Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Spiritual Forces Working in the Shared Lives
of the Older and Younger Generations
GA 217

6 October 1922, Stuttgart

Translate the original German text into any language:

Vierter Vortrag

Fourth Lecture

[ 1 ] Ich möchte heute beginnen mit einer Beurteilung der Ethik, wie sie sich bis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts hin entwickelt hat. Nicht etwa um nachzuweisen, daß philosophische Darstellungen der Ethik irgendwie impulsiv für die Moral der Menschen wirken könnten, sondern um Ihnen anschaulich zu machen, wie dasjenige, was aus ganz anderen Untergründen heraus sittlich bestimmend für die Menschen wirkt, symptomatisch in den philosophischen Darstellungen des Sittlichen zum Ausdruck kommt.

[ 1 ] I would like to begin today with an assessment of ethics as it developed up to the end of the nineteenth century. Not to prove that philosophical accounts of ethics could somehow have an impulsive effect on people’s morals, but to illustrate to you how that which, arising from entirely different foundations, exerts a morally determining influence on people is symptomatically expressed in philosophical accounts of morality.

[ 2 ] Man muß überhaupt die Ansicht aufgeben, als ob Philosophien, wenn sie vom Intellekt ausgehen, irgendwie unmittelbar richtunggebend sein könnten. Aber in demjenigen, was die Philosophen sagen, drückt sich doch der ganze Zeitimpuls aus. Niemand wird zum Beispiel behaupten, daß unser Wärmegefühl in einem Zimmer vom Stande des Thermometers beeinflußt wird, aber jeder weiß, daß der Stand des Thermometers selbst von dem abhängig ist, was man die Wärmeverhältnisse eines Zimmers nennen kann. Ebenso, möchte ich sagen, sieht man bei den Philosophen, die von Sittlichkeit sprechen, welches der allgemeine sittliche Stand ist.

[ 2 ] One must, in general, abandon the view that philosophies, if they originate from the intellect, could in any way directly set the course of events. Yet the entire impulse of the times is expressed in what philosophers say. No one, for example, would claim that our sensation of warmth in a room is influenced by the reading on the thermometer, but everyone knows that the reading on the thermometer itself depends on what might be called the thermal conditions of a room. Similarly, I would say, one can see in the philosophers who speak of morality what the general moral state is.

[ 3 ] Sie sehen, daß ich die philosophischen Darstellungen des Ethischen etwas anders behandle, als das gewöhnlich geschieht. Ich behandle sie nur wie eine Art Thermometerstand gegenüber den Temperaturverhältnissen. Aber so, wie man über die Wärmeverhältnisse eines Zimmers Bescheid weiß, wenn man den Thermometerstand kurz angibt, so erfährt man unermeßlich viel von dem, was in den Untergründen des allgemeinen Menschenlebens einer Gegend, eines Zeitalters liegt, wenn man weiß, was die Philosophen dieses Zeitalters in ihren Darstellungen zum Ausdruck bringen.

[ 3 ] You can see that I approach philosophical discussions of ethics somewhat differently than is usually the case. I treat them merely as a kind of thermometer reading reflecting the prevailing conditions. But just as one can gauge the temperature conditions of a room by briefly noting the thermometer reading, so too can one learn an immeasurable amount about what lies beneath the surface of general human life in a region or an era by understanding what the philosophers of that era express in their writings.

[ 4 ] Nur von diesem Gesichtspunkte aus betrachten Sie es also, wenn ich Ihnen eine kurze Stelle vorlese, die im Jahre 1893 in der «Deutschen Literaturzeitung» erschienen ist und von Spencers «Prinzipien der Ethik» handelt. Da lesen wir: «Er enthält den, wie ich glaube, vollständigsten» — so sagt der Rezensent — «und mit erdrückendem Material geführten Nachweis, daß es schlechterdings keinen allgemeinmenschlichen Inhalt des Sittlichen, oder unveränderliche Sittengebote gibt; daß nur eine einzige Norm existiert, welche aller Schätzung menschlicher Eigenschaften und Handlungen zugrunde liegt: die praktische Angemessenheit oder Unangemessenheit eines Charakters oder einer Tat an den gegebenen Zustand der Gesellschaft, in welcher die Beurteilung stattfindet; und daß eben deswegen die nämlichen Dinge in verschiedenen Kulturverhältnissen sehr verschieden bewertet worden sind. Referent ist der Ansicht, daß diese Meisterleistung» — also die Spencer sehen Prinzipien der Ethik — «... die letzten Versuche, ethische Unterscheidungen auf Intuitionen, angeborene Gefühle, selbst evidente

[ 4 ] So please consider it solely from this perspective as I read you a short passage that appeared in the Deutsche Literaturzeitung in 1893 and deals with Spencer’s Principles of Ethics. There we read: “It contains, I believe, the most comprehensive”—so says the reviewer—“and, supported by overwhelming evidence, proof that there is simply no universally human content to morality, nor any immutable moral precepts; that there exists only a single standard underlying all evaluation of human qualities and actions: the practical appropriateness or inappropriateness of a character or an act in relation to the given state of society in which the judgment takes place; and that, for this very reason, the same things have been evaluated very differently in various cultural contexts. The speaker is of the opinion that this “masterpiece”—that is, Spencer’s principles of ethics—“... represents the final attempts to ground ethical distinctions in intuitions, innate feelings, or self-evident/p>

[ 5 ] Axiome usw. zu gründen, in der Wissenschaft wenigstens mundtot machen muß.» Ich lese Ihnen diese Worte aus dem Grunde vor, weil sie die ethische Stimmung fast der ganzen zivilisierten Welt vom Ende des neunzehnten Jahrhunderts charakterisieren, jene ethische Stimmung, die sich so weit entwickelt hatte, daß sie in philosophische Worte gefaßt werden konnte.

[ 5 ] “To establish axioms, etc., must at least silence them in science.” I am reading these words to you because they characterize the ethical sentiment of nearly the entire civilized world at the end of the nineteenth century—that ethical sentiment which had developed to such an extent that it could be expressed in philosophical terms.

[ 6 ] Machen wir uns einmal klar, was hier eigentlich gesagt wird. Es wird in dem wirklich außerordentlich bedeutenden Werke, in Spencers «Prinzipien der Ethik», der Versuch unternommen, mit erdrückendem Material — es ist schon so, wie der Rezensent sagt — nachzuweisen, daß aus dem menschlichen Seelenleben sogenannte moralische Intuitionen, moralische Axiome oder dergleichen nicht hervorgeholt werden können, daß man endlich aufhören müsse, über solche moralische Intuitionen zu sprechen. Denn das einzige, was man sagen kann, ist: Die Menschen handeln aus der natürlichen Veranlagung heraus. Dieses Handeln wird beurteilt von der gesellschaftlichen Umgebung. Der Mensch ist gezwungen, sein Handeln nach dem Urteil der gesellschaftlichen Umgebung einzurichten. Daraus ergeben sich die konventionellen, sittlichen Urteile, die sich modifizieren, je nachdem sich die menschliche Gesellschaft von Zeitalter zu Zeitalter ändert. Und es wird hier von einem Rezensenten im Beginne der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts gesagt, es sei nun endlich möglich, alle Versuche, über Ethik und sittliche Anschauungen so zu sprechen, als ob es unmittelbar aus der Seele hervorgeholte moralische Intuitionen gäbe, wenigstens soweit die Wissenschaft in Betracht komme, mundtot zu machen.

[ 6 ] Let’s take a moment to clarify what is actually being said here. In that truly extraordinary work, Spencer’s Principles of Ethics, an attempt is made, using overwhelming evidence—as the reviewer rightly points out—to demonstrate that so-called moral intuitions, moral axioms, or the like cannot be derived from the human psyche, and that we must finally stop speaking of such moral intuitions. For the only thing one can say is: People act out of natural disposition. This action is judged by the social environment. People are compelled to align their actions with the judgment of the social environment. From this arise the conventional moral judgments, which change as human society changes from age to age. And a reviewer in the early 1890s stated that it was now finally possible to silence all attempts to speak of ethics and moral views as if there were moral intuitions drawn directly from the soul—at least as far as science is concerned.

[ 7 ] Ich habe diese einzelne Erscheinung herausgegriffen, weil sie tatsächlich dasjenige charakterisiert, dem man in jener Zeit sich gegenübergestellt fand, wenn man über Ethik, über Sittenimpulse nachsann.

[ 7 ] I have singled out this particular phenomenon because it truly characterizes what one was confronted with at that time when reflecting on ethics and moral impulses.

[ 8 ] In diese Zeitstimmung hinein versuchte ich meine «Philosophie der Freiheit» zu schicken, die in der Anschauung gipfelt, daß jetzt, also am Ende des neunzehnten Jahrhunderts, gerade die Zeit gekommen sei, die im eminentesten Sinne notwendig macht, daß die Menschen sich darauf besinnen, wie sie sittliche Impulse immer mehr und mehr dadurch finden können, daß sie auf das Wesen der menschlichen Seele selber zurückgehen. Selbst für die sittlichen Impulse des Alltags müssen sie immer mehr und mehr zu moralischen Impulsen ihre Zuflucht nehmen, weil andere Impulse als die unmittelbar in der menschlichen Seele bloßzulegenden moralischen Intuitionen immer weniger bestimmend sein können. Diese Situation lag dazumal für mich vor. Ich fand mich genötigt, zu sagen: AlleZukunft der menschlichen Ethik hängt davon ab, daß die Kraft der moralischen Intuition mit jedem Tage stärker werde. Damit war auch gesagt, daß wir mit Bezug auf die moralische Pädagogik überhaupt nur vorwärtskommen, wenn wir die Kraft der moralischen Intuition in der menschlichen Seele immer mehr stärken, wenn wir das einzelne menschliche Individuum immer mehr und mehr dahin bringen, sich bewußt zu werden, was in seiner Seele an moralischen Intuitionen ersprießen kann.

[ 8 ] It was against this backdrop that I sought to present my Philosophy of Freedom, which culminates in the view that now—that is, at the end of the nineteenth century—the time has finally come when, in the most profound sense, it is necessary for people to reflect on how they can find moral impulses more and more by returning to the very essence of the human soul. Even for the moral impulses of everyday life, they must increasingly take refuge in moral impulses, because impulses other than the moral intuitions that can be directly uncovered in the human soul can play an ever-diminishing role. This was the situation I faced at the time. I found myself compelled to say: The entire future of human ethics depends on the power of moral intuition growing stronger with each passing day. This also meant that, with regard to moral education, we can only make progress at all if we increasingly strengthen the power of moral intuition in the human soul, if we increasingly lead each individual to become aware of the moral intuitions that can spring forth within their soul.

[ 9 ] Demgegenüber stand das Urteil — das schier allgemein war, denn es ist hier nur etwas ganz Allgemeingültiges ausgesprochen —, daß nunmehr die Zeit herangerückt sei, wo mit erdrückendem Material nachgewiesen sei, daß alle moralischen Intuitionen wissenschaftlich mundtot gemacht werden müssen. Es war also notwendig für mich, den Versuch zu machen, ein Buch zu schreiben, welches in energischer Weise gerade den Standpunkt vertritt, der in ebenso energischer Weise von der Wissenschaft dazumal als der bezeichnet wurde, welcher mundtot zu machen sei.

[ 9 ] In contrast to this stood the judgment—which was virtually universal, for only something of general validity was expressed here—that the time had now come when it had been proven with overwhelming evidence that all moral intuitions must be scientifically silenced. It was therefore necessary for me to attempt to write a book that vigorously defends precisely the standpoint that was, just as vigorously, designated by the scientific community of that time as the one that must be silenced.

[ 10 ] Ich charakterisiere Ihnen dieses aus dem Grunde, weil damit an einem einzelnen Fall dargestellt wird, wovon ich gestern und vorgestern sprach, nämlich der ungeheuer bedeutungsvolle Wendepunkt in der gesamten Geistesentwickelung des Abendlandes am Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Alle meine Ausführungen wiesen ja bis jetzt darauf hin, daß die Menschheit, die seit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts heranwuchs, vor einer ganz neuen Seelensituation steht gegenüber derjenigen der vorangegangenen Jahrhunderte. Ich habe schon einmal den Ausdruck gebraucht, daß man am Ende des neunzehnten Jahrhunderts als Menschenseele mit Bezug auf das Geistige gegenüber dem Nichts steht. Es war schon einmal notwendig, gerade gegenüber dem Sittlichen in scharfer Weise zu markieren, wie dasjenige, was man aus geistigen Untergründen heraus als das Notwendigste bezeichnen muß für die Zukunft: moralische Intuition, gegenübergestellt ist demjenigen, was aus der Vergangenheit heraufkam — dem Nichts, das fertig ist mit seiner Entwickelung. Es kam ja dieser Wendepunkt auf eine wirklich tragische Weise am Ende des neunzehnten Jahrhunderts gerade innerhalb der deutschen Kultur zum Ausdruck, und man braucht, um dieses Tragische anzudeuten, nur den Namen Nietzsche zu nennen.

[ 10 ] I am describing this to you because it illustrates, through a single case, what I spoke about yesterday and the day before—namely, the immensely significant turning point in the entire spiritual development of the West at the end of the nineteenth century. All my remarks so far have pointed to the fact that humanity, as it has matured since the end of the nineteenth century, faces a completely new spiritual situation compared to that of the preceding centuries. I have already used the expression that, at the end of the nineteenth century, the human soul, in relation to the spiritual, stands before nothingness. It was already necessary, particularly with regard to morality, to sharply highlight how that which—arising from spiritual foundations—must be described as the most essential thing for the future—moral intuition—stands in contrast to that which emerged from the past: the nothingness that has completed its development. This turning point was expressed in a truly tragic way at the end of the nineteenth century, particularly within German culture, and one need only mention the name Nietzsche to hint at this tragedy.

[ 11 ] Nietzsche ist für Menschen, die bewußt und wach den Übergang von dem neunzehnten ins zwanzigste Jahrhundert miterlebt haben, wirklich das Miterleben einer Tragödie gewesen. Man kann sagen, daß Nietzsche selbst eine Persönlichkeit war, die in den aufeinanderfolgenden Lebensepochen in scharfer Weise mit der eigenen Seele erlebt hat das dem Nichts Gegenübergestelltsein, jenem Nichts, das sie zunächst als ein Etwas genommen hat.

[ 11 ] For people who consciously and alertly witnessed the transition from the nineteenth to the twentieth century, Nietzsche truly represented the experience of a tragedy. One could say that Nietzsche himself was a figure who, throughout the successive phases of his life, experienced in a profound way—through his own soul—the state of being confronted with nothingness, that very nothingness which he initially took to be something.

[ 12 ] Es wird vielleicht für das, was in diesen Tagen von Ihren Seelen aufgenommen werden sollte, nicht ganz überflüssig sein, diesen Friedrich Nietzsche gerade in diesem Momente mit einigen Worten zu berühren. In gewissem Sinne ist Nietzsche schon derjenige Mensch gewesen, der durch sein tragisches Schicksal scharf hindeutet auf dasjenige, was in der geistigen Entwickelung der Menschheit im neunzehnten Jahrhundert sich einer Abendröte zuneigte und eine Morgenröte mit dem beginnenden neuen Jahrhundert notwendig machte.

[ 12 ] It may not be entirely superfluous, in light of what your souls are meant to absorb these days, to say a few words about Friedrich Nietzsche at this very moment. In a certain sense, Nietzsche was already the man whose tragic fate sharply foreshadowed what, in the spiritual development of humanity in the nineteenth century, was drawing toward twilight and necessitated a new dawn with the beginning of the new century.

[ 13 ] Nietzsche ist ja hervorgegangen aus einem reifen wissenschaftlichen Standpunkte. Er hat zunächst diesen wissenschaftlichen Standpunkt in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in der Philologie kennengelernt. Nietzsche hat wirklich mit einem innerlich außerordentlich beweglichen Geiste den philologischen Standpunkt von der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts aufgenommen, und er hat eigentlich mit der Philologie aufgenommen den ganzen Geist des Griechentums. Dabei war Nietzsche keine Persönlichkeit, die sich gegenüber der allgemeinen Kultur abschloß. Er war das Gegenteil eines Stubengelehrten. Nietzsche nahm daher auch auf, was ihm in der Mitte des neunzehnten Jahrhundertsals philosophischer Standpunkt nahekommen mußte: dieSchopenhauersche Philosophie, den Schopenhauerschen philosophischen Pessimismus. Dieser Schopenhauersche philosophische Pessimismus hat auf ihn einen tiefgehenden Eindruck gemacht, einen Eindruck, der nur dadurch kommen konnte, daß Nietzsche mehr als Schopenhauer selber das Hinuntersinkende des Geisteslebens, inmitten dessen er lebte, empfunden hat. Ein Licht, das nach der Zukunft hinwies, gab es für Nietzsche nur in der Form der Richard Wagnerschen Musik. Wagner war ja in bezug auf seine Weltanschauung Schopenhauerianer in der Zeit, in der er Nietzsche kennenlernte.

[ 13 ] Nietzsche, after all, emerged from a mature scholarly perspective. He first became acquainted with this scholarly standpoint in the mid-nineteenth century through philology. With a mind that was extraordinarily agile, Nietzsche truly embraced the philological standpoint of the mid-nineteenth century, and through philology he actually embraced the entire spirit of Greek culture. Yet Nietzsche was not a figure who shut himself off from general culture. He was the opposite of a bookish scholar. Nietzsche therefore also embraced what, in the mid-nineteenth century, must have appealed to him as a philosophical standpoint: Schopenhauer’s philosophy, Schopenhauer’s philosophical pessimism. This Schopenhauerian philosophical pessimism made a profound impression on him—an impression that could only have arisen because Nietzsche sensed, more acutely than Schopenhauer himself, the decline of intellectual life in the midst of which he lived. For Nietzsche, the only light pointing toward the future came in the form of Richard Wagner’s music. In terms of his worldview, Wagner was, after all, a Schopenhauerian at the time he met Nietzsche.

[ 14 ] Und so bildete sich für Nietzsche, gegen den Beginn des letzten Drittels des neunzehnten Jahrhunderts, die Anschauung heraus, die für ihn wirklich nicht Theorie, sondern Lebensinhalt war: daß schon innerhalb des Griechentums jenes Zeitalter heraufgekommen war, welches den vollen menschlichen Inhalt durch den Intellektualismus erdrückte. Nietzsche hat sich gewiß in bezug auf die Entwickelung und völlige Ausbildung des Intellektualismus geirrt. Denn in jener Gestalt, in der Nietzsche den Intellektualismus wie ein alles ertötendes Geistiges erlebte, ist er eigentlich erst seit dem fünfzehnten Jahrhundert heraufgekommen, wie ich das gestern und vorgestern gezeigt habe. Aber schließlich hat ja Nietzsche den Intellektualismus der unmittelbaren Gegenwart erlebt, und er hat ihn zurückdatiert bis in das spätere Griechentum. Es bildete sich ihm die Anschauung: dasjenige, was so auslöschend wirkte für das Lebendig-Geistige, habe eigentlich schon mit Sokrates begonnen. So wurde Nietzsche ein Anti-Sokratiker. Er sah schon in dem Hineinstellen desSokrates in das griechische Geistesleben, wie der Intellektualismus, das Verstandesmäßige, ein altes Geistiges vertrieb.

[ 14 ] And so, toward the beginning of the last third of the nineteenth century, Nietzsche developed a view that for him was truly not a theory but the very meaning of his life: that even within Greek civilization, an age had already dawned in which intellectualism stifled the full human essence. Nietzsche was certainly mistaken regarding the development and full maturation of intellectualism. For in the form in which Nietzsche experienced intellectualism—as a life-destroying spiritual force—it has actually only emerged since the fifteenth century, as I demonstrated yesterday and the day before. But ultimately, Nietzsche experienced the intellectualism of his immediate present, and he traced it back to late Greek antiquity. He formed the view that what had such an annihilating effect on the living spiritual had in fact already begun with Socrates. Thus Nietzsche became an anti-Socratic thinker. He saw, even in the placement of Socrates within Greek intellectual life, how intellectualism—the rational—had displaced an ancient spirituality.

[ 15 ] Wohl nur wenige Menschen haben mit einer solchen elementaren Größe den Gegensatz empfunden zwischen dem Griechischen, wie es dem Menschen in Äschylos, in Sophokles, der älteren griechischen bildenden Kunst und den grandiosen Philosophien des Heraklit, Anaxagoras und so weiter entgegentreten kann, zwischen diesem griechischen Seelenleben, das noch voll von geistigen Impulsen ist, und jenem anderen, das sich allmählich ertötend über das eigentlich Geistige legt. Das hat für Nietzsche mit Sokrates seinen Anfang genommen, mit jenem Sokrates, der gegenüber allen Fragen der Welt die Fragen des Verstandes gestellt hat, der allem gegenüber seine Kunst des Definierens aufgestellt hat, von der Nietzsche zweifellos gefühlt hat: wo sie beginnt, setzt sich der Mensch gegenüber dem unmittelbar lebendigen Geiste eine Brille auf. — Es ist damit, wenn man die Begriffe nicht preßt und so selber wieder in das Intellektualistische hineinkommt, etwas sehr Bedeutendes von Nietzsche empfunden worden.

[ 15 ] Probably very few people have perceived with such fundamental clarity the contrast between the Greek world—as it appears to us in Aeschylus, in Sophocles, in the ancient Greek visual arts, and in the magnificent philosophies of Heraclitus, Anaxagoras, and so on, and that other Greek way of life, which gradually stifles what is truly spiritual. For Nietzsche, this began with Socrates—that Socrates who, in the face of all the world’s questions, posed the questions of reason; who, in the face of everything, set forth his art of definition, about which Nietzsche undoubtedly felt: where it begins, man puts on a pair of glasses in the face of the immediately living spirit. — Thus, provided one does not force the concepts and thereby slip back into intellectualism, something very significant has been perceived in Nietzsche.

[ 16 ] Sehen Sie, das wirkliche Erleben des Geistigen wird überall, wo man dieses Geistige trifft, Individualismus. Das Definieren wird überall Allgemeines. Wenn man durchs Leben geht, einzelnen Menschen gegenübertritt, muß man ein offenes Herz, einen offenen Sinn haben für diese einzelnen Menschen. Man muß sozusagen jedem einzelnen individuellen Menschen gegenüber in der Lage sein, ein ganz neues Menschengefühl zu entwickeln. Man wird nur dadurch dem Menschen gerecht, daß man in jedem einzelnen einen neuen Menschen sieht. Aus dem Grunde hat jeder Mensch uns gegenüber das Recht, daß wir ihm gegenüber ein neues Menschengefühl entwickeln. Denn wenn wir mit einem allgemeinen Begriffe kommen und sagen, so sollte der Mensch sein in dieser oder jener Hinsicht, dann tun wir ihm unrecht. Mit jeder Definition des Menschen setzen wir uns eigentlich eine Brille auf, um den individuellen Menschen nicht sehen zu können.

[ 16 ] You see, the true experience of the spiritual becomes individualism wherever one encounters that spiritual aspect. Definition, on the other hand, becomes something universal. As one goes through life and encounters individual people, one must have an open heart and an open mind toward those individual people. One must, so to speak, be able to develop a completely new sense of humanity toward each and every individual person. One does justice to a person only by seeing a new person in each individual. For this reason, every person has the right to expect us to develop a new sense of humanity toward them. For if we come with a general concept and say, “This is how a person should be in this or that respect,” then we are doing them an injustice. With every definition of a person, we are actually putting on a pair of glasses that prevent us from seeing the individual person.

[ 17 ] Das empfindet Nietzsche gegenüber dem Geistesleben überhaupt, und darin besteht seine Gegnerschaft gegenüber dem Sokratismus. Und so legte sich für die sechziger, ja auch noch für die ersteHälfte der siebziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts die Anschauung auf seine Seele: das wirklich wahre, das lebendige Griechentum habe eigentlich in der Grundlage seiner Weltempfindung eine Art Pessimismus. Die Griechen wären im Grunde überzeugt gewesen, das unmittelbare Leben, wie es sich der Menschheit elementar darbietet, könne dem Menschen keine Befriedigung, kein Totalgefühl seiner Menschenwürde geben. Darum nahmen sie ihre Zuflucht zu dem, was ihnen Kunst gewesen ist, und den Griechen war die Kunst, die sie in der besten Zeit ihrer Entwickelung gepflegt haben, die große Trösterin, die über die Mangelhaftigkeit des rein materialistischen Daseins hinweghilft. So war für Nietzsche die griechische Kunst nur aus der tragischen Lebensstimmung der Griechen heraus zu begreifen. Und diese Mission der Kunst, glaubte Nietzsche zunächst, würde sich wieder aufrichten lassen durch die Wagnerische Kunst und durch alles das, was sich künstlerisch aus der Wagnerischen Kunst ergeben kann.

[ 17 ] This is Nietzsche’s general attitude toward intellectual life, and this is the basis of his opposition to Socratism. And so, during the 1860s—and indeed even into the first half of the 1870s—this view took root in his mind: that truly authentic, living Greek culture was, at the very foundation of its worldview, rooted in a kind of pessimism. The Greeks were, at heart, convinced that immediate life, as it presents itself to humanity in its most elementary form, could offer man no satisfaction, no sense of the fullness of his human dignity. That is why they took refuge in what art meant to them, and for the Greeks, the art they cultivated during the golden age of their development was the great comforter that helped them rise above the inadequacy of a purely materialistic existence. Thus, for Nietzsche, Greek art could only be understood in light of the Greeks’ tragic outlook on life. And this mission of art, Nietzsche initially believed, could be revived through Wagnerian art and through everything that might arise artistically from Wagnerian art.

[ 18 ] Dann kamen die siebziger Jahre, und Nietzsche fühlte, daß das nicht so sein könne, weil er in seiner Zeit den Impuls vermißte, der das wirklich finden konnte, was die Griechen als die große ’Trösterin hingesetzt hatten über das unmittelbar materielle Leben. Für Nietzsche kam die Zeit, in der er sich die Frage stellte: Was war es eigentlich, was ich in der Wagnerischen Kunst wie einer Wiedererneuerung der griechischen Kunst gesucht habe? Das waren ja Ideale! — Und nun wurde er gewahr, wie diese Ideale, so wie er sie auf seine Seele wirken ließ, eine Ähnlichkeit hatten mit den Idealen seines Zeitalters.

[ 18 ] Then came the 1870s, and Nietzsche felt that this could not be so, because he missed in his own time the impulse that could truly discover what the Greeks had established as the great “Comforter” above immediate material life. For Nietzsche, the time had come when he asked himself: What was it, actually, that I had been seeking in Wagner’s art as a renewal of Greek art? Those were ideals, after all! — And now he became aware of how these ideals, as he allowed them to affect his soul, bore a resemblance to the ideals of his own age.

[ 19 ] Und da kam einmal in der Mitte der siebziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts ein furchtbar tragischer Augenblick in seinem Leben: jener Augenblick, in dem er seine Ideale ähnlich fühlte denen der eigenen Zeit, der Augenblick, wo er sich sagen mußte: Damit bin ich ähnlich dem, was unser Zeitalter Ideale nennt; ich schöpfe schließlich aus derselben Kraft, aus der mein Zeitalter seine Ideale holt.— Das war für Nietzsche ein ganz besonders schmerzlicher Augenblick, denn er hatte gerade diese idealistischen Zeiterscheinungen um sich herum erlebt. Er hatte zum Beispiel einen David Friedrich Strauß erlebt, den das ganze Zeitalter als großen Mann verehrte, und den er entlarvt hat als — Philister. Jetzt sah er, wie stark seine eigenen Ideale, die er nur durch sein Hineingeraten in den Wagnerianismus und in die griechische Kunst aufgepeitscht hatte, seiner Zeit ähnlich waren. Kraftlos jedoch gegenüber dem Erfassen des wirklichen Geistigen kamen ihm die Ideale des Zeitalters vor. Und so sagte er sich: Bin ich wahr, so darf ich eigentlich mit meinem Zeitalter keine Ideale haben. — Wenn er es auch nicht in diesen Worten aussprach, so war dies doch für ihn eine tragische Entdeckung. Wer sich recht vertieft in dasjenige, was Nietzsche in den Jahren, von denen ich jetzt spreche, durchgemacht hat, der weiß, daß für Nietzsche einmal der Augenblick der großen Tragik kam, wo er sich auf seine Weise sagte: Wenn der gegenwärtige Mensch von Idealen redet, und das noch irgendwie zusammenstimmt mit demjenigen, was die anderen Ideale nennen, dann bewegt er sich auf dem Gebiete der Phrase, jener Phrase, die nicht mehr der lebendige Körper, sondern der tote Leichnam des Geistes ist.

[ 19 ] And then, in the mid-1870s, a terribly tragic moment occurred in his life: that moment when he felt his ideals were similar to those of his own time, the moment when he had to say to himself: “In this, I am similar to what our age calls ideals; I am, after all, drawing from the same source from which my age draws its ideals.— This was a particularly painful moment for Nietzsche, for he had experienced precisely these idealistic phenomena of his time all around him. He had, for example, encountered a David Friedrich Strauss, whom the entire age revered as a great man, and whom he had exposed as—a philistine. Now he saw how closely his own ideals—which he had merely whipped up by becoming embroiled in Wagnerianism and Greek art—resembled those of his time. Yet the ideals of the age seemed powerless to him when it came to grasping the true spiritual. And so he said to himself: If I am true to myself, I must not, in fact, share any ideals with my age. — Even if he did not express it in these exact words, this was nonetheless a tragic discovery for him. Anyone who delves deeply into what Nietzsche went through during the years I am now speaking of knows that there came a moment of great tragedy for Nietzsche when he said to himself, in his own way: “When modern man speaks of ideals, and if this still somehow corresponds to what others call ideals, then he is operating in the realm of empty phrases—those phrases that are no longer the living body but the dead corpse of the spirit.”

[ 20 ] Aus einer solchen Stimmungheraus hat Nietzsche dieWorte geprägt: Also muß ich mit energischer Kraft die Ideale, die ich mir bisher gebildet habe, aufs Eis legen. — Und dieses Aufs-Eis-Legen aller Ideale in dem Sinne, wie ich es jetzt charakterisiert habe, beginnt für ihn in der Mitte der siebziger Jahre. Es entstehen seine Schriften «Menschliches, Allzumenschliches», «Morgenröte» und «Fröhliche Wissenschaft», in denen er in einer gewissen Weise Voltaire huldigt, die aber auch verbunden sind mit einer gewissen Anschauung von der menschlichen Sitte.

[ 20 ] It was out of this state of mind that Nietzsche coined the words: “So I must, with vigorous determination, set aside the ideals I have formed for myself thus far.” — And this setting aside of all ideals, in the sense I have just described, began for him in the mid-1870s. This period saw the emergence of his works Human, All Too Human, Dawn, and The Gay Science, in which he pays homage to Voltaire in a certain way, but which are also linked to a particular view of human customs.

[ 21 ] Ein äußerlicher Anlaß für Nietzsche, von seinem früheren Idealismus loszukommen, hinzusteuern in dasjenige, was dann seine Lebensanschauung in der zweiten Periode seines Lebens war, bot sich ihm dadurch, daß er in jener Zeit Paul Ree kennenlernte, den ich den rein naturwissenschaftlichen Behandler der menschlichen Sitte, des menschlichen Sittenwesens nennen möchte. Paul R&e behandelte ganz im Sinne der damaligen Naturwissenschaft die Entwickelung des menschlichen Sittenlebens. Er hat das außerordentlich interessante Büchelchen geschrieben «Der Ursprung der moralischen Empfindungen», ferner ein Buch «Die Entstehung des Gewissens». Das Büchelchen über die moralischen Empfindungen, das eigentlich jeder nachlesen sollte, der wissen will, wie es mit dem Denken des letzten Drittels des neunzehnten Jahrhunderts beschaffen ist, hat auf Nietzsche einen tiefgehenden Einfluß gehabt.

[ 21 ] An external catalyst for Nietzsche to break away from his earlier idealism and move toward what would become his worldview during the second period of his life came about when he met Paul Ree at that time, whom I would like to call the purely scientific analyst of human morality and the moral nature of humankind. Paul Ree approached the development of human moral life entirely in the spirit of the natural sciences of his time. He wrote the extraordinarily interesting little book The Origin of Moral Feelings, as well as a book titled The Origin of Conscience. The little book on moral sentiments—which, in fact, everyone who wants to understand the nature of thought in the last third of the nineteenth century should read—had a profound influence on Nietzsche.

[ 22 ] Welcher Geist herrscht nun in diesem Büchelchen? Wiederum schildere ich nicht deshalb, weil ich meine, daß von der Philosophie ein direkter Einfluß auf das Leben ausgeht, sondern weil ich auf ein Kulturthermometer weisen will, an dem man ablesen kann, wie der Stand der sittlichen Impulse und Anschauungen und der Gedanken über die sittlichen Impulse damals war. Nach Paul Re&es Ansicht hat der Mensch ursprünglich überhaupt nichts anderes gehabt als das, was nach seiner Ansicht das Kind hat: ein Triebleben, Impulse der unbewußsten instinktiven Betätigung. Der einzelne Mensch stößt gewissermaßen, indem er sich regt, nach allen Seiten mit anderen Menschen zusammen. Von einzelnen solchen Regungen, die der Mensch nach außen entwickelt, stellt sich heraus, daß sie den anderen Menschen zupaß kommen, daß sie ihnen nützlich sind. Von anderen stellt sich heraus, daß sie ihnen schädlich sind. Daraus bilden sich die Urteile: Was vom Menschen aus seinen instinktiven Regungen als Nützliches ausströmt, nennt man allmählich «gut»; was sich als schädlich erweist für die anderen, dem klebt man die Marke «bös» auf.— Natürlich wird das Leben immer komplizierter. Die Menschen vergessen, wie sie den Dingen diese Marken aufgeklebt haben. Aber sie reden dann von «gut» und «böse» und haben vergessen, daß man anfangs nur das als «gut» bezeichnet hat, was einem wohltat, und als «böse», was man als schädlich empfand. So hat sich schließlich das, was so entstanden ist, zum Instinkte umgebildet. Nehmen wir an, jemand stößt blind mit dem Arm: streichelt er einen dabei, so nennt man es gut, gibt er einem eine Ohrfeige, so nennt man es böse. Daraus summieren sich die Urteile. Es wird das, was sich aus solchen Urteilen zusammengepreßt hat, selber Instinkt. Ebensowenig, wie die Menschen wissen, warum sie die Hand so heben, ebensowenig wissen sie, woher es kommt, daß eine Stimme aus ihrer Seele hervortritt und über dies oder jenes moralische Urteile abgibt, was sie dann die Stimme des Gewissens nennen. Diese «Stimme des Gewissens» ist nichts anderes, als was sich aus solchen instinktiven Urteilen über Nützliches und Schädliches abgesetzt hat und an sich wieder Instinkt geworden ist und, weil man dessen Ursprung vergessen hat, wie aus dem Inneren heraus als Gewissensstimme erklingt.

[ 22 ] What spirit prevails in this little book? Once again, I am describing this not because I believe that philosophy exerts a direct influence on life, but because I want to point to a “cultural thermometer” by which one can gauge the state of moral impulses, views, and thoughts regarding moral impulses at that time. According to Paul Ree’s view, human beings originally possessed nothing at all other than what, in his view, a child possesses: a life of drives, impulses of unconscious, instinctive activity. As an individual acts upon these impulses, he or she, so to speak, comes into contact with other people in all directions. It turns out that some of these impulses, which a person expresses outwardly, are convenient for others—that is, they are useful to them. Others turn out to be harmful to them. From this, judgments are formed: what flows from a person’s instinctive impulses as something useful is gradually called “good”; what proves harmful to others is labeled “evil.”—Of course, life becomes increasingly complicated. People forget how they came to apply these labels to things. But they then speak of “good” and “evil” and have forgotten that, in the beginning, they designated as “good” only what did them good, and as “evil” what they perceived as harmful. Thus, what arose in this way eventually transformed into instinct. Let’s suppose someone blindly reaches out with their arm: if they stroke someone in the process, we call it good; if they slap someone, we call it evil. These judgments accumulate. What has been condensed from such judgments becomes instinct itself. Just as people do not know why they raise their hand in a certain way, neither do they know where it comes from that a voice emerges from their soul and passes moral judgments on this or that—what they then call the voice of conscience. This “voice of conscience” is nothing other than what has crystallized from such instinctive judgments about what is useful and harmful, has itself become instinct again, and—because its origin has been forgotten—resounds from within as the voice of conscience.

[ 23 ] Nietzsche war durchaus imstande, aus der Regsamkeit seines Geisteslebens heraus zu begreifen, daß gewiß nicht alle das gleiche wie Paul R£&e sagten. Aber er war sich auch klar darüber, daß, wenn man über Naturwissenschaftliches nur so denkt, wie in seinem Zeitalter gedacht wurde, man über Ethisches nicht anders denken könne als Paul Ree. Nietzsche war eben ehrlich; er zog die letzten Konsequenzen, wie sie Paul R&e auch gezogen hat. Und Nietzsche empfand nicht etwa einen Groll, weil da ein Philosoph aufgetreten ist, der so etwas geschrieben hat. Dieses unmittelbare Faktum hatte für Nietzsche nicht viel mehr Bedeutung, als sich erschöpfen ließe innerhalb der Ereignisse der Stube, in welcher Paul Ree geschrieben hat, so wie einem das Thermometer auch nichts weiter angibt als die Temperaturverhältnisse der nächsten Umgebung. Aber es zeigt einem etwas, was allgemein ist, und das empfand Nietzsche. Er empfand den ethischen Bodensatz seiner Zeit in diesem Buche, und insofern bejahte er es. Für ihn gab es nichts Wichtigeres, als die alte Phrase aufs Eis zu setzen und zu sagen: Wenn die Menschen von nebelhaften Idealen reden, so ist das eben nur Benebelung. In Wahrheit ist alles Instinkt. — Nietzsche hat oft genug Momente gehabt, in denen er sagte: Wenn einer auftritt und sich für dieses oder jenes Ideal begeistert und andere auch dafür begeistern will, so ist das letzten Endes, weil dieser Mensch so veranlagt ist, daß er beim Denken über diese Ideale just am besten seinen Magensaft verarbeiten kann, weil dann die Speisen für ihn in die beste Verdauungsströmung hineinkommen. — Ich drücke das etwas radikal aus, aber durchaus in dem Sinne, wie Nietzsche in den siebziger, achtziger Jahren empfunden hat. Nietzsche sagte sich: Da reden die Menschen von allerlei Geistigem und nennen es Ideale. In Wahrheit ist das alles zu nichts anderem da, als daß der oder jener, je nach seiner Konstitution, die beste Art der Verdauung und der anderen Körperfunktionen hat, indem er gerade so für das sogenannte Ideale empfindet. Dasjenige, was man «menschlich» nennt, muß man der Phrase entkleiden, denn es ist wahrhaft ein Allzumenschliches.

[ 23 ] Nietzsche was certainly capable, thanks to the vitality of his intellectual life, of understanding that not everyone said the same thing as Paul R£&e. But he was also well aware that if one thought about the natural sciences only as people did in his era, one could not think about ethics any differently than Paul Ree did. Nietzsche was simply honest; he drew the ultimate conclusions, just as Paul R&e had done. And Nietzsche did not harbor any resentment simply because a philosopher had appeared who had written such a thing. For Nietzsche, this immediate fact had no more significance than could be exhausted within the events of the room in which Paul Ree wrote, just as a thermometer tells us nothing more than the temperature conditions of the immediate surroundings. But it reveals something that is universal, and Nietzsche sensed this. He sensed the ethical dregs of his time in this book, and in that respect he affirmed it. For him, there was nothing more important than putting the old cliché to rest and saying: When people speak of nebulous ideals, it is nothing but obfuscation. In truth, everything is instinct. — Nietzsche often had moments when he said: When someone steps forward and becomes enthusiastic about this or that ideal and wants to inspire others to be enthusiastic about it as well, it is ultimately because this person is so disposed that, when thinking about these ideals, he can best process his gastric juices, because then the food enters the optimal digestive flow for him. — I’m putting this rather radically, but entirely in the spirit of how Nietzsche felt in the 1870s and 1880s. Nietzsche told himself: People talk about all sorts of spiritual matters and call them ideals. In truth, all of this serves no other purpose than to ensure that this or that person, depending on their constitution, experiences the best possible digestion and other bodily functions precisely by feeling this way toward the so-called ideal. What is called “human” must be stripped of its rhetoric, for it is truly all-too-human.

[ 24 ] Es war schon, ich möchte sagen, eine grandiose Hingabe an die Ehrlichkeit, mit der Nietzsche dazumal allem Idealismus den Krieg erklärte. Ich weiß, daß man nicht immer diese Seite bei Nietzsche betont hat. Allein vieles, was über Nietzsche gesprochen worden ist, war Snobismus, war nicht irgend etwas Ernsthaftes. So fand sich Nietzsche am Ende seiner ersten geistigen Periode dem Nichts gegenüber und er fand sich in seiner zweiten Periode, die anfängt mit «Menschliches, Allzumenschliches» und abschließt mit «Fröhliche Wissenschaft» in einem gewissen Sinne in bezug auf allen Geist bewußt dem Nichts gegenüber. Schließlich konnte er eigentlich nur noch eine Stimmung entwickeln; denn man kann im Grunde zu keinem geistigen Inhalt kommen, wenn man in dieser Weise alle Ideale auf menschliche physische Funktionen zurückführt. Man braucht sich nur an einem Beispiel zu veranschaulichen, wie Nietzsches Anschauung allmählich geworden ist. Er sagte sich etwa: Da gibt es Leute, die nach der Askese hinarbeiten, das heißt nach der Enthaltung von physischen Genüssen. Warum tun die das? Sie tun es, weil sie eine außerordentlich schlechte Verdauung haben und weil sie sich am besten befinden, wenn sie sich physischer Genüsse enthalten; daher sehen sie Askese als das Erstrebenswerteste an. Im Unterbewußtsein wollen sie aber das, bei dem sie sich am besten befinden. Sie wollen den höchsten Genuß in der Genußlosigkeit empfinden. Da sieht man, wie sie geartet sind, daß ihnen die Genußlosigkeit der allerhöchste Genuß ist.

[ 24 ] It was, I would say, a magnificent commitment to honesty with which Nietzsche declared war on all idealism at that time. I know that this aspect of Nietzsche has not always been emphasized. Yet much of what has been said about Nietzsche was snobbery; it was not something serious. Thus, at the end of his first intellectual period, Nietzsche found himself facing nothingness, and in his second period—which begins with Human, All Too Human and concludes with The Gay Science—he found himself, in a certain sense, consciously facing nothingness with regard to all spirit. Ultimately, he could really only develop one mood; for, fundamentally, one cannot arrive at any intellectual content if one reduces all ideals in this way to human physical functions. One need only consider an example to illustrate how Nietzsche’s view gradually took shape. He said to himself, for instance: There are people who strive toward asceticism, that is, toward the abstention from physical pleasures. Why do they do that? They do it because they have exceptionally poor digestion and because they feel best when they abstain from physical pleasures; therefore, they regard asceticism as the most desirable thing. Subconsciously, however, they desire that which makes them feel best. They want to experience the highest pleasure in the absence of pleasure. This reveals their true nature: that for them, the absence of pleasure is the very highest pleasure.

[ 25 ] Bei Nietzsche, der durchaus ehrlich war, hat sich diese Stimmung verdichtet zu Momenten, in denen er Worte ausgesprochen hat wie diese:

[ 25 ] In Nietzsche, who was certainly honest, this mood crystallized into moments when he uttered words like these:

Ich wohne in meinem eignen Haus,
Hab’ niemandem nie nichts nachgemacht,
Und — lachte noch jeden Meister aus,
Der nicht sich selber ausgelacht.

I live in my own house,
I’ve never copied anyone,
And—I’ve even laughed at every master
Who didn’t laugh at himself.

[ 26 ] Darin war in grandioser Weise, ich möchte sagen poetisch vorausnehmend, jene Stimmung bezeichnet, die eigentlich um die Wende des neunzehnten, zwanzigsten Jahrhundertskulminierte, damals aber schon so da war, daß sie von einem tieferen Seelenleben durchaus erlebt werden mußte. Nietzsche hat sich dann aus diesem dem-Nichts-Gegenübergestelltsein der zweiten Periode dadurch herausgefunden, daß er den Stimmungsgehalt von zwei Ideen geschaffen hat, die er dichterisch zum Ausdruck brachte: die Idee des Übermenschen, weil er schließlich nicht mehr anders konnte, als an etwas appellieren, was aus dem Menschen herausgeboren werden mußte, aber noch nicht da war, und nachdem er in einer so grandiosen Weise das «Gegenüber-dem-Nichts» erlebt hatte — die Idee der ewigen Wiederkunft des Gleichen, die ihm aus der Entwickelungsidee heraus gekommen ist. Er hat sich gerade in seinem naturwissenschaftlichen Zeitalter in die Entwickelungsidee hineingelebt. Er fand, indem er sich in dasjenige vertiefte, was ihm die Entwickelungsgedanken gaben, nichts, was diese Entwickelung vorwärtsbringen würde. Sie ergaben ihm nur die Idee einer fortwährenden Wiederkunft des Gleichen. Das war dann seine letzte Periode, die wir jetzt nicht weiter zu charakterisieren brauchen. Psychologisch charakterisiert, ergäbe sich außerordentlich vieles.

[ 26 ] In it, that mood—which actually culminated at the turn of the nineteenth and twentieth centuries, but was already present at that time in such a way that it had to be experienced by a deeper inner life—was described in a magnificent, I would say poetically prescient, manner. Nietzsche then found his way out of this “confrontation with nothingness” of his second period by creating the emotional essence of two ideas, which he expressed poetically: the idea of the Übermensch, because he ultimately had no choice but to appeal to something that had to be born out of humanity but was not yet there; and, after having experienced “confrontation with nothingness” in such a grandiose manner—the idea of the eternal recurrence of the same, which arose for him from the idea of evolution. It was precisely during his scientific era that he immersed himself in the idea of evolution. As he delved into what the ideas of evolution offered him, he found nothing that would advance this evolution. They yielded to him only the idea of a perpetual recurrence of the same. That was then his final period, which we need not characterize further at this time. From a psychological perspective, there would be an extraordinary amount to explore.

[ 27 ] Aber ich will nicht eine Charakteristik Nietzsches geben, sondern nur hinweisen darauf, wie Nietzsche, der durch seine Krankheit gezwungen war, Ende der achtziger Jahre die Feder niederzulegen, vorempfunden hat, was für jede tiefere Seele die Stimmung werden mußte um die Wende des neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert. Nietzsche hat eben im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts versucht, einer Stimmung in Worten Ausdruck zu geben, die er hergenommen hat aus seinen Ideenschätzen, aus der griechischen Philosophie und Kunst, aus dem Künstlerischen bei Wagner, aus dem Philosophischen bei Schopenhauer und so weiter. Nietzsche hat immer wieder selbst dasjenige verlassen, was er so als Charakteristik gegeben hat.

[ 27 ] But I do not wish to provide a characterization of Nietzsche; rather, I merely wish to point out how Nietzsche—who, due to his illness, was forced to lay down his pen in the late 1880s—had already sensed the mood that was bound to prevail for every profound soul at the turn of the nineteenth to the twentieth century. In the last third of the nineteenth century, Nietzsche attempted to express in words a mood that he drew from his own store of ideas, from Greek philosophy and art, from the artistic elements in Wagner, from the philosophical elements in Schopenhauer, and so on. Nietzsche himself repeatedly abandoned the very characterizations he had provided.

[ 28 ] Eine letzte Schrift von ihm ist diese: «Götzendämmerung, oder wie man mit dem Hammer philosophiert.» Er fühlte sich als ein Zertrümmerer der alten Ideen. Es war das schon etwas sehr Merkwürdiges, denn diese alten Ideen vom Geiste der Kulturentwickelung waren ja schon zertrümmert. In Nietzsches Jugend waren die Ideenschätze schon zertrümmert. Seit dem vierzehnten, fünfzehnten Jahrhundert haben sich die Ideen traditionell fortgesetzt. Diese Traditionen haben aber im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts aufgehört. Das Zertrümmern des alten Geistes war geschehen; nur in der Phrase lebten die Ideenschätze noch weiter.

[ 28 ] One of his final works is this: “The Twilight of the Idols, or How to Philosophize with a Hammer.” He saw himself as a destroyer of old ideas. This was, in fact, quite remarkable, for these old ideas regarding the spirit of cultural development had already been shattered. In Nietzsche’s youth, the treasure trove of ideas had already been shattered. Since the fourteenth and fifteenth centuries, these ideas had been passed down through tradition. However, these traditions came to an end in the last third of the nineteenth century. The shattering of the old spirit had taken place; the treasure trove of ideas lived on only in rhetoric.

[ 29 ] Derjenige, der geistgemäß gedacht hätte in der Zeit, in der Nietzsche lebte, würde nicht das Empfinden gehabt haben, als ob er die Ideale mit dem Hammer zerschlagen müßte, sondern er würde empfunden haben, daß diese zerschlagen worden sind einfach durch die notwendige und richtige Entwickelung des Menschengeschlechtes. DieMenschheit wäre nicht zur Freiheit gekommen, wenn das nicht geschehen wäre. Aber Nietzsche, der überall noch in der Phrase die Ideale aufblühen fand, hatte den Wahn, daß er selber tat, was längst getan war. Jedenfalls war das fort, was für das ältere Zeitalter der innere Brennstoff des geistigen Lebens war, wodurch der Geist im Menschen angezündet werden konnte, so daß mit diesem angezündeten Geist der Mensch dann sowohl die Natur, wie das eigene Menschenleben durchleuchten konnte. Auf dem besonderen Gebiete des Sittlichen drückt sich das so aus, daß man sagt: Es kann keine moralischen Intuitionen mehr geben.

[ 29 ] Anyone who had thought in accordance with the spirit of the times in which Nietzsche lived would not have felt as though he had to smash the ideals with a hammer; rather, he would have felt that these had been shattered simply by the necessary and proper development of the human race. Humanity would not have attained freedom if that had not happened. But Nietzsche, who still found ideals flourishing everywhere in mere rhetoric, was under the delusion that he himself was doing what had long since been done. In any case, what had been the inner fuel of spiritual life in earlier times—the force capable of kindling the spirit within human beings, so that with this kindled spirit, people could then shed light on both nature and their own human existence—was now gone. In the specific realm of morality, this is expressed by the statement: “There can be no more moral intuitions.”

[ 30 ] Schon gestern mußte ich Ihnen sagen: Theoretische Widerlegungen des Materialismus als Weltanschauung sind für unser Zeitalter eigentlich Unsinn, denn der Materialismus hat für unser Zeitalter recht. Die Gedanken, die unser Zeitalter als die richtigen ansehen muß, sind Gehirnprodukte. Daher ist eine Widerlegung des Materialismus in unserem Zeitalter an sich eine Phrase und wer ehrlich ist, kann eigentlich nicht viel Wertvolles sehen in einer Widerlegung des Materialismus, denn auf die theoretische Widerlegung kommt es dabei gar nicht an. Die Menschheit ist eben an demjenigen Punkte der Entwickelung angelangt, wo sie keinen innerlichen, lebendigen Geist mehr hat, sondern nur jenen Geistesreflex, der restlos vom physischen Gehirn abhängig ist. Für diesen Reflexgeist ist der Materialismus als theoretische Weltanschauung voll berechtigt. Es handelt sich nicht darum, ob man eine falsche Weltanschauung hat, oder sie widerlegt, sondern darum, daß man allmählich zu einer geistlosen inneren Lebens- und Seelenhaltung gekommen ist. Das ist es, was wie ein Schrei, in tragischer Weise vorempfunden, durch Nietzsches Philosophie geht.

[ 30 ] I already had to tell you yesterday: Theoretical refutations of materialism as a worldview are actually nonsense in our age, because materialism is correct for our age. The ideas that our age must regard as correct are products of the brain. Therefore, a refutation of materialism in our age is, in and of itself, mere rhetoric, and anyone who is honest cannot really see much of value in a refutation of materialism, for the theoretical refutation is not what matters at all. Humanity has simply reached that point in its development where it no longer possesses an inner, living spirit, but only that reflex of the spirit that is entirely dependent on the physical brain. For this reflexive spirit, materialism is fully justified as a theoretical worldview. The issue is not whether one holds a false worldview or refutes it, but rather that one has gradually arrived at a spiritless inner attitude toward life and the soul. This is what runs through Nietzsche’s philosophy like a cry, tragically foreshadowed.

[ 31 ] In dieser Situation hat die natürlich empfindende Jugendseele im zwanzigsten Jahrhundert die geistige Lage der Welt angetroffen. Sie werden nicht zu einer Klarheit, zu einer faßbaren Empfindung dessen kommen, was in unbestimmter Weise, unterbewußt in Ihren Seelen rumort und was Sie das heutige Jugenderlebnis nennen, wenn Sie nicht also hineinschauen in diesen Umschwung, der sich mit dem ganzen Geistesleben notwendigerweise in der heutigen Periode der Menschheitsentwickelung ergeben hat.

[ 31 ] In this situation, the naturally sensitive soul of youth in the twentieth century has encountered the spiritual state of the world. You will not arrive at a clear understanding, at a tangible sense of what is stirring vaguely and subconsciously within your souls—and what you call the “youth experience” of today—unless you look deeply into this upheaval that has necessarily arisen in connection with the entire spiritual life during the present period of human development.

[ 32 ] Wollen Sie von anderen Untergründen aus das, was Sie in unbestimmter Weise empfinden, charakterisieren,so werden Sie immer nach einiger Zeit empfinden: Sie können nur immer wieder Abschied nehmen von einer solchen Charakterisierung. Sie kommen nicht auf eine Wahrheit, sondern doch immer nur auf Phrasen. Denn solange der Mensch heute sich nicht ehrlich gesteht: Ich muß zum lebendigen, zum regsamen Geiste, zu demjenigen Geist, der im Intellektualismus nicht mehr seine Wirklichkeit, sondern nur seinen Leichnam hat, solange ist keine Rettung aus der Wirrnis des Zeitalters möglich. Solange einer noch glaubt, daß er im Intellektualismus Geist finden kann, wo der Intellektualismus gerade nur noch so die Form des Geistes ist, wie der menschliche Leichnam die Form des Menschen, solange ist kein Sichfinden des Menschen möglich.

[ 32 ] If you attempt to characterize what you feel in an indefinite way from other perspectives, you will always find, after some time, that you can only repeatedly bid farewell to such a characterization. You do not arrive at a truth, but only ever at empty phrases. For as long as people today do not honestly admit to themselves: “I must turn to the living, active spirit—to that spirit which no longer finds its reality in intellectualism, but only its corpse”—as long as this is the case, there is no escape from the confusion of the age. As long as anyone still believes that they can find the spirit in intellectualism—where intellectualism is now merely the form of the spirit, just as the human corpse is the form of the human being—there can be no self-discovery for humanity.

[ 33 ] Ein Sichfinden des Menschen kann erst dadurch eintreten, daß man sich ehrlich gesteht: So wie sich der menschliche Leichnam zum Menschen verhält, der gestorben ist, so verhält sich der Intellektualismus zum Wesen des Geistes. Er trägt noch die Form, aber das Leben des Geistes ist aus dem Intellektualismus gewichen. Und so wie der menschliche Leichnam durchdrungen werden kann von Ingredienzien, die seine Form konservieren, was die ägyptischen Mumien zeigen, so kann man,indem man den Leichnam des Geistes mit Beobachtungsresultaten, mit Experimentierresultaten ausstaffiert, auch ihn konservieren. Man bekommt aber dadurch kein lebendiges Geistiges, nichts, was man mit den lebendigen Impulsen der menschlichen Seele in naturgemäßer Weise verbinden kann; man bekommt nichts anderes als ein Totes. Dieses Tote kann in wunderbarer Weise das Tote in der Welt wiedergeben, so wie man in der Mumie noch die menschliche Gestalt bewundern kann. Aber man bekommt im Intellektualismus kein wirklich Geistiges, ebensowenig wie aus der Mumie ein wirklicher Mensch gemacht werden kann.

[ 33 ] A person can only find themselves by honestly admitting to themselves: Just as the human corpse relates to the person who has died, so does intellectualism relate to the essence of the spirit. It still retains the form, but the life of the spirit has departed from intellectualism. And just as a human corpse can be permeated by substances that preserve its form—as Egyptian mummies demonstrate—so too can the corpse of the spirit be preserved by adorning it with the results of observation and experimentation. But this does not yield anything living and spiritual, nothing that can be naturally connected to the living impulses of the human soul; one obtains nothing but something dead. This dead thing can wonderfully reflect what is dead in the world, just as one can still admire the human form in a mummy. But intellectualism yields nothing truly spiritual, just as a mummy cannot be turned into a real human being.

[ 34 ] Solange es sich darum handelt, gerade dasjenige zu konservieren, was durch die Ehe zwischen Beobachtung und Intellekt konserviert werden soll, solange kann man nur sagen: Die Leistungen der neueren Zeit sind großartig. In dem Augenblick, wo der Mensch sich selber die Aufgabe setzen muß, sich im Tiefsten seiner Seele nur mit dem, was sein Geist sich innerlich selber vorhält, zu verbinden, in dem Augenblicke gibt es keine Verbindung zwischen dem Intellektualismus und der Menschenseele. Dann gibt es nur das eine, daß der Mensch sich sagt: Ich dürste nach etwas, und alles, was mir aus intellektualistischen Untergründen aus der Welt entgegentritt, gibt mir nicht Wasser für diesen Durst.

[ 34 ] As long as the aim is to preserve precisely that which is to be preserved through the union of observation and intellect, one can only say: The achievements of modern times are magnificent. The moment a person must set for himself the task of connecting, in the depths of his soul, only with what his spirit holds up to himself internally—at that very moment, there is no connection between intellectualism and the human soul. Then there is only one thing: the human being says to himself, “I thirst for something,” and everything that comes toward me from the world’s intellectualistic depths does not give me water to quench this thirst.

[ 35 ] Das ist es, was natürlich in Worte gefaßt nicht so gut herauskommt, was aber in den Empfindungen der heutigen Jugend lebt. Die heutige Jugend sagt das oder jenes meistens so, daß, wenn man auf die Untergründe der Dinge geht, man eigentlich recht ärgerlich wird über das, was gesagt wird. Aber man tröstet sich gleich über den Ärger. Der Ärger kommt nur daher, daß scheußlich bombastische Worte gebraucht werden, die auf alles eher passen als auf das, was der Betreffende empfindet. Die Phrase überschlägt sich und das, was als Charakter in der Jugendbewegung auftritt, ist für den, der im Geiste zu leben versteht, von solcher Art, daß es ihm vorkommt, als wenn es Blasen wären, die fortwährend zerplatzen; es ist eigentlich der sich überschlagende Intellektualismus. Ich will Ihnen mit diesen Dingen nicht etwa selber wehe tun, und wenn ich dem einen oder anderen doch wehe tat, so konnte ich nichts dafür. Dann würde es mir zwar leid tun, aber ich würde es doch außerordentlich gerecht finden. Ich kann nicht nur sagen, was gefällt, ich muß schon einmal auch dasjenige sagen, was dem einen oder anderen nicht gefällt. Ich muß ja dasjenige sagen, was ich als wahr erkenne. Deshalb muß ich Ihnen sagen: Um dasjenige zu charakterisieren, was berechtigterweise in den Seelen der jungen Menschen liegt, ist noch etwas ganz anderes nötig als ein Aufpressen der alten Begriffe, die sich als Phrasen überschlagen. Das, was dazu nötig ist, ist ein intensiv entwickeltes Wahrheitsgefühl.

[ 35 ] That is what, of course, doesn’t come across very well when put into words, but which lives on in the feelings of today’s youth. Today’s youth usually say this or that in such a way that, when you get to the bottom of things, you actually get quite annoyed by what is being said. But you quickly get over that annoyance. The annoyance stems solely from the use of hideously bombastic words that fit everything except what the person in question actually feels. The rhetoric runs wild, and what appears as character in the youth movement is, for those who know how to live in the spirit, of such a nature that it seems to them as if they were bubbles constantly bursting; it is, in fact, intellectualism running amok. I do not intend to hurt you with these words, and if I did happen to hurt one or the other, it was not my fault. In that case, I would certainly be sorry, but I would still find it entirely justified. I cannot merely say what pleases; I must also, from time to time, say what one or the other does not like. After all, I must say what I recognize as true. That is why I must tell you: To characterize what is rightfully present in the souls of young people, something entirely different is needed than simply imposing old concepts that tumble over one another like clichés. What is needed for this is an intensely developed sense of truth.

[ 36 ] Wahrheit brauchen wir auf dem Grunde der Seele, meine lieben Freunde. Wahrheit ist das erste und letzte, was wir heute brauchen, und wenn gestern Ihr Vorsitzender hier gesagt hat, wir seien soweit gekommen, daß wir eigentlich das Wort «Geist» nicht mehr aussprechen wollen, so ist das schon wie ein Geständnis von der Wahrheit. Es wäre eigentlich viel gescheiter, wenn unser Zeitalter, das den Geist verloren hat, das durchführen würde, nicht mehr vom Geist zu reden; denn dann würden die Menschen in ehrlicher Weise wieder den Durst nach dem wirklichen Geiste bekommen. Statt dessen nennt man heute alles mögliche «Geist» und «geistig». Was wir brauchen, ist Wahrheit, und wenn der heutige junge Mensch über seinen eigenen Seelenzustand sich die Wahrheit gestehen will, dann darf er nichts anderes sagen als: Das Zeitalter hat mir allen Geist aus der Seele genommen. Meine Seele dürstet aber nach Geist, sie dürstet nach etwas Neuem, nach einer neuen Eroberung des Geistes.

[ 36 ] We need truth in the depths of our souls, my dear friends. Truth is the first and last thing we need today, and when your chairman said here yesterday that we have reached the point where we actually no longer want to utter the word “Spirit,” that is already a kind of confession of the truth. It would actually be much wiser if our age, which has lost the Spirit, were to stop speaking of the Spirit altogether; for then people would once again, in all honesty, develop a thirst for the true Spirit. Instead, today people call all sorts of things “Spirit” and “spiritual.” What we need is truth, and if today’s young people want to admit the truth about the state of their own souls, then they must say nothing other than: This age has taken all spirit from my soul. But my soul thirsts for spirit; it thirsts for something new, for a new conquest of the spirit.

[ 37 ] Solange dieses nicht in aller Ehrlichkeit und Wahrheit empfunden wird, solange kommt die Jugendbewegung nicht zu sich selbst. Zu alledem, was ich als Charakteristikum gegeben habe für das, was wir noch suchen müssen, füge ich heute das hinzu: Wir müssen im Tiefsten, im Innersten der Seele suchen nach Licht, vor allen Dingen müssen wir zu dem tiefinnersten Ehrlichkeits- und tiefinnerlichsten Wahrheitsgefühl zu kommen suchen. Wenn wir auf Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit bauen, dann werden wir weiterkommen, und weiterkommen muß die Menschheit. Dann werden wir dahin kommen, daß man wieder von Geist reden darf, der der menschlichen Natur doch am ähnlichsten ist. Die Seele ist am ähnlichsten dem Geiste, daher kann sie ihn finden, wenn sie will. In unserer Zeit aber muß sie hinausstreben über Phrase, Konvention und Routine; hinaus über die Phrase — zu der Erfassung der Wahrheit, hinaus über die Konvention — zu dem unmittelbaren, elementaren herzlichen Verhältnis von Mensch zu Mensch, und hinaus über die Routine — zu dem, wodurch in jeder einzelnen Handlung des Lebens wieder Geist liegt, so daß wir nicht aus einem Automatischen heraus handeln, wie das heute so vielfach geschieht, sondern daß in der alltäglichsten Handlung wieder Geist lebt. Wir müssen zu der Geistigkeit des Handelns, wir müssen zu dem unmittelbaren Erlebnis der Menschen untereinander und zum ehrlichen Erlebnis derWahrheit kommen.

[ 37 ] As long as this is not felt with complete honesty and truth, the youth movement will not find its true self. To all that I have described as characteristics of what we still must seek, I add this today: We must search for light in the deepest, innermost recesses of the soul; above all, we must strive to attain the deepest sense of honesty and the innermost sense of truth. If we build on honesty and truthfulness, then we will make progress, and humanity must make progress. Then we will reach the point where we may once again speak of the spirit, which is, after all, most akin to human nature. The soul is most akin to the spirit; therefore, it can find it if it so desires. In our time, however, it must strive beyond mere phrases, conventions, and routine; beyond mere phrases—to the grasping of truth; beyond convention—to the direct, elemental, heartfelt relationship between human beings; and beyond routine—to that which ensures that spirit is present once again in every single act of life, so that we do not act out of habit, as so often happens today, but so that spirit lives once again in even the most mundane of actions. We must arrive at the spirituality of action; we must arrive at the direct experience of people with one another and at the honest experience of truth.