Das Sonnenmysterium und das Mysterium von Tod und Auferstehung
Exoterisches und esoterisches Christentum
GA 211
21 März 1922, Bern
1. Das Menschliche Seelenleben in Schlafen, Wachen und Träumen
[ 1 ] Wir können als Menschen von den eigentlichen tieferen Seelenrätseln doch nur wissen, wenn wir das Gesamterleben des Menschen ins Auge fassen. Dieses Gesamterleben des Menschen gliedert sich ja in der Zeit, in der der Mensch seine Erdenlaufbahn durchmacht, in das Leben zwischen dem Aufwachen und dem Einschlafen, also in den gewöhnlichen wachen Tageszustand und das Leben zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen, jenes Leben, das der Mensch zubringt in einem dunklen Bewußtseinszustande, aus dem zunächst für das gewöhnliche Bewußtsein nur heraufschlagen die Wellen des Traumlebens.
[ 2 ] Es handelt sich nun darum, daß man gerade diesen Wechselzustand von Schlafen und Wachen von den verschiedensten Gesichtspunkten aus, von denen er sich betrachten läßt, auch wirklich ins Auge faßt. Wenn wir ausgehen von der gewöhnlichen Lebensbetrachtung, so können wir sagen: Es zeigt sich eben in dem Traumzustand ein Übergang vom Wachen in das Schlafen. Und prüfen wir den Verlauf des Traumlebens, so müssen wir einen bedeutsamen Unterschied machen zwischen dem Bildinhalte, sozusagen dem Vorstellungsinhalte des Träumens, und dem Verlauf des Träumens. Auch darauf habe ich ja öfters aufmerksam gemacht.
[ 3 ] Wir können dem Inhalte nach dieses oder jenes träumen. Wir müssen aber auch sehen, wie der innere Gang des Traumes ist, sagen wir, daß er mit einer gewissen Dramatik sich abspielt, daß wir gewissermaßen eine Art von Spannungszustand zunächst haben im Traume, der immer größer oder stärker und stärker wird, und daß dann eine gewisse Lösung kommt, oder auch daß sich eine solche Lösung zuletzt nicht ergibt, sondern aus der Spannung heraus das Aufwachen erfolgt. Wir müssen diesen dramatischen Vorgang unterscheiden von dem eigentlichen Inhalt des Träumens.
[ 4 ] Sagen wir zum Beispiel, wir träumten, wir machen einen Weg. Wir kommen an eine Bergeshöhle. Wir betreten die Bergeshöhle. Es wird uns immer unheimlicher und unheimlicher, weil es finsterer und finsterer wird. Endlich überfällt uns ein richtiger Angstzustand, und dann kommen wir, trotzdem wir wissen, wir müssen weitergehen, an irgendein Hindernis. Der Angstzustand wird immer größer und größer. Wir sehen, wie sich eine Spannung aufbaut. Der Inhalt, der Vorstellungsinhalt des Traumes ist aber etwas ganz anderes. Wir können zum Beispiel auch folgendes träumen: Wir sehen in der Ferne irgend etwas herankommen, was uns bedroht. Es kommt immer näher und näher, immer klarer und klarer werden uns die einzelnen Details, und damit wächst unsere Angstlichkeit, entlädt sich zuletzt in einem mächtigen Angstzustand. In bezug auf die Dramatik des Traumes ist in beiden Fällen dasselbe vorliegend: Dasjenige, was innerlich sich als Spannung aufbaut. Die Bilder, in welche sich vorstellungsgemäß der Traum einkleidet, sind etwas davon Verschiedenes.
[ 5 ] Nun werden wir, wenn wir weiter gehen, wenigstens für das meiste im Traumleben oftmals finden, daß dieses Vorstellungsgemäße des Träumens doch in irgendeiner Form herausgenommen ist aus den Erlebnissen in unserem Erdendasein. Gewiß, manches kann umgewandelt sein, manches kann sehr maskiert zum Vorschein kommen, aber wir werden in irgendeiner Weise dennoch verstehen können, wie Erdenverhältnisse, die wir durchlebt haben, sich als Bilder in den Traum hereinbegeben.
[ 6 ] Was liegt denn bei einem solchen Träumen, sagen wir, wenn es ein Träumen im Aufwachen ist, eigentlich vor? Nun, wir sind ja in der Zeit vom Einschlafen bis zum Aufwachen mit unserem seelischgeistigen Teil — wir nennen es auch den astralischen Leib und das Ich — außer unserem physischen Leib und dem Ätherleib. Wir verweilen mit unserem Ich und unserem astralischen Leib in dieser Welt, in der wir zunächst, so wie unser Bewußtsein im Erdendasein ist, nicht wahrnehmen können, weil der Astralleib und das Ich, in dem wir sind, eben etwas Unbestimmtes ist, seine Organe zur Wahrnehmung nicht ausgebildet hat. Aber deshalb geht doch fortwährend in dem, was im Schlafe außer dem physischen Leibe ist, etwas vor. Während der ganzen Zeit zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen geht eigentlich ein reicheres Leben in dem astralischen Leib und in dem Ich vor sich als während des Tagwachens. Wir können es nur nicht gewahr werden. Und dasjenige, was sich im Traume als Spannungszustände, als Entladungszustände, als Angst, vielleicht auch als Zorn, Wut und so weiter — das alles kann ja in den Traum hineinspielen in die verschiedensten Bilder kleiden kann, das geht vom Einschlafen bis zum Aufwachen mit uns vor.
[ 7 ] Wir leben eben in diesen außerleiblichen Zuständen in einer Welt, an deren Bewegungen wir teilnehmen, gerade so, wie wir an den Vorgängen der physischen Außenwelt während des Tagwachens durch unsere Sinne teilnehmen. Wenn wir nun beim Aufwachen mit unserem Seelisch-Geistigen, also mit dem astralischen Leib und dem Ich, zurückkehren in unseren physischen Leib, da ergreifen wir die Organe unseres physischen Leibes. Wir senken uns in diese Organe ein. In diesem Augenblicke werden wir wiederum fähig, eine Außenwelt wahrzunehmen, die Außenwelt der Naturreiche, Mineralien, Pflanzen, Tiere, des physischen Menschen. Diese Organe, die der physische Leib in sich gliedert, die durchsetzen wir mit unserer Seele. Dadurch stehen wir in Beziehung zu dieser Außenweit.
[ 8 ] Wenn wir nun aber nicht gleich vollständig untertauchen in unseren physischen Leib, sondern wenn wir einen Augenblick, ehe wir den ganzen physischen Leib ergreifen, den Ätherleib durchsetzen, dann kommen uns aus diesem Ätherleibe die Kräfte, welche die Bilder des 'Traumes formen. Diese Bilder trägt den Kräften nach der Ätherleib in sich. Es sind Lebensreminiszenzen, Lebenserinnerungen.
[ 9 ] Wenn wir beim Einschlafen träumen, kann es sein, daß wir unseren physischen Leib verlassen und durch irgendwelche Abnormität nicht gleich den Ätherleib verlassen. Dann leben wir ebenso, bevor wir in die völlige Bewußtlosigkeit hineingehen, in den Bildern des Ätherleibes. Aber schon beginnt jenes Gewoge des astralischen Leibes und des Ich, das sich vollzieht während des Zustandes zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen. Wir müssen also durchaus trennen die Bilder, die der Traum enthält, und den dynamischen, den Kraftverlauf des Traumes, die Dramatik des Traumes. Die beiden müssen wir streng voneinander trennen. Und wenn wir in die Lage kommen, durch Seelenübungen diese Trennung, wie ich Ihnen gerade theoretisch geschildert habe, auch praktisch auszuführen, wenn man in die Lage kommt, seinen astralischen Leib und sein Ich durch Übungen so stark zu machen, daß man nicht passiv hinunterschlüpft in den Ätherleib und dann in den physischen Leib, sondern wenn man lernt, sich jetzt außerhalb des Leibes des allgemeinen Weltenäthers zu bedienen, dann kommt man zu Wahrnehmungen, die man sonst eben nicht haben kann.
[ 10 ] Der Äther, der abgesondert ist und unseren Ätherleib bildet, ist ja nur ein Teil des allgemeinen Weltenäthers. Überall ist Äther. Wir gliedern von dem allgemeinen Äther einige Zeit vor unserer Geburt dasjenige ab, was unser Ätherleib wird; den tragen wir dann zwischen Geburt und Tod in uns. Der allgemeine Weltenäther bleibt unwahrnehmbar. Er wird nur wahrnehmbar, wenn wir in die Lage kommen, unseren astralischen Leib und unser Ich so zu verstärken, daß wir sie außerhalb des physischen Leibes, auch wenn wir nicht schlafen, halten können, daß wir aber nicht bloß solche Traumeindrücke bekommen, wie wir sie eben beim Einschlafen und sonst für das gewöhnliche Bewußtsein haben, sondern daß wir im äußerlichen Ätherischen wahrnehmen können. Dann liegt folgendes vor:
[ 11 ] Ausgebreitet ist um uns die physische Welt. Die geht uns zunächst nichts an. Sie bleibt für uns vorhanden, wenn wir richtige Übungen machen, wie Erinnerungen vorhanden bleiben. Wir überschauen sie, wir treten nicht aus ihr heraus wie der Halluzinierende, aber sie geht uns zunächst nichts an. Wir haben verstärkt unseren Astralleib und unser Ich. Wir nehmen dadurch wahr, was sich in der Ätherwelt, nicht in der physischen Welt abspielt. Und was sich nun in der Ätherwelt abspielt, das heißt, was nun wahrnehmbar wird für uns, das ist tatsächlich nichts anderes, als was Sie finden, natürlich immer teilweise nur, der Art nach wenigstens dargestellt, in meinem Buch «Geheimwissenschaft».
[ 12 ] Das ist so gesehen, daß man es schaut mit dem verstärkten astralischen Leib und Ich, die aber jetzt, statt daß sie sich der Augen, der Ohren bedienen, um physisch wahrzunehmen außer dem Leibe, eben ätherisch wahrnehmen. Dieses Ätherische stellt sich in solchen Bildern dar, die man dann eben so schildern kann, wie ich es in meiner «Geheimwissenschaft» geschildert habe.
[ 13 ] Ich möchte also sagen: Wenn man in der Lage ist, den astralischen Leib und das Ich in den leibfreien Zustand zu bringen, wie sie sonst ja jede Nacht im Schlafe auch sind, wenn man sie aber durch Übungen so verstärkt hat, daß man im Weltenäther wahrnimmt, so hat man zunächst die Welt in Imaginationen, in Bildern vor sich. Dasjenige, was man sonst nur als einen kleinen Teil der Welt im Physischen sieht, ist da so erweitert, daß man zu dem Erdendasein das Saturn-, Sonnen-, Mondendasein und so weiter darstellen kann. Das ist zunächst das erste, was möglich ist, von der Welt des Übersinnlichen wahrzunehmen.
[ 14 ] Nun aber liegt in dem überhaupt alles dasjenige, was Inhalt der imaginativen Welt werden kann. Wir kommen schon aus der Ätherwelt hinaus, wenn wir durch das, was ich schildere als leeres Bewußtsein, nun nicht mehr in Imaginationen, die da kommen, bloß leben, sondern wenn wir lernen, die Imaginationen nun auch wiederum zu vertreiben, wenn wir also in die Lage kommen, sowohl, sagen wir, eine Imagination in der Seele aufzunehmen, wie auch sie fallen zu lassen.
[ 15 ] Dadurch stellt sich ein seelischer Zustand ein, der mit vollständiger Willkür zu beherrschen ist, ein seelischer Zustand, der im Bilde lebt, dann wiederum das Bild unterdrückt, wieder im Bilde lebt, das Bild unterdrückt. Das ist der Zustand des inspirierten Erlebens der Welt. Da erlebt man aber eine Welt, die auch sonst dem Menschen nicht ganz fern liegt. Er durchlebt sie jede Nacht im traumlosen Schlafe. Er ist nur nicht in der Lage, was in ihr spielt, mit seinem Bewußtsein zu erfassen. In dieser Welt nimmt man nun nicht bloß Bilder wahr, sondern indem die Bilder auffluten, abfluten, entstehen, vergehen, indem auch im aufflutenden Bilde es still wird, im abflutenden Bilde dafür eine Art innerlichen Tönens erscheint, so daß die Welt auch in bezug auf die Wahrnehmungen mannigfaltig wird, nehmen wir in dieser inspirierten Welt schon wahr, wenn ich so sagen darf, die Handlungen, die Taten von wirklichen geistigen Wesenheiten. Bei einer solchen Schilderung, wie ich sie in der «Geheimwissenschaft» gegeben habe, läßt man ja schon hineinspielen diese Taten von geistigen Wesenheiten, obwohl im wesentlichen dort eben die Bilder des Weltenwerdens gegeben sind. Es ist aber hingewiesen auf die Wesen der höheren Hierarchien, Angeloi, Archangeloi und so weiter, welche einem in diesem Weltengewoge von entstehenden und vergehenden Imaginationen erscheinen. Ich möchte sagen, auf den Wellen, die man da erlebt im inspirierten Leben, weben zu gleicher Zeit diejenigen Wesenheiten, die die Wesenheiten der höheren Hierarchien sind.
[ 16 ] Jetzt merkt man, wie das eigene Dasein, aber jener Teil des Daseins, der eben nur eigentlich frei wird in der Zeit zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen während des physischen Erdenlebens, wie dieser wesenhafte Teil des Menschen eingegliedert ist in eine Welt übersinnlicher Wesenhaftigkeiten. Wir sind ja in der Tat zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen durchaus Angehörige dieser Welt. Als Seelen bewegen wir uns zwischen Wesenheiten.
[ 17 ] Beim imaginativen Bewußtsein ist es so, daß man eigentlich nur eine Anschauung hat von dem, was diese Wesen tun. Ich möchte sagen, die erste Stufe des übersinnlichen Bewußtseins stellt sich so dar, daß diese Wesen uns gewissermaßen ihre Bilder entwerfen. Das sind die Imaginationen. Dann kommt man dazu, daß einem nicht nur Bilder entgegengeworfen werden, sondern daß Bilder aufsteigen, abfluten, und in diesem Aufsteigen und Abfluten vollziehen sich die Taten der Wesenheiten. Aber wir sind selber darinnen jetzt in dieser Welt von geschehender Geistigkeit. Wir sind da, wenn das Bewußtsein durchschlägt, durchaus in einem Zustande, in dem wir so leibfrei sind wie sonst für das gewöhnliche Bewußtsein im traumlosen Schlaf, wir sind tatsächlich angehörig einer solchen Welt, in der geistige Taten geschehen. Diese Welt, in der geistige Taten geschehen, in die wir selber einverwoben sind, macht uns eben dasjenige klar, aus dem wir herauskommen, wenn wir zur Geburt hin auf die Erde eilen, um wiederum ein Erdendasein zu beginnen, nachdem wir eine Zeitlang in der geistig-seelischen Welt gelebt haben.
[ 18 ] Es ist im Grunde genommen der Antritt des Erdendaseins bei der Geburt das Auslöschen dieser Welt. Der Mensch kehrt ja jedesmal beim Einschlafen in diese Welt zurück, aber es ist die innere Aktivität des Astralischen und des Ich in ihm so schwach geworden im Laufe des Lebens zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, daß er genötigt ist, den tiefsten Wunsch, die tiefste Sehnsucht zu haben, daß ihm etwas zu Hilfe kommt, denn er würde im geistigen Nichtstun ersterben müssen, wenn die Geburt wiederum heranrückt und ihm nicht etwas zu Hilfe kommen würde.
[ 19 ] Nehmen wir also an, der Mensch hat sich hindurchentwickelt vom Tode an durch die geistigen Geschehnisse hindurch. Anfangs ist sein Bewußtsein sehr lebendig, erinnert sogar in den ersten Zeiten an das Erdenbewußtsein. Dann steigt er immer mehr und mehr auf, indem sein Bewußtsein eben teilnimmt an den geistigen Taten. Aber dieses Bewußtsein schwächt sich dann später ab. Der Mensch kommt, wenn die Zeit für eine Erdengeburt wiederum herannaht, in einen Zustand als seelisches Wesen, der sich nur vergleichen läßt, wenn wir ihn durch etwas, was auf der Erde da ist, charakterisieren wollen, mit jemandem, der beginnt an Gedächtnisschwund zu leiden, der also gewissermaßen schnappt nach seinen Erinnerungen und sie nicht finden kann. So schnappt der Mensch, wenn das Erdenleben wiederum herankommt, nach Realität, nach Erfülltsein mit Realität. Denn stark ist in diesem Momente sein Gefühls-, sein Willensleben, aber die Vorstellungen sind dumpf, er kommt zu keinem inneren Inhalte. Er schnappt gewissermaßen nach den Vorstellungen, die immer dumpfer und dumpfer werden, während der Wille immer mächtiger und mächtiger wird. Und dieser Wunsch, der treibt ihn nun zu der Erdenverkörperung hin, zu einem Erdenorganismus, der ihm durch die Vererbungsströmung gegeben wird. Den kann er jetzt als Werkzeug gebrauchen, der gibt ihm die Möglichkeit, wiederum zu denken, allerdings jetzt nur zu denken über eine physische Außenwelt, aber doch das Vorstellungsleben wiederum zu entfalten, das dumpf geworden ist. Durch diesen Wunsch also, wiederum denken zu können, kommt der Mensch in die physische Erdenverkörperung herein. Und da geht er durch den Schlafzustand durch, in dem er sich langsam dazu entwickelt, nun auch als geistigseelisches Wesen wiederum leben zu können, wenn er durch die Todespforte durchgeht, und eben den Kreislauf aufs neue zu beginnen.
[ 20 ] Was man nunmehr erfährt, indem man sich im leibfreien Zustand erhebt zu dieser Wahrnehmung der Welt, die einem sich in Inspiration ergibt, das ist das ganze Geheimnis eben von dem, wie der Mensch lebt in einer übersinnlichen Welt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt: wie diese übersinnliche Welt wirklich ist.
[ 21 ] Einiges davon, wie der Mensch wiederum hinkommt zu einer Erdenverkörperung, habe ich ja geschildert in dem Wiener Zyklus von 1914, «Inneres Wesen des Menschen und Leben zwischen Tod und neuer Geburt». Steigt man jetzt noch weiter auf, dann ergibt sich einem dasjenige, wovon eigentlich im gewöhnlichen Bewußtsein von den Menschen nichts gewußt wird. Wir haben im Wachzustand drei deutlich voneinander unterschiedene Seelenzustände: Denken, Fühlen, Wollen. Wir haben auch drei solche Zustände im Schlafen. Aber es wird gewöhnlich nur zwischen den zweien unterschieden, demjenigen, wo der Schlaf so dünn wird, möchte ich sagen, daß wir träumen können, dem leisesten Schlaf, und dem traumlosen Schlaf. Aber die wenigsten Menschen wissen, daß man, wenn man den leisen Schlaf der Träume vergleichen kann mit dem Denken des Wachens, und den traumlosen Schlaf mit dem Fühlen des Wachens, daß es dann noch zu einem Tiefschlaf kommt. Es wird eben verschlafen dieser Unterschied zwischen dem mittleren Schlafzustand und jenem Tiefschlaf, der sich dann mit dem Wollen des Wachzustands vergleichen läßt. Aber diesen Tiefschlafzustand gibt es auch.
[ 22 ] Manche Menschen werden ganz gewiß dazu kommen, wenigstens im Aufwachen einen gewissen Unterschied zu bemerken. Es kommt ja durchaus vor, daß der Mensch solche Nächte durchmacht, in denen er nur die zwei Schlafzustände absolviert, in denen er nur erlebt den Traumschlaf und den traumlosen Schlaf, aber nicht den tieferen Schlaf, der sich deutlich von dem bloßen traumlosen Schlaf unterscheidet. Im Aufwachen, sagte ich, werden manche Menschen schon bemerken, wenn sie manchmal aus dem Schlafe auftauchen, indem sie sich ganz wie erneut fühlen, daß sie schon aus tieferen Wesenheitsregionen heraufgehen, als das sonst der Fall ist. Es ist nötig, diesen Unterschied anzugeben, der, wie gesagt, im gewöhnlichen Bewußtsein nicht berücksichtigt wird. Das ist so: Wenn wir im Traumschlafe sind, dann leben wir eigentlich in einer Welt — wir sind ja außerhalb unseres physischen und unseres Ätherleibes —, welche durchaus sich vergleichen läßt mit jener Welt, die sich sonst unsichtbar abspielt in der Erdenumgebung, da, wo die Blüten der Pflanzen sich entfalten, in Wechselwirkung treten mit dem Sonnenlichte. Dieses Weben und Leben der blühenden Pflanzen, das entgeht ja dem gewöhnlichen Bewußtsein. Aber in diese Welt — es ist ja diejenige Welt, die am nächsten angrenzt an die gewöhnliche Tageswelt — taucht der Mensch zuerst unter. Sie ist ja auch wiederum überall, und indem er untertaucht in diese Welt, lebt er im Traumschlafe.
[ 23 ] Der tiefere, traumlose Schlaf ist dann der, in welchem der Mensch untertaucht in eine Welt, die um uns herum im Innern der Pflanzen sein würde. Wir sind durchaus in einer solchen Welt, wenn wir traumlos schlafen, wie wir wären, wenn wir als Geister in das Innere der Pflanzen kriechen könnten.
[ 24 ] Wenn wir aber in jenem tieferen Schlafe sind, der ein dritter Schlafzustand ist, dann sind wir vollständig untergetaucht in das mineralische Reich. Dann gehen auch die mineralischen Prozesse — die frühere Alchimie hat sie die Versalzungsprozesse genannt — im menschlichen Organismus am stärksten vor sich. Dann ist gewissermaßen der Mensch nicht nur dem pflanzlichen Sein, sondern er ist dem mineralischen Sein hingegeben.
[ 25 ] Dem, der bewußt eintreten kann in diese Welt, in der der Mensch sonst in diesem tiefsten Schlafzustande ist, wird wirklich klar, was im Innern der Mineralien lebt. Und wenn der Mensch in einer Welt lebt, wie die ist im Innern der Mineralien, ist ihm so, wie wenn er, während er sonst immer ein Mineral von außen anschaut, es nun von innen anschaut. Sie werden nachfühlen, daß das gesagt sein wollte in einer gewissen Schilderung des Geisterlandes in meiner «Theosophie». In dieser Schilderung des Geisterlandes werden Sie durchaus diese Umkehrung finden. Und indem der Mensch sich in diese Umkehrung hineinlebt, lebt er sich in diejenige Welt hinein, in welcher er Anteil nehmen kann nicht nur an den Taten der höheren Hierarchien, sondern an den Wesen der höheren Hierarchien, wo er die Wesen der höheren Hierarchien so kennenlernen kann, wie er hier Menschen ihren Seeleneigenschaften nach in der physischen Welt wahrnimmt. Da sind wir nicht mehr in der inspirierten Welt, da sind wir in der Welt der Intuition. Da geben wir uns nicht nur den Handlungen, den Geisthandlungen der geistigen Wesenheiten hin, sondern dem Wesen dieser Wesenheiten selber.
[ 26 ] Dann sind wir aber auch in derjenigen Welt, in welcher für uns das Karma Tatsächlichkeit wird. Der Mensch würde jedesmal, wenn er in diesen dritten Schlafzustand kommt, wenn er plötzlich bewußt werden könnte, sein Karma wahrnehmen. Er würde wahrnehmen, wie die verflossenen Erdenleben in das gegenwärtige Erdenleben hereinspielen. Der Mensch erlebt sein Karma im Tiefschlafe, und er trägt auch die Ergebnisse dieses Erlebnisses herein in den physischen Leib. Aber der physische Leib ist nicht geeignet zum Wahrnehmen von etwas Derartigem. Er hat dazu zunächst keine Organe. So, wie er die Augen zum Schauen nach außen, die Ohren zum Hören nach außen entwickelt, so müßte er nach innen Wahrnehmungsorgane entwickeln.
[ 27 ] Diese Wahrnehmungsorgane nach innen würden ihn aber, wenn er sie entwickeln würde, wenn er also körperlich nach innen schauen müßte, töten, denn der menschliche Organismus kann nicht leben, wenn er die Kräfte, die zur Bildung der Sinnesorgane führen, nach innen schickt. Würde er sie nach innen schicken, so würde er gewissermaßen mit physischen Organen sein Karma sehen können. Man kann es nur mit geistigen Organen sehen, eben im intuitiven Erkennen.
[ 28 ] Aber wir sehen daraus, daß der Mensch während seines Erdenlebens sowohl in denjenigen Kräften lebt, welche seine Umgebung bilden in der Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, die in ihm arbeiten, um ihn dann in einen physischen Erdenleib einzugliedern, wie er auch in derjenigen Welt lebt, in der sich von Erdenleben zu Erdenleben sein Schicksal abspielt. Dieses Schicksal wird uns für das gewöhnliche Bewußtsein zugehüllt, weil eben der Mensch, wenn er unvorbereitet dieses sein Schicksal wahrnehmen würde, in einen ganz besonderen Zustand kommen würde.
[ 29 ] Wenn der Mensch sein Schicksal wahrnehmen könnte, ohne daß er dazu Übungen macht — es kann ja nicht eintreten, aber ich will es hypothetisch voraussetzen —, so würde aus dieser Wahrnehmbarkeit sogleich in ihm der Wunsch entstehen, gewissermaßen nach innen hin wahrnehmende Organe auszubilden. Er würde gewissermaßen Augen und Ohren, die nach innen sehen und hören, ausbilden wollen. Das würde aber Kräfte bedeuten für seinen Organismus. Er würde nicht nur aufwachen so, wie er jetzt aufwacht, sondern er würde sich aus dem Schlafe die Kräfte mitbringen, seinen Organismus nach innen umzubilden. Das heißt, er würde seinen Organismus töten.
[ 30 ] Der menschliche Organismus ist eben so eingerichtet, daß das Geistig-Seelische, der Astralleib und das Ich, nur für einen Augenblick untertauchen können in den Ätherleib; dann müssen sie sogleich untertauchen in den physischen Leib, nachdem durch das Untertauchen in den Ätherleib’Traumbilder aufgestiegen sind. Aber auch da muß gleich der Ätherleib hergeben das, was Inhalt der Bilder ist. Da kann der Mensch nicht hereinnehmen dasjenige, was er sonst draußen erlebt. Dann muß er untertauchen in seinen physischen Leib, den er so lassen muß, wie der physische Leib ist, dem er sich hingeben muß, indem er sich entschlossen hat, ihn zu gebrauchen, als er heruntergestiegen ist aus der geistig-seelischen Welt, eben um sich eines physischen Leibes und seiner Organe zu bedienen. Dasjenige, was da jenseits der Schwelle liegt, was unwahrnehmbar ist, aber doch durchlebt wird, das ist im gewissen Sinne durchaus ein Abglanz desjenigen, was wir durchmachen zwischen dem Tod und einer neuen Geburt.
[ 31 ] Durch eine solche Betrachtung ergibt sich erst das Bild des vollständigen Menschen. Und es ergibt sich zu gleicher Zeit, daß der Mensch, so wie er im physischen Erdenleben wachend ist, geistig ein so schwaches Wesen ist, daß er im dumpfen Schlafe durch die Welt strömen würde, wenn ich so sagen darf, ohne irgend etwas wahrzunehmen, wenn er sich nicht seines physischen Leibes bediente, um wahrzunehmen. Der Mensch kann zwischen Geburt und Tod eigentlich nur so angesehen werden, daß sein Seelisches in einem dumpfen Zustande lebt und erst sich innerlich selbst erhellt, wenn es sich des Leibes bedient. Das ist die relative Berechtigung des Materialismus, der durchaus relativ berechtigt ist für das Erdenleben, denn dasjenige, was eigentlich geistig-seelisch ist, bleibt für das Erdenleben dumpf.
[ 32 ] Nun können wir fragen: Gibt es vielleicht eine Möglichkeit, noch etwas schärfer hinzuschauen auf dasjenige, was da als Geistig-Seelisches lebt und teilnimmt an der Welt, wie ich sie Ihnen beschrieben habe, teilnimmt an einer Welt flutender Bilder, abglänzender, ab- und auftönender, abtönender und wiederaufglänzender Bilder, in die sich aber auch — Sie kennen das aus meiner Beschreibung in der «Geheimwissenschaft» — hineinmischt, was sich mit Geschmackswahrnehmungen und so weiter vergleichen läßt in der physischen Welt. In dieser Welt lebt der Mensch vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Aus dieser Welt heraus kann ihm auch die Kunde werden, wenn das Bewußtsein in ihm verstärkt wird, wie sein Karma liegt, wie sein Schicksal ist, wie es sich abspielt von Erdenleben zu Erdenleben.
[ 33 ] Aber wie man genauer in diese Welt hineinsehen kann, das kann man bemerken, wenn man zunächst auf diejenigen Wesen hinschaut, die im Erdenleben im wesentlichen den astralischen Leib, nicht ein ausgesprochenes Ich im Erdenleben haben. Das sind die Tiere. Diese Tiere haben ja auch Schlafen und Wachen. Wenn man an den Tieren nun das Schlafen betrachtet, dann stellt sich folgendes heraus. Nehmen wir also ein einschlafendes Tier. Der astralische Leib bewegt sich heraus. Dieser astralische Leib, indem er sich herausbewegt aus dem Tiere, wird sogleich aufgenommen von einer Welt, die sich dann für die Wahrnehmungen darstellt als diese flutende Welt von herankommenden, wieder verschwindenden Imaginationen, von Tönungen. Dann wiederum, beim Aufwachen, zieht sich das zurück in das Tier. Aber wenn wir genauer zuschauen, so bewegt sich doch, während das Tier schläft, dieses flutende Imaginationsleben mit den Tönungen in der irdischen Luft. Von dem Momente an, wo das Tier aufwacht, bewegt sich das Seelische auf den Wellen des Atmungsprozesses, durch die Atmungsorgane im weitesten Sinne wiederum zurück in den tierischen Leib. Dann regt es die Sinne an, daß die teilnehmen an diesem Leben. Aber beim Aufwachen ist es im wesentlichen ein Hereinfluten des Seelischen, wobei die Hautatmung natürlich durchaus berücksichtigt werden muß, aber man hat den Herausgang durch die Atmungsvorgänge, und dann den Hineingang wiederum durch die Atmungsorgane. Hat man das einmal geschaut, dann beginnt man auch zu verstehen, wie der astralische Leib, wenn das Tier erst entsteht, im Embryonalleben sich mit dem Tier vereinigt. Er vereinigt sich so, daß man sagen möchte: Es ist die Umkehrung des Prozesses, bei dem der Astralleib auf den Wogen des Atems nach auswärts geht. Er geht nach innen und baut sich erst plastisch nach innen den Leib auf.
[ 34 ] Wenn Sie dies beachten, daß das Tier eigentlich seine Gestalt von seinem Atmungsorgan erhält, so werden Sie viel verstehen lernen von den Formungen des Tieres. Sehen Sie sich Tiere an, wie sie die Folge sind ihrer Atmungsorgane im weiteren Sinne. Es ist aber nur die Art, wie sich das Seelische der Tiere in sie einlebt. Vergleichen Sie, sagen wir, ein Rüsseltier mit irgendeinem Tiere, dessen Kopforgane mehr mundförmig, nicht rüsselförmig gebildet sind. Die ganze übrige Gestalt des Tieres ist darnach gebildet, und die Art und Weise, wie das Tier atmen kann, ist maßgebend für seine Gestalt. Es lebt das Seelische auf den Wogen des von dem Tier aufgenommenen Luftartigen.
[ 35 ] Wenn wir den Menschen anschauen, so tritt noch etwas anderes ein. Der Mensch hat, auch wenn er als Kind noch nicht sprechen kann, die Möglichkeit zu sprechen. Daraufhin sind seine Atmungsorgane schon zubereitet. Sie sind anders als die Atmungsorgane des Tieres. Durch diese Form der Atmungsorgane kann die Luft in einer Weise eingehen, daß nun nicht nur ein astralischer Leib, sondern ein Ich den Menschen auskleiden kann, von dem Menschen Besitz nehmen kann.
[ 36 ] Wer das durchschaut, der lernt allerdings die Wahrheit kennen: Das Tier wird von seinen Atmungsorganen im weitesten Sinne zu seiner Gestalt gebildet, der Mensch aber wird von der zur Sprache, zum Worte modifizierten Atmung zu seiner Gestalt gebildet. In dem Menschen wird das Wort im buchstäblichen Sinne Fleisch, seine Gestalt ist ein Ergebnis des Wortes. Ich habe vorhin geschildert, wie die menschlichen Seelen sich zwischen den Wesenheiten der übersinnlichen Welten bewegen. Die menschlichen Seelen gehören ja zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, diesen selben Welten an wie die höheren geistigen Wesenheiten. Wenn wir diese Menschenseelen betrachten, so ist es tatsächlich so, daß sie sich in einer Weise bewegen, die dann übergehen kann auf die Wogen der Luft, und dasselbe, was der Mensch entfaltet, wenn er spricht, diese Art der Luftbewegung, die er entfaltet, wenn er spricht, die entfaltet sich auch in seinem Einatmen, die gestaltet ihn, wenn sie in ihn hineingeht. Man kann tatsächlich, gewissermaßen auf den Luftwogen schwimmend, die menschlichen Seelen auf diese Art erblicken. Das rührt davon her, daß das Ich nicht bloß die Luft erfaßt. Bei dem Tiere ist der Astralleib da, der erfaßt die Luft, und erfaßt die Luft mit ihren Wärmezuständen. Der menschliche Astralleib erfaßt dieLuft, vermag sich auf den Wellen der Luft zu bewegen, aber er erfaßt extra die Wärme, den Wärmeäther. Indem also das Ich auf den Wellen des Wärmeäthers noch extra durch die Welt hinströmt, tingiert es die Atmung, wird von innen nach außen zur Sprache, von außen nach innen zur Menschengestalt. Erfaßt man das Konkrete des Sprachlebens, dann lernt man in dem Sprachleben, in dem kosmischen Bilden der Worte erkennen, was gestaltenbildend in den Menschen eintritt, was plastisch wirkt namentlich im Embryo und dann im Kinde, indem der Mensch sich durch innerliche Kräfte, plastisch wirkend, seine Gestalt gibt. Und dieser Zusammenhang zwischen dem Worte und der menschlichen Gestalt ist etwas, wovon man als einem durchaus Realen sprechen kann, weil man es in der Weise, wie ich es Ihnen jetzt geschildert habe, erschaut.
[ 37 ] Man kann auch noch das Folgende bemerken. Wenn Sie den einschlafenden Menschen nehmen, so bewegt sich sein astralischer Leib auf den Wogen der Luft und bleibt innerhalb des Luftraumes; sein Ich geht ins Unbestimmte fort, verschwindet gewissermaßen in den Wärmezuständen der Außenwelt. In Wärmeäther und Luft vermag schon die Seele zu leben während der Zeit, während der der Mensch zwischen dem Einschlafen und Aufwachen ist, Und so haben wir den physischen Leib des Menschen, der eigentlich ganz der Erde angehört, den Ätherleib des Menschen, der dem wässerigen, dem flüssigen Elemente der Erde angehört, der zu diesem eine besondere Beziehung hat, den Astralleib, der dem luftartigen Elemente angehört, und das Ich, das dem Wärmeelemente, dem Feuerelement angehört. Und das ist es, was man nun wiederum auch wahrnehmen kann, wenn gewissermaßen das Weltenwort einzieht in den Menschen und zusammenholt die Kräfte der Luft, der Wärme, sie verbindet mit den Kräften des Wassers und der Erde. Das alles ist ein Wechselspiel von Kräften, das dann von dem Inner-Seelischen entfaltet wird, wenn der Mensch aus der geistig-seelischen Welt heruntersteigt zu einem Erdendasein.
[ 38 ] Diese Dinge können natürlich nur innerlich angeschaut werden, aber sie können wirklich innerlich angeschaut werden. Und man möchte sagen: Es ist ja schwierig, weil die heutige Sprache eigentlich ganz für den Materialismus und für eine materialistische Weltanschauung gebildet ist, sich in den Worten der gegenwärtigen Sprachen auszudrücken, aber indem es immer mehr und mehr gelingen muß, dasjenige, was da erschaut wird, wirklich so in Worte zu kleiden, daß daraus überschaubare Gedanken sich einleben können in die menschlicheSeele, wird für jeden begreiflich werden, was mit der Einweihungswissenschaft über die höhern Welten gesagt werden kann. Es ist tatsächlich so, daß ja nur durch übersinnliche Forschung diese Dinge gefunden werden können, aber die übersinnliche Forschung ist nicht notwendig, um diese Dinge zu begreifen.
[ 39 ] Ich habe das öfters damit verglichen, daß ich sagte, man kann ein Bild ästhetisch genießend beurteilen, ohne daß man selber ein Maler ist. So kann man auch die Geisteswissenschaft, die Anthroposophie, beurteilen, ohne daß man selber ein Forscher ist, obwohl das heute bis zu einem gewissen Grade durch die Anleitungen in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und so weiter jeder werden kann, so daß er auch schon bis zur Kontrolle der geisteswissenschaftlichen Forschungsergebnisse kommen kann. Aber den eigentlichen Wert für das Leben bekommt der Inhalt der geistigen Wahrheiten nicht dadurch, daß man die Dinge erforscht, sondern dadurch, daß man sie versteht, daß man sie in sich aufnimmt.
[ 40 ] Wer nun wirklich diejenigen Ideen aufnimmt, in die wahre Geistesforschung gekleidet wird, von dem kann man sagen: Er hat schon, auch wenn er nur den gewöhnlichen gesunden Menschenverstand hat, die Möglichkeit, diese Dinge in sich aufzunehmen, so wie auch derjenige den Geschmack vom Zucker hat, der nicht die chemische Zusammensetzung des Zuckers kennengelernt hat. Dasjenige, was man vom Zucker haben soll, das hat man unabhängig davon, ob man die chemische Zusammensetzung weiß oder nicht. So ist es auch mit den übersinnlichen Wahrheiten. Das, was man von ihnen haben soll, das hat man durch die Einkleidung in die Ideenwelt, da nimmt man sie auf. Das andere ist etwas, was ja geschehen muß, um sie zu erlangen, aber was einem ebensowenig hilft, als wenn ich einem Kinde sagen würde: Ich will dir keinen Zucker geben, aber ich will dir eine Anleitung geben, damit du verstehen kannst, in welcher Weise der Zucker chemisch zusammengesetzt ist. Das Kind wäre nicht zufrieden. Ebensowenig können die Menschen zufrieden sein mit dem bloßen Forschen in die geistigen Welten hinein, sondern es muß erlebt werden die Umsetzung der geistigen Resultate in formulierbare Ideen. Denn die sind erst dasjenige, was dann unser seelisches Wesen so verlebendigen kann, daß wirklich ein Lebensinhalt entsteht durch die Ergebnisse der Anthroposophie.
[ 41 ] Wenn dann der Mensch dasjenige aufnimmt, was durch die Anthroposophie gegeben wird — er kann ja zunächst aufnehmen, sagen wir, das, was in Imagination geschildert wird —, dann tut er schon seinem gesunden Menschenverstand ein recht Gutes an, denn seine Persönlichkeit wird freier, innerlich selbständiger. Damit erlangt sie etwas, was man für die Gegenwart und die nächste Zukunft gar sehr brauchen wird. Die Menschen sind heute wirklich recht, recht abhängig von unkontrollierbaren Ideen und so weiter, die sie aufnehmen.
[ 42 ] Ich will nur daran erinnern, wie die Menschen, die heute Versammlungen politischer oder anderer Art besuchen, eigentlich bloß eine Hammelherde sind, die auf die Schlagworte, die ihnen von den Rednern entgegengebracht, entgegengeschleudert werden, hineinfallen und ihnen dann nachlaufen. In dieser Beziehung ist ja die heutige Menschheit furchtbar unselbständig. Sie ist auch unselbständig dadurch, daß sie das einmal Festgesetzte eben aufnimmt. Dadurch kommen die Menschen nach und nach überhaupt dahin, gar nicht mehr in Wirklichkeit denken zu können, sondern nur scheinbar zu denken, weil sich ihr Denken nicht mehr, ich möchte sagen, im geistigen Licht sehen lassen kann. Da erlebt man ja sonderbare Dinge.
[ 43 ] In Anknüpfung an eine Eurythmie-Vorstellung in Berlin zum Beispiel hat neulich ein geistreicher Kritiker sich folgendes geleistet, er hat gesagt: Da haben die nun zuerst ernste Stücke und nachher humoristische Stücke gegeben. Man sieht die Unmöglichkeit der Eurythmie schon daran, daß die humoristischen Stücke mit denselben Bewegungsformen gegeben sind wie die ernsten Stücke.
[ 44 ] Nun hatte man zuerst auseinandergesetzt, daß die Eurythmie eine sichtbare Sprache ist, daß es also wirklich darauf ankommt, den Inhalt, den die Eurythmie gibt, eben einfach als Sprache aufzufassen. Was wäre denn die Konsequenz desjenigen, was so ein geistreicher Kritiker da sagt? Die Konsequenz wäre, daß er sagen müßte: Wenn zum Beispiel ein Deklamator sich der gewöhnlichen Lautsprache bedient, so darf er für irgendeine, zum Beispiel die deutsche Sprache, die ernsten Gedichte nicht mit denselben Lauten vortragen, mit denen er die komischen Gedichte vorträgt. Darin müßte er ebenso einen Widerspruch finden, wie wenn bei der sichtbaren Sprache dieselben Bewegungen auftreten für die komischen und für die ernsten, für die seriösen Gedichte. Es ist also ein absoluter Unsinn. Die Leute lesen das, merken aber gar nicht, daß das gar keine Gedanken mehr sind, sondern daß das nur ein Abrollen von Gehirnprozessen ist, die sich als Gedanken zwar spiegeln, aber keine Gedanken mehr sind, es ist die absoluteste Torheit. An so etwas zeigt sich, wie die Menschen ihre innere Aktivität verloren haben. Das wirkliche Leben in Gedanken, das muß gerade dadurch kommen, daß die Menschen sich einleben in das imaginative Leben und was aus dem imaginativen Leben kommt, mit dem gesunden Menschenverstand verfolgen. Der Mensch wird dadurch aktiver, er wird wiederum im vollsten Sinne des Wortes eine Persönlichkeit.
[ 45 ] Von ganz besonderer Wichtigkeit ist es aber, sich einzulassen auf das, was aus dem inspirierten Bewußtsein heraus geoffenbart wird. Wenn man so mit dem gesunden Menschenverstand das nachlebt, was als Inspiration geschildert wird, dann verwandelt sich allmählich — ich habe das schon verschiedentlich auch in anderen Zusammenhängen angedeutet — das Wahre und Falsche in gesundes und krankes Urteil. Man hat das Gefühl bei etwas, was unwahr ist, daß es etwas Krankhaftes ist. Bei dem, was wahr ist, hat man das Gefühl: Es ist etwas Gesundes. Die Logik des Wahren und Falschen hat eigentlich nur für die physische Welt eine Bedeutung. Sobald wir uns in die geistige Welt hineinleben, empfinden wir das Wahre als ein Gesundes und das Falsche, den Irrtum, als etwas Krankes.
[ 46 ] Dadurch aber, indem wir uns im Nachstudieren der Inspirationswahrheiten den Sinn für das gesunde und kranke Urteil aneignen, bereiten wir uns den Weg, nun das Christus-Ereignis zu verstehen. Denn das Christus-Ereignis trat in die Welt aus dem Grunde ein, weil die Entwickelung der Menschheit drohte, krank zu werden. Von dem Christus-Ereignis, von dem Mysterium von Golgatha geht die Kraft aus, daß sich der Mensch wiederum zur Wahrheit, zur Gesundung hinwenden kann. Durch die inspirierten Wahrheiten erwerben wir uns wirklich wiederum die Möglichkeit, Sinn zu bekommen für die religiösen Wahrheiten, insbesondere für die Wahrheiten des Christentums, lernen wir wiederum verstehen, warum die Wesenheit des Christus als ein Heiland gefeiert wurde, als einer, der die Menschheit wirklich heilt, heilte und fortdauernd heilt. Das Wort ist wirklich in diesem Zusammenhange entstanden. Weil zur Zeit des Mysteriums von Golgatha noch die alten Hellsehereigenschaften da waren, die dann im vierten Jahrhunderte nach dem Mysterium von Golgatha verglommen sind, dann nur noch dem Begriffe nach da waren, deshalb hat man damals noch eingesehen, was das Mysterium von Golgatha bedeutet.
[ 47 ] Heute müssen wir uns erst wiederum zu diesem Einsehen durchringen. Christus hat bis zum Mysterium von Golgatha gelebt in der Welt, die wir betrachten im Traumschlaf, so daß der Christus vor dem Mysterium von Golgatha für jeden Menschen wahrnehmbar war im Traumschlafe. Aber kein Mensch durfte denken — das war etwas, was durchaus aus den Mysterienschulen heraus den Menschen klargemacht wurde —, daß dasjenige Wesen, das im Christus lebt, mit irdischen Gedanken erreichbar sein könnte, daß man es auch gefunden haben könnte im Wachzustande. Das wurde erst möglich durch das Mysterium von Golgatha, dadurch daß Christus durch den Tod gegangen ist. Seit jener Zeit darf über ihn gedacht werden als eine Wesenheit, die dem Erdenleben selber angehört. Da wurde eine reale Vorstellung für das Erdenleben der aus dem Traumlande in das physische Land herausgegangene Gott.
[ 48 ] Das ist ein realer Prozeß: Der Gott, der kennengelernt hat dasjenige, was die Götter sonst nicht kennen, der gelernt hat zu sterben, der die Sterbetatsache in sich einbezogen hat, das ist der Christus, der Gott, der eintritt in diejenige Welt, wo es Geburt und Tod gibt, das Heruntergehen des Gottes in die Menschennatur. Gott wird Mensch. Es ist dieses eben die Formel, in der ausgesprochen werden kann, was der Christus geworden ist: Für die Erde das Urbild der Menschheit, für die Erde dasjenige, durch das die Menschheit Sinn bekommt. Und wenn sich das andere vollzogen hätte, wenn in derselben Zeit, in der der Gott Mensch geworden wäre, auch ein Mensch den Drang gehabt hätte, Gott zu werden, das heißt, nicht mehr zu sterben, nicht mehr den Gesetzen des irdischen Lebens unterworfen zu sein, dann würde er natürlich, während der Gott der vollkommenste Mensch wurde, indem er herunterstieg, der elendeste Gott geworden sein. Diesen polarischen Gegensatz haben Sie! Nicht umsonst steht neben dem Christus, der auf Golgatha hinaufsteigt, der Ahasver, der Mensch, der zum Gotte wird, aber zum stümperhaften Gotte, der die Möglichkeit des Sterbens verliert, der nun durch die Welt wandelt, nicht sterben kann, der Gott, der auf dem physischen Plane bleibt, aber auf dem physischen Plane dieselben Eigentümlichkeiten entwickelt, die eigentlich nur im Traumlande entwickelt werden durften.
[ 49 ] Es ist ein Ungeheures, Geistvolles, das da vor unsere Seele hingestellt wird, daß beigegeben ist dem Gotte der Mensch, der Gott geworden ist, aber allerdings, wie es selbstverständlich ist, in einer ihn elend machenden Weise. Der Mensch, der Gott geworden ist, der erhält innerhalb der Erdenentwickelung auch das Prinzip, daß die Gottheit nicht herunterkommen soll auf den physischen Plan: das Judentum, die alttestamentliche Weltanschauung.
[ 50 ] Hier liegt ein Mysterium schon vor. Derjenige, der diese Dinge kennt, weiß: Ahasver ist eine wirkliche Wesenheit, und die AhasverSagen beruhen schon auf realen Eindrücken von Wahrnehmungen des Ahasver, die da oder dort gewesen sind, denn Ahasver ist vorhanden, und Ahasver ist der Pfleger des Judentums, nachdem das Mysterium von Golgatha da war. Es ist der Mensch, der Gott geworden ist. Wir müssen uns durchaus klar sein, daß wir zu einer vollständigen Geschichtserkenntnis auch nur dadurch kommen, daß wir das Geistige hereinbeziehen.
[ 51 ] Wir schauen auf der einen Seite nach der Menschwerdung Gottes im Ereignis von Golgatha, wir schauen nach der Gottwerdung des Menschen in dem Ahasver. Und der Eingeweihte kann wissen, daß der Ahasver wirklich herumwandelt. Man kann ihn natürlich nicht als einen Menschen sehen. Er ist ja ein Gott geworden. Aber er wandelt herum. Er ist im Erdendasein vorhanden. Und wirkliche Geschichtsdarstellungen, die die volle Realität erfassen, die machen es notwendig, daß man hinschaut auf das, was auch als geistige Realität durch das geschichtliche Werden der Menschheitsentwickelung geht.
[ 52 ] Gewiß sind viele Dinge in Bildern nur vorhanden. Es kommt ja nur darauf an, daß man weiß, daß diese Bilder Realitäten entsprechen. Es ist töricht, zu sagen, man soll sich nicht in solchen Bildern ausdrücken. Indem wir sprechen, drücken wir uns ja immer in Bildern aus. Nehmen Sie das Sanskritwort «Manas». Wer «Manas» versteht, der hat vor sich im Laut malerisch die Schale, den Mond, die Sonne tragend, weil man, indem man «Manas» aussprach in Ur-Sanskrit, den Menschen seinem Willenswesen nach fühlte wie die Schale, die dann das denkende Wesen trug. Alle Worte gehen auch auf Bilder zurück, sind nur elementarere, einfache Bilder. Dasjenige, was man durch die Worte ausdrückt, liegt ja nicht in den Worten drinnen. Wenn es nun kompliziertere Wesenhaftigkeiten gibt, die man nicht mit Worten so ausdrücken kann, muß man eben Bilder formen. Wenn man also von Ahasver spricht und von den Sagen des Ahasver, wie man sonst bei den Bildern spricht, so sind das nur kompliziertere Ausdrucksformen, die auf die geistige Seite hinweisen.
[ 53 ] Derjenige, der in diesem Sinne über Mythologie schimpft, der sollte nur auch gleich darüber schimpfen, daß die Menschen eine Sprache ausgebildet haben, durch die sie einen Inhalt ausdrücken wollen. Er sollte gebieten, daß sie stumm werden, denn die nächste Stufe nach dem, zu verbieten, daß sie eine Mythologie ausbilden, wäre, daß man dem Menschen verbietet, zu sprechen. Denn es ist ganz derselbe Vorgang des Verbildlichens in der gewöhnlichen Sprache wie beim höheren Verbildlichen, wenn man so etwas hinstellt wie den Ahasver, der als ein Wesen, aber eben als ein Geistwesen durch die Weltenentwickelung geht und fortdauernd verhindert, daß der Mensch auf die Weise, wie es in seiner Entwickelung liegt, durch den Christus wiederum zurückkehrt in die geistige Welt, aus der er herausgegangen ist, als er das atavistische Hellsehen verloren hat,
[ 54 ] Das wollte ich heute sagen, um auf der einen Seite hinzuweisen auf des Menschen wirkliches Darinnenstehen in der geistigen Welt, durch eine richtige Charakteristik des Schlaf- und Traumzustandes, und andererseits darauf, daß in der Geschichte geistige Wesenheiten leben, die erst den vollen Verlauf der Geschichte verständlich machen.
