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The Secret of the Trinity
GA 214

29 July 1922, Dornach

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Dritter Vortrag

Lecture III

[ 1 ] Gestern habe ich versucht, Ihnen zu zeigen, wie ein einfacher Weg gefunden werden kann, um sich die Beziehungen des Menschen nach Leib, Seele und Geist zum gesamten Kosmos vor die Seele zu führen. Durch die Art und Weise wie ich den gestrigen Vortrag dann in einigen imaginativen Bildern gipfeln ließ, wollte ich Sie auf einiges aufmerksam machen. Ich wollte zeigen, wie zum Beispiel in solchen Bildern, wie dasjenige von Christus als dem Lamm Gottes, richtig ausgesprochene, inspirierte Imaginationen liegen, wollte zeigen, daß in den Zeiten, in denen solche Bilder geprägt worden sind, ja, in denen sie noch mit vollem Verständnis ausgesprochen und für das menschliche Seelenleben verwendet worden sind, ein wirkliches Bewußtsein davon vorhanden war, wie der Mensch von den Seelenerlebnissen, die er im gewöhnlichen Bewußtsein hat, sich hinaufarbeitet zu Seelenerlebnissen eines solchen Bewußtseins, das ihn in Verbindung bringt mit der geistigen Welt. Ich habe darauf aufmerksam gemacht, wie in den vier ersten christlichen Jahrhunderten das, was wir die christliche Lehre nennen können, durchaus noch so geprägt war, daß ihr überall die Anschauung des Geistigen zugrunde lag, daß die Geheimnisse des Christentums selber so dargestellt wurden, wie sie geschaut werden konnten von denen, die ihr Seelenleben zum Schauen des Geistigen hinaufgebracht hatten. Nach dem 4. Jahrhundert ist es ja im allgemeinen Bewußtsein der Menschen immer mehr und mehr entschwunden, ein Verständnis für den unmittelbaren Ausdruck des Geistigen noch zu haben. Und wir sehen, wie bei der Berührung der nordisch-germanischen mit der lateinisch-griechischen Welt diese Schwierigkeiten eigentlich immer größer werden, die sich damals im Verlaufe der abendländischen Kultur ergaben. Wir müssen durchaus uns klarmachen, wie unmittelbar nach dem 4. Jahrhundert noch mit einer gewissen ehrwürdigen Verehrung hingesehen worden ist zu dem, was in inspirierten Imaginationen als Darstellung der christlichen Anschauung aus älteren Zeiten heraufgekommen war. Man verehrte die Tradition. Man verehrte das, was durch Tradition an solchen Bildern eben auf die Nachwelt gekommen war. Allein, der fortschreitende Menschengeist nahm immer mehr Formen an, durch die er sich sagte: Ja, da ist uns so etwas überliefert, wie zum Beispiel das Bild der Taube für den Heiligen Geist, wie das Bild vom Lamm Gottes für den Christus selbst. Aber wie sollen wir das verstehen? Wie kommen wir dazu, das zu verstehen? — Und eben gerade aus dieser Unmöglichkeit, oder vielmehr aus dem Glauben an die Unmöglichkeit, daß der menschliche Geist durch sich selbst sich in die Anschauung der geistigen Welten hinaufarbeiten kann, entstand ja die scholastische Lehre, daß der Menschengeist durch seine eigene Kraft bis zur Erkenntnis des Sinnlichen kommt und auch noch zu Schlüssen, die sich unmittelbar aus dem Begriff vom Sinnlichen ergeben, daß aber hingenommen werden müsse als ein unverstandenes Geoffenbartes dasjenige, was von der übersinnlichen Welt für den Menschen offenbar sein kann.

[ 1 ] Yesterday I tried to show you how a simple way can be found to envisage the human being's relationships to the cosmos in terms of body, soul, and spirit. Through the way in which I concluded yesterday's lecture by building up to certain imaginative pictures, I wanted to draw attention to certain things. I wanted to show how in such an imaginative picture as that of Christ as the Lamb of God, inspired Imaginations are truly and correctly expressed. I wanted to show that in the times when such pictures were formed, when indeed they were voiced with complete understanding and used for the life of the human soul, a real consciousness was present of how the human being works upward from his ordinary consciousness to conscious experiences in his soul, experiences that connect him to the spiritual world. I have drawn your attention to the fact that in the first four Christian centuries what we could call the Christian teaching still carried the impression that it was everywhere based on a real perception of the spiritual, that even the secrets of Christianity were presented as they could actually be seen by those who had developed their soul life to a vision of the spiritual. After the fourth century A.D., understanding of direct expressions of the spiritual faded away from ordinary consciousness more and more. And with contact between the Germanic peoples from the north and the Latin and Greek peoples of the south during those early days of growth for Western culture we see how these difficulties of understanding constantly increased. We must be fully aware that in the times immediately following the fourth century, people still looked with reverent devotion at those imaginations from earlier times in which Christian views were presented. Tradition was revered, and so too were the pictures that had come down to posterity through tradition. But the progressing human spirit continued to take on new forms. Therefore, the human being was led to say: Yes, tradition has handed down to us pictures such as the dove for the Holy Spirit and the Lamb of God for Christ himself. But how are we to understand them? How do we come to understand them? And out of this impossibility, or rather, out of the faith that was born with the conviction of the impossibility of the human spirit's ever achieving perception of the spiritual worlds through its own powers, there arose the Scholastic doctrine that the human spirit can achieve knowledge of the sense world by its own power, can also reach conclusions directly derived from concepts of the sense world, but that the human being must simply accept as uncomprehended revelation what can be revealed to him of the super-sensible world.

[ 2 ] Aber nicht ohne Schwierigkeiten entwickelte sich wiederum diese, ich möchte sagen, doppelte Art von Glauben an das menschliche Seelenleben: an die auf das Irdische beschränkte Erkenntnis auf der einen Seite, und an die nur im Glauben erreichbare Erkenntnis des Übersinnlichen auf der anderen Seite. Immerhin wurde, wenn auch mehr oder weniger dunkel, empfunden, daß man zu den übersinnlichen Erkenntnissen nicht mehr so stehen konnte, wie das in früheren, in alten Zeiten der Fall war. In der ersten Zeit, nach dem 4. Jahrhundert, sagten sich die Menschen in ihrer Empfindung: Diese übersinnliche Welt kann dennoch in einem gewissen Sinne mit dem menschlichen Seelenleben erreicht werden; aber es ist nicht jedem gegeben, das Seelenleben bis zu einer solchen Höhe zu bringen; man muß sich damit begnügen, eben manches von den alten Offenbarungen hinzunehmen.

[ 2 ] But this, I would like to say, twofold form of faith in the human soul life did not develop without difficulties. On the one hand there was knowledge limited to the earthly, while on the other hand there was knowledge of the super-sensible attainable only through faith or belief. Nevertheless, it was always felt, although more or less dimly, that the human being's relationship to super-sensible knowledge could not be the same as it was in olden times. Concerning this feeling, people said to themselves in the first period after the fourth century: In a certain sense the super-sensible world can still be reached by the human soul, but it is not given to all to develop their souls to such a height; most people have to be content with simply accepting many of the old revelations.

[ 3 ] Wie gesagt, die Verehrung dieser alten Offenbarungen war zu groß, als daß man hätte sogleich den Maßstab einer menschlichen Erkenntnis anlegen wollen, die nicht mehr hinaufreichte zu ihnen, oder von der man wenigstens glaubte, daß sie auf keine Weise hinaufreiche zu den Offenbarungen. Und die strenge Scholastik von der Zweiteilung der menschlichen Erkenntnis, die nahm man doch eigentlich erst allmählich an. Erst das 10., 11., 12. und 13. Jahrhundert des Mittelalters war die Zeit, in der man das scholastische Prinzip völlig angenommen hatte. Bis dahin schwankte man immer noch in einer gewissen Weise: Sollte man nicht dennoch diese menschliche Erkenntnis, so wie sie einmal für diese spätere Zeit zu erringen war, hinaufbringen können bis zu dem, was der übersinnlichen Welt angehörte?

[ 3 ] As I said, people revered these old revelations so much that they did not wish to measure them against a standard of human knowledge that no longer reached up to them. At least, people did not believe that human knowledge was capable of rising to the level of revelation. The strict Scholastic doctrine concerning the division of human knowledge was actually only accepted gradually; indeed it was not until the tenth, eleventh, twelfth, and thirteenth centuries of the Middle Ages that this Scholastic tenet was fully admitted. Until that time there was still a certain wavering in peoples' minds: Could it be possible after all to raise this knowledge, which human beings could achieve at this late date, up to the level of what belongs to the super-sensible world?

[ 4 ] Damit aber war gegenüber früheren Zeiten eigentlich ein mächtiger Umschwung vollzogen. Sehen Sie, in früheren Zeiten, sagen wir, in den allerersten christlichen Jahrhunderten, würde sich ein Mensch, an den herangetreten wäre das Geheimnis der göttlichen Voraussicht aller Dinge oder das Geheimnis der Verwandlung von Brot und Wein in den Leib und in das Blut Christi, gesagt haben, wenn er sich durchgerungen hatte zum Christentum: Das ist schwer zu verstehen, aber es gibt Menschen, die können ihre Seele so entwickeln, daß sie so etwas verstehen. Wenn ich die Allwissenheit des göttlichen Wesens annehme, so muß eigentlich dieses allwissende Wesen auch wissen, ob der eine Mensch ein für allemal verdammt oder ob der andere Mensch selig wird. Damit — würde solch ein Mensch gesagt haben — stimmt wenig überein, daß der Mensch doch nicht unbedingt sündigen muß, und durch die Sünde wird er ja eigentlich verdammt: Wenn er nicht sündigt, wird er also nicht verdammt; wenn er eine Sünde büßt, wird er auch nicht verdammt. So daß man also sagen muß: Der Mensch kann sich entweder durch seinen Lebenswandel zu einem Verdammten durch die Sünde machen oder zu einem Seligen durch die Sündlosigkeit. Aber wiederum: Der allwissende Gott muß von diesem Menschen jetzt schon wissen, ob er ein Verdammter oder ein Seliger wird!

[ 4 ] The triumph of the Scholastic view meant that, in comparison with earlier times, a mighty revolution had taken place. You see, in earlier times, say, in the very first Christian centuries, if someone had struggled through to Christianity and then approached the mystery of divine providence, or the mystery of the transubstantiation of bread and wine into the body and blood of Christ, he would have said: This is difficult to understand, but there are people who can develop their souls so that they understand these things. He would have said: If I assume the omniscience of the Godhead, then this omniscient being must actually also know whether one human being is damned for all time or whether another will enter into blessedness. But this—such a person might have said—hardly seems to agree with the fact that people need not, inevitably, sin. And that if they sin they will then be damned; that if they do not sin they will not be damned; that no one will be damned if they do penance for a sin. One must say, therefore, that a person, through the way he or she conducts their life, can either make themselves into one of the damned through sin or into one of the blessed through sinlessness. But again, an omniscient God must already know whether an individual is destined for damnation or blessedness.

[ 5 ] Also ein Mensch, an den das herangetreten wäre, der würde zu solchen Erwägungen gekommen sein. Er würde aber in diesen ersten christlichen Jahrhunderten nicht ohne weiteres gesagt haben: Also muß ich darüber streiten, ob Gott vorhersieht die Verdammnis oder die Seligkeit eines Menschen. — Sondern er hätte sich gesagt: Daß Gott, trotzdem der Mensch sündigen oder nicht sündigen kann, dennoch weiß, wer verdammt ist und wer selig wird, das würde ich einsehen können, wenn ich eben eingeweiht wäre. — So würde sich ein Mensch der ersten christlichen Jahrhunderte gesagt haben.

[ 5 ] Such would have been the considerations of someone so confronted in the earliest Christian centuries. However, in these early Christian centuries that person would not have said: Therefore I must argue whether God foresees the damnation or the blessedness of a human being. He or she would rather have said: If I were initiated I would be able to understand that although an individual may or may not sin, God knows nevertheless who will be damned and who will be blessed. Thus would someone living in the first centuries of Christendom have spoken.

[ 6 ] Ebenso wenn man ihm gesagt hätte, durch die Transsubstantiation, durch Abendmahlfeier, Meßopfer wird Brot und Wein in Leib und Blut Christi verwandelt, so würde er erwidert haben: Das sehe ich nicht ein, aber wäre ich eingeweiht, so könnte ich das einsehen. — So hätte man in älteren Zeiten gesagt. Denn in älteren Zeiten würde man eben gedacht haben: Was sich in der sinnlichen Welt beobachten läßt, ist Scheingebilde, das ist nicht die Wirklichkeit, die Wirklichkeit liegt in der geistigen Welt dahinter. Solange man in der sinnlichen Welt steht, in dieser Scheinwelt, ist es ein Widerspruch, daß irgend jemand sündigen oder nicht sündigen kann, und daß dennoch der allwissende Gott von vorneherein weiß, ob irgendein Mensch verdammt oder selig wird. Aber sobald man in die geistige Welt eintritt, ist das kein Widerspruch mehr: Da erfährt man, wie es sein kann, daß Gott es dennoch voraussieht. — Ebenso würde man gesagt haben: In der physisch-sinnlichen Welt ist es ein Widerspruch, daß etwas, was ja eigentlich für den äußeren Augenschein dasselbe bleibt, Brot und Wein, nach der Verwandlung Leib und Blut Christi sein soll; aber wenn man eingeweiht ist, wird man, weil man dann mit seinem Seelenleben in der geistigen Welt steht, das einsehen können. — So würde man in älteren Zeiten gesagt haben.

[ 6 ] Similarly, if someone had told that person that through transubstantiation, through the celebration of the Eucharist, bread and wine are transformed into the body and blood of Christ, he would have said: I don't understand that but if I were initiated I would. For in olden times a person would have thought: What can be observed in the sense world are mere appearances; it is not reality: the reality lies behind, in the spiritual world. As long as one stands in the sense world, in this world of illusions, it is a contradiction to say that someone can either sin or not sin and that the omniscient God nevertheless knows in advance whether an individual will be damned or blessed. But as soon as someone enters the spiritual world it is no longer a contradiction. There one experiences how it can be that God, nevertheless, sees ahead. In the same way, a person would have said: In the physical world of sense it is contradictory to say that bread and wine—which in outward appearance remain the same—become the body and blood of Christ after the transubstantiation. But when we are initiated we will understand this, because then, in our soul lives we are within the spiritual world. Thus would people have spoken in olden times.

[ 7 ] Nun kamen eben die Kämpfe in den Menschenseelen. Auf der einen Seite sahen diese Menschenseelen sich immer mehr und mehr herausgerissen aus der geistigen Welt. Die ganze Kultur ging dahin, als Geistesmenschen nur den Verstand gelten zu lassen, der nun allerdings nicht hineinkam in die geistige Welt. Und aus diesen Kämpfen heraus entwickelten sich alle Unsicherheiten gegenüber den übersinnlichen Welten. Wir können, wenn wir symptomatologisch Geschichte treiben, die Punkte herausgreifen, an denen wir sehen, daß solche Unsicherheiten besonders stark in die Welt treten.

[ 7 ] And then came the struggles in human souls. On the one hand the souls of human beings found themselves more and more separated, torn away from the spiritual world. The whole trend of culture was to grant authority to reason alone, and reason, of course, did not reach into the spiritual world. And out of these struggles developed all kinds of uncertainties concerning the super-sensible worlds. If we study the symptoms of history we can find the points at which such uncertainties enter the world quite starkly.

[ 8 ] Ich habe ja öfter in solchen Vorträgen auf jenen schottischen Mönch, Scotus Erigena, aufmerksam gemacht, der im 9. Jahrhundert im Frankenlande am Hofe Karls des Kahlen gelebt hat und dort geradezu als ein Wunder der Weisheit angesehen worden ist. Karl der Kahle jedenfalls und alle, die seiner Meinung waren, wandten sich in allen religiösen und auch in allen wissenschaftlichen Fragen an Scotus Erigena, wenn sie irgend etwas entschieden haben wollten. Aber gerade an der Art, wie Scotus Erigena anderen Mönchen seiner Zeit gegenübersteht, sehen wir, wie dazumal der Kampf, ich möchte sagen, wütete zwischen der Vernunft, die sich nur auf die Sinneswelt und einige Schlüsse aus ihr beschränkt fühlte, und dem, was in Form von Dogmen von den übersinnlichen Welten überliefert war.

[ 8 ] I have often spoken of the Scottish monk Scotus Eriugena, who lived in France at the court of Charles the Bald during the ninth century.19John Scotus Eriugena (c. 810–877), Neoplatonizing Celtic Christian philosopher. Cf. Rudolf Steiner, Riddles of Philosophy, Occult History, Origins of Modern Science. At court he was regarded as a veritable miracle of wisdom. Charles the Bald, and all those who thought as he did, turned to Scotus Eriugena in all matters of religion and also of science whenever they wanted a verdict. Now the way in which Scotus Eriugena stood opposed to the other monks of his time shows how fiercely the battle was then raging between reason, which felt itself limited to the world of sense, along with a few conclusions derived from that world, and the traditions that had been handed down from the spiritual world in the form of dogmas.

[ 9 ] Und so sehen wir zwei Persönlichkeiten gerade im 9. Jahrhundert einander gegenüberstehen: Scotus Erigena und den Mönch Gottschalk, der in entschiedener Weise die Lehre geltend machte, Gott wisse vollkommen voraus, ob irgendein Mensch verdammt werde oder selig werde. Man prägte das allmählich in die Formel: Gott habe einen Teil der Menschen zur Seligkeit, einen anderen Teil der Menschen zur Verdammnis bestimmt. Man prägte diese Lehre in der Art, wie es ja Augustinus selbst schon gemacht hatte, nach dessen Lehre von der göttlichen Vorherbestimmung ein Teil der Menschen zur Seligkeit, ein Teil zur Verdammnis bestimmt sei. Und Gottschalk, der Mönch, lehrte, es sei so: Gott habe einen Teil der Menschen zur Seligkeit und einen Teil zur Verdammnis bestimmt, keinen aber zur Sünde. Gottschalk lehrte also für das äußere Verständnis einen Widerspruch.

[ 9 ] Thus in the ninth century we see two personalities confronting one another: Scotus Eriugena and the monk Gottschalk,20Gottschalk of Orbais, Benedictine monk, also at Fulda. Caused great controversy with teachings on the predestination of the elect. Condemned for heresy by the Synod of Mainz (848). who uncompromisingly asserted the doctrine that God has perfect foreknowledge of an individual's future damnation or blessedness. This teaching was gradually embodied in the formula: God has destined one portion of humanity for blessedness and another for damnation. The doctrine was formulated as Augustine himself had formulated it. Following his teaching of predestination, one part of humanity is destined for blessedness, another part for damnation.21Cf. St. Augustine, City of God, Books XII, XIII. And the monk Gottschalk taught that it is indeed so: God has destined one portion of the human race for blessedness and another for damnation, but no portion is predestined for sin. Thus, for external understanding, Gottschalk was teaching a contradiction.

[ 10 ] Der Streit tobte dazumal gerade im 9. Jahrhundert außerordentlich heftig. Auf einer Mainzer Synode zum Beispiel wurde die Schrift des Gottschalk geradezu als ketzerisch erklärt, und Gottschalk wurde ausgepeitscht wegen dieser Lehre. Dennoch, trotzdem Gottschalk ausgepeitscht und eingesperrt worden war wegen dieser Lehre, konnte er sich darauf berufen, daß er ja nichts anderes wollte, als die Augustinische Lehre in ihrer echten Gestalt herstellen. Man wurde auch aufmerksam darauf, namentlich französische Bischöfe und Mönche, daß Gottschalk eigentlich nichts anderes lehrte als das, was schon Augustinus gelehrt hatte. So stand gewissermaßen solch ein Mönch wie Gottschalk vor seiner Zeit so da, daß er aus den Traditionen des alten Mysterienwissens etwas lehrte, was diejenigen, die nun alles mit dem Verstande, der heraufdämmerte, begreifen wollten, eben nicht begreifen konnten und deshalb bekämpften, während die anderen, die mehr an der Ehrwürdigkeit des Alten festhielten, durchaus einem Theologen wie dem Gottschalk recht gaben.

[ 10 ] In the ninth century the strife was extraordinarily fierce. At a synod in Mainz, for instance, Gottschalk's writing was declared heretical, and he was scourged because of this teaching. However, although Gottschalk had been scourged and imprisoned on account of this doctrine he was able to claim that he had no other desire than to reaffirm the teaching of Augustine in its genuine form. Many French bishops and monks, in particular, realized that Gottschalk was not teaching anything other than what Augustine had already taught. And so a monk such as Gottschalk stood before the people of his time teaching from the traditions of the old mystery knowledge. However, those who now wished to understand everything with the dawning intellect were simply unable to understand and therefore contested his teaching. But there were others who adhered more to reverence for the old and were decidedly on the side of a theologian like Gottschalk.

[ 11 ] Heute werden die Menschen außerordentlich schwer begreifen, daß über so etwas gestritten werden konnte. Es wurde aber nicht bloß gestritten. Man wurde dazumal wegen solcher Lehren, wenn sie der einen Partei nicht gefielen, öffentlich ausgepeitscht und eingesperrt, und zuletzt bekam man doch recht. Denn gerade die Rechtgläubigen stellten sich dann wiederum auf Gottschalks Seite, und die Lehre des Gottschalk blieb als die rechtmäßige katholische Lehre. — Karl der Kahle wandte sich selbstverständlich aus der ganzen Stellung, in der er zu Scotus Erigena war, an diesen, um eine Entscheidung für sich herbeizuführen. Scotus Erigena entschied nicht im Sinne von Gottschalk, sondern in dem Sinne, daß in der Entwickelung der Menschheit die Gottheit darinnensteckt, daß das Böse eigentlich nur scheinbar ein Etwas sein kann, sonst müßte ja das Böse in Gott stecken. Da Gott nur das Gute sein kann, so muß das Böse ein Nichts sein; das Nichts aber kann nicht etwas sein, mit dem die Menschen zuletzt vereinigt werden können. — So daß sich Scotus Erigena gegen den Gottschalk aussprach.

[ 11 ] It is extremely difficult for people today to understand that things like this could be the subject of bitter strife. When such teachings did not please parties with authority their author was publicly scourged and imprisoned even though he might be, and in this case was, eventually vindicated. For it was precisely the orthodox believers who ranged themselves on the side of Gottschalk, and his teaching remained the orthodox Catholic doctrine. Charles the Bald, because of his relationship to Scotus Eriugena, naturally turned to him for a verdict. Scotus Eriugena did not decide for Gottschalk's teaching but as follows: The Godhead is to be found in the evolution of mankind; evil can actually only appear to have existence—otherwise evil, too, would have to be found in God. Since God can only be the Good, evil must be a nothing; but a nothing cannot be anything with which human beings can be united. So Scotus Eriugena spoke out against the teaching of Gottschalk.

[ 12 ] Aber die Lehre des Scotus Erigena, die etwa dieselbe ist wie heute die der Pantheisten, ist von der rechtgläubigen Kirche dann wiederum verdammt worden, und die Schriften des Scotus Erigena wurden ja erst später wieder gefunden. Man hat alles verbrannt, was an ihn erinnerte; er galt als der eigentliche Ketzer. Und als er seine Anschauung bekanntmachte, die er Karl dem Kahlen vorgelegt hatte, da erklärte man auf der Seite der Gottschalkianer, die jetzt wiederum zur Anerkennung gekommen waren: Scotus Erigena ist eigentlich nur ein Schwätzer, der sich mit allerlei Federn der äußerlichen Wissenschaft schmückt, und der eigentlich von den inneren Geheimnissen des Übersinnlichen gar nichts weiß. — Ein anderer Theologe schrieb über den Leib und das Blut Christi: «De corpore et sanguine domini.» Er sprach in dieser Schrift auch dasjenige aus, was für den alten Eingeweihten eine durchschaubare Lehre war: daß tatsächlich Brot und Wein verwandelt werden kann in den wirklichen Leib und in das wirkliche Blut Christi.

[ 12 ] But the teaching of Scotus Eriugena, which was more or less the same as that of pantheists today, was in turn condemned by the orthodox Church and his writings were only later rediscovered. Everything reminiscent of his teaching was burned and he came to be regarded as the real heretic. When he made known the views he had explained to Charles the Bald, the adherents of Gottschalk—who were now again respected—declared: Scotus Eriugena is actually only a babbler who adorns himself with every kind of ornament of external science and who actually knows nothing at all about the inner mysteries of the super-sensible. Another theologian wrote about the body and blood of Christ in De Corpore et Sanguine Domini.22Ratramnus of Corbie (d. 868+), Theologian and controversialist. In this writing he said something that, for the initiates of old, had been an understandable teaching: that in actual fact bread and wine can be changed into the real body and the real blood of Christ.

[ 13 ] Wiederum wurde diese Schrift Karl dem Kahlen vorgelegt. Scotus Erigena schrieb nicht gerade eine Gegenschrift, aber in seinen Schriften haben wir vielfach Hinweise darauf, wie er sich entschieden hat, und da finden wir, daß diese Lehre, die ja die rechtgläubige katholische ist: daß Brot und Wein wirklich in den Leib und in das Blut Christi verwandelt wird, daß diese Lehre modifiziert werden müsse, weil man sie nicht einsehen könne. So sprach sich Scotus Erigena schon damals aus.

[ 13 ] This writing, too, was laid before Charles the Bald. Scotus Eriugena did not write an actual refutation but in his works we have many a hint of the decision he reached, namely, that this, the orthodox Catholic teaching of the transubstantiation of bread and wine into the body and blood of Christ, must be modified because it is not understandable to the human mind. This was how Scotus Eriugena was able to express himself, even in his day.

[ 14 ] Kurz, gerade in diesem 9. Jahrhundert wütete ganz besonders- der Kampf um das Verhältnis der Menschenseele zur übersinnlichen Welt, und es war außerordentlich schwierig für die ernsten Geister der damaligen Zeit, sich zurechtzufinden. Denn in den christlichen Dogmen waren überall Niederschläge alter Initiationswahrheiten vorhanden; aber die Ohnmacht des Verstehens war da. Man prüfte, was man äußerlich im Worte gegeben hatte — das Wort hätte man erst verstehen können nach der Entwickelung der Seelen in die geistige Welt hinein —, man prüfte, was man äußerlich im Worte gegeben hatte,nach dem, dessen man sich bewußt war in der Entfaltung der menschlichen Vernunft der damaligen Zeit. Und aus diesen Prüfungen entstanden damals wirklich innerhalb des christlichen Lebens Europas die schwersten Kämpfe.

[ 14 ] In short, the conflict concerning the human soul's relationship to the super-sensible world raged fiercely in the ninth century, and it was exceedingly difficult for serious minds of that time to find their bearings. For Christian dogmas contained everywhere deposits, as it were, of ancient truths of initiation, but people were powerless to understand them. What had been uttered in external words was put to the test. These words could only have been intelligible to a soul that had developed itself up into the spiritual world. The external words were tested against that of which people at that time had become conscious as a result of the development of human reason. And the most intense battles ensued within the Christian life of Europe from the testing of that time.

[ 15 ] Wohin tendierten denn diese Seelenerlebnisse? Sie tendierten dahin, daß sich zweierlei im Menschen ausbildete, was ja früher gar nicht vorhanden war. Früher sah der Mensch in die Sinneswelt hinein, und indem er in die Sinneswelt hineinschaute, hatte er durch seine Fähigkeiten zugleich die Anschauung von dem Geistigen, das durch die Sinneserscheinungen hindurch schaute: Er sah mit den Sinneserscheinungen Geistiges. So wie es schon die Menschen des 9. Jahrhunderts machten, so sah der alte Mensch ganz gewiß nicht Brot und Wein, denn das wäre ja ein materielles Anschauen gewesen. Es hatte aber der Mensch das materielle Anschauen mit dem spirituellen Anschauen zusammen.

[ 15 ] And where were these inner experiences leading? They were tending in the direction of a duality entirely absent in former times. In earlier times the human being looked into the sense world and, as he looked, his faculties enabled him simultaneously to behold the spiritual pervading the phenomena of this sense world. He saw the spiritual along with the phenomena of the world of sense. The people of olden times certainly did not see bread and wine in the same way people in the ninth century A.D. saw them, that is, as being merely matter. In ancient times the material and spiritual were seen together.

[ 16 ] Und ebensowenig hatte der Mensch in diesen alten Zeiten solche intellektualistischen Begriffe und Ideen, wie man sie schon im 9. Jahrhundert hatte. Die Dünnheit und Abstraktheit dieser Begriffe und Ideen war nicht vorhanden. Was der Mensch als Begriffe und Ideen erlebte, das war noch so, daß es gegenständlich, wesenhaft war. Ich habe Sie darauf aufmerksam gemacht, wie allmählich so etwas ganz abstrakt geworden ist wie Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik, Astrologie. In älteren Zeiten sah man diese Wissenschaften, in die sich der Mensch hineinlebte, so an, daß der Mensch in Beziehung kam — so sagte ich dazumal — zu wirklichen realen Wesenheiten. Aber schon damals, und noch mehr in späteren Zeiten, waren diese Grammatik, Rhetorik, Dialektik und so weiter ganz schmächtig abstrakt geworden, ohne Wesenhaftigkeit und so weiter, standen fast nur noch als Kleiderstücke, könnte man eher sagen, dem gegenüber, was in der älteren Zeit vorhanden war. Und das entwickelte sich immer weiter und weiter. Die Abstraktheit wurde immer mehr eine Abstraktheit der Begriffe, und das Konkrete wurde immer mehr zum bloß Außerlich-Sinnlichen. Und diese beiden Strömungen, die wir im 9. Jahrhundert sehen und unter deren Einfluß dann die Menschen so furchtbare Seelenkämpfe auskämpften, diese Strömungen kamen herauf bis in die neueste Zeit. Nur treten sie uns an der einen Stelle mehr, an der anderen Stelle weniger entgegen.

[ 16 ] So, too, the people in olden times didn't have concepts and ideas as intellectual as those already possessed by people living in the ninth century. The thinness and abstraction of the concepts and ideas in the ninth century were not present earlier. What people experienced earlier as ideas and concepts was still such that concepts and ideas were like real objects with essential being. Concepts and ideas in olden times were not thin and abstract, but full of living reality, of objective being. I have told you how subjects such as grammar, rhetoric, dialectic, arithmetic, geometry, music, and astrology gradually became entirely abstract. In olden times the human being's relationship to these sciences was such that as he lived into them, he entered into a relationship with real, actual beings. But already by the ninth century, and still more in later times, these sciences of grammar, rhetoric, dialectic, and so forth had become wholly thin and abstract without living content of being—almost, one might say, like mere pieces of clothing in comparison with what had formerly been present. And this process of abstraction continued. Abstraction increasingly became a quality of concepts and ideas while concrete reality increasingly became nothing more than the external sense world. These two streams, which we see in the ninth century, and which influenced men to fight such devastating soul battles—these two streams have persisted into modern times. In some instances we still experience their conflict sharply, in other instances the conflict receives less emphasis.

[ 17 ] Ganz lebendig stehen sie eigentlich vor der Menschheitsentwickelung in dem Gegensatz zwischen Goethe und Schiller. Ich habe gestern davon gesprochen, daß Goethe dazu gedrängt worden war, als er die Linnesche Botanik kennenlernte, sich das Pflanzenwesen in lebendigen Begriffen vor die Seele zu führen. Lebendige Begriffe, Begriffe, die sich verwandeln können, die also an das Imaginative herankommen. Aber ich habe auch darauf aufmerksam gemacht, wie Goethe nun strauchelt, als er von dem bloßen Pflanzlich-Lebendigen zu dem Tierisch-Empfindenden heraufschreiten will. Er kommt noch an die Imagination heran, nicht aber mehr an die Inspiration. Er sieht die äußeren Dinge. Bei den Mineralien hat er nicht die Veranlassung, zur Imagination vorzuschreiten, bei den Pflanzen tut er das. Er kommt nicht weiter damit; abstrakte Begriffe sind nicht seine Sache. Daher faßt er auch dasjenige, was nun ein höheres Geistiges ist als das Pflanzliche, nicht in abstrakte Begriffe. Er philosophiert daher im Grunde genommen nicht in der Art, wie man in seiner Zeit philosophierte.

[ 17 ] These tendencies in the evolution of humanity stand with a living clarity in the contrast between Goethe and Schiller.23Johann Christoph Friedrich von Schiller (1759–1805), German poet, dramatist, historian, and philosopher. Schiller's friendship with Goethe is celebrated. Strongly influenced by Kant, his idealism and hatred of tyranny were a powerful influence in modern German literature. Wrote Letters on the Aesthetic Education of Man (1795). Yesterday, I spoke about the fact that Goethe, having studied the botany of Linnaeus, was compelled to evolve really living concepts and pictures of the plants—concepts capable of change and metamorphosis, which, for this reason, came near to being Imaginations. But I also drew your attention to the fact that Goethe stumbled when his mind tried to rise from plant life to the animal world of sentient experience. He could reach Imagination but not Inspiration. He saw the external phenomena. With the minerals he had no cause to advance to Imagination; with plant life he did, but got no further because abstract concepts and ideas were not his strong point. Goethe did not philosophize in the manner customary in his day. Therefore, he was unable to express in abstract concepts what is found at a spiritual level higher than that of the plants.

[ 18 ] Schiller philosophiert. Er lernt sogar von Kant das Philosophieren, bis ihm die Kantsche Art dennoch zu bunt wird und er sie wieder läßt. Aber Schiller macht das nicht ohne die Abstraktheit der Begriffe, die wiederum nicht zum Wesenhaften kommen können. Und wenn wir Goethe und Schiller gegenüberstehen, dann fühlen wir gerade dieses als den Gegensatz, der eigentlich niemals zwischen den beiden überbrückt worden ist, der nur ausgeglichen worden ist durch das Großmenschliche, das in beiden lebte.

[ 18 ] But Schiller philosophized. He even learned how to philosophize from Kant, although the Kantian way ultimately became too confused for him and he left it.24Imanuel Kant (1724–1804), German philosopher of the Enlightenment. Published Critique of Pure Reason (1781). Schiller philosophized without the degree of abstraction that prevents concepts from reaching actual being. And when we study Goethe and Schiller together this is precisely what we feel to be the fundamental opposition never really bridged between them, the opposition that was only smoothed over through the greatness of soul, the essential humanity that lived in both of them.

[ 19 ] Aber dieser Gegensatz zeigte sich, als nun in den neunziger Jahren des 18. Jahrhunderts vor beide, vor Goethe und Schiller, die Frage hintrat: Wie erlangt der Mensch eigentlich ein menschenwürdiges Dasein? — Schiller legte sich die Frage in seiner Art, in der Form des abstrakten Denkens vor, und er sprach das, was er auszusprechen hatte, in seinen «Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen» aus. Da sagte er sich: Der Mensch ist auf der einen Seite unterworfen der logischen, der Vernunftnotwendigkeit. Er hat keine Freiheit, wenn er der Vernunftnotwendigkeit folgt. In der Vernunftnotwendigkeit geht seine Freiheit unter. Aber er hat auch keine Freiheit, wenn er sich nur seinen Sinnen hingibt, der sinnlichen Notwendigkeit; da zwingen ihn die Instinkte, die Triebe, da ist er wiederum nicht frei. Nach beiden Seiten, nach dem Geiste und nach der Natur hin wird der Mensch eigentlich zum Sklaven, zum Unfreien. Und es kann der Mensch nur frei werden, meint Schiller, wenn er die Natur so anschaut, als wenn sie ein lebendiges Wesen wäre, als wenn in ihr Geist und Seele wäre, wenn er also die Natur heraufhebt. Aber dann muß er auch die Vernunftnotwendigkeit herunterbringen bis zur Natur. Der Mensch muß gewissermaßen die Natur so für sich betrachten, als ob sie Vernunft hätte. Dann verschwindet aus der Vernunft die starre Vernunftnotwendigkeit, die starre Logik. Andererseits, wenn der Mensch sich bildlich ausspricht, so gestaltet er, statt daß er logisch analysiert und synthetisiert; und indem der Mensch bildet, nimmt er der Natur ihre bloß sinnliche Notwendigkeit. Aber das alles kann man nur ausdrücken, sagte Schiller, im künstlerischen Schaffen und im ästhetischen Genießen. Steht man einfach der Natur gegenüber in irgendeiner Weise, so unterliegt man den Instinkten, den Trieben der Naturnotwendigkeit. Bewegt man sich in seinem Geiste, so muß man der logischen Notwendigkeit folgen, wenn man nicht dem Menschlichen untreu werden will. Wenn man die beiden verbindet, dann senkt sich die Vernunftnotwendigkeit und gibt etwas von ihrer Notwendigkeit ab in das Sinnliche hinein; das Sinnliche gibt von seiner Triebnatur etwas ab. Und wir stellen zum Beispiel den Menschen in den Bildhauerwerken so hin, als ob schon in dem Sinnlichen selber Geist enthalten wäre. Wir führen den Geist hinunter in die Sinnlichkeit, indem wir die Sinnlichkeit hinaufführen zum Geiste, und es entsteht das Bilden, das Schöne. Nur indem der Mensch das Schöne schafft oder das Schöne genießt, lebt er in der Freiheit.

[ 19 ] However, this fundamental difference of approach showed itself in the last decade of the eighteenth century when Goethe and Schiller were both occupied with the question: How can the human being achieve an existence worthy of his dignity? Schiller set forth the question in his own way in the form of abstract thought, and he what he had to say about it appeared in his Letters on the Aesthetic Education of Man. He says there: The human being is, on the one hand, subject to the necessity implicit in logic and reason. He has no freedom when he follows the necessity of reason. His freedom goes under in the necessity of reason. But neither is he free when he surrenders himself wholly to the senses, to the necessity implicit in the senses; in this sphere, instincts and natural urges coerce him and again he is not free. In both directions, actually, toward the spirit and toward nature, the human being becomes a slave, unfree. Schiller concludes that the human being can only become free when he views nature as if it were a living being, as if nature had spirit and soul within it—in other words, if he raises nature to a higher level. But then he must also bring the necessity implicit in reason right down into nature. He must, as it were, regard nature as if it had reason; but then the rigidity of necessity and logic vanish from reason. When a human being expresses himself in pictures he is giving form, creating, instead of logically analyzing and synthesizing; and as he creates in this way he removes from nature the element of necessity caused by the mere senses. But this achievement of freedom, said Schiller, can only be expressed in artistic creation and aesthetic appreciation. One who simply confronts nature passively is under the sway of the necessity implicit in nature, of instincts, natural desires, and urges. If he sets his mind to work he must follow the necessity implicit in logic—if he does not wish to be untrue to the human. When we combine the two, nature and logic, then the necessity implicit in reason subsides, then reason yields something of its necessity to the sense world and the sense world of nature yields something of its instinctual compulsion. And the human being is represented in works of sculpture, for instance, as if spirit itself were already contained in the sensible world. We lead the spirit down into the sensuality of material nature while leading the sensuality of material nature up to the spirit, and the creation through images, the beautiful, arises. Only while creating or appreciating the beautiful does the human being live in freedom.

[ 20 ] Bedenken Sie, indem Schiller diese ästhetischen Briefe verfaßt hat, hat er mit aller inneren Seelenkraft darnach gestrebt, etwas für den Menschen zu finden, zum Beispiel wann dieser Mensch frei sein könne. Und einzig und allein findet er die Möglichkeit, die menschliche Freiheit zu verwirklichen — in dem Leben im schönen Schein. Der Mensch muß die grobe Wirklichkeit fliehen — so sagt schon Schiller, wenn er es auch nicht deutlich ausspricht —, wenn er frei werden will, also ein menschenwürdiges Dasein erringen will. Nur im Scheine kann eigentlich die Freiheit erreicht werden.

[ 20 ] In writing these Letters on the Aesthetic Education of Man, Schiller strove with all the power of his soul to find out when it is possible for a human being to be free. And the only possibility of realizing human freedom he found in the life of beautiful appearances. We must flee crude reality if we desire to be free, that is to say, if we wish to achieve an existence worthy of a human being. This is what Schiller really meant, though he may not have stated it explicitly. Only in appearance, in semblance, can freedom really be attained.

[ 21 ] Nietzsche, der von all diesen Dingen noch durchsetzt war und eben doch auch nicht zu einer wirklichen Anschauung des Geistes durchdringen konnte, verfaßte ja sein erstes Buch «Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik», worin er zeigen wollte: Die Griechen hätten die Kunst erfunden, um etwas zu haben, wodurch sie sich als freie Menschen in Menschenwürde über die Wirklichkeit der äußeren Sinne erheben könnten, in der man niemals seine Menschenwürde erringen kann; sie hätten sich über die Wirklichkeit der Dinge hinweggesetzt, um im Schein, im künstlerischen Schein die Möglichkeit der Freiheit zu erringen. Nietzsche interpretierte das ins Griechentum hinein. In dieser Beziehung sprach Nietzsche bloß in radikaler Weise aus, was schon in Schillers «Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen» liegt. Man kann also sagen, Schiller lebte in einer abstrakten Geistigkeit, aber in ihm lebte zugleich der Impuls, dem Menschen seine Würde zu geben. Sehen Sie sich das Großartige, das Herrliche, das Bewundernswürdige dieser ästhetischen Briefe an. Sie sind im Grunde genommen in bezug auf die Dichtung und in bezug auf die menschliche Seelenkraft größer als alle anderen Schillerschen Werke. Sie sind eigentlich das Größte, was Schiller geleistet hat, wenn wir seine Gesamtleistungen ins Auge fassen. Aber Schiller kämpft damit von seinem abstrakten Standpunkt aus, bei dem er im Sinne des abendländischen Geisteslebens auch beim Intellektualismus angekommen war. Von diesem seinem Standpunkt aus zu der wahren Wirklichkeit kommen, das konnte er nicht. Er konnte nur den Schein der Schönheit erreichen.

[ 21 ] Nietzsche, who was steeped in all these matters, nevertheless could not penetrate through to an actual perception of the spirit. In his first book, The Birth of Tragedy out of the Spirit of Music,25Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844–1900), German philosopher and poet. Professor of classical philology, Basel (1869–79). Known for denouncing religion, and for espousing the perfectibility of human beings through forcible self-assertion. Published The Birth of Tragedy out of the Spirit of Music (1872). he wanted to show that the Greeks created art in order to have something through which, as free human beings in dignity, they might be able to rise above the reality presented by the external senses, the reality in which the human being can never achieve his true dignity. They raised themselves above the reality of things in order to achieve the possibility of freedom in appearances, in artistic appearances. Thus did Nietzsche interpret Greek culture. And here Nietzsche merely expressed, in a radical form, what was already contained in Schiller's letters on the aesthetic education of man. Therefore, we can say that Schiller lived in an abstract spirituality, but that at the same time there lived within him the impulse to grant the human being his true dignity. Just look at the sublimity, the greatness, of his letters on aesthetic education. They are worthy of the very highest admiration. In terms of poetic feeling, in terms of the power of soul, they are really greater than all his other works. When we think of the sum total of his achievements, these letters are the greatest of them all. But Schiller had to struggle with them from an abstract point of view, for he too had arrived at the intellectualism characterizing the spiritual life of the west. And from this standpoint he could not reach true reality. He could only reach the shining appearance of the beautiful.

[ 22 ] Als Goethe diese «Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen» bekam, da konnte er nicht leicht sich zurechtfinden. Im abstrakten Gang der menschlichen Vernunft war eigentlich Goethe nicht bewandert. Aber auch für ihn war das ein Problem, wie der Mensch seine Menschenwürde erringt, wie da die geistigen Wesenheiten zusammenarbeiten müssen, um dem Menschen seine Menschenwürde zu geben, so daß er erwacht gegenüber der geistigen Welt, sich hineinlebt in die geistige Welt. Schiller konnte aus dem Begriff nicht herauskommen zu der Wirklichkeit. Goethe wollte nun das, was Schiller in den ästhetischen Briefen ausgesprochen hatte, in seiner Art auch aussprechen.

[ 22 ] When Goethe read Schiller's letters on the aesthetic education of man it was not easy for him to find his way around in them. Goethe was actually not very adept at following the processes of abstract reasoning. But he, too, was concerned with the problem of how man can achieve true dignity, how spiritual beings must work together in order to give the human being dignity so that awakened to the spiritual world, he can live into it.

[ 23 ] Er sprach es in seiner Art bildhaft aus in dem «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie». In all den Gestalten haben wir ja Seelenkräfte zu sehen, die zusammenwirken, um dem Menschen seine freie Menschenwürde zu geben, seine Menschenwürde in Freiheit zu geben. Aber Goethe konnte den Weg von dem, was er bloß in Imaginationen ausdrücken konnte, hinauf zum wirklichen Geistigen nicht finden. Daher blieb es bei Goethe beim Märchen, beim Bilde, bei einer Art höherer Symbolik, allerdings einer außerordentlich lebendigen Symbolik, aber doch nur bei einer Art von Symbolik. Schiller prägte abstrakte Begriffe, konnte in keine Wirklichkeit herein, blieb beim Schein. Goethe prägte, indem er den Menschen in seiner Freiheit begreifen wollte, viele Bilder, die anschaulich waren, sinnlich anschaulich, aber mit denen er auch nicht hinein konnte in die Wirklichkeit. Er blieb an der Beschreibung des Sinnlichen haften. Sehen Sie, wie wunderschön diese Beschreibung des Sinnlichen im Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie ist; aber eigentlich anschaulich wird die Befreiung des gelähmten Prinzen nicht, nur symbolisch anschaulich. Die gegensätzlichen Strömungen, die heraufgekommen waren, und die ich Ihnen charakterisiert habe, von denen keine eigentlich in die geistige Welt hinein konnte, die sprechen sich hier in den zwei Persönlichkeiten aus. Sowohl Schiller wie Goethe strebten im Grunde genommen in die geistige Welt hinein von entgegengesetzten Seiten, aber sie konnten nicht hinein.

[ 23 ] Schiller could not emerge from the picture, or image, to the reality. What Schiller had said in his letters, Goethe also wanted to say, but in his own way. He did so in the pictures and imagery in his Fairy Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily.26Johann Wolfgang von Goethe, Fairy Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily, (Blauvelt, NY: Steinerbooks, 1979). In all the figures in this fairy tale we are to see powers of the soul working together to impart to man his true dignity, in freedom. But Goethe was unable to find the way from what he had been able to express in Imaginations up to the truly spiritual. Hence, he got no further than the fairy tale, a picture, a kind of higher symbolism. It was, it is true, full of an extraordinary amount of life; still, it was only a kind of symbolism. Schiller formed abstract concepts, but remaining with appearance he could not get into reality. Goethe, trying to understand the human being in his freedom, created many pictures, vividly concrete pictures, but they could not get him into reality either. He remained stuck with mere descriptions of the world of sense. You see, his description of the sense images in the Fairy Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily. are wonderfully beautiful, yet it cannot be said that the final freeing of the crippled prince is intuitively obvious and real; it is only symbolically real. Neither of the two contrasting streams expressed in the personalities of Goethe and Schiller, could find a way into the real experience of the spiritual world. Both were striving from opposite sides to penetrate into the spiritual world, but could not get in.

[ 24 ] Was lag da eigentlich vor? Es wird Ihnen sonderbar scheinen, was ich Ihnen sagen werde, und dennoch, wer mit psychologischer Unbefangenheit die Dinge anschaut, wird sie so ansehen müssen, wie ich es jetzt sagen werde.

[ 24 ] What was really going on? What I am going to say may seem strange. Nevertheless, those who approach these matters without psychological bias will have to agree with the following.

[ 25 ] Man nehme die beiden Strömungen, die in der Scholastik vorhanden sind. Einmal die Vernunfterkenntnis, die aus der Sinnlichkeit ihre Eigenschaften schöpft, aber nicht bis zum Wirklichen vordringt. Durch die mannigfaltigsten Gestaltungen kommt diese Strömung weiter und weiter, von einer Persönlichkeit zu der anderen, auch auf Schiller herunter. Er wird gewissermaßen hineingezogen in eine solche Erkenntnisart, von der die Scholastik gesagt hat: Man kann damit nur die Ideen aus dem Sinnlichen gewinnen. — Doch Schiller ist außerstande, dazu ist er ein viel zu starker Vollmensch, in der Sinnlichkeit etwas anzuerkennen, was der Mensch sein darf, wenn er seine Menschenwürde haben soll. Die scholastische Erkenntnis bringt nur herauf die Ideen aus der Sinnenwelt. Schiller läßt die Sinnenwelt weg, und da bleiben nur die Ideen. In denen bringt er es zu keiner Wirklichkeit, sondern nur zu dem schönen Schein. Er also ringt damit: Was soll man eigentlich machen mit dieser scholastischen, aus dem Menschen gewonnenen Erkenntnis, um dem Menschen irgendwie seine Würde zu geben? Da kann man sich gar nicht mehr an die Wirklichkeit halten, da muß man zum schönen Schein seine Zuflucht nehmen. — Sie sehen, in welcher Weise bei Schiller sich der Ausläufer der scholastischen VernunfterkenntnisStrömung findet.

[ 25 ] Think of the two streams present in Scholasticism. For one, there is the knowledge from reason, creating its content out of the world of sense but not penetrating through to reality. This stream flows on through manifold forms, passing from one personality to another, also down to Schiller. Scholasticism held that one can only obtain ideas from the world of sense—and Schiller was drawn into this way of knowing. But Schiller was far too complete a human being to regard the sensuality of physical matter as compatible with true human dignity. Scholastic knowledge merely extracts ideas out of the world of sense. Schiller's solution was to let go of the world of sense so that only ideas remain. But with ideas alone he could not reach reality—he only reached beautiful appearances. He struggled with this problem: What should be done with this scholastic knowledge which man has produced out of himself, so that he can somehow be given his dignity? His answer was that one can no longer stay with reality, that one must take refuge in the beauty of appearances. Thus you see how the stream of scholastic knowledge from reason found its way to Schiller.

[ 26 ] Goethe hat sich um diese Vernunfterkenntnis nicht viel gekümmert. Er war eigentlich viel mehr angeregt durch die Offenbarungserkenntnis; wenn Sie das auch sonderbar finden, aber es ist doch so. Das Logisieren lag Goethe nicht. Und wenn er sich auch nicht gerade an die katholischen Dogmen hielt, deren Notwendigkeit ihm später, als er seinen «Faust» vollenden wollte, zur künstlerischen Ausgestaltung dennoch einleuchtete, wenn er auch in seiner Jugend sich nicht an die katholischen Dogmen hielt, so hielt er sich doch an dasjenige, was an die übersinnliche Welt so weit herangeht, als er es erreichen konnte. Goethe von einem Glauben zu sprechen — das machte ihn in einem gewissen Sinne wütend. Als ihm in seiner Jugend Jacobi vom Glauben sprach, da sagte er: Ich halte mich ans Schauen. — Vom Glauben wollte Goethe nichts wissen. Diejenigen, die Goethe etwa für einen Glauben in Anspruch nehmen, die verstehen Goethe ganz und gar nicht. Er wollte schauen. Und er war schon auf dem Wege, von seinen Imaginationen herauf auch zu den Inspirationen zu kommen und zu den Intuitionen. Damit hätte er natürlich nicht ein Theologe des Mittelalters werden können, aber er hätte ein alter Gott-Schauer oder ein Schauer der übersinnlichen Welten werden können. Auf dem Wege dahin war er schon, nur hat er nicht hinauf gekonnt. Er kam bloß bis zur Anschauung des Übersinnlichen in der Pflanzenwelt. So daß er, als er die Pflanzenwelt verfolgte, schon nebeneinander Spirituelles und Sinnliches verfolgte, wie es auch in den alten Einweihungsmysterien war; aber er blieb bei den Pflanzen stehen.

[ 26 ] Goethe did not care much for this kind of knowledge. Actually he was much more excited by knowledge as revelation. You may find this strange; nevertheless, it is true. And even if he did not adhere to those Catholic dogmas, the necessity of which became clear to him as he was trying to complete Faust, and express them artistically, even if he did not adhere to the Catholic dogmas of his youth, still he held to things pertaining to the super-sensible world at the level he was able to reach. To speak to Goethe of a faith—this, in a way, made him furious. When, in Goethe's youth, Jacobi spoke to him about belief, about faith, he replied: I keep to vision, to seeing.27Friedrich Heinrich Jacobi (1743–1819), president of the Munich Academy. In opposition to the thinkers of the Enlightenment, he recognized only two types of people: Christian believers and those who trusted their reason. Reason, Jacobi taught, is not the way to arrive at ultimate truth. Goethe didn't want to hear anything about belief or faith. Those who claim him for any particular faith simply do not understand him at all. He was out to see, to behold. Furthermore, he was actually on the way from his Imaginations to Inspirations and Intuitions. In this way he could naturally never have become a theologian of the Middle Ages, but he could have become like an ancient seer of the divine, a seer of super-sensible worlds. He was certainly on the way, but was simply unable to ascend high enough. He only got far enough to see the super-sensible in the world of the plants. When he studied the plant world he was actually able to see the spiritual and the sensible next to one another as had the initiates in the ancient mysteries. But Goethe got no further than the plant world.

[ 27 ] Was konnte er denn da nur tun? Er konnte nichts anderes tun, als für die ganze übersinnliche Welt nun die bildhafte Art, die symbolische, die imaginative Art zu verwenden, die er an den Pflanzen kennengelernt hatte. Und so kam er im Grunde genommen nur eigentlich bis zu einer imaginativen Darstellung der Welt, wenn er in seinem Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie vom Seelischen sprach.

[ 27 ] What, then, was the only thing he could do? He could only apply to the whole world of the super-sensible the pictorial method, the symbolism, the imaginative contemplation which he had learned to apply to the plants. And so, when he spoke of the soul life in his fairy tale he was only able to achieve an imaginative presentation of the world.

[ 28 ] Beachten Sie: Da, wo das Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie an das Pflanzenhafte erinnert, an dasjenige, woran man mit Imaginationen herankommt, wie sie Goethe an der Pflanzenwelt entwickelte, da ist das Märchen ganz besonders schön. Versuchen Sie nur alles das auf sich wirken zu lassen in diesem Märchen, was im Stil von Pflanzenimagination gehalten ist, da wird es ganz wunderschön. Und im Grunde genommen hat auch das, was sonst darin ist, immer die Tendenz, Pflanze zu werden. Die weibliche Gestalt, auf die es besonders ankommt, die nennt er Lilie. Er kriegt sie nicht mehr zu wirklichem, starkem Leben; er kriegt sie so, daß sie eine Art Pflanzendasein hat. Und wenn Sie alle die Gestalten anschauen, die in dem Märchen vorkommen, so führen sie eigentlich in Wahrheit ein Pflanzendasein; aber wo sie weiter hinaufgebracht werden müssen, da wird das Höhere nur symbolisch, und da droben, da führen sie eigentlich ein Scheindasein.

[ 28 ] Whenever the Fairy Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily. mentions anything concerning plant life, anything that can be approached with Imaginations such as those developed by Goethe for the world of plants, then the writing is particularly beautiful. Just allow everything expressed in the style of Imaginations of the plant world in this fairy tale to work on you and you will feel a wonderful beauty. Actually, the rest of the fairy tale's contents also have a tendency to become plantlike. The central female figure, upon whom so much depends, he names Lily. Goethe does not manage to imbue her with real, potent life; he manages only to give her a kind of plant existence. And if you look at all the figures appearing in the fairy tale, actually they all lead a kind of plant existence. Where it becomes necessary to raise them to a higher level, they become mere symbols, and their existence is mere appearance at that level.

[ 29 ] So richtig real sind die Könige, die da auftreten, auch nicht. Auch die bringen es nur bis zum Pflanzendasein, sie sagen es nur, daß sie ein anderes haben. Denn da müßte etwas hineininspiriert sein in den goldenen König, in den silbernen König, in den ehernen König, wenn sie wirklich leben sollten in der geistigen Welt.

[ 29 ] The kings that appear in the fairy tale aren't properly real either. They, too, only manage to achieve a plantlike existence; they only claim to have another kind of life as well. Something would have to be in-spired into the golden king, the silver king, and the bronze king before they could really live in the spiritual world.

[ 30 ] Also Goethe lebt dar, man möchte sagen, ein Leben in Offenbarungserkenntnis, in übersinnlicher Erkenntnis, das er nur bis zu einer gewissen Stufe bewältigt. Schiller lebt dar die Vernunfterkenntnis, die andere Art, welche die Scholastik ausgebildet hat, die er aber nicht ertragen kann, weil er sie bis zu einer Wirklichkeit bringen will, es aber nur bis zur Wirklichkeit des Scheins in der Schönheit bringt.

[ 30 ] Thus Goethe lived out a life of knowledge as revelation, as super-sensible knowledge, which he has only mastered up to a certain level. Schiller lived out the other kind of knowledge, knowledge as reason, which was developed by Scholasticism. But he could not bear this knowledge because he wanted to follow it into reality and it could only lead him as far as the reality of the beauty in appearances.

[ 31 ] Man kann sagen: Die ungeheure innerliche Wahrheit in den beiden Persönlichkeiten, die läßt sie so aufrichtig sein, daß keiner mehr sagt, als er sagen kann. Daher stellt Goethe das Seelische dar, wie wenn es eine Vegetation wäre, und Schiller stellt den freien Menschen dar, wie wenn dieser freie Mensch überhaupt nur ästhetisch leben könnte. Die ästhetische Gesellschaft, die ästhetische Sozietät ist das, was Schiller zum Schluß in seinen ästhetischen Briefen als die «soziale Forderung», möchte man sagen, aufstellt: Werdet so, daß die soziale Gesellschaft sich als schön darstellt — sagt Schiller —, wenn der Mensch frei werden soll. — Man sieht in dem Verhältnis von Goethe zu Schiller, wie diese Strömungen herauf fortleben. Was sie gebraucht hätten, das wäre bei Goethe das Heraufheben aus der Imagination zur Inspiration gewesen, bei Schiller das Beleben der abstrakten Begriffe mit der imaginativen Welt. Dann erst hätten sie völlig zusammenkommen können.

[ 31 ] One can say that the inner truth of the two personalities made them so upright that neither one said more than he was truly able to say. Thus Goethe depicts the life of the soul as if it were a kind of vegetation, and Schiller portrays the free individual as if a free human being could only live aesthetically. An aesthetic society—that, as the social challenge, is what Schiller brings forward at the end of the letters on the aesthetic education of man. If the human being is to become free, says Schiller, let him so live that society manifests itself as beauty. In Goethe's relationship to Schiller we see how these streams live on. What they would have needed was the ascent from Imagination to Inspiration in Goethe, and the enlivening of abstract concepts with the imaginative world in Schiller. Only then could they have completely come together.

[ 32 ] Und wenn Sie beiden in die Seele hineinschauen, so müssen Sie sagen: Beide waren dazu veranlagt, sich in eine Welt des Geistes hineinzubegeben. Wie rang Goethe mit dem, was er das Frommsein nannte! Wie sprach Schiller es aus: Zu welcher der bestehenden Religionen bekennst du dich? — Zu keiner —, sagt er. Warum? — Aus Religion!

[ 32 ] If you look into the souls of both of them you would have to say that both possessed qualities which could lead them into a world of spirit. Goethe struggled constantly with what he called “religious inclinations” or “piety.” Schiller, when asked, “To which of the existing religions do you confess?” said “To none.” And when he was asked why, he replied—“For religious reasons!”28Schiller, Votiftafeln: Mein Glaube.

[ 33 ] Wir sehen, wie gerade für erleuchtete Geister mit dem Ausbreiten des Übersinnlichen aus dem, was der Mensch erkennend erleben kann, auch das Religiöse fließt. Es wird also auch das Religiöse erst wiederum erlangt werden müssen durch das Umwandeln der heutigen bloß intellektualistischen Erkenntnis in spirituelle Erkenntnis.

[ 33 ] As the super-sensible world flows into the human soul from knowledge that is actually experienced, we see how, especially for enlightened spirits, religion itself also flows into the soul. Thus religion will once again have to be attained—through the transformation of the merely intellectual knowledge of today into spiritual knowledge.