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The Rudolf Steiner Archive

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Spiritual Forces Working in the Shared Lives
of the Older and Younger Generations
GA 217

7 October 1922, Stuttgart

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Fünfter Vortrag

Fifth Lecture

[ 1 ] Gestern habe ich versucht, Ihnen die geistige Situation vom Ende des neunzehnten und Anfange des zwanzigsten Jahrhunderts zu charakterisieren und ich habe versucht, sie so zu charakterisieren, wie ich sie selbst unmittelbar erlebt habe, so erlebt habe, daß es mich dazu geführt hat, meine «Philosophie der Freiheit» zu schreiben.

[ 1 ] Yesterday I tried to describe the intellectual climate at the end of the nineteenth and the beginning of the twentieth centuries, and I tried to describe it as I myself experienced it firsthand—an experience that led me to write my Philosophy of Freedom.

[ 2 ] Diese «Philosophie der Freiheit» war auf dem Impulse aufgebaut, im Menschen moralische Intuitionen als dasjenige anzusprechen, was in der Weltentwickelung weiterführen muß zu einer Grundlegung des sittlichen Lebens der Zukunft. Ich wollte durch meine «Philosophie der Freiheit» zeigen, daß in der Menschheitsentwickelung die Zeit gekommen ist, in welcher die Sittlichkeit auf keine andere Weise fortgeführt werden kann, als daß in bezug auf sittliche Impulse an dasjenige appelliert wird, was der Mensch aus dem Innersten seines Wesens, ganz individuell, als moralische Impulse heraufholen kann. Ich habe Sie darauf hingewiesen, daß die Veröffentlichung dieser «Philosophie der Freiheit» in eine Zeit fiel, in welcher in weitesten Kreisen gesagt wurde, daß man endlich erkannt habe, daß moralische Intuitionen eine Unmöglichkeit seien und daß alles Reden darüber mundtot gemacht werden müsse. Ich mußte es also für notwendig halten, eine Begründung der moralischen Intuition zu geben, von der gerade in den Kreisen, die glaubten, mit dem philosophischen Denken auf dem festen Boden neuerer Wissenschaft zu stehen, gesagt wurde, daß sie mundtot gemacht werden müsse. Es war daher eine scharfe Differenz zwischen dem, was die Zeit in vielen ihrer anerkanntesten Geister für das Richtige hielt und dem, was ich aus den Grundlagen der menschheitlichen Entwickelung heraus für das Richtige halten mußte.

[ 2 ] This Philosophy of Freedom was based on the impulse to appeal to moral intuitions within human beings as that which, in the course of world development, must lead to the foundation of the moral life of the future. Through my “Philosophy of Freedom,” I wanted to show that, in the development of humanity, the time has come when morality can be carried forward in no other way than by appealing, with regard to moral impulses, to that which human beings can draw forth—entirely individually—from the innermost depths of their being as moral impulses. I have pointed out to you that the publication of this Philosophy of Freedom coincided with a time when it was widely claimed that people had finally recognized that moral intuitions were an impossibility and that all discussion of them must be silenced. I therefore felt it necessary to provide a justification for moral intuition—which, precisely in those circles that believed they stood on the solid ground of modern science through philosophical thinking, was said to need to be silenced. There was therefore a sharp contrast between what the era, in the minds of many of its most respected thinkers, considered to be correct, and what I, based on the foundations of human development, had to consider correct.

[ 3 ] Worauf beruht aber eigentlich diese Differenz? Um dies zu entdecken, wollen wir uns jetzt einmal in die Tiefen des menschlichen Seelenlebens hineinbegeben, wie es sich in unserer Zeit im Abendlande gestaltet hat. Man hat ja auch früher von moralischen Intuitionen gesprochen, indem man gesagt hat, die Menschen können als Wesensindividualität die Antriebe zum Handeln aus den 'Tiefen ihres Wesens heraufholen, unabhängig vom äußeren Leben. Aber schon seit dem ersten Drittel des fünfzehnten Jahrhunderts und immer stärker in den folgenden Jahrhunderten wurde alles das, was man in dieser Weise über die moralischen Intuitionen gesagt hatte, vom rein menschlichen Standpunkte aus immer weniger wahr. Denn die Menschen sagten zwar, Sittlichkeit könne nicht begründet werden durch Beobachtung äußerer Tatsachen; aber sie vernahmen nicht mehr etwas wirklich Lichtvolles, wenn sie in ihr eigenes Innere schauten. So behaupteten sie wohl, moralische Intuitionen seien da, aber sie wußten eigentlich nichts mehr davon. Alle solche Behauptungen waren schon seit Jahrhunderten von der Art, daß in ihnen das Denken, das vor dem fünfzehnten Jahrhundert der Menschheit eigen war, automatisch fortrollte und man noch Tatsachen behauptete, die früher ihre Berechtigung gehabt hatten, jetzt aber aufhörten, berechtigt zu sein.

[ 3 ] But what is the actual basis for this difference? To discover this, let us now delve into the depths of the human soul, as it has taken shape in the Western world in our time. In the past, people spoke of moral intuitions, saying that human beings, as individual beings, can draw the impulses for action from the “depths of their being,” independent of external life. But as early as the first third of the fifteenth century—and increasingly so in the centuries that followed—everything that had been said in this way about moral intuitions became less and less true from a purely human standpoint. For although people said that morality could not be grounded in the observation of external facts, they no longer perceived anything truly illuminating when they looked into their own inner selves. Thus, while they claimed that moral intuitions existed, they actually knew nothing more about them. For centuries, all such assertions had been of a nature in which the mode of thinking characteristic of humanity before the fifteenth century continued automatically, and people continued to assert facts that had once been valid but had now ceased to be so.

[ 4 ] Die Traditionen, von denen ich Ihnen in den vorangehenden Tagen gesprochen habe, und die durch Jahrhunderte noch fortdauerten, trugen das ihrige dazu bei, daß solche Behauptungen aufgestellt werden konnten. Vor dem fünfzehnten Jahrhundert sprach der Mensch nicht bloß in unbestimmter Weise von diesen Dingen — dieses unbestimmte Sprechen war schon das Unwahrhaftige —, sondern wenn er von Intuitionen, auch von moralischen Intuitionen sprach, so sprach er wie von etwas, das im Innern des Menschen aufstieg und von dem er ebenso eine Vorstellung hatte, als von einem Realen, Wirklichen, wie er eine Vorstellung von einem Wirklichen hatte, wenn er des Morgens nach dem Schlafe die Augen aufmachte und die Natur ansah. Draußen sah er die Natur, sah die Pflanzen, die Wolken. Wenn er in sein Inneres sah, so hatte er aufsteigend das Geistige, welches das Moralische, so wie er es dazumal als ein Gegebenes hatte, umfaßte. Je weiter wir zurückgehen in der Menschheitsentwickelung, desto mehr finden wir, daß das reale Heraufsteigen eines inneren Daseins im menschlichen Erleben etwas Selbstverständliches ist. Wir können diese Tatsachen, die sich so, wie ich sie Ihnen eben erzählt habe, aus der Geisteswissenschaft ergeben, an gewissen äußeren Symptomen auch geschichtlich studieren. So tritt zum Beispiel in der Zeit, in der das Sprechen von einer inneren Realität immer mehr in Unwahrheiten gerät, der Gottesbeweis auf.

[ 4 ] The traditions I have spoken to you about in recent days—and which persisted for centuries—played their part in making it possible for such assertions to be made. Before the fifteenth century, people did not merely speak of these things in vague terms —this vague way of speaking was in itself untruthful—but when people spoke of intuitions, including moral intuitions, they spoke of them as something that arose within the human being, and of which they had just as clear a conception as they did of something real and actual, just as they had a conception of something real when they opened their eyes in the morning after sleep and looked at nature. Outwardly, he saw nature, saw the plants, the clouds. When he looked within himself, he perceived the spiritual rising up within him, which encompassed the moral—just as he had once regarded it as a given. The further back we go in human development, the more we find that the real emergence of an inner existence within human experience is something self-evident. We can also study these facts—which, as I have just described to you, emerge from spiritual science—historically through certain external symptoms. For example, at a time when talk of an inner reality increasingly veers into falsehoods, the “proof of God” emerges.

[ 5 ] Hätte man in den ersten Jahrhunderten der christlichen Geistesentwickelung von Gottesbeweisen gesprochen, wie Anselm von Canterbury es tat, so hätten die Menschen nicht gewußt, was damit gemeint ist. In noch früheren Zeiten hätten sie es noch weniger gewußt. Im zweiten, dritten Jahrhundert vor Christi Geburt von Gottesbeweisen zu sprechen, wäre so gewesen, wie wenn eine der hier in der ersten Reihe sitzenden Persönlichkeiten aufstünde und ich würde sagen: «Der Herr N.N. steht da!», und irgend jemand hier würde verlangen: «Nein, das muß erst bewiesen werden!» Das, was der Mensch als Göttliches empfand, war für ihn ein unmittelbares, vor seiner Seele stehendes Wesen. Er war behaftet mit der Wahrnehmungsfähigkeit für dasjenige, was er sein Göttliches nannte. Dieses Göttliche war in jenem geschichtlichen Zeitalter mehr oder weniger primitiv, unvollkommen für die Empfindung des heutigen Menschen. Die Menschen sind in diesem primitiven Zeitalter nicht weiter gekommen, als bis zu dem Punkte, den man da kannte. Aber von Beweisen hätten sie nichts hören wollen, denn das wäre ihnen absurd vorgekommen. Das Göttliche zu beweisen fing man erst in der Zeit an, als man es innerlich verloren hatte, als es nicht mehr da war für die innere geistige Anschauung. Das Aufkommen der Gottesbeweise muß, wenn man unbefangen die tatsächliche Welt in Betracht zieht, als einSymptom dafür angesehen werden, daß das unmittelbare Anschauen des Göttlichen verlorengegangen war. Aber mit diesem Göttlichen waren zugleich die damaligen sittlichen Impulse verbunden. Man kann das, was damals sittliche Impulse waren, heute nicht mehr als solche ansehen. Aber für die damaligen Zeiten war es so. Als daher mit dem ersten Drittel des fünfzehnten Jahrhunderts die Anschauungsfähigkeit für das Göttlich-Geistige im alten Sinne versiegt war, da versiegte auch die unmittelbare Anschauung für das Sittliche und es blieb nur das traditionell Dogmatische vom Sittlichen übrig, das die Menschen dann so deuteten, daß sie es «Gewissen» nannten. Aber sie meinten damit immer etwas höchst Unbestimmtes.

[ 5 ] If, in the early centuries of Christian intellectual development, people had spoken of proofs of God’s existence, as Anselm of Canterbury did, they would not have known what was meant by that. In even earlier times, they would have known even less. To speak of proofs of God in the second or third century B.C. would have been like if one of the people sitting here in the front row were to stand up and I were to say, “Mr. So-and-so is standing there!” and someone here were to demand, “No, that must first be proven!” What human beings perceived as divine was, for them, a direct presence standing before their souls. They possessed the capacity to perceive that which they called the divine. In that historical era, this divine was more or less primitive and imperfect by today’s standards. In that primitive age, people had not progressed beyond the point that was known to them at the time. But they would not have wanted to hear anything about proofs, for that would have seemed absurd to them. People only began to seek proof of the divine at a time when they had lost it inwardly, when it was no longer present for their inner spiritual perception. If one considers the actual world impartially, the emergence of proofs of God must be regarded as a symptom of the fact that the direct perception of the divine had been lost. But the moral impulses of that time were linked to this divine aspect. What were moral impulses back then can no longer be regarded as such today. But that was the case in those times. Therefore, when—in the first third of the fifteenth century—the capacity for contemplation of the divine-spiritual in the old sense had dried up, the direct contemplation of the moral also dried up, and all that remained of the moral was the traditional dogmatism, which people then interpreted in such a way that they called it “conscience.” But by this they always meant something highly indeterminate.

[ 6 ] Und als es dann am Ende des neunzehnten Jahrhunderts hieß, alles Reden über moralische Intuitionen müsse mundtot gemacht werden, so war das nur die letzte Konsequenz der historischen Entwickelung. Bis dahin hatten dieMenschen noch so eine dunkle Ahnung: es gab einmal solche Intuitionen. Aber jetzt fingen sie an, sich etwas zu prüfen. Schließlich hat ihnen die Intelligenz wenigstens das gebracht, daß sie sich prüfen konnten, und sie fanden nun, daß sie nach der Methode, nach der sie gewohnt waren, naturwissenschaftlich zu denken, gar nicht zu moralischen Intuitionen kamen.

[ 6 ] And when, at the end of the nineteenth century, it was declared that all talk of moral intuitions must be silenced, this was merely the final consequence of historical development. Until then, people still had a vague sense that such intuitions had once existed. But now they began to examine themselves. After all, their intellect had at least given them the ability to examine themselves, and they now found that, using the method they were accustomed to for scientific thinking, they could not arrive at moral intuitions at all.

[ 7 ] Nun müssen wir uns einmal die alten moralischen Intuitionen anschauen. In dieser Beziehung ist unsere Geschichte sehr fadenscheinig geworden. Wir haben eine äußere Geschichte. Im neunzehnten Jahrhundert haben wir uns auch bemüht, eine Kulturgeschichte zu begründen. Eine Geschichte jedoch, die auch das Seelenleben der Menschen berücksichtigt, hat die neuere Zeit nicht hervorbringen können, und so weiß man nicht, wie das Seelische sich von den ältesten Zeiten bis zum ersten Drittel des fünfzehnten Jahrhunderts entwickelt hat. Geht man aber in der Zeit zurück und schaut sich an, was als moralische Intuition damals angesprochen worden ist, so findet man, das war nicht etwas, das innerlich von der Menschenseele erarbeitet worden war. Deshalb hat zum Beispiel das Alte Testament das, was als moralische Intuition da figuriert, mit vollem Recht nicht als etwas von der menschlichen Seele Erarbeitetes empfunden, sondern als göttliche Gebote, die von außen in sie eingeflossen waren. Und je mehr man zurückgeht, desto mehr findet man, daß der Mensch das, was er beim Anschauen des Sittlichen schaute, als ein inneres Geschenk eines außer ihm lebenden Göttlichen fühlte. Also als göttliches Gebot, und zwar nicht in übertragenem, nicht in symbolischem Sinn, sondern in ganz eigentlichem Sinne wurden damals die moralischen Intuitionen angesehen.

[ 7 ] Now we must take a look at the old moral intuitions. In this regard, our history has become very flimsy. We have an external history. In the nineteenth century, we also endeavored to establish a cultural history. However, modern times have not been able to produce a history that also takes into account the inner life of human beings, and so we do not know how the inner life developed from the earliest times up to the first third of the fifteenth century. But if one goes back in time and looks at what was referred to as moral intuition back then, one finds that it was not something that had been worked out internally by the human soul. That is why, for example, the Old Testament quite rightly did not regard what appears there as moral intuition as something developed by the human soul, but rather as divine commandments that had flowed into it from outside. And the further back one goes, the more one finds that human beings perceived what they saw in the moral realm as an inner gift from a divine being existing outside themselves. Thus, moral intuitions were regarded at that time as divine commandments—not in a figurative or symbolic sense, but in the most literal sense.

[ 8 ] Es ist daher schon ein großes Stück Wahrheit daran, wenn heute gewisse religiöse Philosophien auf eine Uroffenbarung hinweisen, die den historischen Erdenzeiten vorangegangen ist. Die äußere Wissenschaft kann da nicht viel weiter kommen, als zu einer Art, ich möchte sagen, seelischer Paläontologie. Gerade so, wie man aus dem Erdreiche die petrifizierten Formen findet, die auf das frühere Leben hinweisen, so kann man in den gleichsam petrifizierten Moralideen die Formen finden, welche auf die einstmals lebendigen, gottgegebenen Moralideen zurückweisen. Man kann daher auf den Begriff einer Uroffenbarung kommen und sagen: Diese Uroffenbarung versiegte. Die Menschen verloren die Fähigkeit, sich dieser Uroffenbarung bewußt zu sein. Und der Kulminationspunkt in diesem Verlieren ist im ersten Drittel des fünfzehnten Jahrhunderts gelegen. Die Menschen nahmen nichts mehr wahr, wenn sie nach innen schauten. Sie bewahrten nur noch die Tradition dessen, was sie früher geschaut hatten. Dieser Tradition bemächtigten sich allmählich die äußeren Bekenntnisgesellschaften und formten den äußerlich gewordenen, bloß traditionellen Inhalt zu Dogmen, an die man nur glauben sollte, während man sie früher in lebendiger Weise, aber als außermenschlich erlebt hatte.

[ 8 ] There is therefore a great deal of truth in the fact that certain religious philosophies today point to a primordial revelation that preceded the historical eras of Earth. External science cannot get much further in this regard than to a kind of—I would say—spiritual paleontology. Just as one finds fossilized forms in the earth that point to earlier life, so too can one find forms in the, as it were, fossilized moral ideas that point back to the once-living, God-given moral ideas. One can therefore arrive at the concept of a primordial revelation and say: This primordial revelation dried up. Human beings lost the ability to be conscious of this primordial revelation. And the culmination of this loss occurred in the first third of the fifteenth century. People no longer perceived anything when they looked inward. They preserved only the tradition of what they had once seen. The external denominations gradually took control of this tradition and shaped the content—which had become external and merely traditional—into dogmas that were simply to be believed, whereas people had previously experienced them in a living way, though as something transcending humanity.

[ 9 ] Das war die ganz signifikante Situation am Ende des neunzehnten Jahrhunderts, daß man in einzelnen Kreisen zum Bewußtsein gekommen war, daß die alten, gottgegebenen Intuitionen nicht mehr da sind, und daß, wenn man mit seinem Kopfe die Gedanken der Alten beweisen will, man nur sagen kann: Es gibt keine moralischen Intuitionen! Die Wissenschaft hat die moralischen Intuitionen mundtot gemacht, und die Menschen, wenn sie sich nur empfangend verhalten, sind nicht mehr fähig, moralische Intuitionen zu empfangen. Wäre man konsequent gewesen, so hätte man schon damals eine Art Spengler werden und sagen müssen: Moralische Intuitionen gibt es nicht, folglich kann die Menschheit eigentlich nichts tun, als in Zukunft langsam vertrocknen. — Man hätte höchstens seinen Großvater fragen können: Habt Ihr gehört, daß es einmal moralische Intuitionen und Einflüsse gegeben hat? — und dieser hätte einem dann geantwortet: Man müßte die Schränke und Bibliotheken durchsuchen, dann könnte man sich aus zweiter und dritter Hand die Kenntnis von moralischen Intuitionen noch erwerben; aber nicht mehr aus dem Erleben heraus. — Dann hätte man sich sagen müssen: Es bleibt also nichts anderes übrig, als in bezug auf moralische Intuitionen zu vertrocknen, greisenhaft zu werden, keine Jugend mehr zu haben. — Da wäre man konsequent gewesen! Das getraute man sich aber nicht, denn Konsequenz war nicht gerade eine hervorragende Eigenschaft des aufgehenden intellektualistischen Zeitalters.

[ 9 ] This was the highly significant situation at the end of the nineteenth century: in certain circles, people had come to realize that the old, God-given intuitions were no longer present, and that if one were to try to prove the ideas of the ancients using one’s intellect, one could only say: There are no moral intuitions! Science has silenced moral intuitions, and people, if they merely adopt a receptive attitude, are no longer capable of receiving moral intuitions. Had one been consistent, one would have had to become a sort of Spengler even back then and say: There are no moral intuitions; consequently, humanity can do nothing but slowly wither away in the future. — At most, one could have asked one’s grandfather: “Have you heard that there once were moral intuitions and influences?” — and he would then have replied: “One would have to search through the cupboards and libraries; then one could still acquire knowledge of moral intuitions second- or third-hand, but no longer through direct experience.” — Then one would have had to say to oneself: So there is nothing left to do but wither away in regard to moral intuitions, to become senile, to have no more youth. — That would have been consistent! But one did not dare to do so, for consistency was not exactly a outstanding characteristic of the dawning age of intellectualism.

[ 10 ] Man getraute sich überhaupt alles mögliche nicht. Wenn man irgendein Urteil abgab, so gab man es halb ab, etwa wie Du Bois-Reymond in seiner Rede über die Grenzen des Naturerkennens, wo er sagt, der Naturwissenschaft könne man nicht mit Supernaturalismus kommen, denn Supernaturalismus sei Glaube und nicht Wissen; beim Supernaturalismus höre die Wissenschaft auf. Weiter wurde auf dieses Gebiet nicht eingegangen. Wenn einer etwas Weitergehendes darüber sagte, fing man an zu schimpfen und behauptete, daß das nicht mehr Wissenschaft sei. Konsequenz war nicht mehr eine Eigenschaft des ausgehenden Jahrhunderts.

[ 10 ] People didn’t dare to say just anything at all. If one offered any kind of judgment, one did so only half-heartedly, much like Du Bois-Reymond in his speech on the limits of scientific knowledge, where he says that one cannot bring supernaturalism into the natural sciences, because supernaturalism is faith and not knowledge; science comes to an end with supernaturalism. The subject was not explored any further. If anyone said anything more on the matter, people would start to complain and claim that it was no longer science. Consistency was no longer a hallmark of the outgoing century.

[ 11 ] So hatte man auf der einen Seite die Alternative des Austrocknens. Das Geistige geht allmählich ins Seelische, das Seelische ins Physische und nach Jahrzehnten würde die Seele nur noch antiquarische Impulse über Moralität aufstöbern können, was schließlich dazu führen würde, daß nicht erst die Dreißigjährigen, sondern schon die Zwanzigjährigen mit Glatzköpfen und die Fünfzehnjährigen mit grauen Haaren herumlaufen. Das ist ein bißchen bildlich gesprochen; aber das wäre in der Tat der Spenglerismus als ein praktischer Lebensimpuls. Das war die eine Alternative.

[ 11 ] On the one hand, there was the alternative of drying up. The spiritual gradually merges into the psychological, the psychological into the physical, and after decades, the soul would be able to unearth only antiquated impulses regarding morality, which would ultimately lead not only to thirty-year-olds but even twenty-year-olds walking around with bald heads and fifteen-year-olds with gray hair. That is speaking somewhat figuratively; but that would indeed be Spenglerism as a practical impulse for life. That was one alternative.

[ 12 ] Die andere war die, daß man sich unmittelbar bewußt wurde: Wir stehen mit dem Verluste der alten Intuitionen dem Nichts gegenüber. — Also was tun? In diesem Nichts das All suchen! Aus diesem Nichts heraus etwas suchen, was einem nicht gegeben wird, was man erarbeiten muß. Und erarbeiten konnte man nicht mehr mit den passiven Kräften, die da waren, sondern nur noch mit den stärksten Erkenntniskräften, die in diesem Zeitalter dem Menschen zur Verfügung standen: mit den Erkenntniskräften des reinen Denkens. Denn beim reinen Denken geht das Denken unmittelbar in den Willen über. Beobachten und denken können Sie, ohne Ihren Willen sehr anzustrengen. Experimentieren und Denken geht nicht in den Willen über; aber reines Denken, also elementare, ursprüngliche Aktivität entfalten, dazu gehört Energie. Da muß der Blitz des Willens unmittelbar in das Denken selber einschlagen. Da muß der Blitz des Willens aber auch aus der ganz singulären menschlichen Individualität herauskommen. Und da mußte man schon einmal den Mut haben, an dieses reine Denken zu appellieren, das auch zum reinen Willen wird. Dieser wird aber zu einer neuen Fähigkeit: der Fähigkeit, aus der unmittelbaren menschlichen Individualität heraus moralische Impulse zu gewinnen, die nun erarbeitet werden müssen, die nicht mehr wie die alten gegeben sind. An Intuitionen mußte appelliert werden, die erarbeitet werden! Und das Zeitalter kennt ja dasjenige, was der Mensch im Innern erarbeitet, unter keinem anderen Namen als unter dem der Phantasie. Also mußten in diesem Zeitalter, das ohnedies diese innere Arbeit mundtot gemacht hat, aus der moralischen Phantasie die künftigen moralischen Impulse geboren werden; das heißt, der Mensch mußte verwiesen werden von der bloß poetischen, künstlerischen Phantasie auf eine produktive moralische Phantasie.

[ 12 ] The other was that one became immediately aware: With the loss of the old intuitions, we are faced with nothingness. — So what to do? Seek the universe within this nothingness! Seek something from this nothingness that is not simply given to us, but that we must work to attain. And this could no longer be achieved with the passive powers that were available, but only with the strongest powers of cognition available to human beings in this age: the powers of cognition of pure thinking. For in pure thinking, thought passes directly into the will. You can observe and think without exerting your will very much. Experimentation and thinking do not merge into the will; but pure thinking—that is, unfolding elemental, primordial activity—requires energy. Here, the flash of the will must strike directly into thinking itself. Yet this flash of the will must also emerge from the entirely unique human individuality. And one had to have the courage to appeal to this pure thinking, which also becomes pure will. This, however, becomes a new ability: the ability to draw moral impulses from immediate human individuality—impulses that must now be cultivated and are no longer given as they were in the past. One had to appeal to intuitions that must be cultivated! And this age, after all, knows what a person cultivates within as nothing other than imagination. Thus, in this age, which has in any case silenced this inner work, future moral impulses had to be born out of moral imagination; that is to say, human beings had to be directed away from merely poetic, artistic imagination toward a productive moral imagination.

[ 13 ] Alle alten Intuitionen waren immer nur Gruppen gegeben. Es besteht ein geheimnisvoller Zusammenhang zwischen der Uroffenbarung und den Menschengruppen. Die alten Intuitionen waren immer Menschengruppen in ihrem Zusammenhange gegeben. Die neuen Intuitionen, die jetzt erarbeitet werden müssen, müssen auf dem Schauplatz jeder einzelnen, individuellen Menschenseele erarbeitet werden; das heißt, jeder einzelne Mensch muß selbst zum Quell des Sittlichen gemacht werden. Das muß aus dem Nichts, dem man sich gegenübergestellt sieht, durch die Intuitionen selber herausgeholt werden.

[ 13 ] All ancient intuitions were always given only to groups. There is a mysterious connection between primordial revelation and groups of people. The ancient intuitions were always given to groups of people within their context. The new intuitions, which must now be developed, must be worked out within the realm of each individual human soul; that is to say, each individual human being must himself be made into a source of morality. This must be drawn out of the nothingness one finds oneself confronted with, through the intuitions themselves.

[ 14 ] Das allein blieb einem übrig, wenn man nicht damals schon als ehrlicher Mensch in eine Art Spenglerismus übergehen wollte, und diese «Spengler»-Arbeiten sind ja nicht gerade lebendige Arbeiten! Es handelte sich aber darum, aus dem Nichts heraus, dem die Menschen gegenübergestellt zu sein schienen, wieder ein lebensvolles Wirkliches zu finden; daher konnte selbstverständlich zunächst nur an einen Anfang appelliert werden. Denn das, woran appelliert werden mußte, ist ein Schaffendes im Menschen, gewissermaßen das Schaffen eines inneren Menschen innerhalb des äußeren Menschen. Der äußere Mensch hat früher die moralischen Impulse von außen bekommen. Jetzt mußte der Mensch selber einen inneren Menschen schaffen. Mit diesem inneren Menschen bekam er zugleich die neue moralische Intuition, oder besser gesagt, er bekommt sie. So mußte aus der Zeit herausgeboren werden, aber als etwas, das sich zugleich der Zeit im strengsten Sinne entgegenstellen mußte, so etwas wie eine «Philosophie der Freiheit».

[ 14 ] That was all one had left, unless one was already, as an honest person, inclined to embrace a kind of Spenglerism at that time—and these “Spengler” works are certainly not exactly vibrant works! But the task at hand was to find, out of the nothingness with which people seemed to be confronted, a reality full of life once again; therefore, naturally, one could initially appeal only to a beginning. For what had to be appealed to is a creative force within the human being—in a sense, the creation of an inner human being within the outer human being. In the past, the outer human being received moral impulses from outside. Now, human beings had to create an inner human being themselves. With this inner human being, they simultaneously gained a new moral intuition—or rather, they are gaining it. Thus, something like a “Philosophy of Freedom” had to be born out of the times, yet as something that, at the same time, had to stand in opposition to the times in the strictest sense.

[ 15 ] Schließen wir daran eine Betrachtung der Seelenlage des modernen Menschen noch von einer anderen Seite. Sehen Sie, wie — ich möchte sagen — zur Vorbereitung des Intellektualismus in der abendländischen Zivilisation hinweggeschafft wurde schon vor längerer Zeit das Bewußtsein des vorirdischen Menschenwesens, des vorirdischen Daseins des Menschen. Das wurde der abendländischen Zivilisation schon in sehr frühen Zeiten genommen, so daß die abendländischen Menschen sich nicht bewußt waren: indem ich mich aus dem embryonalen Zustande der irdischen Entwickelung heraushebe, vereinigt sich mit mir ein anderes, das aus geistig-seelischen Höhen heruntersteigt und dieses physische Erdenwesen durchdringt.

[ 15 ] Let us now consider the state of the soul of modern man from yet another perspective. You see, as—I might say—a prelude to the rise of intellectualism in Western civilization, the awareness of the pre-earthly human being, of humanity’s pre-earthly existence, was swept away long ago. This was taken away from Western civilization in very early times, so that Western people were unaware that as I emerge from the embryonic state of earthly development, another being unites with me—one that descends from spiritual and soul heights and permeates this physical earthly being.

[ 16 ] Nun ist es bei diesem Durchdringen so, daß sich für die Anschauung ganz konkret das Folgende ergibt. Ich habe Sie schon auf ein Bild hingewiesen, damit durch dasselbe verdeutlicht werde, was ich hier zu sagen habe. Wenn wir einen Leichnam ansehen, sagte ich, so wissen wir, daß er seine Form nicht durch die gewöhnlichen Naturkräfte haben kann, sondern er muß Rest sein des lebendigen Menschen. Es wäre eine Torheit, die Form des menschlichen Leibes als etwas an sich Lebendiges aufzufassen. Man muß auf das zurückgehen, was der lebendige Mensch war. So stellt sich aber auch das intellektualistische Denken, unbefangen betrachtet, als etwas’Totes vor uns hin. Natürlich werden die Menschen sagen: Beweise uns das! Es beweist sich eben in der Anschauung, und solche Beweise, die eigentlich nur für die Nebendinge da sind, lassen sich schon auffinden. Aber um das zu zeigen, müßte ich einige Kapitel Philosophie vortragen, was außerhalb der gegenwärtigen Aufgabe liegt. Aber für den, der unbefangen zusieht, stellt sich das intellektualistische Denken, aus dem unsere ganze heutige Zivilisation fließt, im Verhältnis zum lebendigen Denken so dar, wie sich der Leichnam zum lebendigen Menschen verhält. Wie der Leichnam vom lebendigen Menschen stammt, so stammt das, was ich heute an Denken habe, von einem lebendigen Denken, das ich in einer früheren Zeit hatte. Und bei gesundem Denken muß ich mir sagen: Dieses tote Denken muß abstammen von einem lebendigen, das vor der Geburt da war. Der physische Organismus ist das Grab des lebendigen Denkens, der Behälter des toten Denkens.

[ 16 ] Now, with regard to this penetration, the following becomes quite clear to the observer. I have already referred you to an image to illustrate what I have to say here. When we look at a corpse, I said, we know that it cannot have acquired its form through the ordinary forces of nature, but must be the remnant of a living human being. It would be folly to conceive of the form of the human body as something living in and of itself. One must go back to what the living human being was. Yet, when viewed impartially, intellectualistic thinking also presents itself to us as something “dead.” Of course, people will say: Prove it to us! It proves itself precisely through direct perception, and such proofs—which are actually only available for secondary matters—can indeed be found. But to demonstrate this, I would have to present several chapters of philosophy, which lies beyond the scope of the present task. Yet for the impartial observer, intellectualistic thinking—from which our entire modern civilization flows—appears, in relation to living thinking, just as a corpse relates to a living human being. Just as the corpse originates from the living human being, so too does the thinking I possess today originate from a living thinking that I had in an earlier time. And with sound reasoning, I must tell myself: This dead thinking must descend from a living one that existed before birth. The physical organism is the grave of living thinking, the vessel of dead thinking.

[ 17 ] Aber das Eigentümliche ist, daß man in den zwei ersten menschlichen Lebensepochen bis zum sechsten, siebenten, achten Jahre, bis zum Ende des Zahnwechsels, und weiter bis zum dreizehnten, vierzehnten, fünfzehnten Jahre, also bis zur Geschlechtsreife, sozusagen ein noch nicht ganz totes Denken hat. Da ist das Denken im Sterben. Gelebt hat es überhaupt nur im vorirdischen Dasein. In den ersten zwei Lebensepochen kommt es zum Sterben. Ganz tot wird es für den Menschen seit dem ersten Drittel des fünfzehnten Jahrhunderts eben mit der Geschlechtsreife. Es ist dann der Leichnam dessen, was eigentlich lebendiges Denken ist. Das war nicht immer so in der Menschheitsentwickelung. Wenn man hinter das fünfzehnte Jahrhundert zurückgeht, so zeigt sich, daß das Denken noch etwas Lebendiges gehabt hat, daß da noch jenes Denken vorhanden war, das die heutigen Menschen nicht leiden können, weil sie es so empfinden, wie wenn ihnen ein Ameisenhaufen im Gehirn herumkribbelte. Sie können es nicht leiden, wenn in ihnen etwas lebt. Sie wollen recht still und bequem in der Haltung ihres Kopfes sein können, und auch das Denken darinnen soll ruhig verlaufen, so daß man nur mit logischen Gesetzen etwas nachzuhelfen braucht. Aber reines Denken, das ist so, wie wenn ein Ameisenhaufen im Kopfe wäre, und das, sagen sie, ist nicht gesund. Im Anfange des fünfzehnten Jahrhunderts hat man das lebendige Denken noch vertragen. — Ich sage das nicht, um eine Kritik auszuüben. Es wäre auch unangemessen, ebenso unangemessen, wie wenn man an einer Kuh bemängelte, daß sie kein Kalb mehr ist. Es wäre zum größten Unheil für die Menschheit geworden, wenn es nicht so gekommen wäre. Es mußte Menschen geben, die diesen Ameisenhaufen im Kopfe nicht vertragen können. Denn das Tote mußte auf andere Weise wieder zum Leben gebracht werden.

[ 17 ] But the peculiar thing is that during the first two stages of human life—up to the sixth, seventh, and eighth years, until the end of the change of teeth, and then on to the thirteenth, fourteenth, and fifteenth years, that is, until sexual maturity—one has, so to speak, a form of thinking that is not yet entirely dead. Thinking is in the process of dying. It has only ever truly lived in pre-earthly existence. During the first two epochs of life, it comes to an end. For human beings, it becomes completely dead starting in the first third of the fifteenth century, precisely with the onset of sexual maturity. It is then the corpse of what is actually living thinking. This was not always the case in human development. If one goes back beyond the fifteenth century, it becomes apparent that thinking still possessed something alive, that the kind of thinking still existed that people today cannot stand, because they experience it as if an anthill were crawling around in their brains. They cannot stand it when something is alive within them. They want to be able to keep their heads quite still and comfortable, and they want the thinking inside them to proceed calmly as well, so that one need only give it a little help with logical laws. But pure thinking is like having an anthill in one’s head, and that, they say, is not healthy. At the beginning of the fifteenth century, people could still tolerate living thought. — I am not saying this to offer criticism. It would also be inappropriate—just as inappropriate as criticizing a cow for no longer being a calf. It would have been a great calamity for humanity if things had not turned out this way. There had to be people who could not tolerate this anthill in their heads. For what was dead had to be brought back to life in some other way.

[ 18 ] Die Sache ist nun so, daß seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts die Menschen nach der Geschlechtsreife ein im wesentlichen totes Denken innerlich erlebten. Sie waren von dem Leichnam des Denkens ausgefüllt. Wenn Sie ganz ernsthaft diesen Gedanken fassen, dann wird es Ihnen begreiflich sein, daß erst seit jener Zeit eine richtige anorganische Naturwissenschaft entstehen konnte, weil da erst der Mensch anfing, rein anorganische Gesetze begreifen zu können. Erst jetzt konnte man das Tote so begreifen, wie es seit Galilei und Kopernikus angestrebt wird. Das Lebendige mußte erst innerlich sterben. Als man noch innerlich lebendig war im Denken, da konnte man das Tote nicht äußerlich begreifen, denn es teilte sich die lebendige Erkenntnisart dem Äußeren mit. Immer reiner wurde die Naturwissenschaft, und das ging so fort, bis sie am Ende des neunzehnten Jahrhunderts fast nur noch Mathematik war. Das war das Ideal, dem sie zustrebte: Phoronomie sollte sie werden, eine Art reiner Mechanik.

[ 18 ] The fact is that, since the middle of the fifteenth century, people have, upon reaching sexual maturity, experienced an essentially dead form of thinking within themselves. They were filled with the corpse of thought. If you take this thought very seriously, then you will understand that it was only from that time onward that a true inorganic natural science could emerge, because it was only then that human beings began to be able to comprehend purely inorganic laws. Only now could the dead be understood in the way that has been sought since Galileo and Copernicus. The living had to die inwardly first. When people were still inwardly alive in their thinking, they could not comprehend the inanimate externally, for the living mode of cognition imparted itself to the external world. Natural science became ever purer, and this continued until, by the end of the nineteenth century, it was almost nothing but mathematics. That was the ideal toward which it strove: it was to become phoronomy, a kind of pure mechanics.

[ 19 ] So wurde in neuerer Zeit immer mehr und mehr das Tote zum eigentlichen Erkenntnisobjekt. Das war jetzt das ganze Streben. Das dauerte natürlich einige Jahrhunderte; aber die Entwickelung verläuft in dieser Linie. Geniale Menschen wie de Lamettrie zum Beispiel, sagten schon wie prophetisch, der Mensch sei eigentlich eine Maschine. Der Mensch, der nur das Tote begreifen will, bedient sich allerdings nur des Maschinenmäßigen, des Toten in sich selber. Das macht dem neueren Menschen die naturwissenschaftliche Entwickelung leicht. Das Denken erstirbt mit der Geschlechtsreife. In früherer Zeit hatte man die gottgegebenen Intuitionen, weil das Denken auch noch weit über die Geschlechtsreife hinaus Wachstumskräfte in sich behielt. Nach der Geschlechtsreife verliert der Mensch heute dieses lebendige Denken, und so lernen die Menschen im späteren Alter nichts mehr, sondern sie beten nur nach, was sie in früher Jugend sich schon angeeignet haben.

[ 19 ] Thus, in more recent times, the dead have increasingly become the very object of knowledge. That was now the entire pursuit. Of course, this lasted several centuries; but the development follows this line. Genius figures such as de Lamettrie, for example, stated—almost prophetically—that human beings are essentially machines. However, a person who seeks only to comprehend the inanimate makes use only of the mechanical, the inanimate aspect within themselves. This makes the development of the natural sciences easy for modern people. Thinking ceases with sexual maturity. In earlier times, people possessed God-given intuitions, because thinking still retained its capacity for growth far beyond sexual maturity. After reaching sexual maturity, people today lose this living thinking, and so in later life they learn nothing new, but merely parrot what they had already acquired in their early youth.

[ 20 ] Nun war das den Alten, die die Kultur in der Hand hatten, eigentlich ganz angemessen: mit einem toten Denken eine tote Welt zu umfassen.Man kann damit vorzüglich Wissenschaft begründen. Man kann aber damit niemals die Jugend unterrichten und erziehen. Und warum? Weil die Jugend bis zur Geschlechtsreife die Lebendigkeit des Denkens, wenn auch auf unbewußte Art, behält. Und so stellt sich, trotz allen Nachdenkens über die Erziehungsgrundsätze, wie sie in neuerer Zeit gefaßt worden sind, immer mehr heraus, daß wenn die steif gewordene objektive Wissenschaft, die das Tote umfaßt, zur Erzieherin wird und an das Lebendige, Jugendliche herankommt, diese Jugend das wie ein Hereinstoßen eines Pfahles ins Fleisch fühlt. Man stieß ihr einen Pfahl ins Herz, den Tod, und sie soll sich aus dem Herzen das Lebendige herausreißen,. Es mußte aus dem Inneren der menschlichen Entwickelung heraus zu dem kommen, was heute noch sehr vieleLeute übersehen, was aber wirklich in einschneidender Weise vorhanden ist: zu einer Kluft zwischen dem Alter und der Jugend. Und diese Kluft beruht einfach darauf, daß die Jugend sich ins lebendige Herz nicht den toten Pfahl stoßen lassen kann, den der Kopf aus dem bloßen Intellektualismus herausarbeitet. Die Jugend verlangt nach Lebendigkeit, die nur aus dem Geiste heraus von menschlicher Individualität erarbeitet werden kann. Und wir machen den Anfang, diese an moralischen Intuitionen zu erarbeiten.

[ 20 ] Now, this was actually quite fitting for the elders who held the reins of culture: to encompass a dead world with dead thinking. It is an excellent way to establish science. But one can never use it to teach and educate the young. And why? Because young people, until they reach sexual maturity, retain the vitality of thought, even if only unconsciously. And so, despite all reflection on the principles of education as they have been formulated in recent times, it is becoming increasingly clear that when rigid, objective science—which encompasses the dead—becomes the educator and approaches the living, youthful, these young people feel it as if a stake were being driven into their flesh. A stake—death—has been driven into their hearts, and they are expected to tear the living out of their hearts. It had to emerge from within human development to reveal what many people still overlook today, yet which is truly and profoundly present: a chasm between old age and youth. And this gulf stems simply from the fact that young people cannot allow the dead stake—which the head devises out of mere intellectualism—to be driven into their living hearts. Young people yearn for a vitality that can only be developed from the spirit through human individuality. And we are taking the first step toward developing this through moral intuitions.

[ 21 ] Hat man da einmal angefangen, wie ich es versucht habe in meiner «Philosophie der Freiheit» darzustellen bezüglich dieses reinen Geistigen — denn ein rein Geistiges sind diese moralischen Intuitionen, herausgearbeitet aus der menschlichen Individualität — und hat man sich getraut, während die anderen sagten, es sei mundtot gemacht, den Mund aufzumachen: siehe da, die Mächte, welche sagten, man würde mundtot, wenn man von moralischen Intuitionen redet, werden selber mundtot! So appellierte ich an das lebendige rein Geistige. Die Wissenschaft ist tot. Sie kann den Mund nicht lebendig machen. Aber man kann ohnedies nicht auf sie bauen. Man muß an eine innerliche Lebendigkeit appellieren, und so muß man erst richtig anfangen zu suchen. Das Göttliche liegt gerade im Appell an die ursprünglichen moralischen geistigen Intuitionen. Hat man aber das Geistige erfaßt, dann kann man auch die Kräfte entfalten, um von da ausgehend das Geistige in den weiteren Gebieten des Weltendaseins zu erfassen. Und das ist der gerade Weg von den moralischen Intuitionen zu den anderen geistigen Inhalten.

[ 21 ] Once you’ve started down that path—as I attempted to illustrate in my Philosophy of Freedom with regard to this purely spiritual realm—for these moral intuitions, distilled from human individuality, are indeed purely spiritual—and once you’ve dared to speak out while others claimed you’d be silenced: lo and behold, the powers that claimed one would be silenced for speaking of moral intuitions are themselves silenced! Thus I appealed to the living, purely spiritual. Science is dead. It cannot bring the mouth to life. But one cannot rely on it anyway. One must appeal to an inner vitality, and only then can one truly begin to seek. The divine lies precisely in this appeal to the original moral and spiritual intuitions. But once one has grasped the spiritual, one can also develop the powers to grasp the spiritual in the broader realms of worldly existence, proceeding from that point. And that is the direct path from moral intuitions to other spiritual contents.

[ 22 ] In meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» habe ich darzustellen versucht, daß sich aufbaut die Erkenntnis der übersinnlichen Welten aus imaginativem, inspiriertem, intuitivem Erleben, allmählich aufbaut. Schaut man auf die äußere Natur, so kommt man zur Imagination, später zur Inspiration und zuletzt zur Intuition. In der moralischen Welt ist es anders. Kommt man da zur Bildlichkeit, zu Imaginationen überhaupt, so hat man an den Imaginationen zugleich die Fähigkeit entwickelt, moralische Intuitionen zu haben. Schon auf der ersten Stufe erringt man sich das, was dort erst auf der dritten Stufe erlangt wird. In der moralischen Welt folgt auf äußere Wahrnehmung gleich die Intuition. Bei der Natur aber folgen dazwischen noch zwei andere Stufen. So daß man also gar nicht anders kann, wenn man nicht phrasenhaft, sondern in ehrlicher Wahrheit auf moralischem Gebiet von Intuitionen gesprochen hat, als sie als etwas rein Geistiges anzuerkennen. Dann aber muß man fortarbeiten, um auch das andere Geistige zu finden. Denn qualitativ hat man in der moralischen Intuition dasselbe ergriffen, was man dann für die natürliche Entwickelung mit einem Inhalt erfüllt, meinetwillen mit der Geheimwissenschaft.

[ 22 ] In my work How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?, I have attempted to show that knowledge of the supersensible worlds is gradually built up through imaginative, inspired, and intuitive experience. When one observes the external natural world, one first arrives at imagination, then at inspiration, and finally at intuition. In the moral world, it is different. When one arrives at imagery—at imaginations in general—one has simultaneously developed, through these imaginations, the capacity to have moral intuitions. Already at the first stage, one attains what is achieved there only at the third stage. In the moral world, intuition follows immediately upon external perception. In the case of nature, however, two other stages intervene. Thus, if one has spoken of intuitions in the moral realm not in a clichéd manner but in honest truth, one has no choice but to recognize them as something purely spiritual. But then one must continue working in order to find the other spiritual aspect as well. For qualitatively, one has grasped in moral intuition the very same thing that one then fills with content for natural development—for my part, with esoteric science.

[ 23 ] Aber in einem solchen Gang besteht eben das, was wir nötig haben, meine lieben Freunde. Wir brauchen auf der einen Seite ein volles Eingeständnis dessen, daß die äußere Wissenschaft notwendigerweise nur das Materielle umfassen kann, daher bei der Anschauung des Materiellen nicht nur Materialismus, sondern auch Phänomenalismus bleiben muß. Aber gearbeitet muß daran werden, daß das, was die Naturwissenschaft zum toten Denken macht, wiederum lebendig wird. Und so wird, ich möchte sagen, auf einer etwas höheren Stufe ein Bibelwort lebendig. Ich will nicht in sentimentaler Weise meine Auseinandersetzungen mit Bibelworten durchspicken, sondern ein solches nur gebrauchen, um manche Dinge zu verdeutlichen. Warum haben wir heute keine wirklichen Philosophien mehr? Weil das Denken, wie ich es charakterisiert habe, eigentlich gestorben ist. Daher sind die Philosophien, wenn sie sich bloß auf das gestorbene Denken stützen, von vornherein tot. Sie leben nicht. Und wenn einer wirklich einmal etwas Lebendiges in der Philosophie sucht, wie Bergson, so wird doch nichts daraus, weil er zwar nach dem Lebendigen zappelt, es aber nicht fassen kann. Das Lebendige erfassen heißt: zuerst zum Schauen zu kommen. Was wir notwendig haben, um zu einem Lebendigen zu kommen, ist das, was wir nach unserem fünfzehnten Jahre hinzutragen können zu dem, was in uns gearbeitet hat vor dem fünfzehnten Jahre. Das wird nicht durch unseren Intellekt gestört. Wir müssen das, was da als selbsttätige, lebendige Weisheit in uns wirkt, hineintragen lernen in das abgestorbene Denken. Es muß mit Wachstumskräften und Realität durchdrungen werden. Deshalb möchte ich an dieses Bibelwort — und nicht aus Sentimentalität — anknüpfen: «So ihr nicht werdet wie dieKindlein, könnt ihr nicht in das Reich Gottes kommen.»

[ 23 ] But it is precisely in such an approach that we find what we need, my dear friends. On the one hand, we need a full acknowledgment that external science can necessarily encompass only the material, and therefore, when considering the material, must remain not only materialistic but also phenomenalistic. But we must work to ensure that what natural science turns into dead thought is brought back to life. And so, I would say, a Bible verse comes alive on a somewhat higher level. I do not wish to pepper my discussions with Bible verses in a sentimental way, but rather to use just one such verse to clarify certain points. Why do we no longer have any real philosophies today? Because thinking, as I have characterized it, has in fact died. Therefore, philosophies—if they rely solely on this dead thinking—are dead from the outset. They do not live. And even if someone truly seeks something living in philosophy, like Bergson, nothing comes of it, because although he struggles to grasp the living, he cannot lay hold of it. To grasp the living means: first to arrive at seeing. What we need in order to arrive at something living is what we can, after the age of fifteen, bring to bear on what was at work within us before the age of fifteen. This is not disturbed by our intellect. We must learn to carry what is at work within us as spontaneous, living wisdom into our deadened thinking. It must be imbued with the forces of growth and reality. That is why I would like to refer to this Bible verse—and not out of sentimentality: “Unless you become like little children, you cannot enter the kingdom of God.”

[ 24 ] Es ist schließlich doch immer das Reich Gottes, das man sucht. Aber wenn man nicht wird wie das Kind vor der Geschlechtsreife, kann man nicht in das Reich Gottes kommen. Man muß Kindhaftigkeit, Jugendhaftigkeit hineinbringen in sein totes Denken. Dadurch wird es lebendig, dadurch kommt es auch wieder zu Intuitionen. Man möchte sagen, wir lernen aus der Urweisheit des Kindlichen heraus sprechen. Aus einer solchen Sprachwissenschaft, wie sie zum Beispiel Fritz Mauthner geschrieben hat, werden eigentlich nicht nur die moralischen Intuitionen mundtot gemacht, da wird eigentlich schon das ganze Reden über die Welt mundtot gemacht. Man sollte aufhören, über die Welt zu reden, weil Mauthner nachweist, daß alles Reden über die Welt nur aus Worten besteht und Worte keine Wirklichkeit ausdrücken können.

[ 24 ] After all, it is always the Kingdom of God that one seeks. But unless one becomes like a child before puberty, one cannot enter the Kingdom of God. One must infuse one’s dead thinking with childlike and youthful qualities. This brings it to life, and through this, intuition returns. One might say that we learn to speak from the primal wisdom of childhood. A linguistics such as that described, for example, by Fritz Mauthner does not merely silence moral intuitions; it actually silences all speech about the world. One should stop talking about the world, because Mauthner demonstrates that all speech about the world consists solely of words, and words cannot express reality.

[ 25 ] Ein solches Denken ist erst heraufgekommen seit dem ersten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts. Nur überlegen sich die Leute nicht, was das wäre, wenn unsere Worte und Begriffe nicht bloß etwas bedeuteten, sondern selbst etwas sein würden. Dann wären sie nämlich nicht durchsichtig, dann würden sie wie getrübte Linsen vor unseren Augen das Sinnliche verdecken, sie würden uns alle Aussicht in die Welt zudecken. Da wäre etwas Schönes aus dem Menschen geworden, wenn er Begriffe und Worte hätte, die für sich selber etwas bedeuten! Dann würde er in ihnen steckenbleiben. Begriffe und Worte müssen durchsichtig sein, damit er durch sie zu den Dingen kommt. Notwendig ist eben, wenn man schon will, daß alles Reden über die Realitäten mundtot gemacht sei, daß wir eine neue Sprache lernen.

[ 25 ] This way of thinking has only emerged since the first third of the nineteenth century. But people don’t stop to consider what it would be like if our words and concepts didn’t merely signify something, but were something in themselves. For then they would not be transparent; then, like clouded lenses before our eyes, they would obscure the sensible world; they would block our entire view of the world. Something beautiful would have come of humankind if it had concepts and words that meant something in and of themselves! Then it would be trapped within them. Concepts and words must be transparent so that we can reach things through them. It is simply necessary—if one so desires—that all talk about realities be silenced, that we learn a new language.

[ 26 ] In dieser Form müssen wir wiederum in die Kindheit zurückgehen, indem wir eine neue Sprache lernen. Die Sprache, die wir lernen in den ersten Kinderjahren, sie wird allmählich, weil die toten intellektualistischen Begriffe hineindringen, ganz tot. Wir müssen sie wieder beleben. Wir müssen einen Einschlag finden in dasjenige, was wir denken, wie wir einen Einschlag gehabt haben, aus dem Unbewußten heraus, als wir sprechen lernten. Eine lebendige Wissenschaft müssen wir suchen. Wir müssen es natürlich finden, daß das Denken, das den Höhepunkt erreicht hat im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts, uns mundtot macht für die moralischen Intuitionen. Wir müssen lernen, den Mund aufzumachen, indem wir die Lippen bewegen lassen vom Geiste. Dann werden wir wieder zu Kindern werden, das heißt, wir werden Kindheit hineintragen in das spätere Alter. Und das müssen wir. Wenn irgendeine Jugendbewegung eine Wahrheit haben und nicht nur Phrase sein will, so ist sie notwendigerweise Sehnsucht nach Öffnen des menschlichen Mundes durch den Geist, Sehnsucht nach Belebung der menschlichen Sprache durch den Geist, der aus der menschlichen Individualität entspringt. Man sieht, wie zuerst aus der menschlichen Individualität herausgeholt werden müssen die individuellen moralischen Intuitionen, und man wird sehen, wie als letzte Konsequenz daraus dasjenige hervorgeht, was eine wirkliche Geisteswissenschaft ist, was alle Anthropologie zu einer Anthroposophie macht.

[ 26 ] In this way, we must return to childhood by learning a new language. The language we learn in our early childhood gradually becomes completely lifeless as dead, intellectualistic concepts creep in. We must revive it. We must find a breakthrough into our thinking, just as we had a breakthrough from the unconscious when we learned to speak. We must seek a living science. We must realize, of course, that the thinking which reached its peak in the last third of the nineteenth century silences us when it comes to moral intuitions. We must learn to open our mouths by allowing the spirit to move our lips. Then we will become children again—that is, we will carry childhood into our later years. And that is what we must do. If any youth movement is to possess truth and not merely be empty rhetoric, it must necessarily be a longing for the human mouth to be opened by the spirit, a longing for human language to be enlivened by the spirit that springs from human individuality. One sees how, first of all, the individual moral intuitions must be drawn out of human individuality, and one will see how, as the ultimate consequence of this, what emerges is what constitutes a true spiritual science—that which transforms all anthropology into anthroposophy.