Alte und neue Einweihungsmethoden
Drama und Dichtung im Bewußtseins-Umschwung der Neuzeit
GA 210
26 Februar 1922, Dornach
11. Das Suchen des Zugangs zur geistigen Welt aus der modernen Seelenverfassung heraus
[ 1 ] Die beiden vorangehenden Vorträge waren Betrachtungen gewidmet, die darauf hinweisen sollten, wie jener gewaltige Umschwung, der in der ganzen Seelenverfassung der zivilisierten Menschheit mit dem 15. Jahrhundert eingetreten ist, also mit dem Übergange von dem vierten nach dem fünften nachatlantischen Zeitraum, nachgewirkt hat in bedeutenden Persönlichkeiten. Und ich darf vielleicht das, was ich in diesen beiden Betrachtungen ausgeführt habe, mit wenigen Worten einleitend heute noch einmal skizzieren. Ich habe darauf hingewiesen, wie intensiv eine Persönlichkeit wie Goethe das Nachzittern jenes Umschwunges fühlte, wie er fühlte, als sicheres Erlebnis zieht jetzt in die menschliche Seele das Verstandesmäßige, das Intellektualistische ein; wie er fühlte, man muß zurechtkommen in der Seele mit diesem Intellektualistischen, und wie er noch gewisse Ahnungen davon hatte, daß diesem Intellektualistischen vorangegangen ist ein unmittelbarer Verkehr des Menschen mit der geistigen Welt. Wenn es auch nicht so war wie in den Zeiten des alten atavistischen Hellsehens, war immerhin vorhanden eine Art Rückblick auf die Zeit, in welcher die Menschen noch, wenn sie von Erkenntnis sprachen, sich bewußt waren, daß eine solche Erkenntnis nur möglich ist, wenn man gewissermaßen aus der Welt der Sinne wegtritt, um die hinter der Sinneswelt befindlichen geistigen Wesenheiten irgendwie zu schauen.
[ 2 ] Goethe hat diese ganze Empfindungswelt seiner Seele in seine Faust-Figur gelegt. Wir sehen, wie Faust unbefriedigt ist von dem bloßen Intellektualismus, der ihm entgegengetreten ist in den vier Fakultäten:
Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und, leider, auch Theologie!
Durchaus studiert ...
[ 3 ] Das heißt: Habe den ganzen Komplex des intellektualistischen Wissens auf meine Seele geladen und stehe nun mit dem vollständigsten Zweifel da; drum hab’ ich mich der Magie ergeben.
[ 4 ] Also Goethe legt in diese Faust-Gestalt das Zurückgehen zu dem Verkehr mit der geistigen: Welt hinein wegen der Unbefriedigtheit in den intellektualistischen Wissenschaften. Das stand dem jungen Goethe ganz deutlich vor der Seele, das wollte er in seiner Faust-Figur zum Ausdrucke bringen. Und indem er dieses, sein eigenes Seelenringen, darstellen wollte, griff er dazu, als Repräsentanten dafür eben die Faust-Gestalt zu nehmen. Und ich sagte, wenn das auch bei dem historischen, mythologischen Faust nicht der Fall ist, in bezug auf das, was Goethe geschildert hat, können wir uns den Faust vorstellen als den Professor, der etwa im 16. oder auch im 17. Jahrhundert in Wittenberg gelehrt haben könnte, und der ja «an die zehen Jahr» seine Schüler kreuz und quer und grad und krumm an der Nase herumgeführt hat. Und man kann schon hinschauen, wenn man einmal diese Hypothese aufstellt, wie es da in diesem Bildungsgange ausgesehen hat, wie da vermischt war das neue Intellektualistische mit dem, was noch hinwies in die alten Zeiten, wo noch der Verkehr mit der geistigen Welt und mit den geistigen schöpferkräften für den Menschen möglich war.
[ 5 ] Nun fragte ich, ob wir außer dem, was uns in der Faust-Dichtung vorgeführt wird, etwa im weiteren Umkreis auf Wirkungen stoßen können von dem, was so jemand wie Faust gelehrt haben könnte im 15., 16., 17. Jahrhundert. Und da stießen wir denn auf Hamlet und konnten sagen: Die Gestalt, die Shakespeare aus dem Hamlet gemacht hat — den er seinerseits wiederum aus den dänischen Sagen genommen, aber umgestaltet hat —, diese Gestalt des Hamlet erscheint uns als der Schüler des Faust, als einer derjenigen, die gerade eben von solchen Persönlichkeiten, wie der Faust war, die zehn Jahre an der Nase herumgezogen worden waren. Wir sehen dann diesen Hamlet, wie er selber hineingestellt ist in den Verkehr mit der geistigen Welt, wie ihm sein Auftrag wird aus der geistigen Welt heraus, wie er fortwährend aber gestört wird durch das, was er sich durch die intellektualistische Bildung angeeignet hat. Kurz, wir sehen gewissermaßen den ganzen Übergang vom vierten in den fünften nachatlantischen Zeitraum auch an dieser Figur des Hamlet.
[ 6 ] Und ich konnte weiter sagen: Wenn man nun eingeht auf die ganze Stimmung, auf die künstlerische Gestaltung in den Shakespeareschen Dramen, in den Shakespeareschen Königsdramen, findet man da, daß in dem künstlerischen Schaffen des Dichters der Shakespeareschen Dramen selber diese Dämmerstimmung des Übergangs liegt. Ich machte dann darauf aufmerksam, wie in einer gewissen Weise gerade in Mitteleuropa Goethe und Schiller mit ihrem ganzen Seelenleben drinnengestanden haben in dem Nachzittern dieses Überganges, wie sie aber in einem gewissen Sinne nicht akzeptieren wollten, was die intellektualistische Weltanschauung seither im Leben der Menschen gestiftet hatte. Dadurch wurden sie zurückgeführt zu Shakespeare, weil sie ja bei Shakespeare die Kunst fanden, im «Hamlet», in «Macbeth» und so weiter, heranzurücken an die geistige Welt; weil sie, von da ausgehend, den Blick auf die nun schon für die intellektualistische Anschauung verborgenen geistigen Mächte werfen konnten.
[ 7 ] Goethe hat das in seinem «Götz von Berlichingen» getan, indem er gewissermaßen Partei nimmt noch für die alte Zeit des vierten nachatlantischen Zeitraumes in ihrem Nachklingen, ablehnend, was durch den Intellektualismus heraufgekommen ist. Und Schiller stellt sich geradezu mit seinen Jugenddramen, namentlich mit dem «Räuber»Drama, so hinein, daß er zwar nicht auf das Übersinnliche da hinweist, daß er ganz realistisch sein will, daß wir aber fast bis auf die Worte hin in der Charakteristik des Karl Moor durchaus das Ahrimanische finden, während wir in der Charakteristik des Franz Moor etwas nachklingen haben von dem luziferischen Element, wie es waltet in Miltons «Verlorenem Paradies». Kurz, wir sehen, trotz dem Realismus, eine Art des Zurückstrebens nach einer solchen Auffassung der Wirklichkeit, daß man in dieser Auffassung durchschimmern sieht die geistigen Mächte und die geistigen Kräfte.
[ 8 ] Ich deutete weiter an, wie im Westen Shakespeare in der Lage war, wenn ich mich so ausdrücken darf, in vollem Einklang mit seiner sozialen Umgebung künstlerisch zu schaffen. Zunächst, wenn wir das für Shakespeare charakteristischste Hamlet-Drama nehmen, sehen wir, wie er die Handlung überall ganz nahe heranrückt an die übersinnliche Welt; und ebenso in «Macbeth». Wir sehen, wie er im «König Lear» zum Beispiel diese übersinnliche Welt mehr in die menschliche Persönlichkeit hereinzieht, aber in die abnorme menschliche Persönlichkeit, in das Element des Wahnsinns. Wir sehen, wie er dann in Königsdramen zwar zur Realistik übergeht, wie aber doch eigentlich in ihnen eine einzigartige lange dramatische Entwickelungsdarstellung waltet, wie er überall das Walten von Schicksalsmächten darinnen hat, aber so, daß das alles zuletzt ausläuft in das Zeitalter der Königin Elisabeth.
[ 9 ] Man möchte sagen: Was in Shakespeares Dramen waltet, das ist ein Rückblick auf die alte Zeit, die seine Gegenwart herbeigeführt hat, aber so, daß diese Gegenwart akzeptiert wird; daß alles, was künstlerisch aus den alten Zeiten dargestellt wird, eine Art von Begreiflichmachen der Gegenwart darstellt..Man kann sagen, Shakespeare schildert die Vergangenheit, aber er schildert sie so, daß er sich in seine soziale Gegenwart des Westens so hineinstellt, daß nunmehr ein gewisser Zeitraum erreicht ist, in dem die Dinge laufen können, wie sie eben ablaufen. Wir sehen, daß eine gewisse Befriedigung eintritt gegenüber dem, was nun gekommen ist in bezug auf die äußere Welt. Der Intellektualismus in der sozialen Ordnung wird akzeptiert vom Menschen der äußeren physischen Erdenwelt, vom sozialen Menschen, während der künstlerische Mensch in Shakespeare zurückgeht und eigentlich das darstellt, was aus dem Übersinnlichen heraus das bloße Intellektualistische geschaffen hat.
[ 10 ] Wir sehen, wie das in Mitteleuropa dann eine Unmöglichkeit wird. Da können sich Goethe und Schiller, und vorher schon Lessing, nicht so in die soziale Ordnung hineinstellen, daß sie sie akzeptieren. Sie gehen alle auf Shakespeare zurück, aber auf den Shakespeare, der selber zurückgegangen ist zum Vergangenen. Sie möchten, daß das Vergangene eine andere Fortsetzung finde als die ihrer Umgebung. Shakespeare ist gewissermaßen zufrieden mit seiner Umgebung; sie sind unzufrieden mit ihrer Umgebung.
[ 11 ] Goethe schafft aus dieser geistigen Revolutionsstimmung heraus das Götz-Drama, Schiller schafft seine Jugenddramen. Wir sehen, wie hier die äußere Erdenwirklichkeit kritisiert wird und wie im Künstlerischen ein Auf- und Abwogen desjenigen wirkt, was nur in der Idee erreicht werden kann, was nur im Geiste erreicht werden kann. So daß man sagen kann: In Goethe und Schiller ist nichts vorhanden von einem Akzeptieren der Gegenwart, sondern nur, daß man sich über das, was in der äußeren sinnlichen Wirklichkeit ist, trösten muß mit dem, was aus der geistigen Welt herunterwirkt. Shakespeare leitet gewissermaßen das Übersinnliche in das Sinnliche herein. Goethe und Schiller können das Sinnliche nur akzeptieren, indem sie immer das Geistige ins Auge fassen. Man hat also in Goethes und Schillers Dramen ein Zusammenwirken des Geistigen mit dem Physischen, im Grunde genommen eine unaufgelöste Disharmonie. Und ich sagte dann: Ginge man weiter nach Osten hinüber, so würde man finden, daß das, was geistig ist, überhaupt gar nicht mehr auf der Erde ist. Der Osten von Europa hat nicht so etwas geschaffen, in das hereinspielt das Geistige, sondern der Osten sieht hinauf zu dem Geistigen; er flieht die äußeren Wirkungen und sieht hinauf zu dem Geistigen als dem Erlösenden.
[ 12 ] So konnte ich Ihnen sagen, indem ich das Ganze dann in ein Bild, in eine Imagination kleidete: Wenn wir uns Faust in Wittenberg vorstellen als Lehrer des Hamlet, dann sehen wir unten auf der Schulbank den Hamlet, zuhörend, dann zurückgehend nach dem Westen und sich in die westliche Zivilisation wieder einlebend. Wenn wir aber diejenige Wesenheit aufsuchen wollten, welche nach dem Osten hätte gehen können, nachdem sie im Auditorium des Faust zugehört hätte, so müßten wir einen Engel suchen, der von der geistigen Welt aus dem Faust zugehört hätte und dann nach dem Osten gegangen wäre. So daß alles das, was er nun vermittelt hätte, sich nicht so abgespielt hätte, wie Hamlets Taten und Handlungen sich auf dem physischen Plane abspielen, sondern das würde sich über den Menschen, in der geistigen Welt, abgespielt haben.
[ 13 ] Und ich führte dann gestern aus, wie aus dieser Stimmung heraus, gerade in der Zeit der Bekanntschaft mit Schiller, Goethe dazu gedrängt worden ist, das Wesen des Menschen wiederum heranzurükken an die geistige Welt; wie er — denn er konnte es nicht so theoretisch ausführen wie Schiller als Philosoph in seinen Ästhetischen Briefen — genötigt war, es ins Imaginative hineinzutreiben in dem «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie». Wie dann weiter Schiller dazu genötigt worden ist, das äußere Wirkliche .des Menschenlebens auch wiederum an das Geistige heranzurücken, und zwar, ich möchte sagen experimentierend, indem er im «Wallenstein» den Gestirnglauben des Wallenstein walten läßt, der wie ein Schicksal über der Persönlichkeit Wallensteins wirkt, indem er in der «Braut von Messina» ein Schicksal geradezu in Verwobenheit mit dem Sternenglauben wirken läßt. So daß also diese Persönlichkeiten genötigt waren, immer wieder und wiederum sich zurückzuwenden zu jener Zeit, in der die Menschen noch einen unmittelbaren Verkehr mit der geistigen Welt hatten.
[ 14 ] Ich habe dann gesagt, daß Goethe und Schiller doch eben in einer Zeit lebten, in der es noch nicht möglich war, aus der modernen Seelenverfassung heraus wiederum den Zugang zur geistigen Welt zu finden. Daher fand sich Goethe gedrängt, während. wahrscheinlich Schiller bei seinem philosophischen Streben, wenn er länger gelebt hätte — man sieht es aus dem «Malteserfragment» —, zweifellos, wenn er dieses Drama zu Ende geführt hätte, sich einen Blick verschafft hätte in die Art und Weise, wie gerade innerhalb eines solchen Ordens wie im Johanniter- oder Malteserorden oder im Templerorden, wie da die geistigen Welten mitgewirkt haben in den Taten der Menschen. Aber es war eben Schiller nicht gegönnt, seine «Malteser» als fertiges Drama vor die Welt hinzustellen; er ist zu früh gestorben. Goethe hingegen konnte nicht bis zu einem wirklichen Ergreifen der geistigen Welt vorrücken, daher wandte er sich zurück. Und wir können sagen: Allerdings in wesentlich metamorphosierter Umgestaltung ist Goethe doch zurückgegangen zu dem katholischen Symbolismus, zu dem katholischen Kultus, zu dem Bildkultus. So daß wir förmlich an die Theophiluslegende der guten Nonne Hrosvitha aus dem 9. Jahrhundert erinnert werden, wenn auch Goethe Faust zuletzt in einem christianisierenden Tableau erlöst sein läßt. Man möchte sagen, man spürt noch — wenn auch allerdings mit Goetheschem grandios-künstlerischem Sinn ausgestaltet — in dem: «Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan!» das Hinaufziehen des Theophilus aus dem 9. Jahrhundert durch die Jungfrau Maria.
[ 15 ] Wenn man diese Dinge überblickt, dann sieht man tief hinein, wie unter dem Intellektualismus gerungen wird, unter jenem Intellektualismus, der den Menschen innerlich den Gedankenleichnam erleben läßt dessen, was der Mensch ist, bevor er durch die Geburt beziehungsweise durch die Konzeption heruntersteigt in sein physisches Erdenleben. Was als Gedanke in uns lebt, wenn wir es nicht befruchten durch die Erkenntnisse der Geisteswissenschaft, ist ja bloß ein Geistesleichnam. Was wir geistig eigentlich sind bis zum Erdenleben hin, das stirbt, indem es in den Leib einzieht, und den Leichnam davon tragen wir in uns. Es ist unsere irdische Gedankenkraft, die Gedankenkraft unseres gewöhnlichen Bewußtseins.
[ 16 ] Wie kommt das wieder zum Leben, was eigentlich tot ist in geistiger Beziehung? Das ist die große Seelenfrage, die in Goethe und Schiller lebt. Sie drücken das nicht philosophisch aus, sie haben es aber in der Empfindung. Sie richten ihre Dichtungen danach ein. Aber sie haben diese Empfindung: Da ist etwas Totes, wenn wir bloß bei dem Intellektualistischen bleiben. Wir müssen es zum Leben erwecken. Aus dieser Empfindung streben sie zurück zum Sternenglauben, zu allem Möglichen, um Geist hereinzubekommen in das, was sie darstellen wollen. Es ist schon notwendig, daß man darauf sieht, wie in solchen hervorragenden Persönlichkeiten sich eben der Weltenlauf darstellt, der hereinströmt in ihre Seelen und ihr eigenes Ringen bedeutet. Man begreift die Gegenwart nicht, wenn man nicht sieht, wie das, wonach in der Gegenwart gestrebt werden muß — ein neuerliches Erreichen der geistigen Welt —, wie das gerade das große Problem bei Goethe und bei Schiller bildete.
[ 17 ] Es ist schon so, daß mit diesem großen Umschwung im 15. Jahrhundert, der in den gewöhnlichen landläufigen Geschichtsdarstellungen einfach ganz und gar unberücksichtigt bleibt, der Mensch eine ganz andere Stellung zu sich selbst gewann. Und man muß nicht versuchen, das mit theoretischen Begriffen einzufangen. Man muß versuchen, es in den Empfindungen der Menschen zu verfolgen, wie es sich vorbereitete und wie es später dann auslief, nachdem der Umschwung sich bereits, seiner wesentlichen geistigen Kraft nach, vollzogen hat.
[ 18 ] An den entscheidenden Stellen der Geistesentwickelung wird auch maßgebend auf diese Dinge hingewiesen. Sehen Sie sich einmal an, wie uns dieses entgegentritt bei Wolfram von Eschenbach in seinem «Parzival». Sie kennen ja alle die Vorgänge des Parzival. Sie wissen, daß das Entscheidende bei Parzival in seiner ganzen Entwickelung darinnen liegt, daß er zuerst von einer Art Unterweiser die Anweisung bekommt, durch die Welt zu gehen, ohne viel zu fragen. In Gurnemanz zeigt sich uns eben ein Vertreter jener alten Weltrichtung, die durchaus den Menschen noch im Verkehr mit der geistigen Welt sieht, indem er Parzival sagt: Frage nicht; denn die Fragen kommen ja im Grunde genommen aus dem Intellekt, und vor dem Intellekt fliehen die Geister. Willst du also nahekommen der geistigen Welt, so darfst du nicht fragen.
[ 19 ] Aber die Zeit hat sich geändert, der Umschwung tritt ein. Er wird vorherverkündet: Wenn auch Parzival noch viele Jahrhunderte zurückversetzt werden muß, etwa ins 7. oder 8. Jahrhundert, ist es so, daß alles schon vorgelebt wurde im Gralstempel. Da sind gewissermaßen schon die Einrichtungen der Zukunft; da muß man fragen. Denn das ist das Wesentliche, daß die Stellung des Menschen sich jetzt mit diesem Umschwung vom vierten in den fünften nachatlantischen Zeitraum ändert, und daß man vorher nicht zu fragen brauchte, daß vorher gewissermaßen das galt, was Goethe in paradoxen Worten sagt:
Die hohe Kraft
Der Wissenschaft
Der ganzen Welt verborgen!
Und wer nicht denkt,
Dem wird sie geschenkt,
Er hat sie ohne Sorgen.
[ 20 ] Nicht fragen, denn das Denken vertreibt die Geister! Das war vorher die richtige Ordnung, im intellektualistischen Zeitalter aber muß man durch den Intellekt, nicht durch das Herabdämpfen des Denkens, die geistige Welt wiederfinden. Da muß also gerade das Entgegengesetzte eintreten, damuß man fragen! Dieser ganze Umschwung, daß im fünften nachatlantischen Zeitraum aus dem Menschen die Sehnsucht nach dem Geiste herausgeboren werden muß in Form der Fragestellung, dieser ganze Umschwung tritt uns schon bei Parzival entgegen. Aber es tritt uns bei Parzival noch etwas anderes, sehr Merkwürdiges entgegen. Das möchte ich in der folgenden Weise charakterisieren:
[ 21 ] Die Sprachen, wie wir sie heute haben, sind ja weit weg von ihrem Ursprunge. Sie haben sich eben weiterentwickelt. Wenn wir heute sprechen, so erinnern ja, ich habe das oftmals ausgeführt, die einzelnen Lautzusammenhänge nicht mehr an das, was mit diesen Lautzusammenhängen bezeichnet wird. Man muß sich erst wiederum ein feineres Sprachgefühl aneignen, um in der Sprache das zu erleben, was die Sprache bedeutet. In den Ursprachen der Menschheit war das nicht so. Da hat man gewußt, wenn man irgendeinen Lautzusammenhang hatte, wie in diesem selber dasjenige darinnen liegt, was man erlebt in dem, was er bedeutet. Heute versucht es der Dichter nachzuahmen, zum Beispiel «Und es wallet und siedet und brauset und zischt». Da haben wir in der Dichtersprache etwas von dem nachgeahmt, was draußen gesehen werden soll. Aber das ist eben alles schon abgeleitet; in jedem einzelnen Laute empfand man einstmals den innigsten Zusammenhang mit dem, was sich draußen abspielte. Heute können höchstens noch die Dialekte einen gewissen Anspruch darauf machen, daß man in den Worten der Dialekte diesen Zusammenhang mit der äußeren Wirklichkeit fühlt. Aber unserer Seele steht die Sprache doch nahe. In unserer Seele bildet die Sprache ein besonderes Element.
[ 22 ] Daß sich das als eine tiefe Empfindung in der Seele des Menschen abgeladen hat, ist wieder eine Folge des Umschwunges vom vierten in den fünften nachatlantischen Zeitraum herein, wiederum etwas, was weder Philologie noch Geschichte berücksichtigen. Daß die Menschen noch mehr in ihrer Sprache im vierten nachatlantischen Zeitraum gelebt haben, im fünften gar nicht mehr, das bedingt eine andere Stellung des Menschen zur Welt. Denken Sie einmal, wenn der Mensch noch in der Sprache, indem er redet, mitgeht mit dem Rauschen der Wellen, mit dem Donnern und mit dem Blitz und mit alledem, was da draußen ist, wenn der Mensch, indem er seine eigenen Stimmorgane in Bewegung setzt, fühlt, wie in diesen Stimmorganen nachzittert, was draußen geschieht, wie da der Mensch mit seinem Ich ganz anders verknüpft ist mit dem, was draußen in der Welt vorgeht! Und das ist es gerade, was sich immer mehr und mehr losreißt mit dem Umschwung von dem vierten in den fünften nachatlantischen Zeitraum. Das Ich wird innerlich, und die Sprache wird mit dem Ich innerlich, daher aber auch weniger signifikant, weniger das Äußere bezeichnend. Solche Dinge werden von der intellektualistisch gewordenen Erkenntnis erst recht nicht geschaut. Man denkt kaum daran, diese Dinge zu charakterisieren; aber um das, was in der Menschheit vorgeht, wiederum richtig zu verstehen, wird man sie charakterisieren müssen.
[ 23 ] Nun denken Sie sich einmal, was da entstehen kann. Stellen Sie sich recht lebhaft vor: Vierter nachatlantischer Zeitraum, fünfter nachatlantischer Zeitraum — natürlich werde ich jetzt alles in Extremen zu schildern haben —, der Übergang ist kein schroffer, aber um darzustellen, muß man gewissermaßen schroff sein. Nehmen wir an, das ist der Mensch im vierten nachatlantischen Zeitraum, das im fünften nachatlantischen Zeitraum (siehe Zeichnung). Im vierten nachatlantischen Zeitraum, wenn da die Dinge der Welt (grün) sind, dann ist der Mensch mit seinen Worten, die ich jetzt als bei ihm seiend mit diesem Rot bezeichnen will, durch die Worte noch mit den Sachen zusammenhängend. Er lebt gewissermaßen sich in die Sache hinüber durch seine Worte. Im fünften nachatlantischen Zeitraum geschieht es immer mehr und mehr, daß der Mensch die Worte als etwas seelisch gewissermaßen Innerlich-Abgesondertes hat.
[ 24 ] Führen wir uns das, was da vorliegt, einmal etwas deutlich, ich möchte sagen grotesk-deutlich vor die Seele. Wenn wir den Menschen da — im vierten nachatlantischen Zeitraum — anschauen, können wir sagen: Der lebt noch mit den Dingen; die Dinge draußen in der Welt, die er selber tut, die werden daher nach seinen Worten vor sich gehen. Wenn man so einen Menschen handeln sieht und zugleich hört, wie er seine Handlungen bezeichnet, dann stimmt das zusammen. So wie seine Worte mit den äußeren Dingen zusammenstimmen, so stimmt auch das, was er tut, mit den Worten zusammen. Wenn der da — im fünften nachatlantischen Zeitraum — redet, da merkt man nicht mehr, daß seine Worte weiterklingen in dem, was er tut. Was für einen Zusammenhang mit der Tätigkeit empfinden Sie, wenn Sie heute sagen: «Ich habe Holz gehackt»? — Mit dem, was da draußen geschieht, in dem Hacken, empfindet einer ja längst nicht mehr die Bewegung der Hacke. Dadurch entfernen sich aber allmählich die Lautzusammenhänge, sie stimmen dann wirklich nicht mehr mit dem Äußeren überein. Man findet dann keinen Zusammenhang. Und wenn dann einer auf die Worte pedantisch hinhört und doch das tut, was in den Worten liegt, dann wird es ganz was anderes. Da sagt einer: «Ich backe Mäuse.» — Wenn einer nun tatsächlich Mäuse backen würde, so würde das grotesk ausschauen, so würde man das nicht verstehen.
[ 25 ] Das hat man gefühlt und hat gesagt: Der Mensch sollte einmal das, was er eigentlich in der Seele drinnen hat, im Verhältnis zu dem betrachten, was er draußen tut; das verhält sich ja gerade so, wie wenn die Eule in den Spiegel schaut! Wie wenn man der Eule den Spiegel vorhält, so würde sich das verhalten, was einer tut, der sich ganz genau nach den Worten richtet. Und aus dieser Empfindung entstand in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts der Till Eulenspiegel. Der Eulenspiegel ist das, was der Menschheit vorgehalten wird. Nicht als ob man das auf den Till Eulenspiegel selber beziehen sollte; sondern indem Till Eulenspiegel wörtlich nimmt, was die Menschen in den trockenen, abstrakten Worten haben, sehen sich die Menschen, während sie sich sonst nicht sehen. Er ist der Eulen-Spiegel, in dem sich die Eulen wirklich sehen können. [An die Tafel wird geschrieben: «Eule in Spiegel».]
[ 26 ] Es ist Nacht geworden. Früher haben die Menschen in die geistige Welt hineingesehen. Ihre Worte haben sie auch so getätigt, daß sie mit der Welt stimmten. Damals waren die Menschen Adler. Jetzt sind sie Eulen geworden. Die Seelenwelt ist ein Nachtvogel geworden. Und in der abenteuerlichen Welt, die der Till Eulenspiegel darstellt, wird eben der Eule der Spiegel vorgehalten.
[ 27 ] So kann man schon das, was in der geistigen Welt auftritt, betrachten. Die Dinge:haben schon ihre Hintergründe. Man lernt einfach Geschichte, und damit auch die Hauptsache in der gegenwärtigen Menschheit, nicht kennen, wenn man nicht auf die geistigen Vorgänge hinblicken kann. Insbesondere ist es wichtig, daß man all das äußerliche Charakterisieren verläßt. Ich bitte Sie, schauen Sie in irgendeinem Wörterbuch nach, was alles an Erklärungen für den Eulenspiegel gegeben wird! Man begreift das nicht, wenn man nicht in den ganzen Vorgang des Geisteslebens hineinsieht. Es kommt schon darauf an bei der Geisteswissenschaft, daß man den Geist in den Dingen wirklich entdeckt; nicht so, daß man einige außerhalb der Sinneswelt befindliche geistige Wesenheiten begrifflich weiß oder nicht, sondern es kommt darauf an, daß man sich hineinfindet in das geistige Betrachten der Wirklichkeit.
[ 28 ] Den Umschwung, der da eingetreten ist, indem die Menschen früher sich der geistigen Welt nahe gefühlt haben und nachher sich wie herausgestoßen fühlten, diesen Umschwung kann man auch sonst durchaus sehen. Ich bitte Sie, fühlen Sie einmal die ganze Tiefe des Impulses, der durch so etwas wie die Parzival-Dichtung hindurchgeht. Nehmen Sie den Parzival, wie ihm von seiner Mutter Herzeleide Narrenkleider angezogen werden, daß er nicht hineinwachsen soll in die Welt, welche die neue Welt darstellt. Er soll bei der alten Welt verbleiben. Er wächst aber doch hinein. Er wächst in die Gralswelt hinein. Er wächst also aus der sinnlichen Wirklichkeit heraus in die geistige Welt hinein. Das 17. Jahrhundert hat auch so eine Art Parzival, aber einen komischen: da ist alles ins Komische getaucht. Im intellektualistischen Zeitalter kann man, wenn man ehrlich ist, zunächst nicht den Seelenduktus aufbringen, der im Parzival waltet. Aber einen solchen Menschen, der ausziehen muß, in die Welt hinaus sich verlieren muß, und der zuletzt doch in der Einsamkeit landet, sein Seelenheil findet, den zeichnet man auch im 17. Jahrhundert, nach dem Umschwung: das ist der «Simplicissimus» des Christoffel von Grimmelshausen. Nehmen Sie nur einmal den ganzen Vorgang des «Simplicissimus». Sie müssen natürlich dabei auf die Stimmung achten — dort die reine, ich möchte sagen heilige Parzival-Stimmung, hier die humoristische, komische Stimmung. Aber nehmen Sie nun den «Simplicissimus»: der Sohn eines Bauern aus dem Spessart. Im Dreißigjährigen Kriege wird das Haus abgebrannt. Der Sohn muß fliehen, kommt zu einem Waldeinsiedler, der ihn in allerlei unterrichtet. Aber der stirbt. Da ist er nun in die Welt hinausgeworfen; er muß wandern. Er wächst hinein in all die Ereignisse, Schicksalsschläge, die eben durch den Dreißigjährigen Krieg geboten werden. Er kommt an den Hof des Gouverneurs von Hanau. Äußerlich hat er nichts gelernt, äußerlich ist er der reine Tor, aber er ist ein innerlicher Mensch bei alledem. Und weil er nun so äußerlich der reine Tor ist, sagt sich der Gouverneur von Hanau: Das ist ein Narr, der weiß nichts, das ist der Simplicissimus, das ist der allereinfältigste Mensch. Wozu soll ich ihn erziehen? Zum Hofnarren. Nun erzieht er ihn zum Hofnarren.
[ 29 ] Aber jetzt ist der äußere Mensch und der innere Mensch auseinandergezogen. Das Ich ist selbständig geworden gegenüber dem äußeren Menschen. Und das wird gerade in dem «Simplicissimus» gezeigt. Jetzt ist der äußere Mensch in der äußeren Welt der zum Hofnarren erzogene Narr, den alle für einen Narren nehmen; und der innere Mensch beim Simplicissimus, der hält alle diese, die ihn zum Narren nehmen, selbst zum Narren, denn er ist, trotzdem er gar nichts gelernt hat, viel gescheiter als die andern, die ihn zum Narren gemacht haben, denn er bringt die andere Intellektualität, die aus dem Geistigen kommt, aus sich heraus, und die Intellektualität, die bloß aus dem Verstande kommt, die tritt ihm in dem Äußerlichen entgegen. Und nun nehmen ihn die Intellektualisten als Narren, und er, der Narr, bringt den Intellektualismus aus der geistigen Welt und hält die andern nun zum Narren, die ihn zum Narren machen wollen. Dann wird er von Kroaten gefangengenommen, abenteuert in der Welt herum, und zuletzt mündet er wiederum in der Einsiedelei ein, um seinem Seelenheile zu leben.
[ 30 ] Ja, schon Wilhelm Scherer hat die Ähnlichkeit des Simplicissimus mit dem Parzival erkannt, aber es kommt auf den Stimmungsunterschied an. Es kommt darauf an, daß das, was noch ganz in die Gemütsseele getaucht war im Parzival, heraufgekommen ist in die Bewußtseinsseele, daß der kaustische Verstand wirkt, daß das Komische, das ja nur im kaustischen Verstand seinen Ursprung haben kann, da wirkt. Wenn man aber ein Gefühl hat für diesen Stimmungsumschwung, dann wird man gerade in solchen Produktionen, die wirklich nicht bloß aus Einzelnen hervorgehen, sehen, was eigentlich in der Menschheitsentwickelung geschehen ist. Und Christoffel von Grimmelshausen hat eben einfach die ganze Stimmung, die Denkweise seiner Zeit hineingeheimnißt in diesen «Simplicissimus» gerade so, wie, man möchte sagen, man das ganze Volk dichtend findet, um alles das zusammenzutragen, was die Seele als Eule im Spiegel sehen kann, und dadurch alle möglichen Geschichten zusammengetragen werden im Till Eulenspiegel.
[ 31 ] Es wäre schon durchaus notwendig, daß man auf alle diese Zusammenhänge einmal genauer einginge, nicht bloß, um im einzelnen diese Zusammenhänge zu charakterisieren. Ich kann Ihnen ja selbst nur einzelne Beispiele geben. Würde man das, was eigentlich gesagt werden kann, sagen, dann müßte man jahrelang über die Dinge reden. Aber darum allein handelt es sich nicht, sondern es handelt sich darum, daß man wirklich einer vergeistigten Auffassung der Dinge näherkommt, wenn man solche Dinge, die nur rein äußerlich hingestellt werden, auch in ihren geistigen Zusammenhängen kennenlernt. Und so darf man sagen: Man sieht überall, wie durch die Geistesentwickelung der Menschheit durchzittert jener gewaltige Umschwung, der da geschehen ist vom vierten in den fünften nachatlantischen Zeitraum hinein. Es ist so, daß man, wenn man nur etwas zurückgeht von der Zeitenwende, gleich dasjenige hat, was uns in allen Erscheinungen hinweist darauf, wie stark dieser Umschwung war.
[ 32 ] Man kann ja eigentlich auch nur in einem solchen Zusammenhange ganz verstehen, was in den Gestalten liegt, die das Geistesleben aus der Vergangenheit in die Gegenwart heraufgetragen hat. Nehmen Sie Lohengrin, den Sohn des Parzival. Fragen Sie sich einmal ehrlich: Ist es so ohne weiteres verständlich, daß Elsa nicht nach Namen und Geschlecht des Lohengrin fragen darf? Die Menschen nehmen das so hin; aber warum sie eigentlich nicht fragen soll, das ist etwas, worüber doch nicht intensiv genug nachgedacht wird, weil gewöhnlich die Dinge ihre zwei Seiten haben. Gewiß, man kann die Sache auch anders darstellen, aber ein Wichtiges ist in dem Folgenden enthalten:
[ 33 ] Lohengrin ist der Abgesandte des Grals, der Sohn des Parzival. Womit hat man es denn da innerhalb der Gralsgemeinschaft zu tun? Diejenigen, die um das Geheimnis des Grals wußten, die dachten über dieses Geheimnis des Grals so, daß im Gralstempel nicht bloß die auserlesenen Gralsritter sind, sondern ein jeglicher, der reinen Herzens ist und im richtigen Sinne Christ ist, zieht, so sagte man, während des Schlafens, vom Einschlafen bis zum Aufwachen, nach dem Gral hin. Geradezu als den Versammlungsort der wahrhaft christlichen Seelen während des Nachtschlafens dachte man sich den Gral. Man wollte entrückt sein dem Erdenleben. Daher mußten dem Erdenleben auch diejenigen entrückt sein, die die Gralsherrschaft leiteten. Zu ihnen gehörte Lohengrin, der Sohn des Parzival. Wer daher wirken wollte im Sinne der Gralsimpulse, der mußte sich ganz in der geistigen Welt fühlen, der mußte sich ganz fühlen als ein Angehöriger der geistigen Welt, der durfte vor allen Dingen sich nicht als ein Angehöriger der äußeren Erdenwelt fühlen. Er mußte in einem gewissen Sinne, sagen wir den Vergessenheitstrank haben.
[ 34 ] Lohengrin wird von der Gralsburg abgeschickt. Er verbindet sich mit Elsa von Brabant, also mit dem ganzen Brabantervolk. Er zieht im Gefolge Heinrichs I. gegen die Ungarn. Also er führt im Auftrage des Grals wichtige weltgeschichtliche Impulse aus. Daß er das kann, das rührt von der Kraft her, die er aus dem Gralstempel hat. Ja, wenn wir zurückgehen in den vierten nachatlantischen Zeitraum, da werden ja auch diese Dinge anders; da wirkten nicht bloß die äußerlichen, mit dem Verstande zu erfassenden Impulse, da wirkten eben geistige Impulse überall mit. Die geschichtliche Darstellung ist ja so, daß man das kaum merkt.
[ 35 ] Wir reden heute ganz richtig wiederum von Meditationsformeln, einfachen Sätzen, die durch ihre Einfachheit im Bewußtsein wirken. Ich weiß nicht, wieviel Leute heute mit dem richtigen Verständnis darauf hinschauen, wenn ihnen die Geschichte erzählt, daß diejenigen, die aufgefordert wurden, sich den Kreuzfahrern anzuschließen — und das war im vierten nachatlantischen Zeitraum —, daß die versehen wurden mit der Meditationsformel «Gott will es», und daß diese Formel eben mit einer spirituellen Gewalt wirkte. Das war gewissermaßen eine soziale Meditation, die mit dem «Gott will es» gegeben wurde. Achten Sie einmal auf solche Dinge in der Geschichte, Sie werden da schon mehr solche Dinge finden! Sie werden den Ursprung der alten Devisen finden. Sie werden finden, wie gewisse Burgengeschlechter unter solchen Devisen gerade ihre Eroberungszüge begonnen haben, wie sie mit geistigen Mitteln, mit geistigen Waffen gewirkt haben. Mit den bedeutendsten geistigen Waffen wirkten die Gralsritter, wirkte so jemand wie Lohengrin. Er konnte das nur, wenn ihm die Erinnerungen an seine äußere Abstammung, an seinen äußeren Namen, an sein äußeres Geschlecht nicht entgegentraten. Er mußte sich geradezu in eine Sphäre versetzen, wo er dem Geistigen hingegeben sein konnte und sich der Verkehr mit der Außenwelt bloß auf die sinnliche Anschauung beschränkte, nicht auf irgendwelche Erinnerungen. Er mußte unter der Wirkung des Vergessenheitstrankes seine Taten vollführen. Er durfte nichterinnert werden, in seiner Seele durfte nicht aufsteigen: Ich heiße so, ich bin aus diesem Geschlechte. — Daher darf ihn Elsa von Brabant nicht fragen. Für ihn ist das notwendig. In dem Augenblicke, wo er gefragt wird, muß er sich erinnern. Es ist genau dieselbe Wirkung auf seine Taten, wie wenn man ihm sein Schwert bräche.
[ 36 ] Wenn wir eben hinter den Zeitraum gehen, wo alles intellektualistisch geworden ist und wo nun auch die Menschen das, was vorangegangen ist, in iintellektualistische Begriffe kleiden und alles so vorstellen, als ob es gewesen wäre wie nachher, wenn wir hinter das zurückgehen, was dem intellektualistischen Zeitraume angehört, da finden wir auch im sozialen Wirken überall das Spirituelle. Und die Menschen rechneten mit dem Spirituellen, rechneten daher zum Beispiel mit Moralischem als mit Arzneimitteln.
[ 37 ] Ich möchte sehen, wie im intellektualistischen Zeitalter, wenn man nur dem Intellektualismus angehört, die Menschen das auffassen würden, wenn man in seiner Apotheke auch Moral als Arzneimittel hätte! Aber man braucht wiederum nur um ein paar Jahrhunderte hinter den Umschwung zurückzugehen. Lesen Sie den «Armen Heinrich» von Hartmann von Aue, der demselben Zeitalter angehört wie Wolfram von Eschenbach. Da steht vor Ihnen der Ritter, der reiche Ritter, der aber von Gott abgefallen ist, der in seiner Seele den Zusammenhang mit der geistigen Welt verloren hat, der daher dieses atheistische Moment, das über ihn gekommen ist, auch als physische Krankheit erlebt, als die Miselsucht, eine Art Aussatz. Die Leute meiden ihn. Kein Arzt kann ihn heilen. Er kommt zu einem gescheiten Arzt in Salerno. Der sagt ihm, physische Heilmittel gibt es für ihn nicht; das einzige Heilmittel ist, wenn sich eine reine Jungfrau für ihn töten läßt. Das Blut einer reinen Jungfrau kann ihn davon befreien. Er verkauft alle seine Güter, lebt einsam auf seinem Meierhof, wird betreut von einem Meier. Dieser Meier hat eine Tochter. Die gewinnt den aussätzigen Ritter, den Ritter mit der Miselsucht, lieb. Sie hört von dem, was allein sein Heilmittel sein könnte. Sie beschließt, für ihn zu sterben. Er begibt sich mit ihr zum Arzt von Salerno; da wird es ihm leid. Er will lieber weiter den Aussatz haben als dieses Opfer. Aber schon, daß ihr Wille zum Opfer vorhanden war, das wirkt. Er wird nach und nach geheilt. — Wir sehen das Herüberwirken des Spirituellen im geistigen Leben, wir sehen, wie moralische Impulse heilen, als heilende Wirkungen aufgefaßt wurden. Heute sagt man: Nun ja, entweder war es ein Zufall, oder es war überhaupt nicht, man erzählt so etwas nur. — Mag man über den einzelnen Fall denken, wie man will — es muß doch darauf aufmerksam gemacht werden, daß in dem Zeitalter, das dem 15. Jahrhundert vorangegangen ist, im wesentlichen noch viel stärker von Seele auf Seele gewirkt wurde als später, auch von dem, was die Seelen dachten und empfanden und wollten. Denn jene soziale Trennung zwischen Mensch und Mensch, die dann später eingetreten ist, die ist eben durchaus eine Begleiterscheinung des Intellektualismus. Und je weiter der Intellektualismus gedeiht, je weniger man sucht nach dem, was ihm entgegenwirken muß — nach dem Spirituellen — desto mehr wird der Intellektualismus die einzelnen Individualitäten auseinanderspalten.
[ 38 ] Das mußte zwar kommen; Individualismus muß sein. Aber aus dem Individualismus heraus muß das Soziale gefunden werden. Sonst besteht das «soziale Zeitalter» darin, daß die Menschen unsozial sind und deshalb nach Sozialismus schreien. Sie schreien ja am meisten nach Sozialismus, weil sie im Inneren der Seele unsozial sind. Aber dieses soziale Element, das einem in solch einer Dichtung wie «Der arme Heinrich» des Hartmann von Aue entgegentritt, das müssen wir beachten. Das tritt dann auch in geistigen Schöpfungen zutage, und in den geistigen Schöpfungen findet man es sehr deutlich in der Stimmung. Es ist in diesem «Armen Heinrich» eben eine ganz andere Stimmung vorhanden. Wir können natürlich nicht sagen, sentimental; denn sentimental ist man erst später in dem unnatürlichen Herausgehen aus dem Intellektualismus geworden. Aber es ist eine Art frommer Stimmung, eben eine Art spiritueller Stimmung darinnen. Will man später ehrlich sein in denselben Sachen, dann muß man komisch werden, dann muß man so darstellen, wie Christoffel von Grimmelshausen im «Simplicissimus» dargestellt hat, oder wie das Volk selber im «Till Eulenspiegel» dargestellt hart.
[ 39 ] Dieses Sich-herausgeworfen-Fühlen aus der Welt, das tritt uns nicht bloß in den Dichtungen eines Volkes, das tritt uns im Grunde genommen überall entgegen. Und nun sehen Sie, wie in alldem eine andere Stellung des Menschen zu sich selber liegt. Der Mensch muß wieder von einem ganz neuen Standpunkte aus die Frage aufwerfen: Ja, was bin ich denn eigentlich als Mensch? — Das zittert immer nach. Daher wird vom neuen intellektualistischen Standpunkte aus diese Frage immer wieder neu gestellt: Was ist denn das eigentlich, der Mensch? — Früher hat man sich an die geistige Welt gewendet. Da haben die Leute das ja wirklich gesucht, was der Faust vergeblich wiederum sucht. Man wendete sich an die geistige Welt, wenn man wissen wollte: Was ist eigentlich der Mensch? Weil man wußte: Außerhalb dieses physischen Erdenlebens ist ja der Mensch ein Geist. Will er also sein wahres Wesen, das er auch im physischen Erdenleben lebt, kennenlernen, dann muß er sich an die geistige Welt wenden. Aber immer mehr kommt er davon ab, sich an die geistige Welt zu wenden.
[ 40 ] Goethe läßt im «Faust» noch eine Ahnung auftauchen: Ich muß mich an die geistige Welt wenden, wenn ich ihn erkennen will, den Geist. — Aber es geht nicht. Der Erdgeist erscheint zwar, aber Faust kann diesen Erdgeist mit dem gewöhnlichen Erkennen nicht ansehen. Der Erdgeist sagt ihm: «Du gleichst dem Geist, den du begreifst, nicht mir!» Faust muß sich wegwenden, zu Wagner; in Wagner sieht er dann den Geist, den er begreift. Nicht den Erdgeist begreift er, er, [das] «Ebenbild der Gottheit». Goethe hat also noch in einem Zeitalter gelebt, wo man sich hinrang danach, aus der geistigen Welt heraus das Wesen des Menschen zu finden. Sehen Sie, was dann kommt, als Goethe gestorben war. Da wollten die Menschen ja auch wieder wissen, und zwar aus dem Intellektualismus heraus, was eigentlich der Mensch ist. Nun verfolgen Sie es weiter: Die Menschen können sich nicht an die geistige Welt wenden, um zu erfahren, was der Mensch ist. An sich selbst finden sie es auch nicht, denn die Sprache ist schon zur Seeleneule geworden. So gehen sie denn zu den Menschen, welche die alte Zeit, wenigstens äußerlich noch, darbietet. Im 19. Jahrhundert — was kommt da herauf? 1836 Jeremias Gorthelf: «Bauernspiegel»; 1839 Immermann: «Oberhof», «Drei Mühlen», «Schwarzwälder Bauerngeschichten»; 1849 George Sand: «La petite Fadette»; 1847 Grigorowitsch: «Anton der Unglückliche»; 1847–1851 Turgenjew: «Aufzeichnungen eines Jägers».
[ 41 ] Es ist die Sehnsucht, in dem einfachen Menschen das zu finden, womit man sich die Frage beantworten kann: Was ist denn eigentlich der Mensch? — Früher hat man sich an die geistige Welt gewendet; jetzt wendete man sich hinunter zu den Bauern. Im Laufe von zwei Jahrzehnten kommt über die ganze Welt hin die Sehnsucht, Dorfgeschichten zu schreiben, weil man den Menschen studieren will. Man kann ihn nicht studieren, da die Menschen eben sich selbst nicht erkennen können, höchstens wie die Eulen in den Spiegel schauen, deshalb gingen sie zu den einfachen Menschen. Das aber können Sie wiederum in allen einzelnen Zügen — von Jeremias Gotthelf bis zu Turgenjew — nachweisen, wie eigentlich alles darauf hinausgeht, den Menschen kennenzulernen. Aus unbewußten Dorfgeschichten heraus, in all den einfachen Geschichten, auch bei George Sand und so weiter, strebt es nach Menschenerkenntnis. Das geistige Leben wird eben erst durchsichtig, wenn man es von einem solchen Gesichtspunkte aus erkennt.
[ 42 ] Das ist es, was ich in diesen drei Vorträgen vor Sie habe hinstellen wollen, gewissermaßen zur Illustration des Überganges vom vierten in den fünften nachatlantischen Zeitraum. Denn es genügt.nicht, daß man diesen Übergang mit ein paar hingepfahlten Begriffen, mit abstrakten Begriffen charakterisiert — wie man es zunächst natürlich auch getan hat —, sondern es handelt sich darum, daß man die ganze Wirklichkeit geistgemäß gerade durch Anthroposophie durchschauen kann. Dafür wollte ich Ihnen in diesen Vorträgen ein Beispiel geben.
[ 43 ] Die nächsten Vorträge werde ich mir dann erlauben, anzukündigen nach meiner Rückkunft. Es beginnt ja jetzt bald der Kursus in Berlin, zu dem ich fahren muß. Nach meiner Rückkunft werde ich also diese Betrachtungen hier fortsetzen.
