Old and New Initiation Methods
Drama and Poetry in the Shift
of Consciousness in the Modern Era
GA 210
19 March 1922, Dornach
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Old and New Initiation Methods, tr. SOL
12. Das Freiheitsideal bei Schiller und Goethe
12. The Ideal of Freedom in Schiller and Goethe
[ 1 ] Verschiedene Anlässe haben uns dazu geführt, zu betrachten, wie im Übergange vom 13. ins 14. und 15. Jahrhundert das Zeitalter des Intellektualismus beginnt, das Zeitalter, das wir auch oft bezeichnet haben als das der fünften nachatlantischen Kultur. Es ist gerade dadurch charakterisiert, daß in diesem Zeitalter der Mensch dazu kommt, als das Tonangebende in allem seinem Streben das Intellektuelle zu betrachten. Wie sich dieser Intellektualismus auf den verschiedenen Gebieten des inneren Lebens ausgebildet hat, davon haben wir ja oft gesprochen. Alles, was charakteristisch ist für die Menschheitsentwickelung, hat eine innere Seite, durch die es sich mehr auslebt in den Empfindungen, in den Anschauungen der Menschen, in den herrschenden Willensimpulsen und dergleichen. Zugleich hat es aber auch eine äußere Seite, durch die es sich darlebt in den Zuständen, die sich geschichtlich in der Menschheitsentwickelung ergeben, und da muß man sagen, daß vorläufig der am meisten bezeichnende Ausdruck für das intellektualistische Zeitalter geschichtlich die Französische Revolution ist, diese große Weltbewegung vom Ende des 18. Jahrhunderts.
[ 1 ] Various circumstances have led us to consider how, during the transition from the 13th to the 14th and 15th centuries, the age of intellectualism began—the age we have often referred to as that of the fifth post-Atlantean culture. It is characterized precisely by the fact that in this era, human beings come to regard the intellectual as the guiding force in all their endeavors. We have often spoken of how this intellectualism has taken shape in the various spheres of inner life. Everything that is characteristic of human development has an inner aspect through which it manifests itself more fully in people’s feelings, in their views, in the prevailing impulses of the will, and so on. At the same time, however, it also has an outer aspect through which it manifests itself in the conditions that arise historically in the course of human development; and here it must be said that, for the time being, the most significant historical expression of the intellectualist age is the French Revolution—that great world movement of the late 18th century.
[ 2 ] Allerdings, vieles hat im Menschheitsleben durch lange Zeiten hindurch darauf hingewiesen, wie eine solche Art des sozialen Zusammenseins angestrebt werden soll, wie sie dann in der Französischen Revolution tumultuarisch zum Ausdrucke gekommen ist. Und vieles ist wiederum von der Französischen Revolution geblieben, das in der einen oder in der andern Form da oder dort auflebt, und zwar auflebt in den äußeren sozialen Zuständen der Menschheit. Man braucht sich ja nur zu überlegen, wie die Französische Revolution etwas darstellt, was in der Art, wie sie sich am Ende des 18. Jahrhunderts dargelebt hat, vorher nicht möglich gewesen wäre, und zwar aus dem Grunde, weil für alles, was der Mensch hier auf der Erde anstrebte, er eigentlich nicht die volle Befriedigung auch auf dieser Erde gesucht hat.
[ 2 ] However, throughout human history, many things have pointed to the need to strive for this kind of social coexistence, which then found tumultuous expression in the French Revolution. And much has remained from the French Revolution that revives in one form or another here and there—namely, in the external social conditions of humanity. One need only consider how the French Revolution represents something that, in the way it manifested itself at the end of the 18th century, would not have been possible before—precisely because, in everything humanity strove for here on Earth, it did not actually seek full satisfaction on this Earth itself.
[ 3 ] Seien Sie sich doch klar darüber, es hat vor dem Zeitalter der Französischen Revolution in der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit niemals eine Epoche gegeben, in der sich die Menschen gesagt hätten: Alles, was der Mensch durch sein Denken, Fühlen, Wollen anstreben kann, das muß auch einen äußeren entsprechenden Ausdruck im irdischen Dasein selber finden. — In jenem Zeitalter, das der Französischen Revolution vorangegangen ist, war man sich klar darüber, daß die Erde nicht alles hergeben kann, was der Mensch an Bedürfnissen seines Geistes, seiner Seele und seines Leibes haben kann. Der Mensch hat sich immer mit einer übersinnlichen Welt verbunden gefühlt und hat es dieser übersinnlichen Welt zugeschrieben, daß sie befriedigen müsse, was auf der Erde nicht befriedigt werden kann.
[ 3 ] Let us be clear about this: in the historical development of humanity, prior to the era of the French Revolution, there was never a period in which people would have said: Everything that a human being can strive for through their thinking, feeling, and willing must also find a corresponding external expression in earthly existence itself. — In the era preceding the French Revolution, people were well aware that the earth cannot provide everything a human being might need for their mind, soul, and body. Human beings have always felt connected to a supersensible world and have attributed to this supersensible world the task of satisfying what cannot be satisfied on Earth.
[ 4 ] Allerdings, lange bevor die Französische Revolution ihren tumultuarischen Ausdruck fand, strebte man auf den verschiedensten Gebieten der zivilisierten Welt dahin, eine soziale Ordnung herbeizuführen, durch die auf der Erde möglichst viel von den menschlichen Bedürfnissen befriedigt werden kann. Die Französische Revolution aber hat ihren Grundcharakter darin, daß einfach ein sozialer Zustand hervorgerufen werden sollte, der ein entsprechender Ausdruck für menschliches Denken, Fühlen und Wollen schon hier auf der Erde ist. Das ist im wesentlichen das Streben des Intellektualismus.
[ 4 ] However, long before the French Revolution found its tumultuous expression, people in various parts of the civilized world were striving to establish a social order through which as many human needs as possible could be met on earth. The fundamental character of the French Revolution, however, lies in the fact that it sought simply to bring about a social condition that is a fitting expression of human thought, feeling, and will right here on earth. This is, in essence, the aspiration of intellectualism.
[ 5 ] Der Intellektualismus hat als sein Gebiet das irdische Dasein. Alles, was in der sinnlich-physischen Welt vorliegt, das will der Intellektualismus befriedigen. Er will also auch innerhalb der physischen Erdenordnung solche soziale Zustände herbeiführen, welche ein Ausdruck für das Intellektuelle sind. Bis zur Anbetung der Göttin der Vernunft, womit aber eigentlich gemeint war die Göttin des Intellekts, geht ja dieses Streben, in den sozialen Zuständen das hervorzurufen, was der Mensch anstreben kann. Man kann also sagen: Von sehr alten Zuständen, in denen die Menschen sich richteten nach den Impulsen, die ihnen von den Eingeweihten und Mysterienschülern kamen, durch welche sie das Göttlich-Geistige selbst in ihre soziale Ordnung aufnahmen, von jenen alten Zuständen her bewegte sich das soziale Streben der Menschheit etwa zu den ägyptischen Zuständen, wo in die soziale Ordnung aufgenommen wurde dasjenige, was die Könige von den Priestern erfuhren über den Willen der Menschheitsentwickelung, wie er sich etwa in den Sternen ausspricht. Später dann, im älteren Rom, noch im königlichen Rom, versuchte man — es wird das angedeutet durch die Unterredung des Numa Pompilius mit der Nymphe Egeria —, durch die Erforschung der geistigen Welt das hervorzurufen, was soziale Zustände sein sollten. Immer mehr und mehr entwickelte sich dann aus diesem Ineinanderweben des Geistigen mit dem Sinnlich-Sozialen die Forderung: Alles soll auf der Erde so gestaltet werden, daß es ein unmittelbarer Ausdruck des Intellekts sei.
[ 5 ] Intellectualism has earthly existence as its domain. Intellectualism seeks to satisfy everything that exists in the sensory-physical world. It therefore also seeks to bring about, within the physical order of the earth, social conditions that are an expression of the intellectual. This striving to bring about in social conditions whatever human beings can aspire to extends all the way to the worship of the goddess of reason—which actually referred to the goddess of the intellect. One can therefore say: From very ancient conditions, in which people guided themselves by the impulses that came to them from the initiates and students of the mysteries, through which they incorporated the divine-spiritual itself into their social order—from those ancient conditions, humanity’s social striving moved, so to speak, toward the Egyptian conditions, where what the kings learned from the priests about the will of human development—as expressed, for example, in the stars—was incorporated into the social order. Later, in ancient Rome—still in the era of the kings—attempts were made—as suggested by the conversation between Numa Pompilius and the nymph Egeria—to bring about the desired social conditions through the exploration of the spiritual world. From this interweaving of the spiritual with the sensory-social, the demand then developed more and more: Everything on earth should be shaped in such a way that it is a direct expression of the intellect.


[ 6 ] Will man schematisch solch einen Gang darstellen, so muß man ihn in der Form einer absteigenden Kurve darstellen. Im Tiefpunkt steht dann die Französische Revolution (siehe Zeichnung), von hier aus mußte es dann wieder aufwärtsgehen. Dieses Aufwärtsgehen wurde auch sogleich wiederum als eine Reaktion auf die Französische Revolution versucht, und wir sehen ja genau, wie zum Beispiel Schiller wir können es in den Briefen «Über die ästhetische Erziehung» selber lesen — angeregt worden ist, durch das, was durchaus in der Französischen Revolution auf äußerliche Weise zum Ausdruck kam, nun im Inneren des Menschen wiederum einen Anschluß an die geistige Welt zu suchen. Für Schiller entstand die Frage: Wenn es unmöglich ist, hier auf der Erde eine vollkommene soziale Ordnung hervorzurufen, wie kann der Mensch zu dem kommen, was ihn in bezug auf sein Denken, Fühlen und Wollen befriedigen kann; wie kann der Mensch auf dieser Erde zur Freiheit kommen?
[ 6 ] If one wishes to represent such a trajectory schematically, one must depict it as a downward curve. The French Revolution marks the low point (see diagram); from there, the trajectory had to rise again. This upward movement was also immediately attempted as a reaction to the French Revolution, and we can see precisely—as, for example, in Schiller’s letters “On Aesthetic Education,” where we can read it ourselves—how he was inspired by what was outwardly expressed in the French Revolution to seek, within the human being, a reconnection with the spiritual world. For Schiller, the question arose: If it is impossible to bring about a perfect social order here on earth, how can human beings attain what can satisfy them in terms of their thinking, feeling, and willing; how can human beings attain freedom on this earth?
[ 7 ] Und Schiller beantwortete diese Frage dahin, daß er sagte: Wenn der Mensch logisch, der Vernunftnotwendigkeit nachlebt, so ist er eben ein Diener der Vernunftnotwendigkeit, er ist kein freies Wesen. Wenn der Mensch seinen sinnlichen Trieben folgt, seinen bloßen Instinkten, dann gehorcht er wiederum der Naturnotwendigkeit, er ist kein freies Wesen. — Und Schiller kam dazu, sich zu sagen: Eigentlich ist der Mensch ein freies Wesen nur dann, wenn er entweder künstlerisch schafft oder genießt. Eine Verwirklichung der Freiheit in der Welt kann es einzig und allein nur dadurch geben, daß der Mensch künstlerisch arbeitend oder künstlerisch genießend ist. Da wird im künstlerischen Anschauen ausgeglichen, was sonst Zwang der Vernunftnotwendigkeit ist oder Zwang der Naturnotdurft, wie Schiller sich ausdrückt. Indem der Mensch im Künstlerischen lebt, ist es Ja so, daß er in dem Kunstobjekte nicht einen solchen Zwang des Gedankens empfindet wie beim logischen Forschen. Auch in dem, was ihm entgegentritt durch die Sinne, empfindet er nicht den sinnlichen Reiz, sondern dersinnlicheReiz wird geadelt durch das geistige Anschauen im Künstlerischen. Der Mensch ist also, insofern er ein der Kunst fähiges Wesen ist, auch fähig, die Freiheit innerhalb des irdischen Daseins zu entfalten.
[ 7 ] And Schiller answered this question by saying: If a person lives logically, in accordance with the necessities of reason, then he is simply a servant of those necessities; he is not a free being. If a person follows his sensual drives, his mere instincts, then he, in turn, obeys the necessity of nature; he is not a free being. — And Schiller came to conclude: In fact, a person is a free being only when he is either creating art or enjoying it. Freedom can be realized in the world solely and exclusively through a person’s artistic creation or artistic enjoyment. In artistic contemplation, what is otherwise the compulsion of rational necessity or the compulsion of natural necessity—as Schiller puts it—is balanced out. When a person lives within the artistic realm, it is indeed the case that they do not perceive in artistic objects the same compulsion of thought as they do in logical inquiry. Even in what meets them through the senses, they do not perceive the sensual stimulus; rather, the sensual stimulus is ennobled through spiritual contemplation in the realm of art. Human beings are thus, insofar as they are beings capable of art, also capable of unfolding freedom within earthly existence.
[ 8 ] Schiller sucht also die Frage zu beantworten: Wie kann der Mensch als soziales Wesen zur Freiheit kommen? — Und er kommt zu der Antwort, daß der Mensch nur als ein für Kunst empfängliches Wesen zur Freiheit kommen kann, daß er nicht frei sein könne in der Hingabe an die Vernunftnotwendigkeit, und ebensowenig i in der Hingabe an die Naturnotwendigkeit.
[ 8 ] Schiller thus seeks to answer the question: How can human beings, as social beings, attain freedom? — And he arrives at the answer that human beings can attain freedom only as beings receptive to art; that they cannot be free in submission to the necessities of reason, nor, for that matter, in submission to the necessities of nature.
[ 9 ] Es kam in der Zeit, in der Schiller seine Briefe «Über die ästhetische Erziehung des Menschen» schrieb, dies gerade im wechselseitigen Verkehr Goethes und Schillers in einer großartigen Weise zum Ausdrucke. Dies zeigt sich darin, wie Schiller aufgenommen hat dasjenige, was Goethe dazumal umarbeitete an seinem «Wilhelm Meister», wie er hingerissen war von dieser Art der Darstellung, von dieser innerlichen Freiheitsdarstellung, weil Goethe als Künstler gar nicht ein intellektualistischer, sondern ein im freien Gedanken schaffender Geist war, der aber auf der andern Seite durchaus innerhalb des sinnlichen Erlebens in der Kunst stehenblieb. Das empfand Schiller. Er empfand Goethes künstlerische Betätigung so frei, wie das Spiel des Kindes frei ist. Und wir sehen, wie Schiller enthusiasmiert ist von dieser an das Spiel des Kindes erinnernden freien künstlerischen Betätigung des Menschen. Das begeisterte ihn ja zu dem Ausspruche: Der Künstler ist der einzige wahre Mensch, und der beste Philosoph ist gegen ihn nur eine Karikatur — wie es in einem Brief an Goethe heißt. Das begeisterte ihn aber auch zu dem Ausspruch: Der Mensch ist nur dann ganz Mensch, wenn er spielt, und er spielt eigentlich nur, wenn er ganz Mensch ist. — Damit ist nicht ein frivoles oder ein unterhaltsames Spiel gemeint, sondern es ist das künstlerische Tun und das künstlerische Genießen gemeint. Es ist das Verweilen des Menschen im künstlerischen Erleben gemeint, und es ist damit gemeint das wirkliche Freiwerden des Menschen.
[ 9 ] This was particularly evident in the magnificent way it found expression in the exchange between Goethe and Schiller during the period when Schiller was writing his letters “On the Aesthetic Education of Man.” This is evident in how Schiller received what Goethe was revising at the time in his Wilhelm Meister, and how he was enthralled by this style of presentation—this portrayal of inner freedom—because Goethe, as an artist, was by no means an intellectualist, but rather a spirit who created through free thought, while at the same time remaining firmly grounded in sensory experience within art. Schiller sensed this. He perceived Goethe’s artistic activity as free as a child’s play. And we see how Schiller is enthusiastic about this free artistic activity of human beings, which is reminiscent of a child’s play. This inspired him to say: “The artist is the only true human being, and even the best philosopher is merely a caricature in comparison”—as he wrote in a letter to Goethe. But it also inspired him to say: “Man is only fully human when he plays, and he actually plays only when he is fully human.” — This does not refer to frivolous or merely entertaining play, but rather to artistic activity and artistic enjoyment. It refers to a person’s immersion in artistic experience, and it refers to a person’s true liberation.
[ 10 ] Nun, um welchen Preis wollte man sich denn da, wo man von dem, was in der Französischen Revolution als soziale Ordnung angestrebt worden war, wieder hinaufstrebte zu etwas, was der Mensch sich innerlich erringen muß, was ihm nicht durch äußere staatliche Einrichtungen gegeben werden kann — um welchen Preis wollte sich denn da der Mensch diese soziale Freiheit erkaufen? Er wollte sie sich erkaufen um den Preis, daß sie ihm nicht gegeben werden könne beim logischen Nachdenken, nicht gegeben werden könne äußerlich im gewöhnlichen physischen Leben, sondern nur in der ausschließlichen Betätigung im künstlerischen Erleben.
[ 10 ] Now, at what price would one—in a situation where one was moving away from what had been sought as a social order during the French Revolution and striving once more toward something that a person must achieve from within, something that cannot be granted by external state institutions—at what price, then, would a person seek to purchase this social freedom? They were willing to pay the price that it could not be given to them through logical reasoning, could not be given to them externally in ordinary physical life, but only through exclusive engagement in artistic experience.
[ 11 ] Man möchte sagen, man findet einen Abdruck dieser Empfindungen gerade bei den besten Geistern dieses Zeitalters, bei Schiller in theoretischer Form, bei Goethe, der ja praktisch dies Leben in der Freiheit geübt hat. Sehen wir uns einmal die Gestalten Goethes an, die er aus dem Leben heraus schuf und an denen er darstellen wollte das echt Menschliche, das wahrhaft Menschliche. Sehen wir uns den «Wilhelm Meister» an. Wilhelm Meister ist eine Persönlichkeit, an der Goethe das echte, wahre Menschentum darstellen wollte. Aber für das Gesamtauffassen des Lebens ist ja Wilhelm Meister im Grunde genommen ein Bummler. Er ist kein Mensch, der im höchsten Sinne des Wortes nach einer die Seele tragenden Weltanschauung sucht. Er ist auch kein Mensch, der im äußeren Leben einen Beruf, eine Arbeit ergreifen kann. Er bummelt so durch das Leben. Dem liegt zugrunde, daß eigentlich jenes Freiheitsideal, das bei Goethe und Schiller angestrebt wurde, nur erreicht werden konnte von Menschen, die sich aus dem denkerischen und arbeitsamen Leben herausreißen. Man möchte sagen, Schiller und Goethe wollten hinweisen auf die Illusion der Französischen Revolution, auf den illusionären Glauben, als ob irgend etwas Äußeres, ein Staat, dem Menschen die Freiheit geben könne. Sie wollten darauf hinweisen, wie der Mensch sich diese Freiheit nur im Inneren erringen könne.
[ 11 ] One might say that one finds an expression of these feelings precisely in the greatest minds of this age—in Schiller in theoretical form, and in Goethe, who, after all, lived this life of freedom in practice. Let’s take a look at the characters Goethe created from real life, through whom he sought to portray what is genuinely human, what is truly human. Let’s look at Wilhelm Meister. Wilhelm Meister is a character through whom Goethe sought to portray genuine, true humanity. But from the perspective of a holistic view of life, Wilhelm Meister is, at heart, a loafer. He is not a person who, in the highest sense of the word, seeks a worldview that sustains the soul. Nor is he a person who can take up a profession or a job in his external life. He just wanders through life. Underlying this is the fact that the very ideal of freedom to which Goethe and Schiller aspired could only be attained by people who tear themselves away from a life of thought and hard work. One might say that Schiller and Goethe wanted to point out the illusion of the French Revolution—the illusory belief that something external, such as a state, could grant people freedom. They wanted to emphasize that human beings can only attain this freedom from within.
[ 12 ] Damit ist allerdings jener große Gegensatz zwischen Mitteleuropa und dem romanischen Westeuropa gegeben. Das romanische Westeuropa glaubte in einem absoluten Sinne an die Macht des Staates, glaubt ja bis heute daran. Und in Mitteleuropa entstand dagegen die Reaktion, daß das Menschenideal eigentlich nur innerlich gefunden werden könne. Aber es geschah eben auf Kosten des sich voll Hineinstellens in das Leben. Heraus aus dem Leben mußte solch ein Mensch wie Wilhelm Meister streben.
[ 12 ] This, however, highlights the great contrast between Central Europe and Romance-speaking Western Europe. Romance-speaking Western Europe believed in the power of the state in an absolute sense—and indeed still believes in it today. In Central Europe, by contrast, the reaction arose that the ideal of humanity could actually only be found within oneself. But this came at the expense of fully immersing oneself in life. A person like Wilhelm Meister had to strive to step outside of life.
[ 13 ] Man sieht, im ersten Anhub konnte nicht das volle Menschentum in dem wirklichen Menschen gefunden werden. Natürlich, wenn alle Menschen Künstler werden sollten, um, wie Schiller sagte, die «ästhetische Gesellschaft» zu begründen, dann würden wir vielleicht eine ästhetische Gesellschaft haben, aber sehr lebensfähig würde diese ästhetische Gesellschaft nicht sein. Ich kann mir zum Beispiel, um gleich etwas Radikales zu sagen, nicht recht vorstellen, wie in dieser ästhetischen Gesellschaft die Kloaken geräumt würden. Ich kann mir auch nicht vorstellen, wie in dieser ästhetischen Gesellschaft mancherlei von dem geleistet werden sollte, was nun einmal nach strengen logischen Begriffen zu leisten ist. Das Ideal der Freiheit stand leuchtend vor den Menschen, aber der Mensch konnte nicht aus einem vollen Darinnenstehen im Leben nach einer Verwirklichung dieses Ideals der Freiheit streben. Es mußte jener Hinaufschwung nach dem Übersinnlichen wiederum gesucht werden, und zwar jetzt in bewußter Form, wie früher ein Herunterschwung atavistisch stattgefunden hatte; es mußte ein Wiederhinaufschwung in die geistige Welt gesucht werden. Das Ideal der Freiheit mußte festgehalten werden, aber der Aufschwung mußte gesucht werden. Man mußte zunächst die Möglichkeit gewinnen, für das Handeln des Menschen, für das Darinnenstehen im handelnden Leben die Freiheit zu sichern. Das konnte man nur, wie mir schien, auf dem Wege, der in meiner «Philosophie der Freiheit» vorgezeichnet ist.
[ 13 ] As we can see, in the initial attempt, full humanity could not be found in real human beings. Of course, if all people were to become artists in order to establish, as Schiller said, the “aesthetic society,” then we might have an aesthetic society, but this aesthetic society would not be very viable. For example—to say something radical right off the bat—I cannot quite imagine how the sewers would be cleared in such an aesthetic society. Nor can I imagine how, in such an aesthetic society, many of the tasks that must be accomplished according to strict logical principles would be carried out. The ideal of freedom shone brightly before humanity, but human beings could not strive to realize this ideal of freedom while fully immersed in life. That upward surge toward the supersensible had to be sought once again—and now in a conscious form, just as a downward surge had previously taken place atavistically; a renewed upward surge into the spiritual world had to be sought. The ideal of freedom had to be upheld, but the upward surge had to be sought. One had to first gain the ability to secure freedom for human action, for being fully immersed in active life. This, it seemed to me, could only be achieved by following the path outlined in my Philosophy of Freedom.
[ 14 ] Wenn der Mensch sich zu jener inneren Seelenverfassung aufschwingt, durch die er überhaupt fähig wird, im reinen Gedanken, wie ich jetzt dargestellt habe, sittliche Impulse zu finden, dann wird er ein freier Mensch trotz dem völligsten Sich-Hineinstellen ins Leben. Daher mußte ich in meiner «Philosophie der Freiheit» einen Begriff einführen, den man sonst in Moralbeschreibungen, in Moralpredigten nicht findet: den Begriff des sittlichen Taktes, des selbstverständlichen Handelns aus sittlichem Takt, des Übergehens sittlicher Impulse in gewohnheitsmäßiges Handeln.
[ 14 ] When a person rises to that inner state of mind through which he becomes capable, as I have just described, of finding moral impulses in pure thought, then he becomes a free person despite his most complete immersion in life. That is why, in my Philosophy of Freedom, I had to introduce a concept not otherwise found in moral treatises or sermons: the concept of moral tact, of acting naturally out of moral tact, and of the transformation of moral impulses into habitual action.
[ 15 ] Nehmen Sie die Rolle, die der Takt, der moralische Takt in meiner «Philosophie der Freiheit» spielt, so werden Sie sehen, wie da nicht bloß, wie in der ästhetischen Gesellschaft, in das Fühlen, sondern wie da auch in das Wollen die wirkliche menschliche Freiheit, das heißt das gesamte Menschtum eingeführt werden sollte. Derjenige Mensch, der dann überhaupt dazu gekommen ist, eine solche Seelenverfassung zu haben, daß in seinem Wollen reine Gedanken als sittliche Impulse leben können, der darf sich dann in das Leben, und wenn es sonst noch so lastend ist, hineinstellen — er wird die Möglichkeit haben, als ein freier Mensch in diesem Leben drinnenzustehen, insofern das Leben Handlung, Tat von uns verlangt.
[ 15 ] Consider the role that moral sensibility plays in my Philosophy of Freedom, and you will see how true human freedom—that is, the entirety of humanity—is to be introduced not merely into feeling, as in aesthetic society, but also into volition. The person who has thus attained a state of mind in which pure thoughts can live as moral impulses within their will may then step into life—no matter how burdensome it may otherwise be—and will have the possibility of standing within this life as a free person, insofar as life demands action and deed from us.
[ 16 ] Und dazu mußte dann die Möglichkeit gesucht werden, auch für das, was Vernunftnotwendigkeit ist, was gedankliche Erfassung der Welt ist, das zu finden, was dem Menschen die Freiheit sichert, die Unabhängigkeit von dem äußeren Zwange. Das wiederum konnte nur geschehen durch anthroposophische Geisteswissenschaft. Dadurch, daß der Mensch die Möglichkeit verstehen lernt, sich in das hineinzufinden, was im Geiste von den Weltengeheimnissen und Weltenrätseln erlebt wird, lebt er sich in Gedanken mit seinem Menschtum zusammen mit dem inneren Geiste der Welt. Und er gelangt durch Freiheit in die Wissenschaft vom Geiste hinein.
[ 16 ] And to this end, it was necessary to seek a way—even for what is a necessity of reason, for what is the intellectual grasp of the world—to find that which ensures human freedom and independence from external compulsion. This, in turn, could only be achieved through anthroposophical spiritual science. By learning to understand the possibility of entering into what is experienced in the spirit through the world’s mysteries and enigmas, human beings unite their own humanity in thought with the inner spirit of the world. And through freedom, they enter into the science of the spirit.
[ 17 ] Was da vorliegt kann man am besten daran sehen, wie die Menschen auf diesem Gebiete eigentlich heute noch sich furchtbar sträuben, frei zu werden. Das ist wiederum ein Gesichtspunkt, von dem aus man die Gegnerschaft gegen die Anthroposophie verstehen kann. Die Menschen wollen nicht frei sein auf geistigem Gebiete. Sie wollen durch irgend etwas gezwungen, geführt, gelenkt werden. Und weil es jedem freisteht, das Geistige anzuerkennen oder abzulehnen, so lehnen die Menschen es eben ab und wählen dasjenige, demgegenüber es dem Menschen nicht freisteht, es anzuerkennen oder abzulehnen.
[ 17 ] The best way to see what is at stake here is to observe how people in this field still resist becoming free so terribly even today. This, in turn, is a perspective from which one can understand the opposition to anthroposophy. People do not want to be free in the spiritual realm. They want to be compelled, guided, and directed by something. And because everyone is free to accept or reject the spiritual, people simply reject it and choose that which they are not free to accept or reject.
[ 18 ] Ob es blitzt und donnert, ob im Laboratorium durch einen gewissen Vorgang sich Sauerstoff und Wasserstoff vereinigen, darüber gibt es keinen Entschluß, es anzuerkennen, oder nicht anzuerkennen. Ob es Angeloi und Archangeloi gibt, das anzuerkennen steht dem Menschen frei. Er kann es auch leugnen. Der Mensch aber, der nun einen wirklichen Freiheitsimpuls hat, der kommt schon durch diesen Freiheitsimpuls zur Anerkennung des Geistigen im Denken. Es kann dasjenige, was als erster Anhub in Schillers Briefen «Über die ästhetische Erziehung des Menschen», in Goethes ganzem künstlerischem Wirken enthalten war — die Verwirklichung der menschlichen Freiheit durch inneres Ringen, durch inneres Streben —, es kann das eben nur dann erreicht werden, wenn man anerkennt, daß der Mensch zu dem, was er im künstlerischen Erleben als freies Wesen hat, auch hinzufügen kann ein freies Erleben in dem Reiche des Denkens, ein freies Erleben im Reiche des Wollens, das nur in der richtigen Weise ausgebildet werden muß.
[ 18 ] Whether there is lightning and thunder, or whether oxygen and hydrogen combine in a laboratory through a certain process—there is no definitive decision as to whether to acknowledge this or not. As for whether there are angels and archangels, it is up to each person to acknowledge this. They may also deny it. But the person who now possesses a genuine impulse toward freedom comes, through this very impulse, to recognize the spiritual in thought. What was contained as an initial impulse in Schiller’s letters “On the Aesthetic Education of Man” and in Goethe’s entire artistic work—the realization of human freedom through inner struggle, through inner striving— it can only be achieved when one recognizes that human beings can add to what they experience as free beings in the artistic realm a free experience in the realm of thought, a free experience in the realm of will, which merely needs to be developed in the right way.
[ 19 ] Schiller nahm eben einfach das, was das intellektuelle Zeitalter dargeboten hat. Die Kunst strebte im Zeitalter Schillers noch aus diesem Intellektualismus heraus. Darin fand Schiller noch die menschliche Freiheit. Was aber der Intellektualismus dem Gedanken darbietet, ist unfrei, unterliegt dem logischen Zwang. Da erkannte Schiller nicht die Möglichkeit an, daß Freiheit walte, ebensowenig im Handeln, im gewöhnlichen harten Leben. Das mußten wir uns erst erringen durch die Einführung anthroposophischer Geisteswissenschaft, daß die Freiheit auch anerkannt werden konnte auf dem Gebiete des Denkens und auf dem Gebiete des Wollens. Denn Schiller und Goethe erkannten sie nur an auf dem Gebiete des Fühlens.
[ 19 ] Schiller simply took what the Age of Reason had to offer. In Schiller’s era, art still drew its inspiration from this intellectualism. In it, Schiller still found human freedom. But what intellectualism offers to thought is unfree; it is subject to logical compulsion. Schiller did not recognize the possibility that freedom could prevail, neither in action nor in ordinary, hard life. We first had to achieve this through the introduction of anthroposophical spiritual science, so that freedom could also be recognized in the realms of thought and will. For Schiller and Goethe recognized it only in the realm of feeling.
[ 20 ] Aber ein solcher Weg zur vollen Anerkennung der menschlichen Freiheit ist ja nur möglich, wenn der Mensch auch zu einer inneren Anschauung von dem Zusammenhang dessen, was ihm in der Seele als Geistiges erlebbar ist, mit dem Natürlichen kommt. Solange wie zwei abstrakte Begriffe, Natur und Geist, nebeneinander stehen für die menschliche Anschauung, so lange kann der Mensch nicht in einem solchen Sinne zu einer wirklichen Auffassung der Freiheit fortschreiten, wie ich es angeführt habe. Derjenige, der, ohne daß er sich selber durch Meditation, Konzentration und so weiter in die geistige Welt hineinlebt, der nur durch seinen gesunden Menschenverstand das anerkennt, was durch Imagination, Inspiration und Intuition gefunden ist, der erlebt aber bei diesem Anerkennen durchaus etwas. So zum Beispiel wird jemand, der einfach in den Büchern liest oder in Vorträgen hört — ohne daß er dabei schläft — was durch Imagination aus der Welt hervorgeholt wird, der wird schon nötig haben, sich anders an diese Offenbarungen der geistigen Welt heranzumachen als an das, was in einem heutigen Physik- oder Chemiebuche oder in einer Botanik oder in einer Zoologie geschrieben ist, obwohl alles durch den gesunden Menschenverstand geschehen kann.
[ 20 ] But such a path to the full recognition of human freedom is, of course, only possible if human beings also arrive at an inner insight into the connection between what they can experience in their souls as spiritual and the natural world. As long as the two abstract concepts of nature and spirit stand side by side in human perception, human beings cannot progress toward a true understanding of freedom in the sense I have described. The person who, without immersing themselves in the spiritual world through meditation, concentration, and so on, acknowledges—solely through their common sense—what has been discovered through imagination, inspiration, and intuition, does indeed experience something in this act of acknowledgment. For example, someone who simply reads books or listens to lectures—without falling asleep in the process — what is brought forth from the world through imagination, will certainly need to approach these revelations of the spiritual world differently than what is written in a modern physics or chemistry textbook, or in a book on botany or zoology, even though everything can be understood through common sense.
[ 21 ] Man kann, ohne innerlich viel zur Aktivität überzugehen, alles das aufnehmen, was in einer heutigen Botanik oder Zoologie geschrieben ist. Man kann aber nicht, ohne sich innerlich in Tätigkeit, in Aktivität zu versetzen — wie es aber durchaus im gesunden Menschenverstand möglich ist —, das aufnehmen, was zum Beispiel in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» dargestellt ist. Alles kann begriffen werden, und wer da sagt, es sei unbegreiflich, der will einfach nicht innerlich aktiv mit seinem Denken vorgehen, sondern er will es so passiv nehmen, wie man die Vorstellungen eines Kinos passiv hinnimmt. Da braucht man allerdings sein Denken nicht viel in Bewegung zu setzen, und so möchten die Menschen heute alles hinnehmen. Sie können auch das, was im Laboratorium dargeboten ist, so hinnehmen. Dasjenige, was in meiner «Geheimwissenschaft» gesagt wird, das kann so nicht hingenommen werden. Höchstens stellt es sich manchmal heraus, daß gewisse Professorengemüter das so hinnehmen möchten. Dann machen sie wohl den Vorschlag, daß diejenigen, die so etwas schauen, in psychologischen Laboratorien, wie man das heute nennt, sich untersuchen lassen. Es ist das ebenso gescheit, wie wenn jemand verlangen würde, daß der, welcher mathematische Probleme löst, sich untersuchen ließe, ob er fähig ist, mathematische Probleme zu lösen. Jenem wird man sagen: Wenn du einsehen willst, ob die mathematischen Probleme richtig gelöst sind, dann mußt du eben lernen, sie lösen zu können, dann kannst du es nachprüfen. — Und töricht wäre es, zu antworten: Nein, das will ich nicht, ich will nicht lernen sie nachzuprüfen, sondern ich werde dann in einem psychologischen Laboratorium untersuchen, ob es richtig gelöst ist! — Ja, so ungefähr sind die Anforderungen, die zuweilen heute von Professorengemütern gestellt werden, denen dann allerlei «Generäle» in einer böswilligen Absicht die Sache nachplappern. Sie sind töricht, sie sind dumm, diese Forderungen, aber es ist das kein Hindernis, daß diese Dinge heute mit großem Aplomb behauptet werden können.
[ 21 ] One can take in everything that is written in modern botany or zoology without really engaging in any inner activity. However, one cannot—without engaging in inner activity, as is entirely possible through common sense—assimilate what is presented, for example, in my Outline of Esoteric Science. Everything can be understood, and anyone who says it is incomprehensible simply does not want to engage their thinking actively; rather, they want to accept it as passively as one passively accepts the images in a movie theater. There, of course, one does not need to engage one’s thinking very much, and that is how people today would like to accept everything. They can also accept what is presented in the laboratory in this way. But what is said in my Occult Science cannot be accepted in this way. At most, it sometimes turns out that certain professors would like to accept it that way. Then they probably suggest that those who observe such things should have themselves examined in psychological laboratories, as they are called today. That is just as sensible as if someone were to demand that a person who solves mathematical problems undergo an examination to determine whether he is capable of solving mathematical problems. To that person one would say: If you want to see whether the mathematical problems have been solved correctly, then you simply have to learn how to solve them; then you can verify it. — And it would be foolish to reply: “No, I don’t want to do that; I don’t want to learn how to verify them, but instead I’ll have them examined in a psychological laboratory to see if they’re solved correctly!” — Yes, that’s roughly the kind of demands sometimes made today by professors, whose views are then parroted by all sorts of “generals” with malicious intent. These demands are foolish; they are stupid—but that is no obstacle to their being asserted today with great aplomb.
[ 22 ] Wer sich mit innerlicher Aktivität in das hineinversetzt, was aus der Imagination stammt, der hat davon allerdings eine gewisse Frucht für seine Seele. Es bleibt ja nicht unbedeutend für die Seele, wenn jemand sich bemüht, das imaginativ Erkannte zu verstehen. Es gibt gewisse Heilmittel, die auf diese oder jene Krankheitszustände des Menschen wirken. Heute ist es schon außerordentlich schwierig, bei den Menschen Heilmittel überhaupt zur Wirksamkeit zu bringen. Wer aber sich bemüht hat, das Imaginative durch den gesunden Menschenverstand zu verstehen, der macht von seiner Lebenskraft wiederum so viel aktiv, daß Heilmittel, wenn sie die richtigen sind, bei ihm auch wiederum wirksamer werden, daß der Organismus sie nicht zurückwirft.
[ 22 ] Anyone who, through inner activity, immerses themselves in what arises from the imagination will, however, derive a certain benefit for their soul. After all, it is not insignificant for the soul when someone strives to understand what has been recognized through the imagination. There are certain remedies that act on this or that condition of human illness. Today, it is already extraordinarily difficult to make remedies effective in people at all. But whoever has made an effort to understand the imaginative realm through common sense activates so much of their life force that remedies—if they are the right ones—become more effective in them, so that the organism does not reject them.
[ 23 ] Die Torheit redet heute davon, daß anthroposophische Medizin die Menschen durch Hypnose und Suggestion und so weiter, wie man es nennt, auf geistigem Wege heilen wolle. Sie können das in allen möglichen Blättern lesen in Anknüpfung an die Bemerkungen, die ich gerade über Medizin auf meinen Vortragsreisen in den letzten Monaten gemacht habe. Aber darum handelt es sich zunächst nicht. Es handelt sich darum, die heutige Medizin wirklich weiterzuführen durch geistige Erkenntnisse. Man kann natürlich nicht durch Einimpfen eines Gedankens heilen, doch hat trotzdem das geistige Leben, ganz konkret gefaßt, soweit eine Bedeutung für die Wirksamkeit der Heilmittel, daß derjenige, der sich bemüht, Imaginatives zu verstehen, dadurch seinen physischen Organismus geeigneter macht, für richtige Heilmittel empfänglich zu sein, wenn er sie durch seine Krankheitszustände braucht, als ein anderer, der in dem bloßen äußerlichen Intellektualismus, das heißt in dem heutigen Materialismus mit seinem Gedankensystem verharrt. |
[ 23 ] Today, foolish people claim that anthroposophical medicine seeks to heal people through hypnosis, suggestion, and so on—as they call it—by spiritual means. You can read about this in all sorts of publications in connection with the remarks I have just made about medicine during my lecture tours in recent months. But that is not the point at first. The point is to truly advance modern medicine through spiritual insights. Of course, one cannot heal by simply instilling a thought; yet, to put it in very concrete terms, spiritual life is significant for the effectiveness of remedies insofar as the person who strives to understand imaginative imagery thereby makes his physical organism more receptive to the right remedies when he needs them due to his state of illness than someone who remains stuck in mere external intellectualism—that is, in today’s materialism with its system of thought. |
[ 24 ] Die Menschheit wird ein Aufnehmen dessen, was imaginativ erfaßt werden kann, schon aus dem Grunde brauchen, weil sonst der physische Leib der Menschen immer mehr und mehr in solche Zustände verfallen würde, daß er gar nicht mehr geheilt werden kann, wenn er erkrankt. Denn dazu muß immer das Geistig-Seelische nachhelfen. Alles dasjenige, was an Prozessen in der Natur vorhanden ist, spricht sich ja nicht bloß aus in dem, was sichtlich vor sich geht, sondern es spricht sich so aus, daß dieses sichtlich Vor-sich-Gehende überall durchsetzt ist von Geistig-Seelischem. Will man daher eine sinnliche Substanz in dem menschlichen Organismus zur Wirksamkeit bringen, so muß man in einem gewissen Sinne das Seelisch-Geistige haben, das diese sinnliche Substanz zur Wirksamkeit bringt. Der ganze Menschheitsprozeß fordert, daß die menschliche Seelenverfassung wiederum durchsetzt werde von dem, was in seelisch-geistigem Sinne zu ergreifen ist.
[ 24 ] Humanity will need to take in what can be grasped imaginatively, if only because otherwise the physical body of human beings would increasingly fall into such a state that it could no longer be healed once it became ill. For the spiritual-soul aspect must always lend a helping hand in this regard. All the processes that exist in nature do not merely manifest themselves in what is visibly taking place, but rather in such a way that this visible unfolding is permeated everywhere by the spiritual-soul aspect. Therefore, if one wishes to activate a physical substance in the human organism, one must, in a certain sense, have the spiritual-psychic element that brings this physical substance into action. The entire process of humanity demands that the human soul’s constitution, in turn, be permeated by what can be grasped in a spiritual-psychic sense.
[ 25 ] Man kann nun allerdings sagen: Sehnsucht ist heute viel vorhanden innerhalb der Menschheit nach diesem Seelisch-Geistigen. Aber diese Sehnsucht bleibt vielfach im Unbewußten und Unterbewußten stekken. Und das, was die Menschen im Bewußtsein haben, was ja ganz und gar ein bloßer Rest des Intellektualismus ist, das lehnt sich auf, das wehrt sich gegen das Spirituelle, und es ist zuweilen grotesk, wie man sich wehrt gegen dieses Spirituelle. Es wird zumeist vor Eurythmievorstellungen von mir auseinandergesetzt, wie das Eurythmische auf einer wirklichen sichtbaren Sprache beruht; ebenso wie die Lautsprache aus Einrichtungen des Organismus heraus sich entwickelt, so auch die sichtbare Sprache der Eurythmie. So wie Laut um Laut, Selbstlaut, Mitlaut, alle Vokale und Konsonanten sich herausringen in Anlehnung an das Erleben des Menschen aus dem menschlichen Organismus, so wird in der Eurythmie sichtbarlich Laut für Laut herausgeholt, und es wird da nun wirklich gesprochen. Man müßte glauben, daß nun die Menschen, denen solches Eurythmisches vorgeführt wird, versuchen würden, sich vor allen Dingen hineinzufinden in den Grundimpuls, daß Eurythmie eben eine Sprache ist.
[ 25 ] One might say, however, that there is a great deal of longing among humanity today for this soul-spiritual realm. But this longing often remains stuck in the unconscious and subconscious. And what people have in their consciousness—which is, after all, nothing more than a mere remnant of intellectualism—rebels against the spiritual, resists it, and it is sometimes grotesque to see how people resist this spiritual aspect. Before my eurythmy performances, I usually explain how eurythmy is based on a genuine visible language; just as spoken language develops from the structures of the organism, so too does the visible language of eurythmy. Just as sound by sound—vowels, consonants, all vowels and consonants—are brought forth based on human experience arising from the human organism, so too in eurythmy, sound by sound is visibly brought forth, and there is truly speech taking place. One would think that people to whom such eurythmy is presented would try, above all, to grasp the fundamental impulse that eurythmy is, in fact, a language.
[ 26 ] Gewiß, vielleicht wird man nicht gleich darauf kommen, wie das gemeint ist. Man kann aber unschwer bald sich hineinfinden in das, was da gemeint ist, wenn man ernstlich dazu den Willen hat. Aber da habe man neulich — in Berlin nennt man es Ulkiges — etwas ungemein Ulkiges gelesen als Kritik einer Eurythmievorstellung. Da sagte jemand: Ja, das Unmögliche dieser Eurythmievorstellungen zeigte sich darin, daß die Leute zuerst Ernstes, Seriöses darstellten und nachher Humoristisches, und sonderbarerweise — so fand der geistvolle Kritiker heraus — wurde das Humoristische mit denselben Bewegungen dargestellt wie das Ernste, Seriöse. Sehen Sie, er hat soviel von der Sache verstanden, daß er glaubt, es müßte das Humoristische mit andern Lautzeichen dargestellt werden als das Ernste, Seriöse! Wenn man ernst zu verstehen vermag, daß Eurythmie eine wirklich sichtbare Sprache ist, dem entspräche, daß eine jede Sprache für das Ernste eigene Laute braucht und für das Komische wieder andere Laute! Also wenn jemand in der deutschen oder französischen Sprache zu deklamieren begänne, dann würde er sich vielleicht des «I», des «U» und so weiter bedienen, aber er müßte, wenn er dann Humoristisches deklamierte, andere Laute haben. Ich weiß nicht, wie viele Leute darauf gekommen sind, wie dieser Kritiker einer der ersten deutschen Zeitungen Blitzdummes zutage gefördert hat; aber so stellt es sich dar, wenn man es in Wirklichkeit sieht. Es ist also etwas, was bedeutet, daß in diesen Köpfen bereits jede Möglichkeit des Denkens aufgehört hat; sie können gar nicht mehr denken. Denn das ist das Ergebnis, das Fazit des Intellektualismus, wie er sich auf allen Gebieten des Lebens heute breitmacht, daß die Menschen zuerst ihre Gedanken zu toten inneren Seeleninhalten werden lassen. Wie steif, wie tot sind die meisten Gedanken, die heute produziert werden, wie wenig innerliche Beweglichkeit haben sie, wie sehr sind sie nachgeäfft dem, was da oder dort vorgeschaffen ist! Wir haben in unserem Zeitalter im Grunde genommen außerordentlich wenig originelle Gedanken. Aber das, was gestorben ist — und die Gedanken unseres Zeitalters sind ja meistens gestorben —, das bleibt nicht in demselben Zustande. Sehen Sie sich einen Leichnam nach drei Tagen an, sehen Sie ihn nach fünf Jahren an, oder gar nach vierzig Jahren: das stirbt ja weiter, das verwest weiter. Und daß so etwas nicht gemerkt wird, wie die Gedanken da schon in einen Verwesungszustand gekommen sind, wenn jemand sagt: Das Unmögliche der Eurythmie zeigt sich darin, daß es für die humoristischen Sachen dieselben Bewegungen sind, wie für die ernsten —, das beruht lediglich darauf, daß die Menschen nicht in der Lage sind, ihren gesunden Menschenverstand heranzuschulen zum Beispiel an inspirierten Wahrheiten, wie sie sich in der Anthroposophie ergeben. Schult man den gesunden Menschenverstand, ohne daß man selber eine okkulte Entwickelung durchmacht, an inspirierten Wahrheiten, dann bekommt man ein feines Gefühl für die lebendige Wahrheit, für das Gesunde und Ungesunde im menschlichen Denken, im menschlichen Forschen. Und dann, verzeihen Sie den Ausdruck, dann beginnen solche Behauptungen wie die, welche ich Ihnen eben gesagt habe, zu «stinken». Dann erwirbt man sich die Möglichkeit, den Verwesungsgeruch dieser Gedanken zu riechen. Diese Fähigkeit des Riechens, die fehlt unseren Zeitgenossen eben in hohem Grade. Aber das merkt ein großer Teil unserer Zeitgenossenschaft nicht, sondern liest über diese Dinge hinweg.
[ 26 ] Of course, you might not immediately understand what this means. But it’s not hard to get a feel for what’s meant if one is truly willing to do so. But recently—in Berlin they call it “Ulkiges”—I read something incredibly “Ulkiges” as a review of a eurythmy performance. Someone said: Yes, the absurdity of these eurythmy performances was evident in the fact that the performers first portrayed serious, solemn themes and then humorous ones, and strangely enough—as the witty critic discovered—the humorous elements were portrayed with the same movements as the serious, solemn ones. You see, he understood so much about the matter that he believes the humorous elements must be portrayed with different sound symbols than the serious ones! If one can truly grasp that eurythmy is a truly visible language, this would mean that every language needs its own sounds for the serious and different sounds for the comic! So if someone were to begin reciting in German or French, they might use the “I,” the “U,” and so on, but if they were then to recite something humorous, they would have to use different sounds. I don’t know how many people have come to this conclusion, as this critic from one of the leading German newspapers has brought to light something utterly foolish; but that is how it appears when you look at it in reality. It is, therefore, something that signifies that in these minds every capacity for thought has already ceased; they can no longer think at all. For this is the result, the conclusion of intellectualism as it spreads today across all areas of life: that people first allow their thoughts to become dead, inner contents of the soul. How rigid, how dead are most of the thoughts produced today; how little inner flexibility they possess; how much they merely mimic what has been produced here or there! In our age, we have, in essence, extraordinarily few original thoughts. But what has died—and the thoughts of our age are, after all, mostly dead—does not remain in that same state. Look at a corpse after three days; look at it after five years, or even after forty years: it continues to die, it continues to decay. And the fact that this goes unnoticed—that the thoughts have already entered a state of decay—is evident when someone says: “The impossibility of eurythmy lies in the fact that the same movements are used for humorous scenes as for serious ones”—this is due solely to the fact that people are unable to train their common sense, for example, on inspired truths such as those found in anthroposophy. If one trains one’s common sense—without undergoing occult development oneself—on inspired truths, then one develops a subtle sense for living truth, for what is healthy and unhealthy in human thinking and in human inquiry. And then—forgive the expression—such assertions as the ones I have just mentioned begin to “stink.” Then one acquires the ability to smell the stench of decay emanating from these thoughts. This ability to smell is precisely what our contemporaries lack to a great degree. But a large portion of our contemporaries do not notice this; instead, they skim over these things.
[ 27 ] Es ist schon notwendig, daß man ganz gründlich hineinsieht in das, wessen da die Menschheit bedarf. Die Menschheit bedarf wirklich auch jener Freiheit in der Seelenverfassung dem Gedanken gegenüber, die nur möglich ist dadurch, daß der Mensch sich dazu aufschwingt, spirituelle Wahrheiten in sich aufzunehmen. Sonst kommen wir natürlich zu jenem Untergange der Kultur, der heute auf allen Gebieten sehr deutlich wahrzunehmen ist. Die Gesundheit des Urteils, das Unmittelbare des Eindruckes, das sind Dinge, die den Menschen wirklich schon zum großen Teile verlorengegangen sind und die nicht verlorengehen dürfen, die aber nur dann nicht verlorengehen werden, wenn der Mensch sich hindurchfindet zu dem Erfassen des Spirituellen.
[ 27 ] It is indeed necessary to look very deeply into what humanity needs. Humanity truly needs that freedom of the soul’s disposition toward thought, which is possible only when a person rises to the level of absorbing spiritual truths within themselves. Otherwise, we will naturally face the decline of culture that is so clearly evident today in all areas. Sound judgment and the immediacy of impression are qualities that humanity has already largely lost—qualities that must not be lost, but which will only be preserved if human beings find their way to an understanding of the spiritual.
[ 28 ] Es ist eben durchaus ins Auge zu fassen, daß der Mensch an der Anthroposophie einen Lebensinhalt hat, wenn er mit seinem gesunden Menschenverstand sich heranmacht an das, was durch Imagination, Inspiration und Intuition gewonnen werden kann. In der Hingabe an das imaginativ Erforschte findet der Mensch zum Beispiel jene innerliche Lebendigkeit, die ihn für Heilmittel empfänglich macht, neben anderem, neben dem zum Beispiel, daß es ihn überhaupt zu einer freien Persönlichkeit macht, die nicht für alle möglichen öffentlichen Suggestionen zugänglich ist.
[ 28 ] It is indeed entirely conceivable that a person can find a purpose in life through anthroposophy if they approach, with their common sense, what can be gained through imagination, inspiration, and intuition. In devoting themselves to what has been explored through imagination, people find, for example, that inner vitality which makes them receptive to remedies—among other things—and which, for instance, enables them to become free individuals who are not susceptible to all manner of public influences.
[ 29 ] Durch das Hineinleben in inspirierte Wahrheiten gelangt der Mensch dazu, ein sicheres Empfinden zu haben von dem Wahren und dem Falschen. Er gelangt auch dazu, dieses sichere Empfinden im Sozialen auszuleben. Wie wenige Menschen zum Beispiel können denn heute noch zuhören! Sie können ja nicht zuhören, sie reagieren immer gleich mit ihrer eigenen Meinung. Gerade dieses Hinhören auch auf den andern Menschen, das wird in einer schönen Weise dadurch entwickelt, daß der Mensch sich mit seinem gesunden Menschenverstand in inspirierte Wahrheiten einlebt. Und das, was der Mensch für das Leben braucht: ein gewisses Loskommen von seinem eigenen Selbst, eine gewisse Selbstlosigkeit, das wird in hohem Grade entwickelt durch das Einleben in intuitive Wahrheiten. Und dieses Einleben in imaginative, inspirierte, intuitive Wahrheiten, das ist ein Lebensinhalt.
[ 29 ] By immersing oneself in inspired truths, a person comes to have a sure sense of what is true and what is false. They also come to put this sure sense into practice in social life. How few people, for example, are still able to listen today! They simply cannot listen; they always react immediately with their own opinion. It is precisely this ability to listen to others that is developed in a beautiful way when a person immerses themselves in inspired truths using their common sense. And what a person needs for life—a certain detachment from one’s own self, a certain selflessness—is developed to a high degree through immersing oneself in intuitive truths. And this immersion in imaginative, inspired, intuitive truths is the meaning of life.
[ 30 ] Es ist natürlich bequemer, wenn gesagt wird, die Leute können einen solchen Lebensinhalt aus dem bekommen, was Waldo Trine verspricht: daß man die Dinge nur ihrem Inhalte nach durchzulesen braucht und damit einen Lebensinhalt bekommt — während es schwerer ist, sich den Lebensinhalt auf anthroposophische Weise zu verschaffen. Der kann nur arbeitend erworben werden, arbeitend in dem Hineinleben ins Imaginative oder in das imaginativ Erforschte, ins inspiriert Erforschte und ins intuitiv Erforschte. Aber dann ist das auch ein Lebensinhalt, der sich intensiv mit der menschlichen Persönlichkeit, mit dem ganzen Wesen des Menschen verbindet. Und einen solch sicheren Lebensinhalt gibt gerade dasjenige, was als Anthroposophie in die Welt treten will.
[ 30 ] It is, of course, more convenient to say that people can derive such a purpose in life from what Waldo Trine promises: that one need only read things for their content and thereby gain a purpose in life—whereas it is more difficult to attain a purpose in life through anthroposophical means. It can only be acquired through work—by immersing oneself in the imaginative realm or in what has been explored imaginatively, through inspiration, and through intuition. But then this is also a purpose in life that is deeply connected to the human personality, to the whole being of the human person. And it is precisely that which seeks to enter the world as anthroposophy that provides such a secure purpose in life.
[ 31 ] Wir werden davon dann am nächsten Freitag weitersprechen, meine lieben Freunde. Für nächsten Sonntag will ich ankündigen, daß um 5 Uhr eine öffentlichen Eurythmie-Vorstellung stattfindet.
[ 31 ] We will continue this discussion next Friday, my dear friends. I would like to announce that a public eurythmy performance will take place next Sunday at 5 o'clock.
