeuten empfinden, der durch das Mysterium von Golgatha die Heilung von außerhalb der Erde wirklich gebracht hat. So wird die Geschichtsbetrachtung verlebendigt. So wird aber auch der Christus in die geschichtliche Entwickelung hineingestellt. Erst die geschichtliche Entwickelung hat eine Möglichkeit, an den Christus heranzukommen, die so verfährt, wie die Physiologie, die Pathologie gegenüber dem Materiellen verfahren muß. Man muß schon hineintragen können in das geistige Leben diejenigen Begriffe, die man heute nur im physischen Leben handhaben kann, und da auch schlecht, denn man untersucht zum Beispiel den Menschen, nachdem er gestorben ist, und leitet die wichtigsten Gesetze für sein Leben ab vom Leichnam. Also man handhabt auch das schlecht, aber man handhabt es wenigstens. Aber bei der Geschichtsbetrachtung ist einem das völlig entfallen. Höchstens wenn die Menschen ganz besondere Ausnahmezustände sehen, wie, sagen wir, wenn eine Sekte auftritt, die sich peitscht, dann spricht man von etwas Pathologischem, oder wenn die Dinge dazu kommen, wie es schon während der letzten Jahre zum Beispiel geschehen ist, daß einer einmal begonnen hat, mit Maschinengewehren nach der Venus zu schießen, weil er geglaubt hat, das ist ein heranziehender feindlicher Luftballon. Dann spricht man von Kriegspsychose. Also man redet in besonderen Fällen davon, daß da das Gesunde oder Kranke eintritt. Aber man betrachtet das Gesunde und Kranke nicht in dem großen Verlaufe. Daher kann man auch nicht dazu kommen, das Prinzip des Heilens, der großen geschichtlichen Therapie, die mit dem Mysterium von Golgatha aufgetreten ist, wirklich zu verstehen. Selbstverständlich, man kann sagen, die Menschen sind heute noch immer eigentlich recht sehr krank. Nun ja, aber das gilt nicht, denn man müßte eine Vorstellung davon haben, wie es wäre, wenn das Mysterium von Golgatha nicht eingetreten wäre. Und wenn die Leute glauben, es käme nur auf den Glauben an, dann irren sie auch, denn es kommt auf das Objektive an, das in der Menschheitsentwickelung durch das Mysterium von Golgatha geschehen ist. Gewiß, beim Kranken nützt der Glaube auch etwas, aber ein Wesentliches ist doch die Kunst des Arztes. Daher war es schon eine Abirrung, als man das eigentliche Phänomen der christlichen Frömmigkeit bloß in dem Glauben gesucht hat. Das wäre etwa so, wie wenn man sagen würde: Die Arznei kann bleiben, wo sie will, man braucht bloß dem Kranken den Glauben beizubringen, daß er durch diese Arznei gesund werden kann.

[ 18 ] Something like Ranke’s history is infinitely abstract when compared to reality. And this Rankean history—or any other history as it is written today—is roughly like a doctor stepping up to a patient’s bedside or facing a healthy person and simply trying to reason with them. We must approach history with an eye toward health, illness, and healing. And this happens precisely when we view history in such a way that we start from the health of primeval times, gradually perceive a genuine cultural illness, and sense the great Healer who, through the Mystery of Golgotha, truly brought healing from beyond the earth. In this way, the study of history is brought to life. But in this way, Christ is also placed within the course of historical development. Only through historical development is it possible to approach Christ in the same way that physiology and pathology must approach the material world. One must be able to carry into spiritual life those concepts that today can only be applied in physical life—and even there, poorly, for example, when one examines a person after they have died and derives the most important laws governing their life from the corpse. So one applies this poorly as well, but at least one applies it. Yet in the study of history, this has been completely forgotten. At most, when people observe very specific exceptional states—such as, say, when a sect appears that flogs itself—then one speaks of something pathological; or when events occur, as has happened in recent years, for example, where someone began firing machine guns at Venus because he believed it was an approaching enemy balloon. Then one speaks of war psychosis. So in specific cases, people talk about whether what is healthy or unhealthy is at play. But they do not consider health and illness within the broader historical context. That is why they cannot truly come to understand the principle of healing—the great historical therapy that emerged with the Mystery of Golgotha. Of course, one could say that people today are actually still quite very sick. Well, yes, but that doesn’t hold true, because one would have to have an idea of what it would be like if the Mystery of Golgotha had not taken place. And if people believe that faith alone is what matters, then they are also mistaken, for what matters is the objective reality that came about in human evolution through the Mystery of Golgotha. Certainly, faith is of some benefit to the sick, but the physician’s skill is still essential. Therefore, it was already a mistake to seek the true essence of Christian piety solely in faith. That would be like saying: The medicine can stay wherever it wants; one need only instill in the sick person the belief that he can be healed by this medicine.

[ 19 ] Man ist eben überall zu Abstraktionen gekommen, zum Unvermögen zu durchschauen, wie das, was der Mensch in seinem Inneren erlebt, zusammenhängt mit dem, was draußen objektiv vorgeht. Und so wird es eben notwendig sein, daß unsere Vorstellungen lebendiger und lebendiger werden. Denn mit den toten Vorstellungen, mit denen wir uns allmählich angewöhnt haben, die äußere Natur zu betrachten, mit denen ergibt sich das Mysterium von Golgatha nicht. Denen gegenüber würde das Christentum immer mehr und mehr verblassen. Der Christus würde immer mehr und mehr zu dem bloßen Menschen Jesus werden, wie er es schon für viele’Theologen geworden ist. Das Christentum würde verschwinden. Ein wirkliches Beleben des Christentums setzt voraus, daß die ganze Entwickelung der Menschheit und der menschlichen Anschauungen mit lebendigeren Begriffen durchsetzt werde, als es durch den Intellektualismus möglich ist. Wir mußten den Intellektualismus haben um der menschlichen Freiheit willen. Wir müssen aber den Intellektualismus wieder herausbringen um der menschlichen Wesenheit willen, damit diese menschliche Wesenheit wiederum lebendig werden könne. Zur Freiheit war notwendig ein Ersterben, denn nur aus der Betätigung des Willens im Erstorbenen, das heißt aus der höchsten Kraftanwendung des Willens, kann die Freiheit kommen. Wenn das Leben in uns uns übermannt, schwindet das Bewußtsein, in dem doch nur die Freiheit gedeihen kann. Aber indem der Intellektualismus einmal da ist, muß zu dem Intellektualismus das Leben kommen, das heißt zu den abstrakten Begriffen von wahr und falsch müssen die konkreten Begriffe von gesund und krank kommen.

[ 19 ] Everywhere, people have come to rely on abstractions, to an inability to see how what a person experiences within is connected to what is objectively happening outside. And so it will be necessary for our conceptions to become more and more alive. For the mystery of Golgotha cannot be grasped through the lifeless conceptions with which we have gradually become accustomed to viewing the external world. In the face of such conceptions, Christianity would fade away more and more. Christ would increasingly become merely the human being Jesus, as he has already become for many “theologians.” Christianity would disappear. A true revitalization of Christianity requires that the entire development of humanity and human perspectives be permeated with more living concepts than intellectualism can provide. We had to have intellectualism for the sake of human freedom. But we must bring intellectualism to the fore again for the sake of human existence, so that this human existence may once more come alive. Freedom required a process of dying, for freedom can arise only from the exercise of the will in that which has died—that is, from the highest exertion of the will’s power. When life within us overwhelms us, consciousness—in which freedom alone can flourish—fades away. But once intellectualism is in place, life must come to intellectualism; that is, the concrete concepts of health and illness must accompany the abstract concepts of true and false.

[ 20 ] Und wir brauchen die Anwendung dieser konkreten Begriffe zum allerersten für die Geschichte. Dann werden wir als den wichtigsten Bestandteil der geschichtlichen Erdenentwickelung eben das Mysterium von Golgatha finden können.

[ 20 ] And we need to apply these specific terms first and foremost to history. Then we will be able to identify the Mystery of Golgotha as the most important component of Earth’s historical development.