Old and New Initiation Methods
Drama and Poetry in the Shift
of Consciousness in the Modern Era
GA 210
25 February 1922, Dornach
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Old and New Initiation Methods, tr. SOL
10. Das Ringen Goethes und Schillers in der Zeit des über die alte Geistigkeit siegenden Intellektualismus
10. The Struggle Between Goethe and Schiller in an Era When Intellectualism Triumphed Over the Old Spirituality
[ 1 ] Von den Aufgaben habe ich Ihnen sprechen wollen, welche den Führern des geistigen Lebens gestellt waren aus dem Umschwung heraus, der sich vom vierten zum fünften nachatlantischen Zeitraum herüber vollzogen hat. Und ich versuchte anschaulich zu machen, welche Kräfte da ausgegangen sind und sich gezeigt haben in der FaustGestalt, in der Hamlet-Gestalt. Wenn man auf das Wesentliche den Blick wendet, so sieht man, daß solche geistige Führer wie die Dichter der genannten Gestalten sich vor die Aufgabe gestellt sahen, dichterisch die Frage zu beantworten: Was wird aus dem Menschen, wenn er seine innere Seelenbefriedigung suchen muß aus dem bloßen intellektualistischen Leben heraus, aus dem Leben in abstrakten Gedanken? — Denn selbstverständlich, von diesem besonderen Eindruck, der auf die Seele dadurch hervorgerufen wird, daß sie genötigt ist, mit Hilfe von abstrakten Gedanken auf das hinzuschauen, was ihr das Teuerste, das Bedeutsamste ist, was ihr Sinn und Ziel ihres eigenen Daseins zeigt, von einer solchen Stellung zum Gedankenleben kommt eben die ganze Seelenverfassung. Aus all den Entwickelungsmomenten heraus, die wir gestern skizzenhaft uns vor die Seele gestellt haben, mußten ja im Grunde genommen Goethe und Schiller schaffen.
[ 1 ] I wanted to speak to you about the tasks that were set for the leaders of spiritual life as a result of the transition that took place from the fourth to the fifth post-Atlantean epoch. And I tried to illustrate the forces that emanated from this and manifested themselves in the figures of Faust and Hamlet. If one turns one’s gaze to the essential, one sees that spiritual leaders such as the poets who created these figures were faced with the task of answering poetically the question: What becomes of a human being when he must seek inner spiritual fulfillment solely from an intellectualistic life, from a life of abstract thoughts? — For, of course, the entire state of the soul arises precisely from this particular impression—the one evoked in the soul by being compelled to look, with the aid of abstract thoughts, at what is most precious and significant to it, at what reveals the meaning and purpose of its own existence—from such an attitude toward intellectual life. It was, after all, out of all those moments of development that we sketched out for ourselves yesterday that Goethe and Schiller were compelled to create.
[ 2 ] Und wir haben auch schon gesehen, wie Goethe und Schiller sich hineinverstrickt sahen in die Entwickelungsmomente, auf die wir da deuten konnten. Wir haben gesehen, wie bei beiden durchaus zum Ausdrucke kommt, daß sie eigentlich fühlen: In der großen, in der wirklichen Dichtung läßt sich nicht auskommen ohne eine gewisse Hinneigung zu der eigentlichen geistigen Welt. Aber jene alte Hinneigung zur geistigen Welt, die noch im 11., 12., 13. Jahrhundert für die abendländische geistige Entwickelung charakteristisch war, die war im Grunde genommen nicht mehr möglich für den Menschen der darauffolgenden Zeit. Sie zog sich zurück, könnte man sagen, vor der bloßen intellektualistischen Betrachtung. Auf der andern Seite aber war diese intellektualistische Betrachtung, dieses Leben in Gedanken, noch nicht so weit, daß etwa im Gedankenleben selbst das reale, das wirkliche Geistige hätte erreicht werden können.
[ 2 ] And we have already seen how Goethe and Schiller found themselves entangled in the developmental phases we were able to point out there. We have seen how both of them clearly express what they actually feel: In great, true poetry, one cannot do without a certain inclination toward the spiritual world itself. But that old inclination toward the spiritual world—which was still characteristic of Western intellectual development in the 11th, 12th, and 13th centuries—was, in essence, no longer possible for people of the subsequent era. It withdrew, one might say, from mere intellectualistic contemplation. On the other hand, however, this intellectualistic contemplation—this life in thought—had not yet advanced to the point where the real, the truly spiritual, could have been attained within the life of thought itself.
[ 3 ] Das ist nun eigentlich das Charakteristische der Stellung Schillers und Goethes in der Geistesentwickelung der Menschheit, daß ihr Auftreten, ihre wichtigste Wirksamkeit in eine Zeit fällt, in welcher die alte Geistigkeit dahingegangen war und aus dem neuen Intellektualismus noch nicht die lebendige Geistigkeit hervorsprießen konnte. Wir haben ja vor einiger Zeit hier gesehen, wie das, was die Seele als Intellektualismus erfüllt, eigentlich der Leichnam jenes geistigen Lebens ist, welches die Seele in der geistig-seelischen Welt vor ihrer Geburt beziehungsweise vor der Konzeption durchmacht. Dieser Leichnam muß selbstverständlich wiederum belebt werden. Er muß wiederum hineingestellt werden in das ganze Leben des Kosmos. Aber dazu war man eben in jener Zeit noch nicht gekommen, und das Ringen Goethes und Schillers gerade in ihrer allerbedeutsamsten Zeitepoche besteht darin, nun doch in diesem Übergangszeitalter eine irgendwie befriedigende Seelenverfassung zu erringen, die auch dichterisch produktiv sein konnte.
[ 3 ] What is actually characteristic of Schiller’s and Goethe’s position in the spiritual development of humanity is that their emergence and their most significant influence occurred at a time when the old spirituality had faded away and living spirituality had not yet been able to spring forth from the new intellectualism. We saw here some time ago how what fills the soul as intellectualism is actually the corpse of that spiritual life which the soul experiences in the spiritual-soul world before its birth, or rather before conception. This corpse must, of course, be brought back to life. It must be reintegrated into the whole life of the cosmos. But people had not yet reached that point at that time, and the struggle of Goethe and Schiller, particularly during their most significant era, consisted in finally achieving, in this age of transition, a somewhat satisfying state of mind that could also be poetically productive.
[ 4 ] Am klarsten, am intensivsten tritt das gerade hervor in dem Zusammenarbeiten zwischen Goethe und Schiller. Als die beiden bekannt wurden, hatte Goethe einen größeren Teil seiner «Faust»-Dichtung fertig, was 1790 als Fragment des «Faust» erschienen war und einiges andere darüber hinaus. Wenn man dieses Fragment, das 1790 erschienen war, und auch das, was dazumal von Goethe aus irgendwelchen Gründen zurückgehalten wurde, prüft — es ist ja zum Beispiel die Kerkerszene zurückgehalten worden, trotzdem sie damals schon fertig war, und das Fragment beginnt unmittelbar, ohne irgendwelchen «Prolog im Himmel» mit der Szene: «Habe nun, ach, Philosophie, Juristerei ... durchaus studiert», wenn man das prüft, so muß man sagen, in diesem Fragment steht Faust allein da, aus seinem Inneren heraus ringend nach einer befriedigenden Seelenverfassung. Er sieht sich unbefriedigt vom bloßen Intellektualismus, strebt hin nach einem Zusammenkommen mit der geistigen Welt. Der Erdgeist in der bekannten Fassung, wie wir sie jetzt haben, tritt auf. Wir haben durchaus schon ein Hinstreben Goethes nach der geistig-seelischen Welt, aber was da zum Beispiel vollständig fehlt, was Goethe dazumal im Grunde genommen fern lag, das war das Hineinstellen des Faust in den ganzen kosmischen Zusammenhang. Der «Prolog im Himmel» war nicht da. Also, Faust war noch nicht hineingestellt in jenen Kampf des Gottes mit dem Satan. Das kam erst dazu, als Goethe die Anregung von Schiller bekam, seinen «Faust» fortzusetzen.
[ 4 ] This is most clearly and most intensely evident in the collaboration between Goethe and Schiller. By the time the two became well-known, Goethe had completed a large portion of his “Faust” poem—which had been published in 1790 as a fragment of “Faust”—as well as several other works. If one examines this fragment, which was published in 1790, as well as what Goethe withheld at the time for whatever reasons—for example, the dungeon scene was withheld even though it was already finished back then—and the fragment begins immediately, without any “Prologue in Heaven,” with the scene: “I have now, alas, studied philosophy, jurisprudence… thoroughly”—if one examines this, one must say that in this fragment Faust stands alone, wrestling from within for a satisfying state of mind. He finds himself unsatisfied by mere intellectualism and strives for a union with the spiritual world. The Earth Spirit appears in the familiar version as we have it today. We certainly already see Goethe’s striving toward the spiritual-soul world, but what is completely missing here—and what was, in essence, far removed from Goethe’s mind at the time—was the placement of Faust within the entire cosmic context. The “Prologue in Heaven” was not there. In other words, Faust had not yet been placed within that struggle between God and Satan. That was added only when Goethe received Schiller’s encouragement to continue his “Faust.”
[ 5 ] Unter dieser Anregung suchte er jetzt Faust nicht mehr allein zu lassen, sondern ihn in den ganzen kosmischen Zusammenhang hineinzustellen. Und so gestaltete er dann seinen «Faust», mehr oder weniger angeregt durch Schiller, so daß wir sagen können: Da Faust zum zweiten Male dann 1808 vor die Welt tritt, sehen wir aus dem Persönlichkeitsdrama, das doch der «Faust» 1790 noch war, ein Weltendrama entstehen. Wir sehen in der Prologszene: «Die Sonne tönt nach alter Weise in Brudersphären Wettgesang» — im Auftreten der Engel, im Auftreten der ganzen geistigen Welt, in dem Gegensatze des Satans — einen Kampf, der sich in jener Welt abspielt um die Gestalt des Faust. Vorher, 1790, war Faust mit sich selbst beschäftigt. Wir sehen auf seine Person hin. Er ist einzig und allein der Mittelpunkt. Später tritt ein ganzes Weltentableau vor uns auf, in das Faust hineingestellt ist. Um ihn kämpfen gute und böse Mächte. Goethe hat 1797 diese Szene geschrieben, durch die Faust in ein Weltentableau hineingestellt wird, nachdem Schiller von ihm geradezu die Fortsetzung des «Faust» gefordert hatte.
[ 5 ] Inspired by this, he no longer sought to leave Faust on his own, but rather to place him within the broader cosmic context. And so he shaped his Faust, more or less inspired by Schiller, in such a way that we can say: When Faust steps before the world for the second time in 1808, we see a cosmic drama emerge from the personal drama that Faust of 1790 still was. In the prologue scene—“The sun resounds in its ancient way with a song of competition in the spheres of brotherhood”—in the appearance of the angels, in the appearance of the entire spiritual world, and in the contrast with Satan—we see a struggle unfolding in that world over the figure of Faust. Before that, in 1790, Faust was preoccupied with himself. We focus on his person. He is the sole and absolute center. Later, an entire cosmic tableau unfolds before us, into which Faust is placed. Good and evil forces battle over him. Goethe wrote this scene in 1797, in which Faust is placed within a cosmic tableau, after Schiller had virtually demanded that he continue Faust.
[ 6 ] Goethe fühlte sich in einem gewissen Sinne, wie ja die «Zueignung» zeigt, schon entfremdet der Art und Weise, wie er sich in jungen Jahren zu seinem «Faust» gestellt hatte. Was da eigentlich in den Seelen hervorragendster Menschen geschehen ist, sehen wir zum Beispiel an Schiller. Schiller hat eigentlich realistisch begonnen. Ich habe Ihnen gestern gesagt, wie das luziferische und das ahrimanische Element in Franz Moor und Karl Moor einander gegenübertreten. Aber dabei ist gar nicht die Rede von einem Hereinragen der geistigen Welten in irgendeiner ureigenen Gestalt, sondern wir können nur in den Charaktereigentümlichkeiten des Franz Moor und Karl Moor das Luziferische und das Ahrimanische verfolgen. Es ist Schiller durchaus eigen, daß er von einem gewissen realistischen Elemente ausgeht. Aber als er in dieser Art seine Jugenddramen vollendet hatte, und als er dann mit Goethe bekannt wird, da sehen wir, wie er, als er in den neunziger Jahren wiederum zur Dichtung zurückkehrt, sich genötigt findet, die geistige Welt in seine dichterische Gestaltung hereinspielen zu lassen. Und es gehört wiederum zu den interessantesten Tatsachen, wie Schiller sich nun genötigt fühlt, die geistige Welt hereinspielen zu lassen in seine dichterischen Gestalten.
[ 6 ] Goethe felt, in a certain sense—as the “Dedication” shows—already estranged from the way he had approached his Faust in his younger years. We can see what actually took place in the souls of the most outstanding individuals, for example, in Schiller. Schiller actually began as a realist. I told you yesterday how the Luciferic and the Ahrimanic elements stand in opposition to one another in Franz Moor and Karl Moor. But this is not at all a matter of the spiritual worlds intervening in any form of their own; rather, we can only trace the Luciferic and the Ahrimanic in the character traits of Franz Moor and Karl Moor. It is quite characteristic of Schiller that he starts from a certain realistic element. But once he had completed his early dramas in this style, and once he became acquainted with Goethe, we see how, when he returned to poetry in the 1890s, he found himself compelled to allow the spiritual world to play a role in his poetic creation. And it is, in turn, one of the most interesting facts that Schiller now feels compelled to let the spiritual world play a role in his poetic characters.
[ 7 ] Betrachten Sie den «Wallenstein». Wallenstein richtet sich in seinen Entschlüssen nach seinem Sternenglauben. Wallenstein unternimmt seine Handlungen, bildet sich seine Absichten im Sinne seines Sternenglaubens. Es spielt also der Kosmos in Schillers Gestaltendichtungen durchaus herein. Das ganze Wallenstein-Drama kann man eigentlich nur verstehen, wenn man ins Auge faßt, wie Wallenstein sich durchdrungen fühlt von denjenigen Kräften, die von den Sternkonstellationen ausgehen. Man kann geradezu sagen: Schiller fühlte sich am Ende des 18. Jahrhunderts gedrungen, zu jener Sternenanschauung zurückzukehren, die im 16. und 17. Jahrhundert für die Menschen, die überhaupt über solche Dinge nachdachten, die gewöhnliche war. Also Schiller glaubte das Menschenleben in hervorragenden Erscheinungen nicht darstellen zu können, ohne dieses Menschenleben in den Kosmos hineinzustellen.
[ 7 ] Consider Wallenstein. Wallenstein bases his decisions on his belief in the stars. He undertakes his actions and forms his intentions in accordance with this belief. Thus, the cosmos certainly plays a role in Schiller’s epic poetry. The entire Wallenstein drama can really only be understood if one takes into account how Wallenstein feels imbued with the forces emanating from the constellations. One might even say: At the end of the 18th century, Schiller felt compelled to return to that view of the stars which, in the 16th and 17th centuries, was the norm for people who gave any thought to such matters at all. Thus, Schiller believed he could not portray human life in its most outstanding manifestations without situating that human life within the cosmos.
[ 8 ] . Und weiter, nehmen Sie eine solche Dichtung wie «Die Braut von Messina». Schiller macht ein Experiment. Er versucht, den alten Schicksalsgedanken in Verbindung mit der Sternenweisheit in die dramatische Handlung hineinzugestalten. Und hier bei dieser «Braut von Messina» ist es ganz besonders auffällig, daß Schiller sich gedrängt fühlt, das zu tun, denn bei der «Braut von Messina» können Sie nämlich wiederum ein gewisses Experiment machen. Werfen Sie einmal den ganzen Sternenglauben und das ganze Schicksal heraus und nehmen Sie das, was dann noch bleibt, dann haben Sie immer noch eigentlich ein großartiges Drama gerade in der «Braut von Messina». So daß also Schiller schon in der «Braut von Messina» ein Drama hätte gestalten können ohne Sternenglauben und ohne die Schicksalsidee — und er hat dann den Sternenglauben und die Schicksalsidee hineingenommen. Das bedeutet, daß er in seiner Seelenverfassung die Notwendigkeit fühlte, den Menschen in den Kosmos hineinzustellen. Es ist gewiß, daß hier ein absoluter Parallelismus da ist zu dem, was Goethe dahin geführt hat in der Fortsetzung seines «Faust», diesen Faust in das ganze Weltentableau hineinzustellen.
[ 8 ] . And furthermore, take a play such as The Bride of Messina. Schiller is conducting an experiment. He attempts to weave the old concept of fate, in conjunction with astrological wisdom, into the dramatic plot. And here, in The Bride of Messina, it is particularly striking that Schiller feels compelled to do this, because with The Bride of Messina you can, in fact, conduct a certain experiment. Try setting aside all belief in the stars and all notions of fate, and take what remains—you will still, in fact, have a magnificent drama, precisely in The Bride of Messina. So Schiller could have crafted a drama in The Bride of Messina without belief in the stars and without the idea of fate—and yet he did include both. This means that, in his inner state of mind, he felt the need to place human beings within the cosmos. There is certainly an absolute parallel here to what led Goethe, in the sequel to his Faust, to place Faust within the entire tableau of the world.
[ 9 ] Goethe tut das bildhaft; bei ihm treten die Engel als Sternführer auf. Wir sehen den Kosmos bildhaft vor uns in dem großen Tableau «Prolog im Himmel». Schiller, der mehr zur Abstraktion neigte, der mehr unbildlich war, fühlte sich genötigt, in derselben Zeit in seinen «Wallenstein», in seine «Braut von Messina» das Hineingestelltsein des Menschen in den Kosmos hineinzugeheimnissen, und zwar so weit, daß sogar der Schicksalsgedanke der alten griechischen Tragödie wiederum auftrat. Aber sehen Sie sich noch etwas anderes an. Schiller nahm gerade in der Zeit seines Bekanntwerdens mit Goethe in seiner Art die Freiheitsgedanken der Französischen Revolution auf. Wir haben schon gestern anzuführen gehabt, daß sich die Revolution in Frankreich als politische Revolution abspielte, innerhalb Mitteleuropas dagegen als geistige Revolution. Und man möchte sagen: Den intimsten Charakter nahm diese geistige Revolution an in einer Schrift Schillers, die ich in verschiedenen Zusammenhängen auch hier schon erwähnt habe: In den Briefen «Über die ästhetische Erziehung des Menschen».
[ 9 ] Goethe does this figuratively; in his work, the angels appear as star-guides. We see the cosmos vividly before us in the grand tableau “Prologue in Heaven.” Schiller, who was more inclined toward abstraction and less figurative, felt compelled, during the same period, to veile the human condition’s place within the cosmos in his Wallenstein and The Bride of Messina—to such an extent that even the concept of fate from ancient Greek tragedy reemerged. But consider something else as well. It was precisely during the time he became acquainted with Goethe that Schiller, in his own way, embraced the ideas of freedom from the French Revolution. We already noted yesterday that the Revolution in France unfolded as a political revolution, whereas within Central Europe it took the form of a spiritual revolution. And one might say: This spiritual revolution took on its most intimate character in a work by Schiller that I have already mentioned here on various occasions: the letters On the Aesthetic Education of Man.
[ 10 ] Da sehen wir, wie Schiller frägt: Wie kommt der Mensch zu einem wirklich menschenwürdigen Dasein? — Etwas, das man eine Freiheitsphilosophie nennen kann, war dazumal noch nicht möglich. Schiller beantwortet sich die Frage in seiner Art. Er sagte sich: Wenn der Mensch nur seinen logischen Gedanken folgt, dann ist er unfrei. Selbstverständlich ist er unfrei, denn man kann nicht das, was die Logik sagt, nach irgendeiner Freiheit gestalten, da unterliegt der Mensch der Vernunftnotwendigkeit. Also gerade da, wo er zunächst für sein Erdenleben am geistigsten wird, ist er ja nicht frei, da unterliegt er der Vernunftnotwendigkeit. Er ist nicht frei, zu sagen: Zwei mal zwei ist sechs oder fünf. Dagegen unterliegt der Mensch der Naturnotwendigkeit, wenn er mit seinem ganzen Organismus eben an die Naturnotwendigkeit hingegeben ist.
[ 10 ] Here we see Schiller asking: How does a person achieve a truly dignified existence? — Something that could be called a philosophy of freedom was not yet possible at that time. Schiller answers the question in his own way. He told himself: If a person follows only his logical thoughts, then he is not free. Of course he is not free, for one cannot shape what logic dictates according to any kind of freedom; there, the person is subject to the necessity of reason. So precisely where he first becomes most spiritual in his earthly life, he is not free; there he is subject to the necessity of reason. He is not free to say: Two times two is six or five. In contrast, a person is subject to the necessity of nature when his entire organism is devoted to that necessity.
[ 11 ] So sieht Schiller den Menschen hineingestellt zwischen die Vernunftnotwendigkeit und die Naturnotwendigkeit, und er sieht einen Ausgleich zwischen beiden Zuständen in dem, was er den ästhetischen Zustand nennt. Da rückt der Mensch gewissermaßen die Vernunftnotwendigkeit herunter in das, was ihm gefällt und mißfällt, worin er also in einem gewissen Sinne frei ist. Und wenn er seine Triebe, seine Instinkte, die Naturnotwendigkeiten also, so weit modelt, daß er sich ihnen überlassen kann, daß sie ihn nicht zum Tiere erniedrigen, daß er sie wieder heraufgehoben hat, dann begegnen sie sich eben in der Mitte. Die. Vernunftnotwendigkeit steigt um eine Stufe herunter, die Naturnotwendigkeit um eine Stufe herauf, sie begegnen sich in der Mitte. Und der Mensch, indem er sich nach dem richtet, was ihm gefällt und mißfällt, ist in einem Zustande, wo er weder der einen noch der andern Notwendigkeit unterliegt, wo er dasjenige vollziehen darf, was ihm gefällt, weil ihm eben das Gute gefällt, weil er zu gleicher Zeit mit seinen Sinnen das Gute begehrt.
[ 11 ] Schiller thus sees human beings situated between the necessity of reason and the necessity of nature, and he sees a balance between these two states in what he calls the aesthetic state. There, man, so to speak, subordinates the necessity of reason to what pleases and displeases him—in which he is, in a certain sense, free. And when he shapes his drives, his instincts—that is, the necessities of nature—to such an extent that he can surrender to them without being reduced to the level of an animal, having thereby elevated them once more, then they meet precisely in the middle. The necessity of reason descends one step, the necessity of nature ascends one step; they meet in the middle. And man, by acting in accordance with what pleases and displeases him, is in a state where he is subject to neither one necessity nor the other, where he is free to do what pleases him, precisely because the good pleases him, because at the same time he desires the good with his senses.
[ 12 ] Das ist natürlich eine ganz philosophisch-abstrakte Darstellung, die Schiller gegeben hat. Goethe gefiel der Gedanke außerordentlich, aber ihm war wiederum klar: So kommt man dem Menschenrätsel natürlich nicht bei. Goethe wird ganz gewiß das außerordentlich Geistvolle tief empfunden haben, denn es gehört zu den besten Abhandlungen der neueren Zeit, was Schiller in diesen Briefen «Über die ästhetische Erziehung» geleistet hat. Goethe hat dieses Großartige, dieses Gewaltige des Gedankens gefühlt. Aber er hat zu gleicher Zeit gefühlt: Aus solchen Gedanken heraus kann man überhaupt nichts gestalten, was dem Menschenwesen irgendwie beikommt. Das Menschenwesen ist zu reich, um ihm mit solchen Gedanken beizukommen.
[ 12 ] This, of course, is a highly philosophical and abstract account that Schiller provided. Goethe was extremely taken with the idea, but he, in turn, realized that this, of course, does not get to the heart of the mystery of human nature. Goethe must certainly have deeply appreciated the extraordinary intellectual depth of Schiller’s work, for what Schiller accomplished in these letters, On Aesthetic Education, ranks among the finest treatises of modern times. Goethe sensed the grandeur and power of this thought. But at the same time, he realized that such thoughts cannot be used to create anything that truly resonates with the human being. Human nature is too rich to be grasped by such thoughts.
[ 13 ] Schiller hat, wenn ich so sagen darf, gefühlt: Ich stehe im intellektualistischen Zeitalter. Gerade durch den Intellektualismus wird der Mensch unfrei, denn das ist Vernunftnotwendigkeit. — Er sucht also eigentlich in dem ästhetischen Schaffen, in dem ästhetischen Genießen den Ausweg. Goethe hatte ein Gefühl für das unendlich Reiche, Inhaltsvolle der menschlichen Natur. Er konnte sich nicht zufriedengeben mit der allerdings geistvollen, tiefen Auffassung von Schiller. Daher fühlte er sich genötigt, in seiner Art auszudrücken, was da im Menschen eigentlich für Kräfte zusammenspielen. Nicht nur seiner Natur nach, sondern seiner ganzen Auffassung nach hat Goethe das nicht in der Form von abstrakten Begriffen geben können, sondern er schrieb dann unter dem Einflusse der Schillerschen Gedanken dieser Art sein «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie», wo wir eine ganze Menge, etwa zwanzig Gestalten, auftauchen sehen, die alle irgend etwas mit Seelenkräften zu tun haben und die nun zusammenwirken, nicht nur als Vernunftnotwendigkeit und Naturnotwendigkeit, sondern die als zwanzig verschiedene Impulse zusammenwirken, um endlich in der mannigfaltigsten Weise dasjenige zu gestalten, was die reiche Natur des Menschen bedeutet.
[ 13 ] Schiller, if I may put it this way, sensed: I am living in an age of intellectualism. It is precisely through intellectualism that human beings become unfree, for this is a necessity of reason. — So he actually seeks a way out in aesthetic creation, in aesthetic enjoyment. Goethe had a sense of the infinite richness and depth of human nature. He could not be satisfied with Schiller’s conception, however spirited and profound it was. Therefore, he felt compelled to express, in his own way, the forces that actually interact within human beings. Not only by his very nature, but also in accordance with his entire worldview, Goethe was unable to convey this in the form of abstract concepts; instead, under the influence of Schiller’s ideas of this kind, he wrote his “Fairy Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily,” in which we see a whole host—about twenty figures—appear, all of whom have something to do with the powers of the soul and who now interact, not merely as a necessity of reason or nature, but as twenty different impulses working together to ultimately shape, in the most manifold ways, what constitutes the rich nature of the human being.
[ 14 ] Da kommt vor allen Dingen auch das in Betracht, daß Goethe es eben aufgab, überhaupt in abstrakten Begriffen über die Menschenwesenheit zu sprechen. Goethe fühlte sich gedrängt, von den Begriffen wegzugehen. Wenn man das Verhältnis Schillers zu Goethe charakterisieren will mit Bezug auf die Ästhetischen Briefe und auf das Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie, muß man eigentlich das Folgende sagen: Goethe hat ja direkt unter dem Einfluß von Schillers Ästhetischen Briefen dieses Märchen geschrieben. Also er wollte dieselben Fragen von seinem Gesichtspunkte, von seiner Empfindung aus beantworten. Das kann man nachweisen. Das habe ich längst historisch auch nachgewiesen, und das leuchtete auch ein. Und will man nun vollständig das, was da sich abspielte zwischen den beiden Persönlichkeiten, darstellen, so müßte man sagen: In alten Zeiten, als die Menschen, wenn sie erkennen wollten, sich noch von den Wesenheiten der geistigen Welt besuchen ließen, als sie noch in ihren Erkenntniswerkstätten — verzeihen Sie, wenn ich den spießbürgerlichen Ausdruck gebrauche — arbeiteten, um hinter die Geheimnisse der Welt zukommen, da war es anders als heute, da konnte sich der Mensch als ein Verwandter dieser geistigen Wesenheiten fühlen, die ihn besuchten. In diese Erkenntniswerkstätten herein drangen die geistigen Wesenheiten, die Faust wiederum sucht. Der Erdgeist und allerlei andere geistige Wesenheiten kommen ja zu Faust herein. Da wußte er: Ich lebe jetzt allerdings auf der Erde, muß mich des Instrumentes eines physischen Leibes bedienen, aber vor der Geburt und nach dem Tode bin ich ein solches Wesen, wie diejenigen sind, die mich da besuchen. — Also er wußte, er hat zwar einen Aufenthaltsort gesucht für das Erdenleben, das ihn von der geistigen Welt trennt, aber diese geistige Welt besucht ihn. Er wußte sich dieser geistigen Welt dennoch verwandt. Das gab dem Menschen ein Bewußtsein seines eigenen Wesens.
[ 14 ] Above all, one must also consider the fact that Goethe had simply given up speaking in abstract terms about human existence. Goethe felt compelled to move away from such concepts. If one wishes to characterize Schiller’s relationship to Goethe with reference to the Aesthetic Letters and the fairy tale of the Green Snake and the Beautiful Lily, one must actually say the following: Goethe wrote this fairy tale directly under the influence of Schiller’s Aesthetic Letters. In other words, he wanted to answer the same questions from his own perspective, based on his own feelings. This can be proven. I have long since demonstrated this historically, and it also makes perfect sense. And if one now wishes to fully describe what took place between these two personalities, one would have to say: In ancient times, when people, in their quest for knowledge, still allowed themselves to be visited by beings from the spiritual world—when they were still working in their “workshops of knowledge”—forgive me for using this bourgeois expression—to uncover the mysteries of the world, things were different than they are today; back then, a person could feel a kinship with these spiritual beings who visited them. The spiritual beings that Faust seeks once again entered these “workshops of knowledge.” The Earth Spirit and all manner of other spiritual beings do, after all, come to Faust. Then he knew: I do indeed live on Earth now and must make use of the instrument of a physical body, but before birth and after death I am a being just like those who visit me here. — So he knew that, although he had sought a place of residence for his earthly life—which separates him from the spiritual world—this spiritual world visits him. He nevertheless felt a kinship with this spiritual world. This gave the human being an awareness of his own being.
[ 15 ] Nehmen wir einmal an, Schiller wäre etwa in den Jahren 1794, 1795 zu Goethe gekommen und hätte gesagt: Sehen Sie, ich habe nun die Briefe «Über die ästhetische Erziehung des Menschen» geschrieben; ich habe versucht, aus dem modernen Intellektualismus heraus dem Menschen wiederum die Möglichkeit zu geben, sich als Mensch zu fühlen. Ich habe die Ideen gesucht, die man haben muß, um von der wirklichen menschlichen Wesenheit zu sprechen. Diese Ideen sind in den Briefen über die ästhetische Erziehung enthalten. — Goethe würde das gelesen haben, würde dann das nächstemal, wenn er Schiller wieder getroffen hätte, haben sagen können: «Ja, lieber Freund, das ist sehr schön, was Sie da gemacht haben. Sie haben dem Menschen wiederum einen Begriff von seiner Würde vor Augen gehalten; aber so geht es doch nicht. Der Mensch ist doch ein geistiges Wesen, und die Geister ziehen sich, wie vor dem Licht, so auch vor den Begriffen, die ja nichts anderes sind als eine andere Form des gewöhnlichen Tageslichtes, zurück. Also da muß anders verfahren werden. Man muß von den Begriffen wieder zu etwas anderem gehen.»
[ 15 ] Let’s suppose that Schiller had come to Goethe around 1794 or 1795 and said: “Look, I have now written the letters ‘On the Aesthetic Education of Man’; I have tried, moving beyond modern intellectualism, to give people the opportunity once again to feel like human beings. I have sought out the ideas one must have in order to speak of true human nature. These ideas are contained in the letters on aesthetic education. — Goethe would have read this, and the next time he met Schiller, he might have said: “Yes, dear friend, what you have done there is very beautiful. You have once again held before people’s eyes a concept of their dignity; but that is not the way to go about it. Human beings are, after all, spiritual beings, and spirits withdraw—just as they do from light—from concepts, which are, after all, nothing other than another form of ordinary daylight. So a different approach is needed here. One must move away from concepts and toward something else.”
[ 16 ] Das, was ich so in eine konkrete Sprache übersetze, das können Sie verfolgen in Goethes und Schillers Briefwechsel. Es steht alles da, wenn es auch nur in einzelnen Andeutungen dasteht. Und Goethe schrieb darüber sein «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie», das nun darstellen sollte, wie die seelischen Kräfte im Menschen eben wirken. Damit har Goethe das Bekenntnis abgelegt: Man muß, wenn man über den Menschen und seine Wesenheit sprechen will, zu Bildern aufsteigen. — Das aber ist der Weg zur Imagination. Goethe hat also einfach damit hingewiesen auf den Weg zu der imaginativen Welt. Und deshalb ist dieses «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie» so außerordentlich wichtig, weil es zeigt, daß Goethe aus seinem Ringen heraus, wie er es auch in seinen «Faust» gelegt hat, gerade in einem wichtigsten Momente sich auf den Weg zu den Imaginationen hin gedrängt fühlte.
[ 16 ] What I am translating into concrete language here, you can trace in Goethe’s and Schiller’s correspondence. It’s all there, even if only in isolated hints. And Goethe wrote his “Fairy Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily” about this, which was intended to illustrate precisely how the soul forces work within human beings. With this, Goethe made a declaration: if one wishes to speak about human beings and their essence, one must rise to the level of images. — And that is the path to imagination. Goethe thus simply pointed the way to the imaginative world. And that is why this “Fairy Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily” is so extraordinarily important, because it shows that, out of his inner struggle—as he also expressed in his “Faust”—Goethe felt compelled, at a crucial moment, to set out on the path toward the realm of imagination.
[ 17 ] Goethe wäre es philosophisch erschienen, wenn man gesagt hätte: Im Menschen wirken zusammen Denken, Fühlen und Wollen. — So hat er nicht gesagt, sondern er stellte dar, wie an einem gewissen Orte die drei Könige vorhanden sind, der goldene, der silberne und der eherne König. In diesen Bildern liegt für ihn etwas, was sich in Begriffen nicht ausdrücken läßt. Wir sehen also Goethe auf dem Wege zum imaginativen Leben hin. Und hier berühren wir eine der allerallertiefsten Fragen, die Goethe eigentlich beschäftigten. Es ist bei Goethe so, daß er über die eigentliche Tiefe der Frage wohl überhaupt zu niemandem gerne sprach. Aber man kann erkennen, wie ihn diese Frage beschäftigte. An den mannigfaltigsten Stellen kommt es heraus, wie ihn die Frage beschäftigte: Was hat der Mensch eigentlich davon, wenn er von seinem Denken aus hinter sein eigenes Wesen kommen will, von jenem Denken, zu dem eben der Intellektualismus gekommen ist? Was hat der Mensch davon? Manchmal tritt die ganze Schwere dieses Erdenrätsels, das ja natürlich ein Epochenrätsel ist denn es konnte dieses Rätsel in der starken Form eben nur in dieser Epoche hervortreten —, in paradoxen Worten auf. So zum Beispiel lesen Sie im «Faust»:
[ 17 ] Goethe would have found it philosophical if someone had said: “Thinking, feeling, and willing work together in human beings.” — He did not put it that way, but rather described how, in a certain place, the three kings are present: the golden king, the silver king, and the bronze king. For him, these images contain something that cannot be expressed in concepts. We thus see Goethe on the path toward an imaginative life. And here we touch upon one of the very, very deepest questions that actually preoccupied Goethe. With Goethe, it is the case that he was generally reluctant to speak to anyone at all about the true depth of the question. But one can see how this question preoccupied him. In the most varied passages, it becomes clear how the question preoccupied him: What does a human being actually gain when he seeks, through his thinking, to go beyond his own being—through that very thinking to which intellectualism has arrived? What does a human being gain from this? Sometimes the full weight of this earthly enigma—which is, of course, an enigma of an entire epoch, for this enigma could only emerge in such a powerful form during this particular epoch—is expressed in paradoxical terms. For example, in Faust you read:
Die hohe Kraft
Der Wissenschaft
Der ganzen Welt verborgen!
Und wer nicht denkt,
Dem wird sie geschenkt,
Er hat sie ohne Sorgen.
The great power
Hidden from science
And from the whole world!
And to those who do not think,
It is given as a gift,
They have it without a care.
[ 18 ] Es ist ein außerordentlich tiefes Wort, wenn es auch die Hexe sagt: Die hohe Kraft der Wissenschaft — der ganzen Welt verborgen! Wer nicht denkt — also dem, der nicht denkt —, dem wird sie geschenkt! Man kann also eigentlich noch so viel denken, so bleibt einem die hohe Kraft der Wissenschaft verborgen. Wenn man es dazu bringt, nicht zu denken, da wird sie einem geschenkt: man hat sie ohne Sorgen. Man müßte also eigentlich die Kraft entwickeln, nicht zu denken, in irgendeiner kunstvollen Weise nicht zu denken, um — nicht etwa zu der Wissenschaft zu kommen, zu der kann man ja natürlich nicht ohne Denken kommen —, aber um zu der Kraft der Wissenschaft zu kommen.
[ 18 ] It is an extraordinarily profound statement, even if it is the witch who says it: The great power of science—hidden from the whole world! To those who do not think—that is, to those who do not think—it is given as a gift! So no matter how much one thinks, the great power of science remains hidden from them. If one manages to stop thinking, then it is bestowed upon one: one possesses it without worry. One would therefore actually have to develop the ability not to think—to refrain from thinking in some artful way—not in order to arrive at science (for one cannot, of course, arrive at science without thinking), but in order to arrive at the power of science.
[ 19 ] Goethe weiß, daß diese Kraft der Wissenschaft in dem Menschen wirkt. Er weiß, sie wirkt schon in dem kleinen Kinde, das noch nicht denkt. Man hat es mir ja besonders übelgenommen, daß ich in meinem Buche «Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit» gleich auf den ersten Seiten darauf aufmerksam gemacht habe, daß, wenn der Mensch durch seine Gedanken all die geistvollen Dinge in der Gestaltung des menschlichen Leibes ausführen müßte durch die Kraft, die auch in der Wissenschaft waltet, bewußt ausführen wollte —, daß er dann schon recht alt werden könnte und doch nicht zu jenen feinen plastisch-künstlerischen Gestaltungskräften kommen würde! So ist ja die Kraft der Wissenschaft schon notwendig, um dieses Gehirn in den ersten kindlichen Jahren von einem ziemlich formlosen Klumpen zu jener grandiosen Gestaltung zu bringen, in die es eben gebracht werden muß.
[ 19 ] Goethe knows that this power of science is at work within human beings. He knows it is already at work in the small child who does not yet think. People have taken particular offense at the fact that, in my book The Spiritual Guidance of Man and Humanity I pointed out right on the first few pages that if a person were to consciously carry out, through his thoughts, all the spiritual elements in the formation of the human body—using the power that also governs science—he could grow quite old and still not attain those subtle, sculptural-artistic powers of formation! Indeed, the power of science is already necessary to transform this brain, in the early years of childhood, from a rather formless mass into that magnificent form into which it must be shaped.
[ 20 ] Es ist ein Problem, das Goethe tief beschäftigt. Natürlich, ein bloßes stumpfes Nichtdenken meint er nicht, aber er ist sich klar darüber: Wenn man sich durch das intellektualistische Denken nicht den Zusammenhang mit der Kraft der Wissenschaft stört, dann muß man zu ihr kommen. — Eigentlich läßt er den Faust von Mephisto aus diesem Grunde in die Hexenküche führen. Über diese Dinge wird nur immer kommentarisch über die Ecke herüber geredet, verrenkt geredet. Man kennt Goethe schlecht, wenn man das, was er selbst in einer solchen Szene wie in der Hexenküche will, nicht mit einem gewissen Empfinden des Goetheschen Wesens verstehen will. Faust wird der Verjüngungstrank gereicht. Gewiß, das ist durchaus in realistischem Sinne aufzufassen, daß er einen solchen Verjüngungstrank bekommt, aber wenn man sich Goethe danebenstehend denkt und die Hexe sagt:
[ 20 ] It is a problem that deeply preoccupies Goethe. Of course, he does not mean mere, mindless non-thinking, but he is clear on this: If one does not allow intellectualistic thinking to disrupt one’s connection with the power of science, then one must turn to it. — In fact, this is why he has Mephisto lead Faust into the witches’ kitchen. These matters are always discussed only in passing, in a roundabout and contorted way. One knows Goethe poorly if one refuses to understand what he himself intends in a scene such as the witches’ kitchen with a certain sense of Goethe’s essence. Faust is handed the elixir of youth. Certainly, the fact that he receives such an elixir is to be understood in a thoroughly realistic sense, but if one imagines Goethe standing nearby and the witch says:
Du mußt verstehn!
Aus Eins mach Zehn,
Und Zwei laß gehn,
Und Drei mach gleich,
So bist du reich.
Verlier die Vier!
Aus Fünf und Sechs
So sagt die Hex
Mach Sieben und Acht,
So ist’s vollbracht:
Und Neun ist Eins.
Und Zehn ist keins.
You have to understand!
Turn one into ten,
Let two go,
And make three the same,
Then you'll be rich.
Lose the four!
From five and six
So says the witch
Make seven and eight,
Then it’s done:
And nine is one.
And ten is none.
[ 21 ] Und wenn man Goethe, so wie er war, empfinden kann, so muß man eben sagen: Es hätte nun einer kommen können und fragen: «Warum lassen Sie denn da das Hexen-Einmaleins sagen?» — Dann würde Goethe vielleicht gesagt haben, wenn er dazu aufgelegt gewesen wäre, denn er sprach über diese Dinge nicht gerne: «Ja, die hohe Kraft der Wissenschaft, der ganzen Welt verborgen! Und wer nicht denkt, dem wird sie geschenkt». Nun, das Denken wird einem vergehen, wenn einem gesagt wird: «Aus Eins mach Zehn, und Zwei laß gehn, und Drei mach gleich, so bist du reich» — und so weiter. Da hört das Denken auf! Da kommt man schon in einen solchen Zustand hinein, daß man die hohe Kraft der Wissenschaft ohne das Denken geschenkt bekommen kann. — Diese Dinge spielen natürlich immer in den Goetheschen «Faust» und in die Goethesche Dichtung hinein.
[ 21 ] And if one can understand Goethe as he was, then one simply has to say: Someone could have come along and asked, “Why do you let them recite the witch’s multiplication table there?” — Then Goethe might have said—if he’d been in the mood, for he didn’t like to talk about such things—“Yes, the lofty power of science, hidden from the whole world! And to those who do not think, it is given.” Well, one’s ability to think will vanish when one is told: “Make ten out of one, let two go, and make three equal—then you’ll be rich”—and so on. That’s where thinking stops! That’s when you enter a state in which you can be granted the sublime power of science without having to think. — These themes, of course, always play a role in Goethe’s Faust and in Goethe’s poetry.
[ 22 ] Also Goethe stand vor diesem Problem, das für ihn etwas außerordentlich Tiefes war. Denn, was hat der Faust eigentlich nicht, und was bekommt er durch die Hexenküche? Was hat er vorher nicht? Wenn Sie sich diesen Faust denken, wie er etwa der Lehrer des Hamlet gewesen sein kann, der sich angewidert fühlt von Philosophie, Juristerei, Medizin und Theologie, der zu der Magie greift — wenn Sie ihn sich vorstellen, wie er dann auch in der Osterszene vor uns steht, dann müssen Sie sich sagen: Eines fehlt jedenfalls diesem Faust, eines, was Goethe hatte. Goethe kam nie zurecht damit; er fühlte sich als Faust, aber er mußte sich sagen: Ja, das alles ist in mir, was ich da in diesen Faust hineingelegt habe, aber ich habe noch etwas anderes in mir. Darf ich denn das haben? — Der Faust hat nämlich keine Phantasie, und Goethe hatte Phantasie. Die Phantasie bekommt nämlich Faust erst durch die Hexenküche, durch den Verjüngungstrank. Goethe hat sich gewissermaßen die Frage beantwortet: Wie ist es, wenn man mit Phantasie in die Weltengeheimnisse eindringen will? — Denn das war die hervorragendste Kraft, die Goethe selber hatte.
[ 22 ] So Goethe was faced with this problem, which was something extraordinarily profound for him. For what does Faust actually lack, and what does he gain from the witches’ cauldron? What does he lack beforehand? If you picture this Faust—as he might have been, for example, Hamlet’s teacher, who feels repulsed by philosophy, law, medicine, and theology, and who turns to magic—if you imagine him as he then stands before us in the Easter scene, then you must say to yourself: One thing is certainly missing from this Faust, one thing that Goethe had. Goethe never quite came to terms with it; he felt like Faust, but he had to admit to himself: Yes, everything I’ve put into this Faust is within me, but I have something else inside me as well. Am I allowed to have that?—For Faust, you see, has no imagination, whereas Goethe did. Faust only acquires imagination through the witches’ kitchen, through the elixir of youth. Goethe, in a sense, answered the question for himself: What is it like to penetrate the mysteries of the world with imagination? — For that was the most outstanding power that Goethe himself possessed.
[ 23 ] Nun war er sich in seiner Jugend durchaus nicht klar, ob man da nicht ganz ins Leere tappt, wenn man mit der Phantasie in Weltengeheimnisse hinein will. Das ist schon die Faust-Frage. Denn die ganz trockene Intellektualität, die lebt nur in Spiegelbildern. Sobald man zur Phantasie kommt, so ist man schon um eine Stufe näher den Wachstumskräften des Menschen, den Kräften, die einen durchziehen. Da kommt man schon, wenn auch nur von der Ferne, in die plastischen Kräfte hinein, die zum Beispiel auch das Gehirn in der Kindheit plastisch machen. Da ist ja nur noch eine Stufe von der Phantasie zur Imagination! Aber das war gerade für Goethe die Hauptfrage.
[ 23 ] In his youth, however, he was by no means certain whether one might not be groping in the dark when attempting to use the imagination to penetrate the mysteries of the world. That is, after all, the question posed by Faust. For purely dry intellectualism exists only in reflections. As soon as one turns to the imagination, one is already one step closer to the forces of human growth—the forces that permeate one’s being. There, one enters—albeit only from a distance—into the formative forces that, for example, also make the brain malleable in childhood. There is, after all, only one step from the imagination to the creative imagination! But that was precisely the central question for Goethe.
[ 24 ] Nun läßt er den Faust in die Hexenküche eintreten, damit er das verflixte Denken ablegt, das zwar zur Wissenschaft, aber nicht zur Kraft der Wissenschaft führt, damit er gewissermaßen leben darf im Reiche der Phantasie. Und von da ab entwickelt Faust eben die Kraft der Phantasie auch. Goethe erwirbt gewissermaßen für den Faust das Recht zur Phantasie durch den 'Irank in der Hexenküche. Und die Verjüngung besteht ja in nichts anderem, als daß Faust nicht bei den trockenen Kräften bleibt, die er als etwa, sagen wir, fünfunddreißigjähriger Professor hatte, sondern daß er zurückkehrt zu seiner Jugend und die jugendlichen Gestaltungskräfte, die Wachstumskräfte heraufnimmt in die Seele. Denn wo Phantasie vorhanden ist, da leben eben die jugendlichen Gestaltungskräfte in dem Seelischen fort.
[ 24 ] Now he has Faust enter the witches’ kitchen so that he may cast off that accursed way of thinking—which leads to science, but not to the power of science—so that he may, as it were, live in the realm of the imagination. And from that point on, Faust develops the power of imagination as well. Goethe, in a sense, secures for Faust the right to imagination through his “stay” in the witches’ kitchen. And this rejuvenation consists of nothing other than the fact that Faust does not remain stuck in the arid faculties he possessed as, say, a thirty-five-year-old professor, but rather returns to his youth and draws the youthful creative forces—the forces of growth—up into his soul. For where imagination exists, the youthful creative forces live on in the soul.
[ 25 ] Das alles war in Goethe veranlagt, denn die Hexenküche hat Goethe schon etwa 1788 geschrieben. Das war also in ihm veranlagt, es brodelte in ihm, das verlangte nach Lösung. Aber durch Schiller bekam er einen neuen Impuls. Er wurde hingedrängt auf den Weg nach der Imagination hin. Schiller selbst lag es zunächst noch fern, nach der Imagination hin zu gehen. Aber Schiller suchte dann im «Wallenstein» und in der «Braut von Messina» das Kosmische. Er versuchte, hinter die unterbewußten Kräfte des menschlichen Wesens zu kommen in der «Jungfrau von Orleans».
[ 25 ] All of this was already present within Goethe, for he had written The Witches’ Kitchen as early as about 1788. So it was inherent in him; it was bubbling within him, demanding a resolution. But through Schiller, he received a new impulse. He was impelled onto the path toward the Imagination. At first, Schiller himself was still far from turning toward the realm of the imagination. But Schiller then sought the cosmic in Wallenstein and The Bride of Messina. He attempted to delve into the subconscious forces of the human being in The Maid of Orleans.
[ 26 ] Die ganze Tiefe des Ringens, die da waltete, sieht man ein, wenn man sich sagt: Man nehme einmal das «Demetrius»-Fragment, von dem Schiller ja mit dem Tode hinweggegangen ist. Dieses «Demetrius»-Fragment übersteigt an dramatischer Kraft alles, was Schiller sonst geschrieben hat. Schiller hatte im Pulte noch den Entwurf zu den «Maltesern». Dieses Malteserdrama, wenn es Schiller hätte gestalten können, wäre wahrscheinlich auch etwas ganz Großartiges geworden. Der Kampf der Malteserritter, dieses geistlichen Ritterordens ähnlich dem Templerorden, gegen den Sultan Soliman — dabei entfaltet sich das ganze Prinzip des Malteserordens. Es ist zweifellos, wenn Schiller das einmal ausgeführt hätte, wäre er vor die Frage gedrängt worden: Wie kann man wiederum dazu kommen, die Anschauung der geistigen Welt hereinzubringen in das menschliche Schaffen? Denn die Frage stand ja schon ganz lebendig vor ihm da.
[ 26 ] One can fully appreciate the depth of the struggle that raged there when one considers the “Demetrius” fragment, which Schiller took with him to the grave. This “Demetrius” fragment surpasses everything else Schiller ever wrote in terms of dramatic power. Schiller still had the draft for The Maltese in his desk. This Maltese drama, had Schiller been able to complete it, would likely have become something truly magnificent as well. The struggle of the Knights of Malta—this spiritual order of knights, similar to the Knights Templar—against Sultan Suleiman—this is where the entire principle of the Order of Malta unfolds. There is no doubt that, had Schiller ever carried this out, he would have been forced to confront the question: How, in turn, can one succeed in bringing the perspective of the spiritual world into human creative work? For the question was already standing before him, very much alive.
[ 27 ] Und Schiller stirbt hinweg. Goethe hat die Anregung nicht weiter. Später, angeregt durch Eckermann — der ja weniger geistvoll als Schiller war, um das so auszudrücken —, vollendete er seinen «Faust»; den zweiten Teil, etwa vom Jahre 1824 an, bis zum 'Tode. Kurz vor dem Tode siegelt er ihn ja ein. Es ist ein nachgelassenes Werk. Wir haben in der verschiedensten Weise diesen zweiten Teil des «Faust» betrachtet. Tief bedeutsame, grandiose Einblicke in mannigfaltige Geheimnisse der geistigen Welt, das ist die eine Seite. Man kann natürlich nach dieser Seite hin nicht genug tun, man muß versuchen, ihn von den höchsten Standpunkten aus zu verstehen. Aber es kommt noch etwas anderes in Betracht. Goethe fühlte sich gedrungen, diese Faust-Dichtung zu Ende zu führen. Betrachten wir einmal die Entwickelung der Faust-Figur. Wir könnten noch eine Phase weiter zurückgehen. In der Cyprianus-Gestalt habe ich Ihnen eine solche Phase vorgeführt, und im 9. Jahrhundert entsteht die Bearbeitung der Theophilus-Sage. Theophilus ist durchaus eine Art Faust des 8., 9. Jahrhunderts. Er geht einen Pakt, einen Vertrag ein mit dem Satan, und es ergeht ihm ganz ähnlich wie dem Faust.
[ 27 ] And Schiller passes away. Goethe no longer has that inspiration. Later, inspired by Eckermann—who, to put it this way, was less witty than Schiller—he completed his Faust; the second part, beginning around 1824, until his death. Shortly before his death, he put the finishing touches on it. It is a posthumous work. We have examined this second part of Faust in a wide variety of ways. Profoundly significant, magnificent insights into the manifold mysteries of the spiritual world—that is one aspect. Of course, one cannot do enough in this regard; one must try to understand it from the highest perspectives. But there is something else to consider as well. Goethe felt compelled to bring this Faust epic to a conclusion. Let us consider the development of the Faust character. We could go back one more phase. I have already presented such a phase to you in the figure of Cyprian, and in the 9th century the adaptation of the Theophilus legend emerged. Theophilus is certainly a kind of Faust of the 8th and 9th centuries. He enters into a pact, a contract, with Satan, and his fate is very similar to that of Faust.
[ 28 ] Nehmen wir diesen 'Theophilus, diesen Faust des 9. Jahrhunderts, und nehmen wir den sagenhaften Faust des 16. Jahrhunderts, an den Goethe doch angeknüpft hat. Das 9. Jahrhundert verdammt tief den Pakt mit dem Teufel. Theophilus wendet sich zuletzt an die Jungfrau Maria und wird erlöst von allem, dem er verfallen wäre, wenn der Vertrag mit dem Satan in Erfüllung gegangen wäre. Das 16. Jahrhundert macht die Faust-Sage «protestantisch», das heißt, es wird nicht in positiver Weise dargestellt wie in der Theophilus-Sage, wo die Anlage zur Verdammung da ist, aber die Erlösung durch die Jungfrau Maria dazukommt — es wird protestiert. Es wird in der Weise, wie es dem Protestantismus entspricht, die Faust-Sage dargestellt. Faust schließt seinen Pakt mit dem Teufel und verfällt ihm auch.
[ 28 ] Let us take this “Theophilus,” this Faust of the 9th century, and let us take the legendary Faust of the 16th century, to whom Goethe did, after all, draw inspiration. The 9th century condemns the pact with the devil in the strongest terms. Theophilus ultimately turns to the Virgin Mary and is redeemed from everything he would have fallen prey to had the contract with Satan been fulfilled. The 16th century makes the Faust legend “Protestant”—that is, it is not portrayed in a positive light as in the Theophilus legend, where the predisposition toward damnation is present but redemption through the Virgin Mary is added—instead, it is rejected. The Faust legend is portrayed in a manner consistent with Protestantism. Faust makes his pact with the devil and falls prey to him as well.
[ 29 ] Lessing schon und Goethe machen wiederum dagegen Protest. Das kann nicht so sein, daß der Mensch, der eben mit den weltlichen Mächten und innerhalb der Wirkungsweise der weltlichen Mächte sich in die Hand der Satansgestalt begibt und auf dessen Pakt eingeht, daß ein solcher Mensch, weil er aus Wissensdrang handelt, durchaus zugrunde gehen müsse. Goethe protestiert gegen diese Auffassung, gegen diese protestantische Auffassung der Faust-Sage. Er will Faust retten. Während er im ersten Teil dieSache noch so dargestellt hat, daß er eigentlich die Konzession an den Untergang des Faust gemacht hat — denn im ersten Teil geht ja Faust zugrunde —, kann aber Goethe dabei nicht stehenbleiben: Faust muß gerettet werden. Nun führt uns Goethe in grandioser Weise durch die Erlebnisse, die im zweiten Teil des «Faust» geschildert sind. Wir sehen die innere kraftvolle Wesenheit des Menschen sich geltend machen: «In deinem Nichts hoff’ ich das Allzu finden!» Man braucht sich nur an solche Worte zu erinnern, die eine gesunde, kraftvolle Menschennatur dem Verderber entgegenstellt.
[ 29 ] Lessing, however, and Goethe, in turn, protest against this. It cannot be that a person who, in conjunction with worldly powers and within the sphere of their influence, places himself in the hands of the figure of Satan and enters into a pact with him—that such a person, simply because he acts out of a thirst for knowledge, must inevitably perish. Goethe protests against this view, against this Protestant interpretation of the Faust legend. He wants to save Faust. While in the first part he still presented the matter in such a way that he had, in effect, conceded to Faust’s downfall—for in the first part, Faust does indeed perish—Goethe cannot leave it at that: Faust must be saved. Now Goethe leads us in a magnificent way through the experiences described in the second part of Faust. We see the inner, powerful essence of the human being asserting itself: “In your nothingness I hope to find the whole!” One need only recall such words, which set a healthy, powerful human nature in opposition to the corrupter.
[ 30 ] Wir sehen, wie Faust die ganze Geschichte, bis zum Griechentum, durchmacht. Faust darf nicht zugrunde gehen. Und Goethe macht alle Anstrengungen, zu Bildern zu kommen, zu Bildern, die zwar in anderer Form gestaltet sind, aber die er doch aus dem katholischen Kultus, aus der katholischen Symbolik nimmt. Und wenn Sie das, was speziell goethisch-imaginativ ist, zu dem er sich durch ein ganzes, so reiches Menschenleben, wie es eben das Goethe-Leben war, hinaufgearbeitet hat, wenn Sie das wegnehmen, dann sind Sie wieder bei der Theophilus-Sage, dann sind Sie wieder zurückgekehrt zu dem 9. Jahrhundert. Denn es ist zuletzt die «Flimmelskönigin, die sich im Glanze naht». Und wenn man das spezifisch Goethesche wegnimmit, hat man wiederum den Theophilus der seligen Nonne Hrosvitha vor sich, natürlich nicht genau dasselbe, aber doch etwas, das eben noch nicht zu einer selbständigen Gestaltung des dichterischen Problems gelangt ist, sondern das noch Anleihen machen muß bei dem Früheren.
[ 30 ] We see how Faust works his way through the entire history, all the way back to Greek antiquity. Faust must not perish. And Goethe makes every effort to arrive at images—images that, while shaped in a different form, are nonetheless drawn from Catholic worship and Catholic symbolism. And if you take away what is specifically Goethean in its imagination—what he worked his way up to through an entire, rich human life, such as Goethe’s was—if you take that away, then you are back at the Theophilus legend; then you have returned to the 9th century. For in the end, it is the “Queen of Shimmer who approaches in splendor.” And if one removes what is specifically Goethean, one is once again faced with the Theophilus of the blessed nun Hrosvitha—not exactly the same, of course, but something that has not yet attained an independent treatment of the poetic problem, but must still borrow from what came before.
[ 31 ] Sie sehen also, wie bei einer so großen Persönlichkeit wie Goethe alles Streben darauf gerichtet ist, wiederum einen Zugang zur geistigen Welt zu finden. Im «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie» sucht er die Imagination, die den Menschen begreiflich machen soll. In seinem «Faust» sucht er auch zur Imagination zu kommen, aber er kann nicht zur selbständigen Imagination kommen, er muß noch die katholische Symbolik zu Hilfe nehmen. So daß sogar sein Schlußtableau noch eine Ähnlichkeit mit der ungeschickten Darstellung der Hrosvitha aus dem 9. Jahrhundert verrät, nur natürlich ausgeführt von einem der größten Dichter.
[ 31 ] So you see how, in the case of such a great figure as Goethe, all his efforts are directed toward regaining access to the spiritual world. In “The Fairy Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily,” he seeks the imagination that is meant to make things comprehensible to human beings. In his Faust, he also seeks to arrive at imagination, but he cannot attain independent imagination; he must still rely on Catholic symbolism. Thus, even his final scene still bears a resemblance to Hrosvitha’s clumsy 9th-century depiction—albeit executed with natural grace by one of the greatest poets.
[ 32 ] Man muß schon auf diese verschlungenen Wege hinweisen, welche die geistige Geschichte der Menschheit gegangen ist, um zu einem Begriff davon zu kommen, was alles in dieser Geistesgeschichte wirkt. Denn dann erst geht einem auf, wie, ich möchte sagen durch die Menschheitsgeschichte hindurch Karma wirkt. Man braucht sich nur einmal hypothetisch vor Augen zu stellen, daß die Dinge, die nicht geschehen sind, geschehen wären — nicht um rückwärts die Geschichte zu korrigieren, sondern um sich das, was eben da ist, begreiflich zu machen. Stellen Sie sich zum Beispiel vor, Schiller, der bei seinem Tode noch ein junger Mann war, hätte weitergelebt. Die «Malteser» hatte er im Pulte; den «Demetrius» arbeitete er eben aus. Im Zusammenhang mit Goethe entwickelte sich gerade die höchste Geistigkeit in ihm, die erst bei beiden zusammen lebt. Es riß der Faden. Was Goethe anstrebte, was er nicht vermochte, sieht man, wenn man den zweiten Teil des «Wilhelm Meister», wenn man die «Wahlverwandtschaften» nimmt. Goethe strebte überall danach, den Menschen einzugliedern in einen großen geistigen Zusammenhang. Allein konnte er es nicht mehr. Schiller war ihm genommen.
[ 32 ] One must point out these winding paths that the spiritual history of humanity has taken in order to gain some understanding of all that is at work in this spiritual history. For only then does it become clear how—I would say—karma works throughout human history. One need only hypothetically imagine that the things that did not happen had happened—not to correct history retroactively, but to make sense of what is actually here. Imagine, for example, that Schiller, who was still a young man at the time of his death, had lived on. He had The Maltese on his desk; he was just working on Demetrius. In his relationship with Goethe, the highest spirituality was developing within him—a spirituality that lives only when the two are together. The thread was severed. What Goethe strove for—and what he was unable to achieve—becomes clear when one considers the second part of Wilhelm Meister or Elective Affinities. Goethe strove throughout his work to integrate human beings into a grand spiritual context. Yet he could no longer do so alone. Schiller had been taken from him.
[ 33 ] Es drückt sich in diesem Ganzen eben aus, wie die neuere Geistesentwickelung der Menschheit nach einem gewissen Ziele hingeht, nach dem Ziele, den Menschen in seiner Verwandtschaft mit der geistigen Welt zu suchen, wie aber überall Hemmnisse da sind. Und so wird Ihnen vielleicht so etwas wie der Goethesche «Faust» in seiner ganzen Größe erst dadurch anschaulich, daß man sieht, was er nicht hat, daß man sieht, auf welchem Wege die ganze Geistesentwickelung der Menschheit war. Ja, man kommt natürlich nicht dadurch zur Erkenntnis dessen, was an geistiger Größe in der Menschheitsentwickelung vorhanden ist, daß man bloß sagt: «Ein unvergleichlich großes Werk!» — daß man dann alle möglichen Erklärungen gibt, sondern nur dadurch kommt man dazu, daß man eben dieses Ringen des ganzen Menschengeistes nach einem gewissen Entwickelungsziele hin ins Auge zu fassen vermag. Das kann einem bei diesen Dingen ganz besonders stark entgegentreten. Und dann, im 19. Jahrhundert, da reißt der Faden gänzlich ab! Das 19. Jahrhundert — auf naturwissenschaftlichem Gebiete so großartig — schläft ja auf geistigem Gebiete. Es kommt höchstens dazu, daß dann aus höchster naturwissenschaftlicher Weisheit etwas ausgesetzt wird an einer Schöpfung, wie es der «Faust» ist.
[ 33 ] This whole picture illustrates precisely how humanity’s recent spiritual development is moving toward a certain goal—the goal of seeking humanity’s connection to the spiritual world—yet how obstacles are present everywhere. And so perhaps something like Goethe’s Faust in all its grandeur only becomes truly vivid to you when you see what it lacks—when you see the path along which the entire spiritual development of humanity has traveled. Yes, of course, one does not arrive at an understanding of the spiritual grandeur present in human development simply by saying, “An incomparably great work!” — or by offering all sorts of explanations; rather, one arrives at this understanding only by being able to grasp precisely this struggle of the entire human spirit toward a certain goal of development. This can strike one particularly strongly when considering such matters. And then, in the 19th century, the thread breaks off completely! The nineteenth century—so magnificent in the realm of the natural sciences—is, after all, asleep in the spiritual realm. At most, it happens that something is drawn from the highest wisdom of the natural sciences and applied to a work of art such as Faust.
[ 34 ] Goethe braucht Schiller, um Faust, den er zuerst als Persönlichkeit gestaltet hat, hineinzustellen in ein großes umfassendes Weltentableau. Man kann fühlen, was Goethe vielleicht noch aus dieser FaustFigur gemacht hätte, wenn er Schiller nicht so früh verloren hätte. Dann kommen diejenigen, die über die Dinge nachdenken und sagen: «Faust» ist ein mißliches Werk, Goethe hat eigentlich die ganze Sache verfehlt. Hätte er die Sache richtig gemacht, so hätte Faust Gretchen geheiratet, sie ehrlich gemacht, hätte die Elektrisiermaschine und die Luftpumpe erfunden; dann wäre der richtige Faust vor die Menschheit hingestellt worden!
[ 34 ] Goethe needs Schiller to place Faust—whom he initially conceived as a character—within a grand, all-encompassing tableau of the world. One can sense what Goethe might still have made of this Faust character had he not lost Schiller so early. Then there are those who reflect on these matters and say: “Faust” is a problematic work; Goethe actually got the whole thing wrong. Had he done it right, Faust would have married Gretchen, set her on the path to virtue, and invented the electrostatic machine and the air pump; then the true Faust would have been presented to humanity!
[ 35 ] Ein großer Ästhetiker, Friedrich Theodor Vischer, sagte: «Dieser zweite Teil des «Faust, der ist ja nichts.» Er entwirft einen Plan, wie er hätte sein sollen: so eine Art besserer Eugen Richter aus dem 19. Jahrhundert ist da herausgekommen, so ein Parteimann, der nur etwas massiver ist, als dann im 19. Jahrhundert die Parteimänner gewirkt haben. Nicht von einem unbedeutenden Menschen, sondern von einem sehr bedeutenden Menschen — denn ein solcher war Friedrich Theodor Vischer — rührt ja das Wort her: «Der zweite 'Teil des «Faust ist ein zusammengeschustertes, zusammengeleimtes Machwerk des Alters!»
[ 35 ] A great aesthetician, Friedrich Theodor Vischer, said: “This second part of Faust—it’s nothing.” He sketches out a plan for how it should have been: what emerged was a sort of improved 19th-century Eugen Richter—a party man, only somewhat more imposing than the party men of the 19th century appeared to be. It is not from an insignificant person, but from a very significant one—for such a man was Friedrich Theodor Vischer—that the following words originate: “The second part of Faust is a cobbled-together, glued-together piece of drivel from old age!”
[ 36 ] Es war überhaupt der Zusammenhang mit dem Streben nach der Geistigkeit verloren. Man schlief in bezug auf die Geistigkeit. Aber gerade aus all diesen Verhältnissen heraus muß der Mensch der Gegenwart die Aufgaben finden bezüglich eines neuen Weges zur geistigen Welt. Wir können uns natürlich nicht etwa darauf berufen:
[ 36 ] The connection with the pursuit of spirituality had been lost entirely. People were asleep when it came to spirituality. But it is precisely out of all these circumstances that people today must find the tasks involved in charting a new path to the spiritual world. Of course, we cannot simply claim:
Die hohe Kraft
Der Wissenschaft,
Der ganzen Welt verborgen!
Und wer nicht denkt,
Dem wird sie geschenkt.
Er hat sie ohne Sorgen.
The great power
Of science,
Hidden from the whole world!
And to those who do not think,
It is given as a gift.
They have it without a care.
[ 37 ] Wir können nicht beschließen, aufzuhören zu denken, denn das Denken ist einmal eine Kraft, die heraufgekommen ist mit dem fünften nachatlantischen Zeitraum, und diese Kraft muß geübt werden. Aber sie muß eben entwickelt werden nach derjenigen Seite hin, die im Grunde genommen bei Goethe schon mit dem «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie» begonnen war. Sie muß geübt werden nach der Imagination hin. Man muß sich klar sein darüber: die Verstandeskraft verscheucht den Geist; aber wenn man den Verstand selber entwickelt zur Imagination hin, so kommt man wiederum an den Geist heran. Das ist es, was erkannt werden kann aus einer lebendigen Betrachtung desjenigen, was sich eben auf dem Gebiete, das wir hier berührt haben, abgespielt hat.
[ 37 ] We cannot decide to stop thinking, for thinking is, after all, a force that emerged with the fifth post-Atlantean epoch, and this force must be cultivated. But it must be developed in the direction that, in essence, Goethe had already begun with “The Fairy Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily.” It must be cultivated toward imagination. One must be clear about this: the power of the intellect drives the spirit away; but if one develops the intellect itself toward imagination, one approaches the spirit once again. This is what can be recognized from a living contemplation of what has just taken place in the realm we have touched upon here.
[ 38 ] Morgen wollen wir dann die Betrachtungen fortsetzen.
[ 38 ] We'll continue our discussion tomorrow.
