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The Rudolf Steiner Archive

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Spiritual Forces Working in the Shared Lives
of the Older and Younger Generations
GA 217

8 October 1922, Stuttgart

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Sechster Vortrag

Sixth Lecture

[ 1 ] Sehr viele von Ihnen denken bei ihrem hiesigen Aufenthalt und bei aller Betätigung, die sie innerhalb dieses hiesigen Aufenthaltes jetzt entfalten wollen, vor allen Dingen an das Pädagogische; wohl nicht so sehr an das Schulpädagogische, wie man es gewöhnlich auffaßt, sondern an diePädagogik, die sich ergibt, wenn man bedenkt, daß in unserer Zeit mancher neue Einschlag in die Entwickelung der Menschheit hineinkommen muß, daß alles Verhalten der älteren Generation gegenüber der jüngeren einen anderen Charakter annehmen muß, worüber man sich Vorstellungen bilden, Empfindungen entwickeln will. Man faßt gewissermaßen den Grundcharakter des Zeitalters als etwas Pädagogisches auf.

[ 1 ] Many of you, in connection with your stay here and all the activities you now intend to undertake during this stay, are thinking first and foremost of education; not so much school pedagogy, as it is usually understood, but rather the pedagogy that arises when one considers that in our time some new direction must be introduced into the development of humanity, that the entire relationship of the older generation toward the younger must take on a different character—about which one wishes to form ideas and develop feelings. In a sense, one regards the fundamental character of the age as something pedagogical.

[ 2 ] Ich will damit nur einen Eindruck schildern, der, wie ich glaube, sich bei vielen von Ihnen bemerken läßt. Man darf ja, wenn man überhaupt in einer solchen Art auf sein Zeitalter hinsieht, nicht nur die Beziehung ins Auge fassen zwischen der Generation, die in voller Jugendlichkeit in das Jahrhundert hereingetreten ist, und der älteren Generation, die noch etwas herübergetragen hat von dem letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts, wie ich das in diesen Tagen charakterisiert habe, sondern man muß sich namentlich die Frage stellen: Wie wird man sich selber verhalten zu der Generation, die nachkommt und die ebenso wie die erste nach dem letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts nicht mehr so stehen kann zu dem Nichts, das sich da ergeben hat, wie die früheren Generationen es noch konnten? Die kommende Generation wird nicht einmal dasjenige in sich haben, was die Gegenwart der jüngsten Generation, aus einer gewissen Oppositionsstellung gegen das Ältere, gegeben hat: die Begeisterung, allerdings nach einem mehr oder weniger Unbestimmten, aber doch wenigstens eine Begeisterung. Was sich weiter in der Menschheit entwickelt, wird viel mehr den Charakter eines Verlangens, einer Sehnsucht von unbestimmter Art haben, als das der Fall war bei jenen, die sich aus einer gewissen Oppositionsstellung gegenüber dem Herkömmlichen heraus Begeisterung holen konnten.

[ 2 ] I simply wish to describe an impression that, I believe, many of you can relate to. After all, if one is to view one’s own era in this way at all, one must not merely consider the relationship between the generation that entered the century in the prime of its youth and the older generation, which still carried over something from the last third of the nineteenth century—as I have characterized it in recent days—but one must specifically ask oneself the question: How will we position ourselves in relation to the generation that is coming after us—a generation that, just like the first one after the last third of the nineteenth century, can no longer tolerate the void that has emerged there in the same way that earlier generations were still able to? The coming generation will not even possess within itself what the present youngest generation has had—arising from a certain stance of opposition to the older generation: enthusiasm, albeit for something more or less undefined, but at least enthusiasm nonetheless. What develops further in humanity will have much more the character of a desire, a longing of an indeterminate nature, than was the case with those who were able to draw enthusiasm from a certain position of opposition to the traditional.

[ 3 ] Und da wird es notwendig, noch tiefer als ich das schon getan habe, in die Menschenseele hineinzuschauen. Ich habe es ja schon etwas angedeutet, daß in der neuzeitlichen Entwickelung der Menschheit im Abendlande das Bewußtsein vom vorirdischen Seelendasein verlorengegangen ist. Wenn wir gerade diejenigen Vorstellungen nehmen, welche als religiöse der menschlichen Herzensentwickelung am nächsten stehen und die abgelaufenen Jahrhunderte der abendländischen Entwickelung ins Auge fassen, so müssen wir sagen: seit langem ist der Menschheit der Hinblick auf das Leben vor dem Herunterstieg in einen physischen Erdenleib verlorengegangen. Sie müssen sich für einen Augenblick eine Empfindung davon bilden, wie ungeheuer anders es ist, wenn man von dem Bewußtsein durchdrungen ist: mit dem Menschen ist etwas heruntergestiegen aus göttlich-geistigen Welten in den physischen Menschenleib hinein, hat sich mit dem physischen Menschenleib verbunden. Wenn man ein solches Bewußtsein ganz und gar nicht hat, so gibt das, vor allem dem heranwachsenden Kinde gegenüber, eine ganz verschiedene Empfindung.

[ 3 ] And this makes it necessary to look even more deeply into the human soul than I have already done. I have, after all, already hinted that in the modern development of humanity in the West, awareness of pre-earthly soul existence has been lost. If we take precisely those concepts that, as religious ideas, are closest to the development of the human heart and consider the past centuries of Western development, we must say: for a long time now, humanity has lost sight of life prior to the descent into a physical earthly body. You must try for a moment to form a sense of how immensely different it is when one is imbued with the awareness that something has descended with the human being from divine-spiritual worlds into the physical human body and has united itself with that physical body. If one lacks such an awareness entirely, this gives rise to a very different sense of things, especially in relation to the growing child.

[ 4 ] Hat man ein Bewußtsein davon, so enthüllt uns das heranwachsende Kind vom ersten Lebensatemzuge an oder sogar noch früher etwas, was sich aus der geistigen Welt heraus offenbart. Da enthüllt sich etwas von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahr. Das Kind, so angeschaut, wird zu einem Rätsel, dem sich der Mensch in einer ganz anderen Weise erschließt, als wenn er vermeint, nur der Entwickelung eines Wesens gegenüberzustehen, das mit der Geburt oder mit der Konzeption seinen Anfang genommen hat und das sich, wie man heute sagt, von diesem Ausgangspunkte, von diesem Keimausgangspunkte aus entwickelt.

[ 4 ] If we are aware of this, the growing child reveals to us—from its very first breath, or even earlier—something that manifests from the spiritual world. This revelation unfolds day by day, week by week, year by year. Viewed in this way, the child becomes a mystery that reveals itself to us in a completely different way than if we were to assume that we are merely observing the development of a being that began at birth or at conception and that, as people say today, develops from this starting point, from this embryonic beginning.

[ 5 ] Vielleicht verstehen wir uns noch besser, wenn ich Sie darauf aufmerksam mache, daß mit alledem die Grundempfindung zusammenhängt, die man dem Weltenrätsel gegenüber überhaupt hat. Sie wissen ja, daß in einer älteren Zeit diese Grundempfindung gegenüber dem Weltenrätsel mit dem paradigmatischen Wort ausgedrückt worden ist: «Mensch, erkenne dich selbst.» Es ist dieses Wort «Mensch, erkenne dich selbst» so ziemlich das einzige, welches auf das eigentliche Welträtsel in einer Art hindeutet, die gegenüber Einwänden standhält, die sich ergeben, wenn von einer Lösung des Weltenrätsels gesprochen wird. Ich will mich einmal in dieser Beziehung etwas paradox ausdrücken. Nehmen wir an, irgend jemand hätte etwas gefunden, was er eine Lösung des Weltenrätsels nennen kann. Was soll dann eigentlich die Menschheit von dem Zeitpunkte der Entwickelung an machen, wo dieses Welträtsel gelöst wäre? Sie würde alle Frische des Strebens verlieren, alle Lebendigkeit des Strebens würde ja aufhören! Es wäre eigentlich etwas außerordentlich Trostloses, sich sagen zu müssen, das Welträtsel sei erkenntnisgemäß gelöst, man brauche nur in dem einen oder anderen Buche nachzuschauen, da sei die Lösung gegeben.

[ 5 ] Perhaps we will understand each other even better if I point out to you that all of this is connected to the fundamental feeling one has toward the mystery of the world in general. As you know, in earlier times this fundamental sense of the mystery of the world was expressed by the paradigmatic phrase: “Man, know thyself.” This phrase, “Man, know thyself,” is pretty much the only one that points to the actual mystery of the world in a way that withstands the objections that arise when one speaks of a solution to the mystery of the world. Let me express myself somewhat paradoxically in this regard. Let’s suppose that someone had found something they could call a solution to the mystery of the world. What, then, would humanity actually do from the point in its development when this mystery of the world were solved? It would lose all the freshness of striving; all the vitality of striving would cease! It would actually be something extraordinarily bleak to have to tell oneself that the mystery of the world has been solved in terms of knowledge, that one need only look in one book or another, where the solution is given.

[ 6 ] Man kann eigentlich gar nicht einmal sagen, daß es nicht viele Menschen gäbe, die so über die Lösung des Weltenrätsels denken. Sie meinen, das Welträtsel sei eine Frage oder ein System von Fragen, das man mit Erklärungen oder Charakteristiken oder dergleichen beantworten müsse. Fühlen Sie aber das Ertötende einer solchen Anschauung! Man fühlt sich ja wirklich wie erstarrt bei dem Gedanken, da oder dort könnte es in diesem Sinne eine Lösung des Welträtsels geben, man könnte die Lösung des Welträtsels studieren. Das ist ein ganz furchtbarer, ein entsetzlicher Gedanke, demgegenüber alles Leben erfriert.

[ 6 ] One cannot really say that there aren’t many people who think this way about solving the riddle of the world. They believe that the riddle of the world is a question—or a system of questions—that must be answered with explanations, characteristics, or the like. But just feel the stifling nature of such a view! One truly feels as if frozen at the thought that, here or there, there might be a solution to the riddle of the world in this sense—that one could study the solution to the riddle of the world. This is a truly dreadful, a horrifying thought, in the face of which all life freezes.

[ 7 ] Aber was in dem Worte «Mensch, erkenne dich selbst» steckt, besagt etwas ganz anderes. Es besagt: Man sehe hin auf die Welt! Die Welt ist voller Rätsel, voller Geheimnisse, und jede geringste Regung im Menschen ist ein Hinweis auf die Geheimnisse des Kosmos im weitesten Sinne. — Man kann nun in aller Bestimmtheit darauf hinweisen, wo alle diese Rätsel gelöst sind, und für diesen Hinweis gibt es allerdings eine ganz kurze Formel. Man kann nämlich sagen: Alle Rätsel der Welt sind im Menschen gelöst — wieder im weitesten Umfange. Der Mensch selber, so wie er lebendig in der Welt herumläuft, ist die Lösung des Weltenrätsels! Man schaue in die Sonne und empfinde eines der Weltgeheimnisse. Man schaue in sich und wisse: die Lösung dieses Weltgeheimnisses liegt in dir selber. «Mensch, erkenne dich selber, und du erkennst die Welt.»

[ 7 ] But what lies behind the words “Man, know thyself” conveys something entirely different. It means: Look out at the world! The world is full of riddles, full of mysteries, and every slightest stirring within a human being is a clue to the mysteries of the cosmos in the broadest sense. — One can now point out with absolute certainty where all these riddles are solved, and there is indeed a very brief formula for this insight. One can say, in fact: All the riddles of the world are solved within the human being—again, in the broadest sense. The human being himself, as he walks about alive in the world, is the solution to the riddle of the world! Look at the sun and sense one of the world’s mysteries. Look within yourself and know: the solution to this mystery of the world lies within you. “Man, know thyself, and you will know the world.”

[ 8 ] Indem man aber die Formel so ausspricht, deutet man sogleich darauf hin, daß die Antwort nirgends abgeschlossen ist. Der Mensch ist zwar die Lösung des Weltenrätsels; aber um den Menschen selber kennenzulernen, hat man wieder ein Unendliches in voller Lebendigkeit vor sich, und da wird man nie fertig. Wir wissen, wir tragen die Lösung des Weltenrätsels in uns. Aber wir wissen auch, daß wir mit dem, was wir in uns suchen können, niemals fertig werden. Wir wissen aus einer solchen Formulierung nur, daß uns nicht irgendwelche abstrakte Fragen aus dem Weltall gegeben werden, die dann ebenso abstrakt beantwortet werden, sondern wir wissen, daß das ganze Weltall eine Frage und der Mensch eine Antwort ist, daß ertönt hat das Fragewesen des Weltalls von Urzeiten bis zur Gegenwart, daß ertönt hat aus Menschenherzen die Antwort dieser Weltenfragen, daß aber das Fragen weitertönen wird bis in unendlich ferne Zeiten hinein und daß die Menschen wieder lernen müssen, Antworten zu leben bis in eine unendlich ferne Zukunft hinein. Wir werden nicht in pedantisch breiter Weise auf etwas gewiesen, was in einem Buche stehen könnte, sondern wir werden auf den Menschen selber gewiesen. In dem Satz aber: «Mensch, erkenne dich selbst» tönt uns aus den alten Zeiten, in denen Schule, Kirche und Kunststätte in den Mysterien vereinigt waren, etwas herüber, das uns hinweist auf etwas, wo man nicht aus Formulierungen gelernt hat, sondern aus jenem zwar zu entziffernden, aber nur in unendlicher Tätigkeit zu entziffernden Buch über die Welt. Und dieses Buch über die Welt heißt «Mensch»!

[ 8 ] But by phrasing the formula in this way, one immediately suggests that the answer is nowhere complete. Human beings are indeed the solution to the riddle of the world; but in order to come to know human beings themselves, one is once again faced with an infinity teeming with life, and one will never be finished. We know that we carry the solution to the riddle of the universe within us. But we also know that we will never be done with what we can seek within ourselves. From such a formulation, we know only that we are not given some abstract questions from the universe that are then answered just as abstractly, but rather we know that the entire universe is a question and humanity is an answer; that the questioning nature of the universe has resounded from time immemorial to the present; that the answer to these cosmic questions has resounded from human hearts; but that the questioning will continue to resound into infinitely distant times, and that humanity must learn once again to live out answers into an infinitely distant future. We are not pointed, in a pedantically broad manner, toward something that might be written in a book, but rather we are pointed toward human beings themselves. Yet in the phrase: “Man, know thyself,” something resonates with us from ancient times—when school, church, and the arts were united in the mysteries—that points us toward a realm where one did not learn from formulations, but from that book about the world which, though it must be deciphered, can only be deciphered through endless activity. And this book about the world is called “Man”!

[ 9 ] Erfaßt man den Reichtum dessen, was ich gestern auseinanderzusetzen versuchte, dann findet man eben, daß durch eine solche Wendung der Erkenntnisempfindung, durch die Art, wie man sich zur Erkenntnis verhält, der Funke des Lebens selber in alles erkennende Wesen des Menschen hineinschlägt. Und das ist es, was man braucht.

[ 9 ] If one grasps the richness of what I attempted to explore yesterday, one finds that through such a shift in the perception of knowledge—through the way one relates to knowledge—the spark of life itself strikes into the human being’s entire cognitive being. And that is what one needs.

[ 10 ] Wenn man sich die sittliche Entwickelung der Menschheit bis zu dem Zeitpunkte, wo sie problematisch geworden war, also bis zum ersten Drittel des fünfzehnten Jahrhunderts, vor die Seele stellt, so findet man, daß die mannigfaltigsten Antriebe in dem Menschen notwendig waren, um dasjenige zu befolgen, was ich gestern als gottgegebene Gebote charakterisiert habe. Wenn wir diese Antriebe, die bei den verschiedensten Völkerschaften in den verschiedensten Zeitaltern herrschend waren, vor unsere Seele stellen, finden wir eine große Reihe von inneren Impulsen, die sich alle dadurch ausdrücken, daß sie aus gewissen Lebensvoraussetzungen heraus wie Instinkte orientiert waren. Wir können die interessantesten Studien darüber machen, wie aus der Familie, aus dem Stamm, aus der Geschlechtsneigung, aus der Notwendigkeit, in äußeren Verbänden zusammenzuleben, aus der Verfolgung des Eigennutzes und so weiter die Impulse entstehen, die alten sittlichen Intuitionen zu befolgen.

[ 10 ] If we consider the moral development of humanity up to the point at which it became problematic—that is, up to the first third of the fifteenth century—we find that the most diverse impulses were necessary within human beings in order to follow what I characterized yesterday as God-given commandments. When we consider these drives—which prevailed among the most diverse peoples in the most varied eras—we find a wide range of inner impulses, all of which are characterized by the fact that, arising from certain life circumstances, they were oriented like instincts. We can conduct the most interesting studies into how the impulses to follow ancient moral intuitions arise from the family, the tribe, sexual inclination, the necessity of living together in external communities, the pursuit of self-interest, and so on.

[ 11 ] Aber ebenso, wie die alten sittlichen Intuitionen sich in der geschichtlichen Entwickelung abgelebt haben, worauf wir gestern aufmerksam machen mußten, so haben alle diese Impulse auch für den einzelnen Menschen nicht mehr die impulsive Kraft, die sie einstmals hatten. Sie werden namentlich keine Kraft mehr haben, wenn diese selbsterarbeiteten sittlichen Intuitionen, von denen ich gestern gesprochen habe, nun wirklich im Menschen auftreten, wenn in der Weltentwickelung wirklich die einzelnen Individuen gewissermaßen aufgerufen werden, auf der einen Seite die moralischen Intuitionen in eigener Seelenarbeit selber zu finden, und auf der anderen Seite die innere Kraft, die Impulse zu erwecken, um diesen moralischen Intuitionen nachzuleben. Und da kommt man darauf, daß sich die alten sittlichen Impulse immer mehr und mehr verwandeln werden nach einer gewissen Richtung hin.

[ 11 ] But just as the old moral intuitions have become obsolete in the course of historical development—a point we had to emphasize yesterday—so, too, all these impulses no longer possess the driving force for the individual that they once had. In particular, they will no longer have any power once these self-developed moral intuitions—of which I spoke yesterday—actually arise within human beings, once the course of world history truly calls upon individual human beings, as it were, on the one hand to discover these moral intuitions for themselves through their own inner work, and on the other hand to find the inner strength to awaken the impulses necessary to live in accordance with these moral intuitions. And this leads one to the realization that the old moral impulses will increasingly transform themselves in a certain direction.

[ 12 ] Wir sehen heute, nur verkannt und mißverstanden von dem größten Teil der zivilisierten Menschheit, zwei der allerwichtigsten sittlichen Impulse heraufziehen. Sie ziehen herauf in den Untergründen des Seelischen. Will man sie interpretieren, so kommt man gewöhnlich auf die verkehrtesten Ideen. Will man sie praktisch machen, so weiß man gewöhnlich nicht viel mit ihnen anzufangen; aber sie ziehen herauf. Es sind, in bezug auf das Innere des Menschen: der Impuls der sittlichen Liebe, und in bezug auf den Verkehr unter den Menschen: der sittliche Impuls des Vertrauens von Mensch zu Mensch.

[ 12 ] Today we see two of the most important moral impulses emerging, though they are unrecognized and misunderstood by the vast majority of civilized humanity. They are emerging from the depths of the soul. If one attempts to interpret them, one usually arrives at the most erroneous ideas. If one tries to put them into practice, one usually does not know what to do with them; yet they are emerging. With regard to the inner life of the human being, they are: the impulse of moral love; and with regard to human interaction, they are: the moral impulse of trust between people.

[ 13 ] So, wie sittliche Liebe schon in der allernächsten Zukunft für alles sittliche Leben notwendig sein wird, war sie weder in der Stärke noch in der Art in der Vergangenheit notwendig. Gewiß, auch für die älteren Zeiten galt der Spruch: «Lust und Liebe sind die Fittiche zu großen Taten.» Aber wenn man wahr sein will und nicht phrasenhaft, so muß man sagen: Jene Lust und Liebe, die die Menschen befeuert haben, um dieses oder jenes zu tun, waren nur eine Metamorphose jener anderen Impulse, auf die ich vorhin hingewiesen habe. In Zukunft wird die reine große Liebe von innen heraus den Menschen beflügeln müssen zu dem, was Ausführung seiner sittlichen Intuitionen wird sein müssen; und diejenigen Menschen werden sich schwach und willenlos fühlen gegenüber den sittlichen Intuitionen, die nicht aus den Tiefen ihrer Seele heraus das Feuer der Liebe für das Sittliche entzünden, wenn ihnen durch ihre moralische Intuition die Tat, die geschehen soll, vor Augen steht.

[ 13 ] Just as moral love will be necessary for all moral life in the very near future, it was not necessary in the past—neither in intensity nor in nature. Certainly, the saying “Passion and love are the wings of great deeds” also applied in earlier times. But if one is to be truthful rather than merely rhetorical, one must say: That passion and love which spurred people to do this or that were merely a metamorphosis of those other impulses to which I referred earlier. In the future, pure, great love will have to inspire people from within to do what must be the fulfillment of their moral intuitions; and those who do not kindle the fire of love for morality from the depths of their souls—when their moral intuition presents them with the deed that must be done—will feel weak and lacking in will in the face of those moral intuitions.

[ 14 ] Sehen Sie, wie sich da die Zeiten spalten. Das sieht man am besten aus einer Gegenüberstellung dessen, was, ich möchte sagen, als das Atavistische der alten Zeit so vielfach in die Gegenwart herüberspielt, und was auf der anderen Seite wie ein erstes Morgenrot erst in uns lebt. Sie haben ja oftmals gehört von jenem schönen Wort, das Kant über die Pflicht niedergeschrieben hat: «Pflicht! Du erhabener großer Name, der du nichts Beliebtes, was Einschmeichelung bei sich führt, in dir fassest, sondern Unterwerfung verlangst», und so weiter. Es war das Stärkste, was man an Charakteristik der Pflicht geben kann, an Charakteristik derjenigen Impulse, die eben hervorgehen aus dem, was ich vorhergehend geschildert habe. Da steht der Inhalt der Pflicht als eine von außen gegebene moralische Intuition da, und da steht auf der anderen Seite der Mensch dieser moralischen Intuition so gegenüber, daß er sich ihr zu unterwerfen hat. Sittlich wird es empfunden, wenn der Mensch so sich unterwirft, daß von einem inneren Wohlgefallen an der Befolgung der Pflicht nichts zu merken ist, sondern lediglich das Eisige da ist: Ich muß der Pflicht folgen.

[ 14 ] See how the times are divided. This is best seen by contrasting what—I would say—the atavistic elements of the old era so often carry over into the present, with what, on the other hand, is just beginning to stir within us like the first light of dawn. You have surely often heard of that beautiful phrase Kant wrote about duty: “Duty! You sublime, great name, which contains nothing pleasing or flattering, but demands submission,” and so on. It was the most powerful characterization one could give of duty, of those impulses that arise precisely from what I have described previously. Here, the content of duty stands as a moral intuition imposed from without, and here, on the other hand, the human being faces this moral intuition in such a way that he must submit to it. It is perceived as moral when the human being submits in such a way that there is no trace of an inner satisfaction in fulfilling duty, but only the cold, stark reality: I must fulfill my duty.

[ 15] Sie wissen ja, daß Schiller schon diesem Kantschen Worte von der Pflicht entgegengesetzt hat: «Gerne dien’ ich den Freunden, doch tu’ ich es leider mit Neigung, und so wurmt es mir oft, daß ich nicht tugendhaft bin.» So hat Schiller in ironischer Weise auf diesen kategorischen Imperativ geantwortet.

[ 15] As you know, Schiller had already countered Kant’s notion of duty with these words: “I gladly serve my friends, but alas, I do so out of inclination, and so it often gnaws at me that I am not virtuous.” This is how Schiller responded ironically to this categorical imperative.

[ 16 ] Sehen Sie, diesem sogenannten kategorischen Imperativ, wie er aus alten Zeiten, aus alten sittlichen Impulsen herüberkommt, steht gegenüber die Forderung an die Menschheit, aus den Tiefen der Seele heraus gerade die Liebe zu dem, was Handlung, was Tat werden soll, mehr und mehr zu entfalten. Denn in der Zukunft würde der Menschheit noch so oft entgegentönen können: Unterwirf dich der Pflicht, demjenigen, was gar keineEinschmeichelung bei sich führt — es würde nicht helfen! Geradesowenig, wie man im Alter von sechzig Jahren Säuglingsallüren entwickeln kann, ebensowenig kann man in einem späteren Momente der Menschheitsentwickelung so leben, wie es einem früheren Zeitalter der Menschheit angemessen war. Es mag ja sein, daß einem das besser gefällt. Aber darauf kommt es nicht an, sondern es kommt auf dasjenige an, was innerhalb der Entwickelung der Menschheit nötig und möglich ist. Man hat einfach nicht die Möglichkeit, darüber zu diskutieren, ob man das, was Kant als Epigone ältester Zeiten mit diesem Satz gesagt hat, in die Zukunft herübertragen soll. Man kann es nicht herübertragen, weil die Menschheit sich darüber hinwegentwickelt hat und sich so entwickelt, daß das Handeln aus Liebe den Impuls abgeben muß für die Menschheit der Zukunft.

[ 16 ] You see, this so-called categorical imperative, as it has come down to us from ancient times, from ancient moral impulses, is countered by the demand that humanity, from the depths of the soul, increasingly develop love for that which is to become action, that which is to become a deed. For in the future, humanity might still so often hear the counter-call: “Submit to duty, to that which carries no flattery whatsoever”—but it would not help! Just as one cannot develop infantile mannerisms at the age of sixty, so too can one not, at a later stage of human development, live in a way that was appropriate for an earlier age of humanity. It may well be that one prefers it that way. But that is not the point; what matters is what is necessary and possible within the course of human development. There is simply no room to discuss whether what Kant—as an epigone of ancient times—said in this sentence should be carried over into the future. It cannot be carried over because humanity has moved beyond it and is developing in such a way that action out of love must provide the impetus for the humanity of the future.

[ 17 ] So also gewinnen wir auf der einen Seite die Anschauung eines ethischen Individualismus, auf der andern Seite aber die Notwendigkeit, diesen ethischen Individualismus getragen zu wissen von der Liebe, die sich ergibt aus der Anschauung der zu realisierenden Tat. Das ist nach dem Subjektiven des Menschen hin gesehen.

[ 17 ] Thus, on the one hand, we gain an understanding of ethical individualism, but on the other hand, we recognize the necessity of knowing that this ethical individualism is sustained by the love that arises from the vision of the action to be carried out. This is viewed from the perspective of the human subject.

[ 18 ] Nach dem äußeren Verkehr, dem sozialen Leben hin gesehen stellt sich die Sache so dar: Da kommen heute Leute, in denen rumort etwas jetzt allerdings nicht mehr durch eine fortlaufende Entwickelung der Menschheit, sondern durch allerlei äußerlich aufgenommene Meinungen — und die sagen: Ja, wenn man die Sittlichkeit auf die Individualität des Menschen begründen will, zerstört man das soziale Leben. Eine solche Behauptung hat aber gar keinen Inhalt; sie ist etwa ebenso gescheit, als wenn einer sagen wollte: Wenn es in Stuttgart im Laufe von drei Monaten so und so oft regnet, so zerstört die Natur diese oder jene Dinge auf dem Felde.— Man kann nichts Inhaltloseres sagen, wenn man sich einer gewissen Erkenntnisverantwortlichkeit bewußt ist. In Anbetracht der Tatsache, daß die Menschheit sich nach der Richtung des Individualismus hin entwickelt, hat es gar keinen Sinn zu sagen, mit dem ethischen Individualismus zerstöre man die Gesellschaft. Es handelt sich vielmehr darum, jene Kräfte aufzusuchen, mit denen die weitere Entwickelung der Menschheit vor sich gehen kann, weil dies notwendig ist für die Entwickelung des Menschen im Sinne des ethischen Individualismus, unter dem die Gesellschaft zusammengehalten und erst recht belebt werden kann.

[ 18 ] From the perspective of external interactions and social life, the situation presents itself as follows: Today there are people in whom something is stirring—though no longer as a result of humanity’s ongoing development, but rather through all sorts of opinions absorbed from the outside—and they say: “Yes, if one wants to base morality on the individuality of the human being, one destroys social life.” But such a claim has absolutely no substance; it is about as sensible as if someone were to say: “If it rains so-and-so many times in Stuttgart over the course of three months, then nature destroys this or that in the fields.” — One cannot say anything more devoid of substance if one is conscious of a certain responsibility for one’s understanding. In view of the fact that humanity is developing in the direction of individualism, it makes no sense at all to say that ethical individualism destroys society. Rather, the point is to seek out those forces through which the further development of humanity can proceed, because this is necessary for the development of the individual in the spirit of ethical individualism, under which society can be held together and, indeed, revitalized.

[ 19 ] Eine solche Kraft ist das Vertrauen, das Vertrauen von Mensch zu Mensch. Gerade so, wie wir appellieren müssen für die ethische Zukunft, wenn wir in unser eigenes Innere hineinsehen, an die Liebe, so müssen wir appellieren, wenn wir auf den Verkehr der Menschen untereinander sehen, an das Vertrauen. Wir müssen dem Menschen so begegnen, daß wir ihn als das Weltenrätsel selber empfinden, als das wandelnde Weltenrätsel. Dann werden wir schon vor jedem Menschen die Gefühle entwickeln lernen, die aus den allertiefsten Untergründen unserer Seele heraus das Vertrauen holen. Vertrauen in ganz konkretem Sinn, individuell, einzelgestaltet, ist das Schwerste, was aus der Menschenseele sich herausringt. Aber ohne eine Pädagogik, eine Kulturpädagogik, die auf Vertrauen hin orientiert ist, kommt die Zivilisation der Menschheit nicht weiter. Die Menschheit wird gegen die Zukunft hin auf der einen Seite die Notwendigkeit empfinden müssen, alles soziale Leben auf das Vertrauen aufzubauen, aber sich auf der anderen Seite auch bekannt machen müssen mit jener Tragik, die darinnen liegt, wenn in der Menschenseele gerade das Vertrauen nicht in der entsprechenden Weise Platz greifen kann.

[ 19 ] One such force is trust—trust between people. Just as we must appeal to love when we look within ourselves for an ethical future, so too must we appeal to trust when we look at how people interact with one another. We must approach people in such a way that we perceive them as the mystery of the world itself, as the walking mystery of the world. Then we will learn to develop, in the presence of every person, the feelings that draw trust from the very deepest recesses of our soul. Trust in a very concrete sense—individual, uniquely formed—is the hardest thing the human soul can bring forth. But without a pedagogy—a cultural pedagogy—oriented toward trust, human civilization cannot move forward. Looking toward the future, humanity will, on the one hand, have to recognize the necessity of building all social life upon trust, but on the other hand, it will also have to come to terms with the tragedy that lies in the fact that trust cannot take root in the human soul in the appropriate way.

[ 20 ] O meine lieben Freunde, was Menschen jemals auf dem Grunde ihrer Seele gefühlt haben, wenn sie enttäuscht worden sind von einem Menschen, auf den sie viel gebaut haben, alles das, was an solchen Gefühlen jemals im Laufe der Menschheitsentwickelung entfaltet worden ist, wird in Zukunft an Tragik noch überboten werden, wenn die Menschen, nachdem gerade das Vertrauensgefühl unendlich vertieft worden ist, in tragischer Weise Enttäuschungen an Menschen erleben werden. Das wird in der Zukunft das Bitterste im Leben werden, wenn man von Menschen wird enttäuscht werden. Es wird das Bitterste werden, nicht weil nicht auch bisher schon Menschen von Menschen enttäuscht worden sind, sondern weil in Zukunft die Empfindung der Menschen für Vertrauen und Enttäuschung sich in einer unermeßlichen Weise vertiefen wird, weil die Menschen unendlich viel bauen werden auf das, was in der Seele bewirkt wird aus dem Glück des Vertrauens auf der einen Seite und aus dem Schmerz des notwendigen Mißtrauens auf der anderen Seite. Ethische Impulse werden eben bis zu jenen Untergründen der Seele vordringen, wo sie unmittelbar aufsprießen aus dem Vertrauen von Mensch zu Mensch.

[ 20 ] Oh, my dear friends, whatever people have ever felt in the depths of their souls when they have been disappointed by someone on whom they had placed great trust, all the feelings of this kind that have ever unfolded in the course of human development will be surpassed in tragedy in the future, when people—precisely after their sense of trust has been infinitely deepened—will experience tragic disappointments at the hands of others. This will become the most bitter aspect of life in the future: being disappointed by others. It will become the most bitter experience, not because people have not already been disappointed by others in the past, but because in the future people’s sense of trust and disappointment will deepen immeasurably, because people will place infinite trust in what is brought about in the soul—on the one hand, by the joy of trust, and on the other, by the pain of necessary mistrust. Ethical impulses will penetrate right down to those depths of the soul where they spring directly from trust between people.

[ 21 ] So wie die Liebe die menschliche Hand, den menschlichen Arm befeuern wird, damit er aus dem Inneren heraus die Kraft zur Tat hat, so wird von außen die Atmosphäre des Vertrauens in uns strömen müssen, damit die’Tat den Weg von einem Menschen zum andern hin finde. Urständen wird müssen die Sittlichkeit der Zukunft in der aus den tiefsten Tiefen der Menschenseele frei gewordenen sittlichen Liebe, und das soziale Handeln der Zukunft wird eingetaucht sein müssen in das Vertrauen. Denn wenn menschliche Individualität der menschlichen Individualität in Sittlichkeit wird begegnen sollen, so wird vor allen Dingen notwendig sein diese Atmosphäre des Vertrauens.

[ 21 ] Just as love will inspire the human hand and arm, giving them the inner strength to act, so too must an atmosphere of trust flow into us from the outside so that action may find its way from one person to another. The morality of the future must be rooted in moral love set free from the deepest depths of the human soul, and the social action of the future must be steeped in trust. For if human individuality is to encounter human individuality in morality, this atmosphere of trust will be necessary above all else.

[ 22 ] So blicken wir auf eine Ethik, auf eine Moralanschauung der Zukunft, die wenig reden wird von demjenigen, was man immer als ethische Intuitionen alter Art charakterisiert hat, die aber stark reden wird davon, wie ein Mensch sich entwickeln muß von der Kindheit an, damit geweckt werde in ihm die Kraft der sittlichen Liebe. Und viel wird in der Zukunftspädagogik von Lehrenden und Erziehenden an die aufwachsende Generation überliefert werden müssen durch dasjenige, was in unausgesprochener Weise erzieherisch wirkt. Viel wird sich in Erziehung und Unterricht offenbaren müssen von jener Menschenerkenntnis, die nicht abstrakt aufzählt: Der Mensch besteht aus dem und dem, ist so und so —, sondern die in den anderen Menschen so hinüberführt, daß man zu ihm das richtige Vertrauen gewinnen kann.

[ 22 ] Thus, we look toward an ethics, a moral outlook for the future, that will say little about what has always been characterized as “old-fashioned ethical intuitions,” but will speak strongly about how a person must develop from childhood onward so that the power of moral love may be awakened within them. And in the pedagogy of the future, teachers and educators will have to impart much to the rising generation through that which has an educational effect in an unspoken way. Much will have to be revealed in education and instruction through that understanding of human nature which does not merely list abstract facts—such as “Human beings consist of this and that, are such and such”—but rather leads one to other people in such a way that one can gain genuine trust in them.

[ 23 ] Menschenkenntnis, aber nicht Menschenkenntnis, die uns den Mitmenschen gegenüber kalt macht, sondern die uns vertrauensvoll macht, muß der Grundnerv auch der Zukunftspädagogik werden. Denn es wird notwendig sein, auf eine neue Art ernst zu machen mit demjenigen, womit es einmal in der Menschheitsentwickelung ernst war, was aber nicht mehr ernst genommen wird im Zeitalter des Intellektualismus.

[ 23 ] An understanding of human nature—but not one that makes us indifferent toward our fellow human beings, rather one that fills us with trust—must become the cornerstone of future education as well. For it will be necessary to take seriously, in a new way, that which was once taken seriously in the development of humanity but is no longer taken seriously in the age of intellectualism.

[ 24 ] Selbst wenn Sie nur bis Griechenland zurückgehen, so werden Sie finden, daß zum Beispiel der Arzt sich in seiner ärztlichen Kunst außerordentlich verwandt fühlte mit dem Menschen, der einen priesterlichen Beruf ausübte, und die Priester fühlten sich in gewisser Weise verwandt mit dem Arzte. Etwas von solcher Gesinnung schimmert noch durch, wenn auch in etwas chaotischer Art, in der Persönlichkeit des Paracelsus, den man so wenig verstanden hat und heute noch so wenig versteht. Heute weist man der Sphäre des Religiösen jene abstrakte Unterweisung der Menschheit zu, in der eigentlich nur Anweisungen erteilt werden, die aus dem realen Leben herausführen; denn in der religiösen Unterweisung spricht man zu den Menschen über das, was der Mensch ist, wenn er keinen Leib hat und dergleichen, in einer ungemein lebensfremden Weise. Demgegenüber steht der andere Zivilisationspol, indem alles andere, was diese Zivilisation hervorbringt, möglichst weit von dem Religiösen abgerückt wird.

[ 24 ] Even if you go back only as far as Greece, you will find that, for example, the physician felt an extraordinary kinship in his medical art with the man who practiced a priestly vocation, and the priests felt, in a certain sense, a kinship with the physician. A glimmer of this mindset still shines through, albeit in a somewhat chaotic manner, in the personality of Paracelsus, who was so little understood then and is still so little understood today. Today, the sphere of religion is assigned that abstract instruction of humanity in which, in fact, only instructions are given that lead away from real life; for in religious instruction, people are spoken to about what a human being is when he has no body and the like, in a manner that is utterly alien to life. In contrast, there is the other pole of civilization, in which everything else that this civilization produces is distanced as far as possible from the religious.

[ 25 ] Wer sieht denn zum Beispiel heute noch im Kurieren, im Heilen eine religiöse Handlung, eine Handlung, bei der das Durchdrungensein mit Geistigkeit eine Rolle spielt? Paracelsus hat das noch gespürt. Für ihn setzte sich das Religiöse noch bis in die Heilwissenschaft hinein fort. Ein Zweig des Religiösen war für ihn die Heilwissenschaft. Das war in alten Zeiten so. Da war der Mensch noch ein Ganzes, weil dasjenige, was er im Dienste der Menschheit zu tun hatte, von religiösen Impulsen durchdrungen war. Wir müssen — allerdings auf eine andere Art: durch selbsterarbeitete, nicht gottgegebene moralische Intuitionen — wiederum dazu kommen, daß alles Leben von diesem religiösen Zug durchdrungen wird. Das aber wird zu allererst auf dem Gebiete der Erziehung und des Unterrichts sichtbar sein müssen. Vertrauen von Mensch zu Mensch — das ist die große Zukunftsforderung — muß das soziale Leben durchziehen.

[ 25 ] Who, for example, still sees healing and curing today as a religious act—an act in which being imbued with spirituality plays a role? Paracelsus still sensed this. For him, the religious aspect extended right into the science of healing. For him, the science of healing was a branch of religion. That was the case in ancient times. Back then, the human being was still a whole, because what he had to do in the service of humanity was imbued with religious impulses. We must—albeit in a different way: through moral intuitions we have developed ourselves, not those given by God—once again arrive at a state where all of life is permeated by this religious impulse. But this will first and foremost have to become evident in the realm of education and instruction. Trust from person to person—that is the great challenge of the future—must permeate social life.

[ 26 ] Wenn wir uns fragen: Was benötigst du am meisten, wenn du in Zukunft ein sittlicher Mensch sein willst? so können wir nur die Antwort geben: Menschenvertrauen mußt du haben. — Wenn nun das Kind in die Welt hereintritt, das heißt, wenn der Mensch aus dem vorirdischen Dasein kommt und mit seinem physischen Leib sich vereint, um diesen auf der Erde zwischen Geburt und Tod als Werkzeug zu gebrauchen, wenn der Mensch, uns so deutlich sein Seelisches offenbarend, als Kind uns entgegentritt, wie ist dann das, was wir ihm entgegenbringen müssen als Menschenvertrauen? So gewiß auf der einen Seite das Kind schon bei der ersten Regung auf Erden ein Mensch ist, so gewiß ist das, was wir ihm als Menschenvertrauen entgegenbringen, doch noch etwas anderes als dasjenige, was wir etwa gleichaltrigen Menschen entgegenbringen. Wenn wir ihm als Erzieher oder als Angehöriger der älteren Generation entgegentreten, so verwandelt sich das Menschenvertrauen in einer gewissen Weise. Das Kind tritt ins irdische Dasein aus einem seelisch-geistigen vorirdischen Dasein. Aber das, worauf wir hinschauen, was sich auf eine befriedigende Art von Tag zu Tag aus der Welt des Seelisch-Geistigen in der Durchdringung des Physischen offenbart, ist doch das Walten dessen — wenn wir den Ausdruck im richtigen modernen Sinne gebrauchen —, was wir das Göttliche nennen können.

[ 26 ] If we ask ourselves, “What do you need most if you want to be a moral person in the future?” we can only answer: You must have trust in people. — When a child enters the world—that is, when a human being emerges from pre-earthly existence and unites with their physical body in order to use it as an instrument on Earth between birth and death—when a human being, revealing their soul so clearly to us, approaches us as a child, what, then, is it that we must offer them in the form of trust in humanity? Just as certainly as the child is already a human being from the very first stirrings on Earth, so certainly what we offer the child as trust in humanity is still something different from what we offer to people of the same age. When we approach the child as educators or as members of the older generation, this trust in humanity is transformed in a certain way. The child enters earthly existence from a pre-earthly soul-spiritual existence. But what we observe—what reveals itself in a satisfying way from day to day from the world of the soul-spiritual as it permeates the physical—is, after all, the working of that which—if we use the term in its proper modern sense—we may call the Divine.

[ 27 ] Wir brauchen wieder das Göttliche, durch das der Mensch aus dem vorirdischen Dasein hineingeführt worden ist in die Gegenwart, wie er im irdischen Dasein durch seine irdische Leiblichkeit weitergeführt wird. Indem wir in der Sphäre des Sittlichen sprechen von Menschenvertrauen, müssen wir es, sobald wir von demjenigen Sittlichen sprechen, das Erziehung und Unterricht darstellen, spezialisieren und sagen: dem Kinde, das uns die göttlich-geistigen Kräfte heruntergeschickt haben, dem wir als diejenigen gegenüberstehen, die die Rätsellöser sein sollen, stehen wir gegenüber mit Gottvertrauen. Ja, dem Kinde gegenüber verwandelt sich das Menschenvertrauen sogar in Gottvertrauen. Und in der zukünftigen Entwickelung der Menschheit wird dasjenige, was, ich möchte sagen, auf eine mehr neutralisierte Art von Mensch zu Mensch wirkt, von selbst eine religiöse Nuance annehmen, wenn es sich auf das Kind oder überhaupt auf die jüngeren Menschen bezieht, die erst noch in ihrer Entwickelung in die Welt hereingeleitet werden sollen. Da sehen wir, wie unmittelbar im irdischen Dasein die Sittlichkeit zurückverwandelt wird in eine Religiosität, die sich im gewöhnlichen Leben auslebt. Wir können mit Recht davon sprechen, daß in alten Zeiten alles sittliche Leben nur ein Spezialfall des religiösen Lebens ist, da eigentlich in den religiösen Geboten zu gleicher Zeit die sittlichen Gebote mit gegeben waren.

[ 27 ] We need the Divine once again—the Divine through which human beings were guided from their pre-earthly existence into the present, just as they are guided forward in their earthly existence through their earthly physicality. When we speak of trust in humanity within the sphere of morality, we must—as soon as we speak of that aspect of morality represented by education and instruction—narrow the focus and say: we face the child, whom the divine-spiritual forces have sent down to us, and to whom we stand as those who are to be the solvers of mysteries, with trust in God. Indeed, in the presence of the child, trust in humanity is even transformed into trust in God. And in the future development of humanity, what—I would say—operates in a more neutral manner from person to person will of its own accord take on a religious nuance when it relates to the child or, more generally, to younger people who are yet to be guided into the world in their development. Here we see how, in earthly existence, morality is directly transformed back into a religiosity that finds its expression in everyday life. We can rightly say that in ancient times, all moral life was merely a special case of religious life, since the moral commandments were, in fact, given at the same time as the religious commandments.

[ 28 ] Mit solchen Dingen ist die Menschheit durch das Zeitalter der Abstraktion hindurchgegangen. Jetzt muß sie aber wieder eintreten in das Zeitalter der Konkretheit. Jetzt muß sie wieder in einem bestimmten Punkte spüren, wie das Sittliche zum Religiösen wird. Und zu einem Religiösen in einem modernen Sinne werden in Zukunft sich diejenigen sittlichen Taten gestalten müssen, die die unterrichtenden und erzieherischen sittlichen Taten sind. Denn die Pädagogik, meine lieben Freunde, ist nicht eine bloß technische Kunst. Die Pädagogik ist im wesentlichen auch ein Spezialkapitel des sittlichen Handelns des Menschen. Nur derjenige, welcher innerhalb der Sittlichkeit, innerhalb der Ethik die Pädagogik findet, findet sie auf die rechte Weise.

[ 28 ] Humanity has passed through the age of abstraction with such things. Now, however, it must re-enter the age of concreteness. Now it must once again experience, at a specific point, how the moral becomes the religious. And in the future, those moral acts that are acts of instruction and education will have to take on a religious character in the modern sense. For pedagogy, my dear friends, is not merely a technical art. Pedagogy is, in essence, also a special chapter of human moral action. Only those who find pedagogy within morality, within ethics, find it in the right way.

[ 29 ] Was ich hier als eine besondere religiöse Nuance der Sittlichkeit schilderte, bekommt im Grunde genommen die richtige Färbung dadurch, daß man sich sagt: In rätselvoller Art stellt sich das Leben vor uns hin. Die Lösung des Rätsels finden wir, wenn wir die Antwort im Wesen des Menschen suchen. — Da liegt sie auch. Aber der Erzieher ist vor die Notwendigkeit gestellt, an der Lösung dieses Rätsels in lebensvoller Art fortwährend zu arbeiten. Wenn man so empfinden lernt, wie man im Erziehen und Unterrichten fortwährend an der Lösung des Welträtsels arbeitet, dann stellt man sich ganz anders in die Welt herein, als wenn man bloß in seinem Kopfe allerlei Lösungen des Welträtsels sucht.

[ 29 ] What I have described here as a particular religious nuance of morality essentially takes on its proper hue when we tell ourselves: Life presents itself to us in an enigmatic way. We find the solution to this enigma when we seek the answer in the nature of human beings. — That is indeed where it lies. But the educator is faced with the necessity of continually working toward the solution of this mystery in a way that is full of life. When one learns to feel that, through education and teaching, one is continually working toward the solution of the mystery of the world, then one enters the world in a completely different way than when one merely searches in one’s own mind for all sorts of solutions to the mystery of the world.

[ 30 ] Um was es sich bei jener Empfindung von Pädagogik, mit der Sie vielleicht hierher gekommen sind, handelt, das ist, daß Sie diesen besonderen Charakter der Pädagogik als Empfindung mit hinwegtragen in die Welt. Diese Empfindung wird Sie so in die Welt hineinstellen können, daß Sie nicht nur auf die eine Seite schauen und fragen werden: Welche Tragik hat sich für die Jugend ergeben, die sich an die Alten anschließen mußte? — Sondern Sie werden auch, in die Zukunft blickend, fragen: Welche lebendigen Kräfte muß ich in mir aufschließen, damit ich richtig auf diejenigen hinsehen kann, die nachkommen? — Denn die werden wieder zurücksehen auf diejenigen, die schon da waren. Alles, was in irgendeiner Form Jugendbewegung ist, wenn es mit voller Verantwortlichkeit hineinsieht in das Leben, muß einen Januskopf haben, muß nicht nur hinschauen können auf die Forderungen, die man gegenüber den Älteren hat, sondern muß auch hinschauen können auf die noch unbestimmten Forderungen, die mit Riesengewalt an uns heranstürmen, welche die kommende Jugend an uns stellen wird. Nicht nur Opposition gegen die Alten machen, sondern auch schöpferisch nach vorne blicken: das ist das richtige Geleitwort für wahre Jugendbewegung. Die Opposition mag zunächst ein Antrieb zur Begeisterung gewesen sein. Wirkenskraft wird nur geben der Wille zum Schaffen, zum schöpferischen Gestalten innerhalb der jetzigen Menschheitsentwickelung.

[ 30 ] The essence of that sense of pedagogy with which you may have come here is that you carry this particular character of pedagogy—as a sense—out into the world with you. This sense will enable you to position yourself in the world in such a way that you will not merely look at one side and ask: What tragedy has befallen the youth who had to follow in the footsteps of their elders? — But you will also, looking toward the future, ask: What vital forces must I awaken within myself so that I can properly look toward those who will come after me? — For they, in turn, will look back upon those who came before them. Anything that constitutes a youth movement in any form, if it looks into life with full responsibility, must have a Janus-like duality; it must not only be able to look at the demands we have of our elders, but must also be able to look at the as-yet-undefined demands that are rushing toward us with immense force—demands that the coming generation will place upon us. Not merely opposing the older generation, but also looking creatively toward the future: that is the true motto for a genuine youth movement. Opposition may initially have been a catalyst for enthusiasm. But the driving force will come only from the will to create, to shape the future creatively within the current course of human development.