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Das Sonnenmysterium und das Mysterium von Tod und Auferstehung
Exoterisches und esoterisches Christentum
GA 211

24 März 1922, Dornach

2. Die Drei Zustände des Nachtbewusstseins

[ 1 ] Der Wachzustand des Menschen ist ja das zunächst Bekannte, aber innerhalb dieses bekannten Gebietes enthüllen sich eigentlich nicht die Rätsel des Daseins. Würde ohne weiteres aus dem Wachzustande heraus, wie er uns für das gewöhnliche Leben und für die gewöhnliche Wissenschaft dient, die Lösung der Lebensrätsel erfolgen können, so wären sie eigentlich nicht vorhanden, denn sie würden sich fortwährend enthüllen. Der Mensch würde gar nicht dazu kommen, zu fragen. Daß der Mensch frägt: Welches sind die tieferen Gründe des Lebens? daß er, wenn er auch vielleicht nicht zu einer genauen Formulierung dieser Lebensrätselfrage kommt, doch aus den Tiefen seiner Seele heraus die Sehnsucht hat, etwas zu wissen, was sich nicht durch das gewöhnliche Bewußtsein beantwortet, das bezeugt, daß aus den Untergründen der menschlichen Seele, also auf eine mehr oder weniger unbewußte Art etwas heraufkommt, das zum Menschen gehört, das aber erst gesucht werden muß, wenn es zum klaren Bewußtsein kommen soll. Und das führt denjenigen, der das Leben weniger beobachtet, dazu, zu spekulieren, allerlei Philosophien auszubilden. Solche Philosophien bleiben dann zuletzt unbefriedigend. Wer aber mit einer gewissen Unbefangenheit auf die Erscheinungen des Lebens hinblickt, dem muß doch aufgehen, daß sich in dem anderen Zustande, der dem Wachen entgegengesetzt ist, in dem Schlafzustande, irgend etwas verhüllt, und daß aus dem Verständnis des Schlafzustandes heraus immerhin ein Verständnis des Lebens kommen könne. Wir haben ja oftmals solche Dinge besprochen; allein von den verschiedensten Gesichtspunkten aus muß immer wieder auf diese Dinge zurückgekommen werden, denn Anthroposophie läßt sich nur begreifen, wenn man sie von den verschiedensten Seiten her zu begreifen versucht.

[ 2 ] Nun wogt aus dem Schlaf heraus zunächst das Traumleben. Das Traumleben verläuft in Bildern. Man kann ja sehr bald bemerken, wenn man sich darauf verlegt, dieses Traumleben zu betrachten, daß die Bilder doch auf irgend etwas aus dem Leben, aus dem gewöhnlichen Bewußtseinsleben hinweisen. Wenn man auch oftmals sagen kann, Dinge werden geträumt, die man so nicht erlebt hat, so möchte ich sagen, die Stücke, aus denen sich der Traum zusammensetzt, die Stücke von Bildern, die sind natürlich dennoch aus dem gewöhnlichen Bewußtsein genommen. Etwas anderes aber ist die ganze Dramatik des Traumes, die Art und Weise, wie der Traum seine Spannungen aufbaut, wie er inneres Angstgefühl, inneres Freudegefühl, Schwunggefühl hervorrufen kann. Was der Verlauf der Traumbilder bedeutet, das geht schon tiefer in die menschliche Natur hinein, und man kann das sehen, wenn man etwa folgendes ins Auge faßt.

[ 3 ] Sie können träumen, Sie machen einen Weg, Sie kommen an einen Berg. Sie betreten eine Bergeshöhle. Zunächst ist es noch dämmerig. Es wird finster. Ein unbekannter Drang aber veranlaßt Sie, immer weiterzugehen. Ängstlichkeit stellt sich ein. Das alles steigert sich, bis Sie zuletzt in dem Furchtzustande stehen, sagen wir, in einen innerlichen Abgrund hineinzufallen. Sie können dann aus diesem Furchtzustande erwachen, indem dieser Furchtzustand gleichsam noch andauert beim Erwachen.

[ 4 ] Sie können aber auch träumen, Sie stünden irgendwo, sähen von ferneher einen Menschen kommen. Er kommt immer näher; aber er hat einen schrecklichen Ausdruck. Und wenn er näher kommt, bemerken Sie, er hat die Absicht, irgendeine Attacke auf Sie auszuüben. Ihre Ängstlichkeit wächst. Er kommt immer näher. Er verwandelt vielleicht das zunächst noch harmlose Instrument, das er Ihnen von ferne gezeigt hat — der Traum ist ja ein Verwandler — in ein furchtbares Mordinstrument. Die Ängstlichkeit steigert sich wiederum zur Furcht, und Sie wachen jetzt mit dieser Furcht auf, indem sich wiederum die Furcht fortsetzt ins wache Tagesleben hinein.

[ 5 ] Es sind zwei ganz verschiedene Bilder. Das eine Mal eine Bilderreihe, die Sie in das Berginnere hineinführt, das andere Mal eine Bilderreihe, die sich an einen herankommenden Feind anschließt. Die Seele kann dasselbe durchmachen, trotzdem die zwei Bilderreihen ganz verschieden sind. Was die Seele da durchmacht, das ist eben etwas ganz anderes, als was das Bewußtsein im Aufwachen erlebt. Man kann sagen, auf die Bilder kommt es überhaupt gar nicht an, sondern es kommt darauf an, wie die Seele eine gewisse innere Dramatik durchmacht: wie die Seele zunächst einen Drang hat, oder wie an die Seele etwas herankommt statt des Dranges, wie das dann aber übergeht in Ängstlichkeit, in Furcht, und dann gewissermaßen den Menschen dazu bringt, sich aufzurütteln aus dem Schlafe und in das gewöhnliche Bewußtsein überzugehen. Was da hinter dem Traume steckt an sich steigernden Kräften, die aber selber nicht wahrgenommen werden, die sich in Bilder kleiden, das ist es, worauf es ankommt. Und die beiden Bilderreihen, die ich charakterisiert habe, könnte ich noch vielfach vermehren; derselbe Seeleninhalt könnte sich in zehn, zwanzig, hundert verschiedene Bilder kleiden. Wir müssen also sagen: Da ist irgend etwas — wenn ich schematisch zeichne —, das in der Seele abläuft (blau, grün. Siehe Zeichnung Seite 46). Aber das, was da in der Seele abläuft, das merkt der Mensch nicht; er weiß es nicht. Was er weiß, das sind Bilder. Ich zeichne sie hier schematisch daran (gelb). Diese Bilder erlebt dann der Mensch in seinem Bewußtsein von dem Traume. Das aber, worauf es ankommt, das ist die Steigerung: schwache Ängstlichkeit, stärkere Ängstlichkeit, höchste Furcht. Die Traumbilder sind mehr oder weniger doch vom Leben genommen, denn sowohl der Berg, wie die Bergeshöhlung, alles ist im Grunde genommen dem Leben entlehnt. Der Feind, der sich naht, ist dem Leben entlehnt, seine Waffe ist dem Leben entlehnt. Die Bilder nehmen ihren Inhalt aus dem Leben. Aber das ist nur die Einkleidung. Wenn man nun durch das, was ich oftmals als das imaginative Bewußtsein charakterisiert habe, die Möglichkeit hat, hinter dieser Einkleidung stehenzubleiben, gar nicht solche Bilder zu bilden, sondern hier drinnen in den Kräften der Seele, die Angstlichkeit, Furcht, höchste Furcht sind, mit dem imaginativen Bewußtsein zu bleiben, wenn man also in der Lage ist, da drinnen Bilder zu formen, dann kommt etwas ganz anderes zustande.

[ 6 ] Denn, wenn Sie schlafen, sind Sie ja zunächst mit Ihrem Ich und mit Ihrem astralischen Leibe außerhalb des Ätherleibes und des physischen Leibes. Wenn Sie aufwachen, dringen Sie, wenn Normalzustände vorhanden sind, sehr schnell in Ihren Ätherleib ein — den passieren Sie ganz rasch —, dringen gleich in Ihren physischen Leib ein. Wenn Sie aber in etwas abnormem Zustande nicht gleich in den physischen Leib eindringen, sondern wenn Sie in den Ätherleib eindringen, bevor Sie in den physischen Leib eindringen, also extra in den Ätherleib eindringen, dann bilden sich diese Bilder aus dem Leben. Denn im gewöhnlichen Bewußtsein hat der Mensch eben keine Vorstellung im Schlafe selbst, und erst mit dem Moment, wo er entweder in seinen Leib eindringt und den Ätherleib passiert, bekommt er Bilder, oder wenn er beim Einschlafen aus dem physischen Leib herausgeht, aber noch etwas im Ätherleib drinnenbleibt, dann hat er wiederum Traumbilder. Also nur in diesen Zwischenzuständen bilden sich solche Traumbilder, die aus dem Leben genommen sind.

[ 7 ] Aber das imaginative Bewußtsein führt dazu, daß man ganz außerhalb des Leibes in dem leben kann, was da als Kräfte der Seele hinter dem Traume steht. Und dann lebt man in einer anderen Wirklichkeit. Dann lebt man eben in der Welt, in der der Mensch vom Einschlafen bis zum Aufwachen ist. Der Mensch lebt vom Einschlafen bis zum Aufwachen in einer Welt, in der er bewußtlos wird. Sie können sich bildlich das so vorstellen, wie wenn der Mensch untertauchen würde in Wasser und das Bewußtsein verlieren würde, und erst dann es wieder gewinnen würde, wenn das Wasser ihn herausträgt und ihn wieder freigibt. Dasselbe, was da physisch vorgeht, geht eben seelisch vor, wenn der Mensch einschläft. Er taucht unter in die geistige Welt. Da verliert er das Bewußtsein. Er geht mit seiner Seele aus dem Leibe heraus und verliert das Bewußtsein. Beim Aufwachen taucht er wieder auf und bekommt das Bewußtsein wieder. Das Auftauchen bedeutet aber das Hineingehen in den Leib. Und wenn, wie gesagt, man nicht gleich in seinen Leib hineingeht, sondern noch den Übergang im Ätherleib bemerkt, dann entstehen eben die Traumbilder. Aber wenn man jetzt sich nicht darauf einläßt und einzulassen braucht, solche Traumbilder zu bekommen, sondern wenn man ganz außerhalb des physischen Leibes in der geistigen Welt selber Bilder bekommt, dann kommen zunächst nicht beliebige Bilder heraus, sondern dann kommen solche Bilder heraus, wie Sie sie als Beschreibung der Weltentwickelung in meiner «Geheimwissenschaft» finden. Und alles, was man so darstellt, wie ich es dargestellt habe in meiner «Geheimwissenschaft», das hat zunächst diesen Ursprung, den ich Ihnen jetzt eben charakterisiere.

[ 8 ] Wenn Sie sich fragen: Was steht denn da eigentlich in dieser «Geheimwissenschaft»?, — dann werden Sie sich sagen: Nun ja, Gedanken stehen darinnen. Man kann es auch nachdenken. Ich betone es ja immer wiederum, mit dem gesunden Menschenverstand kann man das alles nachdenken. Gedanken stehen darinnen, aber es sind nicht gewöhnliche Gedanken. Es sind die Gedanken, die in der Welt draußen schöpferisch tätig sind. Der Mensch kann in diesen Gedanken leben, wenn er jenseits der Schwelle steht, die in die geistige Welt hineinführt. Der Mensch kann leben in diesen Gedanken, die an der Welt arbeiten. Es ist das erste, was er findet, wenn er in die übersinnliche Welt eintritt.

[ 9 ] Das sind also nicht Traumbilder, denn die Traumbilder kommen, wie ich Ihnen dargestellt habe, auf ganz andere Weise zustande, sondern es sind Erlebnisse in der geistigen Welt. Ich möchte sagen: Stellen Sie sich einen Menschen vor, der schläft. Während des Schlafes gehen in der Seele immer die umfassendsten, die intensivsten Prozesse vor. Der Mensch merkt nichts davon, denn er ist während des Schlafes bewußtlos. Des Morgens tritt er in seinen physischen Leib ein, sogleich taucht er darin unter. Er bedient sich seiner Augen, sieht Farben und Licht, er bedient sich seiner Ohren, hört die Töne und so weiter, also er wird bewußt. Aber es gibt diesen Zwischenzustand: er tritt nicht gleich in den physischen Leib ein, er tritt in den Ätherleib ein. Dann hat er einen Traum oder Träume. Aber denken Sie sich, der Mensch würde bewußt, bevor er auch nur in seinen Ätherleib eintritt. Er würde noch im äußeren Äther, der die ganze Welt erfüllt, bewußt. Dann wird er sich dessen bewußt, was in meiner «Geheimwissenschaft» beschrieben ist.

[ 10 ] Wenn Sie zum Beispiel mitten in der Nacht bewußt würden, ohne in Ihren physischen Leib zurückzukehren, so daß der physische Leib neben Ihnen auftaucht und Sie ihn sehen — denn Sie können ihn dann sehen —, dann nehmen Sie diese Kosmologie wahr, dann nehmen Sie das wahr, was ich in meiner «Geheimwissenschaft» beschrieben habe. Ich darf das, was ich da beschrieben habe, nennen: Bildekräfte der Welt, oder auch Weltgedanken.

[ 11 ] Das stellt sich so dar, daß man sagen kann, wie man sonst einzelne Gedanken im Tagesleben hat: Die Erde ist so und so entstanden, hat früher ein Mondendasein, ein Sonnendasein, ein Saturndasein gehabt, kurz, alles das, was ich in meiner «Geheimwissenschaft» dargestellt habe.

[ 12 ] Diese Art aber, in der geistigen Welt wahrzunehmen, ist nur eine von dreien. Wenn der Mensch auf seinen Tagesbewußtseinszustand hinschaut, so weiß er, er kann in diesem Tagesbewußtseinszustand unterscheiden Denken, Fühlen und Wollen. Aber gerade so, wie das Tagesbewußtsein diese drei Zustände hat, Denken, Fühlen und Wollen, so hat auch das Nachtbewußtsein, das ja beim gewöhnlichen Menschen Bewußtlosigkeit ist, drei Zustände. Man schläft nicht vom Einschlafen bis zum Aufwachen immer in demselben Zustande, gerade so, wie man nicht immer in demselben Zustand wacht. Man wacht, indem man denkt, oder auch, indem man fühlt, oder auch, indem man will. In drei Zuständen kann man wachen, ebenso kann man in drei Zuständen schlafen. Denn daß derjenige, der ein imaginatives Bewußtsein hat, die Weltenbildekräfte, die Bildekräfte der Welt schaut, das kommt ja nur davon her, daß er sich ein Bewußttsein davon erworben hat, eine Erkenntnis. Aber jeder Mensch schläft in diese Bildekräfte der Welt hinein, in die Weltgedanken. So wahr Sie, wenn Sie ins Wasser springen, untertauchen, so wahr tauchen Sie, wenn Sie einschlafen, zunächst unter in die Bildekräfte der Welt.

[ 13 ] Aber außer diesem Leben in den Bildekräften der Welt gibt es für den Schlafzustand ebenso noch zwei andere Zustände, wie es für das Wachen außer dem Denken noch Fühlen und Wollen gibt. Wenn wir das Denken betrachten, das Haben von Gedanken, so entspricht dem im Schlafe das Leben in den Bildekräften der Welt. Das heißt, wenn Sie sich bewußt werden des leisesten Schlafzustandes, dann leben Sie in diesem leisesten Schlafzustande in den Bildekräften der Welt. Es ist, wie wenn Sie das Weltenall von einem Ende zu dem anderen durchschwimmen würden, indem Sie durch Gedanken, die aber Kräfte sind, sich strömend bewegen. Das ist der leiseste Schlaf, wo man sich in den Gedankenkräften der Welt bewegt. Es gibt aber einen tieferen Schlaf, einen solchen Schlaf, von dem man, wenn man nicht besondere Seelenübungen macht, nichts durch Träume in das Tagesleben bringen kann. Durch Träume kann man nur von dem leisesten Schlaf etwas ins Tagesleben bringen. Dann sind aber die Träume, wie ich Ihnen dargestellt habe, als Bilder nicht maßgebend, denn derselbe Traum kann sich in die verschiedensten Bilder kleiden. Aber immerhin, der leiseste Schlaf kann zum Traume führen, das heißt man kann etwas herüberbringen ins Bewußtsein, man kann wenigstens spüren: man hat im Schlafe etwas erlebt. Aber man kann nur von diesem leisesten Schlaf spüren, daß man etwas erlebt hat.

[ 14 ] Von dem tieferen Schlaf kann nur derjenige etwas wissen, der es zum inspirierten Bewußtsein bringt. Ein solcher nimmt dann nicht mehr bloß dasjenige wahr, was ich in meiner «Geheimwissenschaft» beschrieben habe. Ich habe ja allerdings in dieser «Geheimwissenschaft» auch einiges von dem beschrieben, was aus dem inspirierten Bewußtsein herübertönt, aber wir wollen uns einmal klar machen was eben nur durch Anthroposophie beschrieben werden kann —, wie der Übergang ist im Erleben vom leisen Schlafe zu dem tieferen Schlafe, zu dem Schlafe, aus dem der Mensch im gewöhnlichen Leben keine Träume zurückbringen kann.

[ 15 ] Wenn der Schlaf so leise ist, daß man im gewöhnlichen Leben Träume zurückbringen kann, dann schaut der Mensch, der hineinblicken kann in diese Welten, die wogenden, webenden Gedankenbilder, die Imaginationen der Welt, die ihm die Weltengeheimnisse enthüllen, die ihm enthüllen, welcher Welt der Mensch angehört, außer derjenigen, in der er vom Aufwachen bis zum Einschlafen mit seinem Bewußtsein ist. Denn was ich in meiner «Geheimwissenschaft» beschrieben habe, das ist nicht etwa bloß, wie wenn man etwas aufmalt auf einer Fläche, sondern das ist in fortwährender Bewegung, in fortwährender Regsamkeit. Aber von einem bestimmten Momente an beginnen in dieser Welt, die jeder Mensch in leisem Schlafe durchlebt- er weiß nur nichts davon —, Bilder aufzutreten. Diese Bilder werden deutlich, sie erhöhen ihren Glanz, sie offenbaren gewisse dahinterliegende Wesenhaftigkeiten. Sie fluten wieder ab, diese Bilder. Man hat wiederum nichts im Bewußtsein als eine Art Gefühl, daß die Bilder hinunter abgelähmt worden sind. Dann treten wieder die Bilder auf. Aber während die Bilder regsamer werden und wiederum vergehen, tritt etwas auf, was man Sphärenharmonie nennen kann, tritt eine Art Weltenmusik auf, aber eine solche Weltenmusik, die nicht etwa bloß in Melodie und Harmonie lebt, sondern die die Taten und Handlungen jener Wesenheiten darstellt, die die geistige Welt bewohnen, die Taten der Engel, der Erzengel, der Urkräfte und so weiter.

[ 16 ] Man sieht gewissermaßen auf dem wogenden Bildermeere die Wesen sich bewegen, welche aus dem Geiste heraus die Welt dirigieren. Es ist das die Welt, die durch Inspiration wahrgenommen wird, die zweite Welt. Ich kann sie nennen die Erscheinungen der geistigen Weltwesen. Und diese Welt, diese Erscheinungswelt der geistigen Weltenwesen ist ebenso das zweite Element des Schlafens, wie das Fühlen das zweite Element des Wachens ist. So daß also der Mensch während des Schlafes nicht nur in diejenige Welt eintritt, die die Weltgedanken darstellt, sondern innerhalb dieser flutenden Weltgedanken offenbaren sich die Taten der Weltenwesen, die der geistigen Welt angehören.

[ 17 ] Nun aber gibt es außer diesen zwei Schlafzuständen noch einen dritten. Von dem dritten Schlafzustand ahnt der Mensch meistens überhaupt nichts. Daß der Mensch einen leisen Schlaf hat, das weiß er in der Regel, und er weiß auch, daß aus diesem leisen Schlafe heraus die Träume sich offenbaren. Daß er einen traumlosen Schlaf hat, das merkt er. Aber daß es noch eine dritte Gattung des Schlafes gibt, das ist etwas, was den Menschen höchstens dadurch zum Bewußtsein kommt, daß sie beim Aufwachen fühlen: es ist etwas ganz Schweres in ihnen gewesen während des Schlafes, es ist etwas, das sie erst überwinden müssen in den ersten Stunden, in denen sie wiederum wachen. Ich glaube ja ganz gewiß, daß eine Anzahl von Ihnen diesen Zustand am Morgen kennt, wo der Mensch weiß: Er hat nun doch nicht so gewöhnlich geschlafen, sondern es war etwas in ihm, was ihm eine gewisse Schwere zurückläßt, was er erst überwinden muß durch längere Zeit, wenn er am Morgen bewußt ist. Das weist dann auf eine dritte Gattung des Schlafes hin, deren Inhalt erst durch das intuitive Bewußtsein erfaßt werden kann. Und diese dritte Gattung des Schlafes, die hat überhaupt für den Menschen eine große Bedeutung.

[ 18 ] Wenn der Mensch im leisesten Schlaf ist, da macht er eigentlich sehr vieles von dem mit, was er sonst im Wachzustande durchmacht. Er nimmt noch, wenn auch in anderer Weise, an seiner Atmung teil. Er nimmt noch teil, wenn auch nicht von innen, so von außen, an seiner Blutzirkulation und an den anderen Vorgängen des Körpers. Wenn der Mensch in der zweiten Gattung des Schlafes ist, dann nimmt er zwar nicht mehr an dem körperlichen Leben teil, aber man könnte sagen, er nimmt teil an einer Welt, die gemeinsam ist seinem Körper und seiner Seele. Es spielt noch etwas hinüber von dem Körper in die Seele. Es spielt so etwas hinüber, wie vom Lichte in die Pflanze spielt, wenn die Pflanze am Tage sich im Lichte entwickelt. Wenn nun aber der Mensch in der dritten Gattung des Schlafes ist, dann ist etwas in ihm, was — wenn ich so sagen darf — wie Mineral geworden ist. Die Salze in seinem Leibe lagern sich besonders stark ab. Starke Salzablagerungen sind während dieser dritten Gattung des Schlafes im physischen Leibe des Menschen. Dafür aber ist der Mensch mit seiner Seele im Innern der mineralischen Welt.

Diagram 1

[ 19 ] Nehmen Sie einmal an, Sie könnten das folgende Experiment machen: Sie legen sich ins Bett, schlafen zunächst den leisen Schlaf, von dem noch Träume für das gewöhnliche Bewußtsein herauskommen können, kommen dann in den tieferen Schlaf, von dem keine Träume kommen, aber der doch die Seele des Menschen noch in einem Zusammenhang mit dem physischen Leib läßt. Jetzt aber schlafen Sie hinüber so, daß starke Salzablagerungen in Ihrem Leibe sind. Zu dem, was da im Leibe vorgeht, können Sie in der Seele kein Verhältnis haben. Wenn Sie dann aber neben sich auf dem Nachtschränkchen einen Bergkristall gelegt hätten, so würden Sie mit Ihrer Seele ganz im Innern dieses Bergkristalles sein können. Sie würden hineinschlüpfen in den Bergkristall, von innen aus ihn wahrnehmen. Das können Sie nicht in der ersten und nicht in der zweiten Gattung des Schlafes. In der ersten Gattung des Schlafes, dessen Inhalt in die Träume hineingehen kann, würden Sie, wenn Sie vom Bergkristall träumen, ihn immer noch als eine Art von Bergkristall erleben. Sie würden zwar etwas Schattenhaftes, aber doch etwas Bergkristalliges erleben. Würden Sie in die zweite Gattung des Schlafes hinuntersinken, so würden Sie den Bergkristall nicht mehr so begrenzt erleben. Wenn Sie dann noch träumen könnten — Sie können es ja gewöhnlich nicht, aber nehmen wir an, Sie könnten es —, dann würden Sie erleben, daß der Bergkristall undeutlich wird und sich zu einer Art von Kugel oder Ellipsoid formt und dann wiederum sich zurückzieht. Wenn Sie aber träumen könnten, das heißt, wenn Sie zur Intuition kommen könnten aus dem tiefen Schlaf, aus der dritten Gattung des Schlafes heraus, dann würden Sie den Bergkristall so erleben, daß Sie sich vorkommen, wie wenn Sie innerlich diesen Linien entlanglaufen, dann der Spitze zulaufen, wiederum zurücklaufen: Sie erleben dann den Bergkristall im Innern. Sie bewohnen ihn. Und so für andere Mineralien. Und nicht nur, daß Sie die Form erleben, Sie erleben auch die inneren Kräfte. Kurz, die dritte Gattung des Schlafes ist etwas, was den Menschen nun ganz herausbringt aus seinem Leibe, was den Menschen ganz hineinstellt in die geistige Welt. Der Mensch steht während dieser dritten Gattung des Schlafes in der dritten Art der Welt darinnen, in dem Wesen der geistigen Welt selbst. Das heißt, Sie stehen drinnen in der Wesenhaftigkeit der Engel, der Erzengel, aller derjenigen Wesen, die man ja sonst nur äußerlich, das heißt nur in ihren Offenbarungen wahrnimmt. Sie sehen, wenn Sie vom Aufwachen bis zum Einschlafen Ihr Sinnesbewußtsein anwenden, gewissermaßen die äußeren Offenbarungen der Götter in der Natur. Sie dringen während des Schlafes ein, entweder bloß in die Bilderwelt im leisesten Schlaf, oder in der zweiten Gattung des Schlafes in die Welt der Erscheinungen, in die Welt der Offenbarungen, oder aber, wenn Sie zur dritten Gattung des Schlafes kommen, in das Innere der göttlich-geistigen Wesenheiten selbst.

[ 20 ] Also gerade so, wie der Mensch während des Tageszustandes durch Denken, Fühlen und Wollen sich auslebt, so lebt er sich während des Schlafes aus, indem er entweder in den Weltgedanken strömt, oder aus den Weltengedanken heraus sich die Taten der göttlich-geistigen Wesenheiten offenbaren, oder aber diese Wesenheiten selbst den Menschen aufnehmen, so daß er gewissermaßen mit seiner Seele in ihnen ruht, Wie das Denken oder Vorstellen für das Tagesbewußtsein das hellste, das klarste, das deutlichste ist, wie das Fühlen etwas Dumpferes ist — denn das Fühlen ist eigentlich immer eine Art Träumen — und wie das Wollen, der dumpfeste Bewußtseinszustand während des Tages, gewissermaßen ein Schlafen ist, so haben wir drei Schlafzustände: Den Schlafzustand, in dem das gewöhnliche Bewußtsein die Träume und das höhere Bewußtsein, das schauende, das hellsichtige Bewußtsein die Weltengedanken erlebt. Wir haben die zweite Gattung des Schlafes, der schon für das gewöhnliche Bewußtsein unbewußt bleibt, der aber dem inspirierten Bewußtsein so erscheint, daß überall die Taten der göttlich-geistigen Wesenheiten sich offenbaren. Wir haben die dritte Gattung des Schlafes, der sich dem intuitiven Bewußtsein zeigt, in dem es in den göttlich-geistigen Wesenheiten selber darinnen lebt. Wie gesagt, das kündet sich dadurch an, daß man untertaucht zum Beispiel in das Innere der Mineralien. Aber diese dritte Gattung des Schlafes, die hat für den Menschen noch eine besondere Bedeutung.

[ 21 ] Wenn Sie zunächst die zweite Gattung des Schlafes nehmen, dann finden Sie darinnen, wie ich gesagt habe, auf den erscheinenden, verschwindenden, wogenden Bildern die Weltenwesen der Engel, der Erzengel und so weiter, aber Sie finden sich selber auch. Sie finden sich selber als Seele darinnen, nur nicht wie Sie jetzt sind, sondern wie Sie vor Ihrer Geburt beziehungsweise vor der Empfängnis waren. Sie lernen sich kennen, wie Sie gelebt haben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Das gehört dieser zweiten Welt an. Und jedesmal, wenn wir traumlos schlafen, leben wir in derselben Welt, in der wir gelebt haben, bevor wir heruntergestiegen sind und einen physischen Leib angenommen haben. Aber wenn Sie in die dritte Gattung des Schlafens kommen, und wenn Sie da aufwachen könnten — das intuitive Bewußtsein wacht auf —, also wenn Sie sich vorstellen, Sie kommen in die dritte Gattung des Schlafes und wachen da auf: dann erleben Sie Ihr Schicksal, Ihr Karma. Dann wissen Sie, warum Sie in diesem Leben besondere Fähigkeiten haben, aus der Beschaffenheit Ihrer vorhergehenden Leben. Dann wissen Sie, warum Sie in diesem Leben mit diesen oder jenen Persönlichkeiten zusammengeführt werden. Dann lernen Sie das Karma kennen, dann lernen Sie Ihr Schicksal kennen. Dieses Schicksal lernt man nur erkennen, wenn man — ich greife die Sache jetzt von einem andern Gesichtspunkte auf — in das Innere der Mineralien einzudringen vermag. Sind Sie imstande, einen Bergkristall nicht nur von außen, sondern von innen zu schauen — Sie dürfen ihn natürlich nicht etwa zerhacken, denn dann wäre das, was Sie sehen, immer wieder außen, natürlich —, sondern Sie müssen so, wie ich es beschrieben habe, sich darinnen befinden; wenn Sie das können, wenn Sie den Kristall von innen sehen können, dann können Sie auch begreifen, warum Sie dieser oder jener Schicksalsschlag in diesem Leben trifft. Nehmen Sie irgendeinen Kristall, nehmen Sie einen gewöhnlichen Salzwürfel.

Diagram 2

[ 22 ] Sie sehen ihn von außen: so sehen Sie ihn mit dem gewöhnlichen Bewußtsein. Da bleibt Ihnen Ihr Leben undurchsichtig. Wenn Sie in ihn hineindringen können — auf die räumliche Größe kommt es dabei nicht an —, wenn Sie ihn von innen nach allen Seiten sehen können, dann sind Sie in der Welt, in der Sie auch Ihr Schicksal begreifen können. In dieser Welt sind Sie aber jede Nacht, wenn Sie in die dritte Gattung des Schlafes kommen.

[ 23 ] Diese dritte Gattung des Schlafes, die hat aber doch noch etwas ganz Besonderes. Sehen Sie, die Menschen vor dem Mysterium von Golgatha — und wir waren es ja alle selber in unseren früheren Erdenleben —, die Menschen in der Zeitentwickelung vor dem Erscheinen des Christus auf der Erde, die kamen schon sehr häufig in diese dritte Gattung des Schlafes. Aber noch bevor sie, ich möchte sagen, hinuntersanken in diese dritte Gattung des Schlafes, erschien ihr Engel und holte sie wieder herauf. Denn das ist das Eigentümliche: Man kann sich aus der ersten und aus der zweiten Gattung des Schlafes als Mensch immer selbst herausholen, aus der dritten aber nicht mehr. In der dritten Gattung des Schlafes hätte ein Mensch vor der Erscheinung des Christus auf Erden sterben müssen, wenn er nicht von Engel- oder anderen Wesenheiten herausgeholt worden wäre. Seit der Erscheinung des Christus ist die Christus-Kraft, wie ich oft betont habe, mit der Erde verbunden, und jedesmal, wenn der Mensch aufwachen muß aus dieser dritten Gattung des Schlafes, dann muß ihm die ChristusKraft, die durch das Mysterium von Golgatha sich mit der Erde vereinigt hat, zu Hilfe kommen. Der Mensch könnte ohne die ChristusKraft nicht mehr aufwachen aus dieser dritten Gattung des Schlafes. Er kann in die Kristalle hereinschlüpfen, aber er kann nicht wieder herauskommen ohne die Christus-Kraft. Wenn man nämlich hinter die Kulissen des Daseins schaut, dann merkt man schon, was dieser Christus-Impuls für das Erdenleben für eine Bedeutung hat. Also ich betone es stark: Der Mensch konnte in die Kristalle herein, aber er konnte nicht wieder heraus.

[ 24 ] Diese Dinge hat man überall dort besonders stark gefühlt, wo nach dem Mysterium von Golgatha, nach der Erscheinung des Christus auf der Erde, noch ein starkes, altes, heidnisches Bewußtsein vorhanden war und dennoch die Christus-Offenbarung schon da war, wie zum Beispiel in mitteleuropäischen Gegenden. Da wußte man von manchen Menschen, daß sie dadurch gestorben waren, daß sie in einen solchen tiefen Schlaf gefallen waren. Sie hätten nicht zu sterben gebraucht, wenn der Christus ihnen zu Hilfe gekommen wäre.

[ 25 ] So fühlten zum Beispiel Menschen — ich will jetzt nichts anderes als das, was Menschen fühlten, sagen — bei Karl dem Großen oder bei Friedrich Barbarossa. Trotzdem Friedrich Barbarossa für die äußere physische Welt ertrunken ist, wurde dennoch so gefühlt. Aber besonders deutlich wurde es ja bei Karl dem Großen gefühlt. Wo ging für dieses mittelalterliche Bewußtsein solch eine Seele hin? In das Innere der Kristalle. Daher wurde sie in Berge versetzt, und da sollte sie warten, bis der Christus kommt und sie aus dem tiefen Schlaf herausholt. Es hängt diese Art von Sagenbildung mit diesem Bewußtsein zusammen. Das starke Verbundensein mit dem Christus-Impuls seit dem Mysterium von Golgatha auf der Erde, das ist es, was nun die Welt der Angeloi, der Archangeloi und so weiter veranlaßt, den Menschen doch wieder herauszuholen, denn sonst würde er, wenn er in die dritte Gattung des Schlafes versinkt, nicht wieder herausgeholt werden können. Das also hängt mit der Christus-Kraft zusammen, nicht mit dem Glauben an die Christus-Kraft; denn ob einer diesem oder jenem Religionsbekenntnis angehört, das, was Christus auf Erden getan hat, ist im objektiven Sinne getan, und was ich hier als Objektives schildere, findet eben für den Menschen ganz unabhängig vom Glauben statt. Was der Glaube für eine Bedeutung hat, das werden wir in den nächsten Tagen besprechen. Aber dies, was ich jetzt anführe, ist eine objektive Tatsache, die nichts mit dem Glauben zu tun hat.

[ 26 ] Wodurch aber ist das geschehen? Es ist dadurch geschehen, daß in die Götterwelt selbst ein anderes Schicksal eingezogen ist, als früher darinnen war, ein Schicksal, das ich damit charakterisieren möchte, daß ich sage: Die Menschen hier in der physischen Welt werden geboren und sterben. Es ist die Eigentümlichkeit der göttlich-geistigen Wesen, die den höheren Hierarchien angehören, daß sie nicht geboren werden und sterben, sondern sich bloß verwandeln. Der Christus, der bis zu der Zeit des Mysteriums von Golgatha mit den anderen göttlich-geistigen Wesen lebte, beschloß, den Tod kennenzulernen, auf die Erde herabzusteigen, ein Mensch zu werden, um innerhalb der menschlichen Natur durch den Tod zu gehen, dann wiederum zum Bewußtsein nach dem Tode zu kommen durch die Auferstehung.

[ 27 ] Das ist überhaupt ein sehr bedeutendes Ereignis innerhalb der göttlich-geistigen Welt, daß ein Gott den Tod durchgemacht hat, um alles das tun zu können, was wir schon kennen oder was ich jetzt wiederum beschrieben habe. Wir können also sagen: Da steht in der Geschichte der Erdenentwickelung das bedeutsame Ereignis, daß der Gott Mensch geworden ist und dadurch seine Kraft in so bedeutsamen Erscheinungen flutet, wie die, die ich Ihnen jetzt charakterisiert habe. Der Gott, der Mensch geworden ist, hat solche Kraft im Erdenleben, daß er die Menschenseelen aus dem Kristallinnern herausholt, wenn sie dort hineingekommen sind. So daß, indem wir von Christus sprechen, wir von einem Weltenwesen sprechen, von dem wir sagen müssen: es ist der Gott, der Mensch geworden ist. Was wäre sein Gegenbild? Sein Gegenbild wäre der Mensch, der Gott geworden ist. Es muß ja nicht ein absolut guter Gott sein; sondern so wie Christus hinuntergestiegen ist in die Menschenwelt und den Tod angenommen hat, das heißt zuerst den menschlichen Leib angenommen hat, um teilzunehmen an dem Schicksal der Menschen, so werden wir zum entgegengesetzten Pol geführt, zu dem Menschen, der sich frei macht von dem Tode, frei macht von den Bedingungen des menschlichen Leibes und ein Gott wird innerhalb der Erdenbedingungen. Der würde also dann aufhören, ein sterblicher Mensch zu sein, aber herumwandeln auf der Erde, allerdings nicht unter denselben Bedingungen wie ein gewöhnlicher sterblicher Mensch, der von Geburt zum Tode und vom Tode zu einer neuen Geburt geht, sondern es würde ein solcher gottgewordener Mensch als ein unrechtmäßig auf der Erde gewordener Gott gefunden werden können. Wie der Christus ein rechtmäßig menschgewordener Gott ist, so würden wir zu suchen haben als sein Gegenbild den auf unrechtmäßige Weise gottgewordenen Menschen, den als nicht mehr sterblich herumwandelnden Menschen, der die Gottnatur auf unrechtmäßige Weise angenommen hat. Und es ist Ihnen ja bekannt: Ebenso wie in der christlichen Überlieferung auf den rechtmäßig menschgewordenen Gott, auf den Christus Jesus hingewiesen wird, so wird hingewiesen im Zusammenhange mit dem Christus Jesus auf Ahasver, auf den Menschen, der in unrechtmäßiger Weise Gott geworden ist, der die Sterblichkeit der Menschennatur abgelegt hat. Wir haben also den polarischen Gegensatz zu dem Christus Jesus in Ahasver. Das ist die tiefere Begründung, die tiefere Bedeutung der Ahasver-Sage, jener Sage, welche von etwas spricht, wovon gesprochen werden muß, weil es eine Realität ist: von einem Wesen, das herumwandelt auf der Erde. Sie ist da, diese Ahasver-Gestalt. Sie wandelt auf der Erde herum, sie wandelt von Volk zu Volk. Sie läßt unter anderem zum Beispiel gerade den hebräischen Glauben nicht ersterben. Es ist diese Gestalt vorhanden, diese Ahasver-Gestalt, der unrechtmäßig gewordene Gott.

[ 28 ] Der Mensch hat alle Veranlassung, wenn er die wirkliche Geschichte kennenlernen will, auf solche Ingredienzien dieser Geschichte sein Augenmerk zu lenken, zu sehen, wie aus den übersinnlichen Welten die Kräfte und Wesen herabspielen in die sinnliche Welt, wie der Christus aus den übersinnlichen Welten in die sinnliche Welt gekommen ist, wie aber auch wiederum die sinnliche Welt heraufspielt in die übersinnlichen Welten, wie wir auch in Ahasver eine wirkliche reale Weltenkraft, eine Weltenwesenheit zu sehen haben. Das Bewußtsein von diesem Wandeln des Ahasver, der natürlich nicht mit physischen Augen, sondern nur unter der Voraussetzung einer gewissen Hellsichtigkeit zu sehen ist, war immer vorhanden. Und die Sagen, die auf ihn hinweisen, haben einen guten, einen objektiven Untergrund. Man versteht das Menschenleben nicht, wenn man es äußerlich nur so betrachtet, wie es die Geschichtsbücher beschreiben, wenn man nicht hinblickt auf die besonderen Ausgestaltungen.

[ 29 ] Denn wahr ist es: So wie in unserem Innern der Christus lebt seit dem Mysterium von Golgatha, und wie der Christus in unserem Innern wahrnehmbar werden kann, wenn wir nach innen hinein den schauenden Blick zunächst beleben, so wird, wenn wir außen herumschauen im Menschenleben, und da der schauende Blick uns aufgeht bei den meisten Menschen, denen so der schauende Blick aufgeht, ist das der Fall —, so wird uns — wie es ja unverhofft dem Menschen geschieht, der über die Schwelle des Bewußtseins tritt — Ahasverus, der ewige Jude erscheinen. Der Mensch wird ihn vielleicht nicht immer erkennen, er wird ihn für etwas anderes halten. Aber es ist ebenso möglich, daß dem Menschen der ewige Jude erscheint, wie es möglich ist, daß dem Menschen der Christus aufleuchtet, wenn er in sein Inneres schaut.

[ 30 ] Diese Dinge gehören zu den Weltengeheimnissen, die eben jetzt in unserer Zeit, wo viele Geheimnisse geoffenbart werden sollten, auch offenbar werden müssen.

Diagram 3