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Old and New Initiation Methods
Drama and Poetry in the Shift
of Consciousness in the Modern Era
GA 210

26 February 1922, Dornach

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11. Das Suchen des Zugangs zur geistigen Welt aus der modernen Seelenverfassung heraus

11. Seeking Access to the Spiritual World from the Perspective of the Modern State of Mind

[ 1 ] Die beiden vorangehenden Vorträge waren Betrachtungen gewidmet, die darauf hinweisen sollten, wie jener gewaltige Umschwung, der in der ganzen Seelenverfassung der zivilisierten Menschheit mit dem 15. Jahrhundert eingetreten ist, also mit dem Übergange von dem vierten nach dem fünften nachatlantischen Zeitraum, nachgewirkt hat in bedeutenden Persönlichkeiten. Und ich darf vielleicht das, was ich in diesen beiden Betrachtungen ausgeführt habe, mit wenigen Worten einleitend heute noch einmal skizzieren. Ich habe darauf hingewiesen, wie intensiv eine Persönlichkeit wie Goethe das Nachzittern jenes Umschwunges fühlte, wie er fühlte, als sicheres Erlebnis zieht jetzt in die menschliche Seele das Verstandesmäßige, das Intellektualistische ein; wie er fühlte, man muß zurechtkommen in der Seele mit diesem Intellektualistischen, und wie er noch gewisse Ahnungen davon hatte, daß diesem Intellektualistischen vorangegangen ist ein unmittelbarer Verkehr des Menschen mit der geistigen Welt. Wenn es auch nicht so war wie in den Zeiten des alten atavistischen Hellsehens, war immerhin vorhanden eine Art Rückblick auf die Zeit, in welcher die Menschen noch, wenn sie von Erkenntnis sprachen, sich bewußt waren, daß eine solche Erkenntnis nur möglich ist, wenn man gewissermaßen aus der Welt der Sinne wegtritt, um die hinter der Sinneswelt befindlichen geistigen Wesenheiten irgendwie zu schauen.

[ 1 ] The two preceding lectures were devoted to reflections intended to highlight how that momentous upheaval—which occurred in the entire spiritual constitution of civilized humanity in the 15th century, that is, with the transition from the fourth to the fifth post-Atlantean epoch—continued to exert its influence on significant figures. And perhaps I may briefly outline once more today, by way of introduction, what I have set forth in these two reflections. I have pointed out how intensely a figure like Goethe felt the lingering effects of that upheaval, how he sensed that the rational, the intellectual, was now taking root in the human soul as a definite experience; how he felt that one must come to terms with this intellectualism within the soul, and how he still had certain intuitions that this intellectualism had been preceded by a direct communion of human beings with the spiritual world. Even if it was not quite as it had been in the days of ancient, atavistic clairvoyance, there was nonetheless a kind of retrospective view of the time when people, when they spoke of knowledge, were still aware that such knowledge is possible only if one, so to speak, steps away from the world of the senses in order to somehow perceive the spiritual beings that lie beyond the sensory world.

[ 2 ] Goethe hat diese ganze Empfindungswelt seiner Seele in seine Faust-Figur gelegt. Wir sehen, wie Faust unbefriedigt ist von dem bloßen Intellektualismus, der ihm entgegengetreten ist in den vier Fakultäten:

[ 2 ] Goethe imbued the character of Faust with the entire emotional world of his own soul. We see how Faust is dissatisfied with the mere intellectualism he has encountered in the four faculties:

Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und, leider, auch Theologie!
Durchaus studiert ...

Alas, I have now studied philosophy,
law, and medicine,
and, unfortunately, theology as well!
I have studied them all thoroughly...

[ 3 ] Das heißt: Habe den ganzen Komplex des intellektualistischen Wissens auf meine Seele geladen und stehe nun mit dem vollständigsten Zweifel da; drum hab’ ich mich der Magie ergeben.

[ 3 ] In other words: I have burdened my soul with the entire complex of intellectual knowledge and now find myself in a state of utter doubt; that is why I have surrendered to magic.

[ 4 ] Also Goethe legt in diese Faust-Gestalt das Zurückgehen zu dem Verkehr mit der geistigen: Welt hinein wegen der Unbefriedigtheit in den intellektualistischen Wissenschaften. Das stand dem jungen Goethe ganz deutlich vor der Seele, das wollte er in seiner Faust-Figur zum Ausdrucke bringen. Und indem er dieses, sein eigenes Seelenringen, darstellen wollte, griff er dazu, als Repräsentanten dafür eben die Faust-Gestalt zu nehmen. Und ich sagte, wenn das auch bei dem historischen, mythologischen Faust nicht der Fall ist, in bezug auf das, was Goethe geschildert hat, können wir uns den Faust vorstellen als den Professor, der etwa im 16. oder auch im 17. Jahrhundert in Wittenberg gelehrt haben könnte, und der ja «an die zehen Jahr» seine Schüler kreuz und quer und grad und krumm an der Nase herumgeführt hat. Und man kann schon hinschauen, wenn man einmal diese Hypothese aufstellt, wie es da in diesem Bildungsgange ausgesehen hat, wie da vermischt war das neue Intellektualistische mit dem, was noch hinwies in die alten Zeiten, wo noch der Verkehr mit der geistigen Welt und mit den geistigen schöpferkräften für den Menschen möglich war.

[ 4 ] Goethe thus imbues the character of Faust with a return to communion with the spiritual world, stemming from his dissatisfaction with the intellectual sciences. This was very clear to the young Goethe; it was what he wanted to express through his Faust character. And in seeking to portray this—his own inner struggle—he chose the figure of Faust as its representative. And I said that even if this is not the case with the historical, mythological Faust, in light of what Goethe has described, we can imagine Faust as a professor who might have taught in Wittenberg in the 16th or even the 17th century, and who, after all, “for ten years” led his students by the nose in every possible way—straight, crooked, and all in between. And once we put forward this hypothesis, we can certainly examine what that educational process looked like—how the new intellectualism was intertwined with what still pointed back to the old times, when communication with the spiritual world and with the spiritual creative forces was still possible for human beings.

[ 5 ] Nun fragte ich, ob wir außer dem, was uns in der Faust-Dichtung vorgeführt wird, etwa im weiteren Umkreis auf Wirkungen stoßen können von dem, was so jemand wie Faust gelehrt haben könnte im 15., 16., 17. Jahrhundert. Und da stießen wir denn auf Hamlet und konnten sagen: Die Gestalt, die Shakespeare aus dem Hamlet gemacht hat — den er seinerseits wiederum aus den dänischen Sagen genommen, aber umgestaltet hat —, diese Gestalt des Hamlet erscheint uns als der Schüler des Faust, als einer derjenigen, die gerade eben von solchen Persönlichkeiten, wie der Faust war, die zehn Jahre an der Nase herumgezogen worden waren. Wir sehen dann diesen Hamlet, wie er selber hineingestellt ist in den Verkehr mit der geistigen Welt, wie ihm sein Auftrag wird aus der geistigen Welt heraus, wie er fortwährend aber gestört wird durch das, was er sich durch die intellektualistische Bildung angeeignet hat. Kurz, wir sehen gewissermaßen den ganzen Übergang vom vierten in den fünften nachatlantischen Zeitraum auch an dieser Figur des Hamlet.

[ 5 ] I then asked whether, beyond what is presented to us in the Faust cycle, we might find traces—even in a broader context—of the influence that someone like Faust might have had in the 15th, 16th, and 17th centuries. And that is when we came upon Hamlet and were able to say: The character that Shakespeare created in Hamlet—whom he, in turn, took from the Danish legends but reshaped—this character of Hamlet appears to us as a disciple of Faust, as one of those who had just been led by the nose for ten years by personalities such as Faust. We then see this Hamlet as he himself is placed in contact with the spiritual world, how his mission is given to him from the spiritual world, and how he is continually disrupted by what he has acquired through his intellectual education. In short, we see, in a sense, the entire transition from the fourth to the fifth post-Atlantean epoch in this figure of Hamlet as well.

[ 6 ] Und ich konnte weiter sagen: Wenn man nun eingeht auf die ganze Stimmung, auf die künstlerische Gestaltung in den Shakespeareschen Dramen, in den Shakespeareschen Königsdramen, findet man da, daß in dem künstlerischen Schaffen des Dichters der Shakespeareschen Dramen selber diese Dämmerstimmung des Übergangs liegt. Ich machte dann darauf aufmerksam, wie in einer gewissen Weise gerade in Mitteleuropa Goethe und Schiller mit ihrem ganzen Seelenleben drinnengestanden haben in dem Nachzittern dieses Überganges, wie sie aber in einem gewissen Sinne nicht akzeptieren wollten, was die intellektualistische Weltanschauung seither im Leben der Menschen gestiftet hatte. Dadurch wurden sie zurückgeführt zu Shakespeare, weil sie ja bei Shakespeare die Kunst fanden, im «Hamlet», in «Macbeth» und so weiter, heranzurücken an die geistige Welt; weil sie, von da ausgehend, den Blick auf die nun schon für die intellektualistische Anschauung verborgenen geistigen Mächte werfen konnten.

[ 6 ] And I went on to say: If one now considers the overall atmosphere and the artistic composition of Shakespeare’s plays—particularly his historical plays—one finds that this twilight atmosphere of transition is present in the artistic work of the playwright himself. I then pointed out how, in a certain sense, especially in Central Europe, Goethe and Schiller, with their entire inner lives, were caught up in the aftershocks of this transition, yet how, in a certain sense, they were unwilling to accept what the intellectualist worldview had since brought about in people’s lives. This led them back to Shakespeare, because in Shakespeare—in Hamlet, Macbeth, and so on—they found the art of approaching the spiritual world; because, starting from there, they were able to cast their gaze upon the spiritual powers that were now already hidden from the intellectualist worldview.

[ 7 ] Goethe hat das in seinem «Götz von Berlichingen» getan, indem er gewissermaßen Partei nimmt noch für die alte Zeit des vierten nachatlantischen Zeitraumes in ihrem Nachklingen, ablehnend, was durch den Intellektualismus heraufgekommen ist. Und Schiller stellt sich geradezu mit seinen Jugenddramen, namentlich mit dem «Räuber»Drama, so hinein, daß er zwar nicht auf das Übersinnliche da hinweist, daß er ganz realistisch sein will, daß wir aber fast bis auf die Worte hin in der Charakteristik des Karl Moor durchaus das Ahrimanische finden, während wir in der Charakteristik des Franz Moor etwas nachklingen haben von dem luziferischen Element, wie es waltet in Miltons «Verlorenem Paradies». Kurz, wir sehen, trotz dem Realismus, eine Art des Zurückstrebens nach einer solchen Auffassung der Wirklichkeit, daß man in dieser Auffassung durchschimmern sieht die geistigen Mächte und die geistigen Kräfte.

[ 7 ] Goethe did this in his Götz von Berlichingen by, in a sense, taking sides with the old era of the fourth post-Atlantic period as it was drawing to a close, rejecting what had arisen through intellectualism. And Schiller, in his early plays—particularly the Robber drama— to such an extent that, although he does not point to the supernatural there—he wants to be entirely realistic—we nevertheless find, almost down to the very words, the Ahrimanic in the characterization of Karl Moor, while in the characterization of Franz Moor we have a lingering echo of the Luciferic element as it reigns in Milton’s Paradise Lost. In short, we see—despite the realism—a kind of yearning for a conception of reality in which the spiritual powers and forces can be glimpsed shining through.

[ 8 ] Ich deutete weiter an, wie im Westen Shakespeare in der Lage war, wenn ich mich so ausdrücken darf, in vollem Einklang mit seiner sozialen Umgebung künstlerisch zu schaffen. Zunächst, wenn wir das für Shakespeare charakteristischste Hamlet-Drama nehmen, sehen wir, wie er die Handlung überall ganz nahe heranrückt an die übersinnliche Welt; und ebenso in «Macbeth». Wir sehen, wie er im «König Lear» zum Beispiel diese übersinnliche Welt mehr in die menschliche Persönlichkeit hereinzieht, aber in die abnorme menschliche Persönlichkeit, in das Element des Wahnsinns. Wir sehen, wie er dann in Königsdramen zwar zur Realistik übergeht, wie aber doch eigentlich in ihnen eine einzigartige lange dramatische Entwickelungsdarstellung waltet, wie er überall das Walten von Schicksalsmächten darinnen hat, aber so, daß das alles zuletzt ausläuft in das Zeitalter der Königin Elisabeth.

[ 8 ] I went on to suggest how, in the West, Shakespeare was able—if I may put it that way—to create art in complete harmony with his social environment. First of all, if we take Hamlet—Shakespeare’s most characteristic play—we see how he brings the action very close to the supernatural world throughout; and the same is true of Macbeth. We see, for example, how in King Lear he draws this supernatural world more deeply into the human personality—but into the abnormal human personality, into the realm of madness. We see how, in his royal dramas, he does indeed shift toward realism, yet how a unique, long-term dramatic portrayal of development actually prevails within them; how he incorporates the workings of the forces of fate throughout, but in such a way that it all ultimately culminates in the age of Queen Elizabeth.

[ 9 ] Man möchte sagen: Was in Shakespeares Dramen waltet, das ist ein Rückblick auf die alte Zeit, die seine Gegenwart herbeigeführt hat, aber so, daß diese Gegenwart akzeptiert wird; daß alles, was künstlerisch aus den alten Zeiten dargestellt wird, eine Art von Begreiflichmachen der Gegenwart darstellt..Man kann sagen, Shakespeare schildert die Vergangenheit, aber er schildert sie so, daß er sich in seine soziale Gegenwart des Westens so hineinstellt, daß nunmehr ein gewisser Zeitraum erreicht ist, in dem die Dinge laufen können, wie sie eben ablaufen. Wir sehen, daß eine gewisse Befriedigung eintritt gegenüber dem, was nun gekommen ist in bezug auf die äußere Welt. Der Intellektualismus in der sozialen Ordnung wird akzeptiert vom Menschen der äußeren physischen Erdenwelt, vom sozialen Menschen, während der künstlerische Mensch in Shakespeare zurückgeht und eigentlich das darstellt, was aus dem Übersinnlichen heraus das bloße Intellektualistische geschaffen hat.

[ 9 ] One might say: What prevails in Shakespeare’s plays is a look back at the old times that gave rise to his present, but in such a way that this present is accepted; that everything depicted artistically from the old times serves to make the present more understandable. One could say that Shakespeare depicts the past, but he depicts it in such a way that he places himself within his social present in the West, so that a certain period of time has now been reached in which things can unfold as they do. We see that a certain satisfaction sets in regarding what has now come to pass in relation to the external world. Intellectualism in the social order is accepted by the human being of the external, physical, earthly world—by the social human being—while the artistic human being in Shakespeare looks back and actually depicts what, from the supersensible realm, has created mere intellectualism.

[ 10 ] Wir sehen, wie das in Mitteleuropa dann eine Unmöglichkeit wird. Da können sich Goethe und Schiller, und vorher schon Lessing, nicht so in die soziale Ordnung hineinstellen, daß sie sie akzeptieren. Sie gehen alle auf Shakespeare zurück, aber auf den Shakespeare, der selber zurückgegangen ist zum Vergangenen. Sie möchten, daß das Vergangene eine andere Fortsetzung finde als die ihrer Umgebung. Shakespeare ist gewissermaßen zufrieden mit seiner Umgebung; sie sind unzufrieden mit ihrer Umgebung.

[ 10 ] We see how this then becomes impossible in Central Europe. There, Goethe and Schiller—and Lessing before them—cannot position themselves within the social order in such a way as to accept it. They all trace their roots back to Shakespeare, but to the Shakespeare who himself had turned back to the past. They want the past to find a different continuation than that of their surroundings. Shakespeare is, in a sense, content with his surroundings; they are dissatisfied with theirs.

[ 11 ] Goethe schafft aus dieser geistigen Revolutionsstimmung heraus das Götz-Drama, Schiller schafft seine Jugenddramen. Wir sehen, wie hier die äußere Erdenwirklichkeit kritisiert wird und wie im Künstlerischen ein Auf- und Abwogen desjenigen wirkt, was nur in der Idee erreicht werden kann, was nur im Geiste erreicht werden kann. So daß man sagen kann: In Goethe und Schiller ist nichts vorhanden von einem Akzeptieren der Gegenwart, sondern nur, daß man sich über das, was in der äußeren sinnlichen Wirklichkeit ist, trösten muß mit dem, was aus der geistigen Welt herunterwirkt. Shakespeare leitet gewissermaßen das Übersinnliche in das Sinnliche herein. Goethe und Schiller können das Sinnliche nur akzeptieren, indem sie immer das Geistige ins Auge fassen. Man hat also in Goethes und Schillers Dramen ein Zusammenwirken des Geistigen mit dem Physischen, im Grunde genommen eine unaufgelöste Disharmonie. Und ich sagte dann: Ginge man weiter nach Osten hinüber, so würde man finden, daß das, was geistig ist, überhaupt gar nicht mehr auf der Erde ist. Der Osten von Europa hat nicht so etwas geschaffen, in das hereinspielt das Geistige, sondern der Osten sieht hinauf zu dem Geistigen; er flieht die äußeren Wirkungen und sieht hinauf zu dem Geistigen als dem Erlösenden.

[ 11 ] Goethe created the Götz drama out of this spirit of intellectual revolution, while Schiller created his early dramas. We see how external earthly reality is criticized here, and how, in the realm of art, there is a back-and-forth weighing of that which can only be attained in the idea, that which can only be attained in the spirit. So one can say: In Goethe and Schiller there is no acceptance of the present; rather, one must console oneself for what exists in external, sensory reality with what works down from the spiritual world. Shakespeare, in a sense, brings the supersensible into the sensible. Goethe and Schiller can only accept the sensible by always keeping the spiritual in view. Thus, in Goethe’s and Schiller’s dramas, there is an interplay between the spiritual and the physical—essentially, an unresolved disharmony. And I then said: If one were to travel further east, one would find that what is spiritual is no longer present on earth at all. Eastern Europe has not created anything into which the spiritual plays a part; rather, the East looks up to the spiritual; it flees from external influences and looks up to the spiritual as the redeeming force.

[ 12 ] So konnte ich Ihnen sagen, indem ich das Ganze dann in ein Bild, in eine Imagination kleidete: Wenn wir uns Faust in Wittenberg vorstellen als Lehrer des Hamlet, dann sehen wir unten auf der Schulbank den Hamlet, zuhörend, dann zurückgehend nach dem Westen und sich in die westliche Zivilisation wieder einlebend. Wenn wir aber diejenige Wesenheit aufsuchen wollten, welche nach dem Osten hätte gehen können, nachdem sie im Auditorium des Faust zugehört hätte, so müßten wir einen Engel suchen, der von der geistigen Welt aus dem Faust zugehört hätte und dann nach dem Osten gegangen wäre. So daß alles das, was er nun vermittelt hätte, sich nicht so abgespielt hätte, wie Hamlets Taten und Handlungen sich auf dem physischen Plane abspielen, sondern das würde sich über den Menschen, in der geistigen Welt, abgespielt haben.

[ 12 ] So I was able to explain it to you by framing the whole thing as an image, as a mental picture: If we imagine Faust in Wittenberg as Hamlet’s teacher, then we see Hamlet sitting at the back of the classroom, listening, then returning to the West and readjusting to Western civilization. But if we were to seek out the being who could have gone east after listening to Faust in the auditorium, we would have to look for an angel who had listened to Faust from the spiritual world and then gone east. So that everything he would have conveyed would not have unfolded in the same way that Hamlet’s deeds and actions unfold on the physical plane, but rather it would have unfolded through the human being, in the spiritual world.

[ 13 ] Und ich führte dann gestern aus, wie aus dieser Stimmung heraus, gerade in der Zeit der Bekanntschaft mit Schiller, Goethe dazu gedrängt worden ist, das Wesen des Menschen wiederum heranzurükken an die geistige Welt; wie er — denn er konnte es nicht so theoretisch ausführen wie Schiller als Philosoph in seinen Ästhetischen Briefen — genötigt war, es ins Imaginative hineinzutreiben in dem «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie». Wie dann weiter Schiller dazu genötigt worden ist, das äußere Wirkliche .des Menschenlebens auch wiederum an das Geistige heranzurücken, und zwar, ich möchte sagen experimentierend, indem er im «Wallenstein» den Gestirnglauben des Wallenstein walten läßt, der wie ein Schicksal über der Persönlichkeit Wallensteins wirkt, indem er in der «Braut von Messina» ein Schicksal geradezu in Verwobenheit mit dem Sternenglauben wirken läßt. So daß also diese Persönlichkeiten genötigt waren, immer wieder und wiederum sich zurückzuwenden zu jener Zeit, in der die Menschen noch einen unmittelbaren Verkehr mit der geistigen Welt hatten.

[ 13 ] And I explained yesterday how, out of this mood—precisely during the time he was getting to know Schiller—Goethe was compelled to bring the essence of humanity back into contact with the spiritual world; how he—since he could not articulate it as theoretically as Schiller, the philosopher, did in his Aesthetic Letters—was compelled to drive it into the realm of the imaginative in the “Fairy Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily.” How Schiller was then further compelled to bring the external reality of human life back into contact with the spiritual as well, and indeed, I would say experimentally, by allowing Wallenstein’s belief in the stars to prevail in Wallenstein, which acts like a fate upon Wallenstein’s personality, and by having fate itself, in close interweaving with this belief in the stars, take effect in The Bride of Messina. Thus these characters were compelled, time and again, to turn back to that era when people still had direct contact with the spiritual world.

[ 14 ] Ich habe dann gesagt, daß Goethe und Schiller doch eben in einer Zeit lebten, in der es noch nicht möglich war, aus der modernen Seelenverfassung heraus wiederum den Zugang zur geistigen Welt zu finden. Daher fand sich Goethe gedrängt, während. wahrscheinlich Schiller bei seinem philosophischen Streben, wenn er länger gelebt hätte — man sieht es aus dem «Malteserfragment» —, zweifellos, wenn er dieses Drama zu Ende geführt hätte, sich einen Blick verschafft hätte in die Art und Weise, wie gerade innerhalb eines solchen Ordens wie im Johanniter- oder Malteserorden oder im Templerorden, wie da die geistigen Welten mitgewirkt haben in den Taten der Menschen. Aber es war eben Schiller nicht gegönnt, seine «Malteser» als fertiges Drama vor die Welt hinzustellen; er ist zu früh gestorben. Goethe hingegen konnte nicht bis zu einem wirklichen Ergreifen der geistigen Welt vorrücken, daher wandte er sich zurück. Und wir können sagen: Allerdings in wesentlich metamorphosierter Umgestaltung ist Goethe doch zurückgegangen zu dem katholischen Symbolismus, zu dem katholischen Kultus, zu dem Bildkultus. So daß wir förmlich an die Theophiluslegende der guten Nonne Hrosvitha aus dem 9. Jahrhundert erinnert werden, wenn auch Goethe Faust zuletzt in einem christianisierenden Tableau erlöst sein läßt. Man möchte sagen, man spürt noch — wenn auch allerdings mit Goetheschem grandios-künstlerischem Sinn ausgestaltet — in dem: «Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan!» das Hinaufziehen des Theophilus aus dem 9. Jahrhundert durch die Jungfrau Maria.

[ 14 ] I then said that Goethe and Schiller lived at a time when it was not yet possible to regain access to the spiritual world from the perspective of the modern state of mind. That is why Goethe felt compelled to do so, whereas Schiller—had he lived longer—would likely have, in his philosophical pursuits—as can be seen from the “Maltese Fragment” —, would undoubtedly, had he completed this drama, have gained insight into the way in which, particularly within an order such as the Order of St. John, the Order of Malta, or the Knights Templar, the spiritual worlds were at work in human deeds. But Schiller was simply not granted the opportunity to present his “Maltese” to the world as a finished drama; he died too soon. Goethe, on the other hand, was unable to advance to a true grasp of the spiritual world, and so he turned away. And we can say: albeit in a substantially transformed form, Goethe did indeed return to Catholic symbolism, to Catholic worship, to the cult of images. So that we are formally reminded of the Theophilus legend of the good nun Hrosvitha from the 9th century, even if Goethe ultimately has Faust redeemed in a Christianizing tableau. One might say that one can still sense—albeit rendered with Goethe’s grandiose artistic sensibility—in the line, “The eternal feminine draws us upward!” the ascent of the 9th-century Theophilus through the Virgin Mary.

[ 15 ] Wenn man diese Dinge überblickt, dann sieht man tief hinein, wie unter dem Intellektualismus gerungen wird, unter jenem Intellektualismus, der den Menschen innerlich den Gedankenleichnam erleben läßt dessen, was der Mensch ist, bevor er durch die Geburt beziehungsweise durch die Konzeption heruntersteigt in sein physisches Erdenleben. Was als Gedanke in uns lebt, wenn wir es nicht befruchten durch die Erkenntnisse der Geisteswissenschaft, ist ja bloß ein Geistesleichnam. Was wir geistig eigentlich sind bis zum Erdenleben hin, das stirbt, indem es in den Leib einzieht, und den Leichnam davon tragen wir in uns. Es ist unsere irdische Gedankenkraft, die Gedankenkraft unseres gewöhnlichen Bewußtseins.

[ 15 ] When one surveys these things, one gains a deep insight into the inner struggle against intellectualism—that intellectualism which causes a person to experience, inwardly, the “corpse of thought” of what a human being is before descending, through birth or conception, into their physical earthly life. What lives within us as thought—if we do not nourish it with the insights of spiritual science—is, after all, merely a spiritual corpse. What we actually are spiritually up until our earthly life dies as it enters the body, and we carry the corpse of that within us. It is our earthly power of thought, the power of thought of our ordinary consciousness.

[ 16 ] Wie kommt das wieder zum Leben, was eigentlich tot ist in geistiger Beziehung? Das ist die große Seelenfrage, die in Goethe und Schiller lebt. Sie drücken das nicht philosophisch aus, sie haben es aber in der Empfindung. Sie richten ihre Dichtungen danach ein. Aber sie haben diese Empfindung: Da ist etwas Totes, wenn wir bloß bei dem Intellektualistischen bleiben. Wir müssen es zum Leben erwecken. Aus dieser Empfindung streben sie zurück zum Sternenglauben, zu allem Möglichen, um Geist hereinzubekommen in das, was sie darstellen wollen. Es ist schon notwendig, daß man darauf sieht, wie in solchen hervorragenden Persönlichkeiten sich eben der Weltenlauf darstellt, der hereinströmt in ihre Seelen und ihr eigenes Ringen bedeutet. Man begreift die Gegenwart nicht, wenn man nicht sieht, wie das, wonach in der Gegenwart gestrebt werden muß — ein neuerliches Erreichen der geistigen Welt —, wie das gerade das große Problem bei Goethe und bei Schiller bildete.

[ 16 ] How does that which is actually dead in a spiritual sense come back to life? That is the great question of the soul that lives on in Goethe and Schiller. They do not express this philosophically, but they feel it intuitively. They structure their poetry around it. But they have this feeling: there is something dead if we remain solely within the realm of the intellectual. We must bring it to life. Out of this feeling, they reach back toward a belief in the stars, toward all manner of possibilities, in order to bring the spirit into what they wish to portray. It is indeed necessary to observe how, in such outstanding personalities, the course of the world manifests itself—flowing into their souls and becoming their own struggle. One cannot understand the present unless one sees how what must be striven for in the present—a renewed attainment of the spiritual world—was precisely the great problem for Goethe and Schiller.

[ 17 ] Es ist schon so, daß mit diesem großen Umschwung im 15. Jahrhundert, der in den gewöhnlichen landläufigen Geschichtsdarstellungen einfach ganz und gar unberücksichtigt bleibt, der Mensch eine ganz andere Stellung zu sich selbst gewann. Und man muß nicht versuchen, das mit theoretischen Begriffen einzufangen. Man muß versuchen, es in den Empfindungen der Menschen zu verfolgen, wie es sich vorbereitete und wie es später dann auslief, nachdem der Umschwung sich bereits, seiner wesentlichen geistigen Kraft nach, vollzogen hat.

[ 17 ] It is indeed true that with this great upheaval in the 15th century—which is simply ignored entirely in conventional historical accounts—human beings came to view themselves in an entirely different light. And one need not attempt to capture this with theoretical concepts. One must try to trace it in people’s feelings—how it was in the making and how it later played out, after the upheaval had already taken place in terms of its essential spiritual force.

[ 18 ] An den entscheidenden Stellen der Geistesentwickelung wird auch maßgebend auf diese Dinge hingewiesen. Sehen Sie sich einmal an, wie uns dieses entgegentritt bei Wolfram von Eschenbach in seinem «Parzival». Sie kennen ja alle die Vorgänge des Parzival. Sie wissen, daß das Entscheidende bei Parzival in seiner ganzen Entwickelung darinnen liegt, daß er zuerst von einer Art Unterweiser die Anweisung bekommt, durch die Welt zu gehen, ohne viel zu fragen. In Gurnemanz zeigt sich uns eben ein Vertreter jener alten Weltrichtung, die durchaus den Menschen noch im Verkehr mit der geistigen Welt sieht, indem er Parzival sagt: Frage nicht; denn die Fragen kommen ja im Grunde genommen aus dem Intellekt, und vor dem Intellekt fliehen die Geister. Willst du also nahekommen der geistigen Welt, so darfst du nicht fragen.

[ 18 ] At the crucial junctures of spiritual development, these matters are also highlighted in a decisive way. Just consider how this is presented to us in Wolfram von Eschenbach’s Parzival. You are all familiar with the events of Parzival. You know that the crucial point in Parzival’s entire development lies in the fact that he first receives instructions from a kind of mentor to go out into the world without asking too many questions. In Gurnemanz, we see a representative of that ancient worldview which still sees human beings as being in communion with the spiritual world, as he tells Parzival: “Do not ask; for questions, after all, arise from the intellect, and the spirits flee from the intellect. If you wish to draw near to the spiritual world, therefore, you must not ask.”

[ 19 ] Aber die Zeit hat sich geändert, der Umschwung tritt ein. Er wird vorherverkündet: Wenn auch Parzival noch viele Jahrhunderte zurückversetzt werden muß, etwa ins 7. oder 8. Jahrhundert, ist es so, daß alles schon vorgelebt wurde im Gralstempel. Da sind gewissermaßen schon die Einrichtungen der Zukunft; da muß man fragen. Denn das ist das Wesentliche, daß die Stellung des Menschen sich jetzt mit diesem Umschwung vom vierten in den fünften nachatlantischen Zeitraum ändert, und daß man vorher nicht zu fragen brauchte, daß vorher gewissermaßen das galt, was Goethe in paradoxen Worten sagt:

[ 19 ] But times have changed; the turning point is upon us. It has been foretold: Even if Parzival must be transported back many centuries—say, to the 7th or 8th century—the fact remains that everything has already been lived out in the Temple of the Grail. In a sense, the institutions of the future are already there; that is where one must look. For this is the essential point: that humanity’s position is now changing with this transition from the fourth to the fifth post-Atlantean epoch, and that previously there was no need to ask—previously, in a sense, what Goethe says in paradoxical terms held true:

Die hohe Kraft
Der Wissenschaft
Der ganzen Welt verborgen!
Und wer nicht denkt,
Dem wird sie geschenkt,
Er hat sie ohne Sorgen.

The great power
Of science
Hidden from the whole world!
And to those who do not think,
It is given as a gift,
They have it without a care.

[ 20 ] Nicht fragen, denn das Denken vertreibt die Geister! Das war vorher die richtige Ordnung, im intellektualistischen Zeitalter aber muß man durch den Intellekt, nicht durch das Herabdämpfen des Denkens, die geistige Welt wiederfinden. Da muß also gerade das Entgegengesetzte eintreten, damuß man fragen! Dieser ganze Umschwung, daß im fünften nachatlantischen Zeitraum aus dem Menschen die Sehnsucht nach dem Geiste herausgeboren werden muß in Form der Fragestellung, dieser ganze Umschwung tritt uns schon bei Parzival entgegen. Aber es tritt uns bei Parzival noch etwas anderes, sehr Merkwürdiges entgegen. Das möchte ich in der folgenden Weise charakterisieren:

[ 20 ] Do not ask, for thinking drives away the spirits! That was the proper order before, but in the age of intellectualism, one must rediscover the spiritual world through the intellect, not by suppressing thought. So the exact opposite must happen—one must ask! This entire shift—that in the fifth post-Atlantean epoch, the longing for the spirit must be born out of the human being in the form of questioning—this entire shift is already evident to us in Parzival. But there is something else, something very remarkable, that we encounter in Parzival. I would like to characterize it as follows:

[ 21 ] Die Sprachen, wie wir sie heute haben, sind ja weit weg von ihrem Ursprunge. Sie haben sich eben weiterentwickelt. Wenn wir heute sprechen, so erinnern ja, ich habe das oftmals ausgeführt, die einzelnen Lautzusammenhänge nicht mehr an das, was mit diesen Lautzusammenhängen bezeichnet wird. Man muß sich erst wiederum ein feineres Sprachgefühl aneignen, um in der Sprache das zu erleben, was die Sprache bedeutet. In den Ursprachen der Menschheit war das nicht so. Da hat man gewußt, wenn man irgendeinen Lautzusammenhang hatte, wie in diesem selber dasjenige darinnen liegt, was man erlebt in dem, was er bedeutet. Heute versucht es der Dichter nachzuahmen, zum Beispiel «Und es wallet und siedet und brauset und zischt». Da haben wir in der Dichtersprache etwas von dem nachgeahmt, was draußen gesehen werden soll. Aber das ist eben alles schon abgeleitet; in jedem einzelnen Laute empfand man einstmals den innigsten Zusammenhang mit dem, was sich draußen abspielte. Heute können höchstens noch die Dialekte einen gewissen Anspruch darauf machen, daß man in den Worten der Dialekte diesen Zusammenhang mit der äußeren Wirklichkeit fühlt. Aber unserer Seele steht die Sprache doch nahe. In unserer Seele bildet die Sprache ein besonderes Element.

[ 21 ] Languages, as we know them today, are, after all, far removed from their origins. They have simply evolved. When we speak today—as I have often pointed out—the individual sound combinations no longer evoke what those sound combinations originally denoted. One must first acquire a more refined sense of language in order to experience, within the language itself, what the language signifies. This was not the case in humanity’s original languages. Back then, when one encountered any combination of sounds, one knew that within that combination lay precisely what one experienced in its meaning. Today, the poet tries to imitate this, for example: “And it surges and boils and roars and hisses.” Here, in the language of poetry, we have imitated something of what is to be seen out there. But all of this is already derived; in every single sound, people once felt the most intimate connection with what was taking place outside. Today, at most, only dialects can still lay claim to the fact that one feels this connection to external reality in the words of the dialects. But language is still close to our soul. In our soul, language forms a special element.

[ 22 ] Daß sich das als eine tiefe Empfindung in der Seele des Menschen abgeladen hat, ist wieder eine Folge des Umschwunges vom vierten in den fünften nachatlantischen Zeitraum herein, wiederum etwas, was weder Philologie noch Geschichte berücksichtigen. Daß die Menschen noch mehr in ihrer Sprache im vierten nachatlantischen Zeitraum gelebt haben, im fünften gar nicht mehr, das bedingt eine andere Stellung des Menschen zur Welt. Denken Sie einmal, wenn der Mensch noch in der Sprache, indem er redet, mitgeht mit dem Rauschen der Wellen, mit dem Donnern und mit dem Blitz und mit alledem, was da draußen ist, wenn der Mensch, indem er seine eigenen Stimmorgane in Bewegung setzt, fühlt, wie in diesen Stimmorganen nachzittert, was draußen geschieht, wie da der Mensch mit seinem Ich ganz anders verknüpft ist mit dem, was draußen in der Welt vorgeht! Und das ist es gerade, was sich immer mehr und mehr losreißt mit dem Umschwung von dem vierten in den fünften nachatlantischen Zeitraum. Das Ich wird innerlich, und die Sprache wird mit dem Ich innerlich, daher aber auch weniger signifikant, weniger das Äußere bezeichnend. Solche Dinge werden von der intellektualistisch gewordenen Erkenntnis erst recht nicht geschaut. Man denkt kaum daran, diese Dinge zu charakterisieren; aber um das, was in der Menschheit vorgeht, wiederum richtig zu verstehen, wird man sie charakterisieren müssen.

[ 22 ] The fact that this has taken root as a deep feeling in the human soul is yet another consequence of the transition from the fourth to the fifth post-Atlantean epoch—again, something that neither philology nor history takes into account. The fact that people lived even more deeply within their language during the fourth post-Atlantean epoch—and no longer at all during the fifth—is due to a different relationship between human beings and the world. Just imagine: when a person, through speech, goes along with the sound of the waves, with the thunder and the lightning, and with everything that is out there—when a person, by setting their own vocal organs in motion, felt how what is happening outside reverberates within those vocal organs—how differently the human being, with their “I,” is connected to what is taking place out there in the world! And this is precisely what is becoming increasingly detached with the transition from the fourth to the fifth post-Atlantean epoch. The “I” becomes inner, and language, through the “I,” becomes inner as well; consequently, however, it also becomes less significant, less descriptive of the external world. Such things are certainly not perceived by a mode of cognition that has become intellectualistic. One hardly thinks to characterize these things; but in order to understand correctly what is taking place within humanity, one will have to characterize them.

[ 23 ] Nun denken Sie sich einmal, was da entstehen kann. Stellen Sie sich recht lebhaft vor: Vierter nachatlantischer Zeitraum, fünfter nachatlantischer Zeitraum — natürlich werde ich jetzt alles in Extremen zu schildern haben —, der Übergang ist kein schroffer, aber um darzustellen, muß man gewissermaßen schroff sein. Nehmen wir an, das ist der Mensch im vierten nachatlantischen Zeitraum, das im fünften nachatlantischen Zeitraum (siehe Zeichnung). Im vierten nachatlantischen Zeitraum, wenn da die Dinge der Welt (grün) sind, dann ist der Mensch mit seinen Worten, die ich jetzt als bei ihm seiend mit diesem Rot bezeichnen will, durch die Worte noch mit den Sachen zusammenhängend. Er lebt gewissermaßen sich in die Sache hinüber durch seine Worte. Im fünften nachatlantischen Zeitraum geschieht es immer mehr und mehr, daß der Mensch die Worte als etwas seelisch gewissermaßen Innerlich-Abgesondertes hat.

[ 23 ] Now just imagine what might emerge there. Picture it very vividly: the fourth post-Atlantean epoch, the fifth post-Atlantean epoch—of course, I’ll have to describe everything in extremes now—the transition isn’t abrupt, but to illustrate it, one must be somewhat abrupt, so to speak. Let’s assume this is the human being in the fourth post-Atlantean epoch, and this in the fifth post-Atlantean epoch (see diagram). In the fourth post-Atlantean epoch, when the things of the world (green) are present, the human being—with his words, which I will now designate as red to indicate that they are part of him—is still connected to those things through his words. In a sense, he lives his way into the thing through his words. In the fifth post-Atlantean epoch, it happens more and more that human beings experience words as something soulful, in a sense, something inwardly separate.

[ 24 ] Führen wir uns das, was da vorliegt, einmal etwas deutlich, ich möchte sagen grotesk-deutlich vor die Seele. Wenn wir den Menschen da — im vierten nachatlantischen Zeitraum — anschauen, können wir sagen: Der lebt noch mit den Dingen; die Dinge draußen in der Welt, die er selber tut, die werden daher nach seinen Worten vor sich gehen. Wenn man so einen Menschen handeln sieht und zugleich hört, wie er seine Handlungen bezeichnet, dann stimmt das zusammen. So wie seine Worte mit den äußeren Dingen zusammenstimmen, so stimmt auch das, was er tut, mit den Worten zusammen. Wenn der da — im fünften nachatlantischen Zeitraum — redet, da merkt man nicht mehr, daß seine Worte weiterklingen in dem, was er tut. Was für einen Zusammenhang mit der Tätigkeit empfinden Sie, wenn Sie heute sagen: «Ich habe Holz gehackt»? — Mit dem, was da draußen geschieht, in dem Hacken, empfindet einer ja längst nicht mehr die Bewegung der Hacke. Dadurch entfernen sich aber allmählich die Lautzusammenhänge, sie stimmen dann wirklich nicht mehr mit dem Äußeren überein. Man findet dann keinen Zusammenhang. Und wenn dann einer auf die Worte pedantisch hinhört und doch das tut, was in den Worten liegt, dann wird es ganz was anderes. Da sagt einer: «Ich backe Mäuse.» — Wenn einer nun tatsächlich Mäuse backen würde, so würde das grotesk ausschauen, so würde man das nicht verstehen.

[ 24 ] Let’s bring what is before us into sharp focus—I would even say grotesquely sharp focus—in our minds. When we look at the person there—in the fourth post-Atlantean epoch—we can say: He still lives with things; the things out there in the world, the things he does himself, will therefore unfold according to his own words. When you see such a person acting and at the same time hear how he describes his actions, the two correspond. Just as his words correspond to external things, so too do his actions correspond to his words. When the person there—in the fifth post-Atlantean epoch—speaks, you no longer notice that his words resonate in what he does. What kind of connection to the activity do you perceive when you say today, “I’ve been chopping wood”? — With what’s happening out there—the chopping—one no longer perceives the movement of the axe at all. As a result, however, the connections between sounds gradually fade; they then truly no longer correspond to the external action. You can no longer find a connection. And when someone listens pedantically to the words yet still does what the words imply, it becomes something entirely different. Someone says, “I’m baking mice.” — If someone were actually to bake mice, it would look grotesque; no one would understand it.

[ 25 ] Das hat man gefühlt und hat gesagt: Der Mensch sollte einmal das, was er eigentlich in der Seele drinnen hat, im Verhältnis zu dem betrachten, was er draußen tut; das verhält sich ja gerade so, wie wenn die Eule in den Spiegel schaut! Wie wenn man der Eule den Spiegel vorhält, so würde sich das verhalten, was einer tut, der sich ganz genau nach den Worten richtet. Und aus dieser Empfindung entstand in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts der Till Eulenspiegel. Der Eulenspiegel ist das, was der Menschheit vorgehalten wird. Nicht als ob man das auf den Till Eulenspiegel selber beziehen sollte; sondern indem Till Eulenspiegel wörtlich nimmt, was die Menschen in den trockenen, abstrakten Worten haben, sehen sich die Menschen, während sie sich sonst nicht sehen. Er ist der Eulen-Spiegel, in dem sich die Eulen wirklich sehen können. [An die Tafel wird geschrieben: «Eule in Spiegel».]

[ 25 ] People sensed this and said: A person should consider what is actually inside their soul in relation to what they do on the outside; it is just like when an owl looks into a mirror! Just as when you hold a mirror up to an owl, so too would the actions of someone who follows words to the letter appear. And from this feeling, Till Eulenspiegel emerged in the second half of the 14th century. Eulenspiegel is what is held up to humanity. Not that this should be taken to refer to Till Eulenspiegel himself; rather, because Till Eulenspiegel takes literally what people express in dry, abstract words, people see themselves in a way they otherwise would not. He is the owl-mirror in which the owls can truly see themselves. [The following is written on the blackboard: “Owl in Mirror.”]

[ 26 ] Es ist Nacht geworden. Früher haben die Menschen in die geistige Welt hineingesehen. Ihre Worte haben sie auch so getätigt, daß sie mit der Welt stimmten. Damals waren die Menschen Adler. Jetzt sind sie Eulen geworden. Die Seelenwelt ist ein Nachtvogel geworden. Und in der abenteuerlichen Welt, die der Till Eulenspiegel darstellt, wird eben der Eule der Spiegel vorgehalten.

[ 26 ] Night has fallen. In the past, people looked into the spiritual world. They also chose their words so that they were in harmony with the world. Back then, people were eagles. Now they have become owls. The world of the soul has become a night bird. And in the adventurous world depicted by Till Eulenspiegel, it is precisely the owl that is held up to a mirror.

[ 27 ] So kann man schon das, was in der geistigen Welt auftritt, betrachten. Die Dinge:haben schon ihre Hintergründe. Man lernt einfach Geschichte, und damit auch die Hauptsache in der gegenwärtigen Menschheit, nicht kennen, wenn man nicht auf die geistigen Vorgänge hinblicken kann. Insbesondere ist es wichtig, daß man all das äußerliche Charakterisieren verläßt. Ich bitte Sie, schauen Sie in irgendeinem Wörterbuch nach, was alles an Erklärungen für den Eulenspiegel gegeben wird! Man begreift das nicht, wenn man nicht in den ganzen Vorgang des Geisteslebens hineinsieht. Es kommt schon darauf an bei der Geisteswissenschaft, daß man den Geist in den Dingen wirklich entdeckt; nicht so, daß man einige außerhalb der Sinneswelt befindliche geistige Wesenheiten begrifflich weiß oder nicht, sondern es kommt darauf an, daß man sich hineinfindet in das geistige Betrachten der Wirklichkeit.

[ 27 ] This is how one can view what occurs in the spiritual world. Things already have their underlying causes. One simply cannot understand history—and thus the essence of present-day humanity—unless one can look at the spiritual processes at work. In particular, it is important to move beyond all external characterizations. I urge you to look up in any dictionary the various explanations given for “Eulenspiegel”! One cannot understand this unless one looks into the entire process of spiritual life. In spiritual science, what really matters is that one truly discovers the spirit within things; it is not a matter of whether or not one knows, in a conceptual sense, about certain spiritual beings existing outside the sensory world, but rather that one finds one’s way into the spiritual contemplation of reality.

[ 28 ] Den Umschwung, der da eingetreten ist, indem die Menschen früher sich der geistigen Welt nahe gefühlt haben und nachher sich wie herausgestoßen fühlten, diesen Umschwung kann man auch sonst durchaus sehen. Ich bitte Sie, fühlen Sie einmal die ganze Tiefe des Impulses, der durch so etwas wie die Parzival-Dichtung hindurchgeht. Nehmen Sie den Parzival, wie ihm von seiner Mutter Herzeleide Narrenkleider angezogen werden, daß er nicht hineinwachsen soll in die Welt, welche die neue Welt darstellt. Er soll bei der alten Welt verbleiben. Er wächst aber doch hinein. Er wächst in die Gralswelt hinein. Er wächst also aus der sinnlichen Wirklichkeit heraus in die geistige Welt hinein. Das 17. Jahrhundert hat auch so eine Art Parzival, aber einen komischen: da ist alles ins Komische getaucht. Im intellektualistischen Zeitalter kann man, wenn man ehrlich ist, zunächst nicht den Seelenduktus aufbringen, der im Parzival waltet. Aber einen solchen Menschen, der ausziehen muß, in die Welt hinaus sich verlieren muß, und der zuletzt doch in der Einsamkeit landet, sein Seelenheil findet, den zeichnet man auch im 17. Jahrhundert, nach dem Umschwung: das ist der «Simplicissimus» des Christoffel von Grimmelshausen. Nehmen Sie nur einmal den ganzen Vorgang des «Simplicissimus». Sie müssen natürlich dabei auf die Stimmung achten — dort die reine, ich möchte sagen heilige Parzival-Stimmung, hier die humoristische, komische Stimmung. Aber nehmen Sie nun den «Simplicissimus»: der Sohn eines Bauern aus dem Spessart. Im Dreißigjährigen Kriege wird das Haus abgebrannt. Der Sohn muß fliehen, kommt zu einem Waldeinsiedler, der ihn in allerlei unterrichtet. Aber der stirbt. Da ist er nun in die Welt hinausgeworfen; er muß wandern. Er wächst hinein in all die Ereignisse, Schicksalsschläge, die eben durch den Dreißigjährigen Krieg geboten werden. Er kommt an den Hof des Gouverneurs von Hanau. Äußerlich hat er nichts gelernt, äußerlich ist er der reine Tor, aber er ist ein innerlicher Mensch bei alledem. Und weil er nun so äußerlich der reine Tor ist, sagt sich der Gouverneur von Hanau: Das ist ein Narr, der weiß nichts, das ist der Simplicissimus, das ist der allereinfältigste Mensch. Wozu soll ich ihn erziehen? Zum Hofnarren. Nun erzieht er ihn zum Hofnarren.

[ 28 ] The shift that has taken place—where people used to feel close to the spiritual world and later felt as if they had been cast out—is something that can certainly be seen in other contexts as well. I ask you to try to feel the full depth of the impulse that runs through something like the Parzival epic. Consider Parzival, as his mother Herzeleide dresses him in a jester’s costume so that he will not grow into the world that represents the new age. He is meant to remain in the old world. But he grows into it nonetheless. He grows into the world of the Grail. He thus grows out of sensory reality and into the spiritual world. The 17th century also has a kind of Parzival, but a comical one: there, everything is steeped in the comic. In the intellectualist age, if one is honest, one cannot at first muster the spiritual disposition that prevails in Parzival. But a person like that—who must set out, must lose himself in the world, and who ultimately ends up in solitude, finding his spiritual salvation—is also portrayed in the 17th century, after the turning point: this is Christoffel von Grimmelshausen’s Simplicissimus. Just consider the entire narrative of Simplicissimus. Of course, you must pay attention to the mood—there, the pure, I would say sacred, Parzival mood; here, the humorous, comic mood. But take Simplicissimus: the son of a farmer from the Spessart. During the Thirty Years’ War, his family’s house is burned down. The son must flee and comes upon a hermit in the forest who teaches him all sorts of things. But the hermit dies. Now he is cast out into the world; he must wander. He grows into all the events and strokes of fate that the Thirty Years’ War brings. He arrives at the court of the governor of Hanau. Outwardly, he has learned nothing; outwardly, he is a complete fool, but he is, despite all this, a man of inner depth. And because he appears to be such a complete fool on the outside, the governor of Hanau says to himself: “This is a fool who knows nothing; this is Simplicissimus; this is the simplest of men. Why should I educate him? To be a court jester.” So he trains him to be a court jester.

[ 29 ] Aber jetzt ist der äußere Mensch und der innere Mensch auseinandergezogen. Das Ich ist selbständig geworden gegenüber dem äußeren Menschen. Und das wird gerade in dem «Simplicissimus» gezeigt. Jetzt ist der äußere Mensch in der äußeren Welt der zum Hofnarren erzogene Narr, den alle für einen Narren nehmen; und der innere Mensch beim Simplicissimus, der hält alle diese, die ihn zum Narren nehmen, selbst zum Narren, denn er ist, trotzdem er gar nichts gelernt hat, viel gescheiter als die andern, die ihn zum Narren gemacht haben, denn er bringt die andere Intellektualität, die aus dem Geistigen kommt, aus sich heraus, und die Intellektualität, die bloß aus dem Verstande kommt, die tritt ihm in dem Äußerlichen entgegen. Und nun nehmen ihn die Intellektualisten als Narren, und er, der Narr, bringt den Intellektualismus aus der geistigen Welt und hält die andern nun zum Narren, die ihn zum Narren machen wollen. Dann wird er von Kroaten gefangengenommen, abenteuert in der Welt herum, und zuletzt mündet er wiederum in der Einsiedelei ein, um seinem Seelenheile zu leben.

[ 29 ] But now the outer self and the inner self have become separated. The “I” has become independent of the outer man. And this is precisely what is shown in Simplicissimus. Now the outer man in the outer world is the fool who has been trained as a court jester, whom everyone takes for a fool; and the inner man in Simplicissimus—he, in turn, takes all those who make a fool of him for fools himself, for, even though he has learned nothing at all, he is far wiser than the others who have made a fool of him; for he brings forth from within himself the other kind of intellectuality—that which comes from the spiritual—while the intellectuality that comes merely from the intellect confronts him in the external world. And now the intellectualists take him for a fool, and he, the fool, brings intellectualism from the spiritual world and now makes fools of the others who want to make fools of him. Then he is captured by Croats, wanders about the world on adventures, and finally returns to the hermitage to live for the salvation of his soul.

[ 30 ] Ja, schon Wilhelm Scherer hat die Ähnlichkeit des Simplicissimus mit dem Parzival erkannt, aber es kommt auf den Stimmungsunterschied an. Es kommt darauf an, daß das, was noch ganz in die Gemütsseele getaucht war im Parzival, heraufgekommen ist in die Bewußtseinsseele, daß der kaustische Verstand wirkt, daß das Komische, das ja nur im kaustischen Verstand seinen Ursprung haben kann, da wirkt. Wenn man aber ein Gefühl hat für diesen Stimmungsumschwung, dann wird man gerade in solchen Produktionen, die wirklich nicht bloß aus Einzelnen hervorgehen, sehen, was eigentlich in der Menschheitsentwickelung geschehen ist. Und Christoffel von Grimmelshausen hat eben einfach die ganze Stimmung, die Denkweise seiner Zeit hineingeheimnißt in diesen «Simplicissimus» gerade so, wie, man möchte sagen, man das ganze Volk dichtend findet, um alles das zusammenzutragen, was die Seele als Eule im Spiegel sehen kann, und dadurch alle möglichen Geschichten zusammengetragen werden im Till Eulenspiegel.

[ 30 ] Yes, Wilhelm Scherer had already recognized the similarity between Simplicissimus and Parzival, but what matters is the difference in mood. What matters is that what was still entirely immersed in the emotional soul in Parzival has risen into the conscious soul, that the caustic intellect is at work, and that the comic—which can, after all, only have its origin in the caustic intellect—is at work there. But if one has a sense of this shift in mood, then one will see, precisely in such works—which truly do not arise merely from individuals—what has actually taken place in the development of humanity. And Christoffel von Grimmelshausen has simply imbued the entire mood and way of thinking of his time into this Simplicissimus, just as—one might say—one finds the entire people at work in poetry, gathering together everything that the soul can see as an owl in a mirror, and through this, all manner of stories are brought together in Till Eulenspiegel.

[ 31 ] Es wäre schon durchaus notwendig, daß man auf alle diese Zusammenhänge einmal genauer einginge, nicht bloß, um im einzelnen diese Zusammenhänge zu charakterisieren. Ich kann Ihnen ja selbst nur einzelne Beispiele geben. Würde man das, was eigentlich gesagt werden kann, sagen, dann müßte man jahrelang über die Dinge reden. Aber darum allein handelt es sich nicht, sondern es handelt sich darum, daß man wirklich einer vergeistigten Auffassung der Dinge näherkommt, wenn man solche Dinge, die nur rein äußerlich hingestellt werden, auch in ihren geistigen Zusammenhängen kennenlernt. Und so darf man sagen: Man sieht überall, wie durch die Geistesentwickelung der Menschheit durchzittert jener gewaltige Umschwung, der da geschehen ist vom vierten in den fünften nachatlantischen Zeitraum hinein. Es ist so, daß man, wenn man nur etwas zurückgeht von der Zeitenwende, gleich dasjenige hat, was uns in allen Erscheinungen hinweist darauf, wie stark dieser Umschwung war.

[ 31 ] It would certainly be necessary to examine all these connections in greater detail, not merely to characterize them in specific terms. I can, of course, only give you a few examples myself. If one were to say everything that could actually be said, one would have to talk about these things for years. But that is not the only point; rather, the point is that one truly comes closer to a spiritual understanding of things when one learns about such matters—which are usually presented in a purely external way—within their spiritual contexts as well. And so one may say: Everywhere one sees how the spiritual development of humanity is permeated by that tremendous upheaval that took place as we moved from the fourth into the fifth post-Atlantean epoch. The fact is that if one goes back just a little from the turn of the epoch, one immediately encounters what points out to us in all phenomena just how profound this upheaval was.

[ 32 ] Man kann ja eigentlich auch nur in einem solchen Zusammenhange ganz verstehen, was in den Gestalten liegt, die das Geistesleben aus der Vergangenheit in die Gegenwart heraufgetragen hat. Nehmen Sie Lohengrin, den Sohn des Parzival. Fragen Sie sich einmal ehrlich: Ist es so ohne weiteres verständlich, daß Elsa nicht nach Namen und Geschlecht des Lohengrin fragen darf? Die Menschen nehmen das so hin; aber warum sie eigentlich nicht fragen soll, das ist etwas, worüber doch nicht intensiv genug nachgedacht wird, weil gewöhnlich die Dinge ihre zwei Seiten haben. Gewiß, man kann die Sache auch anders darstellen, aber ein Wichtiges ist in dem Folgenden enthalten:

[ 32 ] It is really only in such a context that one can fully understand the significance of the characters that spiritual life has carried forward from the past into the present. Take Lohengrin, the son of Parzival. Ask yourself honestly: Is it really so obvious that Elsa is not allowed to ask Lohengrin his name and lineage? People accept this as a given; but why she actually shouldn’t ask is something that isn’t given enough thought, because things usually have two sides to them. Certainly, one can present the matter differently, but an important point is contained in the following:

[ 33 ] Lohengrin ist der Abgesandte des Grals, der Sohn des Parzival. Womit hat man es denn da innerhalb der Gralsgemeinschaft zu tun? Diejenigen, die um das Geheimnis des Grals wußten, die dachten über dieses Geheimnis des Grals so, daß im Gralstempel nicht bloß die auserlesenen Gralsritter sind, sondern ein jeglicher, der reinen Herzens ist und im richtigen Sinne Christ ist, zieht, so sagte man, während des Schlafens, vom Einschlafen bis zum Aufwachen, nach dem Gral hin. Geradezu als den Versammlungsort der wahrhaft christlichen Seelen während des Nachtschlafens dachte man sich den Gral. Man wollte entrückt sein dem Erdenleben. Daher mußten dem Erdenleben auch diejenigen entrückt sein, die die Gralsherrschaft leiteten. Zu ihnen gehörte Lohengrin, der Sohn des Parzival. Wer daher wirken wollte im Sinne der Gralsimpulse, der mußte sich ganz in der geistigen Welt fühlen, der mußte sich ganz fühlen als ein Angehöriger der geistigen Welt, der durfte vor allen Dingen sich nicht als ein Angehöriger der äußeren Erdenwelt fühlen. Er mußte in einem gewissen Sinne, sagen wir den Vergessenheitstrank haben.

[ 33 ] Lohengrin is the emissary of the Grail, the son of Parzival. What, then, are we dealing with within the Grail community? Those who knew the secret of the Grail believed that the Grail Temple was not merely home to the chosen Grail Knights, but that anyone who was pure of heart and a Christian in the true sense of the word was drawn—so it was said—toward the Grail during sleep, from the moment they fell asleep until they awoke. The Grail was conceived as the very gathering place of truly Christian souls during the night’s sleep. One sought to be transported away from earthly life. Therefore, those who led the Grail Kingdom also had to be transported away from earthly life. Among them was Lohengrin, the son of Parzival. Therefore, anyone who wished to work in accordance with the impulses of the Grail had to feel completely at home in the spiritual world; they had to feel entirely as a member of the spiritual world; above all, they were not allowed to feel themselves a member of the outer earthly world. In a certain sense, they had to have, so to speak, the potion of forgetfulness.

[ 34 ] Lohengrin wird von der Gralsburg abgeschickt. Er verbindet sich mit Elsa von Brabant, also mit dem ganzen Brabantervolk. Er zieht im Gefolge Heinrichs I. gegen die Ungarn. Also er führt im Auftrage des Grals wichtige weltgeschichtliche Impulse aus. Daß er das kann, das rührt von der Kraft her, die er aus dem Gralstempel hat. Ja, wenn wir zurückgehen in den vierten nachatlantischen Zeitraum, da werden ja auch diese Dinge anders; da wirkten nicht bloß die äußerlichen, mit dem Verstande zu erfassenden Impulse, da wirkten eben geistige Impulse überall mit. Die geschichtliche Darstellung ist ja so, daß man das kaum merkt.

[ 34 ] Lohengrin is sent forth from the Grail Castle. He unites with Elsa of Brabant—and thus with the entire people of Brabant. He marches against the Hungarians in the retinue of Henry I. In this way, he carries out important impulses in world history on behalf of the Grail. His ability to do this stems from the power he draws from the Grail Temple. Indeed, if we go back to the fourth post-Atlantean epoch, these things take on a different character; there, it was not merely the external impulses—those graspable by the intellect—that were at work, but spiritual impulses were also at work everywhere. The historical account is such that one hardly notices this.

[ 35 ] Wir reden heute ganz richtig wiederum von Meditationsformeln, einfachen Sätzen, die durch ihre Einfachheit im Bewußtsein wirken. Ich weiß nicht, wieviel Leute heute mit dem richtigen Verständnis darauf hinschauen, wenn ihnen die Geschichte erzählt, daß diejenigen, die aufgefordert wurden, sich den Kreuzfahrern anzuschließen — und das war im vierten nachatlantischen Zeitraum —, daß die versehen wurden mit der Meditationsformel «Gott will es», und daß diese Formel eben mit einer spirituellen Gewalt wirkte. Das war gewissermaßen eine soziale Meditation, die mit dem «Gott will es» gegeben wurde. Achten Sie einmal auf solche Dinge in der Geschichte, Sie werden da schon mehr solche Dinge finden! Sie werden den Ursprung der alten Devisen finden. Sie werden finden, wie gewisse Burgengeschlechter unter solchen Devisen gerade ihre Eroberungszüge begonnen haben, wie sie mit geistigen Mitteln, mit geistigen Waffen gewirkt haben. Mit den bedeutendsten geistigen Waffen wirkten die Gralsritter, wirkte so jemand wie Lohengrin. Er konnte das nur, wenn ihm die Erinnerungen an seine äußere Abstammung, an seinen äußeren Namen, an sein äußeres Geschlecht nicht entgegentraten. Er mußte sich geradezu in eine Sphäre versetzen, wo er dem Geistigen hingegeben sein konnte und sich der Verkehr mit der Außenwelt bloß auf die sinnliche Anschauung beschränkte, nicht auf irgendwelche Erinnerungen. Er mußte unter der Wirkung des Vergessenheitstrankes seine Taten vollführen. Er durfte nichterinnert werden, in seiner Seele durfte nicht aufsteigen: Ich heiße so, ich bin aus diesem Geschlechte. — Daher darf ihn Elsa von Brabant nicht fragen. Für ihn ist das notwendig. In dem Augenblicke, wo er gefragt wird, muß er sich erinnern. Es ist genau dieselbe Wirkung auf seine Taten, wie wenn man ihm sein Schwert bräche.

[ 35 ] Today, quite rightly, we are once again speaking of meditation formulas—simple phrases that, through their simplicity, have an effect on consciousness. I don’t know how many people today look at this with the right understanding when history tells them that those who were called upon to join the Crusaders—and this was during the fourth post-Atlantean epoch—were given the meditation formula “God wills it,” and that this formula indeed worked with spiritual power. This was, in a sense, a form of social meditation conveyed through the phrase “God wills it.” Pay attention to such things in history, and you will find many more examples like this! You will discover the origins of the ancient mottos. You will see how certain noble families set out on their conquests under such mottos, and how they acted through spiritual means, with spiritual weapons. The Knights of the Grail, and figures such as Lohengrin, acted with the most powerful spiritual weapons. He could do so only if the memories of his outward lineage, his outward name, and his outward family did not stand in his way. He had to transport himself, as it were, into a sphere where he could devote himself to the spiritual, and where his interaction with the outside world was limited solely to sensory perception, not to any memories. He had to carry out his deeds under the influence of the potion of forgetfulness. He must not be reminded; the thought must not arise in his soul: “My name is such-and-such; I am of this lineage.” — That is why Elsa of Brabant must not ask him. This is necessary for him. The moment he is asked, he will remember. It would have exactly the same effect on his actions as if his sword were broken.

[ 36 ] Wenn wir eben hinter den Zeitraum gehen, wo alles intellektualistisch geworden ist und wo nun auch die Menschen das, was vorangegangen ist, in iintellektualistische Begriffe kleiden und alles so vorstellen, als ob es gewesen wäre wie nachher, wenn wir hinter das zurückgehen, was dem intellektualistischen Zeitraume angehört, da finden wir auch im sozialen Wirken überall das Spirituelle. Und die Menschen rechneten mit dem Spirituellen, rechneten daher zum Beispiel mit Moralischem als mit Arzneimitteln.

[ 36 ] If we go back beyond the period when everything became intellectualistic—and when people began to frame what had come before in intellectualistic terms and to imagine everything as if it had been just as it was later on—if we go back beyond what belongs to that intellectualistic period, we find the spiritual present everywhere in social activity. And people relied on the spiritual; they therefore relied, for example, on moral principles just as they did on medicines.

[ 37 ] Ich möchte sehen, wie im intellektualistischen Zeitalter, wenn man nur dem Intellektualismus angehört, die Menschen das auffassen würden, wenn man in seiner Apotheke auch Moral als Arzneimittel hätte! Aber man braucht wiederum nur um ein paar Jahrhunderte hinter den Umschwung zurückzugehen. Lesen Sie den «Armen Heinrich» von Hartmann von Aue, der demselben Zeitalter angehört wie Wolfram von Eschenbach. Da steht vor Ihnen der Ritter, der reiche Ritter, der aber von Gott abgefallen ist, der in seiner Seele den Zusammenhang mit der geistigen Welt verloren hat, der daher dieses atheistische Moment, das über ihn gekommen ist, auch als physische Krankheit erlebt, als die Miselsucht, eine Art Aussatz. Die Leute meiden ihn. Kein Arzt kann ihn heilen. Er kommt zu einem gescheiten Arzt in Salerno. Der sagt ihm, physische Heilmittel gibt es für ihn nicht; das einzige Heilmittel ist, wenn sich eine reine Jungfrau für ihn töten läßt. Das Blut einer reinen Jungfrau kann ihn davon befreien. Er verkauft alle seine Güter, lebt einsam auf seinem Meierhof, wird betreut von einem Meier. Dieser Meier hat eine Tochter. Die gewinnt den aussätzigen Ritter, den Ritter mit der Miselsucht, lieb. Sie hört von dem, was allein sein Heilmittel sein könnte. Sie beschließt, für ihn zu sterben. Er begibt sich mit ihr zum Arzt von Salerno; da wird es ihm leid. Er will lieber weiter den Aussatz haben als dieses Opfer. Aber schon, daß ihr Wille zum Opfer vorhanden war, das wirkt. Er wird nach und nach geheilt. — Wir sehen das Herüberwirken des Spirituellen im geistigen Leben, wir sehen, wie moralische Impulse heilen, als heilende Wirkungen aufgefaßt wurden. Heute sagt man: Nun ja, entweder war es ein Zufall, oder es war überhaupt nicht, man erzählt so etwas nur. — Mag man über den einzelnen Fall denken, wie man will — es muß doch darauf aufmerksam gemacht werden, daß in dem Zeitalter, das dem 15. Jahrhundert vorangegangen ist, im wesentlichen noch viel stärker von Seele auf Seele gewirkt wurde als später, auch von dem, was die Seelen dachten und empfanden und wollten. Denn jene soziale Trennung zwischen Mensch und Mensch, die dann später eingetreten ist, die ist eben durchaus eine Begleiterscheinung des Intellektualismus. Und je weiter der Intellektualismus gedeiht, je weniger man sucht nach dem, was ihm entgegenwirken muß — nach dem Spirituellen — desto mehr wird der Intellektualismus die einzelnen Individualitäten auseinanderspalten.

[ 37 ] I would like to see how, in this age of intellectualism—when people adhere solely to intellectualism—they would react if one were to stock morality as a medicine in one’s pharmacy! But then again, one need only go back a few centuries to the time before this shift. Read “Poor Henry” by Hartmann von Aue, who belongs to the same era as Wolfram von Eschenbach. There before you stands the knight—the wealthy knight—who has, however, fallen away from God, who has lost the connection with the spiritual world in his soul, and who therefore experiences this atheistic state that has come over him as a physical illness as well: “Miselsucht,” a kind of leprosy. People shun him. No doctor can cure him. He goes to a wise doctor in Salerno. The doctor tells him there is no physical cure for him; the only cure is for a pure virgin to let herself be killed for him. The blood of a pure virgin can free him from this affliction. He sells all his possessions, lives in solitude on his farmstead, and is cared for by a steward. This steward has a daughter. She falls in love with the leprous knight, the knight with leprosy. She hears about the only thing that could be his cure. She decides to die for him. He goes with her to the doctor in Salerno; but there he changes his mind. He would rather continue to have leprosy than accept this sacrifice. But the very fact that her willingness to sacrifice herself existed has an effect. He is gradually healed. — We see the influence of the spiritual in spiritual life; we see how moral impulses were understood as healing forces. Today people say: Well, either it was a coincidence, or it didn’t happen at all—people just make up stories like that. — Whatever one may think of this individual case—it must nevertheless be pointed out that in the age preceding the fifteenth century, the influence of soul to soul was, in essence, much stronger than it was later, including the influence of what souls thought, felt, and willed. For that social separation between people that arose later is, in fact, a direct consequence of intellectualism. And the more intellectualism flourishes, the less people seek what must counteract it—the spiritual—the more intellectualism will drive individual personalities apart.

[ 38 ] Das mußte zwar kommen; Individualismus muß sein. Aber aus dem Individualismus heraus muß das Soziale gefunden werden. Sonst besteht das «soziale Zeitalter» darin, daß die Menschen unsozial sind und deshalb nach Sozialismus schreien. Sie schreien ja am meisten nach Sozialismus, weil sie im Inneren der Seele unsozial sind. Aber dieses soziale Element, das einem in solch einer Dichtung wie «Der arme Heinrich» des Hartmann von Aue entgegentritt, das müssen wir beachten. Das tritt dann auch in geistigen Schöpfungen zutage, und in den geistigen Schöpfungen findet man es sehr deutlich in der Stimmung. Es ist in diesem «Armen Heinrich» eben eine ganz andere Stimmung vorhanden. Wir können natürlich nicht sagen, sentimental; denn sentimental ist man erst später in dem unnatürlichen Herausgehen aus dem Intellektualismus geworden. Aber es ist eine Art frommer Stimmung, eben eine Art spiritueller Stimmung darinnen. Will man später ehrlich sein in denselben Sachen, dann muß man komisch werden, dann muß man so darstellen, wie Christoffel von Grimmelshausen im «Simplicissimus» dargestellt hat, oder wie das Volk selber im «Till Eulenspiegel» dargestellt hart.

[ 38 ] This was bound to happen; individualism is a necessity. But it is from individualism that the social must be discovered. Otherwise, the “social age” consists of people being antisocial and therefore clamoring for socialism. Indeed, they clamor most for socialism precisely because, deep down in their souls, they are antisocial. But we must take note of this social element that confronts us in a work of poetry such as Hartmann von Aue’s “Poor Henry.” This also comes to light in works of the spirit, and in such works it is very clearly evident in the mood. There is, in fact, a completely different mood present in this “Poor Henry.” Of course, we cannot call it sentimental; for sentimentality only emerged later, as an unnatural departure from intellectualism. But there is a kind of pious mood, indeed a kind of spiritual mood, within it. If one wants to be honest about these same matters later on, then one must turn to comedy; one must portray them as Christoffel von Grimmelshausen did in Simplicissimus, or as the people themselves are portrayed in Till Eulenspiegel.

[ 39 ] Dieses Sich-herausgeworfen-Fühlen aus der Welt, das tritt uns nicht bloß in den Dichtungen eines Volkes, das tritt uns im Grunde genommen überall entgegen. Und nun sehen Sie, wie in alldem eine andere Stellung des Menschen zu sich selber liegt. Der Mensch muß wieder von einem ganz neuen Standpunkte aus die Frage aufwerfen: Ja, was bin ich denn eigentlich als Mensch? — Das zittert immer nach. Daher wird vom neuen intellektualistischen Standpunkte aus diese Frage immer wieder neu gestellt: Was ist denn das eigentlich, der Mensch? — Früher hat man sich an die geistige Welt gewendet. Da haben die Leute das ja wirklich gesucht, was der Faust vergeblich wiederum sucht. Man wendete sich an die geistige Welt, wenn man wissen wollte: Was ist eigentlich der Mensch? Weil man wußte: Außerhalb dieses physischen Erdenlebens ist ja der Mensch ein Geist. Will er also sein wahres Wesen, das er auch im physischen Erdenleben lebt, kennenlernen, dann muß er sich an die geistige Welt wenden. Aber immer mehr kommt er davon ab, sich an die geistige Welt zu wenden.

[ 39 ] This feeling of being cast out of the world is not something we encounter only in the literature of a particular people; in fact, we encounter it everywhere. And now you can see how, in all of this, there lies a different relationship between human beings and themselves. Human beings must once again raise the question from an entirely new standpoint: Yes, what am I, actually, as a human being? — This question continues to resonate. That is why, from this new intellectualist standpoint, the question is posed anew time and again: What, actually, is a human being? — In the past, people turned to the spiritual world. There, people truly sought what Faust, in turn, seeks in vain. People turned to the spiritual world when they wanted to know: What is a human being, really? Because they knew: Outside of this physical earthly life, a human being is, after all, a spirit. So if a person wants to come to know their true nature—which they also live out in their physical earthly life—then they must turn to the spiritual world. But they are increasingly turning away from turning to the spiritual world.

[ 40 ] Goethe läßt im «Faust» noch eine Ahnung auftauchen: Ich muß mich an die geistige Welt wenden, wenn ich ihn erkennen will, den Geist. — Aber es geht nicht. Der Erdgeist erscheint zwar, aber Faust kann diesen Erdgeist mit dem gewöhnlichen Erkennen nicht ansehen. Der Erdgeist sagt ihm: «Du gleichst dem Geist, den du begreifst, nicht mir!» Faust muß sich wegwenden, zu Wagner; in Wagner sieht er dann den Geist, den er begreift. Nicht den Erdgeist begreift er, er, [das] «Ebenbild der Gottheit». Goethe hat also noch in einem Zeitalter gelebt, wo man sich hinrang danach, aus der geistigen Welt heraus das Wesen des Menschen zu finden. Sehen Sie, was dann kommt, als Goethe gestorben war. Da wollten die Menschen ja auch wieder wissen, und zwar aus dem Intellektualismus heraus, was eigentlich der Mensch ist. Nun verfolgen Sie es weiter: Die Menschen können sich nicht an die geistige Welt wenden, um zu erfahren, was der Mensch ist. An sich selbst finden sie es auch nicht, denn die Sprache ist schon zur Seeleneule geworden. So gehen sie denn zu den Menschen, welche die alte Zeit, wenigstens äußerlich noch, darbietet. Im 19. Jahrhundert — was kommt da herauf? 1836 Jeremias Gorthelf: «Bauernspiegel»; 1839 Immermann: «Oberhof», «Drei Mühlen», «Schwarzwälder Bauerngeschichten»; 1849 George Sand: «La petite Fadette»; 1847 Grigorowitsch: «Anton der Unglückliche»; 1847–1851 Turgenjew: «Aufzeichnungen eines Jägers».

[ 40 ] In Faust, Goethe hints at this: I must turn to the spiritual world if I am to recognize him—the Spirit. — But it is not possible. The Earth Spirit does appear, but Faust cannot perceive this Earth Spirit through ordinary cognition. The Earth Spirit says to him: “You resemble the spirit you comprehend, not me!” Faust must turn away, toward Wagner; in Wagner he then sees the spirit he comprehends. He does not comprehend the Earth Spirit—he, the “image of the deity.” Goethe thus lived in an age when people strove to discover the essence of the human being from within the spiritual world. See what happened after Goethe died. Then people wanted to know again—this time from a position of intellectualism—what a human being actually is. Now follow this further: People cannot turn to the spiritual world to learn what a human being is. Nor can they find it within themselves, for language has already become a “soul owl.” So they turn to the people who still embody the old times, at least outwardly. In the 19th century—what emerges? 1836 Jeremias Gorthelf: Bauernspiegel; 1839 Immermann: Oberhof, Drei Mühlen, Schwarzwälder Bauerngeschichten; 1849 George Sand: La petite Fadette; 1847 Grigorovich: Anton the Unfortunate; 1847–1851 Turgenev: A Hunter’s Sketches.

[ 41 ] Es ist die Sehnsucht, in dem einfachen Menschen das zu finden, womit man sich die Frage beantworten kann: Was ist denn eigentlich der Mensch? — Früher hat man sich an die geistige Welt gewendet; jetzt wendete man sich hinunter zu den Bauern. Im Laufe von zwei Jahrzehnten kommt über die ganze Welt hin die Sehnsucht, Dorfgeschichten zu schreiben, weil man den Menschen studieren will. Man kann ihn nicht studieren, da die Menschen eben sich selbst nicht erkennen können, höchstens wie die Eulen in den Spiegel schauen, deshalb gingen sie zu den einfachen Menschen. Das aber können Sie wiederum in allen einzelnen Zügen — von Jeremias Gotthelf bis zu Turgenjew — nachweisen, wie eigentlich alles darauf hinausgeht, den Menschen kennenzulernen. Aus unbewußten Dorfgeschichten heraus, in all den einfachen Geschichten, auch bei George Sand und so weiter, strebt es nach Menschenerkenntnis. Das geistige Leben wird eben erst durchsichtig, wenn man es von einem solchen Gesichtspunkte aus erkennt.

[ 41 ] It is the longing to find, in the simple person, the answer to the question: What, after all, is a human being? — In the past, people turned to the spiritual world; now they turned to the farmers. Over the course of two decades, a longing to write village stories has spread throughout the world, because people want to study human nature. One cannot study them, since people simply cannot recognize themselves—at most, they gaze into the mirror like owls—which is why they turned to ordinary people. But you can, in turn, demonstrate in every single instance—from Jeremias Gotthelf to Turgenev—how everything ultimately boils down to getting to know human beings. Out of these unconscious village stories, in all these simple tales—including those by George Sand and so on—there is a striving for an understanding of human nature. Intellectual life only becomes transparent when one perceives it from such a perspective.

[ 42 ] Das ist es, was ich in diesen drei Vorträgen vor Sie habe hinstellen wollen, gewissermaßen zur Illustration des Überganges vom vierten in den fünften nachatlantischen Zeitraum. Denn es genügt.nicht, daß man diesen Übergang mit ein paar hingepfahlten Begriffen, mit abstrakten Begriffen charakterisiert — wie man es zunächst natürlich auch getan hat —, sondern es handelt sich darum, daß man die ganze Wirklichkeit geistgemäß gerade durch Anthroposophie durchschauen kann. Dafür wollte ich Ihnen in diesen Vorträgen ein Beispiel geben.

[ 42 ] This is what I have sought to present to you in these three lectures, in a sense to illustrate the transition from the fourth to the fifth post-Atlantic epoch. For it is not enough to characterize this transition with a few arbitrary, abstract concepts—as was naturally done at first—but rather, the point is to be able to perceive the whole of reality in a spiritual way, precisely through anthroposophy. I wanted to give you an example of this in these lectures.

[ 43 ] Die nächsten Vorträge werde ich mir dann erlauben, anzukündigen nach meiner Rückkunft. Es beginnt ja jetzt bald der Kursus in Berlin, zu dem ich fahren muß. Nach meiner Rückkunft werde ich also diese Betrachtungen hier fortsetzen.

[ 43 ] I will take the liberty of announcing the next lectures after my return. The course in Berlin is about to begin, and I must travel there. So, after my return, I will continue these reflections here.