Old and New Initiation Methods
Drama and Poetry in the Shift
of Consciousness in the Modern Era
GA 210
19 January 1922, Mannheim
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
Old and New Initiation Methods, tr. SOL
13. Das Überschreiten der Schwelle
13. Crossing the Threshold
[ 1 ] Wir haben uns hier in den Zweigen recht lange nicht gesehen und ich darf es wohl aussprechen, daß es mir eine außerordentlich tiefe Befriedigung gewährt, heute wiederum nach so langer Zeit vor Ihnen einiges besprechen zu können. Wir haben eine außerordentlich schwere Zeit hinter uns, die ihren Schwierigkeiten nach wohl gefühlt wird, aber in weiteren Kreisen doch noch immer nicht genug begriffen wird. Es ist ja so, daß man sagen kann, der Mensch, der das zweite Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts miterlebt hat, hat dem Inhalte nach mehr erlebt als sonst in Jahrhunderten erlebt werden kann. Und es ist eine Art seelischer Schlaf, wenn man nicht fühlt, wie alle für die Menschheitsentwickelung in Betracht kommenden Dinge heute anders sind als sie etwa vor zehn Jahren waren. Der ganze Umschwung, der sich vollzogen hat, wird wahrscheinlich erst nach und nach der Menschheit zum vollen Bewußtsein kommen. Man wird dann sehen, wie dasjenige, was sich in so katastrophaler Weise an der äußeren Oberfläche der Dinge abgespielt hat, doch außerordentlich tief hineinreicht in die Wurzeln der Menschenseele, wie das, was geschehen ist, im Grunde genommen hervorgegangen ist als die weiteste Kreise der Menschheit betreffenden Irrungen der Seele. Und erst wenn man sich entschließen wird, die eigentlich wirklichen Gründe für das große Menschenunglück in den Seelen zu suchen, erst dann wird man das richtige Verständnis dieser Prüfungszeit der Menschheit entgegenbringen, und es wird dann wohl auch so kommen, daß man eine Geistesströmung wie die anthroposophische in einer anderen Art auffassen wird als man sie vielfach bisher noch auffaßt.
[ 1 ] We haven’t seen each other here in the branches for quite some time, and I think I can safely say that it gives me an extraordinarily deep sense of satisfaction to be able to discuss a few matters with you again today after such a long time. We have gone through an extraordinarily difficult period, the challenges of which are certainly felt, but which are still not sufficiently understood in wider circles. It is true that one can say that anyone who lived through the second decade of the 20th century experienced, in terms of substance, more than can usually be experienced in centuries. And it is a kind of spiritual slumber not to sense how all matters relevant to human development are different today than they were, say, ten years ago. The full extent of the upheaval that has taken place will likely only gradually come to humanity’s full awareness. People will then see how what has unfolded in such a catastrophic manner on the outer surface of things actually reaches extraordinarily deep into the roots of the human soul, and how what has happened has, in essence, emerged as errors of the soul affecting the broadest circles of humanity. And only when people resolve to seek the true causes of humanity’s great misfortune within the soul will they develop a proper understanding of this time of trial for humanity; and it will then likely come to pass that a spiritual movement such as anthroposophy will be viewed in a different light than it has often been viewed thus far.
[ 2 ] Diese anthroposophische Geistesströmung möchte gerade der Menschheit dasjenige geben, was sie nicht hatte im Verlaufe der letzten drei, vier, fünf Jahrhunderte und dessen Mangel so innig zusammenhängt mit dem, was wir als Kultur- und Zivilisationselend erlebt haben und erleben. Die Welt ist nicht nur in bezug auf die großen Zusammenhänge, sondern auch in bezug auf die Entwickelung desjenigen, was in kleinsten Kreisen geschieht, aus dem Geistigen, aus dem Leben im Geistigen herausgekommen. Große Weltenfragen stehen heute vor der Menschheit, die sich nur aus den Tiefen des geistigen Lebens heraus irgendwie behandeln lassen, und sie werden in der äußerlichsten Weise über das ganze Gebiet der Welt hin behandelt. Man hat keine Möglichkeit, hineinzuschauen in dasjenige, was sich emporarbeiten will aus den Untergründen des menschlichen Seelen- und Geisteslebens. Das möchte aber gerade anthroposophische Weltanschauung der Menschheit wieder bringen.
[ 2 ] This anthroposophical spiritual movement seeks to give humanity precisely what it has lacked over the course of the last three, four, or five centuries—a lack that is so intimately connected to what we have experienced and continue to experience as the misery of culture and civilization. The world has drifted away from the spiritual—from life in the spiritual—not only in terms of the great interconnections but also in terms of the development of what takes place in the smallest circles. Humanity today faces major global issues that can only be addressed in some way from the depths of spiritual life, yet they are being dealt with in the most superficial manner across the entire globe. There is no way to look into what is striving to emerge from the depths of human soul and spiritual life. But this is precisely what the anthroposophical worldview seeks to restore to humanity.
[ 3 ] Heute möchte ich aus dem Gebiete dieser anthroposophischen Weltanschauung einige intime Fragen des menschlichen Seelen- und Geisteslebens besprechen. Vielleicht können wir dann von dem Gesichtspunkte, den wir durch eine solche Besprechung gewinnen, zum Schluß in Kürze auch auf einige Zeitereignisse die Blicke werfen. Anthroposophische Geisteswissenschaft will sprechen von denjenigen Welten, die zunächst der äußeren Sinnesanschauung und auch dem Intellekt, der an diese Sinnesanschauung sich bindet, verborgen bleiben. Anthroposophische Geisteswissenschaft will von dem in erster Linie sprechen, womit das Ewige der Menschenseele zusammenhängt. Die Welten, in welche diese anthroposophische Weltanschauung eindringen will, von ihnen sagt man, daß sie nur erreicht werden können, indem der Mensch die Schwelle des Bewußtseins überschreitet. Man meint damit, daß diese Schwelle des Bewußtseins eben bewußt überschritten werden müsse, damit man Erkenntnisse dieser übersinnlichen Welten gewinnen könne. Denn unbewußt überschreitet eigentlich der Mensch diese Bewußtseinsschwelle mit jedem Eintritt in den Schlafzustand, und wir sprechen im Zusammenhang mit dem Wechsel zwischen Wachen und Schlafen, im Zusammenhang mit der Schwelle, die der Mensch, indem er einschläft, überschreitet — jeden Tag überschreitet —, wir sprechen da auch von dem «Hüter der Schwelle» als von einer geistigen Macht, die der Geistesforscher als eine wirklich reale geistige Macht kennt, wie man andere Menschen als reale Menschen kennenlernt. Wir sprechen von dem «Hüter der Schwelle» aus dem Grunde, weil eben in der gegenwärtigen Entwikkelungsphase der Menschheit der Mensch wirklich zunächst seinem Bewußtsein nach behütet werden muß vor einem unvorbereiteten Eintritt in die geistigen Welten.
[ 3 ] Today I would like to discuss, from the perspective of this anthroposophical worldview, some intimate questions concerning human soul and spiritual life. Perhaps, from the perspective we gain through such a discussion, we can then briefly turn our attention to some current events. Anthroposophical spiritual science seeks to speak of those worlds that remain hidden, at first, from external sensory perception and also from the intellect, which is bound to this sensory perception. Anthroposophical spiritual science seeks to speak, first and foremost, of that with which the eternal aspect of the human soul is connected. The worlds into which this anthroposophical worldview seeks to penetrate are said to be accessible only when a person crosses the threshold of consciousness. This means that this threshold of consciousness must be consciously crossed in order to gain insights into these supersensible worlds. For unconsciously, human beings actually cross this threshold of consciousness every time they enter the state of sleep, and in connection with the transition between waking and sleeping—in connection with the threshold that human beings cross every day as they fall asleep— we also speak of the “Guardian of the Threshold” as a spiritual power that the spiritual researcher knows to be a truly real spiritual power, just as one comes to know other human beings as real human beings. We speak of the “Keeper of the Threshold” for the very reason that, in the present phase of humanity’s development, human beings must indeed, at first, be protected in their consciousness from an unprepared entry into the spiritual worlds.
[ 4 ] Es könnte zunächst eine außerordentlich auffällige Erscheinung sein, daß dasjenige, was dem Menschen vor allen Dingen wertvoll sein muß, die geistige Welt, der er mit den tiefsten Wurzeln seines Daseins angehört, ohne deren Zugehörigkeit er nicht in wahrem Sinne des Wortes die Menschenwürde hätte, daß diese geistige Welt zunächst eine dem Menschen verborgene sein muß. Das hängt eben tief mit dem ganzen Sinn der Menschheitsentwickelung zusammen. Der Mensch würde sein wahres Wesen doch nicht im Laufe der Entwickelung erreichen können, wenn er sich nicht die Kraft selbst erwerben und ausbilden müßte, durch die er sich zu den geistigen Welten heranarbeitet. Würde er nur wie ein unverdientes Gnadengeschenk das Überschreiten der Schwelle erlangen, würde er vielleicht ein hohes geistiges Wesen sein können, aber er würde nicht in echtem Sinne des Wortes Mensch sein können, ein Wesen sein können, das sich zu seinem eigenen Werte auch selbst bringt; denn das ist das Wesen des Menschen im Weltenzusammenhang, daß er sich doch zu dem selber machen muß, was seine eigentliche Würde ausmacht. Es würde wie eine Art Verbrennen des menschlichen Wesens sein, wie eine Art Verlöschenmachen des menschlichen Wesens, wenn der Mensch unvorbereitet die Schwelle in die geistige Welt überschreitet. Dennoch kann das, was die Geistesforschung zu sagen hat über die Beziehung zu jener Welt, durchaus von dem gesunden Verstand erfaßt werden. Es kann durchschaut werden dasjenige, was aus den Untergründen der Geistesforschung in dieser Beziehung gesagt werden muß. Beachten Sie nur, wie zunächst der Mensch, indem er einschläft, in eine Art bewußtlosen Zustand versinkt. Aus diesem bewußtlosen Zustand tauchen heraus wie aus Meeresuntergründen einzelne Wellen in die Traumeswelt.
[ 4 ] It might at first seem extraordinarily striking that what must be most valuable to human beings—the spiritual world to which they belong with the deepest roots of their existence, and without which they would not possess human dignity in the true sense of the word—must initially remain hidden from them. This is deeply connected to the very meaning of human evolution. After all, human beings would not be able to attain their true nature in the course of evolution if they did not have to acquire and develop the strength themselves through which they work their way toward the spiritual worlds. If he were to cross the threshold merely as an undeserved gift of grace, he might be able to become a high spiritual being, but he would not be able to be human in the true sense of the word—a being who brings about his own worth through his own efforts; for this is the essence of the human being in the context of the universe: that he must make himself into that which constitutes his true dignity. It would be like a kind of burning away of the human being, like a kind of extinguishing of the human being, if a person were to cross the threshold into the spiritual world unprepared. Nevertheless, what spiritual research has to say about the relationship to that world can certainly be grasped by sound reason. One can see through to the essence of what must be said in this regard from the depths of spiritual research. Just consider how, when a person falls asleep, they first sink into a kind of unconscious state. From this unconscious state, individual waves emerge into the world of dreams, as if from the depths of the sea.
[ 5 ] Diese Traumeswelt hat auch für den Menschen, der frei ist von jedem Aberglauben und jeder nebulosen Mystik, etwas durchaus Geheimnisvolles, Rätselhaftes, von dem empfunden werden muß, wie es zusammenhängt mit dem innersten Wesen sowohl der Welt wie des Menschenseins selbst. So können wir denn verfolgen die Zeit, die der Mensch zubringt vom Einschlafen an bis zum Aufwachen, als einen herabgestimmten Bewußtseinszustand, aus dem heraus sich offenbart die Bilderwelt des Traumes. Und wenn wir auch nur in äußerlicher Weise das Träumen verfolgen, müssen wir uns sagen: Die Träume enthalten bildhafte Anklänge an dasjenige Leben, das wir, außer durch die Sinneswahrnehmung, durch den Intellekt, durch die Empfindung gegeben haben. Aber sie enthalten diese uns sonst bekannte Welt in einer andern Art. Nicht nur, daß der Traum in der Regel keine abstrakten Gedanken bringt, sondern alles zu Bildern formt, nicht nur, daß dies der Fall ist, sondern auch das andere: Während wir einen gewissen Weltenzusammenhang in der Sinneswelt vor uns haben, der innerlich in einer gewissen Weise geregelt ist, so daß wir durch die Welt verstandesmäßig befriedigt werden, wenn uns die Dinge geordnet im Raume und in der Zeit erscheinen, würfelt der Traum scheinbar alles durcheinander. Ereignisse, die gestern gewesen sind, durchsetzt er mit Ereignissen, die sich vor Jahrzehnten zugetragen haben. Er bringt eine andere Ordnung in das, was wir kennen als die räumliche Ordnung, als die räumlich-zeitliche Ordnung, in die wir sonst beim Tagwachen hineinschauen.
[ 5 ] Even for a person who is free from all superstition and nebulous mysticism, this dream world has something thoroughly mysterious and enigmatic about it, and one must sense how it is connected to the innermost essence of both the world and human existence itself. Thus, we can regard the time a person spends from falling asleep until waking up as a subdued state of consciousness from which the imagery of dreams reveals itself. And even if we observe dreaming only superficially, we must acknowledge: Dreams contain pictorial echoes of the life we have experienced—not only through sensory perception, but also through the intellect and through feeling. But they present this world, otherwise familiar to us, in a different way. Not only does the dream generally not produce abstract thoughts but instead shapes everything into images—not only is this the case, but also the following: While we have before us a certain coherence of the world in the sensory realm—one that is internally ordered in a certain way, so that we are intellectually satisfied by the world when things appear to us as ordered in space and time—the dream seemingly throws everything into disarray. It interweaves events that took place yesterday with events that occurred decades ago. It introduces an order into what we know that is different from the spatial order—or the spatiotemporal order—that we otherwise perceive while awake.
[ 6 ] Und wenn wir so den Traum studieren, so finden wir, daß das gerade aus dem Traume heraus ist, was unsere Denkkraft ausmacht. Wir verspüren, wenn wir aufwachen, wie wir aus dem traumlosen Schlafe erst wieder in die Welt eintreten, in der sich die menschlichen Vorstellungen, die menschlichen Gedanken entwickeln. Wir fühlen: Wir ergießen die Bilderwelt des Traumes in unsere Leiblichkeit. Und indem wir sie so ergießen, schickt uns der Leib entgegen die Gedankenkraft, durch welche Ordnung wiederum hineingebracht wird in das, was der Traum durcheinandergewürfelt hat. Unser Körper nimmt uns beim Aufwachen in Anspruch, und unser Körper gibt uns die Kraft des Vorstellens, durch deren Handhabung wir ja eigentlich wirklich erst wach werden. Dann verglimmt die Welt des Traumes, und an ihre Stelle tritt wiederum die Welt der Vorstellungen in der regelrechten Ordnung des Raumes und der Zeit.
[ 6 ] And when we study the dream in this way, we find that it is precisely what emerges from the dream that constitutes our power of thought. When we wake up, we sense how we re-enter, from dreamless sleep, the world in which human ideas and human thoughts develop. We feel: We pour the imagery of the dream into our physical being. And as we pour it in this way, the body in turn sends us the power of thought, through which order is restored to what the dream has thrown into disarray. Our body claims us upon waking, and our body gives us the power of imagination, through the exercise of which we actually become truly awake. Then the world of dreams fades away, and in its place the world of ideas returns in the proper order of space and time.
[ 7 ] Wer nur ein wenig achtgibt auf diese Erscheinungen, der kann schon aus dem gewöhnlichen Leben dieses Hineinschlüpfen von etwas zunächst Unbestimmtem in das Körperlich-Leibliche beobachten und kann auch bis zu dem Grade des Verständnisses vordringen, das sich sagt: Die Kraft der Gedanken wird mir durch meinen Körper gegeben, wenn ich mit dem seelisch-geistigen Wesen in diese Körperlichkeit untertauche. Und er wird durch diese alltägliche Beobachtung doch bestätigt finden können, was Anthroposophie sagen muß: daß das, was wir zunächst aus dem gewöhnlichen täglichen Leben als Vorstellung kennen, gebunden ist an den äußeren physischen Leib, der in der Nacht im Bette liegen bleibt, wenn wir mit unserem geistig-seelischen Wesen über die Schwelle in eine andere Welt hineingehen. Indem unser Bewußtsein dabei auslöscht, läßt es vor der Schwelle die Kraft, die Fähigkeit, Gedankenwelten in gewohntem Sinne zu bilden, zurück und es tritt über die Schwelle von der menschlichen Seele dasjenige, was Gemüts- oder Gefühlsinhalt ist und was Willensinhalt ist. Und dieser Gemüts-, dieser Willensinhalt, sie gleichen auch schon im gewöhnlichen Tagwachen dem Schlafzustand. Wir wachen eigentlich nur in unseren Vorstellungen wirklich. Bedenken Sie nur, wie dunkel das ist, was in unseren Gefühlen lebt und wie ganz finster dasjenige ist, was in unseren Willensimpulsen lebt. Will man vorstellen, wie man den einfachsten Willensentschluß ausführen wird: Es bleibt so dunkel wie der Zustand während des Schlafes, was eigentlich vorgeht in den Muskeln und Knochen, was eigentlich vorgeht, wenn der Gedanke sich verwirklicht. Erst haben wir den Gedanken: Ich hebe den Arm —, dann sehen wir, wie er sich hebt. Nur Eindrücke haben wir. Was da geheimnisvoll vorgeht, das bleibt dem Bewußtsein verborgen, wie der Zustand des Schlafes selbst. Wir tragen im Grunde durch die Schwelle dasjenige, was schon im Wachzustande wie schlafend und träumend ist. Denn die Bilder sind nicht heller als die Gefühle, die sich anschließen an unsere Vorstellungswelt. Andere Formen sind es, in denen sich das Seelenleben im Wachzustande durch Gefühle ausspricht und im Schlafzustande durch den Traum, aber nicht heller als das Traumbild ist das Gefühlsleben. Wäre es heller, dann würden wir als Menschen ein außerordentlich abstraktes Leben führen. Denken Sie nur, mit welchem Rechte man von den kalten, nüchternen Gedanken spricht im Gegensatz zu dem, was vom Gefühl durchglüht ist! Aber was im Gefühle lebt, bleibt in gewissem Sinne dunkel wie die Traumbilder.
[ 7 ] Anyone who pays even a little attention to these phenomena can observe, even in ordinary life, this slipping in of something initially indefinable into the physical body, and can also advance to the point of understanding that says: The power of thought is given to me through my body when I immerse myself with my soul-spiritual being into this physicality. And through this everyday observation, they will indeed find confirmation of what anthroposophy must say: that what we initially know as a concept from ordinary daily life is bound to the outer physical body, which remains in bed at night when we cross the threshold into another world with our spiritual-soul being. As our consciousness fades away in this process, it leaves behind at the threshold the power and ability to form thought-worlds in the usual sense, and what crosses the threshold from the human soul is that which constitutes the content of moods or feelings and the content of the will. And this content of moods and this content of the will already resemble the state of sleep even during ordinary waking hours. We are actually only truly awake in our imaginations. Just consider how dark that which lives in our feelings is, and how utterly dark that which lives in our impulses of will is. If one tries to imagine how one will carry out even the simplest decision of the will: It remains as dark as the state during sleep—what is actually happening in the muscles and bones, what is actually happening when the thought is realized. First we have the thought: “I am raising my arm”—then we see how it rises. We have only impressions. What is mysteriously taking place there remains hidden from consciousness, just like the state of sleep itself. Essentially, we carry across the threshold that which is already, even in the waking state, like sleeping and dreaming. For the images are no clearer than the feelings associated with our world of imagination. It is simply different forms in which the life of the soul expresses itself—through feelings in the waking state and through dreams in the sleeping state—but the life of feeling is no clearer than the dream image. If it were brighter, then we as human beings would lead an extraordinarily abstract life. Just think of the right with which people speak of cold, sober thoughts in contrast to what is inflamed by emotion! But what lives in emotion remains, in a certain sense, as dark as the images of dreams.
[ 8 ] Und wenn wir einschlafen, tragen wir unsere Gefühle über diese Schwelle, und diese sind es, die sich während des Schlafes in gewissem Sinne sogar aufhellen zu den Traumbildern. Wir tragen unseren Willen in diese Welt hinein, der aber so schlafend schon ist während des Tagwachens, wie er während des Schlafes ist. Und so können wir sagen: Dasjenige, was der Mensch durch die Schwelle des Bewußtseins hindurchträgt, ist das Gefühls- und Willenselement seines Seelenwesens. Gefühl und Wille gehören dem Schlafbewußtsein an. Das Vorstellungsleben und — allerdings, weil der Traum sich aufhellt, so auch das Gefühlsleben — ein Teil des Gefühlslebens gehören dem Tagwachen an, sie liegen noch diesseits der Schwelle des Bewußtseins. Nun spricht man von dem Hüter der Schwelle, weil es für den Menschen im gegenwärtigen Bewußtseinszustand notwendig ist, daß er nicht unvorbereitet bewußt die Schwelle überschreitet, die er bei Herabdämpfung seines Bewußtseins jedesmal beim Einschlafen überschreitet. Wenn man erkennen lernt diejenigen Kräfte, innerhalb welcher der Mensch sich befindet jenseits der Schwelle des Bewußtseins, dann lernt man auch erfahren, warum der Mensch durch einen Hüter, durch etwas, was ihn bewacht, abgehalten werden soll, unvorbereitet über die Schwelle in die geistige Welt hineinzutreten.
[ 8 ] And when we fall asleep, we carry our feelings across this threshold, and it is these feelings that, in a certain sense, even brighten into dream images during sleep. We carry our will into this world, though it is already as dormant during waking life as it is during sleep. And so we can say: What a person carries across the threshold of consciousness is the emotional and volitional element of their soul being. Feeling and will belong to the consciousness of sleep. The life of imagination—and, indeed, because the dream becomes clearer, the life of feeling as well—a part of the life of feeling belongs to waking life; these still lie on this side of the threshold of consciousness. This is why we speak of the Guardian of the Threshold, because it is necessary for human beings, in their present state of consciousness, not to consciously cross the threshold unprepared—a threshold they cross every time they fall asleep as their consciousness subsides. When one learns to recognize the forces within which a person finds themselves beyond the threshold of consciousness, one also comes to understand why a person must be prevented—by a guardian, by something that watches over them—from crossing the threshold into the spiritual world unprepared.
[ 9 ] Die Welt jenseits der Schwelle sieht zunächst, wenn man in sie eintritt, für den ersten Anblick wahrhaft anders aus, als man sie sich gerne vorstellen möchte. Allerdings, tritt man vorbereitet genug ein, so verwandelt sie sich nach und nach und man kommt zu andern Erfahrungen als die allerersten sind, und die etwas Bestürzendes auch für den haben, der durchaus vorbereitet in die übersinnliche Welt eintritt. Denn was lebt in der übersinnlichen Welt nach der ersten Art, wie sie sich darstellt? In dieser leben zuerst Kräfte, Wesenhaftigkeiten, die sich, man muß es schon so ausdrücken, außerordentlich feindlich gegenüber der gewöhnlichen Sinneswelt verhalten. Tritt man ein in die geistige Welt über die Schwelle, nimmt sie sich aus wie ein Sengen und Brennen, wie ein verzehrendes Feuer für all dasjenige, was die Sinneswelt darbietet. Man tritt durchaus in die Welt zerstörender Kräfte ein. Das ist der erste Anblick, der sich jenseits zuerst darbietet. Und ich möchte Ihnen aus den Tatsachen heraus eine Vorstellung davon geben, wie es ist mit dem, in das man da zuerst eintritt:
[ 9 ] At first glance, when one enters it, the world beyond the threshold truly looks different from what one might like to imagine. However, if one enters sufficiently prepared, it gradually transforms, and one comes to have experiences different from the very first ones—experiences that can be somewhat unsettling even for those who enter the supersensible world fully prepared. For what exists in the supersensible world in the initial form in which it presents itself? In this world dwell, first and foremost, forces and entities that—one must put it this way—are extraordinarily hostile toward the ordinary sensory world. When one crosses the threshold into the spiritual world, it feels like scorching and burning, like a consuming fire for everything the sensory world has to offer. One truly enters a world of destructive forces. That is the first sight that presents itself on the other side. And I would like to give you, based on the facts, an idea of what it is like in the realm one first enters:
[ 10 ] Betrachten Sie den menschlichen physischen Leib, der uns umkleidet von der Geburt bis zum Tode. Betrachten Sie den Augenblick, wo der Mensch sich dem Tode nähert, wo er durch die Pforte des Todes tritt, zunächst in bezug auf den physischen Leib. Dieser erscheint, nachdem er die Pforte durchschritt, allerdings äußerlich noch in derselben Form wie er ist vor dem Tode, wenn wir das bloß Räumliche zunächst ins Auge fassen. Aber sehr bald erfahren Sie: Dieser physische Leib, der durch Jahrzehnte diese Form bewahren kann, dem diese Form das Naturgemäße ist, der wird aufgelöst, zerstört durch die Kräfte der äußeren Welt, des äußeren Kosmos. Es ist das Schicksal dieses Leibes, daß er durch diese Kräfte des Kosmos aufgelöst, zerstört wird. Einfach dadurch, daß man unbefangen betrachtet, daß der Leib, sobald er entseelt ist, von den Kräften der Natur zerstört, aufgelöst wird, muß man überzeugt sein davon, daß in diesem Leib zwischen Geburt und Tod etwas lebt, was den Leib fortwährend vor der Zerstörung bewahrt, was nicht dieser Welt der Sinne angehört. Denn würde es dieser selben Welt angehören, dann würde es den Leib zerstören, nicht erhalten. Wenn die Menschen nur diese Selbstverständlichkeit beachten wollten, würden sie es nicht so schwer finden, in die anthroposophische Geisteswissenschaft einzudringen. Man hat den Leichnam, die äußeren Kräfte der Natur zerstören ihn. Wäre dasjenige, was wir in uns tragen, von derselben Art wie die Naturkräfte, würde es diesen Leib ständig zerstören. Diese einfachen Gedanken werden ständig außer acht gelassen. Aber beachten Sie, daß eine Welt uns umgibt, die immer um uns ist, die unseren Leib zerstört.
[ 10 ] Consider the human physical body that envelops us from birth until death. Consider the moment when a person approaches death, when they pass through the gate of death—first with regard to the physical body. After passing through the gate, this body still appears, outwardly at least, in the same form as it was before death, if we consider only the purely spatial aspect for the moment. But very soon you will realize: This physical body, which can retain this form for decades—for which this form is its natural state—is dissolved and destroyed by the forces of the external world, of the external cosmos. It is the fate of this body to be dissolved and destroyed by these cosmic forces. Simply by observing impartially that the body, as soon as it is disembodied, is destroyed and dissolved by the forces of nature, one must be convinced that something lives within this body between birth and death that continually preserves the body from destruction—something that does not belong to this world of the senses. For if it belonged to this very world, it would destroy the body, not preserve it. If people would only take this self-evident fact into account, they would not find it so difficult to penetrate into anthroposophical spiritual science. We have the corpse; the external forces of nature destroy it. If what we carry within us were of the same nature as the forces of nature, it would constantly destroy this body. These simple thoughts are constantly overlooked. But note that a world surrounds us, one that is always around us, one that destroys our body.
[ 11 ] In dem Augenblicke, wo der Leib von dieser Seele verlassen wird, wird er zerstört. Und wenn wir diesen Leib verlassen beim Einschlafen, wandern wir in die Welt hinein, die unseren Leichnam zerstört. Diese müssen wir kennenlernen [Lücken in der Nachschrift.] Wir treten in die Welt der zerstörenden Kräfte hinein, wenn wir einschlafen, und diese Welt ist doch die geistige, denn warum? Derjenige, der erwartet, daß er jenseits der Schwelle etwas antreffen solle was ähnlich ist dem, was hier in der physischen Sinneswelt ist, der erwartet ja nur eine andere physische Sinneswelt jenseits der Schwelle. Wenn dort Geist sein soll, dann kann nicht die physische Sinneswelt dort sein. Was wir dort erleben, werden solche Kräfte sein, die fortwährend die Neigung haben, die physische Sinneswelt zu zerstören. Und das erfahren wir gründlich, wenn wir bewußt die Schwelle überschreiten. Wir erfahren gründlich, daß wir in dieser geistigen Welt dasjenige finden, das fortwährend die Neigung hat, die physische Welt zu zerstören. Würde der Mensch nun unvorbereitet, unbehütet, diese Schwelle überschreiten, dann würde es ihm — wenn ich mich jetzt trivial ausdrücken darf — in dieser Welt außerordentlich gefallen. Gerade niedrige Instinkte würden zunächst außerordentlich befriedigt werden, und der Mensch würde in der Welt, in die er zunächst eintritt, zusammenwachsen mit der Welt der zerstörenden Kräfte, und er würde ein Verbündeter werden dieser zerstörenden Kräfte. Er würde nicht ein Mitarbeiter werden wollen an dem, was als physische Welt uns umgibt. Man muß zuerst liebgewinnen diese physische Welt als auch eine weisheitsvolle, damit man gut vorbereitet ist, in die geistige Welt eintreten zu können. Man muß gewissermaßen, bevor man an die Seite der Schöpfer treten darf, die Schöpfung liebgewonnen haben, und man muß gründlich verstanden haben, daß die Welt, wie sie geschaffen ist, nicht sinnlos von den göttlichen schöpferischen Mächten hervorgerufen worden ist. Man muß den Sinn des Erdenlebens ergründet haben, wenn man gut vorbereitet in die geistige Welt eintreten will, sonst würde man jeden Morgen beim Aufwachen mit einem furchtbaren Haß auf die Sinneswelt zurückkommen, mit dem Trieb, diese Sinneswelt zu zerstören. Einfach durch die Notwendigkeit des menschlichen Daseins würde der Mensch mit Haß und Zorn aufwachen, wenn er die Zeit vom Einschlafen bis zum Aufwachen in einem solchen Bewußtseinszustande verbringen würde.
[ 11 ] The moment this soul leaves the body, the body is destroyed. And when we leave this body as we fall asleep, we enter the world that destroys our corpse. We must come to know this world [Gaps in the postscript.] We enter the world of destructive forces when we fall asleep, and yet this world is the spiritual one—but why? Anyone who expects to find something beyond the threshold that is similar to what exists here in the physical sensory world is, in fact, expecting only another physical sensory world beyond the threshold. If there is to be spirit there, then the physical sensory world cannot exist there. What we experience there will be forces that constantly tend to destroy the physical sensory world. And we experience this thoroughly when we consciously cross the threshold. We experience firsthand that in this spiritual world we find that which constantly tends to destroy the physical world. If a person were to cross this threshold unprepared and unprotected, then—if I may put it in trivial terms—he would find this world extraordinarily pleasing. Low instincts, in particular, would initially be extraordinarily satisfied, and the human being, in the world into which he first enters, would become one with the world of destructive forces and would become an ally of these destructive forces. He would not want to become a collaborator in what surrounds us as the physical world. One must first come to love this physical world as a world of wisdom as well, so that one is well prepared to enter the spiritual world. In a sense, before one is allowed to stand at the side of the Creators, one must have come to love creation, and one must have thoroughly understood that the world, as it is created, was not brought into being senselessly by the divine creative powers. One must have fathomed the meaning of earthly life if one wishes to enter the spiritual world well-prepared; otherwise, one would return every morning upon waking with a terrible hatred for the sensory world, driven by the urge to destroy it. Simply due to the necessity of human existence, a person would wake up filled with hatred and anger if they spent the time between falling asleep and waking up in such a state of consciousness.
[ 12 ] Sie können das noch verfolgen, wenn Sie unbefangen den Traum anschauen. Der Traum hat furchtbar zerstörende Kräfte in sich. Was Sie da herauftragen als 'Traumbilder, es zerstört ja alle Logik. Der Traum sagt: Nichts, aus mit der Logik, die Logik will ich nicht haben. Die Logik ist für die äußere Sinneswelt, da ordnet die Logik rechthaberisch die Dinge. Fort mit der Logik, eine andere Weltenordnung muß da herrschen! — Das sagt der Traum, und wenn er stark genug wäre, um nicht bloß das Gehirn zu streicheln, sondern in den ganzen Menschen hinunterzutauchen, dann würde er nicht nur die logischen Instinkte, sondern auch die andern Instinkte und das emotionelle Leben ergreifen, und geradeso wie er die Logik zerstört, auch alles Leben des physischen Menschen zerstören. Der Mensch würde nicht wieder hineinwollen in seinen Leib, sondern er würde auf dem Wege hinein seinen physischen Leib langsam zerstören. Nur weil dasjenige, was im Traum lebt, überwältigt wird von dem, was aus dem Leibe ihm entgegenkommt, wird für Momente nur die Logik zerstört. Das kann man bis in die Einzelheiten verfolgen. Was im Schlafe fortdauert, das sind gerade die Kräfte, die dem rhythmischen System des Menschen angehören. Die Atmung dauert fort, Herzschlag, Pulsschlag dauern fort, Gedanken hören auf, der Wille hört auf. Das, was dem mittleren Menschen angehört, dauert fort, nur wird es herabgestimmt. In dem Augenblick, wo noch im Gehirn etwas schwächer der Pulsschlag lebt, da waltet der Traum herein, da macht er Miene, die Kraft des Leibes zu zerstören und die Logik, bis die Kräfte des Leibes wieder den Traum überwältigen, bis der Puls wieder stärker wird.
[ 12 ] You can still follow this if you look at the dream with an open mind. The dream possesses terribly destructive forces. What you bring up there as “dream images”—it destroys all logic. The dream says: Nothing—away with logic; I don’t want logic. Logic is for the external sensory world, where it dogmatically orders things. Away with logic—a different world order must reign there! — That is what the dream says, and if it were strong enough not merely to caress the brain but to plunge deep into the whole person, then it would seize not only the logical instincts but also the other instincts and emotional life, and just as it destroys logic, it would also destroy all life within the physical human being. The person would not want to return to his body, but on the way back he would slowly destroy his physical body. Only because what lives in the dream is overwhelmed by what comes toward him from the body is logic destroyed—if only for a few moments. This can be traced down to the finest details. What continues during sleep are precisely the forces that belong to the human rhythmic system. Breathing continues; the heartbeat and pulse continue; thoughts cease; the will ceases. That which belongs to the average human being continues, only it is subdued. At the moment when the pulse still beats somewhat more weakly in the brain, the dream takes hold; it appears to be destroying the body’s strength and logic, until the body’s forces once again overwhelm the dream, until the pulse grows stronger again.
[ 13 ] Wenn es sich darum handelt, die Kräfte wirklich zu verstehen, da weiß Anthroposophie schon ganz gut materialistisch zu sein. Die Materialisten verstehen nicht recht, materialistisch zu sein, weil sie nicht wissen, wie das Geistige zusammenwirkt mit dem Physischen. Sie merken nirgends, wie das Geistige untertaucht und im Physischen weiter wirkt. Und es gehört zum Interessantesten, zu beobachten, wie das Geistige untertaucht, da zuerst sich geltend machen will und zerstören will das Logische. Und da entwickeln sich die Kräfte des Physischen, die Vorstellungskräfte, [diese] wirken ihm entgegen und überwältigen es. Der Traum wird unschädlich gemacht für das physische Erdenleben. Das läßt Sie, wenn Sie es richtig betrachten, tief hineinblicken in das Verhältnis von Wachen und Schlafen, denn es zeigt, wie der Mensch sich seines geistigen Ursprunges bewußt bleiben muß, daß er einerseits in den Schlaf immer zurücksinken muß, aber anderseits in der gegenwärtigen Entwickelung mit dem vollen Bewußtsein verfolgt werden muß dasjenige, was sich abspielt in dem Zustand zwischen Einschlafen und Aufwachen.
[ 13 ] When it comes to truly understanding these forces, anthroposophy can be quite materialistic. Materialists do not really understand what it means to be materialistic, because they do not know how the spiritual interacts with the physical. They fail to notice anywhere how the spiritual submerges itself and continues to work within the physical. And one of the most interesting things is to observe how the spiritual subsides, since at first it seeks to assert itself and destroy logic. And then the forces of the physical—the powers of imagination—develop; [these] counteract it and overcome it. The dream is rendered harmless to physical life on earth. If you consider this correctly, it allows you to gain a deep insight into the relationship between waking and sleeping, for it shows how human beings must remain conscious of their spiritual origin—that, on the one hand, they must always sink back into sleep, but on the other hand, in their present development, they must pursue with full consciousness what takes place in the state between falling asleep and waking up.
[ 14 ] Wir leben auf unserer Erde. Diese Erde ist zunächst eine physische kosmische Bildung. Es wird eine Zeit kommen, wo diese Erde dem sogenannten Wärmetod verfallen wird, wo die Erde durch das wirkliche physische Feuer gehen wird, wo die zerstörenden Kräfte die ganzen Erdenbildungen ergreifen werden, nicht nur die Leichname. Dasjenige, was diese Erde dem Feuertod entgegenführt, sind geistige Mächte, die mit der Erde verbunden sind, die man kennenlernt im ersten Stadium, das man betritt, wenn man an dem Hüter der Schwelle vorbeischreitet in die geistige Welt hinein.
[ 14 ] We live on our Earth. This Earth is, first and foremost, a physical cosmic formation. A time will come when this Earth will succumb to what is known as “heat death,” when the Earth will pass through actual physical fire, when the destructive forces will take hold of all earthly formations, not just the corpses. What is leading this Earth toward its fiery demise are spiritual powers connected to the Earth, which one comes to know in the first stage one enters when passing by the Guardian of the Threshold into the spiritual world.
[ 15 ] Betrachten wir dasjenige, was wir so gewonnen haben im Hinblick auf das Durchschreiten der Todespforte. Da wird der physische Leib vollständig abgelegt. Das Geistig-Seelische tritt jetzt so in die geistige Welt ein, daß es zunächst den Wunsch entwickelt, wieder zum physischen Leibe zurückzukehren. Und dieses Geistig-Seelische, nachdem es den physischen Leib abgelegt hat, das kann jetzt wieder zum Vorstellen kommen ohne den physischen Leib. Dieses Geistig-Seelische war einfach zunächst, während es im physischen Leibe verkörpert war, zu schwach, um die zerstörenden Kräfte zu ertragen. Jetzt, mit dem Durchschreiten der Todespforte, muß dieses Geistig-Seelische aber stark genug sein, um sich nicht mehr nach dem physischen Leibe zurückzusehnen. Da es nicht weiter bewußtlos bleibt, sondern in ein wirkliches Bewußtsein eintritt mit dem Überschreiten der Todespforte, muß es ein gewisses Gedankenleben aufnehmen, denn nur im Gedankenleben kann man wirklich voll bewußt werden. Und das ist auch der gewaltige Unterschied zwischen dem Überschreiten der Schwelle beim Einschlafen und beim Durchgang durch den Tod. Beim Einschlafen wird einfach die Gedankenwelt abgedämpft und kommt erst wieder zurück, wenn der Mensch wieder aufwachend den physischen Leib betritt. Beim Tode nimmt er [der Mensch] die Gedankenwelt ohne Vermittlung des physischen Leibes mit dem Geistig-Seelischen auf. Was ist das?
[ 15 ] Let us consider what we have thus gained in view of passing through the gate of death. There, the physical body is completely shed. The spiritual-soul aspect now enters the spiritual world in such a way that it initially develops the desire to return to the physical body. And this spiritual-soul aspect, having shed the physical body, can now come to the fore again without the physical body. This spiritual-soul aspect was simply too weak at first, while it was embodied in the physical body, to withstand the destructive forces. Now, however, having passed through the gate of death, this spiritual-soul entity must be strong enough to no longer yearn for the physical body. Since it does not remain unconscious but enters into true consciousness upon crossing the gate of death, it must take up a certain life of thought, for it is only through the life of thought that one can truly become fully conscious. And this is also the enormous difference between crossing the threshold when falling asleep and passing through death. When falling asleep, the world of thought is simply dimmed and does not return until the person re-enters the physical body upon waking. At death, the person takes in the world of thought with the spiritual-soul aspect, without the mediation of the physical body. What is this?
[ 16 ] Der Mensch würde niemals morgens in seinen physischen Leib zurückkehren, wenn er die geistige Welt kennen würde, mit ihr zusammengewachsen wäre und nicht den Wunsch hätte, der unbewußt in ihm sitzt, wieder zum physischen Leibe, in die physische Welt zurückzukehren. Wünsche sind aber etwas, was nicht mit dem vollen klaren Bewußtsein zusammenhängt, sondern dieses klare Bewußtsein gerade herabdämpfen und herabdämmen. Der Mensch wünscht sich, des Morgens zurückzukehren in seinen Leib, und gerade dieser Wunsch nach dem Leibe hin ist es, der ihm die Gedankenwelt abdämpft. Und so kann er erst wieder, wenn er in dem Leibe ist, das Gedankenleben finden. Im Tode sind aber die Wünsche ertötet. Der Mensch tritt ein in die Weltgedanken. Er hat als Geistig-Seelisches nun ein Gedankenleben, aber er würde in dieselbe Welt eintreten, in die er beim Einschlafen jeden Abend eintritt, wenn er wirklich unvorbereitet in den Tod eintreten würde. Man kann schon sagen, wenn man das extrem in dieser Hinsicht ausdrücken will: Wenn der Mensch unvorbereitet in den Tod eintritt, dann ist er im Grunde einer fürchterlichen Lage ausgesetzt; er ist ausgesetzt der Lage, das anzuschauen, was eigentlich mit seinem physischen Leibe geschieht. Sein physischer Leib wird zerpulvert im kosmischen Weltenzusammenhange, denn wenn man den Leib nicht verbrennt, dann verbrennt ihn der Kosmos. Und diesem müßte der Mensch zuschauen, wenn er nicht vorbereitet wäre.
[ 16 ] A person would never return to his physical body in the morning if he knew the spiritual world, had become one with it, and did not have the desire—which lies unconsciously within him—to return to the physical body, to the physical world. Desires, however, are not connected to full, clear consciousness; rather, they actually dampen and suppress this clear consciousness. A person desires to return to their body in the morning, and it is precisely this desire for the body that dampens their world of thought. And so they can only rediscover their life of thought once they are back in their body. In death, however, desires are extinguished. The human being enters the world of thought. As a spiritual-soul being, he now has a life of thought, but he would enter the same world he enters every evening when he falls asleep if he were to enter death truly unprepared. One might even say, if one wishes to express this in extreme terms: If a person enters death unprepared, then he is essentially exposed to a terrible situation; he is exposed to the situation of having to witness what is actually happening to his physical body. His physical body is pulverized within the cosmic context of the universe, for if the body is not cremated, then the cosmos will consume it. And a person would have to witness this if he were unprepared.
[ 17 ] Was hat dies zur Folge und was hat nun zu geschehen, damit der Mensch nicht bloß die Zerstörung sieht nach dem Tode, damit er nicht bloß in zerstörenden Kräften lebt? Das hat zu geschehen, daß der Mensch durch das Aufnehmen geistiger Inhalte, durch das Bewußstsein in geistgemäßer Weltanschauung durch die Pforte des Todes eine innere Verwandtschaft mit der göttlich-geistigen Welt trägt. Wenn der Mensch nur ein Bewußtsein hat von einer physisch-materiellen Welt, dann tritt er nach dem Tode allerdings furchtbar unvorbereitet in die Welt der zerstörenden Kräfte ein wie in eine versengende Flammenwelt. Durchdringt er sich mit den Vorstellungen einer geistigen Welt, mit dem Bewußtsein von der geistigen Welt, dann wird die Flamme zu der Geburtsstätte des Geistigen nach dem Tode, dann sieht man nicht auf die Zerstörung allein hin, sondern in dem Herausfallen des irdischen Staubes aus dem menschlichen Zusammenhang sieht man sich erheben das Geistige. Und niemand darf sagen, man könne es abwarten, was geschieht, wenn der Tod eintritt, was die gewöhnliche materialistische Vorstellung so gerne sagt! Nein, man muß hindurchtragen das Bewußtsein vom Geistigen durch die Pforte, damit man das Zerstörende der Weltenkräfte, in die der Leichnam eintritt, mit dem Geistig-Seelischen überwindet und damit sich aus dem Zerstörenden das Geistig-Seelische neu schöpferisch erhebt.
[ 17 ] What are the consequences of this, and what must now happen so that human beings do not merely see destruction after death, so that they do not merely live within destructive forces? What must happen is that, through the absorption of spiritual content and through consciousness rooted in a spiritual worldview, human beings carry an inner kinship with the divine-spiritual world as they pass through the gate of death. If a person has only an awareness of a physical-material world, then after death they indeed enter the world of destructive forces—like a scorching world of flames—utterly unprepared. If, however, a person imbues themselves with the concepts of a spiritual world and with an awareness of that world, then the flame becomes the birthplace of the spiritual after death; then one does not look solely toward destruction, but rather, as the earthly dust falls away from the human being, one sees the spiritual rising up. And no one may say that one can simply wait and see what happens when death occurs—as the ordinary materialistic view is so fond of claiming! No, one must carry the awareness of the spiritual through the gateway, so that the destructive forces of the world into which the corpse enters may be overcome by the spiritual-soul, and so that the spiritual-soul may rise anew, creatively, out of the destructive.
[ 18 ] Das entwickele ich Ihnen aus anthroposophischer Geisteswissenschaft heraus, aber Sie alle haben gewiß gehört von jener Furcht, welche in älteren Zeiten der Mensch vor dem Tode hatte, ahnende Erkenntnis auch im Sinne der Lehre des Apostels Paulus, der ja auch davon spricht, daß der Mensch gerettet werden müsse davor, dem Tode zu verfallen mit seiner Seele. Man war sich dessen bewußt, daß man nicht nur physisch sterben kann dem Leichname nach, sondern auch der Seele nach. Von solchen Dingen redet nur der Mensch nicht gerne, daß die Seele mitsterben kann. Wenn Paulus vom Tode redet, redet er eigentlich nicht vom physischen Tode, sondern von dem, was geschehen kann, indem der physische Tod den geistseelischen Tod nach sich ziehen möchte. Dessen muß der Mensch sich wieder bewußt werden, daß er etwas tun muß im physisch-sinnlichen Leben, um sein Bewußtsein mit dem Seelisch-Geistigen zu verbinden, damit er etwas durch den Tod trägt, womit sich ihm das Geistige erhebt aus der verzehrenden Flamme, die immer da ist nach dem Tode.
[ 18 ] I will explain this to you from the perspective of anthroposophical spiritual science, but you have all certainly heard of the fear that people in earlier times had of death—an intuitive understanding that also aligns with the teachings of the Apostle Paul, who indeed speaks of the need for human beings to be saved from their souls succumbing to death. People were aware that one can die not only physically—in terms of the body—but also in terms of the soul. It is just that people do not like to speak of such things—that the soul can die along with the body. When Paul speaks of death, he is not actually speaking of physical death, but of what can happen when physical death threatens to bring about spiritual-soul death. People must become aware of this once again: that they must do something in their physical, sensory life to connect their consciousness with the soul-spiritual, so that through death they may carry with them something by which the spiritual rises up for them from the consuming flame that is always present after death.
[ 19 ] Das muß daraus hervorgehen aus solchen Zusammenhängen, daß es mit dem Leben im Weltenzusammenhange etwas furchtbar Ernstes ist. Keine Weltanschauung ist eine des Menschen werte, die nicht durch die innere Kraft zu einer moralischen Weltauffassung führt, die nicht den ganzen Ernst des Lebens vor die menschliche Seele hinstellt. Davon zu reden, daß physisch-chemische Kräfte die Erde aufgebaut haben, daß daraus Lebewesen und zuletzt der Mensch sich entwickelt haben, ist nicht nur eine einseitige Weltanschauung, das ist auch eine Weltanschauung, welche dem Leben seinen Ernst nimmt und im Grunde nur aus der Bequemlichkeit der Menschen folgt. Aus einer Weltanschauung, die die richtige Stellung zum Geiste gewinnt, folgt der Lebensernst, weil die Möglichkeit vor den Menschen sich hinstellt, verbunden zu werden mit den zerstörenden Kräften, wenn er durch die 'Todespforte geht. Dem Menschen ist durch sein physisches Leben hindurch Gelegenheit gegeben, sich in entsprechender Weise vorzubereiten, indem er behütet wird, jeden Abend beim Einschlafen die zerstörende Welt, mit der er doch verwandt ist, zu schauen, indem ihm Zeit gelassen ist, aufzunehmen dasjenige, was ihn dann durch die Todespforte so leitet, daß er dann in der zerstörenden Welt das Geistige erschauen kann. Das kann nicht genug betont werden, daß Gefühle und Empfindungen in selbstverständlicher Weise über das Leben erfolgen müssen aus einer Weltanschauung, daß eine Weltanschauung nicht eine bloß abstrakte Theorie bleiben darf, sondern etwas Lebendiges werden muß, das Gefühl und Wille ergreift. Und zu einem solchen Anschauen von der Welt muß sich die zivilisierte Menschheit wiederum hindurchringen. Dann wird sie in allem, was vergänglich ist, wiederum das Unvergängliche sehen, dann aber wird sie auch aus demjenigen, was nicht in einer feineren Weise egoistisch im Menschen sich auslebt, zu dem Ewigen, zu dem Unsterblichen vordringen.
[ 19 ] It must be clear from such contexts that life, in the context of the universe, is a matter of tremendous gravity. No human worldview is worthy of the human being unless it leads, through inner strength, to a moral conception of the world that presents the full gravity of life to the human soul. To speak of physical and chemical forces having formed the Earth, and of living beings—and ultimately human beings—having evolved from them, is not only a one-sided worldview; it is also a worldview that takes life lightly and, at its core, stems solely from human convenience. From a worldview that adopts the correct attitude toward the spirit, the gravity of life follows, because the possibility presents itself to human beings of becoming connected to the destructive forces when they pass through the “gate of death.” Throughout their physical life, human beings are given the opportunity to prepare themselves accordingly by being allowed, every evening as they fall asleep, to gaze upon the destructive world with which they are, after all, connected, and by being given time to absorb that which then guides them through the gate of death in such a way that they can perceive the spiritual within the destructive world. It cannot be emphasized enough that feelings and sensations must naturally arise throughout life from a worldview; that a worldview must not remain a mere abstract theory, but must become something living that grips the feelings and the will. And civilized humanity must once again bring itself to adopt such a view of the world. Then it will once again see the imperishable in all that is transitory; and then, too, it will advance from that which does not manifest itself in a more subtle, egoistic way within the human being toward the eternal, toward the immortal.
[ 20 ] Betrachten Sie von diesem Gesichtspunkte einmal die heutige Lebenspraxis. Man muß es schon nicht übelnehmen, wenn derjenige, der die Wahrheit zu sagen hat, auch so unangenehme Dinge zu sagen hat. Betrachten wir zum Beispiel religiöse Unterweisungen. Auf was wird eigentlich dabei gebaut? Auf den Egoismus! Man spricht zu dem Menschen so, daß man ihm seine Unsterblichkeit, sein bewußtes Durchgehen durch den Tod klarmachen will, weil der Mensch über den Tod hinaus leben möchte. Diesen Wunsch hat der Mensch und ihn will man ihm befriedigen, und weil es unbequem ist, an die Erkenntnis zu appellieren, läßt man die Erkenntnis weg und beschränkt sich auf den bloßen Glauben. Aber man redet da nur zu dem menschlichen Egoismus, der sich interessiert, wie es nach dem Tode ausschaut, denn das muß er abwarten. Wie es vor der Geburt ausschaut, das interessiert ihn nicht. Das kann man nur durch Erkenntnis erfahren. Durch Erkenntnis lernt man überhaupt das Ewige kennen, das sich nicht nur über den Tod, sondern auch über die Empfängnis hinaus erstreckt.
[ 20 ] Consider today’s way of life from this perspective. One really shouldn’t take it personally when the person who has to speak the truth also has to say such unpleasant things. Let’s take religious teachings, for example. What are they actually based on? On selfishness! People speak to others in such a way as to make clear to them their immortality and their conscious passage through death, because people want to live beyond death. People have this desire, and the aim is to satisfy it; and because it is inconvenient to appeal to knowledge, knowledge is set aside and one limits oneself to mere faith. But one is speaking only to human selfishness, which is interested in what lies beyond death, for that is what one must wait to see. What lies before birth does not interest them. That can only be known through insight. Through insight, one comes to know the eternal, which extends not only beyond death but also beyond conception.
[ 21 ] Bis in den Sprachgebrauch hinein zeigt sich, daß wir nur eine halbe Erkenntnis haben über die Ewigkeit des Menschen; wir haben nur Unsterblichkeit. Wir müßten auch das Wort «Ungeborenheit» haben. Erst wenn wir den Zusammenhang zwischen beiden erfassen, erfassen wir endgültig des Menschen Ewigkeit. Bis in die Sprache hinein hat der Mensch in unserem Zeitalter seinen Zusammenhang mit der geistigen Welt abgeschworen. Dieser Zusammenhang muß wieder gefunden werden. Ohne dieses Wiederfinden ist eine wirkliche Lebenspraxis vollständig unmöglich, und es müßte ein vollständiger Niedergang der gegenwärtigen Kultur erfolgen.
[ 21 ] Even our language reveals that we have only a partial understanding of human eternity; we have only “immortality.” We should also have the word “unbornness.” Only when we grasp the connection between the two will we finally comprehend human eternity. Even in our language, people in our age have renounced their connection to the spiritual world. This connection must be rediscovered. Without this rediscovery, a genuine way of life is completely impossible, and the present culture would face complete decline.
[ 22 ] Wir haben in Stuttgart die Waldorfschule gegründet mit der Waldorfschul-Pädagogik. Wenn man davon redet, knüpfen die Leute allerlei Betrachtungen daran. Jüngst sagte man: Ja, warum beachtet denn die Waldorfschul-Pädagogik so wenig die Ermüdung der Kinder? Man muß doch heute sorgfältig die Ermüdung studieren. Es gibt heute eine sogenannte experimentelle Psychologie. Man registriert, wie das Kind unzusammenhängende Worte aufsagen kann, und nach einiger Zeit konstatiert man die Ermüdung, auch durch die Folge der Lehrgegenstände, und ist sehr stolz darauf. Und nun bemerkt man: Die Waldorfschul-Pädagogik redet nicht so viel von der Ermüdung der Kinder, sie ist also nicht modern, sie beachtet das nicht. — Warum ist das so? Die Waldorfschule redet weniger von der Ermüdung, aber sie redet davon, daß die Kinder nach dem Zahnwechsel zunächst so gepflegt und erzogen werden müssen, daß man die Erziehung vorzugsweise auf das rhythmische System hin anlegen muß, daß man Künstlerisches pflegen muß, das den Rhythmus anregt, erst später das abstrakte Schreiben und dann noch später das abstrakte Lesen. Es wird nicht an den Kopf appelliert, sondern an das Künstlerische. Wer so unterrichtet wie das heute gemacht wird, wer mit den Kindern immer nur solche Dinge treibt, die an den Kopf appellieren, der muß mit der Ermüdung rechnen. Wenn man aber so erzieht, daß man vorzugsweise das Rhythmische, das Künstlerische in Anspruch nimmt, da frage ich Sie: Ermüdet denn das Herz das Leben hindurch? Das Herz muß schlagen, die Atmung muß fortdauern, und die Waldorfschul-Pädagogik braucht deshalb nicht von Ermüdung zu reden, weil sie darauf hinarbeitet, die Kinder so zu erziehen, daß sie überhaupt wenig ermüden. Die experimentelle Pädagogik ist eben zu einem System gekommen, das furchtbar ermüdet, weil sie selbst erst diese furchtbare Ermüdung heraufbeschworen hat. [Lücken in der Nachschrift.] Bei der Waldorfschul-Pädagogik wird der Zusammenhang von Leib, Seele und Geist ins Auge gefaßt und dasjenige verfolgt, was aus der geistig-seelischen Welt sich mit der Körperlichkeit verbindet und mit dem Tode sie wieder verläßt. Wenn es darauf ankommt, das Materielle zu verstehen, dann ist es gerade Anthroposophie, welche das Materielle verstehen kann.
[ 22 ] We founded the Waldorf School in Stuttgart based on Waldorf pedagogy. When people talk about this, they associate all sorts of ideas with it. Recently, someone said: “Well, why does the Waldorf educational approach pay so little attention to children’s fatigue? Surely we need to study fatigue carefully today.” There is what is known today as experimental psychology. Researchers observe how a child can recite unrelated words, and after some time they note the child’s fatigue—which is also caused by the sequence of subjects taught—and take great pride in this. And now they remark: Waldorf education doesn’t talk much about children’s fatigue; therefore, it isn’t modern—it doesn’t take this into account. — Why is that? The Waldorf school speaks less of fatigue, but it emphasizes that, after children lose their baby teeth, they must initially be cared for and educated in such a way that education is primarily oriented toward the rhythmic system; that artistic activities stimulating rhythm must be cultivated, followed later by abstract writing, and even later by abstract reading. It does not appeal to the intellect, but to the artistic sense. Anyone who teaches as is done today—who always engages children only in activities that appeal to the intellect—must expect fatigue. But if one educates in such a way that one primarily draws upon the rhythmic and the artistic, then I ask you: Does the heart grow weary throughout life? The heart must beat, breathing must continue, and Waldorf education has no need to speak of fatigue because it works toward educating children in such a way that they become fatigued very little at all. Experimental pedagogy has, in fact, arrived at a system that is terribly exhausting, precisely because it has itself conjured up this terrible fatigue. [Gaps in the postscript.] Waldorf education takes into account the connection between body, soul, and spirit and pursues that which, from the spiritual-soul world, unites with physicality and leaves it again at death. When it comes to understanding the material world, it is precisely anthroposophy that can understand the material world.
[ 23 ] Was ist am Kinde am regsten? Gerade die Gehirntätigkeit! Von dieser strahlt die plastische Gestaltung des ganzen Leibes aus. Am regsten ist diese bis zum Zahnwechsel. Beim Zahnwechsel überträgt sich diese Bildungsfähigkeit auf das Atmungs-Herzsystem, und bis zur Geschlechtsreife hat man es mit diesem zu tun. Da kann man nur künstlerisch wirken, nicht theoretisch. Die Muskeln bilden sich so innerlich zwischen dem siebenten und vierzehnten Jahre aus, daß das dem rhythmischen System angepaßt ist. Und wenn das vierzehnte Jahr herannaht, dann erst erfaßt das Seelisch-Geistige den ganzen Menschen, und es ist interessant zu verfolgen, wie vorher die Muskeln sich gerichtet haben nach dem Herzschlag, Pulsschlag und Atmen. So fangen sie dann an, sich durch die Sehnen mit den Knochen zu befreunden, mit dem Skelett, und passen sich den äußeren Bewegungen an. Lernen Sie nur ordentlich zu beobachten, wie der junge Mensch sich ändert in diesem Lebensalter. [Lücken in der Nachschrift.] Vom Kopf geht es aus, das Seelische wächst immer weiter und weiter der Oberfläche des Menschen zu und ergreift zuletzt die Knochen, füllt dann den Menschen ganz aus und verbraucht ihn, befreundet sich immer mehr und mehr mit den Absterbekräften, bis diese Absterbekräfte im Moment des Todes den Sieg davontragen.
[ 23 ] What is most active in a child? Brain activity, of all things! The plastic development of the entire body radiates from this. It is most active until the teeth begin to fall out. When the teeth begin to fall out, this capacity for development shifts to the respiratory-cardiac system, and this is what we are dealing with until sexual maturity. Here one can only work artistically, not theoretically. Between the ages of seven and fourteen, the muscles develop internally in a way that is attuned to the rhythmic system. And as the fourteenth year approaches, only then does the soul-spiritual aspect encompass the whole human being, and it is interesting to observe how, previously, the muscles had aligned themselves with the heartbeat, pulse, and breathing. Thus they begin to form a connection with the bones through the tendons—with the skeleton—and adapt to external movements. Just learn to observe carefully how the young person changes at this stage of life. [Gaps in the postscript.] It begins in the head; the soul grows ever farther and farther toward the surface of the human being, finally seizing the bones, then filling the human being completely and consuming him, becoming more and more at one with the forces of decay, until these forces of decay claim victory at the moment of death.
[ 24 ] Bis in die geringsten Einzelheiten hinein verfolgt anthroposophische Geisteswissenschaft die geistigen Prozesse, wie sie sich in das materielle Leben hinein versenken und wie das Geistig-Seelische vom Kopf aus den ganzen Menschen ergreift. Erst von solcher Erkenntnis aus wird man Menschen wieder erziehen können. Der Verstand ist nötig, damit wir die Freiheit finden können, aber er vertreibt die Sicherheit der Instinkte. Ich hatte einen Freund. Der war, als wir beide jung waren, ein ganz netter Mensch. Dann habe ich ihn wieder besucht, denn ich wurde von ihm eingeladen. Ich hatte niemals an einem Mittagsmahle teilgenommen, wo man eine Waage mit Gewichten aufgestellt hat. Da wurde eine Waage aufgetragen und er wog sich alles dasjenige, was er aß, zuerst ab! Der Intellekt hatte herausgefunden, wieviel man braucht, um den Leib zu erhalten, und das wurde dem Leibe zugeführt. Der Intellekt vertreibt die Instinkte in Kleinigkeiten, aber auch im Großen, und man muß den Weg wieder zurückfinden. Es wird wiederum die Sicherheit des Lebens, der selbstverständliche Halt des Lebens erlangt, denn man findet das zeitliche Leben gerade dadurch in der richtigen Weise, daß man den ewigen Anteil an diesem Zeitlichen findet, daß man weiß, wie dieses Ewige im Zeitlichen drinnen lebt, und das braucht unsere gegenwärtige Zivilisation.
[ 24 ] Anthroposophical spiritual science traces, down to the smallest details, the spiritual processes as they permeate material life and how the spiritual-soul aspect, starting from the head, takes hold of the whole human being. Only on the basis of such insight will it be possible to educate people anew. The intellect is necessary for us to find freedom, but it dispels the security provided by instincts. I had a friend. When we were both young, he was a very nice person. Then I visited him again, because he had invited me. I had never before attended a luncheon where a scale with weights had been set up. A scale was brought out, and he first weighed everything he ate! The intellect had calculated how much was needed to sustain the body, and that amount was provided to the body. The intellect drives out the instincts in small matters, but also in large ones, and one must find the way back. Once again, the security of life—the self-evident foundation of life—is regained, for one finds temporal life in the right way precisely by discovering the eternal aspect within this temporal realm, by knowing how this eternal lives within the temporal, and that is what our present civilization needs.
[ 25 ] Man muß diese Dinge schon auch als Weltfragen behandeln. Man beachtet heute gar nicht, welche Gegensätze zwischen den Menschen des Westens und des Ostens vorhanden sind. Man behandelt die äußeren Fragen in äußerlicher Weise, redet auf Kongressen über den Ausgleich der schweren Lage, aber man beachtet nicht, daß Ost und West nur dann zu einem wirtschaftlichen Ausgleich kommen können, wenn sie Vertrauen zueinander haben. Die Asiaten werden niemals mit dem Westen in der richtigen Weise zusammenwirken können, wenn sie sich mit diesem nicht verstehen können. Verstehen aber kann man sich nur aus der Seele heraus. Zu dem Wirtschaften in der Welt gehört also seelisches Verständnis; dieses aber ist nur zu erringen durch Vertiefung des Seelenlebens. Deshalb sind heute die intimen Fragen des menschlichen Seelenlebens zu gleicher Zeit die großen Weltfragen. Man wird nicht eindringen in dasjenige, was die Welt heute braucht auch in den äußeren öffentlichen Angelegenheiten, wenn man sich nicht bequemen wird, hinzuhören auf das, was die Wissenschaft vom Übersinnlichen zu sagen hat, denn die Welt ist anders geworden im Laufe der Zeitentwickelung. Besonders das Menschengeschlecht ist anders geworden.
[ 25 ] These issues must indeed be treated as global issues. Today, people pay no attention at all to the differences that exist between the people of the West and the East. They deal with external issues in a superficial manner, talking at conferences about resolving the difficult situation, but they fail to realize that East and West can only achieve economic balance if they trust one another. Asians will never be able to cooperate properly with the West if they cannot understand one another. But understanding can only come from the soul. Spiritual understanding is therefore essential to global economic life; yet this can only be attained through a deepening of the spiritual life. That is why the intimate questions of the human spiritual life are, at the same time, the great global issues of today. One will not be able to grasp what the world needs today—even in external public affairs—unless one is willing to listen to what the science of the supersensible has to say, for the world has changed in the course of historical development. The human race, in particular, has changed.
[ 26 ] Wir blicken zurück, wenn wir die Menschheitsentwickelung überschauen, zu demjenigen Ereignis, das dieser Menschheits- und Erdenentwickelung überhaupt den Sinn gibt: zum Mysterium von Golgatha. Dieses Mysterium von Golgatha war ja das Hereinkommen eines Göttlichen durch einen irdischen Leib in die Erdenverhältnisse. Der Christus ist in den Leib des Jesus von Nazareth eingetreten, um nun überhaupt mit der Erde zu wirken. Die Erde hätte zugrunde gehen müssen, verfallen müssen im Weltenzusammenhang, wenn nicht eine neue Befruchtung durch das Hereinkommen des Christus geschehen wäre. Nun wissen Sie auch, daß es vor alten Zeiten eine instinktive Wissenschaft gegeben hat, eine Urweltweisheit, doch zur Zeit des Mysteriums von Golgatha war nur noch wenig davon da in der abendländischen Zivilisation. Aber so viel noch war da, daß das Mysterium von Golgatha durch vier Jahrhunderte wenigstens noch instinktiv hat begriffen werden können. Und wer wirklich kennt, wie in den ersten Jahrhunderten der christlichen Entwickelung das Mysterium von Golgatha in seiner übersinnlichen Bedeutung aufgefaßt worden ist, der weiß, daß bis in das 4. Jahrhundert hinein die maßgebenden christlichen Lehrer von dem Hereinkommen des Christus-Sonnengeistes in den Menschen Jesus von Nazareth gewußt haben.
[ 26 ] When we look back over the course of human evolution, we see the event that gives meaning to the entire evolution of humanity and the Earth: the Mystery of Golgotha. This Mystery of Golgotha was, after all, the entry of a Divine Being into earthly conditions through an earthly body. Christ entered the body of Jesus of Nazareth in order to begin working with the Earth at all. The Earth would have had to perish, would have had to decay within the context of the cosmos, had it not been for a new infusion of life brought about by the coming of Christ. Now you also know that in ancient times there was an instinctive science, a primal world wisdom; yet by the time of the Mystery of Golgotha, very little of it remained in Western civilization. But enough still remained that the Mystery of Golgotha could still be grasped, at least instinctively, for four centuries. And anyone who truly understands how the Mystery of Golgotha was grasped in its supersensible significance during the first centuries of Christian development knows that, well into the 4th century, the leading Christian teachers were aware of the coming of the Christ-Sun Spirit into the human being Jesus of Nazareth.
[ 27 ] Wer hat denn eigentlich heute noch ein lebendiges Bewußtsein, was es heißt, ob in dem Menschen Jesus von Nazareth zwei Naturen, eine göttliche und eine menschliche sind, oder nur eine? Das war aber durchaus eine Lebensfrage in den ersten christlichen Jahrhunderten, etwas, was im Leben eine Bedeutung hatte. Man hatte ein lebendiges Bewußtsein davon, wie aus den Weltenweiten sich der Christus-Geist verbunden hat mit dem Jesus. Da haben wir zwei Naturen in der einen Persönlichkeit: den Gott und den Menschen. [Lücke in der Nachschrift.]
[ 27 ] Who today actually has a living awareness of what it means—whether there are two natures in the person of Jesus of Nazareth, one divine and one human, or just one? Yet this was very much a matter of life and death in the early Christian centuries, something that had real significance in people’s lives. People had a vivid awareness of how the Spirit of Christ had united with Jesus from the vastness of the cosmos. There we have two natures in one personality: God and man. [Gap in the postscript.]
[ 28 ] Sie werden öfters gehört haben, daß der vierte nachatlantische Zeitraum gedauert hat von 747 vor dem Mysterium von Golgatha ungefähr bis 1413 nach dem Mysterium von Golgatha. Seit dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts beginnt der eigentliche Intellektualismus. Wir schauen nun hinein in physische Kräfte, rechnen und treiben Physik, aber wir wissen nichts mehr davon, daß da draußen geistige Kräfte wirksam sind und daß da draußen wirklicher Geist vorhanden ist — was man früher gewußt hat. Aber nehmen Sie diesen Zeitraum von 747 vor Christus bis 1413 [nach Chr.]. Es ist der Zeitraum der vierten nachatlantischen Epoche. Wenn Sie 747 nehmen und dann bis 1413 gehen, so bekommen Sie, wenn Sie halbieren, einen Zeitabschnitt, der gerade in das vierte Jahrhundert nach Christus fällt, der auch zusammenfällt mit dem vollständigen Abklingen derjenigen Weisheit, die noch das Mysterium von Golgatha in spirituellem Sinne hat erfassen können [siehe Hinweis]. Nachher war es nur ein verstandesmäßiges Diskutieren. Und als dann das 15. Jahrhundert herankam, wurde der Menschenverstand für die menschliche Zivilisation Alleinherrscher. Dadurch aber wurde das, was auch eine lebendige Verbindung des Menschen mit dem Christus darstellt, immer mehr und mehr hereingezogen in das bloß materielle menschliche Denken. Und dann erlebte man im 19. Jahrhundert, wie der Christus gerade für die fortgeschrittenste Theologie ganz verlorengegangen ist, wie man es für aufgeklärt hielt, von einem bloßen «Menschen von Nazareth» zu sprechen. Wenn man das in der ganzen Schwere wiederum empfindet, muß man zu der Sehnsucht kommen, die Christus-Wesenheit wiederum zu finden. Und diese Sehnsucht, den Christus wieder finden zu können, möchte anthroposophische Weltanschauung für die großen Weltenfragen befriedigen, und dazu ist man wirklich gerade in Mitteleuropa ganz besonders vorbereitet. Sie können das aus verschiedenen Symptomen sehen.
[ 28 ] You have probably heard many times that the fourth post-Atlantean epoch lasted from approximately 747 before the Mystery of Golgotha to 1413 after the Mystery of Golgotha. True intellectualism began in the first third of the 15th century. We now look into physical forces, do calculations, and practice physics, but we no longer know that spiritual forces are at work out there and that true Spirit exists out there—something that was known in the past. But take this period from 747 B.C. to 1413 [A.D.]. This is the period of the fourth post-Atlantean epoch. If you take 747 and then go to 1413, and divide that span in half, you get a period that falls precisely within the fourth century A.D., which also coincides with the complete fading away of that wisdom which was still able to grasp the Mystery of Golgotha in a spiritual sense [see note]. Afterward, it was merely intellectual debate. And as the 15th century approached, human reason became the sole ruler of human civilization. As a result, however, what also represents a living connection between humanity and Christ was drawn more and more into purely material human thinking. And then, in the 19th century, we witnessed how Christ was completely lost, even to the most advanced theology, and how it was considered enlightened to speak of him merely as a “man from Nazareth.” When one feels the full gravity of this once again, one must come to a longing to rediscover the Christ-essence. And the anthroposophical worldview seeks to satisfy this longing to rediscover the Christ in addressing the great questions of the world, and for this, people in Central Europe in particular are especially well-prepared. You can see this from various signs.
[ 29 ] Ein großer Denker Westeuropas, Herbert Spencer, hat eine Schrift über Erziehung geschrieben, die den Materialisten sehr gefällt, und darin sagt er, alle Erziehung tauge nichts, wenn der Mensch nicht dazu erzogen werde, wiederum den Menschen zu erziehen. Wie begründet er das? Er sagt: Das Höchste, wozu es der Mensch bringen kann im Leben, ist, wiederum Menschen zu erzeugen. Also muß auch Erziehung das Höchste sein. — Das westliche Denken ist von der einen Seite her richtig. Was sagt nun ein östlicher Denker? Bei Wladimir Solowjow lebt aus dem Geiste des Ostens noch etwas sehr Altes. Für die westliche Kultur ist die Urweisheit ganz verschwunden. Im Osten hat sie sich noch als ein Gefühl erhalten. Solowjow hat noch etwas von der wirklich christlichen Weisheit. Hier in Mittel- und Westeuropa hat man nur ein Gottesbewußtsein, man hat kaum mehr ein Wissen von dem Sohne. Harnack zum Beispiel spricht von Gott so, als ob der Christus, der Sohn, gar nicht in die Evangelien gehöre, sondern nur der Vater. Nur noch das Vaterbewußtsein ist da, das Gottesbewußtsein. Und was er sagt von dem Sohn, muß von dem Vater gesagt werden. Solowjow hat eben noch etwas von dem Christus-Bewußtsein, und wenn er redet, hat man manchmal das Gefühl, als ob die alten Kirchenväter vor dem Konzil von Nicäa redeten. Solowjow hat schon ganz andere Titel über seine Abhandlungen gesetzt, so zum Beispiel eine Abhandlung «Von Freiheit, Notwendigkeit, Gnade und Sünde». Suchen Sie sich bei den westlichen Philosophen eine Abhandlung über Gnade oder Sünde, bei Spencer oder Mill oder Bergson, oder Wundt! Das gibt es im Westen nicht, ist ganz undenkbar, das taucht in diesem Zusammenhang dort gar nicht auf.
[ 29 ] A great thinker of Western Europe, Herbert Spencer, wrote a treatise on education that greatly appeals to materialists, and in it he says that all education is worthless unless people are educated to, in turn, educate other people. How does he justify this? He says: The highest achievement a person can attain in life is to bring forth other human beings. Therefore, education must also be the highest good. — Western thinking is correct from one perspective. What, then, does an Eastern thinker say? In Vladimir Soloviev, something very ancient still lives on from the spirit of the East. For Western culture, primordial wisdom has completely vanished. In the East, it has been preserved as a feeling. Soloviev still possesses something of true Christian wisdom. Here in Central and Western Europe, people have only a consciousness of God; they have scarcely any knowledge of the Son. Harnack, for example, speaks of God as if Christ, the Son, did not belong in the Gospels at all, but only the Father. Only the awareness of the Father remains—the awareness of God. And whatever he says about the Son must be said about the Father. Soloviev still possesses something of this Christ-consciousness, and when he speaks, one sometimes has the feeling that the early Church Fathers before the Council of Nicaea are speaking. Soloviev has given his treatises quite different titles; for example, a treatise titled “On Freedom, Necessity, Grace, and Sin.” Try to find a treatise on grace or sin among Western philosophers—among Spencer, Mill, Bergson, or Wundt! Such a thing does not exist in the West; it is completely unthinkable; it does not even come up in that context there.
[ 30 ] Der östliche Philosoph redet noch so, und was sagt er? Ein Leben, das den Menschen gegeben wäre auf dieser Erde, das nicht streben müßte nach Vervollkommnung in der Wahrheit, das wäre kein wirkliches Menschenleben, das wäre wertlos, aber auch die Vervollkommnung in der Wahrheit wäre wertlos, wenn der Mensch nicht Anteil an der Unsterblichkeit hätte. Ein Weltbetrug wäre ein solches Leben. So redet Solowjow, der östliche Philosoph. Und dann sagt er: Die eigentliche geistige Menschenaufgabe beginnt erst dann, wenn der Mensch in das geschlechtsreife Alter eingetreten ist. [Lücke in der Nachschrift.] Der vollständige Gegensatz zu Spencer! Spencer schließt die Entwickelung ab mit der Erzeugung der Nachkommenschaft, und der östliche Philosoph beginnt sie erst da. So ist es in allen Fragen bis in die Fragen des wirtschaftlichen Lebens hinein. So redet heute der westliche Wirtschafter, ohne etwas zu verstehen von dem, was die Gefühle des östlichen Menschen sind beim Wirtschaftsleben. Wir brauchen auch in den großen Weltfragen eine welthistorische Besinnung heute, und wir müssen uns klar sein, daß das große Unglück der Menschheit im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts die große Aufforderung, die gewaltige Prüfung an die Menschheit ist zu dieser Besinnung. Es muß aus den Untergründen der Seele heraufsteigen eine ganz andere Behandlung des Lebens. Die großen Fragen des Lebens, die über Geburt und Tod hinausliegen, müssen in das gewöhnliche Menschenleben hineinspielen. Die Fragen der Gegenwart müssen von dem Lichte der Ewigkeit beleuchtet werden, sonst werden die Menschen von Kongreß zu Kongreß eilen und immer mehr und mehr ins Unglück hineinsinken.
[ 30 ] The Eastern philosopher still speaks this way—and what does he say? A life granted to human beings on this earth that did not have to strive for perfection in truth would not be a true human life; it would be worthless. But perfection in truth, too, would be worthless if human beings did not share in immortality. Such a life would be a universal deception. So speaks Soloviev, the Eastern philosopher. And then he says: Man’s true spiritual task begins only when he has reached sexual maturity. [Gap in the postscript.] The complete opposite of Spencer! Spencer concludes development with the procreation of offspring, and the Eastern philosopher begins it only then. This is true in all matters, right down to the questions of economic life. This is how Western economists speak today, without understanding anything of the feelings of Eastern people regarding economic life. We need a world-historical perspective today even in the great questions of the world, and we must be clear that the great misfortune of humanity in the second decade of the 20th century is the great challenge, the immense test for humanity, to adopt this perspective. A completely different approach to life must rise up from the depths of the soul. The great questions of life, which lie beyond birth and death, must play a role in ordinary human life. The questions of the present must be illuminated by the light of eternity; otherwise, people will rush from conference to conference and sink deeper and deeper into misfortune.
