Spiritual Forces Working in the Shared Lives
of the Older and Younger Generations
GA 217
9 October 1922, Stuttgart
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Siebenter Vortrag
Lecture VII
[ 1 ] Gestern versuchte ich darauf hinzuweisen, wie die Sehnsucht, von welcher der junge Mensch heute durchdrungen sein kann, in einer gewissen Beziehung etwas Januskopf-artiges haben müsse. Zunächst erscheint diese Sehnsucht von einer Begeisterung durchdrungen, die aus der Opposition kommt. Aber so stark auch diese Empfindung bei der Jugend im Beginne des zwanzigsten Jahrhunderts Gegenwart atmet, können wir heute doch schon sagen: Wer eine Empfindung hat für die gekennzeichnete Sehnsucht, der wird finden, daß dieser Gegensatz heute schon nicht mehr in vollem Maße vorhanden ist. Dies wird vielleicht von vielen Seiten, insbesondere von der Jugend selber, noch nicht unbefangen zugegeben werden. Aber ich denke doch, daß damit auf etwas sehr Bedeutungsvolles hingewiesen ist.
[ 1 ] Yesterday I pointed out how the longing of the young today is permeated by something Janus-headed. Certainly, this appears to be permeated by enthusiasm which comes from opposition. But however strongly, at the beginning of the century, this feeling breathed of the present, whoever has now had experience of it no longer finds the opposition in its full measure. Many do not yet admit this impartially, particularly among the young themselves. Yet it indicates something very significant.
[ 2 ] Die Generation, welche im Beginne des zwanzigsten Jahrhunderts vor der Weltentwickelung gerade so stand, daß sie dieses hier charakterisierte «Stehen vor dem Nichts» als eine tiefste menschliche Empfindung hatte, war ja tatsächlich etwas ganz Neues in der Menschheitsentwickelung. Heute steht die Sache schon wiederum so, daß diese Empfindung mit mancher Enttäuschung rechnen muß, die ihr aus ihren eigenen Untergründen heraus bereitet worden ist.
[ 2 ] The generation which at the beginning of the twentieth century confronted world-evolution in such a way that “facing Nothingness” was a most profound experience—this generation was quite new upon the scene in human evolution. But this feeling must reckon with many disappointments prepared out of its own depths.
[ 3 ] Die vollen flatternden Segel, die man etwa vor zwanzig Jahren beobachten konnte, kann man heute nicht mehr beobachten. Und es ist nicht allein das furchtbare Ereignis des sogenannten Weltkrieges, welches diese Segel etwas schlaffer gemacht hat. Es ist durchaus so, daß auch in der Jugend von innen heraus gewisse Erlebnisse aufgestiegen sind, welche ihre ursprüngliche Empfindung wesentlich modifiziert haben. Eines wurde ja im Beginne des zwanzigsten Jahrhunderts mit aller Wucht deutlich an den Empfindungen, die den schon an Jahren älter gewordenen, aber im Innern nicht alten Menschen entgegenkamen: Es wurde nicht mit deutlichen Worten ausgesprochen, aber es lag in manchen Dingen dem Wortlaut nach, ich möchte sagen hindeutend, in der Jugend etwas, was ich nennen möchte eine entgegengesetzte Müdigkeit.
[ 3 ] The full spread of the sails as it was some twenty years ago is no longer there. Not only the terrible event of World War I has deflated these sails, but certain experiences working outward from within have arisen in young people and modified their original feeling. One such experience became evident, at the beginning of the twentieth century, in the feelings of those who had grown older in years but were not inwardly old. It was not clearly expressed in words, but in other than the literal words there was in the young something which pointed to a responsive tiredness.
[ 4 ] Ich stelle da einen Begriff vor Sie hin, der etwas präzis bezeichnen möchte, was schwer präzis zu bezeichnen ist. Es ist auch aus dem Grunde schwer präzis zubezeichnen, weil das, was ich eigentlich meine, vielleicht doch nur für jene ganz verständlich ist, welche die Jugendbewegung in einem gewissen Wachsein durchlebt haben, während ein großer Teil der Menschheit diese Jugendbewegung nicht wachend, sondern im wesentlichen schlafend durchlebt hat. Für vieleMenschen redet man heute, wenn man spricht, wie ich in den vorangehenden Tagen gesprochen habe, doch eigentlich von etwas, das ihnen ganz fern liegt, das sie im Grunde genommen ganz verschlafen haben und demgegenüber sie sich auch heute noch außerordentlich schläfrig verhalten.
[ 4 ] Here I am placing before you an idea difficult to describe accurately, because what I really mean is only fully intelligible to those who have experienced the youth movement with a certain awakeness, whereas a great part of humanity has been asleep to this youth movement. When one speaks to people in the way I have during the past days, it is as if one were talking of something quite foreign to them, something they have slept through and towards which even today they adopt an extraordinarily sleepy attitude.
[ 5 ] Eine entgegengesetzte Müdigkeit, sagte ich. Im gewöhnlichen Leben ist es ja so, daß nicht nur das Regsamsein zum organischen Dasein gehört, sondern auch das Ermüdetsein nach getaner Arbeit etwas ist, was eben notwendig zum Leben dazugehört. Man muß nicht nur müde werden können, sondern man muß auch wirklich von Zeit zu Zeit Ermüdung in sich herumtragen können. Es ist ganz gewiß nicht gesund, wenn wir den’Tag so zugebracht haben, daß wir abends nur darum einschlafen, weil es eben Gewohnheit ist, sich abends schlafen zu legen. Es ist das ganz gewiß weniger gesund, als wenn wir abends das ordnungsmäßige Maß von Ermüdung haben und diese Ermüdung uns, ich möchte sagen, in normaler Weise in den Schlafzustand hineintreibt. So ist auch das Ermüdet-werden-Können gegenüber denjenigen Erscheinungen, die uns im Leben entgegentreten, etwas, was sein muß.
[ 5 ] Responsive tiredness, I called it. In ordinary life organic existence requires not only activity but also after accomplished work the accompanying state of tiredness. We must not only be able to get tired, we must also from time to time be able to carry tiredness around within us. To pass our days in such a way that we go to sleep at night simply because it is customary to do so, is not healthy; it is certainly less healthy than to have the due amount of tiredness in the evening and for this to lead in the normal way into sleep. So too, the capacity to become tired-out by the phenomena meeting us in life is something that must be.
[ 6 ] Ich habe oftmals, wenn zum Beispiel über die Pädagogik gesprochen wurde, gehört, man müsse eine Pädagogik haben, welche für die Kinder das Lernen zum Spiele macht, das Kind müsse in der Schule lauter Freude haben. Die so reden, sollten nur einmal versuchen, wie sie das zustandebringen, daß die Kinder lauter Freude in der Schule erleben, immerfort lachen können, daß das Lernen für sie ein Spiel ist und sie dennoch etwas lernen. Es ist nämlich diese pädagogische Anweisung die allerbeste, um es gründlich dahinzubringen, daß nichts gelernt wird.
[ 6 ] When education, for example, has been discussed, I have often heard it said that there must be an education which makes learning a game for children; school must be all joy for the child. Yes, those who speak like this should just try how they can make school all joy for the children, so that the children laugh all the time, so that learning is play and at the same time they are learning something. This is the very best possible educational principle for ensuring that nothing at all is learnt.
[ 7 ] Das Richtige ist, daß man als Erzieher imstande ist, auch dasjenige, was dem Kinde nicht Freude macht, sogar im Augenblicke vielleicht große Mühen und Schmerzen macht, so zu behandeln, daß das Kind sich dem in einer selbstverständlichen Weise unterzieht. Man kann sehr leicht sagen, was man dem Kinde beibringen soll. Aber durch ein bloßes Im-Spielen-Lernen kann dem Kinde die ganze Kindheit verdorben werden. Denn es ist notwendig, daß der Mensch auch seelisch durch gewisse Dinge ermüdet, daß sie also Mühe erzeugend sind. Man muß sich so ausdrücken, auch wenn es pedantisch klingt. Ermüdung gab es für die jungen Leute auch in jenen Zeiten, in denen sie sich zu einem gewissen Wissen, zu einer gewissen Erkenntnis wie zu einem Lebendigen hinaufranken mußten, in den Zeiten, in denen diejenigen, die schon etwas wußten, vor den jungen Leuten, die lernen wollten, noch wie eine Art verkörperten Ideals standen. Ermüdung war auch da vorhanden.
[ 7 ] The right thing is for teachers to be able to handle what does not give the child joy, but perhaps a good deal of toil and woe, in such a way that the child as a matter of course submits to it. It is very easy to say what should be given to the child. But childhood can be injured through learning being made into a game. For it is essential that we should also in our life of soul be made tired by certain things—that is to say, things should create a responsive tiredness. One must express it thus, though it sounds pedantic. Tiredness existed among the young in earlier times, too, when they had to strive towards something living, a certain science, a certain kind of knowledge. I mean times when those possessing a certain amount of knowledge were still able to stand before the young, who wanted to acquire it, as an embodied ideal. Tiredness certainly existed even then.
[ 8 ] Ich weiß nicht, meine lieben Freunde, ob jetzt nicht solche unter Ihnen sind, die den eben ausgesprochenen Satz mit einer leisen Skepsis begleiten. Jedenfalls gibt es in der Gegenwart sehr viele Leute, die diesen Satz mit einiger Skepsis begleiten würden. Denn wenn da behauptet wird: Es standen einmal diejenigen, die etwas wußten, wie eine Art verkörperten Ideals vor denjenigen, die etwas lernen wollten, — so wird manchen diese Idee als etwas Unrealisierbares erscheinen. Es ist ja in der Gegenwart fast nicht zu denken, daß man zu jemand wie zu einer Art verkörperter Erkenntnis, verkörperten Wissens hinschaut, dem man wie einem persönlichen Ideale nachstrebt. Und dennoch war, von alten Zeiten ganz abgesehen, dieses Gefühl auch noch im späteren Mittelalter in hohem Maße vorhanden. Uns sind jene wunderbaren, befeuernden und das Leben mit wirklichen seelischen Neubildungskräften durchziehenden Verehrungsgefühle, die selbst im späteren Mittelalter noch vorhanden waren, zum großen Teile verlorengegangen. Weil der Drang, der einstmals die Menschen für die Wissenschaft befeuerte, nicht mehr da war, konnte die Jugend an dem Studium gewissermaßen nicht einmal mehr richtig ermüden. Wollte ich mich konkreter ausdrücken, so müßte ich sagen: Die Wissenschaft war zu etwas geworden, was nicht in den Menschenköpfen lebte, sondern in den Bibliotheken aufgehoben wurde. Die Wissenschaft war allmählich etwas geworden, was man eigentlich gar nicht mehr haben wollte. Daher ermüdete man nicht mehr an ihr. Weil man sich gar nicht von dem Drange nach ihr durchzogen fühlte, ermüdete man nicht mehr an ihr. Es fehlte einem die Möglichkeit, an der zu erringenden Erkenntnis zu ermüden.
[ 8 ] My dear friends, there may be some here who take the above statement with mild scepticism. There are many people today who would take it with scepticism, for when it is claimed that those who knew something stood as a kind of ideal for those anxious to learn, this idea appears to many as unrealizable. For, at the present time, it is almost incredible that anybody should be regarded as a kind of embodied knowledge, embodied science, that is striven for as we strive for a personal ideal. Yet, leaving out ancient times, this feeling was still present in a high degree even in the later Middle Ages. Those wonderful and inspiring feelings of reverence, permeating life with real recreative forces for the soul in the later Middle Ages, have to a great extent been lost. And because the urge that once existed was no longer there, the young could no longer get tired from what they were destined to experience. To give this concrete expression I should have to say: Science—I mean science as it was actually pursued, not what frequently goes by the name of science—could be stored up, something that is not in the heads of human beings but in the libraries. Science gradually was not really wanted any more. Hence it did not make people tired. There was no feeling of being overcome by an urge for it; it no longer made one tired. There was no longer any possibility of getting tired from a knowledge that was acquired with difficulty.
[ 9 ] Dadurch bekam dasjenige, was die Jugend gerade um die Wende des neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert durchzog, einen ganz besonderen Charakter: den Charakter, den die Lebenskraft eines Menschen hat, der sich abends ins Bett legt, nicht ermüdet ist und sich daher herumwälzt und nicht weiß, warum er sich wälzt. Nicht, daß ich mit diesen Worten irgend etwas Abfälliges sagen will, denn ich bin gar nicht der Ansicht, daß diese Kräfte, die da abends in dem Menschen sind, der sich im Bette herumwälzt, weil er nicht müde geworden ist, ungesund sind. Es sind ganz gesunde Lebenskräfte, nur passen sie nicht in die Situation hinein, — So war es in gewissem Sinne mit den Kräften, welche die Jugend um die Wende des neunzehnten, zwanzigsten Jahrhunderts beherrschten. Es waren recht gesunde Kräfte, aber Kräfte, für die nichts in der Welt da war, um ihnen eine Richtung zu geben. Die Jugend hatte nicht mehr den Drang, diese Kräfte an dem, wovon die Alten sprachen, zu ermüden. Aber Kräfte können gar nicht in der Welt sein, ohne daß sie sich betätigen, und so konnte man in der angegebenen Zeit eine Unsumme von Kräften sehen, die sich nach Tätigkeit sehnten und keine Orientierungslinie fanden, und diese Kräfte kamen auch zum Beispiel bei der studierenden Jugend heraus.
[ 9 ] And from this, what permeated the young, at the turn of the nineteenth century, derived a quite special character—the character of the life-force in a human being who goes to bed at night before he is tired and keeps turning and twisting about without knowing why. I do not want to imply anything derogatory, for I am not of the opinion that these forces, which are there at night in the human being when he turns and twists about in bed because he is not tired, are unhealthy forces. I am not calling them unhealthy. They are quite healthy life-forces, but they are not in their proper place; and so it was, with those forces which worked in the young at the turn of the nineteenth century. They were thoroughly healthy forces, but there was nothing to give them direction. The young had no longer the urge to tire these forces by what was told them by their elders. But forces cannot be present in the world without being active, and so, at the time referred to, innumerable forces yearned for activity and had no guiding line. And these forces appeared, for example, in the academic youth. And then one noticed things which I have indicated during these lectures, but which must receive more careful consideration if we want to understand ourselves.
[ 10 ] Seit dem ersten Drittel des fünfzehnten Jahrhunderts hat eben alles Erkenntnisstreben aus der Intellektualität heraus einen ganz bestimmten Charakter angenommen: der Mensch soll sich an etwas hingeben, was man zwar Wissenschaft nennt, was aber eigentlich den Menschen wenig berührt, ihn wenig angeht. Heute kann man nicht mehr nachfühlen, was für eine Menschlichkeit etwa noch in einer Schrift des zwölften oder dreizehnten Jahrhunderts waltet. Damit soll natürlich nicht gesagt werden, man müsse zu dem Glauben an das zurückkehren, was in den Schriften des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts steht. Den Forderungen bestimmter Kirchen in dieser Richtung wollen wir ganz gewiß nicht nachkommen.
[ 10 ] Since the first third of the fifteenth century, all man's striving for knowledge has, out of intellectuality, taken on a character pre-eminently adapted to science, which hardly touches the human being at all. People no longer feel how the human element holds sway in writings of the twelfth or thirteenth century, for instance. This does not imply that we have to return to the twelfth or thirteenth century, to implicit belief in all we find there. We shall certainly not comply with the demands of certain churches in this direction.
[ 11 ] Es ist aber gar nicht möglich, sich mit demselben Grade von Gleichgültigkeit, mit dem man sich heute etwa in die Darstellungen eines biologischen oder anderen Werkes einarbeitet, in das zu vertiefen, was zum Beispiel Albertus Magnus zu seiner Zeit niedergeschrieben hat. Auf diese Weise kann man das gar nicht kennen lernen. Da muß man schon das Buch in die Hand nehmen und ihm so gegenübersitzen, wie wenn man einem anderen Menschen gegenübersäße, wo man auch nicht gleichgültig — wie man sagt «objektiv» — hinnimmt, was der sagt, sondern wo das Innere, das Seelische engagiert wird, wo es auf und ab wogt, weil es sich regt und in Bewegung ist. Man tut mit seinem Seelischen mit, auch wenn man das trockenste Kapitel der damaligen Zeit, des Albertus Magnus zum Beispiel, liest. Ganz abgesehen davon, daß da die scheinbar abstraktesten Dinge noch mit der Kraft des bildhaften Ausdrucks behandelt werden, und daß man sich eigentlich beim Lesen, auch wenn allgemeinste Ideen behandelt werden, in einer solchen Regsamkeit fühlt, als ob man — seelisch meine ich — mit Schaufel und Spaten arbeiten würde. Ganz abgesehen von dieser schönen menschlichen Regsamkeit, in die man gebracht wird, ist durch die Bildhaftigkeit dafür gesorgt, daß der Erkennende mit seinem Erkennen bei demjenigen, was er da abhandelt, vertrauend dabei ist.
[ 11 ] But because of the indifference with which people study nowadays what is to be found in a chapter of modern biology—or of some other subject—it is impossible to understand what Albertus Magnus wrote. In that way we do not get to know what he wrote at all. We must take the book and sit down to it as if we were sitting down in front of another human being, because what he says cannot be taken with indifference, or objectively as one says; the inner being, the life of soul, is engaged, it rises and fails, and is quickened to movement. The life of soul is at work when we read even the driest chapter written at that time, by an Albertus Magnus, for instance. Quite apart from the fact that in these writings there is still the power of pictorial expression for what appear abstract things, there is always something in the general ideas which gives us a feeling of movement that we might be working with spade and shovel—from the point of view of our life of soul, that is—everything is brought into splendid human activity; through the pictures we are given we sense that the one who possesses this knowledge has full confidence in what he is imparting.
[ 12 ] Es war wahrhaftig für solche Leute nicht gleichgültig, ob sie bei ihrem Suchen irgend etwas fanden, wovon sie meinten, daß es Gott gefallen könnte, oder ob es ihm mißfallen müsse. Und wer sich einmal den Unterschied vergegenwärtigt zwischen dem Bilde, das ein Albertus Magnus als der große Erkennende desMittelalters darbietet, und einem bedeutenden unter den Geistern, die das neunzehnte Jahrhundert vorbereitet haben, zum Beispiel Herbart — ich könnte ebensogut einen anderen nennen, aber Herbart hat einen großen Einfluß auf die Pädagogik bis in das letzte Drittel des neunzehnten Jahrhunderts hinein gehabt —, dem stellt sich Albertus Magnus überall in einer Art von feuerglänzender Wolke dar. Wenn Albertus Magnus sich der Erkenntnis hingibt, so ist es, wie wenn etwas in ihm aufleuchtet oder abglimmit. Man fühlt ihn wie in einer feurigen, glänzenden Wolke, und wenn man die Fähigkeit hat, sich in eine solche Seele hineinzuversetzen, kommt man nach und nach selber in dieses Feuer hinein. Wenn es auch für die heutige Seele antiquiert ist, man fühlt bei Albertus Magnus, daß es nicht gleichgültig ist, wenn man sich in Sittliches vertieft, es aufschreibt, es ausspricht oder auch nur durchdenkt, ob man dabei einem göttlichgeistigen Wesen sympathisch oder antipathisch wird. Dieses Gefühl, ob man da sympathisch oder antipathisch wird, spielt immer mit.
[ 12 ] For such people it was not a matter of indifference if they discovered something of which they thought that in the eyes of God it could be either pleasing or displeasing. What a difference there is between the picture given, let us say, by Albertus Magnus, as the great scholar of the Middle Ages, and one of the eminent minds of the nineteenth century, as, for example, Herbart—one could name others but Herbart had a great influence on education up to the last third of the nineteenth century—whoever realizes what a difference there is must see it like this: Albertus Magnus seems to come before us as a kind of fiery luminous cloud. What he does when he devotes himself to knowledge is something that lights up in him or becomes dim. We feel him as it were in a fiery, luminous cloud, and gradually we enter this fire, because if one possesses the faculty of getting inside such a soul, even if for the modern soul it is antiquated, in steeping oneself in what is moral, writing about it, speaking about it, or only studying it, it is not a matter of indifference whether in the eyes of a divine-spiritual Being one is sympathetic or antipathetic. This feeling of sympathy or antipathy is always present.
[ 13 ] Wenn man sich dagegen vertieft in die Art und Weise, wie bei Herbart objektiv-wissenschaftlich die fünf sittlichen Ideen abgehandelt werden: innere Freiheit, Vollkommenheit, Wohlwollen, Recht, Vergeltung, ja, da ist es nicht eine Wolke, die einen wie mit Wärme und Kälte umfängt, sondern es ist etwas, was einen nach und nach zum Erfrieren bringt, was eben objektiv bis zur Frostigkeit wird. Und das ist ja die Stimmung, die sich in alles Erkenntniswesen hineingeschlichen und ihre Kulmination erlangt hat mit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts.
[ 13 ] On the other hand, if according to the objective scientific method, Herbart discusses the five moral ideas: good-will, perfection, equity, rights, retribution—well, here we have not a cloud which encircles us with warmth or cold but something that gradually freezes us to death, that is objective to the point of iciness. And that is the mood that has crept into the whole nature of knowledge and reached its climax at the end of the nineteenth century.
[ 14 ] So gab man sich allmählich allem Erkenntniswesen in einer Weise hin, die einem auch äußerlich stark entgegentrat. Man erlebte diejenigen, die einem als Erkennende vorgestellt wurden, sozusagen nur noch auf dem Katheder. Ich weiß nicht, ob andere, die so alt geworden sind wie ich, Ähnliches wie ich erlebt haben. In den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hatte ich immer wieder Veranlassung zu einem fürchterlichen Ärger. Da war ich in mancherlei gelehrte Gesellschaften gekommen. Immer wieder hatte ich das Bedürfnis, an solchen gelehrten Gesellschaften Freude zu haben, und es lag mir nahe, dort von dieser oder jener Frage zu sprechen. Ich freute mich darauf, zum Beispiel wieder einmal vom Unterschied von Epigenesis und Evolution zu sprechen. Wenn man aber mit so etwas anfing, dann hieß es sehr bald: Nein, mit der Fachsimpelei wird es nichts. — Man durfte nur ja nicht irgend etwas reden, was sich damals den Ruf der Fachsimpelei erworben hatte. Man erlebte den Erkennenden nur auf dem Katheder und er war, wenn er vom Katheder hinunterstieg, nicht derselbe, er war ein anderer. Er legte dann so etwas an, daß er von allem möglichen redete, nur nicht von dem, was sein Fach war. Kurz, das wissenschaftliche Treiben wurde so objektiv, daß diejenigen, die irgendein Fach hatten, auch ihr Fach sehr objektiv behandelten und vor allem einmal den Menschen anziehen wollten, wenn sie nicht nötig hatten, ihr Fach zu behandeln. Damit kann man dann noch andere Empfindungen verbinden. Was ich eben gesagt habe, war nur zur Verdeutlichung, aber ich will auf den eigentlichen Kern der Sache noch auf eine andere Art hindeuten.
[ 14 ] And so knowledge gradually became something to which people devoted themselves in a way that even outwardly was quite remarkable. It was only at the lecture-desk that one got to know those represented as men of knowledge. I do not know if others as old as myself have had similar experiences. But in the nineties of last century I was always having cause for annoyance. At that time I used to be mixing in all kinds of learned circles, and there I had much reason to rejoice, and was eager to discuss many questions. One could look forward to such conversations and say to oneself: Now we shall be able to discuss, let us say, “the difference between epigenesis and evolution”—and so on. Yes, one might begin like that but very soon one heard: No, there is to be no “talking shop.” Anything that savored of talking shop was taboo. The man who knew his subject was only heard from the platform and when he left it he was no longer the same person. He took the line of speaking about everything under the sun except his own special subject. In short, life in science became so objective that those with a special subject treated this too very objectively, and wanted to be ordinary men when not obliged to deal with their subject. Other experiences of a similar kind could be related. I have said this just for the sake of elucidation. But I will tell you the real point in another way.
[ 15 ] Der Lehrer kann das, was er halbwegs gelernt hat, so oder so an die Jugend heranbringen. Man erlebt zum Beispiel, daß einer, der etwas an die Jugend heranbringen will, mit einem Notizbuch oder sogar mit einem gedruckten Buche, das nicht von ihm ist — vielleicht enthält auch das Notizbuch manchmal Dinge, die nicht von ihm sind, ich will das aber nicht voraussetzen —, vor seiner Klasse steht und wacker aus diesem Buche heraus drauflos unterrichtet. Dabei setzt man nun wirklich voraus, daß es keine übersinnliche Welt gibt.
[ 15 ] We may find that the teacher hands on to the young things he has only half learnt. We find here or there, for example, those who teach standing before their class with a note-book, or even a printed book by someone else—for all I know, the note-book too may contain things written by other people, but I will not assume that—and boldly setting to work to give his lesson out of this book. By such a procedure he is presupposing that there is no super-sensible world at all.
[ 16 ] Aber wie kommt man denn dazu, zu sagen, daß, wenn einer zu dem Unterrichte mit einem Heft oder mit einem Buche in der Hand geht, er damit die Voraussetzung macht, daß es keine übersinnliche Welt gibt? Auch da hat Nietzsche einen sehr interessanten Lichtblitz gehabt, wie er so manche andere hatte. Er hat darauf aufmerksam gemacht, daß in jedem Menschen ein anderer darinnensteckt. Man nimmt das als eine poetische Formel hin, aber das ist es nicht. In jedem Menschen steckt ein anderer! Der ist oft viel gescheiter als der andere, der in Erscheinung tritt. Beim Kinde ist er zum Beispiel unendlich viel weiser. Er ist eine übersinnliche Realität. Er ist im Menschen darinnen; und wenn man vor einer Klasse sitzt und meinetwillen dreißig Schüler hat und mit Hilfe eines Buches oder Heftes lehrt, dann wird man vielleicht diese dreißig Schüler dazu trainieren können, daß sie das mit ihrem offenbaren Menschen als etwas Natürliches anschauen; aber alle dreiRig verborgenen Menschen, die da vor einem sitzen — dessen kann man ganz sicher sein — urteilen anders. Die verborgenen Menschen sagen: Der will mir etwas beibringen, was er selber in diesem Momente erst ablesen muß. Ich möchte einmal wissen, wozu ich das wissen soll, was der im Momente erst abliest. Es ist ja gar keine Veranlassung für mich, das zu wissen, was der erst abliest. Er weiß es selber nicht, sonst würde er sich nicht mit dem Buche so dahinstellen. Ich bin noch so jung und soll schon wissen, was er, der soviel älter ist, selber nicht weiß und mir vorlesen muß!
[ 16 ] How is it that people give their lessons from a note-book or some other book, thus presupposing that no super-sensible world exists? Here too Nietzsche had one of his many interesting flashes of insight. He called attention to the fact that within every human being another is hidden. This is taken to be a poetic way of speaking, but it is no such thing. In every human being another is hidden! This hidden being is often much cleverer than the one to be seen. In the child, for example, this hidden being is infinitely wiser. He is a super-sensible reality. He is there within the human being, and if we sit in front of a class of say, thirty pupils, and teach with the help of a book or a notebook, we may perhaps be able to train these thirty pupils to regard this, in their visible selves, as something natural, but—of this we can be quite certain—all the thirty invisible human beings sitting there are judging differently. They say: “He is wanting to teach me something that he has first to read. I should like to know why I am expected to know what he is reading. There is no reason for me to know what he is only now reading for himself. He doesn't know it himself, otherwise he wouldn't be so uncertain. I am still very young and am expected to learn what he, who is so much older, doesn't know even yet and reads to me out of a book!”
[ 17 ] So muß man die Dinge konkret fassen. Von einer übersinnlichen Welt sprechen, heißt ja nicht, sich in phantastischer Mystik zu ergehen und von Dingen zu reden, die einem — ich sage das in Gänsefüßchen — «verborgen» sind, sondern von übersinnlichen Welten reden heißt gerade dem Leben gegenüber von den wirklichen Realitäten sprechen. Man spricht schon von den wirklichen Realitäten, wenn man so spricht, wie die dreißig Unsichtbaren zu dem Lehrer der dreißig Sichtbaren gesprochen haben. Die genieren sich vielleicht nur aus Gehorsam, es laut herauszusagen. Geht man in sein Stübchen und denkt über die Sache nach, so kommt einem das gar nicht so dumm vor; man kann die Aussagen dieser dreißig Unsichtbaren, Übersinnlichen nur als etwas ganz Vernünftiges ansprechen.
[ 17 ] These things must be taken concretely. To speak of a super-sensible world does not mean merely to lose oneself in phantastic mysticism and to talk of things which—I say this in inverted commas—are “hidden” from one; to speak of super-sensible worlds means in the face of life itself to speak about actual realities. We are speaking of actual realities when we speak as the thirty invisible children about the teacher of the thirty visible ones who perhaps on account of discipline were too timid to say this aloud. If we think it through, it does not seem so stupid; the statements of these thirty invisible, super-sensible beings are, in fact, quite reasonable.
[ 18 ] Man muß sich also darüber klar sein, daß in der jugendlichen Individualität, die vor jemandem, der lehren oder erziehen soll, sitzt, gar manches für die äußere Anschauung recht Verborgenes vor sich geht. Und so entstand jene tiefe Aversion dem gegenüber, was überhaupt auf diese Art an einen herankam. Denn natürlich, man konnte ja zu einem Menschen nicht sehr viel Vertrauen haben, der dem andern Menschen in einem aus einem so objektiv gewordenen wissenschaftlichen Betrieb heraus gegenübertrat, wie es am Ende des neunzehnten Jahrhunderts allmählich üblich geworden war. So fühlte man in seinem Innern eine tiefe Antipathie, ging an dasjenige, was einen als Mensch durch das Leben tragen sollte, gar nicht mehr heran und konnte daher auch nicht mehr daran ermüden. Man wollte dasjenige, woran man hätte ermüden können, gar nicht mehr haben. Und so wußte man mit den Kräften, die zum Ermüden hätten führen können, nichts mehr anzufangen.
[ 18 ] Thus, we must realize that in the young individuality sitting at the feet of someone who is to teach or educate, much goes on that is entirely hidden from outer perception. And that was how there arose deep aversion to what came in this way. For naturally one could not have a great deal of confidence in a man who faced the hidden being in one in such a way that this job of his had become as objective as the approach to knowledge generally at the end of the nineteenth century. So a deep antipathy was felt; one simply did not try to take in hand what should have carried one through life, and consequently could not get tired from it. There was no desire to have what would have made one tired. And nobody knew what to do with the forces which could have led to the tiredness.
[ 19 ] Solche Menschen, wie sie an der Wende des neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert in der Jugendbewegung waren, hat man auch noch auf einem anderen Boden antreffen können. Nur waren sie da physisch manchmal nicht jung, sondern oft sehr alt. Man konnte sie noch antreffen in Bewegungen wie der theosophischen. Es waren zahlreiche Menschen darin, die nicht mehr jung waren, und die doch gegenüber dem, was ihnen die zeitgenössische Erkenntnis gab, ein ähnliches Empfinden hatten wie die Jugend. Sie wollten die zeitgenössische Erkenntnis nicht haben, weil sie an ihr nicht mehr ermüden konnten. Während die Jugend aus diesem Nicht-ermüden-Können heraus — verzeihen Sie den Ausdruck — tobte, suchten viele Theosophen in ihrer Theosophie ein Schlafmittel, eine Art Opium. Denn was in theosophischen Büchern steht, ist zum großen Teil seelisches Schlafmittel. Man lullte sich wirklich ein. Man beschäftigte den Geist; aber sehen Sie nach, wie man ihn oftmals beschäftigte: indem man die tollsten Allegorien erfand! Es war für eine empfindende Menschenseele zum Aus-derHaut-Fahren, alles dasjenige zu hören, was die Leute an Erklärungen für alte Mythen und Sagen erfanden, was da alles an Allegorien und Symbolen erdacht wurde! Seelisch-biologisch gesehen waren das alles Schlafmittel. Eigentlich wäre es ganz gut, einmal in Parallele zu setzen die Art des Sichherumwälzens nach dem Verbringen eines unermüdenden Tages und die Art, sich durch ein Schlafmittel für die eigentliche Regsamkeit des Geistes abzulähmen.
[ 19 ] Now one could also meet on other ground those who were in the youth movement at the turn of the nineteenth century. Often they were not young physically—mostly very old. They were to be met in movements like the theosophical movement. Many were no longer young, yet had a feeling towards what contemporary knowledge gave them similar to the young. They did not want this knowledge, for it could no longer make them tired. Whereas the young, as the result of this incapacity to get tired, raged,—forgive the expression—many theosophists were looking in their theosophy for a kind of opiate. For what is contained in theosophical literature is to a great extent a sleeping draught for the soul. People were actually lulling themselves to sleep. They kept the spirit busy—but look at the way in which they did so. By inventing the maddest allegories! It was enough to drive a sensitive soul out of its body to listen to the explanations given to old myths and sagas. And oh! what allegories, what symbols! Looked at from the biology of the life of soul, it was sheer narcotics! It would really be quite good to draw a parallel between the turning and twisting in bed after spending a day that has not been tiring and the taking of a sleeping draught in order to cripple the real activity of the Spirit.
[ 20 ] Was ich Ihnen da schildern muß, sind nicht Theorien. Es sind Stimmungen des Zeitalters, und man muß sich in diese Stimmungen durchaus hineinfinden, indem man die Dinge von den verschiedensten Seiten anschaut. Außerordentlich signifikantist dieses Nicht-ermüden-Können an der Wende des neunzehnten, zwanzigsten Jahrhunderts. Ja, das aber führt dazu, daß eigentlich nichts Rechtes gefunden werden konnte, denn die menschliche Entwickelung war eben an jenem Punkte angelangt, wo man zwar recht begeistert wiederholen konnte: Wir wollen nichts Äußeres an uns herankommen lassen, wir wollen alles aus unserem Innern herausentwickeln, wir wollen durch die Welt wandern und warten, bis aus unserem Innern selber herauskommt, was nicht mehr Eltern und Lehrer und auch nicht mehr die alten "Traditionen geben können; wir wollen warten, bis das Neue an uns herankommt. — Meine lieben Freunde, fragen Sie viele von denen, die so gesprochen haben, ob das Neue an sie herangekommen ist, ob wirklich die Tauben der großen Menschheitserlösung denen, die diese tiefe Sehnsucht entwickelt haben, gebraten in den Mund geflogen sind. Man kann sogar sagen, daß in vieler Beziehung dem für jene damalige Zeit entzückenden Rausche doch mindestens jetzt schon etwas wie ein kleiner, vielleicht auch für manchen schon großer Katzenjammer zu folgen beginnt. Ich will aber nur charakterisieren, gar nicht kritisieren. Das erste, was aufgetreten war, war eine große Ablehnung dessen, was da war, was man aber für sein innerstes Menschenwesen nicht brauchen konnte. Und hinter dieser großen Ablehnung verbarg sich dann das Positive: die wirkliche Sehnsucht nach dem Neuen.
[ 20 ] What I describe are not theories but moods of the age, and it is imperative to become familiar with these moods by looking from every angle at what was there. This incapacity to get tired at the turn of the nineteenth century is extraordinarily significant. Yes, but this led to the impossibility of finding anything right, for human evolution had arrived at a point where people said with great enthusiasm: “We shall allow nothing to come to us from outside; we want to develop everything from within our own being. We want to wander through the world and wait until there comes out of our own inner being what neither parents, nor teachers, nor even the old traditions can give us any longer. We want to wait for the New to approach us.” My dear friends, ask those who have spoken in such a way whether this new thing has come to them, whether ready-prepared it has dropped into the laps of those who have had this great longing. Indeed the intoxication of those times is beginning in some degree to be followed by the “morning after” headache. My only aim is to characterize, not to criticize. The first thing that arose was a great rejection, a rejection of something which was there, which man could not use for his innermost being. And behind this great rejection there was hidden the positive—the genuine longing for something new.
[ 21 ] Diese wirkliche Sehnsucht nach einem Neuen kann nicht anders erfüllt werden als dadurch, daß man sich als Mensch mit etwas durchdringt, was nicht von dieser Erde ist. Wenn man einfach die Seele und den Körper funktionieren läßt, wie sie funktionieren wollen, kommt eben durchaus nicht dasjenige herauf, was den Menschen wirklich befriedigen kann, Der Mensch, der nichts aufnehmen will, gleicht einer Lunge, die keine Atemluft findet. Ganz gewiß, eine Lunge, die keine Atemluft findet, wird vielleicht zunächst, bevor sie erstirbt, wenn auch vielleicht nur für einen Moment, den höchsten Grad von Luftdurst erleben. Aber sie kann nicht aus sich selbst heraus diesen Luftdurst stillen, sondern sie muß die Luft an sich herankommen lassen. In Wahrheit kann gerade derjenige, der als junger Mensch den Durst, von dem wir in diesen Tagen gesprochen haben, ehrlich fühlt, nicht anders als etwas ersehnen, was sich mit ihm zusammenfindet, was nicht nur aus ihm herauskommt, wie eben die alt gewordene Wissenschaft, die keine gesunde Atmungsluft für die Seele mehr ist.
[ 21 ] But this genuine longing for what is new can be fulfilled in no other way than by man permeating himself with something not of this earth. Not of this earth in the sense that when man only lets soul and body function as they do, nothing can come with the power really to satisfy. The human being unwilling to take in anything is like a lung which finds no air to breathe. Certainly a lung which finds no air to breathe may first, before it dies, even if only for a moment, experience the greatest thirst for air. But the lung cannot out of itself quench this thirst for air; it has to allow for the air to come to it. In reality the young who honestly feel the thirst of which we have been speaking, cannot but long for something with which to be in harmony, that does not come only out of himself like the science that has grown old and is no longer wholesome for the soul to breathe in.
[ 22 ] Das wurde zunächst gefühlt. Aber viel zu wenig wurde gefühlt, daß eine neue, junge Wissenschaft da sein müsse, ein neues Geistesleben, das sich wieder mit der Seele vereinigen kann. Sehen Sie, in vieler Beziehung muß dasjenige, was dem gegenwärtigen und zukünftigen Zeitalter angehört, an ältere Erscheinungen der Menschheitsentwickelung anknüpfen. Der Unterschied besteht darin, daß jene alten Erscheinungen der Menschheitsentwickelung aus einem Seelenleben kamen, das in Bildern lebte und traumhaft war, wogegen das Seelenleben, das wir in uns tragen und dem wir noch zustreben, ein voll bewußtes werden muß. Aber wir müssen in vieler Beziehung wiederum zu älteren Seeleninhalten zurückkommen.
[ 22 ] That was felt in the first place but far too little that a new young science must be there, a new spiritual life, able once again to unite with the soul. Now what belongs to present and future ages must link itself with older phenomena of human evolution. The difference consists in these old phenomena of human evolution arising from a life of soul that was full of pictures and dream-like, whereas the life of soul we bear within us and towards which we are still striving, must become fully conscious. But we must in many respects go back to older contents of the soul.
[ 23 ] Da möchte ich Ihren Seelenblick nach einer Geistesverfassung wenden, die im alten Oriente, im alten Brahmanentum heimisch war. In den Brahmanenschulen sprach man von den vier Mitteln, durch die der Mensch sich auf seinem Lebenswege Erkenntnis erwirbt. Es ist schwer, die alten Gedanken ganz in der Form zu geben, die verlangt wird dadurch, daß jene Erkenntnisweise nicht nur Jahrhunderte, sondern Jahrtausende hinter uns liegt. Aber ich will doch, um die Sache annähernd zu treffen, diese vier Erkenntnismittel schildern.
[ 23 ] Now I should like to turn your mind's eye to a constitution of the Spirit prevailing in old Brahmanism in the ancient East. The old Brahmin schools spoke of four means to knowledge on the path of life. And these four means for gaining knowledge are—well, it is difficult to give ancient thoughts in a suitable form considering we are living not only centuries but thousands of years later—but, in order to get somewhere near the mark, I will depict these four means to knowledge in the following way.
[ 24 ] Das erste ist etwas, was so in der Mitte schwebt zwischen Tradition und Erinnerung, was mit dem Sanskrit-Stamm s-mr-ti zusammenhängt und was man in der Gegenwart nur als Idee hat. Man kann es aber charakterisieren: Jeder weiß, was Erinnerung, persönliches Erinnern ist. So stramm, wie wir gewisse Begriffe mit der persönlichen Erinnerung verbinden, taten es jene Menschen der Idee gegenüber, die ich hier im Auge habe, nicht. Vielmehr floß das, was sie aus der eigenen Kindheit erinnerten, und das, was ihnen der Vater und Großvater gesagt hatten, in eine Einheit zusammen. Man unterschied nicht zwischen dem, was die Menschen selber erinnerten, und was sie überliefert bekommen hatten. Wenn Sie eine feinere Psychologie hätten, würden Sie bemerken, daß diese Dinge in der Seele des Kindes auch heute noch zusammenfließen, weil das Kind ja vieles aufnimmt, was auf Tradition beruht. Der heutige Mensch sieht nur, daß er sich das als Kind angeeignet hat. Der alte Indier sah mehr auf den Inhalt, und das führte ihn nicht in seine eigene Kindheit, sondern zu seinem Vater, Großvater und Urgroßvater hinauf. So war Tradition und persönliche Erinnerung etwas, das ungeschieden ineinanderfloß. Das war das erste Erkenntnismittel.
[ 24 ] First, there was that which hovered, as it were, midway between tradition and remembrance, something connected with the Sanscrit root smrti (s-mr-ti—Tradition, Remembrance.) which at present man only has as idea. But it can be described. Everyone knows what remembrance, personal remembrance is. These people did not connect certain concepts with personal remembrance in the rigid way we do, where the idea I have here in mind was concerned. What they remembered out of their own childhood became one with what their fathers and grandfathers had told them. They did not distinguish between what they themselves remembered and what they received through tradition. If you were to practise a more subtle psychology, you would notice that actually these things flow together in what lives in the soul of the child, because the child takes in a great deal that is based on tradition. The modern human being sees only that he acquired it as a child. The ancient Indian did not see this. He paid much more heed to its content, which did not lead him into his own childhood but to his father, grandfather and great-grandfather. Thus tradition and personal remembrance flowed into each other indistinguishably. That was the first means of acquiring knowledge.
[ 25 ] Das zweite Erkenntnismittel könnte man heute bezeichnen mit einem «Vorgestelltwerden», aber nicht mit dem Vorstellen eines Menschen, wenn man heute im konventionellen Verkehr den Namen nennt, sondern wörtlich das «Vor-die-Augen-treten»; es war das, was wir heute die Wahrnehmung nennen.
[ 25 ] The second means for acquiring knowledge was what we might describe as “being represented”, (not a “representation” as the word is applied in ordinary intercourse today, but literally—an “appearing before the eyes”)—what we call “perception.”
[ 26 ] Das dritte Erkenntnismittel würden wir das zusammenfassende Denken nennen.
[ 26 ] The third means to knowledge was what we might call thinking that aims at synthesis.
[ 27 ] Wir könnten also auch sagen: Erinnerung mit Tradition, Beobachtung und zusammenfassendes Denken.
[ 27 ] Thus we could say: remembrance with tradition, observation, and the thinking that aims at synthesis.
[ 28 ] Noch ein viertes Erkenntnismittel wird im alten Brahmanentum mit aller Deutlichkeit gelehrt, das man folgendermaßen charakterisieren kann: etwas von anderen Menschen mitgeteilt bekommen.
[ 28 ] But a fourth means for acquiring knowledge was also taught with all clarity in ancient Brahmanism. This can be described by saying: Having something communicated by other human beings.
[ 29 ] Achten Sie bitte darauf, daß im alten Brahmanentum die Tradition mit diesem «etwas von anderen Menschen mitgeteilt bekommen» nicht zusammengeworfen worden ist. Dieses «etwas von anderen Menschen mitgeteilt bekommen» war ein viertes Erkenntnismittel. Vielleicht wird uns die Sache klarer, wenn wir gerade an das anknüpfen, was’Iradition und zu gleicher Zeit erinnerungsgemäß ist. Bei dem, was man Tradition nennt, wurde man sich nicht der Art und Weise bewußt, wie es an einen herangekommen war, sondern nur des Inhaltes. Bei dem vierten Erkenntnismittel aber war die Art und Weise des Herankommens das Wichtige. Bei dem, was man da in seiner Erinnerung hatte, hatte man im Auge, daß man es von einem anderen mitgeteilt erhielt. Das Faktum, eine Sache von anderen mitgeteilt erhalten zu haben, gehört zu dem, was weckend war in der Erkenntnis selber.
[ 29 ] So I ask you to notice that in ancient Brahmanism tradition was not identified with having something communicated by other human beings. This was a fourth means for the attainment of knowledge. Perhaps this will be clearer if we link it up with what is tradition and at the same time of the nature of remembrance. Where tradition is concerned, the human being did not become conscious of the way in which it came to him, he was conscious only of the content. But in man's remembrance he had in mind that it had been communicated to him by someone else. The fact of having received something from others was an awakening force in knowledge itself.
[ 30 ] Ich glaube, man wird bei vielen Menschen der Gegenwart, bei so richtigen Söhnen des neunzehnten Jahrhunderts, ein leises oder vielleicht starkes Kopfschütteln erregen, wenn man ihnen unter den Erkenntnismitteln «Mitteilung von anderen Menschen» aufzählte. Der Philosoph, der mit zusammenfassendem Denken experimentierte und auch die Mitteilungen von anderen Menschen als Erkenntnismittel ansehen würde, käme nicht einmal mit seiner Dissertation durch, geschweige denn als Privatdozent. Höchstens an der theologischen Fakultät käme er durch, weil man das da in anderer Form anerkennt. Was liegt da zugrunde? Da liegt zugrunde, daß man in den alten Zeiten das Erlebnis noch durchschaut hat, das darin besteht, daß ein anderer Mensch im gegenseitigen Verkehr in einem innerlich etwas angezündet hat. Man rechnete das, daß einem andere sagen, was man selber noch nicht weiß, unter die Dinge, die man brauchte, um leben zu können. Man rechnete es so stark unter die Dinge, die man braucht, daß man es der Wahrnehmung durch die Augen oder durch die Ohren gleichstellte.
[ 30 ] Today many of those who are true sons of the nineteenth century are shaking their heads, if we count this “what is told us by others” as one of the means of acquiring knowledge. A philosopher who dabbled in thinking that aimed at synthesis and regarded what he was told by others as a means to knowledge would never get through with his thesis nor be accepted as a university lecturer. At most he might become a theologian, for theology is judged in a different way. What is at the bottom of all this? In olden times men understood the experience of having something kindled within them in mutual intercourse with another human being. They counted somebody else telling them what they themselves did not know among the things needed for life. It was reckoned so emphatically as one of the factors necessary for life that it was considered equal to perception through eyes and ears.
[ 31 ] Heute wird man natürlich viel eher dieses ganz andere Gefühl haben: Es ist recht schön und gut und die Welt bringt es so mit sich, daß einer dem andern mitteilt, was dieser nicht weiß. — Aber das hat mit dem Wesen der Sache nichts za tun. Mit dem Wesen der Sache hat es zu tun, wenn beobachtet und experimentiert wird und wenn das, was sich dabei ergibt, in klaren Worten ausgedrückt wird. Das andere hat mit dem Wesen der Erkenntnis nichts zu tun. Das ist in der heutigen Zeit das natürliche Gefühl, aber vom menschlichen Standpunkte aus ist das nicht richtig. Vom menschlichen Standpunkte aus gehört es einfach zum Leben, daß man gerade auf geistig-seelischem Gebiete innerlich durchdrungen sein kann von dem, was ich gestern als das Vehikel des sozialen Lebens bezeichnet habe: vom Vertrauen. Auf diesem speziellen Gebiete besteht es darin, daß einem dasjenige, was einem ein anderer Mensch sagt, ein Quell eigenen geistig-seelischen Erlebens wird.
[ 31 ] Today people will naturally have a different feeling—that it is splendid for a human being to tell another what the other does not know, and the world calls for this. But it has nothing to do with the essence of things. What is essential is for observations and experiments to be made and for the results to be clearly expressed. The other has nothing to do with the essential nature of knowledge. Today it will be natural to feel this. But from the human standpoint it is not correct. It is part of life that man should be permeated in soul and spirit by what I described yesterday as a necessary factor of the social life, namely, by confidence. In this particular domain, confidence consists in what one human being tells another, thus becoming for the other a source of experience for soul and spirit.
[ 32 ] Was ich gestern als Vertrauen charakterisiert habe, muß vor allen Dingen in der Jugend herangezogen werden. Aus Vertrauen heraus muß gefunden werden, wonach die Jugend dürstet. Unsere ganze neuzeitliche Geistesentwickelung hat sich nach der entgegengesetzten Seite bewegt. Darauf, daß irgend jemand etwas zu sagen hat, was der andere noch nicht weiß und was er ihm deshalb mitteilen will, wurde selbst in der theoretischen Pädagogik gar kein Wert mehr gelegt. Schon die theoretische Pädagogik wurde so ersonnen, daß man dem jugendlichen Menschen möglichst nur das brachte, was sich vor ihm selber bewies. Aber das konnten nicht sehr umfassende Beweise sein. Daher blieb man, in bezug auf das Beweisvermögen, auf einer sehr infantilen Stufe. Die Pädagogik dachte gewissermaßen so: Wie kann ich es machen, daß ich doch noch etwas an die Kinder heranbringe, selbst unter der Voraussetzung, daß sie mir gar nichts glauben? Wie kann ich eine anschaulich-beweisende Methode einführen? — Kein Wunder, daß das entsprechende Echo kam und man nunmehr von den Pädagogen für alles verlangte: Ja, nun beweise mir das! — Und jetzt sage ich eigentlich etwas, was Ihnen vielleicht alt klingen wird, meine lieben Freunde. Aber ich empfinde es gar nicht als alt, sondern gerade als recht jung, auch als einen Teil der Jugendbewegung.
[ 32 ] Confidence must above all things be evoked in the young. Out of confidence there must be found that for which the young are thirsting. Our whole modern spiritual development has moved in the opposite direction. Even in theoretical pedagogics no value is attached any longer to the fact that a human being might have something he would like to tell another which the latter did not know. Theoretical pedagogics was thought out in such a way that as far as possible there was only presented to the young what could be proved in front of them. But that could not be a comprehensive proof. In this regard people have remained at a very infantile stage. Pedagogy envisaged: How can I give the children something under the assumption that they do not believe me? How can I introduce a method which perceptibly proves? No wonder that there came the corresponding echo and that it was henceforth demanded of teachers: Yes, now prove that for me! And now what I am going to say may sound antiquated, my dear friends. But I do not feel it at all antiquated; I feel it as something really young, even as part of the youth movement.
[ 33 ] Wenn man heute erziehen will und vor einer Anzahl junger Leute steht, so tönt es einem, bevor man noch recht an sie herangekommen ist, aus den Kinderseelen entgegen: Beweise mir das! Du hast keinen Anspruch darauf, daß wir dir glauben. — Ich empfinde es als tragisch, daß die Jugend daran leidet — nicht als eine Kritik ist dies gemeint —, daß sie von den Alten so erzogen worden ist, daß sie gar nicht mehr die Begabung hat, zu empfangen, was doch für das Leben notwendig ist. Deshalb entsteht heute vor uns eine ungeheure Frage, die uns in den nächsten Tagen beschäftigen wird. Ich möchte diese Frage ein wenig radikal charakterisieren.
[ 33 ] Today when someone stands there before a number of young people who are to be taught, it is as if there sounds towards him out of the young souls even before he is in their presence: “Prove that for me, prove that for me; you have no right to ask us to believe you!” I feel it as tragic—and this is no criticism—that the young should suffer from having been educated by the old so that they have no longer the ability to receive what is necessary for life. And so there arises a tremendous question, which we shall be considering in the next few days. I should like to give you a graphic description of it.
[ 34 ] Denken wir uns einmal, die Jugendbewegung geht fort und ergreift immer jüngere und jüngere Menschen und zuletzt die Säuglinge. Wir bekommen dann die Säuglingsjugendbewegung, und wie die spätere Jugendbewegung dasjenige zurückweist, was man ihr an Erkenntnis geben kann, so werden die Säuglinge, denen die Mutterbrust noch gegeben werden sollte, sagen: Wir lehnen sie ab, wir lehnen uns dagegen auf, daß wir von außen etwas empfangen sollen. Wir wollen die Mutterbrust nicht mehr haben, sondern wir wollen alles aus uns selber haben.
[ 34 ] Let us imagine the youth movement progressing and taking hold of younger and younger human beings—finally mere infants. We should then get an infant youth movement, and just as the later youth movement rejects the knowledge that can be given to it, so will the infants who ought still to be at their mothers' breasts, say: “We refuse it, we refuse to receive anything from outside. We don't want our mothers' milk any longer; we want to get everything out of ourselves!”
[ 35 ] Was ich Ihnen hier als Bild geformt habe, das ist eine brennende Frage für die Jugendbewegung. Denn eigentlich fragt die Jugend: Wo sollen wir die geistige Nahrung herbekommen? — Und die Art und Weise, wie sie bisher gefragt hat, war so, wie ich es in meinem Bilde von dem Säugling dargestellt habe. Und so wollen wir in den nächsten Tagen herangehen an die Frage nach des Lebens Quellen, nach denen der Faust strebt. Die Frage, die ich in einem Bilde vor Sie hingestellt habe, soll uns Veranlassung geben, einiges zu einer Lösung beizubringen, aber zu einer solchen Lösung, die Ihnen für Ihre Empfindung, für Ihr Gefühl, ja vielleicht für Ihr ganzes Leben etwas sein kann.
[ 35 ] What I have here presented as a picture is a burning question for the youth movement. For the young are really asking: “Where are we to obtain spiritual nourishment?” And the way in which they have asked hitherto has been very suggestive of this picture of the infants. And so in the coming days we shall consider the question of “the source of life”, after which Faust was striving. The question I have put before you as a picture is intended to stimulate us to contribute towards a Solution, but a solution which may mean something for your perception, for your feeling, even for your whole life.
