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Spiritual Forces Working in the Shared Lives
of the Older and Younger Generations
GA 217

8 October 1922, Stuttgart

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Sechster Vortrag

Lecture VI

[ 1 ] Sehr viele von Ihnen denken bei ihrem hiesigen Aufenthalt und bei aller Betätigung, die sie innerhalb dieses hiesigen Aufenthaltes jetzt entfalten wollen, vor allen Dingen an das Pädagogische; wohl nicht so sehr an das Schulpädagogische, wie man es gewöhnlich auffaßt, sondern an diePädagogik, die sich ergibt, wenn man bedenkt, daß in unserer Zeit mancher neue Einschlag in die Entwickelung der Menschheit hineinkommen muß, daß alles Verhalten der älteren Generation gegenüber der jüngeren einen anderen Charakter annehmen muß, worüber man sich Vorstellungen bilden, Empfindungen entwickeln will. Man faßt gewissermaßen den Grundcharakter des Zeitalters als etwas Pädagogisches auf.

[ 1 ] In the ways you want to be active during your stay here, many of you are thinking above all about the question of education. Not so much, perhaps, about education in the sense of ordinary school pedagogy but because we are living in an age when many new impulses must come into the evolution of mankind. There is a tendency to think that the attitude of the older towards the younger generation must assume a different character, and thence comes the thought of education. The fundamental character of the age is considered as having to do with education.

[ 2 ] Ich will damit nur einen Eindruck schildern, der, wie ich glaube, sich bei vielen von Ihnen bemerken läßt. Man darf ja, wenn man überhaupt in einer solchen Art auf sein Zeitalter hinsieht, nicht nur die Beziehung ins Auge fassen zwischen der Generation, die in voller Jugendlichkeit in das Jahrhundert hereingetreten ist, und der älteren Generation, die noch etwas herübergetragen hat von dem letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts, wie ich das in diesen Tagen charakterisiert habe, sondern man muß sich namentlich die Frage stellen: Wie wird man sich selber verhalten zu der Generation, die nachkommt und die ebenso wie die erste nach dem letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts nicht mehr so stehen kann zu dem Nichts, das sich da ergeben hat, wie die früheren Generationen es noch konnten? Die kommende Generation wird nicht einmal dasjenige in sich haben, was die Gegenwart der jüngsten Generation, aus einer gewissen Oppositionsstellung gegen das Ältere, gegeben hat: die Begeisterung, allerdings nach einem mehr oder weniger Unbestimmten, aber doch wenigstens eine Begeisterung. Was sich weiter in der Menschheit entwickelt, wird viel mehr den Charakter eines Verlangens, einer Sehnsucht von unbestimmter Art haben, als das der Fall war bei jenen, die sich aus einer gewissen Oppositionsstellung gegenüber dem Herkömmlichen heraus Begeisterung holen konnten.

[ 2 ] In saying this I want to describe an impression which, I believe, may be noticed in many of you. It seems to me important that when anyone looks at his epoch, he should not only bear in mind the generation now young, entering the century in full youth, and its relation to the older generation that has, in the way I have described, carried over something from the last third of the nineteenth century, but one must also consider: What will be the attitude of this young generation towards the coming generation, to the generation which cannot, as the first, after the last third of the nineteenth century, maintain the same attitude to Nothingness that I have described? For the coming generation will not have what the present age has given to the younger generation through opposition towards their elders, namely enthusiasm—more or less indefinite, but nevertheless enthusiasm. What will further evolve will have much more the character of a longing, of an undefined yearning, than was the case among those who derived their enthusiasm from a mood of opposition against the traditional.

[ 3 ] Und da wird es notwendig, noch tiefer als ich das schon getan habe, in die Menschenseele hineinzuschauen. Ich habe es ja schon etwas angedeutet, daß in der neuzeitlichen Entwickelung der Menschheit im Abendlande das Bewußtsein vom vorirdischen Seelendasein verlorengegangen ist. Wenn wir gerade diejenigen Vorstellungen nehmen, welche als religiöse der menschlichen Herzensentwickelung am nächsten stehen und die abgelaufenen Jahrhunderte der abendländischen Entwickelung ins Auge fassen, so müssen wir sagen: seit langem ist der Menschheit der Hinblick auf das Leben vor dem Herunterstieg in einen physischen Erdenleib verlorengegangen. Sie müssen sich für einen Augenblick eine Empfindung davon bilden, wie ungeheuer anders es ist, wenn man von dem Bewußtsein durchdrungen ist: mit dem Menschen ist etwas heruntergestiegen aus göttlich-geistigen Welten in den physischen Menschenleib hinein, hat sich mit dem physischen Menschenleib verbunden. Wenn man ein solches Bewußtsein ganz und gar nicht hat, so gibt das, vor allem dem heranwachsenden Kinde gegenüber, eine ganz verschiedene Empfindung.

[ 3 ] And here we must look still more deeply into the human soul than I have done up to now. I have already shown that in the evolution in the West, consciousness of the pre-earthly existence of the soul has been lost. If we take the religious conceptions which are closest to the development of the human heart in the West during the past centuries, we can but say: For a long time existence before the descent into a physical earthly body has been lost to man's sight. Form an idea of how utterly different it is when one is permeated with the consciousness that something has come down from divine-spiritual worlds into the physical human body, has united itself with the physical human body. If nothing of this consciousness exists there is quite a different feeling, especially about the growing child.

[ 4 ] Hat man ein Bewußtsein davon, so enthüllt uns das heranwachsende Kind vom ersten Lebensatemzuge an oder sogar noch früher etwas, was sich aus der geistigen Welt heraus offenbart. Da enthüllt sich etwas von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahr. Das Kind, so angeschaut, wird zu einem Rätsel, dem sich der Mensch in einer ganz anderen Weise erschließt, als wenn er vermeint, nur der Entwickelung eines Wesens gegenüberzustehen, das mit der Geburt oder mit der Konzeption seinen Anfang genommen hat und das sich, wie man heute sagt, von diesem Ausgangspunkte, von diesem Keimausgangspunkte aus entwickelt.

[ 4 ] The growing child, when looked at with this consciousness, reveals from its very first breath, or even before, what is being manifested by the spiritual world. Something is revealed from day to day, from week to week, from year to year. Observed in this way, the child becomes a riddle which one approaches in quite a different way from what is possible when one thinks one is confronting a being whose existence begins with birth or conception, and who, as is said nowadays, develops from this starting point, from this point of germination.

[ 5 ] Vielleicht verstehen wir uns noch besser, wenn ich Sie darauf aufmerksam mache, daß mit alledem die Grundempfindung zusammenhängt, die man dem Weltenrätsel gegenüber überhaupt hat. Sie wissen ja, daß in einer älteren Zeit diese Grundempfindung gegenüber dem Weltenrätsel mit dem paradigmatischen Wort ausgedrückt worden ist: «Mensch, erkenne dich selbst.» Es ist dieses Wort «Mensch, erkenne dich selbst» so ziemlich das einzige, welches auf das eigentliche Welträtsel in einer Art hindeutet, die gegenüber Einwänden standhält, die sich ergeben, wenn von einer Lösung des Weltenrätsels gesprochen wird. Ich will mich einmal in dieser Beziehung etwas paradox ausdrücken. Nehmen wir an, irgend jemand hätte etwas gefunden, was er eine Lösung des Weltenrätsels nennen kann. Was soll dann eigentlich die Menschheit von dem Zeitpunkte der Entwickelung an machen, wo dieses Welträtsel gelöst wäre? Sie würde alle Frische des Strebens verlieren, alle Lebendigkeit des Strebens würde ja aufhören! Es wäre eigentlich etwas außerordentlich Trostloses, sich sagen zu müssen, das Welträtsel sei erkenntnisgemäß gelöst, man brauche nur in dem einen oder anderen Buche nachzuschauen, da sei die Lösung gegeben.

[ 5 ] We shall understand one another still better if I call to your attention how with this there is connected the keynote of the riddle of the whole world. You know that in former days this fundamental feeling about the world-riddle was expressed in the paradigm: “Man, know thyself!” This saying, “Man, know thyself” is about the only saying which can hold its own against the objections always arising when a solution of the world-riddle is broached. Now I will say something rather paradoxical. Suppose somebody found what he might call the solution of the world-riddle. What would there remain to do after the moment when this world-riddle was solved? Man would lose all freshness of spontaneous striving; all livingness in striving would cease. It would indeed be comfortless to have to admit that the world-riddle has been solved by means of a cognitional method. All that is necessary is to look in some book or other; there the solution is given.

[ 6 ] Man kann eigentlich gar nicht einmal sagen, daß es nicht viele Menschen gäbe, die so über die Lösung des Weltenrätsels denken. Sie meinen, das Welträtsel sei eine Frage oder ein System von Fragen, das man mit Erklärungen oder Charakteristiken oder dergleichen beantworten müsse. Fühlen Sie aber das Ertötende einer solchen Anschauung! Man fühlt sich ja wirklich wie erstarrt bei dem Gedanken, da oder dort könnte es in diesem Sinne eine Lösung des Welträtsels geben, man könnte die Lösung des Welträtsels studieren. Das ist ein ganz furchtbarer, ein entsetzlicher Gedanke, demgegenüber alles Leben erfriert.

[ 6 ] A great many people think thus about the solution of the world-riddle. They consider the world-riddle a system of questions that must be answered by explanations or something of the kind. One feels benumbed at the thought that a solution of the world-riddle could somewhere be given in this way, that the solution could actually be studied! It is a terrible, a horrible thought; all life is frozen by it.

[ 7 ] Aber was in dem Worte «Mensch, erkenne dich selbst» steckt, besagt etwas ganz anderes. Es besagt: Man sehe hin auf die Welt! Die Welt ist voller Rätsel, voller Geheimnisse, und jede geringste Regung im Menschen ist ein Hinweis auf die Geheimnisse des Kosmos im weitesten Sinne. — Man kann nun in aller Bestimmtheit darauf hinweisen, wo alle diese Rätsel gelöst sind, und für diesen Hinweis gibt es allerdings eine ganz kurze Formel. Man kann nämlich sagen: Alle Rätsel der Welt sind im Menschen gelöst — wieder im weitesten Umfange. Der Mensch selber, so wie er lebendig in der Welt herumläuft, ist die Lösung des Weltenrätsels! Man schaue in die Sonne und empfinde eines der Weltgeheimnisse. Man schaue in sich und wisse: die Lösung dieses Weltgeheimnisses liegt in dir selber. «Mensch, erkenne dich selber, und du erkennst die Welt.»

[ 7 ] But what lies in the words “Man, know thyself!” expresses something quite different. It really says: Man! look around you at the world; the world is full of riddles, full of mystery, and man's slightest movement points in the widest sense to cosmic mysteries.—Now one can indicate precisely where all these riddles are solved. There is quite a short formula for the indication. We can say: All the riddles of the world are solved in man—again in the very widest sense. Man himself, moving as a living being through the world—he is the solution of the world-riddle! Let him gaze at the sun and experience one of the cosmic mysteries. Let him look into his own being and know: Within thyself lies the solution of this cosmic mystery. “Man, know thyself and thou knowest the world I.”

[ 8 ] Indem man aber die Formel so ausspricht, deutet man sogleich darauf hin, daß die Antwort nirgends abgeschlossen ist. Der Mensch ist zwar die Lösung des Weltenrätsels; aber um den Menschen selber kennenzulernen, hat man wieder ein Unendliches in voller Lebendigkeit vor sich, und da wird man nie fertig. Wir wissen, wir tragen die Lösung des Weltenrätsels in uns. Aber wir wissen auch, daß wir mit dem, was wir in uns suchen können, niemals fertig werden. Wir wissen aus einer solchen Formulierung nur, daß uns nicht irgendwelche abstrakte Fragen aus dem Weltall gegeben werden, die dann ebenso abstrakt beantwortet werden, sondern wir wissen, daß das ganze Weltall eine Frage und der Mensch eine Antwort ist, daß ertönt hat das Fragewesen des Weltalls von Urzeiten bis zur Gegenwart, daß ertönt hat aus Menschenherzen die Antwort dieser Weltenfragen, daß aber das Fragen weitertönen wird bis in unendlich ferne Zeiten hinein und daß die Menschen wieder lernen müssen, Antworten zu leben bis in eine unendlich ferne Zukunft hinein. Wir werden nicht in pedantisch breiter Weise auf etwas gewiesen, was in einem Buche stehen könnte, sondern wir werden auf den Menschen selber gewiesen. In dem Satz aber: «Mensch, erkenne dich selbst» tönt uns aus den alten Zeiten, in denen Schule, Kirche und Kunststätte in den Mysterien vereinigt waren, etwas herüber, das uns hinweist auf etwas, wo man nicht aus Formulierungen gelernt hat, sondern aus jenem zwar zu entziffernden, aber nur in unendlicher Tätigkeit zu entziffernden Buch über die Welt. Und dieses Buch über die Welt heißt «Mensch»!

[ 8 ] But this way of expressing the formula is an intimation that no answer is final. Man is the solution of the world-riddle but to know the human being, we have what is infinite before us and so imbued with life that we never reach an end. We know that we bear the solution of the world-riddle within ourselves. But we know too that we shall never come to an end of what there is to search for in ourselves. From such a formula we only know that we are not given out of the universe abstract questions to be answered in an abstract way, but that the whole universe is a question and the human being an answer. We know that the question of the nature of the universe has resounded from times primeval until today, that the answer to these world-questions has resounded from human hearts, but that the questioning will go on resounding endlessly, that human beings must continue on into the distant future to learn to live their answer. We are not directed in a pedantic way to what might be found in a book but to the human being himself. Yet in the sentence, “Man, know thyself!” there sounds over to us from ancient times when school, church and centers of art were all united in the Mysteries, something which points to what has not been learnt from formulae, but from that book about the world which can be deciphered, but deciphered only through endless activity. And the name of this book about the world is “Man.”

[ 9 ] Erfaßt man den Reichtum dessen, was ich gestern auseinanderzusetzen versuchte, dann findet man eben, daß durch eine solche Wendung der Erkenntnisempfindung, durch die Art, wie man sich zur Erkenntnis verhält, der Funke des Lebens selber in alles erkennende Wesen des Menschen hineinschlägt. Und das ist es, was man braucht.

[ 9 ] If the full import of what I put before you yesterday is grasped, through such a change in the experiencing of knowledge, through the attitude we have to knowledge, the spark of life will strike into the whole nature of man. And that is what is needed.

[ 10 ] Wenn man sich die sittliche Entwickelung der Menschheit bis zu dem Zeitpunkte, wo sie problematisch geworden war, also bis zum ersten Drittel des fünfzehnten Jahrhunderts, vor die Seele stellt, so findet man, daß die mannigfaltigsten Antriebe in dem Menschen notwendig waren, um dasjenige zu befolgen, was ich gestern als gottgegebene Gebote charakterisiert habe. Wenn wir diese Antriebe, die bei den verschiedensten Völkerschaften in den verschiedensten Zeitaltern herrschend waren, vor unsere Seele stellen, finden wir eine große Reihe von inneren Impulsen, die sich alle dadurch ausdrücken, daß sie aus gewissen Lebensvoraussetzungen heraus wie Instinkte orientiert waren. Wir können die interessantesten Studien darüber machen, wie aus der Familie, aus dem Stamm, aus der Geschlechtsneigung, aus der Notwendigkeit, in äußeren Verbänden zusammenzuleben, aus der Verfolgung des Eigennutzes und so weiter die Impulse entstehen, die alten sittlichen Intuitionen zu befolgen.

[ 10 ] If we picture the moral evolution of man up to the time when it became problematic, up to the first third of the fifteenth century, we find that the most diverse impulses were necessary to follow what I characterized yesterday as God-given commandments. When we imagine the driving forces prevalent among various peoples in different epochs, we find a great range of inner impulses arising like instincts, depending on particular conditions of life. One could make an interesting study of how these impulses to obey the old moral intuitions originate, how they grow out of the family, out of the racial stock, out of man's inclination towards the other sex, out of the necessity to live together in communities, out of man's pursuit of his own advantage.

[ 11 ] Aber ebenso, wie die alten sittlichen Intuitionen sich in der geschichtlichen Entwickelung abgelebt haben, worauf wir gestern aufmerksam machen mußten, so haben alle diese Impulse auch für den einzelnen Menschen nicht mehr die impulsive Kraft, die sie einstmals hatten. Sie werden namentlich keine Kraft mehr haben, wenn diese selbsterarbeiteten sittlichen Intuitionen, von denen ich gestern gesprochen habe, nun wirklich im Menschen auftreten, wenn in der Weltentwickelung wirklich die einzelnen Individuen gewissermaßen aufgerufen werden, auf der einen Seite die moralischen Intuitionen in eigener Seelenarbeit selber zu finden, und auf der anderen Seite die innere Kraft, die Impulse zu erwecken, um diesen moralischen Intuitionen nachzuleben. Und da kommt man darauf, daß sich die alten sittlichen Impulse immer mehr und mehr verwandeln werden nach einer gewissen Richtung hin.

[ 11 ] But in the same way as we were obliged to call attention yesterday to how old moral intuitions have lived themselves out in historical evolution, so the impulses mentioned no longer contain an impelling force for the human being. They cannot contain it if the self-acquired moral intuitions, of which I spoke yesterday, have to appear in man; if single individuals are challenged in the world-evolution of humanity, on the one hand, to find for themselves moral intuitions by dint of the labor of their own souls, and, on the other to acquire the inner strength to live according to these moral intuitions. And then it dawns upon us that the old moral impulses will increasingly take a different course.

[ 12 ] Wir sehen heute, nur verkannt und mißverstanden von dem größten Teil der zivilisierten Menschheit, zwei der allerwichtigsten sittlichen Impulse heraufziehen. Sie ziehen herauf in den Untergründen des Seelischen. Will man sie interpretieren, so kommt man gewöhnlich auf die verkehrtesten Ideen. Will man sie praktisch machen, so weiß man gewöhnlich nicht viel mit ihnen anzufangen; aber sie ziehen herauf. Es sind, in bezug auf das Innere des Menschen: der Impuls der sittlichen Liebe, und in bezug auf den Verkehr unter den Menschen: der sittliche Impuls des Vertrauens von Mensch zu Mensch.

[ 12 ] We see emerging in the depths of the soul, although misjudged and misunderstood today by the majority of civilized humanity, two moral impulses of supreme importance. If attempts are made to interpret them, confused ideas usually result. If people want to put them into practice, they do not know as a rule what to do with them. Nonetheless they are arising: in the inner life of man the impulse of moral love, and outwardly, in the intercourse between human beings, the moral impulse of confidence.

[ 13 ] So, wie sittliche Liebe schon in der allernächsten Zukunft für alles sittliche Leben notwendig sein wird, war sie weder in der Stärke noch in der Art in der Vergangenheit notwendig. Gewiß, auch für die älteren Zeiten galt der Spruch: «Lust und Liebe sind die Fittiche zu großen Taten.» Aber wenn man wahr sein will und nicht phrasenhaft, so muß man sagen: Jene Lust und Liebe, die die Menschen befeuert haben, um dieses oder jenes zu tun, waren nur eine Metamorphose jener anderen Impulse, auf die ich vorhin hingewiesen habe. In Zukunft wird die reine große Liebe von innen heraus den Menschen beflügeln müssen zu dem, was Ausführung seiner sittlichen Intuitionen wird sein müssen; und diejenigen Menschen werden sich schwach und willenlos fühlen gegenüber den sittlichen Intuitionen, die nicht aus den Tiefen ihrer Seele heraus das Feuer der Liebe für das Sittliche entzünden, wenn ihnen durch ihre moralische Intuition die Tat, die geschehen soll, vor Augen steht.

[ 13 ] Now the degree of strength in which moral love will be needed in the immediate future for all moral life, was not necessary in the past—not just in this form. Certainly, of former times too one could say that the words, “Joy and love are the pinions which bear man to great deeds,” are true. But if we speak truly and not in mere phrases, we must say: That joy and that love which fired human beings to do this or that were only a metamorphosis of the impulses described before. Great and pure love, working from within outwards, will have in future to give man wings to fulfil his moral intuitions. Those human beings will feel themselves weak and lacking in will, in face of moral intuitions, who do not experience the fire of love for what is moral springing from the depths of their souls, when through their moral intuitions they confront the deed to be accomplished.

[ 14 ] Sehen Sie, wie sich da die Zeiten spalten. Das sieht man am besten aus einer Gegenüberstellung dessen, was, ich möchte sagen, als das Atavistische der alten Zeit so vielfach in die Gegenwart herüberspielt, und was auf der anderen Seite wie ein erstes Morgenrot erst in uns lebt. Sie haben ja oftmals gehört von jenem schönen Wort, das Kant über die Pflicht niedergeschrieben hat: «Pflicht! Du erhabener großer Name, der du nichts Beliebtes, was Einschmeichelung bei sich führt, in dir fassest, sondern Unterwerfung verlangst», und so weiter. Es war das Stärkste, was man an Charakteristik der Pflicht geben kann, an Charakteristik derjenigen Impulse, die eben hervorgehen aus dem, was ich vorhergehend geschildert habe. Da steht der Inhalt der Pflicht als eine von außen gegebene moralische Intuition da, und da steht auf der anderen Seite der Mensch dieser moralischen Intuition so gegenüber, daß er sich ihr zu unterwerfen hat. Sittlich wird es empfunden, wenn der Mensch so sich unterwirft, daß von einem inneren Wohlgefallen an der Befolgung der Pflicht nichts zu merken ist, sondern lediglich das Eisige da ist: Ich muß der Pflicht folgen.

[ 14 ] There you see how in our times we have a parting of the ways! It becomes evident by contrasting the atavistic elements of the older age which play over in many ways into the present with what is living within us like the early flush of dawn. You will often have heard those fine words Kant wrote about duty: “Duty! Sublime and mighty Name, you embrace nothing that charms and require only submission”—and so forth. The sternest terms in which to characterize duty! Here the content of duty stands as a moral intuition imparted from outside, and the human being confronts this moral intuition in such a way that he has to submit to it. The moral experience when he thus submits himself is that no inner satisfaction is gained from obedience to duty; only the cold statement: “I must perform my duty” remains.

[ 15] Sie wissen ja, daß Schiller schon diesem Kantschen Worte von der Pflicht entgegengesetzt hat: «Gerne dien’ ich den Freunden, doch tu’ ich es leider mit Neigung, und so wurmt es mir oft, daß ich nicht tugendhaft bin.» So hat Schiller in ironischer Weise auf diesen kategorischen Imperativ geantwortet.

[ 15 ] You know Schiller's answer to Kant's definition of duty: I serve my friend gladly, but unfortunately I do it with inclination, and so it often worries me that I am not virtuous. Thus Schiller retorts ironically to this categorical imperative.

[ 16 ] Sehen Sie, diesem sogenannten kategorischen Imperativ, wie er aus alten Zeiten, aus alten sittlichen Impulsen herüberkommt, steht gegenüber die Forderung an die Menschheit, aus den Tiefen der Seele heraus gerade die Liebe zu dem, was Handlung, was Tat werden soll, mehr und mehr zu entfalten. Denn in der Zukunft würde der Menschheit noch so oft entgegentönen können: Unterwirf dich der Pflicht, demjenigen, was gar keineEinschmeichelung bei sich führt — es würde nicht helfen! Geradesowenig, wie man im Alter von sechzig Jahren Säuglingsallüren entwickeln kann, ebensowenig kann man in einem späteren Momente der Menschheitsentwickelung so leben, wie es einem früheren Zeitalter der Menschheit angemessen war. Es mag ja sein, daß einem das besser gefällt. Aber darauf kommt es nicht an, sondern es kommt auf dasjenige an, was innerhalb der Entwickelung der Menschheit nötig und möglich ist. Man hat einfach nicht die Möglichkeit, darüber zu diskutieren, ob man das, was Kant als Epigone ältester Zeiten mit diesem Satz gesagt hat, in die Zukunft herübertragen soll. Man kann es nicht herübertragen, weil die Menschheit sich darüber hinwegentwickelt hat und sich so entwickelt, daß das Handeln aus Liebe den Impuls abgeben muß für die Menschheit der Zukunft.

[ 16 ] You see, over against the so-called categorical imperative, as it comes down from former times out of old moral impulses, there stands the summons to mankind, out of the depths of his soul, evermore to unfold love for what is to become action and deed. For however often in future there may resound: “Submit to duty, to what brings you nothing that will please”—it will be of no avail. Just as little as a man of sixty can behave like a baby can we live at a later age in a way suitable to an earlier epoch. Perhaps that would please people better. But that is of no account. The important thing is what is necessary and possible for the evolution of humanity. We can simply not discuss whether what Kant, as a descendant of very ancient times, has said should be carried on into the future. It cannot be carried on, because humanity has developed beyond it, developed in such a way that action out of love must give mankind the impulse for the future.

[ 17 ] So also gewinnen wir auf der einen Seite die Anschauung eines ethischen Individualismus, auf der andern Seite aber die Notwendigkeit, diesen ethischen Individualismus getragen zu wissen von der Liebe, die sich ergibt aus der Anschauung der zu realisierenden Tat. Das ist nach dem Subjektiven des Menschen hin gesehen.

[ 17 ] On the one hand we are led to the conception of ethical individualism, on the other, to the necessity of knowing that this ethical individualism must be borne on the love arising from perception of the deed to be accomplished. Thus it is, from man's subjective viewpoint.

[ 18 ] Nach dem äußeren Verkehr, dem sozialen Leben hin gesehen stellt sich die Sache so dar: Da kommen heute Leute, in denen rumort etwas jetzt allerdings nicht mehr durch eine fortlaufende Entwickelung der Menschheit, sondern durch allerlei äußerlich aufgenommene Meinungen — und die sagen: Ja, wenn man die Sittlichkeit auf die Individualität des Menschen begründen will, zerstört man das soziale Leben. Eine solche Behauptung hat aber gar keinen Inhalt; sie ist etwa ebenso gescheit, als wenn einer sagen wollte: Wenn es in Stuttgart im Laufe von drei Monaten so und so oft regnet, so zerstört die Natur diese oder jene Dinge auf dem Felde.— Man kann nichts Inhaltloseres sagen, wenn man sich einer gewissen Erkenntnisverantwortlichkeit bewußt ist. In Anbetracht der Tatsache, daß die Menschheit sich nach der Richtung des Individualismus hin entwickelt, hat es gar keinen Sinn zu sagen, mit dem ethischen Individualismus zerstöre man die Gesellschaft. Es handelt sich vielmehr darum, jene Kräfte aufzusuchen, mit denen die weitere Entwickelung der Menschheit vor sich gehen kann, weil dies notwendig ist für die Entwickelung des Menschen im Sinne des ethischen Individualismus, unter dem die Gesellschaft zusammengehalten und erst recht belebt werden kann.

[ 18 ] From the aspect of the social life, the matter presents itself differently. There are people today in whom there no longer echoes the voice of progressive evolution; because they accept all kinds of outside opinions they say: “Yes, but if you try to found morality on the individual, you will upset the social life.” But such a statement is meaningless. It is just as sensible as if someone were to say: if in Stuttgart it rains a certain number of times in three months, Nature will ruin some particular crop on the land.—If one is conscious of a certain responsibility towards knowledge one cannot imagine anything more empty. As humanity is developing in the direction of individualism, there is no sense in saying that ethical individualism upsets the community. It is rather a question of seeking those forces by which man's evolution can progress; this is necessary if man is to develop ethical individualism, which holds the community together and fills it with real life.

[ 19 ] Eine solche Kraft ist das Vertrauen, das Vertrauen von Mensch zu Mensch. Gerade so, wie wir appellieren müssen für die ethische Zukunft, wenn wir in unser eigenes Innere hineinsehen, an die Liebe, so müssen wir appellieren, wenn wir auf den Verkehr der Menschen untereinander sehen, an das Vertrauen. Wir müssen dem Menschen so begegnen, daß wir ihn als das Weltenrätsel selber empfinden, als das wandelnde Weltenrätsel. Dann werden wir schon vor jedem Menschen die Gefühle entwickeln lernen, die aus den allertiefsten Untergründen unserer Seele heraus das Vertrauen holen. Vertrauen in ganz konkretem Sinn, individuell, einzelgestaltet, ist das Schwerste, was aus der Menschenseele sich herausringt. Aber ohne eine Pädagogik, eine Kulturpädagogik, die auf Vertrauen hin orientiert ist, kommt die Zivilisation der Menschheit nicht weiter. Die Menschheit wird gegen die Zukunft hin auf der einen Seite die Notwendigkeit empfinden müssen, alles soziale Leben auf das Vertrauen aufzubauen, aber sich auf der anderen Seite auch bekannt machen müssen mit jener Tragik, die darinnen liegt, wenn in der Menschenseele gerade das Vertrauen nicht in der entsprechenden Weise Platz greifen kann.

[ 19 ] Such a force is confidence—confidence between one human being and another. Just as in our inner being we must call upon love for an ethical future, so we must call upon confidence in relation to men's intercourse with each other. We must meet the human being so that we feel him to be a world-riddle, a walking world-riddle. Then we shall learn in the presence of every human being to unfold feelings which draw forth confidence from the depths of our soul. Confidence in an absolutely real sense, individual, unique confidence, is hardest to wring from the human soul. But without a system of education, a cultural pedagogics, which is directed towards confidence, civilization can progress no further. In future mankind will have to realize this necessity to build up confidence in social life; they will also have to experience the tragedy when this confidence cannot develop in the proper way in the human soul.

[ 20 ] O meine lieben Freunde, was Menschen jemals auf dem Grunde ihrer Seele gefühlt haben, wenn sie enttäuscht worden sind von einem Menschen, auf den sie viel gebaut haben, alles das, was an solchen Gefühlen jemals im Laufe der Menschheitsentwickelung entfaltet worden ist, wird in Zukunft an Tragik noch überboten werden, wenn die Menschen, nachdem gerade das Vertrauensgefühl unendlich vertieft worden ist, in tragischer Weise Enttäuschungen an Menschen erleben werden. Das wird in der Zukunft das Bitterste im Leben werden, wenn man von Menschen wird enttäuscht werden. Es wird das Bitterste werden, nicht weil nicht auch bisher schon Menschen von Menschen enttäuscht worden sind, sondern weil in Zukunft die Empfindung der Menschen für Vertrauen und Enttäuschung sich in einer unermeßlichen Weise vertiefen wird, weil die Menschen unendlich viel bauen werden auf das, was in der Seele bewirkt wird aus dem Glück des Vertrauens auf der einen Seite und aus dem Schmerz des notwendigen Mißtrauens auf der anderen Seite. Ethische Impulse werden eben bis zu jenen Untergründen der Seele vordringen, wo sie unmittelbar aufsprießen aus dem Vertrauen von Mensch zu Mensch.

[ 20 ] Oh my dear friends, what men have ever felt in the depths of their souls when they have been disappointed by a human being on whom they had relied, all such feelings will in future be as nothing compared with the tragedy when, with an infinitely deepened feeling of trust, human beings will tragically experience disillusionment in their fellow men. It will be the bitterest thing, not because men have never been disappointed, but because the feeling of confidence and disillusionment will be infinitely deepened in future; because one will build to such a degree in the soul upon the joy of confidence and the pain of the inevitable mistrust. Ethical impulses will penetrate to depths of the soul where they spring directly from the confidence between man and man.

[ 21 ] So wie die Liebe die menschliche Hand, den menschlichen Arm befeuern wird, damit er aus dem Inneren heraus die Kraft zur Tat hat, so wird von außen die Atmosphäre des Vertrauens in uns strömen müssen, damit die’Tat den Weg von einem Menschen zum andern hin finde. Urständen wird müssen die Sittlichkeit der Zukunft in der aus den tiefsten Tiefen der Menschenseele frei gewordenen sittlichen Liebe, und das soziale Handeln der Zukunft wird eingetaucht sein müssen in das Vertrauen. Denn wenn menschliche Individualität der menschlichen Individualität in Sittlichkeit wird begegnen sollen, so wird vor allen Dingen notwendig sein diese Atmosphäre des Vertrauens.

[ 21 ] Just as love will fire the human hand, the human arm, so that from within it draws the strength to do a deed, so from without there will flow the mood of confidence in order that the deed may find its way from the one human being to the other. The morality of the future will have to be grounded on the free moral love arising from the depths of the human soul; future social action will have to be steeped in confidence. For if one individuality is to meet another in a moral way, above all an atmosphere of confidence will be necessary.

[ 22 ] So blicken wir auf eine Ethik, auf eine Moralanschauung der Zukunft, die wenig reden wird von demjenigen, was man immer als ethische Intuitionen alter Art charakterisiert hat, die aber stark reden wird davon, wie ein Mensch sich entwickeln muß von der Kindheit an, damit geweckt werde in ihm die Kraft der sittlichen Liebe. Und viel wird in der Zukunftspädagogik von Lehrenden und Erziehenden an die aufwachsende Generation überliefert werden müssen durch dasjenige, was in unausgesprochener Weise erzieherisch wirkt. Viel wird sich in Erziehung und Unterricht offenbaren müssen von jener Menschenerkenntnis, die nicht abstrakt aufzählt: Der Mensch besteht aus dem und dem, ist so und so —, sondern die in den anderen Menschen so hinüberführt, daß man zu ihm das richtige Vertrauen gewinnen kann.

[ 22 ] So we anticipate an ethics, a conception of morality that will speak little of the ethical intuitions of old but will emphasize how a human being must develop from childhood so that there may be awakened in him the power of moral love. Much will have to be given in the pedagogics of the future to the growing generation by teachers and educators through what educates effectively without words. In education and teaching there will have to be imparted much of that knowledge which is not an abstract indication of how man consists of this or that, but which leads us over to the other human being in such a way that we can have the proper confidence in him.

[ 23 ] Menschenkenntnis, aber nicht Menschenkenntnis, die uns den Mitmenschen gegenüber kalt macht, sondern die uns vertrauensvoll macht, muß der Grundnerv auch der Zukunftspädagogik werden. Denn es wird notwendig sein, auf eine neue Art ernst zu machen mit demjenigen, womit es einmal in der Menschheitsentwickelung ernst war, was aber nicht mehr ernst genommen wird im Zeitalter des Intellektualismus.

[ 23 ] Knowledge of man, but not a knowledge that makes us cold towards our fellow-men but which fills us with confidence—this must become the very fibre of future education. For we have to give weight again, but in a new way, to what once was taken seriously but is so no longer in the age of intellectualism.

[ 24 ] Selbst wenn Sie nur bis Griechenland zurückgehen, so werden Sie finden, daß zum Beispiel der Arzt sich in seiner ärztlichen Kunst außerordentlich verwandt fühlte mit dem Menschen, der einen priesterlichen Beruf ausübte, und die Priester fühlten sich in gewisser Weise verwandt mit dem Arzte. Etwas von solcher Gesinnung schimmert noch durch, wenn auch in etwas chaotischer Art, in der Persönlichkeit des Paracelsus, den man so wenig verstanden hat und heute noch so wenig versteht. Heute weist man der Sphäre des Religiösen jene abstrakte Unterweisung der Menschheit zu, in der eigentlich nur Anweisungen erteilt werden, die aus dem realen Leben herausführen; denn in der religiösen Unterweisung spricht man zu den Menschen über das, was der Mensch ist, wenn er keinen Leib hat und dergleichen, in einer ungemein lebensfremden Weise. Demgegenüber steht der andere Zivilisationspol, indem alles andere, was diese Zivilisation hervorbringt, möglichst weit von dem Religiösen abgerückt wird.

[ 24 ] If you go back to Greece, you will find that the doctor in his medical art, for example, felt extraordinarily akin to the priest, and priests felt themselves akin to the doctor. Such an attitude can be seen dimly, confusedly in the personality of Paracelsus who has been, and still is, so little understood. Today we relegate to the sphere of religion the abstract instruction which leads away from real life. For in religious instruction we are told what man is without his body, and so on—in a way that is singularly foreign to life. Over against this stands the opposite pole in civilization, where everything brought forth by our own time is kept far from the realm of religion.

[ 25 ] Wer sieht denn zum Beispiel heute noch im Kurieren, im Heilen eine religiöse Handlung, eine Handlung, bei der das Durchdrungensein mit Geistigkeit eine Rolle spielt? Paracelsus hat das noch gespürt. Für ihn setzte sich das Religiöse noch bis in die Heilwissenschaft hinein fort. Ein Zweig des Religiösen war für ihn die Heilwissenschaft. Das war in alten Zeiten so. Da war der Mensch noch ein Ganzes, weil dasjenige, was er im Dienste der Menschheit zu tun hatte, von religiösen Impulsen durchdrungen war. Wir müssen — allerdings auf eine andere Art: durch selbsterarbeitete, nicht gottgegebene moralische Intuitionen — wiederum dazu kommen, daß alles Leben von diesem religiösen Zug durchdrungen wird. Das aber wird zu allererst auf dem Gebiete der Erziehung und des Unterrichts sichtbar sein müssen. Vertrauen von Mensch zu Mensch — das ist die große Zukunftsforderung — muß das soziale Leben durchziehen.

[ 25 ] Who today sees any trace of a religious act in healing, for instance, an act in which permeation by the spirit plays a part? Paracelsus still had a feeling for this. For him, the religious life was such that it entered into the science of healing. It was a branch of the religious life. This was so in olden times. The human being was a totality: what he had to perform in the service of mankind was permeated by religious impulses. In quite another way, for we must strive to gain moral intuitions that are not God-given but born by our own efforts,—life must again be permeated by a religious quality. But first and foremost it must be made evident in the sphere of education. Confidence between one human being and another—the great demand of the future—must permeate social life.

[ 26 ] Wenn wir uns fragen: Was benötigst du am meisten, wenn du in Zukunft ein sittlicher Mensch sein willst? so können wir nur die Antwort geben: Menschenvertrauen mußt du haben. — Wenn nun das Kind in die Welt hereintritt, das heißt, wenn der Mensch aus dem vorirdischen Dasein kommt und mit seinem physischen Leib sich vereint, um diesen auf der Erde zwischen Geburt und Tod als Werkzeug zu gebrauchen, wenn der Mensch, uns so deutlich sein Seelisches offenbarend, als Kind uns entgegentritt, wie ist dann das, was wir ihm entgegenbringen müssen als Menschenvertrauen? So gewiß auf der einen Seite das Kind schon bei der ersten Regung auf Erden ein Mensch ist, so gewiß ist das, was wir ihm als Menschenvertrauen entgegenbringen, doch noch etwas anderes als dasjenige, was wir etwa gleichaltrigen Menschen entgegenbringen. Wenn wir ihm als Erzieher oder als Angehöriger der älteren Generation entgegentreten, so verwandelt sich das Menschenvertrauen in einer gewissen Weise. Das Kind tritt ins irdische Dasein aus einem seelisch-geistigen vorirdischen Dasein. Aber das, worauf wir hinschauen, was sich auf eine befriedigende Art von Tag zu Tag aus der Welt des Seelisch-Geistigen in der Durchdringung des Physischen offenbart, ist doch das Walten dessen — wenn wir den Ausdruck im richtigen modernen Sinne gebrauchen —, was wir das Göttliche nennen können.

[ 26 ] If we ask ourselves—What is the most essential quality to be a moral human being in the future?—We can only answer: “You must have confidence in the human being.” But when a child comes into the world, that is to say, when the human being comes out of pre-earthly existence and unites with his physical body in order to use it as an instrument on earth between birth and death—when the human being confronts us as a child and reveals his soul to us, what must we bring to him in the way of confidence? Just as surely as the child, from its first movement on earth, is a human being, yet the confidence we bring him is different from the confidence we bring to an adult. When we meet the child as teacher or as a member of the older generation, this confidence is transformed in a certain respect. The child comes into earthly existence from a pre-earthly world of soul and spirit. We observe, revealing itself in a wonderful way from day to day permeating the physical out of the world of soul and spirit, what may be called in the modern sense of the word—the divine.

[ 27 ] Wir brauchen wieder das Göttliche, durch das der Mensch aus dem vorirdischen Dasein hineingeführt worden ist in die Gegenwart, wie er im irdischen Dasein durch seine irdische Leiblichkeit weitergeführt wird. Indem wir in der Sphäre des Sittlichen sprechen von Menschenvertrauen, müssen wir es, sobald wir von demjenigen Sittlichen sprechen, das Erziehung und Unterricht darstellen, spezialisieren und sagen: dem Kinde, das uns die göttlich-geistigen Kräfte heruntergeschickt haben, dem wir als diejenigen gegenüberstehen, die die Rätsellöser sein sollen, stehen wir gegenüber mit Gottvertrauen. Ja, dem Kinde gegenüber verwandelt sich das Menschenvertrauen sogar in Gottvertrauen. Und in der zukünftigen Entwickelung der Menschheit wird dasjenige, was, ich möchte sagen, auf eine mehr neutralisierte Art von Mensch zu Mensch wirkt, von selbst eine religiöse Nuance annehmen, wenn es sich auf das Kind oder überhaupt auf die jüngeren Menschen bezieht, die erst noch in ihrer Entwickelung in die Welt hereingeleitet werden sollen. Da sehen wir, wie unmittelbar im irdischen Dasein die Sittlichkeit zurückverwandelt wird in eine Religiosität, die sich im gewöhnlichen Leben auslebt. Wir können mit Recht davon sprechen, daß in alten Zeiten alles sittliche Leben nur ein Spezialfall des religiösen Lebens ist, da eigentlich in den religiösen Geboten zu gleicher Zeit die sittlichen Gebote mit gegeben waren.

[ 27 ] We need again the divine which leads the human being out of pre-earthly into the present, as through his bodily nature he is led onwards in earthly existence. When we speak of confidence between men in the moral sphere, and apply it to education, we must specialize and say:—“We confront the child who has been sent down to us by the divine-spiritual Powers—and for whom we should be the solvers of all riddles—we confront the child with confidence in God.” Yes, in face of the child, confidence in man becomes confidence in God. And a future will have to come in the evolution of humanity in which what weaves even in a more neutralized form from man to man, will assume a religious coloring in relation to the child or to young people generally who have to be guided into life. There we see how through actual life, morality is transformed back into religiousness, into a religiousness that expresses itself directly in everyday life. In olden times all moral life was a special part of the religious life, for in the commandments of religion moral commandments were given at the same time.

[ 28 ] Mit solchen Dingen ist die Menschheit durch das Zeitalter der Abstraktion hindurchgegangen. Jetzt muß sie aber wieder eintreten in das Zeitalter der Konkretheit. Jetzt muß sie wieder in einem bestimmten Punkte spüren, wie das Sittliche zum Religiösen wird. Und zu einem Religiösen in einem modernen Sinne werden in Zukunft sich diejenigen sittlichen Taten gestalten müssen, die die unterrichtenden und erzieherischen sittlichen Taten sind. Denn die Pädagogik, meine lieben Freunde, ist nicht eine bloß technische Kunst. Die Pädagogik ist im wesentlichen auch ein Spezialkapitel des sittlichen Handelns des Menschen. Nur derjenige, welcher innerhalb der Sittlichkeit, innerhalb der Ethik die Pädagogik findet, findet sie auf die rechte Weise.

[ 28 ] Humanity has passed through the epoch of abstraction; now, however, we must again enter the epoch of the concrete. We must feel once again how the moral becomes the religious. And in future the moral deeds of education and instruction will have to shape themselves in a modern sense into what is religious. For pedagogy, my dear friends, is not merely a technical art. Pedagogics is essentially a special chapter in the moral sphere of man. Only he who finds education within the realm of morality, within the sphere of ethics, discovers it in the right way.

[ 29 ] Was ich hier als eine besondere religiöse Nuance der Sittlichkeit schilderte, bekommt im Grunde genommen die richtige Färbung dadurch, daß man sich sagt: In rätselvoller Art stellt sich das Leben vor uns hin. Die Lösung des Rätsels finden wir, wenn wir die Antwort im Wesen des Menschen suchen. — Da liegt sie auch. Aber der Erzieher ist vor die Notwendigkeit gestellt, an der Lösung dieses Rätsels in lebensvoller Art fortwährend zu arbeiten. Wenn man so empfinden lernt, wie man im Erziehen und Unterrichten fortwährend an der Lösung des Welträtsels arbeitet, dann stellt man sich ganz anders in die Welt herein, als wenn man bloß in seinem Kopfe allerlei Lösungen des Welträtsels sucht.

[ 29 ] What I have described here as a specifically religious shade of morality, receives its right coloring if we say:—“The riddle of life stands before us as an enigma. The solution of the riddle lies in Man.”—And there indeed it does lie. But anyone who teaches has to work unceasingly, in a living way, at the solution of this riddle. When we learn to feel how in education we are working unceasingly at the solution of the world-riddle, we take our place in the world quite differently from what would have been the case had we sought for solutions merely by means of head knowledge.

[ 30 ] Um was es sich bei jener Empfindung von Pädagogik, mit der Sie vielleicht hierher gekommen sind, handelt, das ist, daß Sie diesen besonderen Charakter der Pädagogik als Empfindung mit hinwegtragen in die Welt. Diese Empfindung wird Sie so in die Welt hineinstellen können, daß Sie nicht nur auf die eine Seite schauen und fragen werden: Welche Tragik hat sich für die Jugend ergeben, die sich an die Alten anschließen mußte? — Sondern Sie werden auch, in die Zukunft blickend, fragen: Welche lebendigen Kräfte muß ich in mir aufschließen, damit ich richtig auf diejenigen hinsehen kann, die nachkommen? — Denn die werden wieder zurücksehen auf diejenigen, die schon da waren. Alles, was in irgendeiner Form Jugendbewegung ist, wenn es mit voller Verantwortlichkeit hineinsieht in das Leben, muß einen Januskopf haben, muß nicht nur hinschauen können auf die Forderungen, die man gegenüber den Älteren hat, sondern muß auch hinschauen können auf die noch unbestimmten Forderungen, die mit Riesengewalt an uns heranstürmen, welche die kommende Jugend an uns stellen wird. Nicht nur Opposition gegen die Alten machen, sondern auch schöpferisch nach vorne blicken: das ist das richtige Geleitwort für wahre Jugendbewegung. Die Opposition mag zunächst ein Antrieb zur Begeisterung gewesen sein. Wirkenskraft wird nur geben der Wille zum Schaffen, zum schöpferischen Gestalten innerhalb der jetzigen Menschheitsentwickelung.

[ 30 ] In regard to the feeling about Education with which you may have come here, the important thing is to carry away with you into the world this special aspect of pedagogics. This feeling will enable you to stand in the world and not only lead you to asking:—How profound is the tragedy of the young who had to follow the old?—You will also ask, looking into the future: “What living forces must I release in myself to look rightly upon those who are coming after me?” For they in turn will look back to those who were once there. A youth movement in whatever form, if it considers life in a fully responsible way, must have a Janus head; it must not only look at the demands the young make on the old, but also be able to look at the still undefined demands raging around us with tremendous power—demands which the coming youth will make upon us. Not only opposition against the old, but a creative looking forward, is the right guiding thought for a true youth movement. Opposition may, to begin with, have acted as a stimulus to enthusiasm. The power of deed will only be bestowed by the will to create, the will to do creative work within the present evolution of humanity.