Geistige Wirkenskräfte im Zusammenleben
von alter und junger Generation
Pädagogischer Jugendkurs
GA 217
7 Oktober 1921, Stuttgart
Fünfter Vortrag
[ 1 ] Gestern habe ich versucht, Ihnen die geistige Situation vom Ende des neunzehnten und Anfange des zwanzigsten Jahrhunderts zu charakterisieren und ich habe versucht, sie so zu charakterisieren, wie ich sie selbst unmittelbar erlebt habe, so erlebt habe, daß es mich dazu geführt hat, meine «Philosophie der Freiheit» zu schreiben.
[ 2 ] Diese «Philosophie der Freiheit» war auf dem Impulse aufgebaut, im Menschen moralische Intuitionen als dasjenige anzusprechen, was in der Weltentwickelung weiterführen muß zu einer Grundlegung des sittlichen Lebens der Zukunft. Ich wollte durch meine «Philosophie der Freiheit» zeigen, daß in der Menschheitsentwickelung die Zeit gekommen ist, in welcher die Sittlichkeit auf keine andere Weise fortgeführt werden kann, als daß in bezug auf sittliche Impulse an dasjenige appelliert wird, was der Mensch aus dem Innersten seines Wesens, ganz individuell, als moralische Impulse heraufholen kann. Ich habe Sie darauf hingewiesen, daß die Veröffentlichung dieser «Philosophie der Freiheit» in eine Zeit fiel, in welcher in weitesten Kreisen gesagt wurde, daß man endlich erkannt habe, daß moralische Intuitionen eine Unmöglichkeit seien und daß alles Reden darüber mundtot gemacht werden müsse. Ich mußte es also für notwendig halten, eine Begründung der moralischen Intuition zu geben, von der gerade in den Kreisen, die glaubten, mit dem philosophischen Denken auf dem festen Boden neuerer Wissenschaft zu stehen, gesagt wurde, daß sie mundtot gemacht werden müsse. Es war daher eine scharfe Differenz zwischen dem, was die Zeit in vielen ihrer anerkanntesten Geister für das Richtige hielt und dem, was ich aus den Grundlagen der menschheitlichen Entwickelung heraus für das Richtige halten mußte.
[ 3 ] Worauf beruht aber eigentlich diese Differenz? Um dies zu entdecken, wollen wir uns jetzt einmal in die Tiefen des menschlichen Seelenlebens hineinbegeben, wie es sich in unserer Zeit im Abendlande gestaltet hat. Man hat ja auch früher von moralischen Intuitionen gesprochen, indem man gesagt hat, die Menschen können als Wesensindividualität die Antriebe zum Handeln aus den 'Tiefen ihres Wesens heraufholen, unabhängig vom äußeren Leben. Aber schon seit dem ersten Drittel des fünfzehnten Jahrhunderts und immer stärker in den folgenden Jahrhunderten wurde alles das, was man in dieser Weise über die moralischen Intuitionen gesagt hatte, vom rein menschlichen Standpunkte aus immer weniger wahr. Denn die Menschen sagten zwar, Sittlichkeit könne nicht begründet werden durch Beobachtung äußerer Tatsachen; aber sie vernahmen nicht mehr etwas wirklich Lichtvolles, wenn sie in ihr eigenes Innere schauten. So behaupteten sie wohl, moralische Intuitionen seien da, aber sie wußten eigentlich nichts mehr davon. Alle solche Behauptungen waren schon seit Jahrhunderten von der Art, daß in ihnen das Denken, das vor dem fünfzehnten Jahrhundert der Menschheit eigen war, automatisch fortrollte und man noch Tatsachen behauptete, die früher ihre Berechtigung gehabt hatten, jetzt aber aufhörten, berechtigt zu sein.
[ 4 ] Die Traditionen, von denen ich Ihnen in den vorangehenden Tagen gesprochen habe, und die durch Jahrhunderte noch fortdauerten, trugen das ihrige dazu bei, daß solche Behauptungen aufgestellt werden konnten. Vor dem fünfzehnten Jahrhundert sprach der Mensch nicht bloß in unbestimmter Weise von diesen Dingen — dieses unbestimmte Sprechen war schon das Unwahrhaftige —, sondern wenn er von Intuitionen, auch von moralischen Intuitionen sprach, so sprach er wie von etwas, das im Innern des Menschen aufstieg und von dem er ebenso eine Vorstellung hatte, als von einem Realen, Wirklichen, wie er eine Vorstellung von einem Wirklichen hatte, wenn er des Morgens nach dem Schlafe die Augen aufmachte und die Natur ansah. Draußen sah er die Natur, sah die Pflanzen, die Wolken. Wenn er in sein Inneres sah, so hatte er aufsteigend das Geistige, welches das Moralische, so wie er es dazumal als ein Gegebenes hatte, umfaßte. Je weiter wir zurückgehen in der Menschheitsentwickelung, desto mehr finden wir, daß das reale Heraufsteigen eines inneren Daseins im menschlichen Erleben etwas Selbstverständliches ist. Wir können diese Tatsachen, die sich so, wie ich sie Ihnen eben erzählt habe, aus der Geisteswissenschaft ergeben, an gewissen äußeren Symptomen auch geschichtlich studieren. So tritt zum Beispiel in der Zeit, in der das Sprechen von einer inneren Realität immer mehr in Unwahrheiten gerät, der Gottesbeweis auf.
[ 5 ] Hätte man in den ersten Jahrhunderten der christlichen Geistesentwickelung von Gottesbeweisen gesprochen, wie Anselm von Canterbury es tat, so hätten die Menschen nicht gewußt, was damit gemeint ist. In noch früheren Zeiten hätten sie es noch weniger gewußt. Im zweiten, dritten Jahrhundert vor Christi Geburt von Gottesbeweisen zu sprechen, wäre so gewesen, wie wenn eine der hier in der ersten Reihe sitzenden Persönlichkeiten aufstünde und ich würde sagen: «Der Herr N.N. steht da!», und irgend jemand hier würde verlangen: «Nein, das muß erst bewiesen werden!» Das, was der Mensch als Göttliches empfand, war für ihn ein unmittelbares, vor seiner Seele stehendes Wesen. Er war behaftet mit der Wahrnehmungsfähigkeit für dasjenige, was er sein Göttliches nannte. Dieses Göttliche war in jenem geschichtlichen Zeitalter mehr oder weniger primitiv, unvollkommen für die Empfindung des heutigen Menschen. Die Menschen sind in diesem primitiven Zeitalter nicht weiter gekommen, als bis zu dem Punkte, den man da kannte. Aber von Beweisen hätten sie nichts hören wollen, denn das wäre ihnen absurd vorgekommen. Das Göttliche zu beweisen fing man erst in der Zeit an, als man es innerlich verloren hatte, als es nicht mehr da war für die innere geistige Anschauung. Das Aufkommen der Gottesbeweise muß, wenn man unbefangen die tatsächliche Welt in Betracht zieht, als einSymptom dafür angesehen werden, daß das unmittelbare Anschauen des Göttlichen verlorengegangen war. Aber mit diesem Göttlichen waren zugleich die damaligen sittlichen Impulse verbunden. Man kann das, was damals sittliche Impulse waren, heute nicht mehr als solche ansehen. Aber für die damaligen Zeiten war es so. Als daher mit dem ersten Drittel des fünfzehnten Jahrhunderts die Anschauungsfähigkeit für das Göttlich-Geistige im alten Sinne versiegt war, da versiegte auch die unmittelbare Anschauung für das Sittliche und es blieb nur das traditionell Dogmatische vom Sittlichen übrig, das die Menschen dann so deuteten, daß sie es «Gewissen» nannten. Aber sie meinten damit immer etwas höchst Unbestimmtes.
[ 6 ] Und als es dann am Ende des neunzehnten Jahrhunderts hieß, alles Reden über moralische Intuitionen müsse mundtot gemacht werden, so war das nur die letzte Konsequenz der historischen Entwickelung. Bis dahin hatten dieMenschen noch so eine dunkle Ahnung: es gab einmal solche Intuitionen. Aber jetzt fingen sie an, sich etwas zu prüfen. Schließlich hat ihnen die Intelligenz wenigstens das gebracht, daß sie sich prüfen konnten, und sie fanden nun, daß sie nach der Methode, nach der sie gewohnt waren, naturwissenschaftlich zu denken, gar nicht zu moralischen Intuitionen kamen.
[ 7 ] Nun müssen wir uns einmal die alten moralischen Intuitionen anschauen. In dieser Beziehung ist unsere Geschichte sehr fadenscheinig geworden. Wir haben eine äußere Geschichte. Im neunzehnten Jahrhundert haben wir uns auch bemüht, eine Kulturgeschichte zu begründen. Eine Geschichte jedoch, die auch das Seelenleben der Menschen berücksichtigt, hat die neuere Zeit nicht hervorbringen können, und so weiß man nicht, wie das Seelische sich von den ältesten Zeiten bis zum ersten Drittel des fünfzehnten Jahrhunderts entwickelt hat. Geht man aber in der Zeit zurück und schaut sich an, was als moralische Intuition damals angesprochen worden ist, so findet man, das war nicht etwas, das innerlich von der Menschenseele erarbeitet worden war. Deshalb hat zum Beispiel das Alte Testament das, was als moralische Intuition da figuriert, mit vollem Recht nicht als etwas von der menschlichen Seele Erarbeitetes empfunden, sondern als göttliche Gebote, die von außen in sie eingeflossen waren. Und je mehr man zurückgeht, desto mehr findet man, daß der Mensch das, was er beim Anschauen des Sittlichen schaute, als ein inneres Geschenk eines außer ihm lebenden Göttlichen fühlte. Also als göttliches Gebot, und zwar nicht in übertragenem, nicht in symbolischem Sinn, sondern in ganz eigentlichem Sinne wurden damals die moralischen Intuitionen angesehen.
[ 8 ] Es ist daher schon ein großes Stück Wahrheit daran, wenn heute gewisse religiöse Philosophien auf eine Uroffenbarung hinweisen, die den historischen Erdenzeiten vorangegangen ist. Die äußere Wissenschaft kann da nicht viel weiter kommen, als zu einer Art, ich möchte sagen, seelischer Paläontologie. Gerade so, wie man aus dem Erdreiche die petrifizierten Formen findet, die auf das frühere Leben hinweisen, so kann man in den gleichsam petrifizierten Moralideen die Formen finden, welche auf die einstmals lebendigen, gottgegebenen Moralideen zurückweisen. Man kann daher auf den Begriff einer Uroffenbarung kommen und sagen: Diese Uroffenbarung versiegte. Die Menschen verloren die Fähigkeit, sich dieser Uroffenbarung bewußt zu sein. Und der Kulminationspunkt in diesem Verlieren ist im ersten Drittel des fünfzehnten Jahrhunderts gelegen. Die Menschen nahmen nichts mehr wahr, wenn sie nach innen schauten. Sie bewahrten nur noch die Tradition dessen, was sie früher geschaut hatten. Dieser Tradition bemächtigten sich allmählich die äußeren Bekenntnisgesellschaften und formten den äußerlich gewordenen, bloß traditionellen Inhalt zu Dogmen, an die man nur glauben sollte, während man sie früher in lebendiger Weise, aber als außermenschlich erlebt hatte.
[ 9 ] Das war die ganz signifikante Situation am Ende des neunzehnten Jahrhunderts, daß man in einzelnen Kreisen zum Bewußtsein gekommen war, daß die alten, gottgegebenen Intuitionen nicht mehr da sind, und daß, wenn man mit seinem Kopfe die Gedanken der Alten beweisen will, man nur sagen kann: Es gibt keine moralischen Intuitionen! Die Wissenschaft hat die moralischen Intuitionen mundtot gemacht, und die Menschen, wenn sie sich nur empfangend verhalten, sind nicht mehr fähig, moralische Intuitionen zu empfangen. Wäre man konsequent gewesen, so hätte man schon damals eine Art Spengler werden und sagen müssen: Moralische Intuitionen gibt es nicht, folglich kann die Menschheit eigentlich nichts tun, als in Zukunft langsam vertrocknen. — Man hätte höchstens seinen Großvater fragen können: Habt Ihr gehört, daß es einmal moralische Intuitionen und Einflüsse gegeben hat? — und dieser hätte einem dann geantwortet: Man müßte die Schränke und Bibliotheken durchsuchen, dann könnte man sich aus zweiter und dritter Hand die Kenntnis von moralischen Intuitionen noch erwerben; aber nicht mehr aus dem Erleben heraus. — Dann hätte man sich sagen müssen: Es bleibt also nichts anderes übrig, als in bezug auf moralische Intuitionen zu vertrocknen, greisenhaft zu werden, keine Jugend mehr zu haben. — Da wäre man konsequent gewesen! Das getraute man sich aber nicht, denn Konsequenz war nicht gerade eine hervorragende Eigenschaft des aufgehenden intellektualistischen Zeitalters.
[ 10 ] Man getraute sich überhaupt alles mögliche nicht. Wenn man irgendein Urteil abgab, so gab man es halb ab, etwa wie Du Bois-Reymond in seiner Rede über die Grenzen des Naturerkennens, wo er sagt, der Naturwissenschaft könne man nicht mit Supernaturalismus kommen, denn Supernaturalismus sei Glaube und nicht Wissen; beim Supernaturalismus höre die Wissenschaft auf. Weiter wurde auf dieses Gebiet nicht eingegangen. Wenn einer etwas Weitergehendes darüber sagte, fing man an zu schimpfen und behauptete, daß das nicht mehr Wissenschaft sei. Konsequenz war nicht mehr eine Eigenschaft des ausgehenden Jahrhunderts.
[ 11 ] So hatte man auf der einen Seite die Alternative des Austrocknens. Das Geistige geht allmählich ins Seelische, das Seelische ins Physische und nach Jahrzehnten würde die Seele nur noch antiquarische Impulse über Moralität aufstöbern können, was schließlich dazu führen würde, daß nicht erst die Dreißigjährigen, sondern schon die Zwanzigjährigen mit Glatzköpfen und die Fünfzehnjährigen mit grauen Haaren herumlaufen. Das ist ein bißchen bildlich gesprochen; aber das wäre in der Tat der Spenglerismus als ein praktischer Lebensimpuls. Das war die eine Alternative.
[ 12 ] Die andere war die, daß man sich unmittelbar bewußt wurde: Wir stehen mit dem Verluste der alten Intuitionen dem Nichts gegenüber. — Also was tun? In diesem Nichts das All suchen! Aus diesem Nichts heraus etwas suchen, was einem nicht gegeben wird, was man erarbeiten muß. Und erarbeiten konnte man nicht mehr mit den passiven Kräften, die da waren, sondern nur noch mit den stärksten Erkenntniskräften, die in diesem Zeitalter dem Menschen zur Verfügung standen: mit den Erkenntniskräften des reinen Denkens. Denn beim reinen Denken geht das Denken unmittelbar in den Willen über. Beobachten und denken können Sie, ohne Ihren Willen sehr anzustrengen. Experimentieren und Denken geht nicht in den Willen über; aber reines Denken, also elementare, ursprüngliche Aktivität entfalten, dazu gehört Energie. Da muß der Blitz des Willens unmittelbar in das Denken selber einschlagen. Da muß der Blitz des Willens aber auch aus der ganz singulären menschlichen Individualität herauskommen. Und da mußte man schon einmal den Mut haben, an dieses reine Denken zu appellieren, das auch zum reinen Willen wird. Dieser wird aber zu einer neuen Fähigkeit: der Fähigkeit, aus der unmittelbaren menschlichen Individualität heraus moralische Impulse zu gewinnen, die nun erarbeitet werden müssen, die nicht mehr wie die alten gegeben sind. An Intuitionen mußte appelliert werden, die erarbeitet werden! Und das Zeitalter kennt ja dasjenige, was der Mensch im Innern erarbeitet, unter keinem anderen Namen als unter dem der Phantasie. Also mußten in diesem Zeitalter, das ohnedies diese innere Arbeit mundtot gemacht hat, aus der moralischen Phantasie die künftigen moralischen Impulse geboren werden; das heißt, der Mensch mußte verwiesen werden von der bloß poetischen, künstlerischen Phantasie auf eine produktive moralische Phantasie.
[ 13 ] Alle alten Intuitionen waren immer nur Gruppen gegeben. Es besteht ein geheimnisvoller Zusammenhang zwischen der Uroffenbarung und den Menschengruppen. Die alten Intuitionen waren immer Menschengruppen in ihrem Zusammenhange gegeben. Die neuen Intuitionen, die jetzt erarbeitet werden müssen, müssen auf dem Schauplatz jeder einzelnen, individuellen Menschenseele erarbeitet werden; das heißt, jeder einzelne Mensch muß selbst zum Quell des Sittlichen gemacht werden. Das muß aus dem Nichts, dem man sich gegenübergestellt sieht, durch die Intuitionen selber herausgeholt werden.
[ 14 ] Das allein blieb einem übrig, wenn man nicht damals schon als ehrlicher Mensch in eine Art Spenglerismus übergehen wollte, und diese «Spengler»-Arbeiten sind ja nicht gerade lebendige Arbeiten! Es handelte sich aber darum, aus dem Nichts heraus, dem die Menschen gegenübergestellt zu sein schienen, wieder ein lebensvolles Wirkliches zu finden; daher konnte selbstverständlich zunächst nur an einen Anfang appelliert werden. Denn das, woran appelliert werden mußte, ist ein Schaffendes im Menschen, gewissermaßen das Schaffen eines inneren Menschen innerhalb des äußeren Menschen. Der äußere Mensch hat früher die moralischen Impulse von außen bekommen. Jetzt mußte der Mensch selber einen inneren Menschen schaffen. Mit diesem inneren Menschen bekam er zugleich die neue moralische Intuition, oder besser gesagt, er bekommt sie. So mußte aus der Zeit herausgeboren werden, aber als etwas, das sich zugleich der Zeit im strengsten Sinne entgegenstellen mußte, so etwas wie eine «Philosophie der Freiheit».
[ 15 ] Schließen wir daran eine Betrachtung der Seelenlage des modernen Menschen noch von einer anderen Seite. Sehen Sie, wie — ich möchte sagen — zur Vorbereitung des Intellektualismus in der abendländischen Zivilisation hinweggeschafft wurde schon vor längerer Zeit das Bewußtsein des vorirdischen Menschenwesens, des vorirdischen Daseins des Menschen. Das wurde der abendländischen Zivilisation schon in sehr frühen Zeiten genommen, so daß die abendländischen Menschen sich nicht bewußt waren: indem ich mich aus dem embryonalen Zustande der irdischen Entwickelung heraushebe, vereinigt sich mit mir ein anderes, das aus geistig-seelischen Höhen heruntersteigt und dieses physische Erdenwesen durchdringt.
[ 16 ] Nun ist es bei diesem Durchdringen so, daß sich für die Anschauung ganz konkret das Folgende ergibt. Ich habe Sie schon auf ein Bild hingewiesen, damit durch dasselbe verdeutlicht werde, was ich hier zu sagen habe. Wenn wir einen Leichnam ansehen, sagte ich, so wissen wir, daß er seine Form nicht durch die gewöhnlichen Naturkräfte haben kann, sondern er muß Rest sein des lebendigen Menschen. Es wäre eine Torheit, die Form des menschlichen Leibes als etwas an sich Lebendiges aufzufassen. Man muß auf das zurückgehen, was der lebendige Mensch war. So stellt sich aber auch das intellektualistische Denken, unbefangen betrachtet, als etwas’Totes vor uns hin. Natürlich werden die Menschen sagen: Beweise uns das! Es beweist sich eben in der Anschauung, und solche Beweise, die eigentlich nur für die Nebendinge da sind, lassen sich schon auffinden. Aber um das zu zeigen, müßte ich einige Kapitel Philosophie vortragen, was außerhalb der gegenwärtigen Aufgabe liegt. Aber für den, der unbefangen zusieht, stellt sich das intellektualistische Denken, aus dem unsere ganze heutige Zivilisation fließt, im Verhältnis zum lebendigen Denken so dar, wie sich der Leichnam zum lebendigen Menschen verhält. Wie der Leichnam vom lebendigen Menschen stammt, so stammt das, was ich heute an Denken habe, von einem lebendigen Denken, das ich in einer früheren Zeit hatte. Und bei gesundem Denken muß ich mir sagen: Dieses tote Denken muß abstammen von einem lebendigen, das vor der Geburt da war. Der physische Organismus ist das Grab des lebendigen Denkens, der Behälter des toten Denkens.
[ 17 ] Aber das Eigentümliche ist, daß man in den zwei ersten menschlichen Lebensepochen bis zum sechsten, siebenten, achten Jahre, bis zum Ende des Zahnwechsels, und weiter bis zum dreizehnten, vierzehnten, fünfzehnten Jahre, also bis zur Geschlechtsreife, sozusagen ein noch nicht ganz totes Denken hat. Da ist das Denken im Sterben. Gelebt hat es überhaupt nur im vorirdischen Dasein. In den ersten zwei Lebensepochen kommt es zum Sterben. Ganz tot wird es für den Menschen seit dem ersten Drittel des fünfzehnten Jahrhunderts eben mit der Geschlechtsreife. Es ist dann der Leichnam dessen, was eigentlich lebendiges Denken ist. Das war nicht immer so in der Menschheitsentwickelung. Wenn man hinter das fünfzehnte Jahrhundert zurückgeht, so zeigt sich, daß das Denken noch etwas Lebendiges gehabt hat, daß da noch jenes Denken vorhanden war, das die heutigen Menschen nicht leiden können, weil sie es so empfinden, wie wenn ihnen ein Ameisenhaufen im Gehirn herumkribbelte. Sie können es nicht leiden, wenn in ihnen etwas lebt. Sie wollen recht still und bequem in der Haltung ihres Kopfes sein können, und auch das Denken darinnen soll ruhig verlaufen, so daß man nur mit logischen Gesetzen etwas nachzuhelfen braucht. Aber reines Denken, das ist so, wie wenn ein Ameisenhaufen im Kopfe wäre, und das, sagen sie, ist nicht gesund. Im Anfange des fünfzehnten Jahrhunderts hat man das lebendige Denken noch vertragen. — Ich sage das nicht, um eine Kritik auszuüben. Es wäre auch unangemessen, ebenso unangemessen, wie wenn man an einer Kuh bemängelte, daß sie kein Kalb mehr ist. Es wäre zum größten Unheil für die Menschheit geworden, wenn es nicht so gekommen wäre. Es mußte Menschen geben, die diesen Ameisenhaufen im Kopfe nicht vertragen können. Denn das Tote mußte auf andere Weise wieder zum Leben gebracht werden.
[ 18 ] Die Sache ist nun so, daß seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts die Menschen nach der Geschlechtsreife ein im wesentlichen totes Denken innerlich erlebten. Sie waren von dem Leichnam des Denkens ausgefüllt. Wenn Sie ganz ernsthaft diesen Gedanken fassen, dann wird es Ihnen begreiflich sein, daß erst seit jener Zeit eine richtige anorganische Naturwissenschaft entstehen konnte, weil da erst der Mensch anfing, rein anorganische Gesetze begreifen zu können. Erst jetzt konnte man das Tote so begreifen, wie es seit Galilei und Kopernikus angestrebt wird. Das Lebendige mußte erst innerlich sterben. Als man noch innerlich lebendig war im Denken, da konnte man das Tote nicht äußerlich begreifen, denn es teilte sich die lebendige Erkenntnisart dem Äußeren mit. Immer reiner wurde die Naturwissenschaft, und das ging so fort, bis sie am Ende des neunzehnten Jahrhunderts fast nur noch Mathematik war. Das war das Ideal, dem sie zustrebte: Phoronomie sollte sie werden, eine Art reiner Mechanik.
[ 19 ] So wurde in neuerer Zeit immer mehr und mehr das Tote zum eigentlichen Erkenntnisobjekt. Das war jetzt das ganze Streben. Das dauerte natürlich einige Jahrhunderte; aber die Entwickelung verläuft in dieser Linie. Geniale Menschen wie de Lamettrie zum Beispiel, sagten schon wie prophetisch, der Mensch sei eigentlich eine Maschine. Der Mensch, der nur das Tote begreifen will, bedient sich allerdings nur des Maschinenmäßigen, des Toten in sich selber. Das macht dem neueren Menschen die naturwissenschaftliche Entwickelung leicht. Das Denken erstirbt mit der Geschlechtsreife. In früherer Zeit hatte man die gottgegebenen Intuitionen, weil das Denken auch noch weit über die Geschlechtsreife hinaus Wachstumskräfte in sich behielt. Nach der Geschlechtsreife verliert der Mensch heute dieses lebendige Denken, und so lernen die Menschen im späteren Alter nichts mehr, sondern sie beten nur nach, was sie in früher Jugend sich schon angeeignet haben.
[ 20 ] Nun war das den Alten, die die Kultur in der Hand hatten, eigentlich ganz angemessen: mit einem toten Denken eine tote Welt zu umfassen.Man kann damit vorzüglich Wissenschaft begründen. Man kann aber damit niemals die Jugend unterrichten und erziehen. Und warum? Weil die Jugend bis zur Geschlechtsreife die Lebendigkeit des Denkens, wenn auch auf unbewußte Art, behält. Und so stellt sich, trotz allen Nachdenkens über die Erziehungsgrundsätze, wie sie in neuerer Zeit gefaßt worden sind, immer mehr heraus, daß wenn die steif gewordene objektive Wissenschaft, die das Tote umfaßt, zur Erzieherin wird und an das Lebendige, Jugendliche herankommt, diese Jugend das wie ein Hereinstoßen eines Pfahles ins Fleisch fühlt. Man stieß ihr einen Pfahl ins Herz, den Tod, und sie soll sich aus dem Herzen das Lebendige herausreißen,. Es mußte aus dem Inneren der menschlichen Entwickelung heraus zu dem kommen, was heute noch sehr vieleLeute übersehen, was aber wirklich in einschneidender Weise vorhanden ist: zu einer Kluft zwischen dem Alter und der Jugend. Und diese Kluft beruht einfach darauf, daß die Jugend sich ins lebendige Herz nicht den toten Pfahl stoßen lassen kann, den der Kopf aus dem bloßen Intellektualismus herausarbeitet. Die Jugend verlangt nach Lebendigkeit, die nur aus dem Geiste heraus von menschlicher Individualität erarbeitet werden kann. Und wir machen den Anfang, diese an moralischen Intuitionen zu erarbeiten.
[ 21 ] Hat man da einmal angefangen, wie ich es versucht habe in meiner «Philosophie der Freiheit» darzustellen bezüglich dieses reinen Geistigen — denn ein rein Geistiges sind diese moralischen Intuitionen, herausgearbeitet aus der menschlichen Individualität — und hat man sich getraut, während die anderen sagten, es sei mundtot gemacht, den Mund aufzumachen: siehe da, die Mächte, welche sagten, man würde mundtot, wenn man von moralischen Intuitionen redet, werden selber mundtot! So appellierte ich an das lebendige rein Geistige. Die Wissenschaft ist tot. Sie kann den Mund nicht lebendig machen. Aber man kann ohnedies nicht auf sie bauen. Man muß an eine innerliche Lebendigkeit appellieren, und so muß man erst richtig anfangen zu suchen. Das Göttliche liegt gerade im Appell an die ursprünglichen moralischen geistigen Intuitionen. Hat man aber das Geistige erfaßt, dann kann man auch die Kräfte entfalten, um von da ausgehend das Geistige in den weiteren Gebieten des Weltendaseins zu erfassen. Und das ist der gerade Weg von den moralischen Intuitionen zu den anderen geistigen Inhalten.
[ 22 ] In meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» habe ich darzustellen versucht, daß sich aufbaut die Erkenntnis der übersinnlichen Welten aus imaginativem, inspiriertem, intuitivem Erleben, allmählich aufbaut. Schaut man auf die äußere Natur, so kommt man zur Imagination, später zur Inspiration und zuletzt zur Intuition. In der moralischen Welt ist es anders. Kommt man da zur Bildlichkeit, zu Imaginationen überhaupt, so hat man an den Imaginationen zugleich die Fähigkeit entwickelt, moralische Intuitionen zu haben. Schon auf der ersten Stufe erringt man sich das, was dort erst auf der dritten Stufe erlangt wird. In der moralischen Welt folgt auf äußere Wahrnehmung gleich die Intuition. Bei der Natur aber folgen dazwischen noch zwei andere Stufen. So daß man also gar nicht anders kann, wenn man nicht phrasenhaft, sondern in ehrlicher Wahrheit auf moralischem Gebiet von Intuitionen gesprochen hat, als sie als etwas rein Geistiges anzuerkennen. Dann aber muß man fortarbeiten, um auch das andere Geistige zu finden. Denn qualitativ hat man in der moralischen Intuition dasselbe ergriffen, was man dann für die natürliche Entwickelung mit einem Inhalt erfüllt, meinetwillen mit der Geheimwissenschaft.
[ 23 ] Aber in einem solchen Gang besteht eben das, was wir nötig haben, meine lieben Freunde. Wir brauchen auf der einen Seite ein volles Eingeständnis dessen, daß die äußere Wissenschaft notwendigerweise nur das Materielle umfassen kann, daher bei der Anschauung des Materiellen nicht nur Materialismus, sondern auch Phänomenalismus bleiben muß. Aber gearbeitet muß daran werden, daß das, was die Naturwissenschaft zum toten Denken macht, wiederum lebendig wird. Und so wird, ich möchte sagen, auf einer etwas höheren Stufe ein Bibelwort lebendig. Ich will nicht in sentimentaler Weise meine Auseinandersetzungen mit Bibelworten durchspicken, sondern ein solches nur gebrauchen, um manche Dinge zu verdeutlichen. Warum haben wir heute keine wirklichen Philosophien mehr? Weil das Denken, wie ich es charakterisiert habe, eigentlich gestorben ist. Daher sind die Philosophien, wenn sie sich bloß auf das gestorbene Denken stützen, von vornherein tot. Sie leben nicht. Und wenn einer wirklich einmal etwas Lebendiges in der Philosophie sucht, wie Bergson, so wird doch nichts daraus, weil er zwar nach dem Lebendigen zappelt, es aber nicht fassen kann. Das Lebendige erfassen heißt: zuerst zum Schauen zu kommen. Was wir notwendig haben, um zu einem Lebendigen zu kommen, ist das, was wir nach unserem fünfzehnten Jahre hinzutragen können zu dem, was in uns gearbeitet hat vor dem fünfzehnten Jahre. Das wird nicht durch unseren Intellekt gestört. Wir müssen das, was da als selbsttätige, lebendige Weisheit in uns wirkt, hineintragen lernen in das abgestorbene Denken. Es muß mit Wachstumskräften und Realität durchdrungen werden. Deshalb möchte ich an dieses Bibelwort — und nicht aus Sentimentalität — anknüpfen: «So ihr nicht werdet wie dieKindlein, könnt ihr nicht in das Reich Gottes kommen.»
[ 24 ] Es ist schließlich doch immer das Reich Gottes, das man sucht. Aber wenn man nicht wird wie das Kind vor der Geschlechtsreife, kann man nicht in das Reich Gottes kommen. Man muß Kindhaftigkeit, Jugendhaftigkeit hineinbringen in sein totes Denken. Dadurch wird es lebendig, dadurch kommt es auch wieder zu Intuitionen. Man möchte sagen, wir lernen aus der Urweisheit des Kindlichen heraus sprechen. Aus einer solchen Sprachwissenschaft, wie sie zum Beispiel Fritz Mauthner geschrieben hat, werden eigentlich nicht nur die moralischen Intuitionen mundtot gemacht, da wird eigentlich schon das ganze Reden über die Welt mundtot gemacht. Man sollte aufhören, über die Welt zu reden, weil Mauthner nachweist, daß alles Reden über die Welt nur aus Worten besteht und Worte keine Wirklichkeit ausdrücken können.
[ 25 ] Ein solches Denken ist erst heraufgekommen seit dem ersten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts. Nur überlegen sich die Leute nicht, was das wäre, wenn unsere Worte und Begriffe nicht bloß etwas bedeuteten, sondern selbst etwas sein würden. Dann wären sie nämlich nicht durchsichtig, dann würden sie wie getrübte Linsen vor unseren Augen das Sinnliche verdecken, sie würden uns alle Aussicht in die Welt zudecken. Da wäre etwas Schönes aus dem Menschen geworden, wenn er Begriffe und Worte hätte, die für sich selber etwas bedeuten! Dann würde er in ihnen steckenbleiben. Begriffe und Worte müssen durchsichtig sein, damit er durch sie zu den Dingen kommt. Notwendig ist eben, wenn man schon will, daß alles Reden über die Realitäten mundtot gemacht sei, daß wir eine neue Sprache lernen.
[ 26 ] In dieser Form müssen wir wiederum in die Kindheit zurückgehen, indem wir eine neue Sprache lernen. Die Sprache, die wir lernen in den ersten Kinderjahren, sie wird allmählich, weil die toten intellektualistischen Begriffe hineindringen, ganz tot. Wir müssen sie wieder beleben. Wir müssen einen Einschlag finden in dasjenige, was wir denken, wie wir einen Einschlag gehabt haben, aus dem Unbewußten heraus, als wir sprechen lernten. Eine lebendige Wissenschaft müssen wir suchen. Wir müssen es natürlich finden, daß das Denken, das den Höhepunkt erreicht hat im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts, uns mundtot macht für die moralischen Intuitionen. Wir müssen lernen, den Mund aufzumachen, indem wir die Lippen bewegen lassen vom Geiste. Dann werden wir wieder zu Kindern werden, das heißt, wir werden Kindheit hineintragen in das spätere Alter. Und das müssen wir. Wenn irgendeine Jugendbewegung eine Wahrheit haben und nicht nur Phrase sein will, so ist sie notwendigerweise Sehnsucht nach Öffnen des menschlichen Mundes durch den Geist, Sehnsucht nach Belebung der menschlichen Sprache durch den Geist, der aus der menschlichen Individualität entspringt. Man sieht, wie zuerst aus der menschlichen Individualität herausgeholt werden müssen die individuellen moralischen Intuitionen, und man wird sehen, wie als letzte Konsequenz daraus dasjenige hervorgeht, was eine wirkliche Geisteswissenschaft ist, was alle Anthropologie zu einer Anthroposophie macht.
