Alte und neue Einweihungsmethoden
Drama und Dichtung im Bewußtseins-Umschwung der Neuzeit
GA 210
19 Januar 1922, Mannheim
13. Das Überschreiten der Schwelle
[ 1 ] Wir haben uns hier in den Zweigen recht lange nicht gesehen und ich darf es wohl aussprechen, daß es mir eine außerordentlich tiefe Befriedigung gewährt, heute wiederum nach so langer Zeit vor Ihnen einiges besprechen zu können. Wir haben eine außerordentlich schwere Zeit hinter uns, die ihren Schwierigkeiten nach wohl gefühlt wird, aber in weiteren Kreisen doch noch immer nicht genug begriffen wird. Es ist ja so, daß man sagen kann, der Mensch, der das zweite Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts miterlebt hat, hat dem Inhalte nach mehr erlebt als sonst in Jahrhunderten erlebt werden kann. Und es ist eine Art seelischer Schlaf, wenn man nicht fühlt, wie alle für die Menschheitsentwickelung in Betracht kommenden Dinge heute anders sind als sie etwa vor zehn Jahren waren. Der ganze Umschwung, der sich vollzogen hat, wird wahrscheinlich erst nach und nach der Menschheit zum vollen Bewußtsein kommen. Man wird dann sehen, wie dasjenige, was sich in so katastrophaler Weise an der äußeren Oberfläche der Dinge abgespielt hat, doch außerordentlich tief hineinreicht in die Wurzeln der Menschenseele, wie das, was geschehen ist, im Grunde genommen hervorgegangen ist als die weiteste Kreise der Menschheit betreffenden Irrungen der Seele. Und erst wenn man sich entschließen wird, die eigentlich wirklichen Gründe für das große Menschenunglück in den Seelen zu suchen, erst dann wird man das richtige Verständnis dieser Prüfungszeit der Menschheit entgegenbringen, und es wird dann wohl auch so kommen, daß man eine Geistesströmung wie die anthroposophische in einer anderen Art auffassen wird als man sie vielfach bisher noch auffaßt.
[ 2 ] Diese anthroposophische Geistesströmung möchte gerade der Menschheit dasjenige geben, was sie nicht hatte im Verlaufe der letzten drei, vier, fünf Jahrhunderte und dessen Mangel so innig zusammenhängt mit dem, was wir als Kultur- und Zivilisationselend erlebt haben und erleben. Die Welt ist nicht nur in bezug auf die großen Zusammenhänge, sondern auch in bezug auf die Entwickelung desjenigen, was in kleinsten Kreisen geschieht, aus dem Geistigen, aus dem Leben im Geistigen herausgekommen. Große Weltenfragen stehen heute vor der Menschheit, die sich nur aus den Tiefen des geistigen Lebens heraus irgendwie behandeln lassen, und sie werden in der äußerlichsten Weise über das ganze Gebiet der Welt hin behandelt. Man hat keine Möglichkeit, hineinzuschauen in dasjenige, was sich emporarbeiten will aus den Untergründen des menschlichen Seelen- und Geisteslebens. Das möchte aber gerade anthroposophische Weltanschauung der Menschheit wieder bringen.
[ 3 ] Heute möchte ich aus dem Gebiete dieser anthroposophischen Weltanschauung einige intime Fragen des menschlichen Seelen- und Geisteslebens besprechen. Vielleicht können wir dann von dem Gesichtspunkte, den wir durch eine solche Besprechung gewinnen, zum Schluß in Kürze auch auf einige Zeitereignisse die Blicke werfen. Anthroposophische Geisteswissenschaft will sprechen von denjenigen Welten, die zunächst der äußeren Sinnesanschauung und auch dem Intellekt, der an diese Sinnesanschauung sich bindet, verborgen bleiben. Anthroposophische Geisteswissenschaft will von dem in erster Linie sprechen, womit das Ewige der Menschenseele zusammenhängt. Die Welten, in welche diese anthroposophische Weltanschauung eindringen will, von ihnen sagt man, daß sie nur erreicht werden können, indem der Mensch die Schwelle des Bewußtseins überschreitet. Man meint damit, daß diese Schwelle des Bewußtseins eben bewußt überschritten werden müsse, damit man Erkenntnisse dieser übersinnlichen Welten gewinnen könne. Denn unbewußt überschreitet eigentlich der Mensch diese Bewußtseinsschwelle mit jedem Eintritt in den Schlafzustand, und wir sprechen im Zusammenhang mit dem Wechsel zwischen Wachen und Schlafen, im Zusammenhang mit der Schwelle, die der Mensch, indem er einschläft, überschreitet — jeden Tag überschreitet —, wir sprechen da auch von dem «Hüter der Schwelle» als von einer geistigen Macht, die der Geistesforscher als eine wirklich reale geistige Macht kennt, wie man andere Menschen als reale Menschen kennenlernt. Wir sprechen von dem «Hüter der Schwelle» aus dem Grunde, weil eben in der gegenwärtigen Entwikkelungsphase der Menschheit der Mensch wirklich zunächst seinem Bewußtsein nach behütet werden muß vor einem unvorbereiteten Eintritt in die geistigen Welten.
[ 4 ] Es könnte zunächst eine außerordentlich auffällige Erscheinung sein, daß dasjenige, was dem Menschen vor allen Dingen wertvoll sein muß, die geistige Welt, der er mit den tiefsten Wurzeln seines Daseins angehört, ohne deren Zugehörigkeit er nicht in wahrem Sinne des Wortes die Menschenwürde hätte, daß diese geistige Welt zunächst eine dem Menschen verborgene sein muß. Das hängt eben tief mit dem ganzen Sinn der Menschheitsentwickelung zusammen. Der Mensch würde sein wahres Wesen doch nicht im Laufe der Entwickelung erreichen können, wenn er sich nicht die Kraft selbst erwerben und ausbilden müßte, durch die er sich zu den geistigen Welten heranarbeitet. Würde er nur wie ein unverdientes Gnadengeschenk das Überschreiten der Schwelle erlangen, würde er vielleicht ein hohes geistiges Wesen sein können, aber er würde nicht in echtem Sinne des Wortes Mensch sein können, ein Wesen sein können, das sich zu seinem eigenen Werte auch selbst bringt; denn das ist das Wesen des Menschen im Weltenzusammenhang, daß er sich doch zu dem selber machen muß, was seine eigentliche Würde ausmacht. Es würde wie eine Art Verbrennen des menschlichen Wesens sein, wie eine Art Verlöschenmachen des menschlichen Wesens, wenn der Mensch unvorbereitet die Schwelle in die geistige Welt überschreitet. Dennoch kann das, was die Geistesforschung zu sagen hat über die Beziehung zu jener Welt, durchaus von dem gesunden Verstand erfaßt werden. Es kann durchschaut werden dasjenige, was aus den Untergründen der Geistesforschung in dieser Beziehung gesagt werden muß. Beachten Sie nur, wie zunächst der Mensch, indem er einschläft, in eine Art bewußtlosen Zustand versinkt. Aus diesem bewußtlosen Zustand tauchen heraus wie aus Meeresuntergründen einzelne Wellen in die Traumeswelt.
[ 5 ] Diese Traumeswelt hat auch für den Menschen, der frei ist von jedem Aberglauben und jeder nebulosen Mystik, etwas durchaus Geheimnisvolles, Rätselhaftes, von dem empfunden werden muß, wie es zusammenhängt mit dem innersten Wesen sowohl der Welt wie des Menschenseins selbst. So können wir denn verfolgen die Zeit, die der Mensch zubringt vom Einschlafen an bis zum Aufwachen, als einen herabgestimmten Bewußtseinszustand, aus dem heraus sich offenbart die Bilderwelt des Traumes. Und wenn wir auch nur in äußerlicher Weise das Träumen verfolgen, müssen wir uns sagen: Die Träume enthalten bildhafte Anklänge an dasjenige Leben, das wir, außer durch die Sinneswahrnehmung, durch den Intellekt, durch die Empfindung gegeben haben. Aber sie enthalten diese uns sonst bekannte Welt in einer andern Art. Nicht nur, daß der Traum in der Regel keine abstrakten Gedanken bringt, sondern alles zu Bildern formt, nicht nur, daß dies der Fall ist, sondern auch das andere: Während wir einen gewissen Weltenzusammenhang in der Sinneswelt vor uns haben, der innerlich in einer gewissen Weise geregelt ist, so daß wir durch die Welt verstandesmäßig befriedigt werden, wenn uns die Dinge geordnet im Raume und in der Zeit erscheinen, würfelt der Traum scheinbar alles durcheinander. Ereignisse, die gestern gewesen sind, durchsetzt er mit Ereignissen, die sich vor Jahrzehnten zugetragen haben. Er bringt eine andere Ordnung in das, was wir kennen als die räumliche Ordnung, als die räumlich-zeitliche Ordnung, in die wir sonst beim Tagwachen hineinschauen.
[ 6 ] Und wenn wir so den Traum studieren, so finden wir, daß das gerade aus dem Traume heraus ist, was unsere Denkkraft ausmacht. Wir verspüren, wenn wir aufwachen, wie wir aus dem traumlosen Schlafe erst wieder in die Welt eintreten, in der sich die menschlichen Vorstellungen, die menschlichen Gedanken entwickeln. Wir fühlen: Wir ergießen die Bilderwelt des Traumes in unsere Leiblichkeit. Und indem wir sie so ergießen, schickt uns der Leib entgegen die Gedankenkraft, durch welche Ordnung wiederum hineingebracht wird in das, was der Traum durcheinandergewürfelt hat. Unser Körper nimmt uns beim Aufwachen in Anspruch, und unser Körper gibt uns die Kraft des Vorstellens, durch deren Handhabung wir ja eigentlich wirklich erst wach werden. Dann verglimmt die Welt des Traumes, und an ihre Stelle tritt wiederum die Welt der Vorstellungen in der regelrechten Ordnung des Raumes und der Zeit.
[ 7 ] Wer nur ein wenig achtgibt auf diese Erscheinungen, der kann schon aus dem gewöhnlichen Leben dieses Hineinschlüpfen von etwas zunächst Unbestimmtem in das Körperlich-Leibliche beobachten und kann auch bis zu dem Grade des Verständnisses vordringen, das sich sagt: Die Kraft der Gedanken wird mir durch meinen Körper gegeben, wenn ich mit dem seelisch-geistigen Wesen in diese Körperlichkeit untertauche. Und er wird durch diese alltägliche Beobachtung doch bestätigt finden können, was Anthroposophie sagen muß: daß das, was wir zunächst aus dem gewöhnlichen täglichen Leben als Vorstellung kennen, gebunden ist an den äußeren physischen Leib, der in der Nacht im Bette liegen bleibt, wenn wir mit unserem geistig-seelischen Wesen über die Schwelle in eine andere Welt hineingehen. Indem unser Bewußtsein dabei auslöscht, läßt es vor der Schwelle die Kraft, die Fähigkeit, Gedankenwelten in gewohntem Sinne zu bilden, zurück und es tritt über die Schwelle von der menschlichen Seele dasjenige, was Gemüts- oder Gefühlsinhalt ist und was Willensinhalt ist. Und dieser Gemüts-, dieser Willensinhalt, sie gleichen auch schon im gewöhnlichen Tagwachen dem Schlafzustand. Wir wachen eigentlich nur in unseren Vorstellungen wirklich. Bedenken Sie nur, wie dunkel das ist, was in unseren Gefühlen lebt und wie ganz finster dasjenige ist, was in unseren Willensimpulsen lebt. Will man vorstellen, wie man den einfachsten Willensentschluß ausführen wird: Es bleibt so dunkel wie der Zustand während des Schlafes, was eigentlich vorgeht in den Muskeln und Knochen, was eigentlich vorgeht, wenn der Gedanke sich verwirklicht. Erst haben wir den Gedanken: Ich hebe den Arm —, dann sehen wir, wie er sich hebt. Nur Eindrücke haben wir. Was da geheimnisvoll vorgeht, das bleibt dem Bewußtsein verborgen, wie der Zustand des Schlafes selbst. Wir tragen im Grunde durch die Schwelle dasjenige, was schon im Wachzustande wie schlafend und träumend ist. Denn die Bilder sind nicht heller als die Gefühle, die sich anschließen an unsere Vorstellungswelt. Andere Formen sind es, in denen sich das Seelenleben im Wachzustande durch Gefühle ausspricht und im Schlafzustande durch den Traum, aber nicht heller als das Traumbild ist das Gefühlsleben. Wäre es heller, dann würden wir als Menschen ein außerordentlich abstraktes Leben führen. Denken Sie nur, mit welchem Rechte man von den kalten, nüchternen Gedanken spricht im Gegensatz zu dem, was vom Gefühl durchglüht ist! Aber was im Gefühle lebt, bleibt in gewissem Sinne dunkel wie die Traumbilder.
[ 8 ] Und wenn wir einschlafen, tragen wir unsere Gefühle über diese Schwelle, und diese sind es, die sich während des Schlafes in gewissem Sinne sogar aufhellen zu den Traumbildern. Wir tragen unseren Willen in diese Welt hinein, der aber so schlafend schon ist während des Tagwachens, wie er während des Schlafes ist. Und so können wir sagen: Dasjenige, was der Mensch durch die Schwelle des Bewußtseins hindurchträgt, ist das Gefühls- und Willenselement seines Seelenwesens. Gefühl und Wille gehören dem Schlafbewußtsein an. Das Vorstellungsleben und — allerdings, weil der Traum sich aufhellt, so auch das Gefühlsleben — ein Teil des Gefühlslebens gehören dem Tagwachen an, sie liegen noch diesseits der Schwelle des Bewußtseins. Nun spricht man von dem Hüter der Schwelle, weil es für den Menschen im gegenwärtigen Bewußtseinszustand notwendig ist, daß er nicht unvorbereitet bewußt die Schwelle überschreitet, die er bei Herabdämpfung seines Bewußtseins jedesmal beim Einschlafen überschreitet. Wenn man erkennen lernt diejenigen Kräfte, innerhalb welcher der Mensch sich befindet jenseits der Schwelle des Bewußtseins, dann lernt man auch erfahren, warum der Mensch durch einen Hüter, durch etwas, was ihn bewacht, abgehalten werden soll, unvorbereitet über die Schwelle in die geistige Welt hineinzutreten.
[ 9 ] Die Welt jenseits der Schwelle sieht zunächst, wenn man in sie eintritt, für den ersten Anblick wahrhaft anders aus, als man sie sich gerne vorstellen möchte. Allerdings, tritt man vorbereitet genug ein, so verwandelt sie sich nach und nach und man kommt zu andern Erfahrungen als die allerersten sind, und die etwas Bestürzendes auch für den haben, der durchaus vorbereitet in die übersinnliche Welt eintritt. Denn was lebt in der übersinnlichen Welt nach der ersten Art, wie sie sich darstellt? In dieser leben zuerst Kräfte, Wesenhaftigkeiten, die sich, man muß es schon so ausdrücken, außerordentlich feindlich gegenüber der gewöhnlichen Sinneswelt verhalten. Tritt man ein in die geistige Welt über die Schwelle, nimmt sie sich aus wie ein Sengen und Brennen, wie ein verzehrendes Feuer für all dasjenige, was die Sinneswelt darbietet. Man tritt durchaus in die Welt zerstörender Kräfte ein. Das ist der erste Anblick, der sich jenseits zuerst darbietet. Und ich möchte Ihnen aus den Tatsachen heraus eine Vorstellung davon geben, wie es ist mit dem, in das man da zuerst eintritt:
[ 10 ] Betrachten Sie den menschlichen physischen Leib, der uns umkleidet von der Geburt bis zum Tode. Betrachten Sie den Augenblick, wo der Mensch sich dem Tode nähert, wo er durch die Pforte des Todes tritt, zunächst in bezug auf den physischen Leib. Dieser erscheint, nachdem er die Pforte durchschritt, allerdings äußerlich noch in derselben Form wie er ist vor dem Tode, wenn wir das bloß Räumliche zunächst ins Auge fassen. Aber sehr bald erfahren Sie: Dieser physische Leib, der durch Jahrzehnte diese Form bewahren kann, dem diese Form das Naturgemäße ist, der wird aufgelöst, zerstört durch die Kräfte der äußeren Welt, des äußeren Kosmos. Es ist das Schicksal dieses Leibes, daß er durch diese Kräfte des Kosmos aufgelöst, zerstört wird. Einfach dadurch, daß man unbefangen betrachtet, daß der Leib, sobald er entseelt ist, von den Kräften der Natur zerstört, aufgelöst wird, muß man überzeugt sein davon, daß in diesem Leib zwischen Geburt und Tod etwas lebt, was den Leib fortwährend vor der Zerstörung bewahrt, was nicht dieser Welt der Sinne angehört. Denn würde es dieser selben Welt angehören, dann würde es den Leib zerstören, nicht erhalten. Wenn die Menschen nur diese Selbstverständlichkeit beachten wollten, würden sie es nicht so schwer finden, in die anthroposophische Geisteswissenschaft einzudringen. Man hat den Leichnam, die äußeren Kräfte der Natur zerstören ihn. Wäre dasjenige, was wir in uns tragen, von derselben Art wie die Naturkräfte, würde es diesen Leib ständig zerstören. Diese einfachen Gedanken werden ständig außer acht gelassen. Aber beachten Sie, daß eine Welt uns umgibt, die immer um uns ist, die unseren Leib zerstört.
[ 11 ] In dem Augenblicke, wo der Leib von dieser Seele verlassen wird, wird er zerstört. Und wenn wir diesen Leib verlassen beim Einschlafen, wandern wir in die Welt hinein, die unseren Leichnam zerstört. Diese müssen wir kennenlernen [Lücken in der Nachschrift.] Wir treten in die Welt der zerstörenden Kräfte hinein, wenn wir einschlafen, und diese Welt ist doch die geistige, denn warum? Derjenige, der erwartet, daß er jenseits der Schwelle etwas antreffen solle was ähnlich ist dem, was hier in der physischen Sinneswelt ist, der erwartet ja nur eine andere physische Sinneswelt jenseits der Schwelle. Wenn dort Geist sein soll, dann kann nicht die physische Sinneswelt dort sein. Was wir dort erleben, werden solche Kräfte sein, die fortwährend die Neigung haben, die physische Sinneswelt zu zerstören. Und das erfahren wir gründlich, wenn wir bewußt die Schwelle überschreiten. Wir erfahren gründlich, daß wir in dieser geistigen Welt dasjenige finden, das fortwährend die Neigung hat, die physische Welt zu zerstören. Würde der Mensch nun unvorbereitet, unbehütet, diese Schwelle überschreiten, dann würde es ihm — wenn ich mich jetzt trivial ausdrücken darf — in dieser Welt außerordentlich gefallen. Gerade niedrige Instinkte würden zunächst außerordentlich befriedigt werden, und der Mensch würde in der Welt, in die er zunächst eintritt, zusammenwachsen mit der Welt der zerstörenden Kräfte, und er würde ein Verbündeter werden dieser zerstörenden Kräfte. Er würde nicht ein Mitarbeiter werden wollen an dem, was als physische Welt uns umgibt. Man muß zuerst liebgewinnen diese physische Welt als auch eine weisheitsvolle, damit man gut vorbereitet ist, in die geistige Welt eintreten zu können. Man muß gewissermaßen, bevor man an die Seite der Schöpfer treten darf, die Schöpfung liebgewonnen haben, und man muß gründlich verstanden haben, daß die Welt, wie sie geschaffen ist, nicht sinnlos von den göttlichen schöpferischen Mächten hervorgerufen worden ist. Man muß den Sinn des Erdenlebens ergründet haben, wenn man gut vorbereitet in die geistige Welt eintreten will, sonst würde man jeden Morgen beim Aufwachen mit einem furchtbaren Haß auf die Sinneswelt zurückkommen, mit dem Trieb, diese Sinneswelt zu zerstören. Einfach durch die Notwendigkeit des menschlichen Daseins würde der Mensch mit Haß und Zorn aufwachen, wenn er die Zeit vom Einschlafen bis zum Aufwachen in einem solchen Bewußtseinszustande verbringen würde.
[ 12 ] Sie können das noch verfolgen, wenn Sie unbefangen den Traum anschauen. Der Traum hat furchtbar zerstörende Kräfte in sich. Was Sie da herauftragen als 'Traumbilder, es zerstört ja alle Logik. Der Traum sagt: Nichts, aus mit der Logik, die Logik will ich nicht haben. Die Logik ist für die äußere Sinneswelt, da ordnet die Logik rechthaberisch die Dinge. Fort mit der Logik, eine andere Weltenordnung muß da herrschen! — Das sagt der Traum, und wenn er stark genug wäre, um nicht bloß das Gehirn zu streicheln, sondern in den ganzen Menschen hinunterzutauchen, dann würde er nicht nur die logischen Instinkte, sondern auch die andern Instinkte und das emotionelle Leben ergreifen, und geradeso wie er die Logik zerstört, auch alles Leben des physischen Menschen zerstören. Der Mensch würde nicht wieder hineinwollen in seinen Leib, sondern er würde auf dem Wege hinein seinen physischen Leib langsam zerstören. Nur weil dasjenige, was im Traum lebt, überwältigt wird von dem, was aus dem Leibe ihm entgegenkommt, wird für Momente nur die Logik zerstört. Das kann man bis in die Einzelheiten verfolgen. Was im Schlafe fortdauert, das sind gerade die Kräfte, die dem rhythmischen System des Menschen angehören. Die Atmung dauert fort, Herzschlag, Pulsschlag dauern fort, Gedanken hören auf, der Wille hört auf. Das, was dem mittleren Menschen angehört, dauert fort, nur wird es herabgestimmt. In dem Augenblick, wo noch im Gehirn etwas schwächer der Pulsschlag lebt, da waltet der Traum herein, da macht er Miene, die Kraft des Leibes zu zerstören und die Logik, bis die Kräfte des Leibes wieder den Traum überwältigen, bis der Puls wieder stärker wird.
[ 13 ] Wenn es sich darum handelt, die Kräfte wirklich zu verstehen, da weiß Anthroposophie schon ganz gut materialistisch zu sein. Die Materialisten verstehen nicht recht, materialistisch zu sein, weil sie nicht wissen, wie das Geistige zusammenwirkt mit dem Physischen. Sie merken nirgends, wie das Geistige untertaucht und im Physischen weiter wirkt. Und es gehört zum Interessantesten, zu beobachten, wie das Geistige untertaucht, da zuerst sich geltend machen will und zerstören will das Logische. Und da entwickeln sich die Kräfte des Physischen, die Vorstellungskräfte, [diese] wirken ihm entgegen und überwältigen es. Der Traum wird unschädlich gemacht für das physische Erdenleben. Das läßt Sie, wenn Sie es richtig betrachten, tief hineinblicken in das Verhältnis von Wachen und Schlafen, denn es zeigt, wie der Mensch sich seines geistigen Ursprunges bewußt bleiben muß, daß er einerseits in den Schlaf immer zurücksinken muß, aber anderseits in der gegenwärtigen Entwickelung mit dem vollen Bewußtsein verfolgt werden muß dasjenige, was sich abspielt in dem Zustand zwischen Einschlafen und Aufwachen.
[ 14 ] Wir leben auf unserer Erde. Diese Erde ist zunächst eine physische kosmische Bildung. Es wird eine Zeit kommen, wo diese Erde dem sogenannten Wärmetod verfallen wird, wo die Erde durch das wirkliche physische Feuer gehen wird, wo die zerstörenden Kräfte die ganzen Erdenbildungen ergreifen werden, nicht nur die Leichname. Dasjenige, was diese Erde dem Feuertod entgegenführt, sind geistige Mächte, die mit der Erde verbunden sind, die man kennenlernt im ersten Stadium, das man betritt, wenn man an dem Hüter der Schwelle vorbeischreitet in die geistige Welt hinein.
[ 15 ] Betrachten wir dasjenige, was wir so gewonnen haben im Hinblick auf das Durchschreiten der Todespforte. Da wird der physische Leib vollständig abgelegt. Das Geistig-Seelische tritt jetzt so in die geistige Welt ein, daß es zunächst den Wunsch entwickelt, wieder zum physischen Leibe zurückzukehren. Und dieses Geistig-Seelische, nachdem es den physischen Leib abgelegt hat, das kann jetzt wieder zum Vorstellen kommen ohne den physischen Leib. Dieses Geistig-Seelische war einfach zunächst, während es im physischen Leibe verkörpert war, zu schwach, um die zerstörenden Kräfte zu ertragen. Jetzt, mit dem Durchschreiten der Todespforte, muß dieses Geistig-Seelische aber stark genug sein, um sich nicht mehr nach dem physischen Leibe zurückzusehnen. Da es nicht weiter bewußtlos bleibt, sondern in ein wirkliches Bewußtsein eintritt mit dem Überschreiten der Todespforte, muß es ein gewisses Gedankenleben aufnehmen, denn nur im Gedankenleben kann man wirklich voll bewußt werden. Und das ist auch der gewaltige Unterschied zwischen dem Überschreiten der Schwelle beim Einschlafen und beim Durchgang durch den Tod. Beim Einschlafen wird einfach die Gedankenwelt abgedämpft und kommt erst wieder zurück, wenn der Mensch wieder aufwachend den physischen Leib betritt. Beim Tode nimmt er [der Mensch] die Gedankenwelt ohne Vermittlung des physischen Leibes mit dem Geistig-Seelischen auf. Was ist das?
[ 16 ] Der Mensch würde niemals morgens in seinen physischen Leib zurückkehren, wenn er die geistige Welt kennen würde, mit ihr zusammengewachsen wäre und nicht den Wunsch hätte, der unbewußt in ihm sitzt, wieder zum physischen Leibe, in die physische Welt zurückzukehren. Wünsche sind aber etwas, was nicht mit dem vollen klaren Bewußtsein zusammenhängt, sondern dieses klare Bewußtsein gerade herabdämpfen und herabdämmen. Der Mensch wünscht sich, des Morgens zurückzukehren in seinen Leib, und gerade dieser Wunsch nach dem Leibe hin ist es, der ihm die Gedankenwelt abdämpft. Und so kann er erst wieder, wenn er in dem Leibe ist, das Gedankenleben finden. Im Tode sind aber die Wünsche ertötet. Der Mensch tritt ein in die Weltgedanken. Er hat als Geistig-Seelisches nun ein Gedankenleben, aber er würde in dieselbe Welt eintreten, in die er beim Einschlafen jeden Abend eintritt, wenn er wirklich unvorbereitet in den Tod eintreten würde. Man kann schon sagen, wenn man das extrem in dieser Hinsicht ausdrücken will: Wenn der Mensch unvorbereitet in den Tod eintritt, dann ist er im Grunde einer fürchterlichen Lage ausgesetzt; er ist ausgesetzt der Lage, das anzuschauen, was eigentlich mit seinem physischen Leibe geschieht. Sein physischer Leib wird zerpulvert im kosmischen Weltenzusammenhange, denn wenn man den Leib nicht verbrennt, dann verbrennt ihn der Kosmos. Und diesem müßte der Mensch zuschauen, wenn er nicht vorbereitet wäre.
[ 17 ] Was hat dies zur Folge und was hat nun zu geschehen, damit der Mensch nicht bloß die Zerstörung sieht nach dem Tode, damit er nicht bloß in zerstörenden Kräften lebt? Das hat zu geschehen, daß der Mensch durch das Aufnehmen geistiger Inhalte, durch das Bewußstsein in geistgemäßer Weltanschauung durch die Pforte des Todes eine innere Verwandtschaft mit der göttlich-geistigen Welt trägt. Wenn der Mensch nur ein Bewußtsein hat von einer physisch-materiellen Welt, dann tritt er nach dem Tode allerdings furchtbar unvorbereitet in die Welt der zerstörenden Kräfte ein wie in eine versengende Flammenwelt. Durchdringt er sich mit den Vorstellungen einer geistigen Welt, mit dem Bewußtsein von der geistigen Welt, dann wird die Flamme zu der Geburtsstätte des Geistigen nach dem Tode, dann sieht man nicht auf die Zerstörung allein hin, sondern in dem Herausfallen des irdischen Staubes aus dem menschlichen Zusammenhang sieht man sich erheben das Geistige. Und niemand darf sagen, man könne es abwarten, was geschieht, wenn der Tod eintritt, was die gewöhnliche materialistische Vorstellung so gerne sagt! Nein, man muß hindurchtragen das Bewußtsein vom Geistigen durch die Pforte, damit man das Zerstörende der Weltenkräfte, in die der Leichnam eintritt, mit dem Geistig-Seelischen überwindet und damit sich aus dem Zerstörenden das Geistig-Seelische neu schöpferisch erhebt.
[ 18 ] Das entwickele ich Ihnen aus anthroposophischer Geisteswissenschaft heraus, aber Sie alle haben gewiß gehört von jener Furcht, welche in älteren Zeiten der Mensch vor dem Tode hatte, ahnende Erkenntnis auch im Sinne der Lehre des Apostels Paulus, der ja auch davon spricht, daß der Mensch gerettet werden müsse davor, dem Tode zu verfallen mit seiner Seele. Man war sich dessen bewußt, daß man nicht nur physisch sterben kann dem Leichname nach, sondern auch der Seele nach. Von solchen Dingen redet nur der Mensch nicht gerne, daß die Seele mitsterben kann. Wenn Paulus vom Tode redet, redet er eigentlich nicht vom physischen Tode, sondern von dem, was geschehen kann, indem der physische Tod den geistseelischen Tod nach sich ziehen möchte. Dessen muß der Mensch sich wieder bewußt werden, daß er etwas tun muß im physisch-sinnlichen Leben, um sein Bewußtsein mit dem Seelisch-Geistigen zu verbinden, damit er etwas durch den Tod trägt, womit sich ihm das Geistige erhebt aus der verzehrenden Flamme, die immer da ist nach dem Tode.
[ 19 ] Das muß daraus hervorgehen aus solchen Zusammenhängen, daß es mit dem Leben im Weltenzusammenhange etwas furchtbar Ernstes ist. Keine Weltanschauung ist eine des Menschen werte, die nicht durch die innere Kraft zu einer moralischen Weltauffassung führt, die nicht den ganzen Ernst des Lebens vor die menschliche Seele hinstellt. Davon zu reden, daß physisch-chemische Kräfte die Erde aufgebaut haben, daß daraus Lebewesen und zuletzt der Mensch sich entwickelt haben, ist nicht nur eine einseitige Weltanschauung, das ist auch eine Weltanschauung, welche dem Leben seinen Ernst nimmt und im Grunde nur aus der Bequemlichkeit der Menschen folgt. Aus einer Weltanschauung, die die richtige Stellung zum Geiste gewinnt, folgt der Lebensernst, weil die Möglichkeit vor den Menschen sich hinstellt, verbunden zu werden mit den zerstörenden Kräften, wenn er durch die 'Todespforte geht. Dem Menschen ist durch sein physisches Leben hindurch Gelegenheit gegeben, sich in entsprechender Weise vorzubereiten, indem er behütet wird, jeden Abend beim Einschlafen die zerstörende Welt, mit der er doch verwandt ist, zu schauen, indem ihm Zeit gelassen ist, aufzunehmen dasjenige, was ihn dann durch die Todespforte so leitet, daß er dann in der zerstörenden Welt das Geistige erschauen kann. Das kann nicht genug betont werden, daß Gefühle und Empfindungen in selbstverständlicher Weise über das Leben erfolgen müssen aus einer Weltanschauung, daß eine Weltanschauung nicht eine bloß abstrakte Theorie bleiben darf, sondern etwas Lebendiges werden muß, das Gefühl und Wille ergreift. Und zu einem solchen Anschauen von der Welt muß sich die zivilisierte Menschheit wiederum hindurchringen. Dann wird sie in allem, was vergänglich ist, wiederum das Unvergängliche sehen, dann aber wird sie auch aus demjenigen, was nicht in einer feineren Weise egoistisch im Menschen sich auslebt, zu dem Ewigen, zu dem Unsterblichen vordringen.
[ 20 ] Betrachten Sie von diesem Gesichtspunkte einmal die heutige Lebenspraxis. Man muß es schon nicht übelnehmen, wenn derjenige, der die Wahrheit zu sagen hat, auch so unangenehme Dinge zu sagen hat. Betrachten wir zum Beispiel religiöse Unterweisungen. Auf was wird eigentlich dabei gebaut? Auf den Egoismus! Man spricht zu dem Menschen so, daß man ihm seine Unsterblichkeit, sein bewußtes Durchgehen durch den Tod klarmachen will, weil der Mensch über den Tod hinaus leben möchte. Diesen Wunsch hat der Mensch und ihn will man ihm befriedigen, und weil es unbequem ist, an die Erkenntnis zu appellieren, läßt man die Erkenntnis weg und beschränkt sich auf den bloßen Glauben. Aber man redet da nur zu dem menschlichen Egoismus, der sich interessiert, wie es nach dem Tode ausschaut, denn das muß er abwarten. Wie es vor der Geburt ausschaut, das interessiert ihn nicht. Das kann man nur durch Erkenntnis erfahren. Durch Erkenntnis lernt man überhaupt das Ewige kennen, das sich nicht nur über den Tod, sondern auch über die Empfängnis hinaus erstreckt.
[ 21 ] Bis in den Sprachgebrauch hinein zeigt sich, daß wir nur eine halbe Erkenntnis haben über die Ewigkeit des Menschen; wir haben nur Unsterblichkeit. Wir müßten auch das Wort «Ungeborenheit» haben. Erst wenn wir den Zusammenhang zwischen beiden erfassen, erfassen wir endgültig des Menschen Ewigkeit. Bis in die Sprache hinein hat der Mensch in unserem Zeitalter seinen Zusammenhang mit der geistigen Welt abgeschworen. Dieser Zusammenhang muß wieder gefunden werden. Ohne dieses Wiederfinden ist eine wirkliche Lebenspraxis vollständig unmöglich, und es müßte ein vollständiger Niedergang der gegenwärtigen Kultur erfolgen.
[ 22 ] Wir haben in Stuttgart die Waldorfschule gegründet mit der Waldorfschul-Pädagogik. Wenn man davon redet, knüpfen die Leute allerlei Betrachtungen daran. Jüngst sagte man: Ja, warum beachtet denn die Waldorfschul-Pädagogik so wenig die Ermüdung der Kinder? Man muß doch heute sorgfältig die Ermüdung studieren. Es gibt heute eine sogenannte experimentelle Psychologie. Man registriert, wie das Kind unzusammenhängende Worte aufsagen kann, und nach einiger Zeit konstatiert man die Ermüdung, auch durch die Folge der Lehrgegenstände, und ist sehr stolz darauf. Und nun bemerkt man: Die Waldorfschul-Pädagogik redet nicht so viel von der Ermüdung der Kinder, sie ist also nicht modern, sie beachtet das nicht. — Warum ist das so? Die Waldorfschule redet weniger von der Ermüdung, aber sie redet davon, daß die Kinder nach dem Zahnwechsel zunächst so gepflegt und erzogen werden müssen, daß man die Erziehung vorzugsweise auf das rhythmische System hin anlegen muß, daß man Künstlerisches pflegen muß, das den Rhythmus anregt, erst später das abstrakte Schreiben und dann noch später das abstrakte Lesen. Es wird nicht an den Kopf appelliert, sondern an das Künstlerische. Wer so unterrichtet wie das heute gemacht wird, wer mit den Kindern immer nur solche Dinge treibt, die an den Kopf appellieren, der muß mit der Ermüdung rechnen. Wenn man aber so erzieht, daß man vorzugsweise das Rhythmische, das Künstlerische in Anspruch nimmt, da frage ich Sie: Ermüdet denn das Herz das Leben hindurch? Das Herz muß schlagen, die Atmung muß fortdauern, und die Waldorfschul-Pädagogik braucht deshalb nicht von Ermüdung zu reden, weil sie darauf hinarbeitet, die Kinder so zu erziehen, daß sie überhaupt wenig ermüden. Die experimentelle Pädagogik ist eben zu einem System gekommen, das furchtbar ermüdet, weil sie selbst erst diese furchtbare Ermüdung heraufbeschworen hat. [Lücken in der Nachschrift.] Bei der Waldorfschul-Pädagogik wird der Zusammenhang von Leib, Seele und Geist ins Auge gefaßt und dasjenige verfolgt, was aus der geistig-seelischen Welt sich mit der Körperlichkeit verbindet und mit dem Tode sie wieder verläßt. Wenn es darauf ankommt, das Materielle zu verstehen, dann ist es gerade Anthroposophie, welche das Materielle verstehen kann.
[ 23 ] Was ist am Kinde am regsten? Gerade die Gehirntätigkeit! Von dieser strahlt die plastische Gestaltung des ganzen Leibes aus. Am regsten ist diese bis zum Zahnwechsel. Beim Zahnwechsel überträgt sich diese Bildungsfähigkeit auf das Atmungs-Herzsystem, und bis zur Geschlechtsreife hat man es mit diesem zu tun. Da kann man nur künstlerisch wirken, nicht theoretisch. Die Muskeln bilden sich so innerlich zwischen dem siebenten und vierzehnten Jahre aus, daß das dem rhythmischen System angepaßt ist. Und wenn das vierzehnte Jahr herannaht, dann erst erfaßt das Seelisch-Geistige den ganzen Menschen, und es ist interessant zu verfolgen, wie vorher die Muskeln sich gerichtet haben nach dem Herzschlag, Pulsschlag und Atmen. So fangen sie dann an, sich durch die Sehnen mit den Knochen zu befreunden, mit dem Skelett, und passen sich den äußeren Bewegungen an. Lernen Sie nur ordentlich zu beobachten, wie der junge Mensch sich ändert in diesem Lebensalter. [Lücken in der Nachschrift.] Vom Kopf geht es aus, das Seelische wächst immer weiter und weiter der Oberfläche des Menschen zu und ergreift zuletzt die Knochen, füllt dann den Menschen ganz aus und verbraucht ihn, befreundet sich immer mehr und mehr mit den Absterbekräften, bis diese Absterbekräfte im Moment des Todes den Sieg davontragen.
[ 24 ] Bis in die geringsten Einzelheiten hinein verfolgt anthroposophische Geisteswissenschaft die geistigen Prozesse, wie sie sich in das materielle Leben hinein versenken und wie das Geistig-Seelische vom Kopf aus den ganzen Menschen ergreift. Erst von solcher Erkenntnis aus wird man Menschen wieder erziehen können. Der Verstand ist nötig, damit wir die Freiheit finden können, aber er vertreibt die Sicherheit der Instinkte. Ich hatte einen Freund. Der war, als wir beide jung waren, ein ganz netter Mensch. Dann habe ich ihn wieder besucht, denn ich wurde von ihm eingeladen. Ich hatte niemals an einem Mittagsmahle teilgenommen, wo man eine Waage mit Gewichten aufgestellt hat. Da wurde eine Waage aufgetragen und er wog sich alles dasjenige, was er aß, zuerst ab! Der Intellekt hatte herausgefunden, wieviel man braucht, um den Leib zu erhalten, und das wurde dem Leibe zugeführt. Der Intellekt vertreibt die Instinkte in Kleinigkeiten, aber auch im Großen, und man muß den Weg wieder zurückfinden. Es wird wiederum die Sicherheit des Lebens, der selbstverständliche Halt des Lebens erlangt, denn man findet das zeitliche Leben gerade dadurch in der richtigen Weise, daß man den ewigen Anteil an diesem Zeitlichen findet, daß man weiß, wie dieses Ewige im Zeitlichen drinnen lebt, und das braucht unsere gegenwärtige Zivilisation.
[ 25 ] Man muß diese Dinge schon auch als Weltfragen behandeln. Man beachtet heute gar nicht, welche Gegensätze zwischen den Menschen des Westens und des Ostens vorhanden sind. Man behandelt die äußeren Fragen in äußerlicher Weise, redet auf Kongressen über den Ausgleich der schweren Lage, aber man beachtet nicht, daß Ost und West nur dann zu einem wirtschaftlichen Ausgleich kommen können, wenn sie Vertrauen zueinander haben. Die Asiaten werden niemals mit dem Westen in der richtigen Weise zusammenwirken können, wenn sie sich mit diesem nicht verstehen können. Verstehen aber kann man sich nur aus der Seele heraus. Zu dem Wirtschaften in der Welt gehört also seelisches Verständnis; dieses aber ist nur zu erringen durch Vertiefung des Seelenlebens. Deshalb sind heute die intimen Fragen des menschlichen Seelenlebens zu gleicher Zeit die großen Weltfragen. Man wird nicht eindringen in dasjenige, was die Welt heute braucht auch in den äußeren öffentlichen Angelegenheiten, wenn man sich nicht bequemen wird, hinzuhören auf das, was die Wissenschaft vom Übersinnlichen zu sagen hat, denn die Welt ist anders geworden im Laufe der Zeitentwickelung. Besonders das Menschengeschlecht ist anders geworden.
[ 26 ] Wir blicken zurück, wenn wir die Menschheitsentwickelung überschauen, zu demjenigen Ereignis, das dieser Menschheits- und Erdenentwickelung überhaupt den Sinn gibt: zum Mysterium von Golgatha. Dieses Mysterium von Golgatha war ja das Hereinkommen eines Göttlichen durch einen irdischen Leib in die Erdenverhältnisse. Der Christus ist in den Leib des Jesus von Nazareth eingetreten, um nun überhaupt mit der Erde zu wirken. Die Erde hätte zugrunde gehen müssen, verfallen müssen im Weltenzusammenhang, wenn nicht eine neue Befruchtung durch das Hereinkommen des Christus geschehen wäre. Nun wissen Sie auch, daß es vor alten Zeiten eine instinktive Wissenschaft gegeben hat, eine Urweltweisheit, doch zur Zeit des Mysteriums von Golgatha war nur noch wenig davon da in der abendländischen Zivilisation. Aber so viel noch war da, daß das Mysterium von Golgatha durch vier Jahrhunderte wenigstens noch instinktiv hat begriffen werden können. Und wer wirklich kennt, wie in den ersten Jahrhunderten der christlichen Entwickelung das Mysterium von Golgatha in seiner übersinnlichen Bedeutung aufgefaßt worden ist, der weiß, daß bis in das 4. Jahrhundert hinein die maßgebenden christlichen Lehrer von dem Hereinkommen des Christus-Sonnengeistes in den Menschen Jesus von Nazareth gewußt haben.
[ 27 ] Wer hat denn eigentlich heute noch ein lebendiges Bewußtsein, was es heißt, ob in dem Menschen Jesus von Nazareth zwei Naturen, eine göttliche und eine menschliche sind, oder nur eine? Das war aber durchaus eine Lebensfrage in den ersten christlichen Jahrhunderten, etwas, was im Leben eine Bedeutung hatte. Man hatte ein lebendiges Bewußtsein davon, wie aus den Weltenweiten sich der Christus-Geist verbunden hat mit dem Jesus. Da haben wir zwei Naturen in der einen Persönlichkeit: den Gott und den Menschen. [Lücke in der Nachschrift.]
[ 28 ] Sie werden öfters gehört haben, daß der vierte nachatlantische Zeitraum gedauert hat von 747 vor dem Mysterium von Golgatha ungefähr bis 1413 nach dem Mysterium von Golgatha. Seit dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts beginnt der eigentliche Intellektualismus. Wir schauen nun hinein in physische Kräfte, rechnen und treiben Physik, aber wir wissen nichts mehr davon, daß da draußen geistige Kräfte wirksam sind und daß da draußen wirklicher Geist vorhanden ist — was man früher gewußt hat. Aber nehmen Sie diesen Zeitraum von 747 vor Christus bis 1413 [nach Chr.]. Es ist der Zeitraum der vierten nachatlantischen Epoche. Wenn Sie 747 nehmen und dann bis 1413 gehen, so bekommen Sie, wenn Sie halbieren, einen Zeitabschnitt, der gerade in das vierte Jahrhundert nach Christus fällt, der auch zusammenfällt mit dem vollständigen Abklingen derjenigen Weisheit, die noch das Mysterium von Golgatha in spirituellem Sinne hat erfassen können [siehe Hinweis]. Nachher war es nur ein verstandesmäßiges Diskutieren. Und als dann das 15. Jahrhundert herankam, wurde der Menschenverstand für die menschliche Zivilisation Alleinherrscher. Dadurch aber wurde das, was auch eine lebendige Verbindung des Menschen mit dem Christus darstellt, immer mehr und mehr hereingezogen in das bloß materielle menschliche Denken. Und dann erlebte man im 19. Jahrhundert, wie der Christus gerade für die fortgeschrittenste Theologie ganz verlorengegangen ist, wie man es für aufgeklärt hielt, von einem bloßen «Menschen von Nazareth» zu sprechen. Wenn man das in der ganzen Schwere wiederum empfindet, muß man zu der Sehnsucht kommen, die Christus-Wesenheit wiederum zu finden. Und diese Sehnsucht, den Christus wieder finden zu können, möchte anthroposophische Weltanschauung für die großen Weltenfragen befriedigen, und dazu ist man wirklich gerade in Mitteleuropa ganz besonders vorbereitet. Sie können das aus verschiedenen Symptomen sehen.
[ 29 ] Ein großer Denker Westeuropas, Herbert Spencer, hat eine Schrift über Erziehung geschrieben, die den Materialisten sehr gefällt, und darin sagt er, alle Erziehung tauge nichts, wenn der Mensch nicht dazu erzogen werde, wiederum den Menschen zu erziehen. Wie begründet er das? Er sagt: Das Höchste, wozu es der Mensch bringen kann im Leben, ist, wiederum Menschen zu erzeugen. Also muß auch Erziehung das Höchste sein. — Das westliche Denken ist von der einen Seite her richtig. Was sagt nun ein östlicher Denker? Bei Wladimir Solowjow lebt aus dem Geiste des Ostens noch etwas sehr Altes. Für die westliche Kultur ist die Urweisheit ganz verschwunden. Im Osten hat sie sich noch als ein Gefühl erhalten. Solowjow hat noch etwas von der wirklich christlichen Weisheit. Hier in Mittel- und Westeuropa hat man nur ein Gottesbewußtsein, man hat kaum mehr ein Wissen von dem Sohne. Harnack zum Beispiel spricht von Gott so, als ob der Christus, der Sohn, gar nicht in die Evangelien gehöre, sondern nur der Vater. Nur noch das Vaterbewußtsein ist da, das Gottesbewußtsein. Und was er sagt von dem Sohn, muß von dem Vater gesagt werden. Solowjow hat eben noch etwas von dem Christus-Bewußtsein, und wenn er redet, hat man manchmal das Gefühl, als ob die alten Kirchenväter vor dem Konzil von Nicäa redeten. Solowjow hat schon ganz andere Titel über seine Abhandlungen gesetzt, so zum Beispiel eine Abhandlung «Von Freiheit, Notwendigkeit, Gnade und Sünde». Suchen Sie sich bei den westlichen Philosophen eine Abhandlung über Gnade oder Sünde, bei Spencer oder Mill oder Bergson, oder Wundt! Das gibt es im Westen nicht, ist ganz undenkbar, das taucht in diesem Zusammenhang dort gar nicht auf.
[ 30 ] Der östliche Philosoph redet noch so, und was sagt er? Ein Leben, das den Menschen gegeben wäre auf dieser Erde, das nicht streben müßte nach Vervollkommnung in der Wahrheit, das wäre kein wirkliches Menschenleben, das wäre wertlos, aber auch die Vervollkommnung in der Wahrheit wäre wertlos, wenn der Mensch nicht Anteil an der Unsterblichkeit hätte. Ein Weltbetrug wäre ein solches Leben. So redet Solowjow, der östliche Philosoph. Und dann sagt er: Die eigentliche geistige Menschenaufgabe beginnt erst dann, wenn der Mensch in das geschlechtsreife Alter eingetreten ist. [Lücke in der Nachschrift.] Der vollständige Gegensatz zu Spencer! Spencer schließt die Entwickelung ab mit der Erzeugung der Nachkommenschaft, und der östliche Philosoph beginnt sie erst da. So ist es in allen Fragen bis in die Fragen des wirtschaftlichen Lebens hinein. So redet heute der westliche Wirtschafter, ohne etwas zu verstehen von dem, was die Gefühle des östlichen Menschen sind beim Wirtschaftsleben. Wir brauchen auch in den großen Weltfragen eine welthistorische Besinnung heute, und wir müssen uns klar sein, daß das große Unglück der Menschheit im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts die große Aufforderung, die gewaltige Prüfung an die Menschheit ist zu dieser Besinnung. Es muß aus den Untergründen der Seele heraufsteigen eine ganz andere Behandlung des Lebens. Die großen Fragen des Lebens, die über Geburt und Tod hinausliegen, müssen in das gewöhnliche Menschenleben hineinspielen. Die Fragen der Gegenwart müssen von dem Lichte der Ewigkeit beleuchtet werden, sonst werden die Menschen von Kongreß zu Kongreß eilen und immer mehr und mehr ins Unglück hineinsinken.
