Spiritual Forces Working in the Shared Lives
of the Older and Younger Generations
GA 217
6 October 1922, Stuttgart
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Geistige Wirkenskräfte im Zusammenleben von alter und junger Generation
Vierter Vortrag
Vierter Vortrag
[ 1 ] Ich möchte heute beginnen mit einer Beurteilung der Ethik, wie sie sich bis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts hin entwickelt hat. Nicht etwa um nachzuweisen, daß philosophische Darstellungen der Ethik irgendwie impulsiv für die Moral der Menschen wirken könnten, sondern um Ihnen anschaulich zu machen, wie dasjenige, was aus ganz anderen Untergründen heraus sittlich bestimmend für die Menschen wirkt, symptomatisch in den philosophischen Darstellungen des Sittlichen zum Ausdruck kommt.
[ 1 ] Ich möchte heute beginnen mit einer Beurteilung der Ethik, wie sie sich bis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts hin entwickelt hat. Nicht etwa um nachzuweisen, daß philosophische Darstellungen der Ethik irgendwie impulsiv für die Moral der Menschen wirken könnten, sondern um Ihnen anschaulich zu machen, wie dasjenige, was aus ganz anderen Untergründen heraus sittlich bestimmend für die Menschen wirkt, symptomatisch in den philosophischen Darstellungen des Sittlichen zum Ausdruck kommt.
[ 2 ] Man muß überhaupt die Ansicht aufgeben, als ob Philosophien, wenn sie vom Intellekt ausgehen, irgendwie unmittelbar richtunggebend sein könnten. Aber in demjenigen, was die Philosophen sagen, drückt sich doch der ganze Zeitimpuls aus. Niemand wird zum Beispiel behaupten, daß unser Wärmegefühl in einem Zimmer vom Stande des Thermometers beeinflußt wird, aber jeder weiß, daß der Stand des Thermometers selbst von dem abhängig ist, was man die Wärmeverhältnisse eines Zimmers nennen kann. Ebenso, möchte ich sagen, sieht man bei den Philosophen, die von Sittlichkeit sprechen, welches der allgemeine sittliche Stand ist.
[ 2 ] Man muß überhaupt die Ansicht aufgeben, als ob Philosophien, wenn sie vom Intellekt ausgehen, irgendwie unmittelbar richtunggebend sein könnten. Aber in demjenigen, was die Philosophen sagen, drückt sich doch der ganze Zeitimpuls aus. Niemand wird zum Beispiel behaupten, daß unser Wärmegefühl in einem Zimmer vom Stande des Thermometers beeinflußt wird, aber jeder weiß, daß der Stand des Thermometers selbst von dem abhängig ist, was man die Wärmeverhältnisse eines Zimmers nennen kann. Ebenso, möchte ich sagen, sieht man bei den Philosophen, die von Sittlichkeit sprechen, welches der allgemeine sittliche Stand ist.
[ 3 ] Sie sehen, daß ich die philosophischen Darstellungen des Ethischen etwas anders behandle, als das gewöhnlich geschieht. Ich behandle sie nur wie eine Art Thermometerstand gegenüber den Temperaturverhältnissen. Aber so, wie man über die Wärmeverhältnisse eines Zimmers Bescheid weiß, wenn man den Thermometerstand kurz angibt, so erfährt man unermeßlich viel von dem, was in den Untergründen des allgemeinen Menschenlebens einer Gegend, eines Zeitalters liegt, wenn man weiß, was die Philosophen dieses Zeitalters in ihren Darstellungen zum Ausdruck bringen.
[ 3 ] Sie sehen, daß ich die philosophischen Darstellungen des Ethischen etwas anders behandle, als das gewöhnlich geschieht. Ich behandle sie nur wie eine Art Thermometerstand gegenüber den Temperaturverhältnissen. Aber so, wie man über die Wärmeverhältnisse eines Zimmers Bescheid weiß, wenn man den Thermometerstand kurz angibt, so erfährt man unermeßlich viel von dem, was in den Untergründen des allgemeinen Menschenlebens einer Gegend, eines Zeitalters liegt, wenn man weiß, was die Philosophen dieses Zeitalters in ihren Darstellungen zum Ausdruck bringen.
[ 4 ] Nur von diesem Gesichtspunkte aus betrachten Sie es also, wenn ich Ihnen eine kurze Stelle vorlese, die im Jahre 1893 in der «Deutschen Literaturzeitung» erschienen ist und von Spencers «Prinzipien der Ethik» handelt. Da lesen wir: «Er enthält den, wie ich glaube, vollständigsten» — so sagt der Rezensent — «und mit erdrückendem Material geführten Nachweis, daß es schlechterdings keinen allgemeinmenschlichen Inhalt des Sittlichen, oder unveränderliche Sittengebote gibt; daß nur eine einzige Norm existiert, welche aller Schätzung menschlicher Eigenschaften und Handlungen zugrunde liegt: die praktische Angemessenheit oder Unangemessenheit eines Charakters oder einer Tat an den gegebenen Zustand der Gesellschaft, in welcher die Beurteilung stattfindet; und daß eben deswegen die nämlichen Dinge in verschiedenen Kulturverhältnissen sehr verschieden bewertet worden sind. Referent ist der Ansicht, daß diese Meisterleistung» — also die Spencer sehen Prinzipien der Ethik — «... die letzten Versuche, ethische Unterscheidungen auf Intuitionen, angeborene Gefühle, selbst evidente
[ 4 ] Nur von diesem Gesichtspunkte aus betrachten Sie es also, wenn ich Ihnen eine kurze Stelle vorlese, die im Jahre 1893 in der «Deutschen Literaturzeitung» erschienen ist und von Spencers «Prinzipien der Ethik» handelt. Da lesen wir: «Er enthält den, wie ich glaube, vollständigsten» — so sagt der Rezensent — «und mit erdrückendem Material geführten Nachweis, daß es schlechterdings keinen allgemeinmenschlichen Inhalt des Sittlichen, oder unveränderliche Sittengebote gibt; daß nur eine einzige Norm existiert, welche aller Schätzung menschlicher Eigenschaften und Handlungen zugrunde liegt: die praktische Angemessenheit oder Unangemessenheit eines Charakters oder einer Tat an den gegebenen Zustand der Gesellschaft, in welcher die Beurteilung stattfindet; und daß eben deswegen die nämlichen Dinge in verschiedenen Kulturverhältnissen sehr verschieden bewertet worden sind. Referent ist der Ansicht, daß diese Meisterleistung» — also die Spencer sehen Prinzipien der Ethik — «... die letzten Versuche, ethische Unterscheidungen auf Intuitionen, angeborene Gefühle, selbst evidente
[ 5 ] Axiome usw. zu gründen, in der Wissenschaft wenigstens mundtot machen muß.» Ich lese Ihnen diese Worte aus dem Grunde vor, weil sie die ethische Stimmung fast der ganzen zivilisierten Welt vom Ende des neunzehnten Jahrhunderts charakterisieren, jene ethische Stimmung, die sich so weit entwickelt hatte, daß sie in philosophische Worte gefaßt werden konnte.
[ 5 ] Axiome usw. zu gründen, in der Wissenschaft wenigstens mundtot machen muß.» Ich lese Ihnen diese Worte aus dem Grunde vor, weil sie die ethische Stimmung fast der ganzen zivilisierten Welt vom Ende des neunzehnten Jahrhunderts charakterisieren, jene ethische Stimmung, die sich so weit entwickelt hatte, daß sie in philosophische Worte gefaßt werden konnte.
[ 6 ] Machen wir uns einmal klar, was hier eigentlich gesagt wird. Es wird in dem wirklich außerordentlich bedeutenden Werke, in Spencers «Prinzipien der Ethik», der Versuch unternommen, mit erdrückendem Material — es ist schon so, wie der Rezensent sagt — nachzuweisen, daß aus dem menschlichen Seelenleben sogenannte moralische Intuitionen, moralische Axiome oder dergleichen nicht hervorgeholt werden können, daß man endlich aufhören müsse, über solche moralische Intuitionen zu sprechen. Denn das einzige, was man sagen kann, ist: Die Menschen handeln aus der natürlichen Veranlagung heraus. Dieses Handeln wird beurteilt von der gesellschaftlichen Umgebung. Der Mensch ist gezwungen, sein Handeln nach dem Urteil der gesellschaftlichen Umgebung einzurichten. Daraus ergeben sich die konventionellen, sittlichen Urteile, die sich modifizieren, je nachdem sich die menschliche Gesellschaft von Zeitalter zu Zeitalter ändert. Und es wird hier von einem Rezensenten im Beginne der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts gesagt, es sei nun endlich möglich, alle Versuche, über Ethik und sittliche Anschauungen so zu sprechen, als ob es unmittelbar aus der Seele hervorgeholte moralische Intuitionen gäbe, wenigstens soweit die Wissenschaft in Betracht komme, mundtot zu machen.
[ 6 ] Machen wir uns einmal klar, was hier eigentlich gesagt wird. Es wird in dem wirklich außerordentlich bedeutenden Werke, in Spencers «Prinzipien der Ethik», der Versuch unternommen, mit erdrückendem Material — es ist schon so, wie der Rezensent sagt — nachzuweisen, daß aus dem menschlichen Seelenleben sogenannte moralische Intuitionen, moralische Axiome oder dergleichen nicht hervorgeholt werden können, daß man endlich aufhören müsse, über solche moralische Intuitionen zu sprechen. Denn das einzige, was man sagen kann, ist: Die Menschen handeln aus der natürlichen Veranlagung heraus. Dieses Handeln wird beurteilt von der gesellschaftlichen Umgebung. Der Mensch ist gezwungen, sein Handeln nach dem Urteil der gesellschaftlichen Umgebung einzurichten. Daraus ergeben sich die konventionellen, sittlichen Urteile, die sich modifizieren, je nachdem sich die menschliche Gesellschaft von Zeitalter zu Zeitalter ändert. Und es wird hier von einem Rezensenten im Beginne der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts gesagt, es sei nun endlich möglich, alle Versuche, über Ethik und sittliche Anschauungen so zu sprechen, als ob es unmittelbar aus der Seele hervorgeholte moralische Intuitionen gäbe, wenigstens soweit die Wissenschaft in Betracht komme, mundtot zu machen.
[ 7 ] Ich habe diese einzelne Erscheinung herausgegriffen, weil sie tatsächlich dasjenige charakterisiert, dem man in jener Zeit sich gegenübergestellt fand, wenn man über Ethik, über Sittenimpulse nachsann.
[ 7 ] Ich habe diese einzelne Erscheinung herausgegriffen, weil sie tatsächlich dasjenige charakterisiert, dem man in jener Zeit sich gegenübergestellt fand, wenn man über Ethik, über Sittenimpulse nachsann.
[ 8 ] In diese Zeitstimmung hinein versuchte ich meine «Philosophie der Freiheit» zu schicken, die in der Anschauung gipfelt, daß jetzt, also am Ende des neunzehnten Jahrhunderts, gerade die Zeit gekommen sei, die im eminentesten Sinne notwendig macht, daß die Menschen sich darauf besinnen, wie sie sittliche Impulse immer mehr und mehr dadurch finden können, daß sie auf das Wesen der menschlichen Seele selber zurückgehen. Selbst für die sittlichen Impulse des Alltags müssen sie immer mehr und mehr zu moralischen Impulsen ihre Zuflucht nehmen, weil andere Impulse als die unmittelbar in der menschlichen Seele bloßzulegenden moralischen Intuitionen immer weniger bestimmend sein können. Diese Situation lag dazumal für mich vor. Ich fand mich genötigt, zu sagen: AlleZukunft der menschlichen Ethik hängt davon ab, daß die Kraft der moralischen Intuition mit jedem Tage stärker werde. Damit war auch gesagt, daß wir mit Bezug auf die moralische Pädagogik überhaupt nur vorwärtskommen, wenn wir die Kraft der moralischen Intuition in der menschlichen Seele immer mehr stärken, wenn wir das einzelne menschliche Individuum immer mehr und mehr dahin bringen, sich bewußt zu werden, was in seiner Seele an moralischen Intuitionen ersprießen kann.
[ 8 ] In diese Zeitstimmung hinein versuchte ich meine «Philosophie der Freiheit» zu schicken, die in der Anschauung gipfelt, daß jetzt, also am Ende des neunzehnten Jahrhunderts, gerade die Zeit gekommen sei, die im eminentesten Sinne notwendig macht, daß die Menschen sich darauf besinnen, wie sie sittliche Impulse immer mehr und mehr dadurch finden können, daß sie auf das Wesen der menschlichen Seele selber zurückgehen. Selbst für die sittlichen Impulse des Alltags müssen sie immer mehr und mehr zu moralischen Impulsen ihre Zuflucht nehmen, weil andere Impulse als die unmittelbar in der menschlichen Seele bloßzulegenden moralischen Intuitionen immer weniger bestimmend sein können. Diese Situation lag dazumal für mich vor. Ich fand mich genötigt, zu sagen: AlleZukunft der menschlichen Ethik hängt davon ab, daß die Kraft der moralischen Intuition mit jedem Tage stärker werde. Damit war auch gesagt, daß wir mit Bezug auf die moralische Pädagogik überhaupt nur vorwärtskommen, wenn wir die Kraft der moralischen Intuition in der menschlichen Seele immer mehr stärken, wenn wir das einzelne menschliche Individuum immer mehr und mehr dahin bringen, sich bewußt zu werden, was in seiner Seele an moralischen Intuitionen ersprießen kann.
[ 9 ] Demgegenüber stand das Urteil — das schier allgemein war, denn es ist hier nur etwas ganz Allgemeingültiges ausgesprochen —, daß nunmehr die Zeit herangerückt sei, wo mit erdrückendem Material nachgewiesen sei, daß alle moralischen Intuitionen wissenschaftlich mundtot gemacht werden müssen. Es war also notwendig für mich, den Versuch zu machen, ein Buch zu schreiben, welches in energischer Weise gerade den Standpunkt vertritt, der in ebenso energischer Weise von der Wissenschaft dazumal als der bezeichnet wurde, welcher mundtot zu machen sei.
[ 9 ] Demgegenüber stand das Urteil — das schier allgemein war, denn es ist hier nur etwas ganz Allgemeingültiges ausgesprochen —, daß nunmehr die Zeit herangerückt sei, wo mit erdrückendem Material nachgewiesen sei, daß alle moralischen Intuitionen wissenschaftlich mundtot gemacht werden müssen. Es war also notwendig für mich, den Versuch zu machen, ein Buch zu schreiben, welches in energischer Weise gerade den Standpunkt vertritt, der in ebenso energischer Weise von der Wissenschaft dazumal als der bezeichnet wurde, welcher mundtot zu machen sei.
[ 10 ] Ich charakterisiere Ihnen dieses aus dem Grunde, weil damit an einem einzelnen Fall dargestellt wird, wovon ich gestern und vorgestern sprach, nämlich der ungeheuer bedeutungsvolle Wendepunkt in der gesamten Geistesentwickelung des Abendlandes am Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Alle meine Ausführungen wiesen ja bis jetzt darauf hin, daß die Menschheit, die seit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts heranwuchs, vor einer ganz neuen Seelensituation steht gegenüber derjenigen der vorangegangenen Jahrhunderte. Ich habe schon einmal den Ausdruck gebraucht, daß man am Ende des neunzehnten Jahrhunderts als Menschenseele mit Bezug auf das Geistige gegenüber dem Nichts steht. Es war schon einmal notwendig, gerade gegenüber dem Sittlichen in scharfer Weise zu markieren, wie dasjenige, was man aus geistigen Untergründen heraus als das Notwendigste bezeichnen muß für die Zukunft: moralische Intuition, gegenübergestellt ist demjenigen, was aus der Vergangenheit heraufkam — dem Nichts, das fertig ist mit seiner Entwickelung. Es kam ja dieser Wendepunkt auf eine wirklich tragische Weise am Ende des neunzehnten Jahrhunderts gerade innerhalb der deutschen Kultur zum Ausdruck, und man braucht, um dieses Tragische anzudeuten, nur den Namen Nietzsche zu nennen.
[ 10 ] Ich charakterisiere Ihnen dieses aus dem Grunde, weil damit an einem einzelnen Fall dargestellt wird, wovon ich gestern und vorgestern sprach, nämlich der ungeheuer bedeutungsvolle Wendepunkt in der gesamten Geistesentwickelung des Abendlandes am Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Alle meine Ausführungen wiesen ja bis jetzt darauf hin, daß die Menschheit, die seit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts heranwuchs, vor einer ganz neuen Seelensituation steht gegenüber derjenigen der vorangegangenen Jahrhunderte. Ich habe schon einmal den Ausdruck gebraucht, daß man am Ende des neunzehnten Jahrhunderts als Menschenseele mit Bezug auf das Geistige gegenüber dem Nichts steht. Es war schon einmal notwendig, gerade gegenüber dem Sittlichen in scharfer Weise zu markieren, wie dasjenige, was man aus geistigen Untergründen heraus als das Notwendigste bezeichnen muß für die Zukunft: moralische Intuition, gegenübergestellt ist demjenigen, was aus der Vergangenheit heraufkam — dem Nichts, das fertig ist mit seiner Entwickelung. Es kam ja dieser Wendepunkt auf eine wirklich tragische Weise am Ende des neunzehnten Jahrhunderts gerade innerhalb der deutschen Kultur zum Ausdruck, und man braucht, um dieses Tragische anzudeuten, nur den Namen Nietzsche zu nennen.
[ 11 ] Nietzsche ist für Menschen, die bewußt und wach den Übergang von dem neunzehnten ins zwanzigste Jahrhundert miterlebt haben, wirklich das Miterleben einer Tragödie gewesen. Man kann sagen, daß Nietzsche selbst eine Persönlichkeit war, die in den aufeinanderfolgenden Lebensepochen in scharfer Weise mit der eigenen Seele erlebt hat das dem Nichts Gegenübergestelltsein, jenem Nichts, das sie zunächst als ein Etwas genommen hat.
[ 11 ] Nietzsche ist für Menschen, die bewußt und wach den Übergang von dem neunzehnten ins zwanzigste Jahrhundert miterlebt haben, wirklich das Miterleben einer Tragödie gewesen. Man kann sagen, daß Nietzsche selbst eine Persönlichkeit war, die in den aufeinanderfolgenden Lebensepochen in scharfer Weise mit der eigenen Seele erlebt hat das dem Nichts Gegenübergestelltsein, jenem Nichts, das sie zunächst als ein Etwas genommen hat.
[ 12 ] Es wird vielleicht für das, was in diesen Tagen von Ihren Seelen aufgenommen werden sollte, nicht ganz überflüssig sein, diesen Friedrich Nietzsche gerade in diesem Momente mit einigen Worten zu berühren. In gewissem Sinne ist Nietzsche schon derjenige Mensch gewesen, der durch sein tragisches Schicksal scharf hindeutet auf dasjenige, was in der geistigen Entwickelung der Menschheit im neunzehnten Jahrhundert sich einer Abendröte zuneigte und eine Morgenröte mit dem beginnenden neuen Jahrhundert notwendig machte.
[ 12 ] Es wird vielleicht für das, was in diesen Tagen von Ihren Seelen aufgenommen werden sollte, nicht ganz überflüssig sein, diesen Friedrich Nietzsche gerade in diesem Momente mit einigen Worten zu berühren. In gewissem Sinne ist Nietzsche schon derjenige Mensch gewesen, der durch sein tragisches Schicksal scharf hindeutet auf dasjenige, was in der geistigen Entwickelung der Menschheit im neunzehnten Jahrhundert sich einer Abendröte zuneigte und eine Morgenröte mit dem beginnenden neuen Jahrhundert notwendig machte.
[ 13 ] Nietzsche ist ja hervorgegangen aus einem reifen wissenschaftlichen Standpunkte. Er hat zunächst diesen wissenschaftlichen Standpunkt in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in der Philologie kennengelernt. Nietzsche hat wirklich mit einem innerlich außerordentlich beweglichen Geiste den philologischen Standpunkt von der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts aufgenommen, und er hat eigentlich mit der Philologie aufgenommen den ganzen Geist des Griechentums. Dabei war Nietzsche keine Persönlichkeit, die sich gegenüber der allgemeinen Kultur abschloß. Er war das Gegenteil eines Stubengelehrten. Nietzsche nahm daher auch auf, was ihm in der Mitte des neunzehnten Jahrhundertsals philosophischer Standpunkt nahekommen mußte: dieSchopenhauersche Philosophie, den Schopenhauerschen philosophischen Pessimismus. Dieser Schopenhauersche philosophische Pessimismus hat auf ihn einen tiefgehenden Eindruck gemacht, einen Eindruck, der nur dadurch kommen konnte, daß Nietzsche mehr als Schopenhauer selber das Hinuntersinkende des Geisteslebens, inmitten dessen er lebte, empfunden hat. Ein Licht, das nach der Zukunft hinwies, gab es für Nietzsche nur in der Form der Richard Wagnerschen Musik. Wagner war ja in bezug auf seine Weltanschauung Schopenhauerianer in der Zeit, in der er Nietzsche kennenlernte.
[ 13 ] Nietzsche ist ja hervorgegangen aus einem reifen wissenschaftlichen Standpunkte. Er hat zunächst diesen wissenschaftlichen Standpunkt in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in der Philologie kennengelernt. Nietzsche hat wirklich mit einem innerlich außerordentlich beweglichen Geiste den philologischen Standpunkt von der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts aufgenommen, und er hat eigentlich mit der Philologie aufgenommen den ganzen Geist des Griechentums. Dabei war Nietzsche keine Persönlichkeit, die sich gegenüber der allgemeinen Kultur abschloß. Er war das Gegenteil eines Stubengelehrten. Nietzsche nahm daher auch auf, was ihm in der Mitte des neunzehnten Jahrhundertsals philosophischer Standpunkt nahekommen mußte: dieSchopenhauersche Philosophie, den Schopenhauerschen philosophischen Pessimismus. Dieser Schopenhauersche philosophische Pessimismus hat auf ihn einen tiefgehenden Eindruck gemacht, einen Eindruck, der nur dadurch kommen konnte, daß Nietzsche mehr als Schopenhauer selber das Hinuntersinkende des Geisteslebens, inmitten dessen er lebte, empfunden hat. Ein Licht, das nach der Zukunft hinwies, gab es für Nietzsche nur in der Form der Richard Wagnerschen Musik. Wagner war ja in bezug auf seine Weltanschauung Schopenhauerianer in der Zeit, in der er Nietzsche kennenlernte.
[ 14 ] Und so bildete sich für Nietzsche, gegen den Beginn des letzten Drittels des neunzehnten Jahrhunderts, die Anschauung heraus, die für ihn wirklich nicht Theorie, sondern Lebensinhalt war: daß schon innerhalb des Griechentums jenes Zeitalter heraufgekommen war, welches den vollen menschlichen Inhalt durch den Intellektualismus erdrückte. Nietzsche hat sich gewiß in bezug auf die Entwickelung und völlige Ausbildung des Intellektualismus geirrt. Denn in jener Gestalt, in der Nietzsche den Intellektualismus wie ein alles ertötendes Geistiges erlebte, ist er eigentlich erst seit dem fünfzehnten Jahrhundert heraufgekommen, wie ich das gestern und vorgestern gezeigt habe. Aber schließlich hat ja Nietzsche den Intellektualismus der unmittelbaren Gegenwart erlebt, und er hat ihn zurückdatiert bis in das spätere Griechentum. Es bildete sich ihm die Anschauung: dasjenige, was so auslöschend wirkte für das Lebendig-Geistige, habe eigentlich schon mit Sokrates begonnen. So wurde Nietzsche ein Anti-Sokratiker. Er sah schon in dem Hineinstellen desSokrates in das griechische Geistesleben, wie der Intellektualismus, das Verstandesmäßige, ein altes Geistiges vertrieb.
[ 14 ] Und so bildete sich für Nietzsche, gegen den Beginn des letzten Drittels des neunzehnten Jahrhunderts, die Anschauung heraus, die für ihn wirklich nicht Theorie, sondern Lebensinhalt war: daß schon innerhalb des Griechentums jenes Zeitalter heraufgekommen war, welches den vollen menschlichen Inhalt durch den Intellektualismus erdrückte. Nietzsche hat sich gewiß in bezug auf die Entwickelung und völlige Ausbildung des Intellektualismus geirrt. Denn in jener Gestalt, in der Nietzsche den Intellektualismus wie ein alles ertötendes Geistiges erlebte, ist er eigentlich erst seit dem fünfzehnten Jahrhundert heraufgekommen, wie ich das gestern und vorgestern gezeigt habe. Aber schließlich hat ja Nietzsche den Intellektualismus der unmittelbaren Gegenwart erlebt, und er hat ihn zurückdatiert bis in das spätere Griechentum. Es bildete sich ihm die Anschauung: dasjenige, was so auslöschend wirkte für das Lebendig-Geistige, habe eigentlich schon mit Sokrates begonnen. So wurde Nietzsche ein Anti-Sokratiker. Er sah schon in dem Hineinstellen desSokrates in das griechische Geistesleben, wie der Intellektualismus, das Verstandesmäßige, ein altes Geistiges vertrieb.
[ 15 ] Wohl nur wenige Menschen haben mit einer solchen elementaren Größe den Gegensatz empfunden zwischen dem Griechischen, wie es dem Menschen in Äschylos, in Sophokles, der älteren griechischen bildenden Kunst und den grandiosen Philosophien des Heraklit, Anaxagoras und so weiter entgegentreten kann, zwischen diesem griechischen Seelenleben, das noch voll von geistigen Impulsen ist, und jenem anderen, das sich allmählich ertötend über das eigentlich Geistige legt. Das hat für Nietzsche mit Sokrates seinen Anfang genommen, mit jenem Sokrates, der gegenüber allen Fragen der Welt die Fragen des Verstandes gestellt hat, der allem gegenüber seine Kunst des Definierens aufgestellt hat, von der Nietzsche zweifellos gefühlt hat: wo sie beginnt, setzt sich der Mensch gegenüber dem unmittelbar lebendigen Geiste eine Brille auf. — Es ist damit, wenn man die Begriffe nicht preßt und so selber wieder in das Intellektualistische hineinkommt, etwas sehr Bedeutendes von Nietzsche empfunden worden.
[ 15 ] Wohl nur wenige Menschen haben mit einer solchen elementaren Größe den Gegensatz empfunden zwischen dem Griechischen, wie es dem Menschen in Äschylos, in Sophokles, der älteren griechischen bildenden Kunst und den grandiosen Philosophien des Heraklit, Anaxagoras und so weiter entgegentreten kann, zwischen diesem griechischen Seelenleben, das noch voll von geistigen Impulsen ist, und jenem anderen, das sich allmählich ertötend über das eigentlich Geistige legt. Das hat für Nietzsche mit Sokrates seinen Anfang genommen, mit jenem Sokrates, der gegenüber allen Fragen der Welt die Fragen des Verstandes gestellt hat, der allem gegenüber seine Kunst des Definierens aufgestellt hat, von der Nietzsche zweifellos gefühlt hat: wo sie beginnt, setzt sich der Mensch gegenüber dem unmittelbar lebendigen Geiste eine Brille auf. — Es ist damit, wenn man die Begriffe nicht preßt und so selber wieder in das Intellektualistische hineinkommt, etwas sehr Bedeutendes von Nietzsche empfunden worden.
[ 16 ] Sehen Sie, das wirkliche Erleben des Geistigen wird überall, wo man dieses Geistige trifft, Individualismus. Das Definieren wird überall Allgemeines. Wenn man durchs Leben geht, einzelnen Menschen gegenübertritt, muß man ein offenes Herz, einen offenen Sinn haben für diese einzelnen Menschen. Man muß sozusagen jedem einzelnen individuellen Menschen gegenüber in der Lage sein, ein ganz neues Menschengefühl zu entwickeln. Man wird nur dadurch dem Menschen gerecht, daß man in jedem einzelnen einen neuen Menschen sieht. Aus dem Grunde hat jeder Mensch uns gegenüber das Recht, daß wir ihm gegenüber ein neues Menschengefühl entwickeln. Denn wenn wir mit einem allgemeinen Begriffe kommen und sagen, so sollte der Mensch sein in dieser oder jener Hinsicht, dann tun wir ihm unrecht. Mit jeder Definition des Menschen setzen wir uns eigentlich eine Brille auf, um den individuellen Menschen nicht sehen zu können.
[ 16 ] Sehen Sie, das wirkliche Erleben des Geistigen wird überall, wo man dieses Geistige trifft, Individualismus. Das Definieren wird überall Allgemeines. Wenn man durchs Leben geht, einzelnen Menschen gegenübertritt, muß man ein offenes Herz, einen offenen Sinn haben für diese einzelnen Menschen. Man muß sozusagen jedem einzelnen individuellen Menschen gegenüber in der Lage sein, ein ganz neues Menschengefühl zu entwickeln. Man wird nur dadurch dem Menschen gerecht, daß man in jedem einzelnen einen neuen Menschen sieht. Aus dem Grunde hat jeder Mensch uns gegenüber das Recht, daß wir ihm gegenüber ein neues Menschengefühl entwickeln. Denn wenn wir mit einem allgemeinen Begriffe kommen und sagen, so sollte der Mensch sein in dieser oder jener Hinsicht, dann tun wir ihm unrecht. Mit jeder Definition des Menschen setzen wir uns eigentlich eine Brille auf, um den individuellen Menschen nicht sehen zu können.
[ 17 ] Das empfindet Nietzsche gegenüber dem Geistesleben überhaupt, und darin besteht seine Gegnerschaft gegenüber dem Sokratismus. Und so legte sich für die sechziger, ja auch noch für die ersteHälfte der siebziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts die Anschauung auf seine Seele: das wirklich wahre, das lebendige Griechentum habe eigentlich in der Grundlage seiner Weltempfindung eine Art Pessimismus. Die Griechen wären im Grunde überzeugt gewesen, das unmittelbare Leben, wie es sich der Menschheit elementar darbietet, könne dem Menschen keine Befriedigung, kein Totalgefühl seiner Menschenwürde geben. Darum nahmen sie ihre Zuflucht zu dem, was ihnen Kunst gewesen ist, und den Griechen war die Kunst, die sie in der besten Zeit ihrer Entwickelung gepflegt haben, die große Trösterin, die über die Mangelhaftigkeit des rein materialistischen Daseins hinweghilft. So war für Nietzsche die griechische Kunst nur aus der tragischen Lebensstimmung der Griechen heraus zu begreifen. Und diese Mission der Kunst, glaubte Nietzsche zunächst, würde sich wieder aufrichten lassen durch die Wagnerische Kunst und durch alles das, was sich künstlerisch aus der Wagnerischen Kunst ergeben kann.
[ 17 ] Das empfindet Nietzsche gegenüber dem Geistesleben überhaupt, und darin besteht seine Gegnerschaft gegenüber dem Sokratismus. Und so legte sich für die sechziger, ja auch noch für die ersteHälfte der siebziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts die Anschauung auf seine Seele: das wirklich wahre, das lebendige Griechentum habe eigentlich in der Grundlage seiner Weltempfindung eine Art Pessimismus. Die Griechen wären im Grunde überzeugt gewesen, das unmittelbare Leben, wie es sich der Menschheit elementar darbietet, könne dem Menschen keine Befriedigung, kein Totalgefühl seiner Menschenwürde geben. Darum nahmen sie ihre Zuflucht zu dem, was ihnen Kunst gewesen ist, und den Griechen war die Kunst, die sie in der besten Zeit ihrer Entwickelung gepflegt haben, die große Trösterin, die über die Mangelhaftigkeit des rein materialistischen Daseins hinweghilft. So war für Nietzsche die griechische Kunst nur aus der tragischen Lebensstimmung der Griechen heraus zu begreifen. Und diese Mission der Kunst, glaubte Nietzsche zunächst, würde sich wieder aufrichten lassen durch die Wagnerische Kunst und durch alles das, was sich künstlerisch aus der Wagnerischen Kunst ergeben kann.
[ 18 ] Dann kamen die siebziger Jahre, und Nietzsche fühlte, daß das nicht so sein könne, weil er in seiner Zeit den Impuls vermißte, der das wirklich finden konnte, was die Griechen als die große ’Trösterin hingesetzt hatten über das unmittelbar materielle Leben. Für Nietzsche kam die Zeit, in der er sich die Frage stellte: Was war es eigentlich, was ich in der Wagnerischen Kunst wie einer Wiedererneuerung der griechischen Kunst gesucht habe? Das waren ja Ideale! — Und nun wurde er gewahr, wie diese Ideale, so wie er sie auf seine Seele wirken ließ, eine Ähnlichkeit hatten mit den Idealen seines Zeitalters.
[ 18 ] Dann kamen die siebziger Jahre, und Nietzsche fühlte, daß das nicht so sein könne, weil er in seiner Zeit den Impuls vermißte, der das wirklich finden konnte, was die Griechen als die große ’Trösterin hingesetzt hatten über das unmittelbar materielle Leben. Für Nietzsche kam die Zeit, in der er sich die Frage stellte: Was war es eigentlich, was ich in der Wagnerischen Kunst wie einer Wiedererneuerung der griechischen Kunst gesucht habe? Das waren ja Ideale! — Und nun wurde er gewahr, wie diese Ideale, so wie er sie auf seine Seele wirken ließ, eine Ähnlichkeit hatten mit den Idealen seines Zeitalters.
[ 19 ] Und da kam einmal in der Mitte der siebziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts ein furchtbar tragischer Augenblick in seinem Leben: jener Augenblick, in dem er seine Ideale ähnlich fühlte denen der eigenen Zeit, der Augenblick, wo er sich sagen mußte: Damit bin ich ähnlich dem, was unser Zeitalter Ideale nennt; ich schöpfe schließlich aus derselben Kraft, aus der mein Zeitalter seine Ideale holt.— Das war für Nietzsche ein ganz besonders schmerzlicher Augenblick, denn er hatte gerade diese idealistischen Zeiterscheinungen um sich herum erlebt. Er hatte zum Beispiel einen David Friedrich Strauß erlebt, den das ganze Zeitalter als großen Mann verehrte, und den er entlarvt hat als — Philister. Jetzt sah er, wie stark seine eigenen Ideale, die er nur durch sein Hineingeraten in den Wagnerianismus und in die griechische Kunst aufgepeitscht hatte, seiner Zeit ähnlich waren. Kraftlos jedoch gegenüber dem Erfassen des wirklichen Geistigen kamen ihm die Ideale des Zeitalters vor. Und so sagte er sich: Bin ich wahr, so darf ich eigentlich mit meinem Zeitalter keine Ideale haben. — Wenn er es auch nicht in diesen Worten aussprach, so war dies doch für ihn eine tragische Entdeckung. Wer sich recht vertieft in dasjenige, was Nietzsche in den Jahren, von denen ich jetzt spreche, durchgemacht hat, der weiß, daß für Nietzsche einmal der Augenblick der großen Tragik kam, wo er sich auf seine Weise sagte: Wenn der gegenwärtige Mensch von Idealen redet, und das noch irgendwie zusammenstimmt mit demjenigen, was die anderen Ideale nennen, dann bewegt er sich auf dem Gebiete der Phrase, jener Phrase, die nicht mehr der lebendige Körper, sondern der tote Leichnam des Geistes ist.
[ 19 ] Und da kam einmal in der Mitte der siebziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts ein furchtbar tragischer Augenblick in seinem Leben: jener Augenblick, in dem er seine Ideale ähnlich fühlte denen der eigenen Zeit, der Augenblick, wo er sich sagen mußte: Damit bin ich ähnlich dem, was unser Zeitalter Ideale nennt; ich schöpfe schließlich aus derselben Kraft, aus der mein Zeitalter seine Ideale holt.— Das war für Nietzsche ein ganz besonders schmerzlicher Augenblick, denn er hatte gerade diese idealistischen Zeiterscheinungen um sich herum erlebt. Er hatte zum Beispiel einen David Friedrich Strauß erlebt, den das ganze Zeitalter als großen Mann verehrte, und den er entlarvt hat als — Philister. Jetzt sah er, wie stark seine eigenen Ideale, die er nur durch sein Hineingeraten in den Wagnerianismus und in die griechische Kunst aufgepeitscht hatte, seiner Zeit ähnlich waren. Kraftlos jedoch gegenüber dem Erfassen des wirklichen Geistigen kamen ihm die Ideale des Zeitalters vor. Und so sagte er sich: Bin ich wahr, so darf ich eigentlich mit meinem Zeitalter keine Ideale haben. — Wenn er es auch nicht in diesen Worten aussprach, so war dies doch für ihn eine tragische Entdeckung. Wer sich recht vertieft in dasjenige, was Nietzsche in den Jahren, von denen ich jetzt spreche, durchgemacht hat, der weiß, daß für Nietzsche einmal der Augenblick der großen Tragik kam, wo er sich auf seine Weise sagte: Wenn der gegenwärtige Mensch von Idealen redet, und das noch irgendwie zusammenstimmt mit demjenigen, was die anderen Ideale nennen, dann bewegt er sich auf dem Gebiete der Phrase, jener Phrase, die nicht mehr der lebendige Körper, sondern der tote Leichnam des Geistes ist.
[ 20 ] Aus einer solchen Stimmungheraus hat Nietzsche dieWorte geprägt: Also muß ich mit energischer Kraft die Ideale, die ich mir bisher gebildet habe, aufs Eis legen. — Und dieses Aufs-Eis-Legen aller Ideale in dem Sinne, wie ich es jetzt charakterisiert habe, beginnt für ihn in der Mitte der siebziger Jahre. Es entstehen seine Schriften «Menschliches, Allzumenschliches», «Morgenröte» und «Fröhliche Wissenschaft», in denen er in einer gewissen Weise Voltaire huldigt, die aber auch verbunden sind mit einer gewissen Anschauung von der menschlichen Sitte.
[ 20 ] Aus einer solchen Stimmungheraus hat Nietzsche dieWorte geprägt: Also muß ich mit energischer Kraft die Ideale, die ich mir bisher gebildet habe, aufs Eis legen. — Und dieses Aufs-Eis-Legen aller Ideale in dem Sinne, wie ich es jetzt charakterisiert habe, beginnt für ihn in der Mitte der siebziger Jahre. Es entstehen seine Schriften «Menschliches, Allzumenschliches», «Morgenröte» und «Fröhliche Wissenschaft», in denen er in einer gewissen Weise Voltaire huldigt, die aber auch verbunden sind mit einer gewissen Anschauung von der menschlichen Sitte.
[ 21 ] Ein äußerlicher Anlaß für Nietzsche, von seinem früheren Idealismus loszukommen, hinzusteuern in dasjenige, was dann seine Lebensanschauung in der zweiten Periode seines Lebens war, bot sich ihm dadurch, daß er in jener Zeit Paul Ree kennenlernte, den ich den rein naturwissenschaftlichen Behandler der menschlichen Sitte, des menschlichen Sittenwesens nennen möchte. Paul R&e behandelte ganz im Sinne der damaligen Naturwissenschaft die Entwickelung des menschlichen Sittenlebens. Er hat das außerordentlich interessante Büchelchen geschrieben «Der Ursprung der moralischen Empfindungen», ferner ein Buch «Die Entstehung des Gewissens». Das Büchelchen über die moralischen Empfindungen, das eigentlich jeder nachlesen sollte, der wissen will, wie es mit dem Denken des letzten Drittels des neunzehnten Jahrhunderts beschaffen ist, hat auf Nietzsche einen tiefgehenden Einfluß gehabt.
[ 21 ] Ein äußerlicher Anlaß für Nietzsche, von seinem früheren Idealismus loszukommen, hinzusteuern in dasjenige, was dann seine Lebensanschauung in der zweiten Periode seines Lebens war, bot sich ihm dadurch, daß er in jener Zeit Paul Ree kennenlernte, den ich den rein naturwissenschaftlichen Behandler der menschlichen Sitte, des menschlichen Sittenwesens nennen möchte. Paul R&e behandelte ganz im Sinne der damaligen Naturwissenschaft die Entwickelung des menschlichen Sittenlebens. Er hat das außerordentlich interessante Büchelchen geschrieben «Der Ursprung der moralischen Empfindungen», ferner ein Buch «Die Entstehung des Gewissens». Das Büchelchen über die moralischen Empfindungen, das eigentlich jeder nachlesen sollte, der wissen will, wie es mit dem Denken des letzten Drittels des neunzehnten Jahrhunderts beschaffen ist, hat auf Nietzsche einen tiefgehenden Einfluß gehabt.
[ 22 ] Welcher Geist herrscht nun in diesem Büchelchen? Wiederum schildere ich nicht deshalb, weil ich meine, daß von der Philosophie ein direkter Einfluß auf das Leben ausgeht, sondern weil ich auf ein Kulturthermometer weisen will, an dem man ablesen kann, wie der Stand der sittlichen Impulse und Anschauungen und der Gedanken über die sittlichen Impulse damals war. Nach Paul Re&es Ansicht hat der Mensch ursprünglich überhaupt nichts anderes gehabt als das, was nach seiner Ansicht das Kind hat: ein Triebleben, Impulse der unbewußsten instinktiven Betätigung. Der einzelne Mensch stößt gewissermaßen, indem er sich regt, nach allen Seiten mit anderen Menschen zusammen. Von einzelnen solchen Regungen, die der Mensch nach außen entwickelt, stellt sich heraus, daß sie den anderen Menschen zupaß kommen, daß sie ihnen nützlich sind. Von anderen stellt sich heraus, daß sie ihnen schädlich sind. Daraus bilden sich die Urteile: Was vom Menschen aus seinen instinktiven Regungen als Nützliches ausströmt, nennt man allmählich «gut»; was sich als schädlich erweist für die anderen, dem klebt man die Marke «bös» auf.— Natürlich wird das Leben immer komplizierter. Die Menschen vergessen, wie sie den Dingen diese Marken aufgeklebt haben. Aber sie reden dann von «gut» und «böse» und haben vergessen, daß man anfangs nur das als «gut» bezeichnet hat, was einem wohltat, und als «böse», was man als schädlich empfand. So hat sich schließlich das, was so entstanden ist, zum Instinkte umgebildet. Nehmen wir an, jemand stößt blind mit dem Arm: streichelt er einen dabei, so nennt man es gut, gibt er einem eine Ohrfeige, so nennt man es böse. Daraus summieren sich die Urteile. Es wird das, was sich aus solchen Urteilen zusammengepreßt hat, selber Instinkt. Ebensowenig, wie die Menschen wissen, warum sie die Hand so heben, ebensowenig wissen sie, woher es kommt, daß eine Stimme aus ihrer Seele hervortritt und über dies oder jenes moralische Urteile abgibt, was sie dann die Stimme des Gewissens nennen. Diese «Stimme des Gewissens» ist nichts anderes, als was sich aus solchen instinktiven Urteilen über Nützliches und Schädliches abgesetzt hat und an sich wieder Instinkt geworden ist und, weil man dessen Ursprung vergessen hat, wie aus dem Inneren heraus als Gewissensstimme erklingt.
[ 22 ] Welcher Geist herrscht nun in diesem Büchelchen? Wiederum schildere ich nicht deshalb, weil ich meine, daß von der Philosophie ein direkter Einfluß auf das Leben ausgeht, sondern weil ich auf ein Kulturthermometer weisen will, an dem man ablesen kann, wie der Stand der sittlichen Impulse und Anschauungen und der Gedanken über die sittlichen Impulse damals war. Nach Paul Re&es Ansicht hat der Mensch ursprünglich überhaupt nichts anderes gehabt als das, was nach seiner Ansicht das Kind hat: ein Triebleben, Impulse der unbewußsten instinktiven Betätigung. Der einzelne Mensch stößt gewissermaßen, indem er sich regt, nach allen Seiten mit anderen Menschen zusammen. Von einzelnen solchen Regungen, die der Mensch nach außen entwickelt, stellt sich heraus, daß sie den anderen Menschen zupaß kommen, daß sie ihnen nützlich sind. Von anderen stellt sich heraus, daß sie ihnen schädlich sind. Daraus bilden sich die Urteile: Was vom Menschen aus seinen instinktiven Regungen als Nützliches ausströmt, nennt man allmählich «gut»; was sich als schädlich erweist für die anderen, dem klebt man die Marke «bös» auf.— Natürlich wird das Leben immer komplizierter. Die Menschen vergessen, wie sie den Dingen diese Marken aufgeklebt haben. Aber sie reden dann von «gut» und «böse» und haben vergessen, daß man anfangs nur das als «gut» bezeichnet hat, was einem wohltat, und als «böse», was man als schädlich empfand. So hat sich schließlich das, was so entstanden ist, zum Instinkte umgebildet. Nehmen wir an, jemand stößt blind mit dem Arm: streichelt er einen dabei, so nennt man es gut, gibt er einem eine Ohrfeige, so nennt man es böse. Daraus summieren sich die Urteile. Es wird das, was sich aus solchen Urteilen zusammengepreßt hat, selber Instinkt. Ebensowenig, wie die Menschen wissen, warum sie die Hand so heben, ebensowenig wissen sie, woher es kommt, daß eine Stimme aus ihrer Seele hervortritt und über dies oder jenes moralische Urteile abgibt, was sie dann die Stimme des Gewissens nennen. Diese «Stimme des Gewissens» ist nichts anderes, als was sich aus solchen instinktiven Urteilen über Nützliches und Schädliches abgesetzt hat und an sich wieder Instinkt geworden ist und, weil man dessen Ursprung vergessen hat, wie aus dem Inneren heraus als Gewissensstimme erklingt.
[ 23 ] Nietzsche war durchaus imstande, aus der Regsamkeit seines Geisteslebens heraus zu begreifen, daß gewiß nicht alle das gleiche wie Paul R£&e sagten. Aber er war sich auch klar darüber, daß, wenn man über Naturwissenschaftliches nur so denkt, wie in seinem Zeitalter gedacht wurde, man über Ethisches nicht anders denken könne als Paul Ree. Nietzsche war eben ehrlich; er zog die letzten Konsequenzen, wie sie Paul R&e auch gezogen hat. Und Nietzsche empfand nicht etwa einen Groll, weil da ein Philosoph aufgetreten ist, der so etwas geschrieben hat. Dieses unmittelbare Faktum hatte für Nietzsche nicht viel mehr Bedeutung, als sich erschöpfen ließe innerhalb der Ereignisse der Stube, in welcher Paul Ree geschrieben hat, so wie einem das Thermometer auch nichts weiter angibt als die Temperaturverhältnisse der nächsten Umgebung. Aber es zeigt einem etwas, was allgemein ist, und das empfand Nietzsche. Er empfand den ethischen Bodensatz seiner Zeit in diesem Buche, und insofern bejahte er es. Für ihn gab es nichts Wichtigeres, als die alte Phrase aufs Eis zu setzen und zu sagen: Wenn die Menschen von nebelhaften Idealen reden, so ist das eben nur Benebelung. In Wahrheit ist alles Instinkt. — Nietzsche hat oft genug Momente gehabt, in denen er sagte: Wenn einer auftritt und sich für dieses oder jenes Ideal begeistert und andere auch dafür begeistern will, so ist das letzten Endes, weil dieser Mensch so veranlagt ist, daß er beim Denken über diese Ideale just am besten seinen Magensaft verarbeiten kann, weil dann die Speisen für ihn in die beste Verdauungsströmung hineinkommen. — Ich drücke das etwas radikal aus, aber durchaus in dem Sinne, wie Nietzsche in den siebziger, achtziger Jahren empfunden hat. Nietzsche sagte sich: Da reden die Menschen von allerlei Geistigem und nennen es Ideale. In Wahrheit ist das alles zu nichts anderem da, als daß der oder jener, je nach seiner Konstitution, die beste Art der Verdauung und der anderen Körperfunktionen hat, indem er gerade so für das sogenannte Ideale empfindet. Dasjenige, was man «menschlich» nennt, muß man der Phrase entkleiden, denn es ist wahrhaft ein Allzumenschliches.
[ 23 ] Nietzsche war durchaus imstande, aus der Regsamkeit seines Geisteslebens heraus zu begreifen, daß gewiß nicht alle das gleiche wie Paul R£&e sagten. Aber er war sich auch klar darüber, daß, wenn man über Naturwissenschaftliches nur so denkt, wie in seinem Zeitalter gedacht wurde, man über Ethisches nicht anders denken könne als Paul Ree. Nietzsche war eben ehrlich; er zog die letzten Konsequenzen, wie sie Paul R&e auch gezogen hat. Und Nietzsche empfand nicht etwa einen Groll, weil da ein Philosoph aufgetreten ist, der so etwas geschrieben hat. Dieses unmittelbare Faktum hatte für Nietzsche nicht viel mehr Bedeutung, als sich erschöpfen ließe innerhalb der Ereignisse der Stube, in welcher Paul Ree geschrieben hat, so wie einem das Thermometer auch nichts weiter angibt als die Temperaturverhältnisse der nächsten Umgebung. Aber es zeigt einem etwas, was allgemein ist, und das empfand Nietzsche. Er empfand den ethischen Bodensatz seiner Zeit in diesem Buche, und insofern bejahte er es. Für ihn gab es nichts Wichtigeres, als die alte Phrase aufs Eis zu setzen und zu sagen: Wenn die Menschen von nebelhaften Idealen reden, so ist das eben nur Benebelung. In Wahrheit ist alles Instinkt. — Nietzsche hat oft genug Momente gehabt, in denen er sagte: Wenn einer auftritt und sich für dieses oder jenes Ideal begeistert und andere auch dafür begeistern will, so ist das letzten Endes, weil dieser Mensch so veranlagt ist, daß er beim Denken über diese Ideale just am besten seinen Magensaft verarbeiten kann, weil dann die Speisen für ihn in die beste Verdauungsströmung hineinkommen. — Ich drücke das etwas radikal aus, aber durchaus in dem Sinne, wie Nietzsche in den siebziger, achtziger Jahren empfunden hat. Nietzsche sagte sich: Da reden die Menschen von allerlei Geistigem und nennen es Ideale. In Wahrheit ist das alles zu nichts anderem da, als daß der oder jener, je nach seiner Konstitution, die beste Art der Verdauung und der anderen Körperfunktionen hat, indem er gerade so für das sogenannte Ideale empfindet. Dasjenige, was man «menschlich» nennt, muß man der Phrase entkleiden, denn es ist wahrhaft ein Allzumenschliches.
[ 24 ] Es war schon, ich möchte sagen, eine grandiose Hingabe an die Ehrlichkeit, mit der Nietzsche dazumal allem Idealismus den Krieg erklärte. Ich weiß, daß man nicht immer diese Seite bei Nietzsche betont hat. Allein vieles, was über Nietzsche gesprochen worden ist, war Snobismus, war nicht irgend etwas Ernsthaftes. So fand sich Nietzsche am Ende seiner ersten geistigen Periode dem Nichts gegenüber und er fand sich in seiner zweiten Periode, die anfängt mit «Menschliches, Allzumenschliches» und abschließt mit «Fröhliche Wissenschaft» in einem gewissen Sinne in bezug auf allen Geist bewußt dem Nichts gegenüber. Schließlich konnte er eigentlich nur noch eine Stimmung entwickeln; denn man kann im Grunde zu keinem geistigen Inhalt kommen, wenn man in dieser Weise alle Ideale auf menschliche physische Funktionen zurückführt. Man braucht sich nur an einem Beispiel zu veranschaulichen, wie Nietzsches Anschauung allmählich geworden ist. Er sagte sich etwa: Da gibt es Leute, die nach der Askese hinarbeiten, das heißt nach der Enthaltung von physischen Genüssen. Warum tun die das? Sie tun es, weil sie eine außerordentlich schlechte Verdauung haben und weil sie sich am besten befinden, wenn sie sich physischer Genüsse enthalten; daher sehen sie Askese als das Erstrebenswerteste an. Im Unterbewußtsein wollen sie aber das, bei dem sie sich am besten befinden. Sie wollen den höchsten Genuß in der Genußlosigkeit empfinden. Da sieht man, wie sie geartet sind, daß ihnen die Genußlosigkeit der allerhöchste Genuß ist.
[ 24 ] Es war schon, ich möchte sagen, eine grandiose Hingabe an die Ehrlichkeit, mit der Nietzsche dazumal allem Idealismus den Krieg erklärte. Ich weiß, daß man nicht immer diese Seite bei Nietzsche betont hat. Allein vieles, was über Nietzsche gesprochen worden ist, war Snobismus, war nicht irgend etwas Ernsthaftes. So fand sich Nietzsche am Ende seiner ersten geistigen Periode dem Nichts gegenüber und er fand sich in seiner zweiten Periode, die anfängt mit «Menschliches, Allzumenschliches» und abschließt mit «Fröhliche Wissenschaft» in einem gewissen Sinne in bezug auf allen Geist bewußt dem Nichts gegenüber. Schließlich konnte er eigentlich nur noch eine Stimmung entwickeln; denn man kann im Grunde zu keinem geistigen Inhalt kommen, wenn man in dieser Weise alle Ideale auf menschliche physische Funktionen zurückführt. Man braucht sich nur an einem Beispiel zu veranschaulichen, wie Nietzsches Anschauung allmählich geworden ist. Er sagte sich etwa: Da gibt es Leute, die nach der Askese hinarbeiten, das heißt nach der Enthaltung von physischen Genüssen. Warum tun die das? Sie tun es, weil sie eine außerordentlich schlechte Verdauung haben und weil sie sich am besten befinden, wenn sie sich physischer Genüsse enthalten; daher sehen sie Askese als das Erstrebenswerteste an. Im Unterbewußtsein wollen sie aber das, bei dem sie sich am besten befinden. Sie wollen den höchsten Genuß in der Genußlosigkeit empfinden. Da sieht man, wie sie geartet sind, daß ihnen die Genußlosigkeit der allerhöchste Genuß ist.
[ 25 ] Bei Nietzsche, der durchaus ehrlich war, hat sich diese Stimmung verdichtet zu Momenten, in denen er Worte ausgesprochen hat wie diese:
[ 25 ] Bei Nietzsche, der durchaus ehrlich war, hat sich diese Stimmung verdichtet zu Momenten, in denen er Worte ausgesprochen hat wie diese:
Ich wohne in meinem eignen Haus,
Hab’ niemandem nie nichts nachgemacht,
Und — lachte noch jeden Meister aus,
Der nicht sich selber ausgelacht.
Ich wohne in meinem eignen Haus,
Hab’ niemandem nie nichts nachgemacht,
Und — lachte noch jeden Meister aus,
Der nicht sich selber ausgelacht.
[ 26 ] Darin war in grandioser Weise, ich möchte sagen poetisch vorausnehmend, jene Stimmung bezeichnet, die eigentlich um die Wende des neunzehnten, zwanzigsten Jahrhundertskulminierte, damals aber schon so da war, daß sie von einem tieferen Seelenleben durchaus erlebt werden mußte. Nietzsche hat sich dann aus diesem dem-Nichts-Gegenübergestelltsein der zweiten Periode dadurch herausgefunden, daß er den Stimmungsgehalt von zwei Ideen geschaffen hat, die er dichterisch zum Ausdruck brachte: die Idee des Übermenschen, weil er schließlich nicht mehr anders konnte, als an etwas appellieren, was aus dem Menschen herausgeboren werden mußte, aber noch nicht da war, und nachdem er in einer so grandiosen Weise das «Gegenüber-dem-Nichts» erlebt hatte — die Idee der ewigen Wiederkunft des Gleichen, die ihm aus der Entwickelungsidee heraus gekommen ist. Er hat sich gerade in seinem naturwissenschaftlichen Zeitalter in die Entwickelungsidee hineingelebt. Er fand, indem er sich in dasjenige vertiefte, was ihm die Entwickelungsgedanken gaben, nichts, was diese Entwickelung vorwärtsbringen würde. Sie ergaben ihm nur die Idee einer fortwährenden Wiederkunft des Gleichen. Das war dann seine letzte Periode, die wir jetzt nicht weiter zu charakterisieren brauchen. Psychologisch charakterisiert, ergäbe sich außerordentlich vieles.
[ 26 ] Darin war in grandioser Weise, ich möchte sagen poetisch vorausnehmend, jene Stimmung bezeichnet, die eigentlich um die Wende des neunzehnten, zwanzigsten Jahrhundertskulminierte, damals aber schon so da war, daß sie von einem tieferen Seelenleben durchaus erlebt werden mußte. Nietzsche hat sich dann aus diesem dem-Nichts-Gegenübergestelltsein der zweiten Periode dadurch herausgefunden, daß er den Stimmungsgehalt von zwei Ideen geschaffen hat, die er dichterisch zum Ausdruck brachte: die Idee des Übermenschen, weil er schließlich nicht mehr anders konnte, als an etwas appellieren, was aus dem Menschen herausgeboren werden mußte, aber noch nicht da war, und nachdem er in einer so grandiosen Weise das «Gegenüber-dem-Nichts» erlebt hatte — die Idee der ewigen Wiederkunft des Gleichen, die ihm aus der Entwickelungsidee heraus gekommen ist. Er hat sich gerade in seinem naturwissenschaftlichen Zeitalter in die Entwickelungsidee hineingelebt. Er fand, indem er sich in dasjenige vertiefte, was ihm die Entwickelungsgedanken gaben, nichts, was diese Entwickelung vorwärtsbringen würde. Sie ergaben ihm nur die Idee einer fortwährenden Wiederkunft des Gleichen. Das war dann seine letzte Periode, die wir jetzt nicht weiter zu charakterisieren brauchen. Psychologisch charakterisiert, ergäbe sich außerordentlich vieles.
[ 27 ] Aber ich will nicht eine Charakteristik Nietzsches geben, sondern nur hinweisen darauf, wie Nietzsche, der durch seine Krankheit gezwungen war, Ende der achtziger Jahre die Feder niederzulegen, vorempfunden hat, was für jede tiefere Seele die Stimmung werden mußte um die Wende des neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert. Nietzsche hat eben im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts versucht, einer Stimmung in Worten Ausdruck zu geben, die er hergenommen hat aus seinen Ideenschätzen, aus der griechischen Philosophie und Kunst, aus dem Künstlerischen bei Wagner, aus dem Philosophischen bei Schopenhauer und so weiter. Nietzsche hat immer wieder selbst dasjenige verlassen, was er so als Charakteristik gegeben hat.
[ 27 ] Aber ich will nicht eine Charakteristik Nietzsches geben, sondern nur hinweisen darauf, wie Nietzsche, der durch seine Krankheit gezwungen war, Ende der achtziger Jahre die Feder niederzulegen, vorempfunden hat, was für jede tiefere Seele die Stimmung werden mußte um die Wende des neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert. Nietzsche hat eben im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts versucht, einer Stimmung in Worten Ausdruck zu geben, die er hergenommen hat aus seinen Ideenschätzen, aus der griechischen Philosophie und Kunst, aus dem Künstlerischen bei Wagner, aus dem Philosophischen bei Schopenhauer und so weiter. Nietzsche hat immer wieder selbst dasjenige verlassen, was er so als Charakteristik gegeben hat.
[ 28 ] Eine letzte Schrift von ihm ist diese: «Götzendämmerung, oder wie man mit dem Hammer philosophiert.» Er fühlte sich als ein Zertrümmerer der alten Ideen. Es war das schon etwas sehr Merkwürdiges, denn diese alten Ideen vom Geiste der Kulturentwickelung waren ja schon zertrümmert. In Nietzsches Jugend waren die Ideenschätze schon zertrümmert. Seit dem vierzehnten, fünfzehnten Jahrhundert haben sich die Ideen traditionell fortgesetzt. Diese Traditionen haben aber im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts aufgehört. Das Zertrümmern des alten Geistes war geschehen; nur in der Phrase lebten die Ideenschätze noch weiter.
[ 28 ] Eine letzte Schrift von ihm ist diese: «Götzendämmerung, oder wie man mit dem Hammer philosophiert.» Er fühlte sich als ein Zertrümmerer der alten Ideen. Es war das schon etwas sehr Merkwürdiges, denn diese alten Ideen vom Geiste der Kulturentwickelung waren ja schon zertrümmert. In Nietzsches Jugend waren die Ideenschätze schon zertrümmert. Seit dem vierzehnten, fünfzehnten Jahrhundert haben sich die Ideen traditionell fortgesetzt. Diese Traditionen haben aber im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts aufgehört. Das Zertrümmern des alten Geistes war geschehen; nur in der Phrase lebten die Ideenschätze noch weiter.
[ 29 ] Derjenige, der geistgemäß gedacht hätte in der Zeit, in der Nietzsche lebte, würde nicht das Empfinden gehabt haben, als ob er die Ideale mit dem Hammer zerschlagen müßte, sondern er würde empfunden haben, daß diese zerschlagen worden sind einfach durch die notwendige und richtige Entwickelung des Menschengeschlechtes. DieMenschheit wäre nicht zur Freiheit gekommen, wenn das nicht geschehen wäre. Aber Nietzsche, der überall noch in der Phrase die Ideale aufblühen fand, hatte den Wahn, daß er selber tat, was längst getan war. Jedenfalls war das fort, was für das ältere Zeitalter der innere Brennstoff des geistigen Lebens war, wodurch der Geist im Menschen angezündet werden konnte, so daß mit diesem angezündeten Geist der Mensch dann sowohl die Natur, wie das eigene Menschenleben durchleuchten konnte. Auf dem besonderen Gebiete des Sittlichen drückt sich das so aus, daß man sagt: Es kann keine moralischen Intuitionen mehr geben.
[ 29 ] Derjenige, der geistgemäß gedacht hätte in der Zeit, in der Nietzsche lebte, würde nicht das Empfinden gehabt haben, als ob er die Ideale mit dem Hammer zerschlagen müßte, sondern er würde empfunden haben, daß diese zerschlagen worden sind einfach durch die notwendige und richtige Entwickelung des Menschengeschlechtes. DieMenschheit wäre nicht zur Freiheit gekommen, wenn das nicht geschehen wäre. Aber Nietzsche, der überall noch in der Phrase die Ideale aufblühen fand, hatte den Wahn, daß er selber tat, was längst getan war. Jedenfalls war das fort, was für das ältere Zeitalter der innere Brennstoff des geistigen Lebens war, wodurch der Geist im Menschen angezündet werden konnte, so daß mit diesem angezündeten Geist der Mensch dann sowohl die Natur, wie das eigene Menschenleben durchleuchten konnte. Auf dem besonderen Gebiete des Sittlichen drückt sich das so aus, daß man sagt: Es kann keine moralischen Intuitionen mehr geben.
[ 30 ] Schon gestern mußte ich Ihnen sagen: Theoretische Widerlegungen des Materialismus als Weltanschauung sind für unser Zeitalter eigentlich Unsinn, denn der Materialismus hat für unser Zeitalter recht. Die Gedanken, die unser Zeitalter als die richtigen ansehen muß, sind Gehirnprodukte. Daher ist eine Widerlegung des Materialismus in unserem Zeitalter an sich eine Phrase und wer ehrlich ist, kann eigentlich nicht viel Wertvolles sehen in einer Widerlegung des Materialismus, denn auf die theoretische Widerlegung kommt es dabei gar nicht an. Die Menschheit ist eben an demjenigen Punkte der Entwickelung angelangt, wo sie keinen innerlichen, lebendigen Geist mehr hat, sondern nur jenen Geistesreflex, der restlos vom physischen Gehirn abhängig ist. Für diesen Reflexgeist ist der Materialismus als theoretische Weltanschauung voll berechtigt. Es handelt sich nicht darum, ob man eine falsche Weltanschauung hat, oder sie widerlegt, sondern darum, daß man allmählich zu einer geistlosen inneren Lebens- und Seelenhaltung gekommen ist. Das ist es, was wie ein Schrei, in tragischer Weise vorempfunden, durch Nietzsches Philosophie geht.
[ 30 ] Schon gestern mußte ich Ihnen sagen: Theoretische Widerlegungen des Materialismus als Weltanschauung sind für unser Zeitalter eigentlich Unsinn, denn der Materialismus hat für unser Zeitalter recht. Die Gedanken, die unser Zeitalter als die richtigen ansehen muß, sind Gehirnprodukte. Daher ist eine Widerlegung des Materialismus in unserem Zeitalter an sich eine Phrase und wer ehrlich ist, kann eigentlich nicht viel Wertvolles sehen in einer Widerlegung des Materialismus, denn auf die theoretische Widerlegung kommt es dabei gar nicht an. Die Menschheit ist eben an demjenigen Punkte der Entwickelung angelangt, wo sie keinen innerlichen, lebendigen Geist mehr hat, sondern nur jenen Geistesreflex, der restlos vom physischen Gehirn abhängig ist. Für diesen Reflexgeist ist der Materialismus als theoretische Weltanschauung voll berechtigt. Es handelt sich nicht darum, ob man eine falsche Weltanschauung hat, oder sie widerlegt, sondern darum, daß man allmählich zu einer geistlosen inneren Lebens- und Seelenhaltung gekommen ist. Das ist es, was wie ein Schrei, in tragischer Weise vorempfunden, durch Nietzsches Philosophie geht.
[ 31 ] In dieser Situation hat die natürlich empfindende Jugendseele im zwanzigsten Jahrhundert die geistige Lage der Welt angetroffen. Sie werden nicht zu einer Klarheit, zu einer faßbaren Empfindung dessen kommen, was in unbestimmter Weise, unterbewußt in Ihren Seelen rumort und was Sie das heutige Jugenderlebnis nennen, wenn Sie nicht also hineinschauen in diesen Umschwung, der sich mit dem ganzen Geistesleben notwendigerweise in der heutigen Periode der Menschheitsentwickelung ergeben hat.
[ 31 ] In dieser Situation hat die natürlich empfindende Jugendseele im zwanzigsten Jahrhundert die geistige Lage der Welt angetroffen. Sie werden nicht zu einer Klarheit, zu einer faßbaren Empfindung dessen kommen, was in unbestimmter Weise, unterbewußt in Ihren Seelen rumort und was Sie das heutige Jugenderlebnis nennen, wenn Sie nicht also hineinschauen in diesen Umschwung, der sich mit dem ganzen Geistesleben notwendigerweise in der heutigen Periode der Menschheitsentwickelung ergeben hat.
[ 32 ] Wollen Sie von anderen Untergründen aus das, was Sie in unbestimmter Weise empfinden, charakterisieren,so werden Sie immer nach einiger Zeit empfinden: Sie können nur immer wieder Abschied nehmen von einer solchen Charakterisierung. Sie kommen nicht auf eine Wahrheit, sondern doch immer nur auf Phrasen. Denn solange der Mensch heute sich nicht ehrlich gesteht: Ich muß zum lebendigen, zum regsamen Geiste, zu demjenigen Geist, der im Intellektualismus nicht mehr seine Wirklichkeit, sondern nur seinen Leichnam hat, solange ist keine Rettung aus der Wirrnis des Zeitalters möglich. Solange einer noch glaubt, daß er im Intellektualismus Geist finden kann, wo der Intellektualismus gerade nur noch so die Form des Geistes ist, wie der menschliche Leichnam die Form des Menschen, solange ist kein Sichfinden des Menschen möglich.
[ 32 ] Wollen Sie von anderen Untergründen aus das, was Sie in unbestimmter Weise empfinden, charakterisieren,so werden Sie immer nach einiger Zeit empfinden: Sie können nur immer wieder Abschied nehmen von einer solchen Charakterisierung. Sie kommen nicht auf eine Wahrheit, sondern doch immer nur auf Phrasen. Denn solange der Mensch heute sich nicht ehrlich gesteht: Ich muß zum lebendigen, zum regsamen Geiste, zu demjenigen Geist, der im Intellektualismus nicht mehr seine Wirklichkeit, sondern nur seinen Leichnam hat, solange ist keine Rettung aus der Wirrnis des Zeitalters möglich. Solange einer noch glaubt, daß er im Intellektualismus Geist finden kann, wo der Intellektualismus gerade nur noch so die Form des Geistes ist, wie der menschliche Leichnam die Form des Menschen, solange ist kein Sichfinden des Menschen möglich.
[ 33 ] Ein Sichfinden des Menschen kann erst dadurch eintreten, daß man sich ehrlich gesteht: So wie sich der menschliche Leichnam zum Menschen verhält, der gestorben ist, so verhält sich der Intellektualismus zum Wesen des Geistes. Er trägt noch die Form, aber das Leben des Geistes ist aus dem Intellektualismus gewichen. Und so wie der menschliche Leichnam durchdrungen werden kann von Ingredienzien, die seine Form konservieren, was die ägyptischen Mumien zeigen, so kann man,indem man den Leichnam des Geistes mit Beobachtungsresultaten, mit Experimentierresultaten ausstaffiert, auch ihn konservieren. Man bekommt aber dadurch kein lebendiges Geistiges, nichts, was man mit den lebendigen Impulsen der menschlichen Seele in naturgemäßer Weise verbinden kann; man bekommt nichts anderes als ein Totes. Dieses Tote kann in wunderbarer Weise das Tote in der Welt wiedergeben, so wie man in der Mumie noch die menschliche Gestalt bewundern kann. Aber man bekommt im Intellektualismus kein wirklich Geistiges, ebensowenig wie aus der Mumie ein wirklicher Mensch gemacht werden kann.
[ 33 ] Ein Sichfinden des Menschen kann erst dadurch eintreten, daß man sich ehrlich gesteht: So wie sich der menschliche Leichnam zum Menschen verhält, der gestorben ist, so verhält sich der Intellektualismus zum Wesen des Geistes. Er trägt noch die Form, aber das Leben des Geistes ist aus dem Intellektualismus gewichen. Und so wie der menschliche Leichnam durchdrungen werden kann von Ingredienzien, die seine Form konservieren, was die ägyptischen Mumien zeigen, so kann man,indem man den Leichnam des Geistes mit Beobachtungsresultaten, mit Experimentierresultaten ausstaffiert, auch ihn konservieren. Man bekommt aber dadurch kein lebendiges Geistiges, nichts, was man mit den lebendigen Impulsen der menschlichen Seele in naturgemäßer Weise verbinden kann; man bekommt nichts anderes als ein Totes. Dieses Tote kann in wunderbarer Weise das Tote in der Welt wiedergeben, so wie man in der Mumie noch die menschliche Gestalt bewundern kann. Aber man bekommt im Intellektualismus kein wirklich Geistiges, ebensowenig wie aus der Mumie ein wirklicher Mensch gemacht werden kann.
[ 34 ] Solange es sich darum handelt, gerade dasjenige zu konservieren, was durch die Ehe zwischen Beobachtung und Intellekt konserviert werden soll, solange kann man nur sagen: Die Leistungen der neueren Zeit sind großartig. In dem Augenblick, wo der Mensch sich selber die Aufgabe setzen muß, sich im Tiefsten seiner Seele nur mit dem, was sein Geist sich innerlich selber vorhält, zu verbinden, in dem Augenblicke gibt es keine Verbindung zwischen dem Intellektualismus und der Menschenseele. Dann gibt es nur das eine, daß der Mensch sich sagt: Ich dürste nach etwas, und alles, was mir aus intellektualistischen Untergründen aus der Welt entgegentritt, gibt mir nicht Wasser für diesen Durst.
[ 34 ] Solange es sich darum handelt, gerade dasjenige zu konservieren, was durch die Ehe zwischen Beobachtung und Intellekt konserviert werden soll, solange kann man nur sagen: Die Leistungen der neueren Zeit sind großartig. In dem Augenblick, wo der Mensch sich selber die Aufgabe setzen muß, sich im Tiefsten seiner Seele nur mit dem, was sein Geist sich innerlich selber vorhält, zu verbinden, in dem Augenblicke gibt es keine Verbindung zwischen dem Intellektualismus und der Menschenseele. Dann gibt es nur das eine, daß der Mensch sich sagt: Ich dürste nach etwas, und alles, was mir aus intellektualistischen Untergründen aus der Welt entgegentritt, gibt mir nicht Wasser für diesen Durst.
[ 35 ] Das ist es, was natürlich in Worte gefaßt nicht so gut herauskommt, was aber in den Empfindungen der heutigen Jugend lebt. Die heutige Jugend sagt das oder jenes meistens so, daß, wenn man auf die Untergründe der Dinge geht, man eigentlich recht ärgerlich wird über das, was gesagt wird. Aber man tröstet sich gleich über den Ärger. Der Ärger kommt nur daher, daß scheußlich bombastische Worte gebraucht werden, die auf alles eher passen als auf das, was der Betreffende empfindet. Die Phrase überschlägt sich und das, was als Charakter in der Jugendbewegung auftritt, ist für den, der im Geiste zu leben versteht, von solcher Art, daß es ihm vorkommt, als wenn es Blasen wären, die fortwährend zerplatzen; es ist eigentlich der sich überschlagende Intellektualismus. Ich will Ihnen mit diesen Dingen nicht etwa selber wehe tun, und wenn ich dem einen oder anderen doch wehe tat, so konnte ich nichts dafür. Dann würde es mir zwar leid tun, aber ich würde es doch außerordentlich gerecht finden. Ich kann nicht nur sagen, was gefällt, ich muß schon einmal auch dasjenige sagen, was dem einen oder anderen nicht gefällt. Ich muß ja dasjenige sagen, was ich als wahr erkenne. Deshalb muß ich Ihnen sagen: Um dasjenige zu charakterisieren, was berechtigterweise in den Seelen der jungen Menschen liegt, ist noch etwas ganz anderes nötig als ein Aufpressen der alten Begriffe, die sich als Phrasen überschlagen. Das, was dazu nötig ist, ist ein intensiv entwickeltes Wahrheitsgefühl.
[ 35 ] Das ist es, was natürlich in Worte gefaßt nicht so gut herauskommt, was aber in den Empfindungen der heutigen Jugend lebt. Die heutige Jugend sagt das oder jenes meistens so, daß, wenn man auf die Untergründe der Dinge geht, man eigentlich recht ärgerlich wird über das, was gesagt wird. Aber man tröstet sich gleich über den Ärger. Der Ärger kommt nur daher, daß scheußlich bombastische Worte gebraucht werden, die auf alles eher passen als auf das, was der Betreffende empfindet. Die Phrase überschlägt sich und das, was als Charakter in der Jugendbewegung auftritt, ist für den, der im Geiste zu leben versteht, von solcher Art, daß es ihm vorkommt, als wenn es Blasen wären, die fortwährend zerplatzen; es ist eigentlich der sich überschlagende Intellektualismus. Ich will Ihnen mit diesen Dingen nicht etwa selber wehe tun, und wenn ich dem einen oder anderen doch wehe tat, so konnte ich nichts dafür. Dann würde es mir zwar leid tun, aber ich würde es doch außerordentlich gerecht finden. Ich kann nicht nur sagen, was gefällt, ich muß schon einmal auch dasjenige sagen, was dem einen oder anderen nicht gefällt. Ich muß ja dasjenige sagen, was ich als wahr erkenne. Deshalb muß ich Ihnen sagen: Um dasjenige zu charakterisieren, was berechtigterweise in den Seelen der jungen Menschen liegt, ist noch etwas ganz anderes nötig als ein Aufpressen der alten Begriffe, die sich als Phrasen überschlagen. Das, was dazu nötig ist, ist ein intensiv entwickeltes Wahrheitsgefühl.
[ 36 ] Wahrheit brauchen wir auf dem Grunde der Seele, meine lieben Freunde. Wahrheit ist das erste und letzte, was wir heute brauchen, und wenn gestern Ihr Vorsitzender hier gesagt hat, wir seien soweit gekommen, daß wir eigentlich das Wort «Geist» nicht mehr aussprechen wollen, so ist das schon wie ein Geständnis von der Wahrheit. Es wäre eigentlich viel gescheiter, wenn unser Zeitalter, das den Geist verloren hat, das durchführen würde, nicht mehr vom Geist zu reden; denn dann würden die Menschen in ehrlicher Weise wieder den Durst nach dem wirklichen Geiste bekommen. Statt dessen nennt man heute alles mögliche «Geist» und «geistig». Was wir brauchen, ist Wahrheit, und wenn der heutige junge Mensch über seinen eigenen Seelenzustand sich die Wahrheit gestehen will, dann darf er nichts anderes sagen als: Das Zeitalter hat mir allen Geist aus der Seele genommen. Meine Seele dürstet aber nach Geist, sie dürstet nach etwas Neuem, nach einer neuen Eroberung des Geistes.
[ 36 ] Wahrheit brauchen wir auf dem Grunde der Seele, meine lieben Freunde. Wahrheit ist das erste und letzte, was wir heute brauchen, und wenn gestern Ihr Vorsitzender hier gesagt hat, wir seien soweit gekommen, daß wir eigentlich das Wort «Geist» nicht mehr aussprechen wollen, so ist das schon wie ein Geständnis von der Wahrheit. Es wäre eigentlich viel gescheiter, wenn unser Zeitalter, das den Geist verloren hat, das durchführen würde, nicht mehr vom Geist zu reden; denn dann würden die Menschen in ehrlicher Weise wieder den Durst nach dem wirklichen Geiste bekommen. Statt dessen nennt man heute alles mögliche «Geist» und «geistig». Was wir brauchen, ist Wahrheit, und wenn der heutige junge Mensch über seinen eigenen Seelenzustand sich die Wahrheit gestehen will, dann darf er nichts anderes sagen als: Das Zeitalter hat mir allen Geist aus der Seele genommen. Meine Seele dürstet aber nach Geist, sie dürstet nach etwas Neuem, nach einer neuen Eroberung des Geistes.
[ 37 ] Solange dieses nicht in aller Ehrlichkeit und Wahrheit empfunden wird, solange kommt die Jugendbewegung nicht zu sich selbst. Zu alledem, was ich als Charakteristikum gegeben habe für das, was wir noch suchen müssen, füge ich heute das hinzu: Wir müssen im Tiefsten, im Innersten der Seele suchen nach Licht, vor allen Dingen müssen wir zu dem tiefinnersten Ehrlichkeits- und tiefinnerlichsten Wahrheitsgefühl zu kommen suchen. Wenn wir auf Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit bauen, dann werden wir weiterkommen, und weiterkommen muß die Menschheit. Dann werden wir dahin kommen, daß man wieder von Geist reden darf, der der menschlichen Natur doch am ähnlichsten ist. Die Seele ist am ähnlichsten dem Geiste, daher kann sie ihn finden, wenn sie will. In unserer Zeit aber muß sie hinausstreben über Phrase, Konvention und Routine; hinaus über die Phrase — zu der Erfassung der Wahrheit, hinaus über die Konvention — zu dem unmittelbaren, elementaren herzlichen Verhältnis von Mensch zu Mensch, und hinaus über die Routine — zu dem, wodurch in jeder einzelnen Handlung des Lebens wieder Geist liegt, so daß wir nicht aus einem Automatischen heraus handeln, wie das heute so vielfach geschieht, sondern daß in der alltäglichsten Handlung wieder Geist lebt. Wir müssen zu der Geistigkeit des Handelns, wir müssen zu dem unmittelbaren Erlebnis der Menschen untereinander und zum ehrlichen Erlebnis derWahrheit kommen.
[ 37 ] Solange dieses nicht in aller Ehrlichkeit und Wahrheit empfunden wird, solange kommt die Jugendbewegung nicht zu sich selbst. Zu alledem, was ich als Charakteristikum gegeben habe für das, was wir noch suchen müssen, füge ich heute das hinzu: Wir müssen im Tiefsten, im Innersten der Seele suchen nach Licht, vor allen Dingen müssen wir zu dem tiefinnersten Ehrlichkeits- und tiefinnerlichsten Wahrheitsgefühl zu kommen suchen. Wenn wir auf Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit bauen, dann werden wir weiterkommen, und weiterkommen muß die Menschheit. Dann werden wir dahin kommen, daß man wieder von Geist reden darf, der der menschlichen Natur doch am ähnlichsten ist. Die Seele ist am ähnlichsten dem Geiste, daher kann sie ihn finden, wenn sie will. In unserer Zeit aber muß sie hinausstreben über Phrase, Konvention und Routine; hinaus über die Phrase — zu der Erfassung der Wahrheit, hinaus über die Konvention — zu dem unmittelbaren, elementaren herzlichen Verhältnis von Mensch zu Mensch, und hinaus über die Routine — zu dem, wodurch in jeder einzelnen Handlung des Lebens wieder Geist liegt, so daß wir nicht aus einem Automatischen heraus handeln, wie das heute so vielfach geschieht, sondern daß in der alltäglichsten Handlung wieder Geist lebt. Wir müssen zu der Geistigkeit des Handelns, wir müssen zu dem unmittelbaren Erlebnis der Menschen untereinander und zum ehrlichen Erlebnis derWahrheit kommen.
